Ich kam über lichte Stellen und durch hohen, dichten Busch, der über

meinem Kopf zusammenkam. Mein Rock war von den Dornen zerfetzt und

Gesicht und Hände waren blutrünstig. Um das Pferd zu schonen, stieg ich

zuweilen ab und führte es; es war übermüdet und verdurstet. Als ich

mich wieder aufgesetzt hatte und über eine Lichtung ritt, stolperte es

und fiel in die Knie und blieb eine Weile in den Knien liegen; dann

fiel es mit Stöhnen um. Da ließ ich es und ging zu Fuß weiter.

Ich zog mein Messer heraus und band es mir mit einem Ende Tau um das

linke Handgelenk, damit ich es zur Hand hätte, wenn ich etwa das Gewehr

nicht mehr brauchen könnte; ich wollte mir lieber das Letzte antun,

als daß ich lebend in ihre Hände fiele. Nachdem ich es gut angebunden

hatte, wagte ich es und gab drei Schüsse ab und horchte, ob eine

Antwort käme; aber es kam nichts. Die Sonne sank und ich sah nun, wo

Westen war. Aber es half mir nicht viel, daß ich es wußte, weil mir

ganz unbekannt war, in welcher Richtung ich in den ersten Stunden nach

dem Überfall geritten hatte. Meine Zunge lag schwer und dick im Mund;

mein Hals wurde trocken bis in die Brust hinunter; meine Gedanken

wurden stumpf. Ich dachte, daß ich hier so allein und so erbärmlich

umkommen müßte -- wie gern läge ich unter dem Baum, weit im Osten,

wo meine lieben Freunde lagen --, ich quälte mich mit der Heimat,

gab jedem die Hand und sagte ihm, daß ich nun vom Leben schiede und

er sollte nicht so sehr trauern, das Leben wäre doch nicht viel wert,

und ging auch zu dem Oberleutnant und sagte ihm, daß er mir vergeblich

vertraut hätte, ich wäre kein klarer und ruhiger Mensch, sondern von

meiner Kindheit an ein Träumer gewesen. Ich wollte ein leises Wort

sagen, um meine Stimme zu hören, aber ich konnte es nicht.

Ich ging aber immer weiter, in den schweren Stiefeln, durch Sand und

durch hohes, spärliches, hartes Gras, kletterte auch zwei- oder dreimal

auf einen Baum oder auf einen Termitenhaufen. Einmal erschreckte mich

ein großes, schweres Tier, wie ein Ochse; es hatte aber zwei Hörner,

lang, und wie Spieße aufrechtstehend. Ich habe nicht erfahren, was

für ein Tier es gewesen ist, da ich mit keinem über diese Stunden

gesprochen habe. Einmal erhob sich nicht weit von mir ein riesiger

Baum, der ganz abgestorben war. An einem seiner toten Äste hing eine

dunkle Masse dichten Flechtwerks, so groß und so gestaltet wie der Leib

eines Ochsen; darin wohnten unzählig viele kleine graue Vögel. Eine

dicke, dunkle Schlange wand sich langsam heraus aus den Nestern und

wandte züngelnd den Kopf hin und her, als wäre sie vom Sonnenschein

geblendet; ich lief in Angst weiter. Einmal stieg ich auf einen

Felsen, der plötzlich, zehn Meter hoch, aus dem Buschfeld aufstieg.

Ich sah aber nichts, als an mehreren Stellen in der Ferne Rauch oder

sonnebeschienenen Staub. Rund um mich lag weit und breit das stille

Buschfeld.

Gegen Abend kam ich an eine undeutliche, lange nicht befahrene

Wagenspur. Da ruhte ich nicht weit davon, im Busch versteckt -- ich

dachte, es könnte doch jemand dieses Wegs kommen --; und schlief ein.

Als ich erwachte, weil mich sehr fror, war es Nacht. Es war eine Nacht,

wie die vorige: kalt, und die Sterne klar. Da stand ich auf und sah

mich in großer Not um und begehrte, tot zu sein.

Da, wie ich so stand, kam plötzlich schräg vor mir über das Buschfeld

hin ein grelles, scharfes Aufblitzen. Nun wieder! Nun wieder! Eine

Signalstation! Aber wie fern wohl! Wohl viele, viele Meilen weit! Wie

hell und warm es schien! Da waren Kameraden; da war Rettung. Es war

töricht, schien mir, drauf loszulaufen; aber ich merkte mir am Himmel

die Richtung; und lief, so rasch ich konnte.

Ich lief wohl zwei Stunden oder mehr; ich zerriß mir an den schrecklich

langen und harten Dornen Kleider, Gesicht und Hände. Da merkte ich mit

heißer Freude, daß ich näher kam. Denn das Licht fing zusehends an,

höher über den Büschen zu blitzen; es war aber zu nahe, als daß es etwa

von einem fernen, hohen Berge herabkäme. Da schrie ich laut und lief

noch mehr. Aber das gab ich bald wieder auf. Ich lief wohl noch eine

halbe Stunde, da fing ich wieder an zu rufen, damit sie nicht auf mich

schössen.

Da fingen sie an zu antworten: »Komm nur her! Wer bist Du denn? Komm

'ran!« Aus den Büschen kam ich heraus und lief über die Lichtung zu

ihnen, die am Fuß von klippigen Felsen standen, und sagte, wer ich wäre

und wie es mir gegangen wäre.

Sie sagten: »Du armer Teufel. Wir können Dir wenig helfen; wir

sitzen hier selbst im schlimmsten Dreck. Unser Unteroffizier, der

das Signalgeben versteht, ist vorgestern mit einem andern zum

Wasserloch gegangen und nicht wiedergekommen; und der Gefreite, der

die Lampe jetzt bedient, ist krank. Und wir haben seit vierzehn Tagen

keine Ablösung, keinen Schlaf und kein Brot, bloß ein bißchen Reis,

Büchsenfleisch und Wasser; und warten, bis die Schwarzen kommen und

uns abtun.« Zwei von ihnen waren gleichmütig liegen geblieben, in ihre

Mäntel gewickelt. »Die sind krank,« sagten sie.

Ich hörte nicht auf das, was sie noch sagten; ich hörte das Wort

»Wasser« und bat sie. Sie gaben mir aus einem Wassersack zwei Deckel

voll. Da merkte ich, daß es eklig war und nahm den dritten Deckel voll

nicht an. Unterdes rief der Gefreite von oben immerzu, wer da unten

wäre, ob Ablösung da wäre. Ich merkte an der Sprache, daß er ein Bayer

war. Sie sagten zu mir: »Geh hinauf und rede mit ihm und sprich ihm gut

zu. Er hat zwei Nächte nicht geschlafen.«

Ich kletterte die Felsen mühsam hinauf und kam zu ihm. Er stand im

Mantel neben der Lampe, und riß im Takt die Blende ab, daß es grell

in die Nacht hinausschien. Das Licht flackerte in dem eisig kalten

Nachtwinde. Er flog am ganzen Körper.

Nun ließ er ab von der Lampe und sah scharf über das nächtliche

Buschfeld nach einem Licht, das fern am Horizont aufblitzte und schrieb

mit hin- und herfliegender Hand auf einem Block Papier, was er sah,

fragte mich in Absätzen nach woher und wohin und sagte: »Wir sind

schmutzig und hungrig und durstig und krank, und zwei von uns sind

schon abgetan; und keiner kommt und löst uns ab.«

Ich fragte ihn: »Hast Du Verbindung mit der neuen Abteilung?« Er sagte:

»Grade seit einer Stunde,« und lächelte kläglich und sagte: »Man

wird noch verrückt hier. Gestern nacht habe ich lauter dummes Zeug

signalisiert, immer los: ›So leben wir, so leben wir,‹ und so was; aber

sie haben den Unsinn nicht verstanden.« Er ließ den Block sinken und

hockte sich nieder und schüttelte sich. Er schien zu meinen, daß ich

Ablösung wäre.

Ich wollte ihn aufmuntern und fragte ihn nach den Lichtern, die hier

und da durch die Nacht zuckten. Er raffte sich wieder auf und zeigte

mir mit hastender Hand das Licht jeder Abteilung. Im Halbkreis lagen

sie um den Feind, bereit, ihn morgen gegen die Wand des breiten Berges

zu drücken, vor dem er stand. Indem er noch zeigte, blitzte oben,

vom Berge herab, ein neues Licht. Grell und frech stand es plötzlich

da. »Sieh,« sagte er verwundert. »Die sind hinten herum auf den Berg

geklettert. Nun stehen sie da oben hoch über dem Kopf des Feindes,

und übersehen alles und melden, was sie sehen.« Ich sah lange nach

dem grellen Licht und dachte trotz meiner eignen Not an die zehn oder

zwanzig Kameraden, die da oben auf den ungastlichen Höhen saßen, jeden

Augenblick gewärtig, überrannt zu werden. Und sah nach dem weiten

Gebiet, das dunkel zwischen all den Lichtern lag. Da saß im Busch das

feindliche Volk. Mit welchen Gedanken mochten sie und ihre Kinder die

Lichter sehen?

Der Bayer hatte wieder nach der Lampe gegriffen und wollte das

Empfangene weitergeben. Er redete leise bei sich selbst, sank in

sich zusammen und stellte sich dann wieder stramm --: da hörten wir

unter uns aus dem Busch her Pferdeschnauben und gleich darauf die

helle Stimme eines Offiziers. Da kletterte ich eilig hinunter und

stand und hörte, wie der Offizier fragte, was hier los wäre, da wäre

so eine verrückte Meldung gekommen. -- Da trat ich vor und nannte

mich: Gefreiter Moor, und woher ich käme und daß der Bayer oben krank

und nicht ganz mehr bei Sinnen wäre, und daß ich Kameraden und Pferd

verloren hätte. Und ich möchte wieder zu meiner Abteilung.

Er schickte einen Mann den Hügel hinauf und sagte, es wäre nicht nötig,

daß ich den gefährlichen Ritt jetzt sofort machte; denn sie hätten

jetzt wieder Signalverbindung mit dem Hauptquartier. Ich aber sagte:

»Ich habe meine Kameraden verloren und muß melden, wie es gekommen ist.«

Er hatte wohl Mitleid mit mir und sagte: »Wir haben einen überzähligen

Gaul bei uns. Schön ist er nicht; aber wenn Sie gern hinüber wollen,

sollen Sie ihn haben.« Er ging noch selbst mit mir zu dem Pferd und ich

glaube, daß er mir ein besseres gab; denn ich hörte, wie er leise zu

dem Unteroffizier sagte: »Er hat sieben Stunden zu reiten und reitet

allein.« Er sah auch selbst nach dem Sattelzeug, fragte mich, ob ich

gedienter Kavallerist wäre, zog am Gurt und sagte: »Nach drei Stunden

müssen Sie den Gurt anspannen,« und zeigte mir den Proviant für mich

und das Pferd in der Satteltasche. Dann rief er nach dem Hügel hinauf:

»Wo steht das Hauptquartier?« Die deuteten mit der Hand. Er zeigte mir

noch am Kreuz, das klar am Himmel stand, die Richtung und empfahl mir,

gradeaus zu reiten bis ich an die große Pad käme, und ließ mich ziehen.

Auf diesem Ritt, der zehn Stunden dauerte, begegnete mir keinerlei

Unfall. Ich erreichte todmüde den Weg, den meine Abteilung zog, und

zwar an der Wasserstelle, an der ich sie vorgestern verlassen hatte,

trank und tränkte auch mein Pferd und ritt dann den Weg hinauf, den

sie heute und gestern gezogen waren. Es lagen viele tote und sterbende

Tiere an dem Weg. An der nächsten Wasserstelle traf ich die Abteilung

rastend.

Ich meldete mich und berichtete und ging dann nach meiner Backschaft

und setzte mich auf die Erde, und schlief sechs Stunden wie ein Toter.

Sie sagten nachher, sie hätten mich mit Fragen überstürmt; ich hätte

sie auch angesehen; aber ich hätte kein Wort gesagt, sondern wäre

hingefallen und hätte geschlafen.

An diesem Abend war ein eifriges Leben im Lager. Jeder war betriebsam.

Der eine sah sein Gewehr nach; der andere füllte sorgfältig seinen

Patronengurt; der dritte sorgte um sein Pferd; der vierte und fünfte

lag auf der Erde und schrieb einen Gruß nach Hause. Als wir uns zum

Schlafen um unser Kochloch in den Sand legten, sagte der Freiwillige,

der zehn Jahre älter war als wir: »Na, Jungs, nun betet noch ein

Vaterunser. Wer weiß, ob Ihr es morgen abend könnt.«

Feuer brannte in dieser Nacht nicht.

[Illustration]

XIV

Schon vor Mitternacht rückten wir weiter vor, dem Feinde zu. Es wurde

gesagt, daß unsre Abteilung etwa gegen Morgen auf den Feind stoßen

würde.

Voran ritten als Kundschafter die Wittboys. Dann kam unsre Kompagnie.

Ein Teil von ihr war abgesessen und suchte zur Seite des Wegs im Busch

vorwärts zu kommen; der andre Teil ritt noch auf dem Weg. Ich ritt im

dritten Zug. Hinter uns, dicht aufgeschlossen, fuhr die Artillerie.

Wir marschierten möglichst lautlos; aber es gab doch allerlei Lärm:

Schnauben der Pferde, Stoßen der Räder, ein ungeduldiger, zorniger Ruf,

ein Peitschenhieb. Mich fror heftig im Sattel. Damit ich nachher, wenn

ich schießen sollte, nicht steife Finger hätte, legte ich die Zügel

über den Patronengurt und steckte die Hände in die Taschen.

Endlich graute der Morgen; und bald schossen am hellgrauen Himmel von

unten herauf zarte, rosige Streifen Lichtes gegen die Himmelshöhe.

Rasch wurden die Farben tiefer, fröhlicher und stärker. Es jauchzte

das Rot in seiner Fülle und es freute sich das Blau seiner reinen

Schönheit. Es kam herauf und dehnte sich und stieg auf wie eine neue

Welt, die war wohl tausendmal schöner als die alte. Und dann kam

groß und klar die Sonne, wie ein großes, ruhiges, weitoffnes Auge

anzusehn. Obgleich ich als ein guter Soldat mit allen Sinnen nach vorne

hin dachte, nach dem Feinde zu, und den schweren Stunden, denen ich

vielleicht entgegenginge, sah ich doch die Himmelsherrlichkeit. Neben

mir ritt ein Hamburger, ein frischer, ruhiger Junge. Er hatte mir mal

gesagt: »Siehst Du, man muß einmal was Ordentliches erlebt haben: Wie

soll man sonst ein tüchtiger, ernster Mensch werden? Darum bin ich

hierhergekommen!« Er wollte nachher in das Geschäft seines Vaters

eintreten. Er ritt wie ich, die Zügel überm Patronengurt, die Hände in

den Taschen; er hatte aber die Stirn heute morgen sehr kraus gezogen

und sah scharf vor sich hin. Schräg hinter mir ritt der gewesene

Offizier.

Um diese Tageszeit sollten wir nach den Aussagen unsrer Patrouillen den

Feind erreichen. Aber er war nicht da. Da dachte ich mit vielen andern,

daß es wieder nichts würde, und ärgerte mich sehr. Doch hörten wir

bald darauf von rechts herüber Kanonendonner.

Es wurde acht; es wurde neun. Der Busch wurde so eng, daß die

Ausgeschwärmten nicht weiter konnten. Sie kamen heraus und zogen sich

auf dem Weg zusammen. Die Sonne stieg und stieg; es wurde ein heißer

Tag. Es fing an, warm im Sattel zu werden. Die Pferde wurden müde. Ein

kleiner schmaler Leutnant mit einem zähen, hagern Gesicht und scharfen

Augen ritt an meiner Seite vorüber und sagte mit gedämpfter Stimme:

»Wir sind keine drei Kilometer von den Wasserlöchern.« Er hatte in den

letzten Tagen mehrmals eine gefährliche Patrouille bis in diese Gegend

geritten und kannte jeden Busch.

Da fiel vorn der erste Schuß. Die Gewehre flogen aus dem Schuh.

Wir waren mit raschem Schwung aus dem Sattel; die Zügel flogen über den

Pferdehals; die Pferdehalter griffen zu. Unsre Kompanie war nur neunzig

Mann stark; zehn ließen wir bei den Pferden; nur achtzig Mann gingen

wir in den dichten Busch hinein. Die Feinde schossen heftig und stießen

kurze, wilde Rufe aus. Ich sah einen von den Unsrigen verwundet; er

kauerte und untersuchte seine Wunde am Schenkel. Ich sah noch nichts

vom Feinde. Aber da sah ich, einen Augenblick nur, ein Stück von einem

erhobenen Arm im graubraunen Kordrock und schoß dahin. Dann lag ich

und spähte auf ein neues Ziel. Es ging lebhaftes Feuern hin und her.

Wenn einer von uns getroffen zu haben glaubte, verkündigte er es mit

lauter Stimme: »Der steht nicht wieder auf! Mensch, mitten in die

Brust!« Der dritte Mann zu meiner Rechten, der ein wenig nach vorn an

einem Busch lag, zuckte zusammen. Drüben schrie eine lachende Stimme:

»Hast genug, Dütschmen?« Der Kamerad sagte mit ruhiger Stimme: »Ich

habe einen Schuß in der Schulter« und kroch auf allen vieren zurück.

Ich hörte durch all unser eigen Schießen, daß wir auch von links

her Feuer bekamen. Nun wurde dies Feuer stärker. Sie kamen näher.

In dichten Reihen krochen und schossen und schrien sie heran. Zwei

von meinen Nachbarn schossen nicht mehr. Wir krochen um eine, zwei

Körperlängen zurück. Sie schrien und riefen: »Paß auf, Dütschmen!

Paß auf!« Und lachten wild. Andre schrien: »Hurra, Hurra!« Es

wimmelte von Menschen. Ich glaubte, daß sie nun hervorbrächen, im

wilden Sturm, und daß es aus mit uns wäre. Ich hatte wegen unsrer

Verwundeten eine furchtbare Angst für den Fall, daß wir zurück mußten.

Ich nahm mir fest vor, wenn das Kommando käme, laut zu rufen: »Die

Verwundeten mitnehmen!« Aber als ich es eben bei mir beschloß, kam ein

Unteroffizier mit einigen Mann und ermutigte uns durch einige Worte:

»Haltet! Ich schicke Hilfe.« Bald darauf hörte ich hinter mir etwas

schleifen und klirren und eine ruhige, sanfte Stimme hinter mir sagte:

»Nu rück mal ein bißchen zur Seite.« Das Rohr eines Maschinengewehrs

schob sich neben meinem Gesicht vor. Gleich darauf knatterte es los.

Die rasende Kugelsaat pfiff in die Büsche, prasselte und pfiff. Wie

schön das klang! Wie sicher und ruhig ich schoß! »Getroffen habe

ich!! Hast gesehn? Mensch, schieß! da ... da!« Nun donnerten auch die

Kanonen von einer Anhöhe hinter uns über unsre Köpfe weg. Da wurde es

drüben etwas stiller. Und da kam auch schon der Ruf: »Sprungweise vor!«

Wir sprangen auf und stürzten vor; aber eine entsetzliche Kugelsaat

prasselte gegen uns an -- wir warfen uns wieder hin. Schräg vor mir

hatte ein Unteroffizier eine Kugel in den Leib bekommen; das Blut

strömte sofort mit Gewalt aus der Wunde, er kauerte und versuchte,

es mit seinem Taschentuch zu hemmen und rief laut um Hilfe. Er war

ein schmucker hellblonder Mensch. Da kam der gewesene Offizier, der

Gebannte, schräg von der Seite, faßte den Verwundeten an den Schultern

und zog ihn hinter uns. Die Kugeln schlugen um ihn; der Lauf seines

Gewehrs flog getroffen klappernd zur Seite. Er legte sich ruhig wieder

an seinen Platz. Von drüben, im Busch, schossen sie mit wildem Eifer

und schrien vor Wut.

Wir kamen nicht vorwärts. Ich weiß nicht, wie lange wir so lagen und

schossen. Es sind wohl Stunden gewesen. Ich wunderte mich einmal,

daß sich kein Offizier bei uns sehen ließ, und vergaß es wieder. Der

Schweiß rann mir wie Wasser über den ganzen Körper. Nicht meine Zunge,

mein Hals, mein ganzer Körper schrie nach einem Schluck kühlen Wassers.

Seitwärts versuchte ein Lazarettgehilfe einem Verwundeten einen

Gummischlauch um den stark blutenden Schenkel zu legen. Der Verwundete

bat in süddeutscher Mundart: »Bring' mi ein bißle zurück; kannscht

das?« Da schleppte der ihn keuchend zurück. Das Feuer drüben wurde

schwächer. Eine Stimme befahl: »Langsamer feuern.« Von drüben klang es

heiser und höhnisch nachäffend: »Langsamer feuern!« Ein Verwundeter

rief laut und ängstlich nach Wasser.

Wir lagen, Gewehr im Anschlag, und warteten. Von rechts her ging es

von Mund zu Mund: »Der Hauptmann ist tot. Der Oberleutnant auch. Alle

Offiziere ... Und fast alle Unteroffiziere.« Ich nahm mit der linken

Hand meine Feldflasche, während ich das Gewehr aufliegen ließ, und nahm

den kleinen Schluck, den ich für die höchste Not aufgespart hatte. Als

ich die Flasche absetzte, dachte ich, daß dies vielleicht mein letzter

Trunk gewesen wäre, und dachte auch an meine Eltern. Ich meinte, daß

der Feind ein wenig Luft holen und gleich im Sturm vordringen würde.

Aber es geschah nichts.

Da kam ein Oberleutnant, der zum Stabe gehörte, geduckt unsere Reihe

entlang. Als er hinter mir war, kniete er da, tippte auf meinen Stiefel

und sagte: »Gehen Sie zum General und melden Sie, daß wir nach meiner

Schätzung etwa einen Kilometer von den letzten Wasserlöchern entfernt

sind.«

Ich hob mich vorsichtig in die Knie und lief gebückt zurück und kam

auf den Weg. An einem Termitenhaufen, der wohl drei Meter hoch war,

mühte sich ein Arzt und ein Lazarettgehilfe, einen Verwundeten vor dem

Verbluten zu schützen; ich glaube aber, daß sie zu spät kamen: er lag

wie ein Toter auf seiner roten dunkeln Decke. Dann sah ich den Ballon

nicht weit vor mir. Darauf zu rannte ich über die Lichtung.

Die langen Reihen der Ochsen, in Geschirren vor ihren Wagen, hoben

die offenen Mäuler, witterten lechzend die Wasserlöcher und brüllten

heiser. Die Kameraden an den Pferden und die bei den Wagen riefen

mich mit trockener Stimme an: »Macht doch vorwärts, Ihr Kerls da

vorne! Sind wir bald beim Wasser? Geht es vorwärts?« Sie sahen mich

aus tiefen, trockenen Augen an. Die Pferdehalter hatten ihre Mühe

mit den verdurstenden Tieren, die in dichten Haufen standen, von

Insekten umschwärmt und gepeinigt. Die Sonne glühte herab. Eine dicke,

schrecklich dürre Staubluft lag über dem ganzen Lager.

Vor einem Lazarettwagen standen in weißen Mänteln die Ärzte um einen

Tisch, auf dem einer lag. Ich wunderte mich, wie viele da schon im

Schatten des Wagens lagen; fünf oder sechs davon tot, darunter unser

Hauptmann. Ein Verwundeter, ich glaube, es war ein Leutnant, tränkte

mit seiner gesunden Hand die Schwerverwundeten; der andere Arm blutete

ihm schwer.

Auf dem Wagen des Generals stand ein Mann am Heliograph. Der General

stand daneben, einige Offiziere und Ordonnanzen bei ihm, alle zu Fuß.

Ich machte meine Meldung und hörte noch, wie einer sagte: »Die Tiere

halten nicht mehr und die Leute verdursten uns.«

Im nächsten Augenblick, da ich mich schon umgewandt hatte, um nach

vorn an die Front zu laufen, kam von hinten her, von zwei oder drei

Seiten wildes Schreien und Schießen aus dem Busch. Die Posten, die

rundum auf der Erde lagen und knieten, erwiderten sofort. Die Stimme

eines Offiziers klang scharf und hell: »Schwärmen.« Ich lief und sah

noch im Lauf, wie ein Hagel von Kugeln die Wand des Lazarettwagens

zersplitterte und die Ärzte nach ihren Gewehren griffen und einer von

ihnen verwundet wurde, und hörte noch, wie einer von ihnen sagte: »Wir

wollen doch die weißen Röcke ausziehen.« Dann lag ich an einem Busch

und schoß gegen die Feinde, die unter wilden Rufen durch die Büsche

vorstürmten. Schreiber, Ordonnanzen, Fahrer, Bedeckung, Offiziere,

alles stürzte heran und lag nebeneinander und wehrte sich seiner

Haut. Die Artillerie machte im Feuer kehrt und feuerte über uns weg.

Aufgeregt vom Lauf und von dem plötzlichen Angriff gab ich ein heftiges

Schnellfeuer. Eine Stimme neben mir sagte: »Ruhiger schießen.« Ich

schoß ruhiger und dachte: ›Wer hat das gesagt?‹ und griff nach dem

Patronengurt und sah nach der Seite: da lag der General zwei Mann

von mir und schoß ruhig, wie es sich für einen alten Soldaten ziemt.

Sie drangen in dichten Reihen durch den Busch heran und schrien und

schossen. Aber wir lagen ruhig und schossen gut. Da wurden sie stiller.

Die Offiziere standen auf und gingen wieder in die Mitte des Lagers.

Gleich darauf kam der Befehl, daß das Lager zweihundert Meter vorrücken

sollte. Ich sah noch im Vorbeilaufen, wie sie anfingen, die Verwundeten

und Toten in die Wagen zu heben. Dann lief ich wieder nach vorne in die

Schützenlinie an meinen Platz.

Nun, da ich wieder lag, fühlte ich, wie sehr ich ausgedörrt war. Ein

Bitten und Klagen und Quälen um Wasser ging durch die Reihe. Von

hinten her klang das heisere Brüllen der verdurstenden Tiere. Ich

glaube, es war um diese Zeit, nachmittags vier Uhr, kein Tropfen Wasser

mehr im ganzen Lager, außer für die Verwundeten.

Da wurde die ganze dünne Front entlang alles daran gesetzt, Gewehr,

Geschütz und Maschinengewehr. Ein wildes Schnellfeuer prasselte gegen

den müde werdenden Feind. Dann ging es von Mann zu Mann: Wir wollen

stürmen.

Nun gellte der Ruf. Niemals in meinem Leben vergesse ich ihn. Mit

wildem Schreien, mit verzerrten Gesichtern, mit trockenen, brennenden

Augen sprangen wir auf und stürmten vorwärts. Die Feinde sprangen,

schossen und stoben mit lautem Schreien zurück. Wir liefen ohne

Unterbrechung schreiend, fluchend, schießend bis zu der ziemlich großen

Lichtung, auf der die heißbegehrten Wasserlöcher lagen, und gleich

darüber weg bis an ihren jenseitigen Rand, wo der Busch wieder anfing.

Das ganze Lager: die schweren Wagen mit den langen Ochsenreihen, die

Hunderte von Pferden, die Lazarettwagen mit Ärzten, Verwundeten und

Toten, das Hauptquartier: alles kam hinterher und lagerte sich auf der

Lichtung. Wir aber lagen rund um sie am Rand des Buschfelds und wehrten

die Feinde, die bald hier, bald da in wilden Haufen mit lautem Schreien

durch den dichten Busch heranbrachen.

Und nun kletterten sie hinter uns mit Feldkesseln in die zehn Meter

tiefen Wasserlöcher und füllten die Eimer, die an zusammengebundenen

Zügeln herabgelassen wurden, und fingen an, Mensch und Tier zu tränken.

Wenn je zehn Tiere ein wenig bekommen hatten, war das Wasserloch leer.

Es waren wohl zehn oder zwölf Löcher an dieser Stelle.

Die Sonne ging unter. Einige von uns schlichen hoch und hieben mit

ihren Seitengewehren Buschwerk ab und machten einen Kraal vor uns. Die

Artilleristen stellten hinter uns die Maschinengewehre und Geschütze

auf und knieten daneben. Abgesandte Kameraden krochen von Mann zu Mann

und gaben uns ein wenig Wasser. Hinter uns im Lager tränkten sie im

Dunkeln die unruhig drängenden Haufen der Tiere; an den Lazarettwagen

gingen die Pfleger mit Laternen in der Hand und beugten sich über

jeden. Dazwischen feuerten die Feinde noch immer. Rund ums Lager

blitzte es auf im dunkeln Busch.

Peter Moors Fahrt nach Südwest: Ein Feldzugsbericht · 第 7 / 10 段