Je höher wir hinaufzogen, desto häufiger lagen die verendeten Tiere

am Weg, desto schlechter wurde die Weide. Die Feinde hatten sie nach

Möglichkeit abgegrast oder verbrannt; den Rest hatten unsere Truppen

verbraucht. Wir sahen auch wieder auf diesem Marsch kein Haus und

keinen seßhaften Menschen; das einzige, was wir trafen, waren die

Leerkolonnen. Doch begegnete uns einmal ein einzelner Reiter. Ich war

zufällig Vorspitze und redete ihn schon von weitem gemütlich an, in der

Meinung, es wäre ein Kamerad, oder höchstens ein Unteroffizier. Als er

aber näher kam, sah ich am Gesicht, daß es ein höherer Offizier war. Er

gab mir freundliche Antwort und ritt vorüber. Er war gekleidet wie ein

einfacher Soldat.

Dies langsame, schwerfällige Trekken durch das menschenleere, weite,

eintönige Land, dies Liegen und Rauchen in den Ruhestunden, im Schatten

der Wagen, und das gemütliche, gemächliche, langsame Reden, Necken und

ein wenig Prahlen, dies dürftige Essen und spärliche Trinken, ein Schuß

im Busch auf eine Schar Perlhühner, und wenn das Glück wollte, auf

eine Antilope, vier Stunden Schlaf am verglimmenden Feuer, den Sattel

unterm Kopf: das alles erlebte ich nun wieder. Und es war mir, da ich

nun zum zweitenmal so unterwegs war, als wenn ich dies Land nun schon

lange, lange kannte, als wenn ich schon vor langer, langer Zeit, die

weit vor meiner Geburt lag, so neben einem Wagen durch solch wildes

Land gezogen war, und im Wagenschutz geruht und geschlafen hatte. Das

sind ja wohl die Erlebnisse der Vorväter, die in den Geschlechtern

einen langen Schlaf tun und in dem Kinde, das wieder alte Wege und

Stege geführt wird, aufträumend das graue Haupt erheben.

Am dritten Abend, als wir erst bei voller Dunkelheit zur Wasserstelle

kamen, hielt da schon eine Leerkolonne von drei Wagen. Sie gruben

gerade ein Grab; denn es war ihnen einer von den Typhuskranken, die sie

mitbrachten, gestorben. Ich sprang noch ins Grab und machte es einen

halben Meter tiefer, länger wollten sie nicht warten. Dann ließen wir

ihn in seiner vollen Korduniform an zusammengebundenen Pferdezügeln

hinunter; den Hut legten wir ihm aufs Gesicht. Es standen sechs

Deutsche, braungebrannt, acht Buren, noch brauner, alle in Schlapphüten

und hohen Stiefeln, und siebzehn Schwarze an seinem Grabe. Die Buren

schossen über ihm. Als seine Mutter, in einem Dorf in Pommern, ihn auf

dem Schoß hatte, hatte sie sich nicht träumen lassen, daß er so früh

und so fern und mit so wunderlichem Gefolge zu Grabe käme.

Als ich am Spätabend noch zu dem Feuer der Buren hinüberging, um sie

zu fragen, wie es an der Front stände, sah ich, daß am letzten Wagen

ein gutes dunkelbraunes Pferd angebunden war. Da beschloß ich, es mir

zu klauen; und besah mir die Gelegenheit. Wir wollten schon bald nach

Mitternacht weiter ziehn. Als wir dann aber abfuhren und ich mich

zurückschlich, an den Wagen heran, blaffte der Hund des Buren und

hinterm Wagen rührte es sich. Da sprang ich davon. Ein Schuß krachte

hinter mir drein. Der Oberleutnant und die andern lachten über die

langen Sätze, die ich gemacht hatte. Ich sah aber immer danach aus, wie

ich mir ein Pferd erobern könnte; denn mein Argentinier war von Tag zu

Tag schwerer in Trab zu bringen, und ich merkte an den vielen toten

Pferden an unserem Weg, daß es an der Front schlecht damit stand. Hatte

ich aber da vorn kein Pferd, so war ich nur ein halber Soldat. Vor

allem konnte ich dann keine Patrouille reiten.

Am vierten Tag holten wir gegen Abend eine andere Proviantkolonne ein,

die durch Verlaufen der Ochsen Verzögerung gehabt hatte. So rasteten

wir mit dieser Kolonne abends an derselben Wasserstelle und blieben

auch den folgenden Tag mit ihr zusammen.

Der Führer dieser Kolonne war schon sechs Jahre im Land. Er war zuerst

drei Jahre bei der Schutztruppe gewesen; dann war er Händler geworden,

das heißt: er war mit einem Ochsenwagen von der Bahnlinie aus nach

dem Norden im Land umhergezogen und hatte den Schwarzen Plattentabak,

bunten Kattun und Schnaps verkauft und hatte als Entgelt Ochsen und

Kälber bekommen. Die hatte er in Windhuk an seinen Großkaufmann

verkauft; doch hatte er immer einige bei einem befreundeten Farmer

in Grasung gegeben. Er hatte sich auf diese Art schon ein ziemliches

Kapital erworben und hatte gerade die Absicht gehabt, wieder einmal

nach Norden zu fahren, aber diesmal, um sich in der Nachbarschaft des

befreundeten Farmers anzukaufen: da war das ganze schwarze Volk rund

um ihn in wildem Haß gegen die fremden, schlauen und harten Eroberer

aufgestanden. Er hatte sich mit genauer Not samt seinem Hab und Gut

nach Süden hin gerettet, und war nun als Reservemann eingezogen worden.

Ich fragte ihn viel und er antwortete bedächtig, während er, die kurze

schwarze Scheckpfeife im Mund, am Wagen lag. Ich fragte ihn, wie er es

anfange, eine Farm zu gründen. Er sagte: »Ich suche mir einen Platz aus

mit gutem Wasser und guter Weide; dort lasse ich mir von der Regierung

so ungefähr fünftausend Hektar anweisen. Es geht nicht so genau wie

in Deutschland, sondern es heißt: von dem Baum bis zu dem Wasserloch,

und dann zu der Pad, und so weiter. Dann lasse ich das bißchen Vieh,

das ich habe, dort weiden. Es nährt und tränkt und mehrt sich selbst,

ganz wie bei Abraham und Jakob. Nach zwei, drei Jahren habe ich schon

eine ganze Herde. Unterdes baue ich mir ein kleines steinernes Haus.

Wenn ich allmählich anfange, einige Stücke Vieh zu verkaufen, wird aus

dem Haus ein besseres.« Ich fragte ihn, ob er trotz des Aufstandes und

all der Zerstörung im Lande bleiben wolle. Er sagte: »Sieh! Du kannst

hier gehn und stehn und ruhn und trekken, hundert Meilen, und kein

Mensch sagt Dir, was Du sollst oder nicht, und Du hast keine Sorge um

Freundschaft mit dem Nachbar auf derselben Etage, oder mit dem Vizewirt

um die Tapete im Wohnzimmer, oder um Tagelohn, oder um täglich Brot.

Wenn Du das eine Kalb verzehrt hast, schlachtest Du ein andres. Magst

Du kein Kalbfleisch mehr, schlachtest Du eine Ziege. Oder Du gehst

auf die Jagd, so weit Du magst, drei Stunden oder drei Tage, und wenn

Du unterwegs nicht recht was vor den Schuß bekommst, machst Du den

Leibriemen etwas enger.« Ich fragte ihn, ob er wohl heiraten wolle. Er

sah mich von der Seite an und sagte: »Wenn der Krieg zu Ende ist, kommt

ein Mädchen aus Deutschland, mit dem ich brieflich eins geworden bin.

Ich kenne ihre Eltern und auch sie ein bißchen. Die Farmerfrauen sind

hier guter Dinge, das kannst Du Dir auch denken; wenig Arbeit, keine

Konkurrenz, also kein Neid und Streit, viel Land, Kühe und Ochsen, ein

Pferd zum Reiten, keine Sorge ums Auskommen.« So erzählte er. Ich hörte

ihm gern zu, und konnte alles, was er sagte, wohl verstehn.

Der Busch wurde etwas lichter. Wir zogen zuweilen mit unserer langen

Kolonne durch eine stattliche, freie Ebene; aber oft ging es auch

wieder durch dichten Busch, der so hoch war, daß man zur Not unter

seinen Kronen, die sich berührten, unten durch reiten konnte. Die

Tage waren hell und heiß, wie fast immer im Land; die Nächte kalt,

einmal so kalt, daß unsere Bärte eisig wurden und das Wasser in unsern

Wassersäcken gefror. Je weiter wir nach Norden kamen, desto häufiger

kamen weite Flächen, welche der Feind abgebrannt hatte, uns die Weide

zu nehmen; wir sahen an jedem Abend nach Norden zu starken Feuerschein.

Um die Wasserstellen herum war die Weide immer kahl weithin; das Wasser

war schlecht und noch dazu verunreinigt. Immer häufiger lagen die

Pferde, die zusammengebrochen waren, und die Ochsen, die vorm Wagen

schlapp geworden und gefallen waren. Oft hatte man ein Feuer unter

ihr Hinterteil gemacht; aber sie waren doch liegen geblieben und an

derselben Stelle gestorben. Am achten Tag lag alle Kilometer ein totes

oder sterbendes Tier.

Am achten Tag vormittags sahen wir nordwärts, nicht mehr fern, den

länglichen Ballon, der über dem Lager in der Luft stand. Da ruhten wir

am Mittag nur während der größten Hitze und zogen dann weiter. Gegen

Abend erreichten wir das Lager.

Sie waren gerade beim Abkochen. In ihren hohen gelben Stiefeln und

Pluderhosen und in Hemdsärmeln saßen und hantierten sie um die

Kochlöcher und riefen uns zu, als wir hindurchzogen, ob wir Post

mitbrächten. Sie schienen noch guter Dinge zu sein; die Mehrzahl

von ihnen war ja auch erst einen Monat im Land. In der einen Ecke

hauste ein ganzer Trupp von Wittboys, häßlichen Menschen mit wilden,

dunkelgelben Gesichtern; sie waren vom Süden der Kolonie gekommen uns

zu helfen, trugen unsere Uniformen und wurden von deutschen Offizieren

befehligt. In einer andern Ecke lagerte die große schwarze Horde der

Treiber um ihre Feuer; sie lachten und schwatzten. Wagen und Geschütze

standen in Haufen und einzeln rund umher. Ich wunderte mich aber, als

ich am andern Morgen sah, wie stark das Lazarett besetzt war. Auch

wunderte ich mich über die Pferde, nicht, daß sie von der Nachtkälte

zottig waren, aber daß sie so mager und müde waren; dazu hatten viele

von dem trocknen und scharfen Gras schlimme Wunden am Maul, und manche

hatten große, offene Wunden an den Lenden, worin die Fliegen saßen.

Viele Leute hatten ihr Pferd schon verloren und gingen zu Fuß.

Von den sechs größern Abteilungen, die im Halbkreis an den Feind

herangingen, um ihn zwischen sich zu erdrücken, waren wir die Mittlern;

darum war auch das Hauptquartier bei uns. Ich sah den General noch am

selben Abend, wie er vor seinem Zelt mit einer Patrouille redete, die

dann in die Nacht hinausritt. Er war ein aufrechter, rascher Mann mit

grauem Haar und Augen.

Wir waren nicht weit mehr vom Feind. Jede Patrouille, die nach vorn

geschickt wurde und heimkam, hatte ihn zu Gesicht bekommen. Einige

hatten schwere Verluste gehabt; eine, von einem Leutnant geführt, war

ganz vernichtet worden.

Ich freute mich sehr, daß ich wieder in einem ordentlichen Heereszug

unter so vielen muntern Kameraden war, und lebte ganz wieder auf.

Tagsüber wurde fleißig im Busch geübt, ausgeschwärmt, geschlichen,

gekrochen und gestürmt; es wurde Gewehr gereinigt, geflickt, gekocht.

Einmal war ich einen ganzen Tag lang unterwegs, um verlaufene Pferde

zu suchen. Ich fand sie und unterschlug eins davon, einen hellbraunen

Ostpreußen, und mischte dafür meinen Argentinier unter die gefundenen.

Ich glaube, daß der Oberleutnant es merkte, aber er sagte nichts. Er

hatte mich zu seiner Kompanie genommen.

Abends fand sich an einem Kochloch oder unter einem Wagen zusammen, was

sich leiden mochte und vertrug. Ich traf von meinen alten Kameraden nur

Peters und Gehlsen wieder, die jetzt Wagenführer bei der Stabswache

waren. Unter den Neuen war einer aus Brunsbüttel.

Ich saß also fast unter lauter Neuen und hörte ihren Unterhaltungen

zu; ich selbst war durch das, was ich erlebt hatte, stiller geworden,

und von der Weite, Öde und Hitze des Landes, in dem ich nun schon

sechs Monate lebte, langsamer und gleichgültiger, als ich von Natur

war. Sie sprachen gern von ihrer frühern Dienstzeit oder von ihrer

Heimat, oder von ihrem Beruf. Zuletzt kam dann dieser und jener darauf

zu sprechen, warum er sich freiwillig nach Südwest gemeldet hatte.

Einige wollten im Heerdienst bleiben und darin rascher weiter kommen.

Einige wollten sich von der Kriegslöhnung ein Stück Geld verdienen, um

ihren Eltern zu helfen, oder um in ihrem Beruf selbständig zu werden.

Viele hatte jugendliche Freude und Begeisterung, germanische Lust an

der Fremde und am Krieg, hinausgejagt; einige hatten sich gemeldet,

um auf Reichskosten ein Stück der weiten Welt zu sehen. Einige, so

schien mir, wollten etwas Besonderes erlebt haben, um nachher ein Leben

lang damit prahlen zu können. Einige schwiegen über die Ursache,

die sie hinausgetrieben hatte; doch sagten, die ihnen nahestanden,

von dem einen, daß er das Unglück gehabt hatte, unschuldigerweise,

im Spiel, einen Schulkameraden zu töten, von einem andern, daß er

von seiner Liebsten verlassen wäre. Diese beiden saßen oft abseits

und waren stille Leute. Aber am meisten sprachen wir über den Feind,

über seine Kampfweise, seine Stärke und seine Absichten, und über den

entscheidenden Schlag, den wir gegen ihn tun wollten.

Es waren aber unter uns Soldaten auch einige, die früher in Deutschland

Offiziere gewesen waren und auf irgendeine Weise ihren Degen verloren

hatten. Da sie ihn nur in einem Kriege wiederzubekommen hoffen durften,

hatten sie auf den Ausbruch eines Krieges gebrannt, und hatten sich

sofort als Freiwillige nach Südwest gemeldet. Nun waren sie schlichte

Soldaten. Einer von diesen sprach gleich am ersten Abend viel und

mit großen Worten von Pflichtbewußtsein, Selbstzucht, Ehrgefühl und

dergleichen, so daß ich dachte: ›Was ist das für ein ehrenfester Mann

und wie hat er seinen Degen verlieren können?‹ Aber bald nachher und

später im Sandfeld merkte ich, daß er diese Reden für sich selbst

hielt, und zwar ganz vergeblich; denn er nörgelte immer und meist ohne

Ursache an den Vorgesetzten, vom Unteroffizier bis zum General hinauf,

und drückte sich faul vor jeder Arbeit. Ein andrer war ein lieber,

immer munterer und hilfreicher Kamerad; wir mochten ihn alle gern und

wünschten ihm das Beste. Er war bei Hamakari auch tapfer. Aber er hat

sein Ziel doch wohl nicht erreicht, und wenn er es erreicht hat, so

nützt es ihm nicht viel; denn wenn seine Stunde gekommen war, vergaß er

alle Vorsätze und trank und spielte wie ein Sinnloser. Die andern aber

-- ich habe von mehreren gehört -- waren wackere Leute, gute, schlichte

Kameraden, stramm und stumm im Dienst, und im Gefecht wie Löwen und

mehrere von ihnen sind gefallen; denn nur wenn sie schwer verwundet

wurden oder wenn sie zur Auszeichnung vorgeschlagen wurden, gewannen

sie den Degen wieder. Da war einer in einer andern Kompanie, der hatte

ganz jung geheiratet, erzählten sie, und hatte es bis zum Oberleutnant

gebracht. Da war ihm nach zwei Mädchen ein kleiner Junge geboren

worden. Er war darüber ganz unsinnig froh geworden; altes, tapfer

unterdrücktes Erbübel hatte sein wildes Haupt erhoben; er hatte sich

schwer betrunken und war in eine Straßenprügelei verwickelt worden. Da

war er weggeschickt worden. Nun war er hier in Südwest. Er saß viel

allein, in sich versunken; sie sagten, er schriebe nie an Frau und

Kinder; er sprach kein überflüssig Wort. Jeder, Offizier wie Soldat,

erwies ihm Rücksicht. Als aber in Okahandja ein Einjähriger mit einem

Glas Wein in der Hand auf ihn zugekommen war und gutmütig gesagt hatte:

»Auf Ihren Jüngsten!« da war er mit blassem Gesicht und verschüttetem

Glas zurückgetreten. So hatte der Unglückliche ihn angesehn. Er war wie

ein Gebannter.

Ich bekam hier endlich die Briefe aus der Heimat, die mich lange

gesucht hatten. Alle hatten geschrieben. Vater schrieb vom Geschäft;

Mutter hatte mit Doktor Bartels gesprochen, wie ich mich am besten vor

Typhus schützen sollte; die kleinen Schwestern schrieben von ihren

neuen Sonntagskleidern. Ich machte mir, als ich ihre Briefe las,

Gedanken darüber, daß ich allein schon groß war und drei so kleine

Schwestern hatte. Es war mir bisher nie aufgefallen. Aber als ich mich

noch darüber wunderte, sah ich auf und sah von ungefähr, wie eine

Patrouille heimkam, ganz verstaubt, mit von Dornen zerrissenen Händen

und Gesichtern, auf müden, verwundeten Pferden, zwei schwarze Gefangene

an der Leine neben ihnen: da erkannte ich, wo ich war, warf meine

Träume in die Ecke, stand auf und sah nach meinem Pferd.

[Illustration]

XIII

Weil ich schon länger im Lande war als die andern, bekam ich am fünften

Tag nach meiner Ankunft vom Hauptquartier den Auftrag, mit drei Mann

eine Meldekarte zu der westlichen Abteilung zu bringen, die als die

letzte von Deutschland gekommen und in ihrem Anmarsch noch etwas zurück

war.

Ich setzte noch durch, daß der Mecklenburger ein besseres Pferd bekam,

und sah auch selbst nach, ob das Sattelzeug in gutem Stand war und ob

in jeder Satteltasche der nötige Proviant und die acht Pfund Hafer

waren: dann ritten wir nach Westen zu in die helle Nacht hinaus. Der

Oberleutnant hatte alles genau mit mir durchgesprochen: Wasserstelle,

Wegspur und Richtung nach dem Kreuz, das klar am Himmel stand. Ich

sollte möglichst südlich reiten und dann nordwestlich, um zu sehn, wie

weit die Feinde nach Süden hinunter säßen. Nach einem Ritt von etwa

achtzig Kilometern sollte ich verrichteter oder unverrichteter Sache

umkehren.

Wir ritten scharf, eine Viertelstunde Trab, dann fünf Minuten Schritt.

Voran ein Berliner, ein heller Junge, Sohn eines Droschkenkutschers,

dann ich und ein ganz junger Elsässer, dann, hinter uns, der

Mecklenburger. Es war eine kalte, klare, sehr helle Nacht. Mondschein

war nicht; aber das wirre Sternenheer funkelte am ganzen Himmel.

Die ersten drei Stunden vergingen ohne ein besonderes Ereignis. Der

Berliner und ich lugten scharf ins Dunkle vor uns und zur Seite. Der

Elsässer neben mir rückte zuweilen wunderlich im Sattel und gestand mir

leise, daß er sich durchgeritten hätte; er hätte aber den Ritt so gern

mitmachen wollen. Der Mecklenburger trabte treulich im Sande hinter uns

her. Es war so hell, daß ich die Staubluft sah, welche die Pferdehufe

hochwarfen. Zwischen dem stumpfen Aufstoßen der Hufe im Sand klang von

fern aus dem Buschfeld das lange, klagende Heulen eines Schakals und

das scharfe Keckern einer Hyäne, das mich jedesmal, wenn es plötzlich

ansetzte, erschreckte. Zuweilen stolperte ein Pferd; mit leisem Fluch

riß der Reiter es wieder hoch. Dann und wann stieß ein Huf gegen einen

Stein, daß es einen hellen Klang gab. Nach Nordwest zu stand überm

Busch hinter fernen, hohen Bäumen ein heller Feuerschein; der Berliner

behauptete, er könne riechen, daß es ein Grasbrand wäre. Der Mond ging

auf. Ein klares, sanftes Licht lag weich und still weit und breit über

dem Busch.

Etwas nach Mitternacht, als wir eine langsam ansteigende Wagenspur

hinauftrabten, hob der Berliner die Hand und deutete nach rechts vor

uns über eine Lichtung. Nicht fünfhundert Meter von uns entfernt,

ganz unten an der Erde, glühten, klein und wie umhegt, mehrere Feuer,

wie Katzenaugen im Dunkeln unter Büschen. Da unsere Pferde laut

schnoben, was sie in der Nachtkälte oft taten -- und die Nacht war

nun bitterkalt -- stiegen wir leise ab und führten sie eine Weile und

spähten dabei nach rechts, nach den Feuern. So kamen wir bald an eine

Stelle, wo das lange Gras zu beiden Seiten des Weges zertreten war. Da

legte ich mich in die Knie und kroch eine Strecke, und sah die Spuren

unendlich vieler Kinderfüße, dazwischen die Spuren Erwachsener. Große

Kinderscharen, von ihren Müttern geführt, waren hier nach Nordosten

zu über den Weg gegangen. Ich stand wieder auf und ging nach einem

niedrigen Baum, der da am Wege stand, und kletterte in meinen schweren

Stiefeln einige Meter hinauf. Da sah ich, nur hundert Meter von mir

entfernt, eine breite, mondbeschienene Anhöhe hinaufsteigend, Hunderte

von runden Laubhütten, aus deren niedrigen Eingängen hier und da

Feuerschein blitzte, und hörte auch Kinderweinen und das Aufblaffen

eines Hundes. Es lagen da Tausende von Frauen und Kindern unter

leichtem Laubdach um versunkene Feuer. Und weiter dahinter, auf immer

breiter werdender Anhöhe, bis zum Rande des Gebirges, das scharf

gegen den blauen Sternhimmel aufragte, standen in Haufen Hütten, wie

Klumpen, verschwommen und dunkel. Auch von dorther kam Hundegebell und

Viehbrüllen. Ich starrte mit großen, lungernden Augen auf das mächtige

nächtliche Bild und merkte mir genau die Lage zum Rand des Gebirges;

doch fuhr es mir durch den Kopf: ›Da liegt ein Volk, mit all seinen

Kindern und all seinem Hab und Gut, von allen Seiten von wildem,

schrecklichem Blei gedrängt und zum Tode verurteilt;‹ und es ging mir

kalt über den Rücken.

Wir gingen vorsichtig weiter, erst zu Fuß; dann stiegen wir wieder in

den Sattel. Um sechs Uhr, im anbrechenden Morgenlicht, kamen wir an

eine Stelle mit hohem, krausem Gras, das die Pferde gern fraßen. Da

lockerten wir die Sättel und ließen die Pferde eine Stunde lang grasen,

während wir, die Trense in der Hand, dabei standen. Rechts von unserer

Wegrichtung erhob sich steil, mit Wucht und Kraft, wie eine Festung,

der breite Berg, vor dem das feindliche Volk lagerte. Die Morgensonne

beschien warm und hell die Wälder, die auf seinem Rücken lagen, und

vertrieb die Nebel, die noch hier und da in den Waldecken hingen. Als

wir wieder in den Sattel stiegen, merkte ich, wie steif und müde unsere

Pferde waren, besonders das des Mecklenburgers.

Da wir vom Feind nichts sahen, auch keine Spur mehr über den Weg lief,

als höchstens die eines einzelnen, glaubte ich, daß wir die Stellungen

des Feindes hinter uns hätten. Auch der Berliner meinte es. So ritten

wir langsam vier Stunden, in immer größerer Hitze; da trafen wir drei

tiefe Wasserlöcher im kalkigen Grund, seitwärts von einem hohen Baum.

Der Berliner warf einen Stein hinein und hörte am Klang, daß Wasser

in der Tiefe war. Da beredete ich es kurz mit dem Berliner, daß wir

hier der Pferde wegen, die am Ende ihrer Kraft waren, eine ordentliche

Mittagsrast halten wollten. Wir sattelten also ab, banden die Trensen

zusammen, die Futtersäcke daran, ließen den Berliner hinuntersteigen

und holten ein wenig schlechtes aber kühles Wasser herauf und

tränkten die Pferde. Wir tranken aber selbst nicht von dem Wasser,

sondern nahmen das letzte aus unsern Wassersäcken und füllten von dem

schlechten Wasser hinein und gingen nach einem hohen Baum, um zu essen.

Ich weiß noch, daß mir der Gedanke durch den Kopf fuhr, daß wir in der

brennenden Sonne bleiben wollten, weil der Baum mir zu nah am Busch

stand; aber ich gönnte ihnen den kühlen Schatten und ich wollte nicht,

daß der Berliner, der ziemlich naseweis war, mich heimlich für feige

hielte; ich verließ mich auch auf die Lebendigkeit des Berliners, der

als erster wachen sollte. Indes wollte ich die Pferdewache übernehmen.

Ich erzähle dies so genau, weil ich mir immer wieder Gedanken mache, ob

ich etwas versehen habe.

Als ich wohl bald zwei Stunden zwischen den weidenden Pferden gestanden

hatte, die Trense in der Hand, und mich grade bücken wollte, um eine

große, stechende Fliege zu töten, welche zwischen den Vorderbeinen

meines Pferdes saß, daß es heftig stampfte, da hörte ich von der

Lichtung her einen kurzen, furchtbaren Aufschrei, der sich mir sofort

wie ein harter Druck aufs Gehirn legte. In die Höhe fahrend sah ich,

wie sich zwanzig oder dreißig Feinde mit Gewehren und Keulen um

meine liegenden Kameraden drängten, die unter Schüssen und Hieben

liegen blieben. Der Berliner, der noch eben, halbaufgerichtet, zum

Schuß kam, erhielt im selben Augenblick, das Gewehr an der Backe,

einen furchtbaren Kolbenhieb, daß er in sich zusammensank. Im selben

Augenblick kamen auch Schüsse von links her über die Lichtung gegen

mich. Laute Rufe und Scheltworte flogen heran. Kriechend und springend

kamen sie durch das hohe, bewegte Gras auf mich zu. Da sprang ich,

die Trense noch in der Hand, in fliegender Eile auf das nächste

ungesattelte Pferd und brachte das müde Tier in Galopp und entkam ihnen

am Busch entlang.

Ich weiß nicht viel von den nächsten Stunden. Ich weiß nur, daß es

mir entsetzlich schwer und dumpf auf dem Schädel lag, als wäre mein

Hut voll Blei, und daß ich den Kopf sonderbar geduckt zwischen den

Schultern hielt und die Augen halb geschlossen und daß ich immer die

furchtbaren Hiebe fühlte, die ich gesehen hatte. In schrecklich wüster

Dumpfheit und wirrem, halbverrücktem Grübeln ritt ich wohl drei Stunden

lang. Wann und wie ich dem Pferd die Trense angelegt habe, weiß ich

nicht. Es war das erbärmliche Pferd des Mecklenburgers.

Als mir ein wenig klarer wurde, dachte ich nach, wohin ich wohl ritte,

und wußte es nicht. Ich sah nach der Sonne; aber sie stand fast grade

über mir. Da richtete ich mich nach dem leisen Wind, der die Nacht über

vom Meer her geweht hatte und ritt ihm entgegen. Ich ritt immer grade

aus, zwei oder drei Stunden, aber ich traf keine Spur oder Weg oder

Menschen.

Peter Moors Fahrt nach Südwest: Ein Feldzugsbericht · 第 6 / 10 段