Als wir ungefähr zehn Tage dagelegen hatten, kamen endlich

Nahrungsmittel, und für die Kranken Matratzen und auch Stärkungsmittel,

nämlich Wein, Bouillon, Eiweiß, Kakao, Quäker Oats, so daß die Kranken

nun endlich gebettet und gesättigt wurden, und auch wir satt wurden.

Wir blieben aber weiter in den schrecklich dreckigen Kleidern.

Wir lebten in großer Niedergeschlagenheit, wir lauter Kranke und immer

einige Sterbende. Ich machte mich nützlich, soviel ich konnte. Matt und

mit dumpfem Kopf ging ich von einem zum andern, gab mit meiner gesunden

linken Hand dem einen Wasser, dem andern ein Stück Zwieback, und half

dem dritten ein wenig in die Höhe, daß er seine Leibesbedürfnisse

verrichten konnte.

In diesen jammervoll dumpfen Wochen traten mir besonders zwei Kameraden

nahe. Wir hatten uns früher, da wir gesund waren, kaum gekannt. Der

eine war ein Thüringer Junge mit kindlich-braunen Augen; er sprach

wenig. Mir war schon auf dem Schiff aufgefallen, daß er so still war

und so verwundert darein sah. Nachher, wie wir das Land betraten und

dann in das Buschfeld eingedrungen waren, waren seine Augen immer

banger, sein Mund immer stummer geworden. Er war sonst von kräftigem

Körper und ertrug alles gut und klagte nicht, stand auch im Gefecht

seinen Mann. Nun wurde er hier im Lager krank. Er kam mit Gewehr und

Decke vom Lager her zu uns herab, fröstelnd, mit glanzlosen Augen, und

sagte mit schüchternem Scherz: »Nun will ich Rentner bei Euch werden

alle meine Tage,« und legte sich hin. Ich sprach nun oft mit ihm, nicht

viel mit Worten; denn unser Gaumen war ein ausgedörrter Schlauch und

unsere Gedanken hatten Schleppfüße; aber mit Andeutungen und Zeichen.

Da wurde mir klar, daß ihm alles, alles, was wir erlebt hatten, seit

wir Kiel verlassen hatten, unheimlich und grausig gewesen war. Die

unendliche Weite des offenen Meeres, die trotzige, ernste Küste von

England, der erhabene Berg von Teneriffa, die fremden Sternbilder, die

stechende Sonne, der kahle Strand von Swakopmund, der Anblick unserer

Toten, das Sterben der Kameraden: seine Seele war nicht stark genug für

alle diese großen und harten Dinge. Er starb an Ruhr und Herzschwäche

am siebenten Tag.

Der andere war schon schwerkrank, als wir dies Lager bezogen. Er

war in Nürnberg geboren und hatte dort seine Kindheit zugebracht.

Fünfzehnjährig war er wegen seines Stiefvaters aus der Heimat gegangen

und war seitdem unruhig durch die Welt gewandert. Als Steward war

er von Bremen aus nach Südamerika gefahren, war quer hindurch nach

Chile gekommen, hatte Samoa gesehen und hatte in San Franzisko

Kellner gespielt. Dann war er in die Marine der Vereinigten Staaten

eingetreten; doch nicht auf lange. Einige hundert Mark, die er in der

Tasche hatte, hatten ihn verleitet, von New Orleans nach Australien zu

fahren, um Gold zu graben; er hatte aber wenig oder nichts gefunden.

Als Australien gegen die Buren Freiwillige stellte, war auch er

hinübergefahren, als Trimmer, aber um den Buren zu helfen. Er war

gefangen genommen und hatte auf Ceylon böse Tage erlebt. Von da war

er nach Kapstadt zurückgekehrt und war auf die erste Nachricht vom

Aufstand in unserer Kolonie als Kriegsfreiwilliger eingetreten. Es

gibt, glaube ich, nicht wenige Deutsche, die so unruhig und wirr und

gutmütig dumm durch die Welt wandern. Ihr ganzes Leben geht damit

hin, wahllos einem ersten Einfall ihres unruhigen, haltlosen Gemütes

zum Rechten oder Verkehrten nachzulaufen und nach getanem Lauf ohne

Nachdenken oder gar Reue sich auf ein anderes Ziel, das eben gerade in

ihr Gesichtsfeld kommt, zu stürzen. Er schalt auf die Engländer, auf

die Amerikaner und am meisten auf die Buren; aber ich war überzeugt,

daß er zu den Franzosen und Japanern gelaufen wäre, wenn da bei ihnen

irgend etwas los gewesen wäre. Es ist schlimm, wenn ein Mensch sein

Leben nicht in der Hand behält. Nun lag er ziemlich lange schwerkrank

an Typhus, obgleich er so sicher gemeint und geprahlt hatte, daß er ein

»Gesalzener« wäre, und phantasierte in einem fort. Als er sich langsam

wieder erholte, war er ganz vernünftig und erzählte mir von seinem

ganzen Leben; er behielt aber noch eine ganze Woche lang den Wahn, daß

ihm beide Beine abgeschossen wären. Ich saß manche Stunde bei ihm und

habe aus der Unterhaltung mit ihm viel gelernt. Was nachher mit ihm

geworden ist, weiß ich nicht.

Ich blieb immer so stark, daß meine Füße mich tragen konnten. Aber wenn

ich vors Lager hinausging, meine Leibesbedürfnisse zu verrichten, was

ich oft am Tage tun mußte, und ich mir vornahm, daß ich nicht hinter

mich sehn wollte, sah ich doch hin und sah, daß es ganz blutig war.

Dann kam ich sehr mutlos zu den andern und saß und brütete vor mich hin

und meinte fest, ich müßte wohl auch hier sterben, und fand mich mit

trüben Sinnen in dies Schicksal und dachte voll stiller Wehmut an mein

Elternhaus. Dem Arzt sagte ich nichts. Es war aber ein Lazarettgast

da, den ich fragte. Der sagte: »Du hast vorne im Leib den Typhus und

hinten die Ruhr; aber Du hast eine glückliche Natur und machst es so

im Gehn durch«; und gab mir Pillen. Ich nahm die Pillen genau wie er

mir gesagt hatte; aber ich glaubte weiter an seine Predigt nicht; denn

er war halb von Verstand. Da waren viele in diesem Feldzug: Offiziere,

Ärzte, Lazarettgäste, Soldaten, die taten noch treu ihre Pflicht wie

eine Maschine, die noch eine Weile weiterläuft, wenn der Dampf schon

abgestellt ist, und waren inwendig schon krank und voll von wirren

Gesichten.

Eines Abends -- ich war schon wochenlang im Typhuslager -- hatte jemand

einen Brief bekommen, ich glaube aus Swakopmund, darin stand unter

anderm, daß in Deutschland jedermann von dem Krieg zwischen Rußland

und Japan spräche, von uns aber spräche kein Mensch, ja man spotte

über uns und unsern Jammer als über Leute, die für eine lächerliche

und verlorene Sache stritten, und man wolle nichts von uns wissen,

weil wir das rasche Siegen nicht verstünden. Ich wollte den Brief

erst wegwerfen; dann aber dachte ich, ich wollte ihn Heinrich Hansen

zeigen. Der kam aber nicht. Doch kam am andern Tag ein andrer alter

Schutztruppler, da zeigte ich dem den Brief; denn mir war aller Mut

entfallen. Er las ihn und lachte und sagte: »Was wundert Dich das? Ist

es nicht immer so gewesen? ›Wie viele Frauen hat der König von Siam?

Was für ein Strumpfband trägt die Königin von Spanien? Welche Antwort

hast Du auf die Postkarte bekommen, welche Du dem japanischen Feldherrn

geschickt hast?‹ Sieh! Das sind die Dinge, welche die Deutschen

interessieren. Du solltest mal hören, wie die Engländer über uns

lachen, über uns Redefratzen und Hänse in allen Gassen. Die Engländer

fragen bei jeder Sache: ›Was nützt es mir und England?‹« Damit ging er

weg.

Ich ging wieder zu den kranken Kameraden, holte meine Decke und setzte

mich an die Seite des Eingangs auf die Erde. Es war ein kalter,

unfreundlicher Abend. In den Büschen knarrte vertrocknetes Astwerk;

Geier flogen seitwärts nach höhern Bäumen, die plump und dunkel übers

Buschfeld ragten. Aus dem Raum hinter mir kam lautes, stoßweises

Wimmern eines Schwerkranken. Ein Leichtkranker saß vor dem Proviantzelt

geduckt auf einer halbzerschlagenen Kiste, stierte vor sich hin und

sang mit müder, dösiger Stimme unser altes Lied:

»Doch mein Schicksal will es nimmer,

Durch die Welt ich wandern muß.

Trautes Heim, dein denk' ich immer,

Trautes Heim, dir gilt mein Gruß.

Sei gegrüßt in weiter Ferne,

Teure Heimat, sei gegrüßt.«

Zwei Kameraden gingen in ihren Mänteln, Spaten auf der Schulter,

querüber nach dem Hügel, ein neues Grab zu graben.

[Illustration]

XI

In der vierten Woche meines Aufenthalts im Typhuslager hörte ich, daß

von Deutschland her frische Truppen angekommen wären, und noch mehr

ankommen würden, lauter Husaren, im ganzen viertausend, und daß der

Feldzug nun also mit mehr Macht wieder losgehn sollte. Aber mir war es

gleichgültig; ich dachte: ›Wärst Du bloß aus diesem Affenlande heraus.‹

Aber in der fünften Woche wich meine Krankheit. Wie aber Gesundheit und

Kraft leise wieder kamen, dachte ich, daß es doch nicht schön wäre, so,

nach diesen Erlebnissen, nach Hause zurückzukehren. Ich wollte gern bei

dem zweiten und bessern Teil des Feldzugs, bei dem »raschen Siegen«,

dabei sein.

Es traf sich, daß ein Oberleutnant mit einer kleinen Patrouille von

drei Mann von Osten her kam und unterwegs einen Mann verlor und einen

andern als Typhuskranken hier liegen lassen mußte. Dem sprang ich vor

die Füße und bat ihn, daß er mich mitnähme. Er fragte mich, ob ich

reiten könnte. Ich sagte: »Ja,« obgleich ich seit meinen Kindertagen

nicht wieder auf einem Pferd, und auf einem Sattel noch niemals

gesessen hatte. Er sah mich mißtrauisch an und sagte: »Du fällst mir

unterwegs vom Pferd.« »Zu Befehl,« sagte ich, »ich bin stark wie ein

Baum,« und sah ihn an. Er war mager wie ein Brett und seine Augen

glitzerten unter der Stirn. Er sagte: »Ich habe vier Monate lang ein

Hundeleben geführt.« »Zu Befehl,« sagte ich, »ich auch. Und darum

möchte ich hier weg.« Da machte er mich beim Hauptmann los.

Bevor der Morgen graute, ging ich zu den Pferden, die schon an unsern

Wagen angebunden standen, und sagte dem Unteroffizier, der mitritt und

der schon neben den Pferden stand, daß ich noch nicht auf dem Sattel

geritten hätte. Er schimpfte erst mächtig und fragte mich, ob ich denn

wenigstens wüßte, wo bei einem Pferd vorn oder hinten wäre. Ich dachte:

›Mach' ihn nicht ganz wild‹ und griff nach dem Sattel und trat an das

eine Pferd heran, und sah im Geist, wie ich in meinem Leben wohl schon

hatte satteln sehn und machte es ja wohl nicht ganz falsch; denn er

fing wieder an, gewaltig zu schimpfen und mir zu zeigen, wie es richtig

wäre. Dann übte ich ebenso das Auf- und Abkommen und dachte: ›Das

wird schon gehn.‹ Am andern Tag erfuhr ich von dem andern Mann, daß

auch der Unteroffizier erst vor kurzer Zeit zum erstenmal ein Pferd

bestiegen hatte, und mit viel mehr Ach und Krach als ich. Da wunderte

ich mich was doch Gott für merkwürdige Kostgänger hat. Darüber habe ich

mich überhaupt oft gewundert.

So ritt ich denn an diesem Morgen mit der Patrouille nach Westen, nach

Windhuk zu, nachdem ich vier Monate lang im Busch und in der Wildnis

gewesen war. Auch meine Begleiter waren so lange draußen gewesen. Ich

fürchtete mich sehr vor dem ersten Trab; es ging aber leidlich gut. Mit

frohem Herzen und wehem Gesäß, immer eifrig mit dem Kopf nickend, ritt

ich dahin. Am andern Tag ging es schon viel besser. Der Oberleutnant,

ein langer Rheinländer mit kurzem, schwarzem Vollbart, war ein

gemütlicher Mann; er unterhielt sich oft mit mir und schien Gefallen an

mir zu finden.

Nachdem wir zwei Tage lang durch öde, menschenleere Gegend geritten

waren, näherten wir uns der Stadt. Als wir von fern den ersten

Telegraphenpfahl sahen, sagten wir es einer zum andern und besahen

das lange, dünne Ding von oben bis unten mit frohen Augen. Als wir

uns dem ersten Hause näherten, das nicht dachlos war und nicht

ausgebrannte Fensterhöhlen hatte, bewunderten wir es sehr; und als wir

im Vorbeireiten bemerkten, daß auf der offnen Veranda ordentliche Möbel

standen, ein Tisch und Stühle darum, staunten wir sie an und wandten

uns im Sattel bis wir vorüber waren. Mit großen Augen spähten wir in

den Garten hinein, den die Schutztruppler in früheren Jahren mit großer

Mühe hier angelegt hatten; da waren wahrhaftig Palmen und Weinlauben,

von denen wir in Kiel und auf dem Meere geträumt und geredet hatten;

und da war ein Teich! O, wenn man da hineinreiten dürfte! Und da, im

Schatten einer Veranda, stand eine deutsche Frau; sie hatte ein kleines

Kind auf dem Arm. Wie wir hinsahen! Wie wir uns über das helle, saubere

Kleid freuten und über das reine, freundliche Gesicht und über das

kleine weiße Kind. Wie auf ein Himmelswunder starrten wir auf das, was

man in Deutschland alle Tage sehn konnte. Wie die heiligen drei Könige,

die auch aus der Wüste kamen und vom Pferd herab Maria mit ihrem Kinde

sahen. Sie sah uns hungrige, ganz verlumpte und schmutzige Gesellen mit

großen, mitleidigen Augen an und neigte sich freundlich, als wir alle

wie auf Befehl die Hand an die Feldmütze legten.

Müde und doch eifrig gingen unsre Pferde den Sandweg zur Feste hinauf.

Im Hof, wo etliche Soldaten und einige Weiber der Hottentotten waren,

stiegen wir von den Pferden und besorgten sie. Der Oberleutnant ging

zum Kommandanten, seine Meldung zu machen.

Ich aber -- als wir die Tiere besorgt hatten -- ging über den Hof und

reckte meine Arme zu beiden Seiten von mir -- so ekelte mich vor mir

selbst -- und kam in die Kammer und erhielt einen ganz neuen Kordanzug

ausgeliefert samt hohen Reiterstiefeln, und schob meinen verlumpten

linken Ärmel zurück und legte den Anzug darauf und ging eilig quer

hinüber nach der Badeanstalt, riß mir alle Lumpen von den Gliedern, und

stieg ins Wasser und wusch und seifte und rieb, bis ich über den ganzen

Körper rot war.

Als ich wieder in den Hof kam, in meiner schmucken, reinen

Schutztruppenuniform, stand der Oberleutnant da, noch in seinen Lumpen,

und sprach mit einem Bürger und erkannte mich nicht. Dann aber lachte

er mich an und sagte etwas zu dem Bürger über mich. Da wandte der sich

zurück und sagte: »Ich bin der Mann jener Frau, die mit ihrem Kind

auf der Veranda stand, als Sie vorüberritten. Sie möchte sich für den

freundlichen Gruß bedanken. Wollen Sie heute abend unser Gast sein?« Da

freute ich mich so, daß ich rot wurde.

Also ging ich am Abend, nachdem ich noch einmal wieder gebadet und mich

noch einmal wieder eingeseift hatte, in die Gegend des Hauses voraus

und wartete, bis der Oberleutnant hineingegangen war und ging gleich

hinterher. Als ich in die Stube kam und der Mann mir die Hand gab und

die Frau mich freundlich ansprach und mir das Kind zeigte und ich

dann mit ihnen am Tisch saß, starrte ich stumm auf das weiße Tischtuch

und die Teller, und auf Brot und Milch und Zucker und horchte auf die

liebliche Stimme der Frau. Ich wäre in dieser Stunde überglücklich

gewesen, wenn ich es hätte lassen können, an die vielen kranken und

toten Kameraden zu denken.

Als ich mich nach dem Essen verabschiedete und wieder nach der Feste

hinaufging, sah ich im Hof einige Kameraden mit den Weibern der

Hottentotten reden und lachen, und einer ging an mir vorüber und sagte,

daß alle diese Weiber uns zu jeder Zeit zu Willen wären. Da ärgerte ich

mich und ging auf die lange Veranda, die nach Westen hin liegt. Dort

stand ich lange und sah nach den fernen Bergen, welche die sinkende

Sonne vergoldete, und dachte mit heftiger Sehnsucht nach Hause.

Ich lebte nun drei Wochen auf der Feste und kam von der bessern

Nahrung, die ich erhielt, und von der Reinlichkeit, die ich nun

hatte, mehr und mehr zu Kräften. Ich schrieb drei Tage lang an einem

ausführlichen Brief nach Hause, und ging oft in das Haus des Kaufmanns,

spielte mit seinem Kind und redete mit den Eltern.

Da der Feldzug zu dieser Zeit noch ganz und gar stockte, waren die

Feinde sehr frech. Ihre reitenden Patrouillen kamen von Norden herunter

und belästigten und überfielen Proviantkolonnen, Patrouillen und

Viehwachen. Sie wagten sich sogar bis dicht an die Hauptstadt, trieben

Vieh weg und erschossen mehrere der Unsrigen. Ich saß oft mit andern zu

Pferde, um sie zu erspähen; aber wir kamen selten einmal zum Schuß.

Ich hatte auch viele Unterhaltung mit Kameraden, die beim Kommando

waren, oder die krankheitshalber, wie ich, in Windhuk waren, oder

die ab- und zugingen, und mit den Buren, welche der Gouverneur als

Frachtfahrer angenommen hatte, und mit den Farmern, die aus dem

Buschfeld hierher geflohen waren. Es gingen unter allen diesen

verschiedenen und von allen Seiten zusammengekommenen, ab- und

zugehenden Menschen die wildesten Gerüchte hin und her. Denn wie

überhaupt zu Kriegszeiten verworrene Gerüchte immer neu aufsteigen

und von den erregten Gemütern geglaubt und weitergetragen werden,

so ist besonders Südafrika, vom Kongo bis zum Kap, wegen seines

erst werdenden und unruhig und rasch sich entwickelnden politischen

Daseins, wegen der vielen gegeneinander streitenden Interessen der

Rassen und der Unternehmungen, und wegen der ungeheuren Entfernungen

und unzähligen faulen Stunden, welche das Trekken mit Ochsen mit sich

bringt, von einem ungeheuren Klatsch übersponnen. Man mag sagen, daß es

in Südafrika hergeht wie in einem großen Neubau, in dessen sämtlichen

Räumen die Handwerker klopfen, hämmern und reden. Es hallt hell und

laut durch die großen, leeren Räume.

Aber gerade nach solchen Unterhaltungen ging ich gern allein auf die

Veranda und sah nach Westen ins weite Land hinaus und sah die Sonne

versinken. Und wie sie sank, sah ich alsbald oben vom Himmel herunter

leichte, weite Wolken fallen, die waren ausgebreitet wie ein Gewand.

Und ich sah das Gewand langsam vor der Sonne niedersinken bis zur Erde,

und sah, wie die vergehende Sonne alle wunderbaren Farben darauf malte,

die es gibt. In zarten Streifen glitten sie nebeneinander zur Erde

herab. Seitwärts aber, nach Süden zu, glänzte ein mächtiges Gebirge von

nacktem Stein; es glänzte wie Metall; da aber, wo das scheidende Licht

nicht mehr hinkam, drohte es hart und finster. Ich stand und sah es

immer mit neuem Wundern, bis das ganze schöne Bild verblich und rasch

die Nacht kam und die Sterne. Und die Sterne waren auch schön. Wie

wunderbar heiß glühten sie am tiefschwarzen Himmel! Aber ich dachte bei

aller Pracht des Tages und der Nacht: ›Ach, Afrika! Wär' ich zu Hause!‹

[Illustration]

XII

Am Anfang der vierten Woche merkte ich, daß ich meine volle Gesundheit

wieder hatte; da ekelte mich das faule Leben. Gerade in dieser Woche

rüstete sich der Oberleutnant, nach Norden zur Front zu gehn. Da sagte

ich ihm, was ich auf dem Herzen hatte: daß ich den neuen Feldzug

gern mitmachen und mit ihm hinaufziehn möchte. Er fuhr nach seiner

Gewohnheit auf und schalt mich: »Was? Was willst Du mit mir laufen? Wo

sind denn die andern?« Ich sagte: »Ein Drittel von uns ist tot; das

zweite Drittel ist krank und verwundet; das dritte ist hier und da

zerstreut auf Etappe.« Er sah mich in Gedanken an und sagte: »Ihr armen

Kerle! Ihr wart so schmuck und so protzig, als Ihr ankamt, und habt

nichts erlebt als Not und Tod. Bist noch nicht satt davon? ... Nun,

komm' mit! Ich bring' Dich wohl unter.« Da freute ich mich sehr und

besorgte mir allerlei Kleinigkeiten. Am dritten Tag reisten wir ab.

Wir kamen nach einer eintägigen Bahnfahrt, nach der Küste zu, auf der

großen Bahnstation an, wo alle Bedürfnisse des neuen Feldzugs, die

von der Küste her kamen, aufgestapelt wurden: Pferde von Argentinien,

Ochsen und Wagen von Kapstadt, Pferde, Munition, Bekleidung,

Konserven, Lazarette von Deutschland. Als ich vor fünf Monaten von

der Küste her durch diesen Ort gekommen war, hatte er aus fünf oder

sechs Wellblechhäusern bestanden; jetzt war er ein Heerlager. Im

Bahnhofsgebäude, wo die Kommandantur und die Post war, liefen Offiziere

und Ordonnanzen und Depeschenboten, die meist noch nicht im Buschfeld

gewesen, alle noch ziemlich sauber, aus und ein. Ein Haufe von jungen

Offizieren und Mannschaften war dabei, Pferde und Maultiere, die eben

erst von Argentinien angekommen waren, zuzureiten oder ans Geschirr zu

gewöhnen. Ich habe niemals in meinem Leben einen Menschen so wettern

und schelten hören, wie einen Leutnant, der mit zwanzig Mann, alle

in Hemdsärmeln, mit langen Stricken in den Händen, zwischen einem

Haufen von Maultieren arbeitete, die fast so aufgeregt waren wie die

Hemdsärmligen. Batterien standen in Reih und Glied: es wurde an ihnen

geputzt, geübt, gespannt. Vor einigen langen Zelten, in denen ungeheure

Mengen Lebensmittel aufgestapelt waren, hielten mächtige Kapwagen und

bekamen ihre Lasten. Schwarze Treiber kamen wild schreiend mit den

langhörnigen Ochsen von der fernen Weide und schirrten sie an, zwölf

Paar vor jeden Wagen. Der Bur, der Besitzer von Wagen, Ochsen und

Treibern, setzte sich auf die grellbemalte Kiste, die vorn im Wagen

stand oder nahm selbst die lange Peitsche. Die Begleitmannschaften

traten an. Dann ging es mit lautem Hott und Hü, in großer Staubwolke,

nach Norden aus dem Lager. Von der großen Stellmacherei und Schmiede

her klopfte und klang es bis in die Nacht hinein. Von den Kantinen her

kam lautes Lachen und Reden.

Von der Front, von Norden her, kamen täglich Leerkolonnen; sie brachten

meist einige Kranke von daher mit. Als ich an einen Wagen, der gerade

ankam, herantrat, war der Arzt schon hineingestiegen und redete einen

Kranken an. »Na, mein Junge, wie geht's denn? Na ... nun antworte

doch! Du kannst doch sagen, wie es geht?« Da wandte er sich zu dem,

der daneben lag: »Nu, warum sagt er denn nichts?« Der raffte sich aus

seiner Wirrnis auf und sagte auf plattdeutsch: »Hee's dood.« Der Arzt

drehte sich um und fragte die Bedeckung: »Warum habt Ihr ihn nicht

unterwegs begraben?« Sie sagten: »Wir mochten ihn da nicht allein

liegen lassen; wir hatten auch keine Zeit, ihn ordentlich zu begraben;

die Schakale hätten ihn wieder ausgebuddelt.« Die Lebendigen lagen

neben dem Toten, meist besinnungslos, oder doch halb von Sinnen, auf

dem harten Wagenbrett, in Stiefeln und Uniform, das Gewehr und den

Schlapphut neben sich, mit tiefen und blauen Augenhöhlen, Lippe und

Zunge vertrocknet. So waren sie acht Tage unterwegs gewesen.

Das Lazarett war eine lange Wellblechbaracke. Ich hörte, daß ein

Bekannter aus Itzehoe dort läge, und ging hinein, ihn zu besuchen. Die

Typhuskranken lagen, jeder unter einem rund gespannten Moskitonetz,

wie ein kleines Kind in seinem Wagen, Reih an Reih, dicht an dicht.

Einige lagen stumm mit geschlossenen Augen, blaß und eingefallen; andre

ermunterten mit klarer Stimme ihr Pferd, oder sahen Feuerschein oder

riefen Kommandoworte, jeder in der Mundart seines Stammes, plattdeutsch

oder sächsisch oder bayrisch; andre waren in der Genesung, lagen

bleich, und verfolgten mich mit ihren Augen; einer nickte mir zu. Der

Itzehoer war ohne Besinnung. Als ich wieder hinausging, atmete ich

hoch auf und war lange bedrückt. Es war da eine Fahne am Lazarett, die

zog der wachthabende Unteroffizier jeden Morgen hoch; aber es half

ihm nichts: an jedem Vormittag trat ein Lazarettgast an ihn heran und

machte ihm eine kurze Meldung; dann sank die Fahne.

Am vierten Tag zogen wir mit einer Proviantkolonne von sechs Kapwagen,

mit Buren, Treibern und Ochsen ab, die der Oberleutnant führte. Als

Bedeckung begleiteten zehn Mann den Zug, alle beritten. Ich hatte die

Verantwortung für drei Wagen und ritt einen dunkelbraunen Argentinier,

der zwar mager war, aber gut bei Kräften.

Gerade als wir unter Peitschenknallen und großem Hallo der Treiber

zwischen den schwerfällig schwankenden Wagen nordwärts aus dem Lager

ritten, war es einer Patrouille des Feindes gelungen, das weite,

trockene Grasfeld des Berges, der sich östlich von der Station erhebt,

in Brand zu stecken, um uns die gute Weide zu nehmen. Der ganze

weite Berg lohte von rotem züngelndem Feuer. Im Sturm überwarf es

das Buschfeld mit fliegendem rotem Netz; in breiter Front kroch es

langsamer in die Ebene hinab. Das ganze Lager stand und sah hinüber,

wunderte sich über das Schauspiel und schimpfte über den Schaden, den

der Feind uns antat.

Gleich der erste Tagesmarsch war sehr anstrengend. Bald ging es durch

grundlosen Sand, bald über holprigen Steinboden. Viel gefallenes Vieh

lag stinkend dicht an der schmalen Wegspur, als Gerippe, oder halb

aufgefressen oder im Anfang der Verwesung. Aasgeier kreisten über uns

und Schakale heulten im Busch. Wir rasteten abends neben einer kleinen

Kirche, die voll von Kranken war. Im Hause des Missionars war alles

kurz- und kleingeschlagen, nur über der Tür der Stube hing noch ein

Stück Pappe mit den Worten: »Liebet Eure Feinde!« Auf dem kleinen

Kirchhof unweit der Kirche lag eine ganze Reihe der Unsrigen, in den

letzten paar Monaten hier begraben. Auf dem Grab eines Hauptmanns lag

ein Palmenwedel, der wohl drei Meter lang war.

Peter Moors Fahrt nach Südwest: Ein Feldzugsbericht · 第 5 / 10 段