An diesem Abend vermachte mir Behrens für den Fall, daß er fiele, seine

Pistole, die er sich von Kiel mitgenommen hatte, und ich vermachte ihm

dafür meine Uhr mit Kette, die ich mir als vierzehnjähriger Junge mit

freiwilligem Helfen in der Werkstatt verdient hatte. Der Einjährige

Otto Hargens aus Ditmarschen, der an diesem Abend Unteroffizier wurde,

ein munterer Junge, war Zeuge.

Am andern Morgen, als es noch dunkel war, machten wir mitten im Lager

von trockenem Dornbusch ein schönes Osterfeuer und standen darum und

sahen hinein und waren doch froh, daß wir das Leben noch hatten,

obwohl es ein so schmutziges und freudloses und mühseliges war, und

dachten an die Heimat, wie Mutter nun die Sonntagskleider ausgab, und

die Stube so blank war, und der Morgenkaffee so festlich, und die

Kirchenglocken über die Häuser hinriefen.

Um diese Stunde, im Morgengrauen, zog ein großer Haufe der Feinde

wirklich nach Osten zu; aber nicht, um in die Wüste hinein

durchzubrechen, sondern um an einer besonders buschigen Stelle des

Weges, die wir heute passieren würden, auf uns zu lauern.

Gegen sechs Uhr, als die Ostersonne hell und klar heruntergekommen

war, brachen wir auf. Wir zogen aber so: Voran die kleine Reiterschar,

die wir noch hatten, auf abgemagerten, verwundeten und zottigen

Pferden; dann marschierte eine Kompanie. Dann kamen unsere Kanonen.

Dann kam wieder eine Kompanie. Dann kamen unsere fünfzig Wagen mit je

vierundzwanzig Ochsen bespannt. Dann kam meine Kompanie. Ich ging im

ersten Zug. Hinter unserm Zug marschierte, als die letzten der ganzen

Kolonne, in einem Abstand von ungefähr dreihundert Meter, ein halber

Zug. Die ganze Marschkolonne war fünf Kilometer lang. Man konnte in

dem dichten, schmalen, staubigen Weg, der sich in Biegungen durch den

dichten Busch wand, immer nur einen kleinen Teil davon sehen. Man

hörte nur aus dem Peitschenknallen und dem Schreien der schwarzen

Treiber: Wörk! wörk! Osse! wie der Zug weiter ging.

Ich ging so in Heimatgedanken vor mich hin, ging durch unser ganzes

Haus, und ging vor die Tür, und sah die Straße entlang, wo die Leute

zur Kirche gingen, und kehrte mich um und ging in die Küche, wo Mutter

die Schwestern besah, ob sie ordentlich waren zum Kirchgang. Wie war da

alles friedlich und rein und schön. Und ich zog hier in fremdem Land,

fern von der Heimat, mitten unter wilden, heidnischen Feinden, müde,

hungrig und in schmutzigen Lumpen. So sann ich. Ich glaube, ich hörte

die Osterglocken, wie sie mit schwerfälligen Stößen über die Stadt

wankten.

Da fielen nicht weit hinter mir zwei Schüsse. Ich wachte auf; aber ich

dachte gleich, es wäre ein Offizier, der in den Busch gegangen und auf

ein Stück Wild zum Schuß gekommen war.

Wir zogen weiter. Aber im nächsten Augenblick, während nun hinter

uns Schuß auf Schuß fiel und wir uns umdrehten, das Gewehr schon zur

Hand, kam ein Mann atemlos, lief an uns vorüber nach vorn und rief:

»Die Nachspitze hat Feuer.« Im nächsten Augenblick riefen schon die

Offiziere, in die Büsche vorzudringen. Ich lief schon mit Gehlsen und

Behrens in den Busch, und dann, in der Richtung des Weges, den wir

gekommen waren, auf die Schüsse zu. Ich drang ein wenig so vor. Da sah

ich vor mir, zwischen den Büschen, zwei Rauchwolken aufsteigen, riß das

Gewehr an die Backe und schoß im Stehen. Im selben Augenblick sah ich

zur Seite etwas schwer nach vorn fallen, wie ein Pfahl umfällt. Als ich

meinen Schuß getan, sah ich Behrens da in Krämpfen liegen. Ich sprang

mit andern, die nachkamen, schräg nach vorn hinter den nächsten Busch,

warf mich ins Knie und gab ein heftiges Schnellfeuer nach dem Rauch hin

ab und nach etwas, was unruhig und dunkel hinter dem Buschwerk huschte.

Ich weiß nicht, wie viel Schüsse. Da fiel mein anderer Kamerad, der

neben mir kniete. Im Fall entfiel ihm das Gewehr; er stöhnte und

jammerte laut auf. Ich warf mich ganz hin und schoß schnell weiter,

um meine Kameraden aufmerksam zu machen, wo ich in großer Bedrängnis

läge. So war es abgemacht worden. Die sprangen auch heran und warfen

sich hier und da hin und schossen wie ich, gegen Feinde, von denen wir

nichts sahen, als hier und da zwischen Büschen ein Wölkchen Rauch. Wir

lagen wie Bäume. Dicht neben mir lag ein Unteroffizier, dem der linke

Arm schwer blutete. Er hatte das Gewehr auf einen dürren Ast gelegt und

feuerte in kurzen, ruhigen Abständen. Die Kugeln kamen von vorn und von

beiden Seiten. Nun sah ich auch etwas Fremdes herankommen. In Klumpen

lag und kniete und schlich es zwischen den Büschen. Ich sah keinen

einzelnen; nur eine Masse. Es kam ganz nah. Die Kugeln splitterten um

mich im Buschwerk. Ich schrie so laut ich konnte: »Hierher! Hier!«

Ich glaube fast, daß wir an unserer Stelle uns so gehalten hätten,

bis Verstärkung gekommen wäre. Aber da kam der Ruf des Hauptmanns:

»Sprungweise rückwärts.« Ich sprang mit vier Nebenleuten auf und lief

um ein oder zwei Büsche zurück und warf mich wieder hin. Drei kamen

wir an; einer wurde im Sprung getroffen und stolperte und fiel hin.

Er versuchte leise jammernd nachzukriechen, konnte es aber nicht.

Ich lag und schoß über ihn weg und rückte ein wenig zur Seite, weil

er im Schmerz beide Arme hob. Wieder sprangen wir auf, und wieder im

Lauf griff mein Nebenmann nach seiner Brust, ließ sein Gewehr fallen,

lehnte sich ein wenig seitwärts nach einem Busch und sagte, mit einem

Blick auf mich, noch im Stehen: »Gib meinem Bruder das Buch,« und

fiel schwer hin und rührte sich nicht mehr. Ich konnte nach dem Buch

nicht suchen; denn in diesem Augenblick sah ich, mich zum Schießen

umwendend, hier und da zwischen den graugrünen Büschen fremde Menschen

in Korduniform wie Schlangen aus dem Gras sich heben, sah um mich und

sah, daß ich allein war. Da sprang ich wieder auf und lief drei, vier

Sätze zu meinen Kameraden zurück, anderen, die nun gebückt vorgingen,

wandte mich wieder um und kniete wieder unter ihnen und schoß; und sah

nicht weit von mir eine schwarze, halbnackte Gestalt, wie einen Affen,

mit Händen und Füßen, das Gewehr im Maul, auf einen Baum klettern,

und zielte nach ihm, und schrie auf vor Freude, als er am Stamm

herunterfiel.

Als ich dann wieder schießen wollte und den Zeigefinger krümmte, war

die Hand plötzlich machtlos. Ich kam in rasenden Zorn und sah in Wut

auf sie. Da sah ich Blut aus dem zerlumpten Ärmel laufen und fühlte

auch, daß der Arm vom Ellbogen herunter naß war. Im Halbkreis um mich

hörte ich ein dumpfes, wildes Schreien und Rufen der Feinde. Es war

niemand mehr bei mir. Da dachte ich plötzlich an das Wort, das mein

Vater so oft zu mir gesagt hatte: »Wenn Du Deine Nase in ein Ding

steckst, vergißt Du darüber alle andern Dinge.« Ich kroch eilig auf

allen vieren zurück, sprang auf und lief geduckt weiter. Da lief noch

einer neben mir, ganz auf der Seite hängend, mit blutigem Leib. Ich

griff im Laufen unter seinen Arm; aber er fiel stöhnend in die Knie und

krümmte sich im Knien. Da nahm ich sein Gewehr, damit es den Feinden

nicht in die Hände fiele. Mein eigenes hatte ich über die Schulter

geworfen. Und lief so weiter und kam durch vordringende Kameraden

hindurch auf eine Lichtung.

Da sah ich den Alten dastehen, straff und ruhig wie sonst, mitten

auf dem Platz; um ihn einige Offiziere und Mannschaften. Von drüben

aus dem Weg brachen Sektionen hervor, breiteten sich nach seiner

Handweisung über die Lichtung rund um ihn aus, warfen sich hin und

schossen gegen den Feind. Hinter den Laufenden kamen die Kanonen

herangejagt und warfen sich auf seinen Wink dicht vor ihm herum und

schossen über die vor ihm liegenden Kompanien weg gegen den Feind.

An einer Revolverkanone entfielen mir beide Gewehre und meine Knie

vergaßen die Kraft und ich sank zusammen. Ich sah verzweifelt auf

meinen blutigen Arm. Im Kauern langte ich nach dem Verbandpäckchen, das

ich im Rockschoß hatte, und bekam es auch zu fassen; als ich es aber

umbinden wollte, stand das Blut nicht. Da half mir ein Matrose. Einige

Verwundete lagen und knieten schon da; andere kamen mit schmerzvollen

Gesichtern angekrochen und legten sich hinter die Kanonen, die mit

Macht feuerten.

Bald darauf, als Munitionswagen und Lazarettkarren herangaloppiert

kamen, stand ich auf und versuchte eine Munitionskiste

heranzuschleppen, die sie mit Äxten aufschlugen. Ich konnte auch eine

Weile mithelfen; ich weiß nicht wie lange. Aber plötzlich lösten sich

wieder die mit Gewalt gefestigten Knie. Da schlich ich mich wieder zu

den andern und saß bei ihnen und hielt mit der linken Hand das Blut

auf und hob zuweilen die Augen und wenn ich sie hob, sah ich nach dem

Alten, der mit seinen Augen die ganze Lichtung absuchte.

So lagen und standen sie im Halbkreis um uns Verwundete und um die

ausgeladenen Kranken, die teilnahmlos mit geröteten Gesichtern unter

ihren Decken lagen, und feuerten heftig gegen die herandrängenden

Feinde. Sie kamen so nah, daß ich sie sah. Sie trugen meist die

Uniform unserer Schutztruppe, andere hatten europäische Sommeranzüge,

einige waren halbnackt. Ihre Glieder erschienen merkwürdig lang,

ihre Bewegungen waren merkwürdig glatt und gewunden. So schlichen,

glitten und sprangen sie durch die Büsche an uns heran. Zwei- oder

dreimal schossen die Artilleristen mit Schrapnells; es rauschte wie

ein Sturzbach durch die Luft; dann prasselte und knatterte es und sie

wichen wieder. So lagen und standen die Unsern zwei Stunden lang um

uns und hielten den wilden Ansturm aus, und konnten keinen Schritt

vorwärtsdringen.

Dann aber drangen sie langsam in dem Busch vor und stießen den Feind

zurück und drangen bis zu der Stelle, wo wir, die Nachspitze, gekämpft

hatten, und hofften wohl, sie würden einige noch lebend finden. Aber

sie waren alle tot und nackend. Sie brachten sie heran und legten sie

in großem Halbkreis unter einen Baum. Ich und andere gingen heran;

ich wollte meine beiden liebsten Kameraden noch einmal sehn. Aber wir

wurden zurückgedrängt, daß wir den Jammer nicht sähen. Einige Kameraden

gruben schon ein Grab; andere verschanzten das Lager. Denn wir wollten

die Nacht hierbleiben.

Gegen Abend, als die Sonne unterging, wurden die Toten in das Grab

gelegt. Zwanzig Mann schossen über ihrem offenen Grab; der Alte sprach

von Vaterland und Gott, und von Tod und Osterglauben. Ich saß wund und

halb von Sinnen bei den Verwundeten, von denen einige, ans Wagenrad

gelehnt, leise redeten, andere mühselig seufzten, andere vor Ermattung

oder Ohnmacht schliefen, einer oder zwei sterbend röchelten. Gehlsen,

der auch einen Fleischschuß im Arm hatte, saß neben mir. Sie brachten

uns ein wenig Reis und einen Kochgeschirrdeckel voll Wasser; das ist

ungefähr ein halber Liter. Ich hätte gern drei Liter getrunken; es war

aber weit und breit kein Wasser. Ich fühlte mich sehr verlassen und

hatte heißes Heimweh.

Es war gut, daß Hansen und Wilkens kamen und mich unterm Arm nahmen

und zu ihren Genossen, den alten Afrikanern brachten und mir heimlich

noch etwas Wasser und noch ein Stück trockenen Pfannkuchen gaben und

eine Decke. Sie waren immer etwas besser versehn, als wir. So saß ich

und hörte mit düstern Sinnen, was sie redeten. Sie sagten, daß das

Gefecht ein kleiner Erfolg gewesen war, da der Feind geflohen wäre;

aber der Erfolg wäre doch wohl zu teuer bezahlt. Sie sagten auch, sie

hätten dem Feind eine so große Tapferkeit nicht zugetraut und hielten

für wahrscheinlich, daß er morgen wieder käme. Ich hörte auch noch, daß

sie über unsere Kranken redeten und sagten, bei solch elender Nahrung

und bei dem verdorbenen Wasser würden noch viel mehr krank werden.

Ich wunderte mich im Halbschlaf, daß sie so viel Wesens von unsern

Kranken machten und nicht viel mehr von den zweiunddreißig redeten,

die unter dem großen Baum in der Erde lagen, und von deren Eltern und

Geschwistern. Ich war müder und müder geworden und hatte mich in die

Decke gewickelt und den brennenden Arm auf die Hüfte gelegt und hörte

nur dann und wann ein Wort, bis alles um mich still schien. Da fing es

wieder an durch die Büsche herzukommen. Im unruhigen Schlaf hörte ich

wieder Schüsse und sah Schwarze rund umher, und sah sie auf die Bäume

steigen, das Gewehr quer im Maul. Die alten Afrikaner standen rund um

mich und trafen mit jedem Schuß. Aber es waren zu viel Feinde, und

einer kam und faßte mich am Arm, und wollte mir die schützende Decke

wegziehen. Da stöhnte ich sehr und erwachte halb, halb schlief ich

noch, und hörte, wie Heinrich Hansen sagte: »Laß ihn da liegen: Ich

brauche keine Decke, ich habe eine Haut von Speck und Dreck.«

Am andern Morgen bekamen wir ein bißchen Reis und ein wenig Wasser.

Dann wurden die Kranken und Verwundeten auf die Wagen geladen; zwei von

ihnen waren ohne Besinnung.

Ich setzte mich auf die Kiste vorn im Wagen, den Arm, in dem es stach

und brannte, in der Binde. Hinter mir lagen in dem langen Kapwagen in

zwei Reihen vier Verwundete und zwei Kranke. Der Schwarze neben den

Ochsen hob seine langen, magern Arme zum ersten langen Peitschenschwung

und schrie die Tiere an. Dann stieß das Wagenrad gegen den ersten

Stein, der in der Spur lag, und fiel herunter, schwer aufstoßend;

hinter mir stöhnte es mühsam. Ich stützte den gesunden Arm aufs

Knie. So ging es vorwärts in langem, langem Zug, Wagen hinter Wagen,

dazwischen eingestreut Kanonen und marschierende Kameraden. Als wir an

dem großen Grab unterm Baum vorüber fuhren, sah jeder noch einmal mit

einem langen Blick hinüber. Die es vergessen hatten, drehten den Kopf

zurück. Ich dachte, als ich vorüber fuhr: ›Wenn Gott mich nach der

Heimat zurückführt und mir langes Leben und Gesundheit gibt, will ich

noch einmal davor stehn und überdenken, ob ich dann in meinen eignen

Augen wert bin, daß ich einst aus diesem Feuerloch lebend heraus kam.‹

Dann lagen sie einsam.

Der eine, der einen Schuß in den Leib hatte, quälte sich langsam und

mühselig dem Tode zu. Am Morgen sprach er noch mit leiser Stimme kurze

Worte, am Mittag nahm er noch ein wenig von dem dreckigen Wasser; bald

darauf röchelte er schwer und war ohne Besinnung. Gegen Abend lag er

mit offenem Munde und gebrochenen Augen; ich merkte aber an dem Heben

und Senken der schmutzigen Wolldecke, daß er immer noch lebte. Einer

von unseren Einjährigen, der Arzt war, kam bei jeder Rast und sah in

den Wagen, und ich sah das helle Mitleid in seinen Augen. Er war nicht

viel älter als ich; es war ihm aber im Busch ein langer, starker Bart

gewachsen.

Als ich gegen Abend aus einem Halbschlaf erwachte, saß einer vom ersten

Zug, ein Rheinländer, neben mir auf der Kiste. Er klagte über Schwäche

in den Füßen und Knien, fühlte sich bald heiß, dann wieder kalt. Er sah

mich aus tiefen, trockenen Augen wunderlich wirr an; aus seiner Stirn

traten große Schweißtropfen hervor. Der Einjährige kam, fühlte nach

seinem Puls, sah ihn mißtrauisch an und sagte so vor sich hin: »Das

ist der Zwölfte in sieben Tagen,« und ging wieder davon.

Gegen Abend erreichten wir unser altes Lager. Da wollten wir nun

bleiben, auf der Lauer liegen und auf Nachricht warten.

[Illustration]

IX

Ich konnte an diesem Abend vor Fieber nicht schlafen. Ich lag mit

offenen Augen neben dem Lazarettzelt und sah zu, wie sie sich um die

Verwundeten und um die Kranken mühten. Sie nahmen eine Zeltbahn und

schlugen sie einmal zusammen und knüpften die offenen Seiten zu und

stopften in diese so entstandenen Säcke das lange, dürre Gras und

legten den Leidenden darauf und taten ihm Gutes so viel sie konnten.

Gegen Morgen kam ein neuer Kranker; er kam mit schleppenden Füßen und

halbgeschlossenen Augen, blaß wie der Tod. Am Vormittag kamen wieder

zwei.

Nun lagen da schon neben siebzehn Verwundeten vierzehn Kranke. Die

Kranken lagen teilnahmlos da, wie von einem Schlag vor den Kopf

betäubt. Wenn man sie fragte, sagten sie, sie fühlten keinen Schmerz,

sie wären aber so matt und so heiß.

In den folgenden drei Tagen wurden weitere zwölf krank. So ging es Tag

für Tag.

Da sagten sie es offen, daß es Typhus wäre. Er war durch die geringe

und schlechte Nahrung und durch das verdorbene Wasser und den Schmutz

und das Frieren in den dünnen, verlumpten Kleidern gekommen.

Wenn wir am Morgen an möglichst großem Feuer, damit wir uns nach der

kalten Nacht wärmten, unsern Kaffee oder unsere Mehlsuppe gebraut

hatten, traten die Kameraden an und übten Griffe, als wenn sie in Kiel

auf dem Kasernenhof wären. Dann schwärmten sie zugweise aus in den

Busch, krochen, schlichen, duckten sich, warfen sich hin und lagen im

Anschlag, zielten gegen die Sonne und mit der Sonne, sprangen auf und

stürmten mit Hurra. Aber die alten Afrikaner höhnten und sagten, sie

schrien nicht »Hurra«, sondern »Hunger«.

Um zwölf kam von den Wagen her die Stimme des Feldwebels: »Proviant

empfangen.« Die Vertrauensmänner rannten hin und kamen mit ein wenig

Mehl in der Zeltbahn und Reis und Salz und ungebranntem Kaffee wieder.

Und dann begann in jeder Backschaft das Feuern und Rühren, Reden und

Raten, Löffeln und Essen. Ich konnte nichts weiter tun als ein wenig

Wassertragen.

Um drei begann wieder der Dienst. Korporalschaftsweise saßen sie in

den Schützengräben und reinigten ihre Gewehre. Ich saß bei ihnen.

Die Unterhaltung ging langsam und träge. Ein trauriges Lied wurde

angestimmt: Zu Straßburg auf der Schanz', oder: Steh' ich in finstrer

Mitternacht. Aber es klang stumpf und verstummte bald.

Abends dunkelte es rasch. Wir saßen im Windschutz der aufgestellten

Zeltbahn, redeten von diesem und jenem und sangen ein Lied. Vom Zelt

des Alten her kam eine helle Stimme, ein Scheltwort oder ein Lachen.

Aus der dunklen Öffnung des langen Lazarettzeltes blinkte das irrende

Licht des Wärters, der von einem zum andern ging. Hier und da glimmte

noch aus einem Feuerloch ein Schein empor. Unter einem Baum saßen die

schwarzen Ochsentreiber und sangen leise und mehrstimmig einen Choral,

den die Missionare ihnen beigebracht hatten. Der Offizier vom Dienst

kommt von den Unteroffiziersposten, die rund ums Lager stehen, ruft den

Schwarzen kurz zu, den Mund zu halten: »~Will jelle slap?!~« und geht

in sein Zelt.

So verging ein Tag nach dem andern. Wunderliche Gerüchte gingen immer

wieder neu durchs Lager: tausend Reiter wären von Deutschland her

unterwegs, uns zu helfen; der Gouverneur hätte die Schwarzen in einer

zweitägigen Schlacht geschlagen; es wären unzählige Schwarze getötet

und auf Scheiterhaufen verbrannt worden.

Wohl fünfzigmal kam immer wieder von neuem das Gerede: wir sollten

abgelöst werden und nach Hause. Davon sprachen wir am liebsten. Nach

Hause! Was werden sie zu Hause sagen, wenn wir wiederkommen! Was werden

sie für frohe Gesichter machen! Was werden wir alles zu erzählen haben!

Wenn die ausgesandte kleine Patrouille von fünf, sechs Mann auf ihren

mageren und müden Pferden heimkam, wußte man bald an jedem Kochloch,

was sie ausgekundschaftet hatte, und man stellte große Behauptungen

auf. Jeder war ein Generalstäbler und weiser als alle andern. Und dann,

wenn wir den Feind so oder so geschlagen haben; dann geht es nach Haus!

O, nach Haus! Wir wollten alle, alle nach Haus.

Die drückende Hitze des Tags und die schneidende Kälte der Nacht,

die jämmerliche Nahrung, das erbärmliche Wasser machten immer mehr

Kameraden schlaff, träge und gleichgültig. Wir bekamen alle eine andere

Sprache; ohne Leben, ohne Schwung; wie schlaftrunken redeten wir.

Einige wenige blieben munter. Heinrich Gehlsen kam oft zu mir, mich zu

ermuntern. Er war trotz seiner Armwunde immer tätig, hatte an allem,

was er Neues sah, Interesse: an dem Vogel in der Luft, an der Wolke

am Himmel, an der Sprache der schwarzen Treiber, an dem Fieber der

Kranken. Heinrich Hansen, der alte Schutztruppler, winkte mir zuweilen

heimlich und steckte mir im Schutz des Proviantwagens einen Lappen

kalten Pfannkuchen in die Hand. Der durchgeschossene Arm schmerzte und

fieberte; dazu hatte ich im Leib ein widerlich drückendes Gefühl. Ich

war so matt, daß mir zuweilen am hellen Tage, wenn ich so am Feuerloch

saß und das Leben um mich besah, die Augen zufielen und das Kinn auf

die Brust sank und ich langsam zur Seite fiel und schlief.

Der Gesang im Lager wurde immer, immer weniger, die Unterhaltung

immer mühsamer. Wir wurden immer hungriger, schmutziger, kranker.

Gleichmütig und still sahen wir an jedem Abend einen oder zwei von uns

in ihre abgerissenen, schmutzigen Lumpen und in ihre grauen Wolldecken

gewickelt unten in der fremden, grauen Erde liegen, schwer und müde

hoben die Befohlenen die Arme in die Luft zum Feuern, den Toten zur

Ehre; müde und stumpfsinnig schaufelten sie Erde auf sie und legten

Dornen darauf. Nachts erwachte ich von den müden, wirren Reden der

Kranken und von dem Heulen der Schakale, welche die Gräber witterten.

Als wir vierzehn Tage so gelegen hatten, war es so weit, daß jeder

vierte Mann krank war. In zwei langen Reihen lagen sie auf der nackten

Erde in voller Uniform, eine Zeltbahn über sich gegen den Sonnenbrand.

Sie mußten da in ihrer schweren Krankheit liegen, nicht allein ohne

irgendwelche Medizin, sondern auch ohne Stärkung. Wir hatten nicht

einmal Milch und Eier. Wir hatten nicht einmal ein Stück trockenes

Brot. Wir hatten nicht einmal ein bißchen Reinlichkeit.

Der Alte stellte sich, als wenn er immer guten Mut hätte, und tat alles

für uns, was er erdenken konnte. Mancher hat seine letzte Freude auf

der Erde, ein gutes, munteres Wort, von ihm bekommen. Ich sah ihn oft

aus dem Lazarettzelt kommen und freute mich oft an seinem guten Trost.

Als aber immer mehr von uns krank wurden und immer mehr so gleichgültig

dumpf ihrer Arbeit nachgingen, und immer noch keine Nachricht, oder

Proviant, oder Lazarett kam, da mußte auch er die Hoffnung aufgeben.

Er dachte wohl einmal daran, wieder vorzugehen, aber er erkannte, daß

seine kleine Truppe keinen Heerzug mehr darstellen würde, sondern einen

Krankentransport. Da schickte er Boten an die Hauptabteilung, daß er

ohnmächtig wäre und vom Feind ablassen müsse und dies Hinsterben der

Jugend nicht länger ansehen dürfe und eine bessere Wasserstelle suchen

wollte.

[Illustration]

X

Da packten sie denn, während ich untätig und mit dumpfem, halbwirrem

Kopf mit meinem entzündeten und brennenden Arm am Rad des

Munitionswagens hockte, die Schwerverwundeten und die Kranken auf die

Wagen. Die Gesunden marschierten neben und hinter den Wagen. Wenige

saßen auf müden, zottigen Pferden. So zogen wir bedrückt davon. Ich

saß auf dem Proviantwagen, den Hansen führte. Manche Stunde saßen

wir nebeneinander auf der Kiste, während er aus seiner kurzen Pfeife

rauchte und spärlich dazu redete.

Einmal ging einer im Irrsinn so einfach aus dem Wagen weg in den Busch

hinein und wurde nicht wiedergefunden. Da mußten Wachen um die Wagen

gestellt werden, daß niemand entfloh. Einer der Fiebernden ging mit

dem Seitengewehr auf den Arzt los; ein anderer, der noch in Reihe

und Glied ging, schoß plötzlich wild um sich. Drei von den Kranken

starben unterwegs und wurden im Busch begraben. Der Einjährige war

Arzt, Wärter, Soldat, alles zugleich. Sein Gesicht wurde schmaler und

bleicher; aber sein Bart wurde länger und dichter.

In der dritten Nacht wurden mehrere Ochsen vor dem letzten Krankenwagen

schlapp und einer verendete. Da ließen wir auch unsern Wagen halten,

um ihnen zu helfen. Ich weiß nicht, wie es kam, daß die andern

weiterzogen; sie meinten wohl, die Biwakstelle wäre ganz nah und

wir würden gleich nachkommen. Aber wir hatten eine stundenlange

Verzögerung. Da hielten wir denn auf dem schmalen Weg im Busch in der

finstern Nacht: zehn Kranke mit drei Mann Bedeckung; und die Treiber

behaupteten, sie hätten im Busch Feinde gesehen.

Ich kletterte mühsam in den Wagen und sagte den beiden Verwundeten, die

noch leidlich bei Sinnen und Kräften waren, wie es um uns stand. Sie

richteten sich halb auf und nahmen ihre Gewehre und hielten so mit uns

andern Wache, bis wir weiter fahren konnten.

Am vierten Tag erreichten wir auf unserm Rückzug eine gute

Wasserstelle. Es war da eine kleine, ganz schlichte Kirche, welche

die Mission gebaut hatte, und das halbzerstörte Haus des Missionars;

in diesem Gebäude wurden auf der Erde aus Gras und Decken Lager

bereitet. Die Gesunden lagerten einige hundert Meter aufwärts an einem

Hügel. Da wollten wir nun liegen bleiben, bis die Krankheit unter uns

ausgewütet hatte. Zu der Zeit hörten wir, daß der Feldzug vorläufig

ganz zum Stillstand gekommen wäre, weil der Aufstand für die kleine

deutsche Macht, die zurzeit in der Kolonie vorhanden war, allzumächtig

emporgelodert war.

Peter Moors Fahrt nach Südwest: Ein Feldzugsbericht · 第 4 / 10 段