Müde und gleichgültig zogen wir in den Abend hinein. Ich weiß nicht, ob

wir in diesen Wochen jemals gesungen haben. Oft zogen wir bis in die

Nacht. Wunderlich fahl, wie helle Spinnweben, lag der Mondschein über

dem weiten, buschigen Land; wunderlich wirr und unruhig funkelten die

fremden Sterne. Der Gewehrriemen auf der Schulter drückte; die Füße

stolperten in der unebenen Wegspur; die Gedanken waren langsam und

stumpf.

Wenn wir dann in der Nacht eine Wasserstelle erreicht hatten und

zuletzt ein oder zwei, oder, wenn es hoch kam, drei Kochgeschirrdeckel

voll des schlimmen Wassers ausgeliefert bekommen hatten, waren wir zu

müde, um noch ordentlich abzukochen. Wir rührten ein wenig zusammen,

was wir bekamen, und aßen es halb gar. Es war uns befohlen, das Wasser

erst zum Sieden zu bringen. Aber ich habe gesehen, daß auch die

Offiziere, ja selbst die Ärzte es so wegtranken. Wir waren zu müde und

zu stumpf.

So ging es Tag nach Tag, vier Wochen lang. Das Land war immer eben,

buschig. Wir trafen kein einziges Haus und wir trafen keinen Menschen.

Es war schlimm, daß wir nicht reichlich Proviant mitnehmen konnten.

Dann hätte mancher die Heimat wiedergesehen. Wir selbst merkten es

nicht; aber die Offiziere und Ärzte haben es wohl gesehen, daß wir

allmählich saft- und kraftlos wurden. Wenn wir noch Zeit und Lust

gehabt hätten, ordentlich zu kochen; aber das Wasser war oft so

widerlich, daß es keine Freude war. Und wir mußten noch dazu so sparsam

damit umgehen, daß unsere Geschirre verschmutzten. Ich rieb sie mit

Sand; ich rieb sie mit abgerissenem Gras, aber sie wurden nicht rein.

Es war auch schlimm, daß wir nichts als den dünnen Khakianzug hatten.

Die Beinkleider, morgens im kniehohen, nassen Gras, mittags im heißen

Staub, den ganzen Tag zwischen dornigem Buschwerk, fransten unten

aus und hingen bald in Fetzen. Wenn zuweilen ein Gewitter oder ein

Regensturz herniederging und dann die Nacht kam, fror uns entsetzlich.

Es gab sehr kalte Nächte.

So mußte es kommen, daß wir bald kraftlose Leute wurden. Wir selbst

merkten es nicht. Ich dachte nur zuweilen verwundert: ›Es war doch so

viel Reden und Streiten an Bord! Es waren doch so viele Schelme unter

uns! Wo sind die Narren? Und warum singen wir nicht? Wie ist Behrens

gelblich blaß und mager geworden! Wie liegen dem Unteroffizier die

Augen tief und fiebrig im Kopf! Was haben wir für wunderliche dünne

Bärte, wir jungen Menschen!‹ Es waren viele unter uns, die noch nicht

zwanzig waren.

Einmal trafen wir einen großen Kapwagen. Verlassen stand er auf dem

Weg. Ein Farmer oder Händler hatte entfliehen wollen, hatte seine

wertvollste Habe auf den Wagen gepackt, seine Ochsen davor gespannt,

seine übrige Herde vor sich hergetrieben. Bis hierher war er gekommen.

Seine Knochen lagen von Tieren rein gefressen, seitwärts am Busch

in der Sonne; seine Habe war gestohlen; und rund um den Wagen lag

zerrissen das einzige, was der Feind nicht hatte brauchen können:

Briefe und Bücher. Wir begruben die Knochen im Busch, banden mit

Bindfaden ein Kreuz zusammen und stellten es auf das Grab, und nahmen

einige Briefe und Buchfetzen an uns und lasen darin und warfen sie weg.

An einem andern Tag entdeckten wir, versteckt im Busch neben dem

Weg, auf einer Anhöhe, viele verlassene Hütten der Feinde. Sie waren

wie große Bienenkörbe, im Gerippe aus Ästen und Reisig, mit Kuhdung

beschmiert. Obgleich wir so müde waren, nahmen wir uns doch Zeit, sie

anzustecken, und standen nachher auf einer Steigung unseres Weges und

sahen zurück. Die Glut färbte weithin den Abendhimmel.

Sonst weiß ich nicht, daß uns etwas Besonderes begegnet wäre. Wir

zogen immer auf dem sandigen Weg dahin, in Staub gehüllt. Zu beiden

Seiten war Buschfeld, das zuweilen dünner war, und zuweilen zur Seite

wich, daß es eine stattliche Lichtung gab.

Unsere Reiter, die alten Afrikaner und die Offiziere, ritten oft

voraus, oft stundenweit, und suchten den Feind zu erspähen. Wenn sie

zurückgekommen waren, ging es oft durch die Reihen, und abends von

Feuerstelle zu Feuerstelle: »Wir sind dem Feind nun ganz nah, morgen,

übermorgen treffen wir ihn!« Dann freuten wir uns, und jeder saß und

besah sein Gewehr und untersuchte den Patronengurt. Aber es kam ein

neuer Tag, und noch einer, und wir wurden matter und schlapper und

sahen nichts vom Feind.

So ging es vier Wochen, immer weiter, weiter. Es war schlimm, daß wir

nie aus den Kleidern kamen und uns nie waschen konnten, selten und

unvollkommen einmal das Gesicht und die Hände. Aber schlimmer war wohl,

daß wir uns nie mehr satt essen konnten. Sie hatten es mir übergeben,

den Proviant zu holen: ich brachte immer weniger zum Kochloch. Ein

wenig Reis, ein wenig Büchsenfleisch, ein wenig Mehl, ein wenig Kaffee.

Es gab keinen Zucker mehr. Und dann kam ich eines Tages vom Wagen

zurück: da brachte ich kein Salz mit. Da buk ich Plinsen aus Mehl und

schmutzigem Wasser. Das Wasser, das wir dazu tranken, schmeckte oft

widerlich nach Glaubersalz, oft war es gelb wie Erbsensuppe und stank.

Die Nächte waren kalt.

Ich kann nicht sagen, daß wir immer niedergeschlagen waren. Auch

murrten wir nicht. Wir sahen ein, daß es nicht anders gehen konnte,

und daß die Offiziere alles wie wir ertrugen. Wir waren aber still und

sehr ernst. Wir dachten immer, und damit hielten wir uns aufrecht: »Wir

kommen nun bald an den Feind und schlagen ihn und beenden damit den

Feldzug, und dann ... dann, ach, dann kehren wir nach der Hauptstadt

zurück und bekommen einen neuen Anzug und baden. Wir springen ins

Wasser. Und bekommen ein Taschentuch, ein schönes rotgewürfeltes, ganz

reines, und bekommen einen großen Topf voll schönem Fleisch und eine

Handvoll weißem, körnigem Salz, und einen großen, großen Becher voll

reinem, silberblankem Wasser ... wie das hell leuchtet! und trinken

einen langen, langen Zug, und halten den großen leeren Becher wieder

hin und -- wieder fließt das Wasser hinein -- und trinken und trinken

... Und dann, nach einigen Tagen, fahren wir zur Küste und dann geht es

in die Heimat. Was werden wir alles erzählen aus diesem Affenland!«

Unsere Stiefel gingen entzwei; unsere Beinkleider waren unten nichts

als Fetzen und Lumpen; unsere Jacken bekamen vom Dorn große Löcher und

wurden entsetzlich schmierig, weil wir alles daran abwischten; unsere

Hände waren voll von entzündeten Stellen, weil wir oft in den Dorn

greifen mußten.

Unser Leutnant sprach oft mit uns. »Seid munter!« sagte er. »Wir werden

ein Gefecht haben und die Kerle nach Westen zu der Hauptabteilung in

den Rachen werfen. Und im Juli sind wir wieder zu Hause.« Ich wunderte

mich über ihn, daß er, obwohl er nicht viel älter war als wir, und alle

Beschwerden hatte wie wir, immer gleichmäßig ruhig war, während wir

doch oft unnütz waren und zornig wurden und schimpften. Es kam nicht

davon, daß er mehr gelernt hatte als wir: ich glaube, es kam daher,

daß er ein inwendig gebildeter Mensch war; das heißt: Seele und Geist

in Gewalt hielt, daß sie die Dinge rund um ihn her ruhig, gerecht und

nachsichtig überdachten. Sein Wille wollte so, und da geschah es. Da

habe ich gemerkt, daß Wille zehnmal mehr wert ist als Wissen. Wir

sagten mit keinem Wort, wie viel wir von ihm hielten. Aber wir sprachen

oft von ihm und sahen oft nach ihm hin. Er war ein kleiner Mann und

ritt ein starkes, ostpreußisches Pferd und trug den grauen Filzhut mit

der aufgeklappten linken Krempe immer ein wenig auf dem linken Ohr.

Der Alte kam auch zuweilen zu uns und redete uns an. Dabei sah er

jeden genau an, als wollte er erkennen, ob er irgendeine Not hätte.

Wir fühlten alle, daß er ein kluger und wacher Mann war und daß er

ein mildes, teilnehmendes Herz hatte. Darum fühlten wir uns sicher

unter ihm, wußten auch, daß es nicht anders sein konnte, wie es war

-- sonst hätte er es geändert --, und liefen wie die Hasen, wenn wir

ihm etwa eine Freude machen konnten. Und wenn einer so gelaufen war,

verspotteten wir ihn: »Mensch, was bürstest Du!« Aber wenn die Reihe an

einen andern kam, lief er ebenso.

Zuweilen, wenn wir an unserm Kochloch saßen, machte ich mich davon

und ging zu den alten Afrikanern, die ihr Feuerloch immer an einem

der Wagen hatten, die Sergeant Hansen führte. Dann winkte mir Hansen;

denn er mochte mich leiden, seit ich ihn im Hof der Feste angesprochen

hatte. Sie saßen immer für sich, nicht allein aus Stolz, sondern auch,

weil sie meist fünf oder gar zwanzig Jahre älter waren als wir. Einige

von ihnen waren schon zehn Jahre oder darüber im Lande.

Ich setzte mich still zu ihnen und hörte mit großer Begierde, was

sie miteinander redeten. Zuweilen sprachen sie von den wilden

fünfzehnjährigen Kämpfen in der Kolonie, die sie ganz oder zum Teil

mitgemacht hatten, und von den Kämpfen der letzten drei Monate. Sie

nannten manchen Ort tapferer Tat und manchen wackern Mann, Tote und

noch Lebende. Ich wunderte mich, daß schon so große und harte Dinge von

Deutschen in diesem Lande ausgeführt waren, davon ich nimmer auch nur

ein Wort gehört oder gelesen hatte, und daß schon so viel deutsches

Blut qualvoll in diesem heißen, dürren Lande geflossen war. Sie kamen

auch auf die Ursachen des Aufstandes; und ein Älterer, der schon

lange im Lande war, sagte: »Kinder, wie sollte es anders kommen? Sie

waren Viehzüchter und Besitzer, und wir waren dabei, sie zu landlosen

Arbeitern zu machen; da empörten sie sich. Sie taten dasselbe, was

Norddeutschland 1813 tat. Dies ist ihr Befreiungskampf.« »Aber die

Grausamkeit?« sagte ein anderer. Aber der erste sagte gleichmütig:

»Glaubst Du, daß es ohne Grausamkeit abginge, wenn bei uns das

ganze Volk gegen fremde Unterdrücker aufstände? Und sind wir nicht

grausam gegen sie?« Sie sprachen auch darüber, was wir Deutschen hier

eigentlich wollten. Sie meinten, darüber müßten wir uns klar werden.

»Jetzt stände es so: Es wären Missionare hier, die sagten: ›Ihr seid

unsere lieben Brüder in dem Herrn, und wir wollen Euch diese Güter

bringen: Glauben, Liebe und Hoffnung,‹ und es wären hier Soldaten,

Farmer und Händler, die sagten: ›Wir wollen Euch Euer Land und Euer

Vieh so allmählich abnehmen und Euch zu rechtlosen Arbeitern machen.‹

Das ginge nicht nebeneinander. Das sei eine lächerliche und verrückte

Sache. Es sei entweder recht und richtig, zu kolonisieren, das heiße

entrechten, rauben und zu Knechten machen, oder es sei recht und

richtig, zu christianisieren, das heiße Bruderliebe verkünden und

vorleben. Man müsse das eine klar wollen und das andre verachten, man

müsse herrschen wollen oder lieben wollen, gegen Jesus sein wollen

oder für Jesus. Die Missionare predigten ihnen: Ihr seid unsre Brüder!

Und verwirrten ihnen die Köpfe! Sie seien nicht unsre Brüder; sondern

unsre Knechte, die wir menschlich aber streng behandeln müßten! Diese

sollten unsre Brüder sein? Sie mögen es einmal werden, nach hundert

oder zweihundert Jahren! Sie mögen erst mal lernen, was wir aus uns

selbst erfunden hätten: Wasser stauen und Brunnen machen, graben und

Mais pflanzen, Häuser bauen und Kleider weben. Danach mögen sie wohl

einmal Brüder werden. Man nimmt niemanden in eine Genossenschaft auf,

der nicht vorher seinen Einsatz bezahlt hat.«

Ein älterer Frachtfahrer, der manches englische und holländische Wort

in seine Rede mischte, sagte, es wäre das Beste, wenn die Kolonie an

die Engländer verkauft würde, die Deutschen seien wohl brauchbare

Soldaten und Farmer, aber von der Verwaltung der Kolonien verständen

sie nichts; sie wollten dies und sie wollten das. Ein jüngerer, der

erst drei Jahre im Lande war, sagte darauf: »Es müssen erst tausend

oder zweitausend deutsche Gräber in diesem Lande sein, und die werden

vielleicht noch in diesem Jahre gegraben werden.«

Über diesen Gesprächen wurde es tiefe Nacht und die Feuer glühten noch

wenig und ich sah in ihrem unsicheren Schein die Gesichter, die vom

Brand der afrikanischen Sonne verwittert und dunkelbraun geworden waren.

In diesen schlimmen, heißen Marschtagen und mondhellen, kalten Nächten,

da wir auf der Spur der Feinde mühselig, doch nicht mutlos durch das

wilde, buschige Land zogen, eine Woche nach der andern -- da war kein

Haus, kein Graben, kein Baum, keine Grenze, im Sonnenbrand des Tages

und in dem fahlen Mondlicht der klaren Nächte -- da ich hungrig,

schmutzig und müde neben der sandigen, holperigen Wagenspur dahinzog,

das Gewehr am Riemen über der Schulter, da ich in heißer Mittagsstunde

im Schatten des hohen Kapwagens und in bitterkalten Nächten hungrig und

unruhig in dünner Decke auf der blanken Erde lag und am schönen, blauen

Himmel die fremden Sterne standen: da, glaube ich, gerade in diesen

schweren Wochen habe ich das wunderliche, endlose Land lieb gewonnen.

[Illustration]

VII

Gegen Ende der vierten Woche kamen vorgeschickte Reiter wieder einmal

mit der Meldung, der Feind wäre nahe. Da machten wir ein besseres Lager

als gewöhnlich. Wir stellten unter einem großen Baum das Zelt des Alten

auf und machten einen starken Dornverhau rund um uns und hoben draußen

Latrinen aus, und schliefen die Nacht.

Am andern Morgen in aller Frühe, als ich vom Posten kam, hörte ich,

daß alle unsere Reiter, nicht allein die alten Afrikaner, sondern auch

die meisten Offiziere als Patrouille ausziehn und die Stellung der

Feinde erkundigen wollten. Bald darauf sah ich auch, wie sie sattelten,

und das Maschinengewehr und den einen zweiräderigen Karren mit Ochsen

bespannten. Dann zogen sie, gegen vierzig Reiter, noch in aller Frühe

aus dem Lager. Der Alte mit seiner kleinen strammen Gestalt und

seinem forschen Gesicht ritt mitten unter ihnen. Auch unser Leutnant

ritt mit. Ich ärgerte mich, daß er statt meiner den Unteroffizier

mitgenommen hatte. Doch sah ich ihm nach, bis der schmale Sandweg in

den Büschen verschwand. Er trug den Hut auf dem linken Ohr.

Nachdem sie fort waren, fingen wir eine große Wäsche an, denn es war

an dieser Stelle ziemlich viel Wasser in tiefen Löchern, die in den

hellgrauen kalkigen Boden hinein gegraben waren. Wir machten bei

unserm Feuerloch eine breite Grube, legten eine wasserdichte Zeltbahn

darüber, gossen das Wasser hinein, zogen unsere Lumpen aus und wuschen

und rieben mit großem Eifer. Dann hingen wir sie über die Büsche zum

Trocknen. So verbrachten wir den Tag ein wenig munterer als lange, und

sprachen über unsere Reiter: ob sie den Feind wohl fänden, und wann

sie wohl wiederkämen. Gegen Abend ging ich zu unsern Proviantwagen und

empfing unser Teil für die Backschaft und machte einen Mehlpapp und wir

setzten uns nach unserer Gewohnheit um das Kochloch und aßen.

Als wir noch so saßen, sahen wir plötzlich, wie die nächste Backschaft

die Hälse reckte und aufstand. Zugleich hörten wir ein Rufen vom

Ende her. Da sprangen wir auf und sahen, auf dem Weg her, auf dem

unsere stolze Patrouille heute morgen ausgezogen war, einen einzelnen

Reiter heran galoppieren. Er war vor Anstrengung matt, daß er mit den

schweren Sprüngen des Pferdes hin und her wankte, und das Pferd war

dunkelblank von Schweiß und mit Schaumflocken übersät. Sie halfen ihm

vom Pferde. Sprechen konnte oder wollte er nicht. Der Hauptmann kam aus

dem Zelt und nahm ihn mit sich.

In dem Augenblick kamen, kurz nacheinander, zwei weitere Reiter, alte

Afrikaner. Der eine war ein Schleswiger, ein tüchtiger, ernster Mann.

Sie riefen nach dem Hauptmann und sagten vom Pferd mit schwerer Stimme:

»Über die Hälfte sind tot.«

Da riefen wir durcheinander: »Wer denn? Was denn? Wer lebt denn? Wo ist

der Alte? Ist Peter tot? Ist unser Leutnant tot? Sag' es doch!« Aber

sie sagten nichts. Da kam auch der erste wieder aus dem Zelt und sagte:

»Die Karre wird gleich kommen mit mehreren Offizieren, die verwundet

sind.«

Da machten wir unsere Gewehre bereit, verstärkten den Posten und

schickten einen Zug aus, dem Wagen entgegen, und warteten und brüteten

vor uns hin und sprachen mit leiser Stimme. Wir waren wie auf den Kopf

geschlagen.

Bald hörten wir dann von ferne aus dem Busch Peitschenknallen;

dann sahen wir das weiße Zeltdach des Wagens zwischen den Büschen

schimmern. Das Geschirr der Ochsen war verwirrt; mehrere der Tiere

waren verwundet. Auf der Kiste, mitten im Wagen, saßen die verwundeten

Offiziere, mehrere andere lagen wie tot daneben. Der Alte aber stand

in der Mitte aufrecht. Sein Haar war blutig und sein Gesicht war

bleich. Die Lazarettgäste kamen mit wollenen Decken gelaufen und legten

sie über die Liegenden und trugen sie vom Wagen. Das Blut sickerte in

großen roten Tropfen vom Wagenbrett. Nach geraumer Zeit kamen, nach und

nach, noch fünfzehn, unter ihnen der Sergeant Hansen. Das war alles was

wiederkam.

Ich ging zu meiner Backschaft zurück und saß eine Weile trübsinnig

unter ihnen. Die alten Afrikaner saßen nicht weit von uns. Ich wagte

aber nicht zu ihnen zu gehn; denn sie waren ein kleiner Haufe geworden.

Zuletzt ging ich doch und setzte mich stumm ein wenig zur Seite.

»Er wollte zurück,« sagte Sergeant Hansen und starrte vor sich in das

Feuer. »Aber er hatte einen schlimmen Schuß im Bein. So ist er liegen

geblieben.«

Es wurde ein anderer Mann genannt. »Der hatte Glück,« sagte der

Schleswiger. »Er bekam einen Schuß in die Brust und lag gleich still.«

Ich fragte leise nach unserm Leutnant. »Ich weiß nicht,« sagte der

eine. Der andere sagte: »Er ging zur Seitendeckung in den Busch. Karl

hat ihn da fallen sehn.«

Einer erzählte vom Alten: »Ich höre mein Leben lang in all dem Jammer

und Geschieße seine ruhige Stimme. Es ist ein Wunder, daß er lebend

davon gekommen ist.«

Ein anderer sagte: »Sie haben sich alle gut gemacht. Sie lagen und

standen und sprangen, und lagen todwund, als tapfere Männer.«

Der Schleswiger schüttelte den Kopf und legte die Hand schwer auf sein

Knie: »Daß uns das geschehen konnte!« Sie nannten zwei gute Namen, alte

Afrikaner, die geführt hatten und gefallen waren.

Ich sagte mit starker Stimme: »Es sind merkwürdig viele Tote und wenige

Verwundete.« Aber Hansen sagte: »Sei nicht so dumm. Sie machen keine

Gefangenen. Wir tun's ja auch nicht.«

Dann sprachen sie noch davon, daß wir nun wohl ein Gefecht haben würden

und daß dies Gefecht ein sehr schweres sein würde.

Während ich noch bei ihnen saß und ihnen zuhörte, wurden in der Mitte

unseres Lagers aus großen Pistolen rote und weiße Glühkugeln als

Signale steil in den Nachthimmel hinauf geschossen. Viele standen auf

den Wagen und auf den Ästen der Bäume und sahen über das weite, dunkle,

schweigende Buschfeld, ob von der großen Abteilung eine Antwort käme.

Aber es kam keine.

Als Ruhe im Lager befohlen wurde, ging ich zu meiner Backschaft zurück.

Unser Unteroffizier war nicht wieder gekommen.

Da wurde ich am andern Tag zum Gefreiten befördert. Die Knöpfe, die

Gehlsen mir schenkte, nähte ich mir mit weißem Zwirn an. Schwarzer

Zwirn war nicht da.

Wir lagen noch mehrere Tage an dieser Stelle. Es kamen und gingen

täglich mehrere Male Patrouillen; aber keine hatte vom Feind etwas

gesehen. Auch kam immer noch keine Botschaft oder Signale von der

Hauptabteilung. Wir sprachen viel über unsere Lage, und meinten, der

Feind werde eines Tags, von der Hauptabteilung bedrängt, mit seinen

Tausenden nach Osten zu auf uns los kommen und uns überrennen, um in

die Wüste durchzubrechen. Das mochte wohl ein schwerer Stand werden.

Nach einigen Tagen wurde das Wasser knapp und schlecht. Wir brachen

also am Nachmittag auf. Wir marschierten mit großer Vorsicht; denn es

war anzunehmen, daß der Feind, der wegen seiner großen Viehherde viel

Wasser brauchte, die nächsten Wasserlöcher, die sehr reichhaltig sein

sollten, innehätte und hart verteidigen würde. Einige Sektionen mußten

also zu beiden Seiten ausschwärmen und geduckt zwischen den Büschen

vorschleichen, das Gewehr in beiden Händen bereit. Dazu wurde auch ich

kommandiert.

Da unser Haupttrupp auf dem hindernislosen Weg rasch vorwärts kam,

hatten wir, die wir immer vorn zur Seite sein mußten, tüchtig zu

laufen, zu schleichen, zu bücken, zu springen, immer Fühlung zu halten.

So ging es durch sieben Stunden. Als ich abgelöst wurde, war ich

todmüde, meine Stiefel, die schon seit vierzehn Tagen vorn zerrissen

waren, hatten lose Sohlen. Meine Füße waren wund. Im Weitermarschieren

band ich mir die Sohlen mit Riemen aus frischer Ochsenhaut und zog mir

starke Dornen aus Händen und Armen.

Wir gingen bis in die tiefe Nacht hinein, die besonders dunkel war.

Mitten in der Nacht kam von der Spitze her plötzlich Befehl, Halt zu

machen und aufzurücken. Auch die Wagen fuhren in großer Eile auf und

zusammen. Im Viereck knieten wir um sie, das Gesicht nach draußen, das

Gewehr bereit. Wir meinten, nun käme der Ansturm. Wir gierten alle

danach. Aber es kam nichts, und bald hieß es: »Gewehre zusammenstellen

und Decken empfangen!« Da stellten wir Posten auf und lagerten dort die

Nacht.

Früh am andern Morgen zogen wir unbehindert weiter und kamen gegen

Mittag an die Wasserstelle. Es war ein ziemlich großes, von kalkiger

Erde weißliches Feld; in mehreren tiefen Löchern war ziemlich viel

gutes Wasser. Da lagerten wir.

Am andern Morgen zog unsere Kompanie aus, um die Stelle zu suchen, an

der unsere große Patrouille gefochten hatte und zur Hälfte vernichtet

war. Nach einem langen, beschwerlichen Marsch durch dichten Busch, an

mehreren flachen Teichen vorbei, die gutes Wasser hatten, sahen wir

über dem Buschfeld gegen Mittag unendlich viele Geier und Adler in

der Luft schweben und auf Bäumen sitzen. Wir gingen darauf zu, und

kamen an eine lichte Stelle, die am andern Ende eine kleine buschig

werdende Anhöhe sanft hinauf lief, auf welcher, schon im Busch ziemlich

versteckt, verlassene Hütten der Feinde standen. An dieser Anhöhe, vor

den Hütten des Feindes, lagen viele Leichen der Unserigen im hohen,

dürren Gras, nackt, verstümmelt und zerfressen. Viele von uns waren

still; andere knirschten mit den Zähnen und ballten die Hände und

fluchten; andere spotteten und sagten: »Wie lange wird es dauern, dann

liegen wir auch so. Dann haben wir keine Not mehr.«

Wir stellten Wachen rund um uns in den Busch und fingen an, die andern

Toten zu suchen, besonders die, welche in den Busch ausgeschwärmt und

dort gefallen waren, und fanden sie alle. Da gruben etliche Gräber,

andere flochten aus dem dürren Gras Kränze, andere machten aus

Holzstücken Kreuze, andere kappten mit ihren Messern und Seitengewehren

die hornharten Dornbüsche. Dann legten wir die Toten in ihre Gräber,

schaufelten sie zu und legten die abgehauenen dornigen Äste als einen

Verhau darüber, damit die wilden Tiere und Menschen sie in Ruhe ließen,

und zogen wieder nach dem Lager.

[Illustration]

VIII

An diesem Abend oder am andern Morgen kam eine Patrouille mit der

Nachricht zurück, daß es den Anschein hätte, als wenn die Feinde

südlich von uns nach Osten durchbrechen wollten. Da diese Bewegung

unsere Etappenlinie bedrohte, und da überdies immer noch keine

Nachricht von der Hauptabteilung ankam, und wir ohne sie mit unserm

kleinen Haufen dem Ansturm der Tausende schwerlich standhalten konnten,

beschloß der Major, etwa drei Tagemärsche zurückzugehen und dort an

unserer alten Wasserstelle, in einem befestigten Lager auf der Lauer zu

liegen und auf Nachricht zu warten.

Also machten wir uns denn auf den Rückzug.

Wir waren alle unmutig; viele waren müde und stumpf. Als wir aber nach

einigen Stunden an einen großen, schönen Wald kamen, dessen Bäume wie

deutsche Eichen aussahen, wurden wir sehr an die Heimat erinnert, und

wurden, während wir hindurchzogen, ein wenig lebhaft und munter. Wir

kamen dann durch das sandige, trockene Bett eines Flusses, das einen

Meter tiefer lag, als seine Ufer. Dann ging es wieder durch ziemlich

enge Buschwege.

Als wir an diesem Abend lagerten, sahen wir endlich nach Südwesten zu

Signale. Sie leuchteten in weißen und roten Raketen fünf- oder sechsmal

auf und erregten und ermunterten uns. Wir dachten, daß es Signale der

Hauptabteilung wären und daß wir nun doch noch wieder und auf den Feind

losgehen würden. Später, nach Wochen, erfuhren wir, daß der Feind

es war, der einige Raketen, die er bei unsern Toten gefunden hatte,

spielenderweise abgeschossen hatte.

Wir waren an diesem Abend stiller als sonst. Es war Osterabend.

Peter Moors Fahrt nach Südwest: Ein Feldzugsbericht · 第 3 / 10 段