endlich, nun wir zuerst die aufsteigenden Dünen, dann das wilde
Gebirge hinter uns hatten, müßten die wunderschönen Palmenhaine kommen.
Aber was wir sahen, war eine weite, weite Hochebene von rötlichgelber
Erde, dürftig bestanden mit grobem, gelblichem, trockenem Grase, das
kniehoch wie dünner Roggen wehte. In dem Grase standen verstreut, bald
lichter, bald dichter, feste, dornige Büsche, anfangs nur mannshoch,
dann drei und vier Meter hoch. Sie standen zuletzt so dicht, daß sie
mit den Kronen aneinander stießen. In der Ferne sah man aus dieser
weiten, weiten Ebene, hier und da, plötzlich einzelne hohe Bergkegel
steil aufsteigen. Einmal, zweimal sahen wir vor uns, in weiter, weiter
Ferne, ein wenig über der Ebene, in der heißen, zitternden Luft
flimmernd, das, was wir zu sehen begehrten: hohe, fruchtbare Bäume und
blaue Flächen wie Wasserteiche. Aber sie verschwanden wieder und waren
Nebelbilder.
Obgleich wir mit dem, was wir sahen, lange nicht zufrieden waren,
wurde unsere Stimmung doch etwas besser. Es gab immer etwas zu sehn.
Ein fremdes rehartiges Tier jagte in Rudeln durch das lange, wogende,
gelbliche Gras; ein unbekannter bunter Vogel, papageienartig, flog auf.
Die runden, spitzen Bergkegel standen scharf in der Sonne; genau sah
man an ihrem Abhang und zu ihren Füßen klippige Felsenhaufen, welche
von ihren Höhen hinabgestürzt waren. Je weiter wir kamen, wurden Gras
und Buschwerk ein wenig saftiger, und das Bild ein wenig freundlicher.
Alles, was wir sahen, das Nahe und Ferne, stand scharf in der wunderbar
klaren Luft.
Wir waren ein wenig muntrer geworden, trotz unseres Durstes; da
kamen wir zu der ersten Haltestelle, welche die Schwarzen zerstört
hatten. Sie hatten das bescheidene Haus ausgebrannt, das Wellblechdach
heruntergerissen, den kleinen Hausrat zerschlagen, den Rest
mitgenommen. In dem schmalen, dürftigen Garten, dem man noch ansah,
mit welcher Mühe deutsche Hände ihn in dem dünnen Erdreich gepflegt
hatten, lag ein Haufe weißer Steine. Darunter lag, einen Meter tief
in dem dürren Land verscharrt, der Streckenwärter mit seiner Frau,
von den Schwarzen überfallen und erschlagen. Die fünf oder sechs
Matrosen vom Habicht, welche die Haltestelle zurzeit besetzt hielten,
hatten aus Kistenholz ein Kreuz zusammengenagelt und mit stumpfer
Bleifeder die Namen der Erschlagenen drauf geschrieben und darunter:
Fielen von Mörderhand. Die Fensteröffnungen hatten sie mit blechernen
Zementfässern und mit Säcken voll Sand verschanzt.
Die Matrosen waren sehr ernst und still. Ihre Uniform war schmutzig und
ganz zerschlissen. Einer trat an den Wagen heran, in welchem ich saß,
und sagte: »Ihr werdet noch viel Arbeit bekommen. Wir sind seit drei
Wochen nicht aus den Kleidern gekommen.« Ich sagte: »Wir wissen wenig.
Wie steht es?« »Wie es steht?« sagte er. »Wir haben schwere Verluste
gehabt.« »Tote?« sagte einer von uns. »Tote?« sagte der Matrose
verwundert. »Wir haben in den letzten Wochen wieder über vierzig Tote.
Sie schießen gut und mit guten Gewehren, nämlich mit denen, die wir
ihnen verkauft haben, oder die sie unseren Magazinen oder unseren Toten
abgenommen haben.« »So! so!« sagten wir. »Ich will Euch wünschen,«
sagte er, »daß Ihr alle wieder zu Muttern kommt.«
Die Tagfahrt war wieder lang und durstig; und die Glieder waren ganz
zerschlagen. Gegen Abend kamen wir an einen größeren Bahnhof und
schliefen in einer Baracke aus Wellblech an der Erde, in unsere Decken
gewickelt, den Tornister unter dem Kopf. Als ich am frühen Morgen,
bevor der Tag graute, erwachte und mein Nebenmann, ein kleiner, stiller
Thüringer, es merkte, sagte er leise zu mir: »Ich weiß nicht, was
das werden soll, wenn ich nicht wieder nach Hause komme. Ich bin der
Älteste und habe fünf Geschwister, und mein Vater ist kränklich; wenn
der Alte stirbt, muß ich zu Hause sein und für alle sorgen.« Ich sagte:
»Du wirst wohl wieder heim kommen.« »Das muß ich,« sagte er. Dann
lag er still. Als ich den Kopf ein wenig zur Seite wandte, sah er mit
scharfen Augen nach oben. Ich glaube, daß er das Wellblechhaus, gegen
das er blickte, gar nicht sah, sondern er sah Stube und Stall seines
Elternhauses.
Als ich an diesem Morgen von ungefähr um das Bahnhofsgebäude herumging,
sah ich die ersten Feinde, einen Gefangenen und sein Weib. Er war
ein langer Mann von starkem und stolzem Körper, halbnackt, mit einem
gedankenlosen, gleichgültigen Ausdruck in dem ruhigen und finsteren
Gesicht. Das Weib war ältlich und sehr häßlich.
Am andern Mittag ging die Fahrt weiter, immer weiter durch das ebene
Land, das nur etwas fruchtbarer war und etwas dichter mit dem gelben,
langen Gras und den Büschen, und nun auch einzelnen Bäumen, besetzt
war; aber es war doch alles graugrün und dürr. Die Haltestellen, an
denen wir vorüberkamen, waren fast alle zerstört, neben mancher lag ein
Haufe weißer Steine, welcher ein Grab bedeutete. Mitten in der nächsten
Nacht kamen wir an ein großes Bahnhofsgebäude, dessen Fenster bis zu
Schießscharten vermauert waren. In drei, vier Wellblechschuppen war
viel Proviant aufgehäuft. Im viereckigen Hof einer Feste, die da war,
bekamen wir endlich eine ordentliche Mahlzeit, nämlich Erbsensuppe mit
Fleisch und Reis.
Am andern, dem vierten und letzten Tag der Fahrt, wurde das Land noch
fruchtbarer und freundlicher. In der Nähe und Ferne standen zuweilen,
in hohem Gras oder Buschwerk, in Gruppen starke Bäume, die wie Eichen
aussahen. Dazwischen lief ein breiter Streifen gelben Sandes, das
ausgetrocknete Bett eines Flusses. Da waren im Dezember vorigen Jahres,
drei Tage lang, Wellen entlang getanzt; man sah noch im Sande ihre
Sprünge; aber nun war und blieb es auf ein Jahr, vielleicht auf drei,
ganz und gar trocken. So waren alle Flüsse im Lande, die wir getroffen
haben: Sandstreifen waren sie, einen oder einen halben Meter niedriger
als die Ebene.
Mir gefiel diese Landschaft, durch die wir an diesem vierten Tag
fuhren, ziemlich gut. Eine kleine und größere Art von Antilopen, Rehen
ähnlich, liefen zuweilen allein oder in Rudeln, behende über die Blößen
im Busch. Fremdartige Vögel, etwas größer als Rebhühner, grau und
weiß gesprenkelt, flogen über die Büsche hin und ließen sich nieder.
Baumgruppen standen stattlich und schön in dem weichen Grün; von fern
schauten grüne Bergabhänge nicht unfreundlich herüber. Aber meine
Kameraden mochten das Land nicht leiden; ich glaube, es war ihnen nicht
fremdartig, nicht wunderbar genug. Sie wollten, daß Afrika ganz, ganz
anders aussähe als die Heimat.
Am Nachmittag kamen wir in der Hauptstadt an. Sie ist eine kleine
Stadt, sehr weitläufig und ganz unregelmäßig gebaut. Hier und da
zerstreut stehn ihre plattdachigen, weißen Häuser auf sandiger, grauer
Erde; dazwischen stehn vereinzelt dürftige Bäume. Wir keuchten in
voller Bepackung durch Sand und Sonne zu der Feste hinauf, die auf
einem mäßigen Hügel lag. Im Hof der Feste, der voll von buntem Leben
war, traten wir auseinander.
Was war das für ein Leben, das nun anging! Wir hatten vier Tage lang
die Kleider nicht ausgehabt und uns nicht gewaschen. Wir hatten auch
drei Tage lang keinen tüchtigen Schluck Wasser getan. Nun waren da
Hähne an der Mauer des Hofes, aus denen warmes, fast heißes Wasser
lief, das aus dem Berg kam. Wie rasch warfen wir unsere Kleider ab! Und
wie fröhlich wuschen und spülten wir uns! Und wie rasch vergaßen wir
Durst und Schmutz! Und wie neugierig sahen wir uns um!
Es gingen da Schutztruppler in ihrer Korduniform, braunsamtener Rock
und Pluderhose und Reiterstiefel. Dazu grauer Schlapphut. Sie waren
meist schon jahrelang in diesem Lande. Krank oder verwundet, oder
bestimmt, uns als Landeskundige an den Feind zu begleiten, gingen sie
mit Muße oder geschäftig hin und her. Diese redeten wir an, während wir
uns wuschen, und fragten sie, wie es mit der Sache stände. Sie waren
etwas steif, wie alte Feldsoldaten immer sind, besonders, wenn man
dumm drauf los fragt, wie einige von uns taten. Als ich aber einen von
ihnen, einen Sergeanten, mit Respekt und Verstand anredete, erzählte
er von der Grausamkeit der Feinde gegen die Farmer, von den schweren
Verlusten in den letzten Gefechten, von der Stellung der Feinde. Da
traten viele von uns hinzu. Der Sergeant hieß Hansen und war ein
Hamburger.
Es waren aber auf dem Hofe der Feste auch Weiber von den Feinden, von
denen einige jung und nicht unschön waren, die meisten aber welk und
häßlich. Sie holten sich Wäsche von den Soldaten und lungerten herum,
schmutzig, eine kleine Pfeife im Munde. Es gefiel mir nicht, daß
einige von uns sofort an sie herantraten und durch Gebärde und einige
englische oder plattdeutsch-holländische Worte mit ihnen scherzten.
Es waren auch Buren auf dem Hof, stattliche braune, langbärtige
Männer in Kord- oder Khakiuniform. Die deutsche Regierung hatte sie
als Frachtfahrer angenommen. Mächtige, vierräderige Wagen, sogenannte
Kapwagen, mit einer Leinwandplane überdeckt, standen draußen vor dem
Hof. Diese Wagen sollten morgen mit uns ausziehen und uns Proviant und
Futter in die Wildnis schleppen.
Wir schliefen in dieser Nacht auf dem Hof der Feste. Vor dem
Einschlafen dachte ich lange an die Eltern und an Itzehoe und an mein
bisheriges Leben. Es fiel mir dabei ein, daß ich wohl länger als ein
ganzes Jahr nicht gebetet hatte und ich beschloß, daß ich wieder damit
anfangen wollte.
[Illustration]
V
Am andern Morgen, als es noch dunkel war, brachen wir auf. Wir sollten
in einem großen Bogen nach Nordost den Feind umgehn, daß er nicht
samt all seinen Viehherden, eigenen und gestohlenen, nach Osten hin
ins englische Gebiet entliefe. Es marschierte vorläufig nur etwa eine
Kompanie mit vier kleinen Kanonen; die andern sollten in einigen Tagen
nachkommen.
Voran zogen unsre Führer, die Schutztruppler, auf ziemlich guten,
zottigen Pferden, das Gewehr im Lederschuh rechts auf dem Bein. Es
waren meist alte Afrikaner, Farmer, die als Landwehrmänner zur Fahne
gerufen waren. Dann ritt der Hauptmann mit den Offizieren. Dann kam die
lange Reihe der Wagen und der Geschütze.
Schwerfällig, von den langen Ochsenreihen gezogen, rumpelten die
großen Wagen dahin. Bald mahlten die hohen, schweren Räder im tiefen
Sand; bald kletterte ein Rad über einen in der Spur liegenden Stein;
in allen Teilen krachend und knirschend fiel der Wagen wieder in
seine Lage. Schwarze Treiber liefen neben her, schrien jeden Ochsen
mit Namen an und klatschten mit der ungeheuren Peitsche, die sie mit
beiden Händen angefaßt hatten. Hinter jedem Wagen, der mit seinem
Gespann wohl fünfzig Meter lang war, marschierte eine Sektion in Staub
und Sand, möglichst eben außerhalb der Wagenspur, das Gewehr über
die Schulter gehängt, den Patronengurt um den Leib. Einzelne Reiter,
Offiziere, zogen hier und da neben uns her. Zuletzt kam die sogenannte
Nachspitze, ein halber Zug. Das Gelände war meistens mit mannshohem
Busch bestanden, der bald lichter, bald dichter war. So zogen wir in
unendlich langem Zug auf einem Weg dahin, der durch nichts als durch
alte und neue Wagenspuren bezeichnet wurde. Bald stockte hier ein
Wagen, weil das Geschirr der Ochsen in Unordnung gekommen war, bald da,
weil ein Rad zu tief in ein Loch gefallen war, bald da, weil ein Ochse
schlapp wurde und ausgespannt werden mußte.
Die Sonne glühte gleich an diesem ersten Tag trocken und heiß. Der Weg
war ziemlich hügelig. Dazu voll von großen Unebenheiten. Um elf Uhr,
als die Hitze unerträglich wurde, kamen wir zum Glück an einen schönen
schattigen Platz und machten da Rast. Unfern davon war ein schönes
stattliches Farmhaus von den Schwarzen ganz und gar zerstört worden:
die Fenster waren herausgerissen, die Stuben ausgebrannt; die schweren,
sauber gearbeiteten Möbel lagen zerschlagen durcheinander; viele Bücher
lagen verschmutzt und zerrissen umher. Wir kochten uns, jede Backschaft
für sich, ein wenig Reis zu Mittag und legten uns dann zur Rast in den
Schatten der Wagen. Am Nachmittag zogen wir weiter bis in den späten
Abend hinein.
In einer Lichtung machten wir dann ein Lager und befestigten es,
indem wir die Wagen im Viereck rund um uns aufstellten. Dazu machten
wir noch ungefähr fünfzig Meter außerhalb der Wagen, an allen vier
Himmelsrichtungen, je einen kleinen Dornverhau, der mit seiner
halbmondförmigen Rundung nach draußen wies, und legten in jeden
einen Unteroffizier und drei Mann hinein. Der Unteroffizier mußte in
der Mitte des Verhaus stehn und überweg sehn; zwei der Leute mußten
seitwärts hinter ihm liegen; der vierte aber mußte bis zum nächsten
Verhau, ungefähr vierhundert Meter weit, zwischen die Büsche durch, hin
und her gehen. Es war bekannt, daß feindliche Haufen in der Nähe wären.
Ich gehörte in dieser Nacht zum Posten Nummer zwei, lag bis acht Uhr
hinter dem Unteroffizier auf der Erde und lugte und horchte in die
Nacht hinaus, das Gewehr zur Hand. Von fern her aus dem Busch kam das
Geheul fremder wilder Tiere; leise und niedrig setzte es an und wurde
dann höher und heiser. Dazwischen klang ein anderes Geheul, gröber und
stoßweise. Dann und wann krachte ein dürrer Ast. Ist es der Posten,
der vom andern Verhau zurückkehrt? Ist es der Feind? Ist es ein Tier?
Da kommt der Posten langsam und vorsichtig heran. Er beugt sich ein
wenig vor und meldet in den Verhau leise: »Von Patrouille zurück. Alles
klar.« Es war eine sehr dunkle Nacht.
Kurz darauf kam an mich die Reihe unterwegs zu gehen, bis an den
Morgen. Ich machte mich auf und tappte vorsichtig los und stand oft
still und horchte in die dunklen Büsche hinein, die rings um mich
standen, und kam zum nächsten Verhau, meldete und ging ebenso wieder
zurück. Oft meinte ich deutlich, daß ein dunkler Körper da irgendwo
an einem Busch im Grase kauerte. Das Herz klopfte mir wild. Nun brach
hinter mir ein Ast. Ich trat mit einem leisen, vorsichtigen Schritt
zurück, daß ich einen Busch im Rücken hatte, und spähte nach allen
Seiten. Als alles wieder still war, ging ich vorsichtig weiter. Meine
Augen gingen eilig hin und her, wie Mäuse in einer Falle.
Da, beim dritten Gang, fiel vor mir, nach dem nächsten Posten zu, ein
Schuß. Er schlug knallend durch das stille Dunkel der Nacht. Ich
stürzte auf das Knie, riß mein Gewehr hoch und wartete, ob ich ein
Ziel sähe. Ich lag eben, da drangen sie auch schon aus der Wagenburg,
dem Posten zur Hilfe. Ich hörte ihre Stimmen; dann blitzten ihre
Schüsse seitwärts vor mir. Das ganze Lager kam in Bewegung; ich hörte
Kommandos; sie schossen eifrig. Ich lag, und wartete wohl eine halbe
Stunde oder mehr, und schoß nicht; denn ich sah kein Ziel. Dann wurde
es still.
Da erhob ich mich und ging weiter, langsam und vorsichtig, damit ich
nicht unversehens für einen Feind gehalten und beschossen würde. Ich
kam glücklich zum Verhau und machte Meldung. Da war dort nur ein Mann.
Ich fragte ihn leise, wo die andern wären. Er sagte ebenso leise, sie
wären auf den ersten Schuß hinausgegangen, den Angegriffenen zu helfen
und wären noch nicht zurückgekehrt. Da ging ich also wieder zurück.
So wanderte ich in der stillen Nacht hin und her, wie mir gesagt war,
und jedesmal, wenn ich zu dem andern Posten kam, beugte ich mich vor
und sah in den Verhau und fand immer nur den einen, der stand aufrecht,
das Gewehr im Arm und sah ins Dunkle. Und wenn ich leise fragte:
»Die andern?« wandte er den Kopf rasch zu mir und hob die linke Hand
abwehrend und spähte weiter in die Nacht und sagte kein Wort. Da
dachte ich daran, daß es ein Unglück gegeben hätte.
So ging ich hin und her, bis das Dunkel langsam grau und grauer wurde
und die kleinen Stimmen in den Büschen zirpten und im Osten in fünf
rosigen Streifen das Morgenlicht aufstieg. Da kam die Ablösung.
Und da, als ich ins Lager gekommen und auf meine Backschaft zuging,
die um ihr Feuerloch saß, und ich mich so von ungefähr umsah -- denn
das ganze Bild war mir neu: die großen, schweren Wagen rundum, die
alten Afrikaner in ihren hohen Stiefeln hemdärmlig um ihre Feuerlöcher,
die beiden Zelte der Offiziere, die schwarzen Treiber in der Ecke in
hockender Stellung schwatzend und lachend -- und ich grade den Mund
auftun und ganz munter und großprahlig fragen wollte: »Was war das
für 'ne Schießerei diese Nacht?« da stand das ganze Lager plötzlich
auf und blickte mit großen, ernsten Augen nach dem einen Ende, wo
viele zusammenliefen und vor sich auf die Erde sahen. Und einer sagte:
»Siehst Du? Da ist es.«
Da wußte ich, was geschehen war. Ich ging mit ihnen zu dem Haufen --
die Füße waren mir ganz schwer -- und sah drei Kameraden auf der Erde
liegend, die ganze Brust blutig, mit offenem Mund und starren, trüben
Augen. Ein Unteroffizier, der neben mir hinzugetreten war, sagte: »Es
sind die vom Posten drei.« Wir standen und sahen auf sie nieder. Immer
mehr kamen hinzu. Wir sagten kein Wort. Ein Offizier trat hinzu und
schickte uns fort.
Einige Stunden später wurden die Toten, in ihre Wolldecken gehüllt, an
einer sanften Anhöhe begraben. Acht Mann schossen über ihrem offenen
Grab schräg hinauf in die Luft, zu ihrer Ehre. Der Hauptmann sprach ein
Vaterunser. Dann saßen wir still und bedrückt an unsern Kochlöchern.
Wir blieben drei oder vier Tage an dieser Stelle. Denn es war Befehl
gekommen, daß wir hier den Major erwarten sollten, der mit der andern
Kompanie nachkam. Wir mußten viel Dienst machen: Gewehrappelle,
Gefechtsübungen im Busch und dergleichen.
Daneben machte uns das Kochen viel Arbeit. Aber wir machten auch viel
unnötige Umstände dabei und Ungeschicklichkeiten. Jede Backschaft --
das waren meist sechs Mann -- machte sich ein Kochloch, so schön, wie
es nur möglich war, und machte mit viel Kunst und noch mehr Gerede
in einem Kreis eine Rinne darum, knietief, darin ein jeder seine
Beine stecken konnte, so daß wir recht behaglich herum saßen. Einige
Backschaften prahlten mächtig mit solchen Erdarbeiten. Dann mußte
einer, und zwar einer mit gutem Griff und Mundwerk, Proviant vom Wagen
holen: Reis, Fleisch, Weizenmehl, Salz, Kaffee. Andere mußten aus dem
Busch ums Lager trockenes Holz zusammen suchen. Andere mußten aus den
steilen schwarzen Klippen aus tiefen Wasserlöchern Wasser holen. So
hatte jeder seine Arbeit.
Eine schwierige Sache war das Brotbacken. Der eine erinnerte dies,
der andere das. Jeder wußte etwas. Einige sahen in Gedanken auf die
Erde und hatten dann glücklich eine Erinnerung wie ein Gesicht und
sprudelten heraus, was ihnen im Geist erschienen war. Einer, ein
Holsteiner aus der Gegend von Neumünster, schien die größte Zeit seiner
Kindheit neben seiner Mutter vor dem Backofen gestanden zu haben, der
in der Ecke des Gartens am Wall gestanden hatte; er behauptete sogar,
seine Mutter hätte ihn mehrmals aus Versehen auf die Schaufel gesetzt
und hineingeschoben, er wüßte also nicht allein wie einem Brotbäcker,
sondern auch, wie einem Brot zumute sei. Er war ein Schelm und wir
hörten nicht auf ihn. Wir waren sehr neugierig. Besonders machte der
Sauerteig uns viel Gedanken. Nach langen, hitzigen Reden und nach viel
Gelauf hin und her zu andern Backschaften machten wir ihn aus Rum und
Mehl. Einige standen schon lange mit aufgekrempelten Ärmeln, bereit
zum Kneten. Einer schlug vor, daß sie sich vorher die Hände waschen
sollten. Er bekam aber einen scharfen Verweis, daß er einen Vorschlag
mache, der lächerlich wäre. Es gab kein Wasser zum Händewaschen. Sie
kneteten den Teig fleißig. Sie legten ihn vorsichtig ins Kochgeschirr
auf das gelinde Kohlenfeuer. Er ging auch ein wenig in die Höhe. Er
bräunte sich auch ein wenig. Aber er war dann doch klitschig und
klebrig.
Abends saßen wir um das verglimmende Feuer und sprachen von der
Stellung der Feinde und dem Verlauf des Feldzuges -- es liefen viele
wilde und auch wunderliche Gerüchte hin und her -- und kamen auf das
letzte Gefecht: daß wir keinen einzigen toten Feind gefunden hatten und
ob die drei vielleicht von uns selbst erschossen wären, und schüttelten
sehr die Köpfe und sahen in die Glut, und einer beugte sich vor und
half dem Feuer ein wenig auf. Dann kamen wir auf Kiel zu sprechen und
auf die Heimat. Und jeder erzählte von seinem Leben und seiner Kindheit
und lobte sie. Und besonders die Schwaben redeten viele und große
Worte, was sie da alles hätten und könnten. Dann legten wir uns so,
wie wir saßen, im Kreis um das Kochloch, legten die Decke über uns und
schliefen.
Am vierten Abend, als es schon dunkel war und wir um die Feuer saßen,
sahen wir im Osten Lichter blitzen. Bald darauf blitzte es auch im
Westen. Wir kamen sehr in Aufregung; wir meinten, es wären Signale,
welche die Feinde sich gäben, uns anzugreifen. Es stellte sich einen
Augenblick wie ein weißer Stern am Horizont, und verschwand, und
erschien gleich wieder. Es schien ganz nahe. Aber am andern Morgen
erzählte mir Gehlsen, daß es Lichtsignale der unsrigen gewesen wären,
die fern im Osten, mitten unter den Feinden, in einer Feste saßen. Sie
hatten über uns weg nach Westen hin, der Hauptstadt zu, ihre Meldung
gemacht und von da Antwort bekommen.
Am andern, dem fünften Morgen, in aller Frühe, sahen unsere Posten den
Major heranziehen. Da stiegen viele auf die Wagen und sahen den langen,
langen Zug, der langsam aus den Schluchten der Berge herauf kam, und
wir redeten, als wären wir schon alte Afrikaner, obgleich wir ihnen
doch bloß um vier Tage und drei Tote voraus waren, und sagten einer zum
andern: »Na, der Alte wundert sich! Das ist ein anderes Marschieren als
in Kiel!« So standen wir und sahen, wie sie zu uns heraufzogen, und
freuten uns besonders, als wir den Alten erkannten. Wir waren ihm zum
erstenmal überlegen.
[Illustration]
VI
Wir sollten den Feind nordostwärts im Bogen umgehn und ihn stellen, wie
einer auf der Hofstelle einen Bogen läuft und das Fohlen stellt, daß es
wieder zurück läuft, wo mit dem Halfter in der Hand der Knecht wartet.
In Eilmärschen sollten wir marschieren, mit wenigen und leichten Wagen,
das heißt, mit wenigem und leichtem Proviant, und weniger und leichter
Kleidung. Wir waren gegen dreihundert Mann, Seesoldaten, Matrosen und
die Schutztruppler, die uns führten.
Voran zog wieder der Haufe alter Afrikaner, Offiziere und einfache
Soldaten, alle beritten. Dann kam der Alte mit einem Offizier. Dann
kamen wir zu Fuß, in langer, dünner Linie, in Staub gehüllt. In
unserer Linie, hier und da, fuhren unsere dreißig mächtigen Kapwagen
mit Proviant und Munition, und die leichten Geschütze, von je zehn
bis vierundzwanzig langhörnigen Ochsen gezogen, von Schwarzen unter
lautem Schreien getrieben. Zu beiden Seiten des Weges war dichter oder
lichter, graugrüner Dornbusch mit knochenhartem Holz und fingerlang
gebogenen Dornen, mannshoch, zuweilen zwei Mann hoch. In solcher
Weise und durch solches Gelände sind wir nun Tag für Tag, Woche für
Woche gezogen. Und von Tag zu Tag und Woche zu Woche mühseliger.
Denn bald fing die Zeit an, wo wir mehr und mehr verhungerten und
verelendeten, wo die Ochsen vor Entkräftung stürzten und wo einige der
schweren rumpumpelnden Wagen voll von dem Jammer der Verwundeten und
Schwerkranken waren.
Wenn die Sonne über uns hoch und höher, fast bis zur höchsten
Himmelshöhe stieg und der Sand unter unseren Füßen glühend wurde und
Auge und Kehle brannten, hielt die Spitze an einer Lichtung, wo Wasser
sein sollte. Nicht immer war Wasser da; oft mußten wir, die schwer
dürstenden, Löcher graben, ob wir ein wenig fänden, welches langsam
hervorsickerte; fast immer war es salzig, oder milchig von Kalk, oder
stinkend. Oft aber fanden wir auch dieses lumrige, widerliche Wasser
nicht und mußten durstig weiter ziehn bis in die Nacht.
Fanden wir es, so machten wir erst einen Dornverhau rund um uns. Dann
holte sich jede Backschaft ihre schmale Nahrung: ein wenig Fleisch
von einem frischgeschlachteten schlappen Ochsen, ein wenig Mehl, ein
wenig Reis. Das Fleisch oder Mehl verrührten wir in unserm Kochgeschirr
mit dem schlechten Wasser, setzten es aufs Feuer und nannten es
Fleischsuppe, Bouillon mit Reis, oder Pfannkuchen, die sie Plinsen
nannten. Die Kochgeschirre reinigten wir mit dem Sand, der daneben lag.
Danach lagen wir noch eine Stunde im Schatten der Wagen oder einer
hochgestellten Zeltbahn. Dann ging es weiter.