auch dazu benutzt, den Platz oberflächlich zu besichtigen. Schön ist er
nicht, aber sehenswerth. Ebenso aus fremdem Lande herausgebrochen wie
Gibraltar, hat Aden auch sonst viel Aehnlichkeit mit diesem. Von ziemlich
gleicher räumlicher Ausdehnung wie jenes spanische Cap, wird diese
südlichste Spitze Arabiens ebenfalls durch hohe, hier hauptsächlich aus
Kalkstein bestehenden Felsen gebildet, welche mit ihren steilen unwegsamen
Wänden gewissermaßen aus der Ebene, in welcher sie stehen, herauswachsen.
Die eigentliche Stadt ist von der Hafenstadt etwa 7 km entfernt, der Weg
dahin liegt in der Ebene und windet sich zwischen den Felsen hindurch,
deren Wände durch die vielen in ihnen befindlichen Löcher, in denen Affen
wohnen und Vögel nisten, charakteristisch sind.
Die Stadt liegt in einer kleinen, nach der Landseite von
Felsen umschlossenen, nach der Seeseite hin offenen Ebene. Ihre
Hauptmerkwürdigkeit und Sehenswürdigkeit sind die großartigen
Wasserwerke, welche aus großen Cisternen bestehen, die nebeneinander
und terrassenförmig übereinander liegend, in den Fels gehauen und
ausgemauert, das von den höher gelegenen Felswänden ablaufende Regenwasser
auffangen. Welche Ausdehnung diese Anlage hat, geht vielleicht am besten
aus der Angabe hervor, daß nur die Wiederherstellung dieser vor noch
nicht langer Zeit erst entdeckten alten Bauwerke einen Kostenaufwand
von 600000 Mark erfordert hat. Vordem waren die Einwohner von Aden, da
Quell- oder Brunnenwasser nicht vorhanden ist, allein auf destillirtes
Meerwasser angewiesen. Ein großer freier Platz bei der Stadt dient
Marktzwecken und nimmt die ankommenden Karavanen auf. Er bietet trotz
der weit vorgeschrittenen Tagesstunde ein geschäftiges, bewegtes Bild,
aus welchem mich die auf der Erde kauernden, in langer gerader Linie
schön ausgerichteten Kamele besonders interessiren, hauptsächlich wol,
weil ich zufällig vor wenigen Tagen in Brehm’s „Thierleben“ das Kapitel
über diese Thiere gelesen hatte. Sie gehören jedenfalls sämmtlich einer
Karavane an, welche erst vor kurzem eingetroffen sein muß, weil vor jedem
Thier unter seinem Kopfe ein unberührtes Bündel Futter liegt und die
Treiber noch mit den Waaren oder sonstwie beschäftigt sind. Daß diese dort
kauernden, geduldig wartenden Thiere so gefräßig, bösartig und störrisch
sein sollen, will mir nach dem sich hier darbietenden Anblick gar nicht in
den Kopf. Keins von ihnen, die alle mit erhobenem Kopf nach ihren Wärtern
ausschauen, rührt das jedenfalls wohlverdiente und ersehnte Futter an,
sondern wartet geduldig, bis sein Wärter kommt und ihm das Futter mit
den Händen reicht. Diejenigen, welche am längsten warten müssen, drehen
wol den Kopf nach den bereits fressenden und dann nach ihrem Futterbündel
zurück, aber keins rührt dieses an, sondern geduldet sich ergebungsvoll,
bis es auch an die Reihe kommt.
Am 13. August liefen wir durch die Straße von Bab-el-Mandeb in das
Rothe Meer ein, wo wir auch gleich die gefürchtete Hitze antrafen,
am Tage 35° im Schatten, in den Nächten 32°, eine Temperatur, vor
welcher im Interesse des Wohlbefindens der Besatzung alle Schranken
der Schiffsetiquette fallen mußten. Exercitien und aufschiebbare
Arbeiten wurden eingestellt, den Offizieren und der Mannschaft wurde
das ganze mit einem Sonnenzelt geschützte Oberdeck zu freier Verfügung
überlassen, sowol als Aufenthaltsort am Tage, wie als Schlafraum für
die Nacht. Den luftigsten Raum, die Back, erhielten die Heizer, wo
sie von dem leichten Wind umfächelt wurden und während der Nacht durch
das Sonnenzelt doch auch gegen den Thau genügend geschützt waren. Der
Dienst des Maschinenpersonals, welcher sonst in 4 Stunden Arbeit und 8
Stunden Ruhe zerfällt, wurde auf zwei Stunden Dienst und 4 Stunden Pause
festgesetzt; regelmäßige Bäder nach Ablauf der zwei Dienststunden und
ebenso regelmäßige Verabreichung von Getränken wurden streng eingehalten.
Auch für die übrige Besatzung hielt ich die regelmäßige Verabreichung
von Getränken für das beste Mittel zur Verhütung von Krankheitsanfällen,
sodaß jedem Mann am Tage zweistündlich, während der Nacht vierstündlich
je ein Viertelliter Wasser verabreicht wurde, um die durch Schweiß
erfolgte Abgabe aus dem Blut zu ersetzen. So tyrannisch ein solches
Verfahren erwachsenen Menschen gegenüber erscheinen mag, so begründet
ist dasselbe doch durch die Erfahrung. Es gibt in den Tropen kaum
etwas, was mehr erschlafft und größeres Unbehagen im Gefolge hat, als
das unmäßige Trinken des lauwarmen Wassers, und trotzdem ist unter den
jüngern, weniger erfahrenen Männern kaum einer, welcher seinen nagenden
Durst soweit beherrschen kann, daß er nur mit Maß trinkt. Derjenige
Arzt, welcher nicht aus langjähriger eigener Erfahrung urtheilen kann,
und das ist oft der Fall, verordnet dann Limonade aus Wasser und Rum;
der erfahrene Seeoffizier gibt nur Wasser, aber oft und immer wenig. Ob
wir den vorzüglichen Gesundheitszustand und die verhältnißmäßige Frische
der Besatzung während der Fahrt durch das Rothe Meer allein diesen
Anordnungen zu danken haben, wird allerdings schwer zu entscheiden sein;
aber Thatsache bleibt es, daß mit einer Ausnahme, welche ich noch anführen
werde, kein Krankheitsfall oder selbst nur Schwächeanfall vorgekommen ist.
Am 19. August in der Nähe von Djidda angelangt, entschloß ich mich, diesen
Hafen zur Auffüllung von Kohlen anzulaufen, weil es mir zweifelhaft
erschien, ob wir mit dem uns verbliebenen Rest bis Port-Said kommen
würden. Am 20. mittags erhielten wir einen Lootsen, mit dessen Hülfe wir
durch die vor Djidda liegenden Korallenriffe steuerten und um 2 Uhr in
dem Hafen ankerten.
Größere Contraste, wie sie sich hier dem Auge bieten, werden sich kaum
finden lassen. Im Vordergrund innerhalb der Korallenriffe, welche den
Hafen bilden und das hellgrüne Wasser desselben von dem tiefblauen des
offenen Meeres scheiden, viele Schiffe, europäische Dampfer und Segler von
den größten bis zu den kleinsten und eine Unzahl von Booten, welche den
Hafen beleben. Am Lande die von einem etwa 15 km von der Küste abliegenden
rothbraunen Höhenzug begrenzte rothbraune Wüste ohne Pflanzenwuchs,
ohne Wohnstätten und Menschen mit Ausnahme der am Hafen liegenden echt
arabischen Stadt, welche nur einen viereckigen Raum von weniger als
1000 m Länge nach jeder Seite hin einnimmt. Eine mit befestigten Thürmen
verzierte hohe Mauer umschließt eng die Stadt, welcher zierliche Minarets
und hohe Häuser mit vergitterten Fenstern, vielfachen Zierathen und
platten Dächern das ihr eigenthümliche Gepräge geben. Ein merkwürdiges,
von einer langen, niedrigen, weißen Mauer umschlossenes Bauwerk liegt
außerhalb der Stadtmauer, aber in ihrer unmittelbaren Nähe.
Djidda ist wol der wichtigste der wenigen Häfen an der langen arabischen
Küste, welcher zumal in seiner Eigenschaft als Hafenstadt von Mekka
eine hervorragende Bedeutung hat, da die Zahl der jährlich hier
durchpassirenden Mekka-Pilger, die sogar von Indien, den Sunda-Inseln
und Borneo kommen, bis an 200000 betragen soll. Aus diesem Grunde haben
es auch England, Frankreich und Holland für erforderlich erachtet,
diplomatische Consuln hierher zu setzen, welche wol weniger die Aufgabe
haben dürften, die Interessen der zu ihren Ländern gehörigen Pilger
wahrzunehmen, als dieselben zu beaufsichtigen, denn Mekka ist der Ort,
wo die Mohammedaner aller Himmelsstriche die Mittel und Wege erwägen, wie
sie das Joch der Christen wieder abschütteln können.
Als die Hauptmerkwürdigkeit von Djidda möchte ich es bezeichnen, daß
unter den wenigen Europäern, welche sich überhaupt innerhalb seiner
Mauern befinden, kein Deutscher ist; der einzige Platz dieser Art von
allen, welche wir während der zweijährigen Reise angelaufen haben. Die
Stadt selbst hat nur enge Straßen, mit hohen, thurmartigen Gebäuden, von
welchen die am Hafen liegenden als Gasthäuser für die Pilger dienen und
fürchterliche Brutstätten von Ungeziefer und Krankheiten sein sollen.
Der Bazar, welcher die Länge einer Straße einnimmt, bietet nichts
Hervorragendes, was zur Kauflust anregen könnte. Das Interessanteste sind
die Passanten und unter diesen die phantastisch gekleideten, übermäßig mit
Waffen behangenen und stets herausfordernd und frech um sich blickenden
Beduinen. Einige vornehme Weiber, scheußlich gekleidet und vermummt und
wie Enten daherwatschelnd, vermögen unsere Blicke nicht zu fesseln.
Zu großem Dank verpflichtet bin ich dem holländischen Consul, welcher Herr
sich in der liebenswürdigsten Weise meiner annahm, mir bei Erledigung
meiner Dienstgeschäfte behülflich war, die Sehenswürdigkeiten der Stadt
zeigte und mir, wie unsern Offizieren, in der gastfreiesten Weise sein
Haus öffnete. Er wohnt natürlich auch in einem echt arabischen Hause,
welches aus vier Stockwerken besteht und in jedem Stockwerk nur zwei
Zimmer hat. Am Tage wohnt man unten, abends und in der Nacht oben.
Djidda hat als Festung natürlich auch eine türkische Besatzung und einen
türkischen Pascha als Gouverneur. Diesem, einem vornehm aussehenden
Manne mit hochblondem Haar und Bart, machte ich selbstverständlich
meinen Besuch, wobei der holländische Consul auch so liebenswürdig war,
mich zu begleiten. Ich wurde in türkisch gastfreier Weise empfangen,
mußte Kaffee trinken, mancherlei Süßigkeiten essen, welche der Pascha
mir mit zierlicher Handbewegung selbst in den Mund stopfte, und eine
Cigarette rauchen. Bei dem Frühstück, welches der holländische Diplomat
uns gab, concertirte unsere Kapelle, welche vorher dem Pascha ein
Ständchen gebracht hatte, und lockte mit ihren Weisen die sämmtlichen
weiblichen Bewohnerinnen der angrenzenden Häuser auf die Dächer, wodurch
wir unbeabsichtigt in die Lage kamen, diese Damen durch ein Fernrohr
betrachten zu können. Die meisten waren Negerinnen und alle häßlich.
Zu dem außerhalb der Stadt liegenden merkwürdigen Bauwerk, welches der
Ueberlieferung nach das Grab unserer Urmutter Eva sein soll, wurde ich
auch geführt. Die Dame soll so groß gewesen sein wie die ganze Stätte;
Kopf und Füße sind durch niedrige querstehende Mauern innerhalb der
Umfassungsmauer bezeichnet und über dem Schoß befindet sich ein gemauerter
viereckiger, etwa 3 m im Geviert großer Kasten, über welchem sich ein
kleiner Tempel wölbt. Die Größenverhältnisse der Eva würden nach diesen
Angaben die folgenden gewesen sein: vom Kopf bis zum Schoß 120 und
vom Schoß bis zu den Füßen 80 Schritte; eine etwas vertrackte Gestalt.
Einer der im Tempel anwesenden Aufseher faßte meine Hand und steckte
dieselbe durch eine kleine eiserne Thür in den Kasten, womit ich nach der
Erklärung des Dolmetschers in den Schoß der Eva gefaßt hatte und dafür ein
entsprechendes Trinkgeld bezahlen mußte. An der bei den Füßen befindlichen
Mauer fanden wir mehrere Weiber vor, welche den dort bereits angenagelten
roth gefärbten Läppchen auch ihre Opfergaben beifügten, um den ihnen
bisher versagten Kindersegen dadurch zu erflehen.
Als wir von Eva’s Grab zurückkehrten, war die Sonne bereits untergegangen
und wir mußten nun den Weg durch das Mekkathor nehmen, weil die andern
Thore bereits geschlossen waren. Hier begegneten wir einem Trupp nach
Mekka ausziehender Pilger, welche ihre Reise stets mit Sonnenuntergang
beginnen sollen. Es war ein langer bunter Zug, die Pilger auf Kamelen
und die sie begleitenden Beduinen zu Pferde. Die türkischen und
indischen Frauen in viereckigen, mit Gardinen verschlossenen Kasten, und
merkwürdigerweise die sundanesischen Frauen offen und unverschleiert, wie
sie auch in ihrer Heimat sich tragen.
Die wenigen Europäer in Djidda leben auf einem Vulkan und sind der
fanatischen Bevölkerung gegenüber nie ihres Lebens sicher, ganz gewiß
aber würden sie nie wieder zurückkehren, wenn sie bei ihren Spazierritten
außerhalb der Stadt die ihnen gesteckte Grenze von etwa 5 km überschreiten
wollten. Jenseit dieser Grenze würde der türkische Pascha sie nicht mehr
schützen können.
Am 21. nachmittags 5 Uhr verließ ich Djidda wieder. Abends meldete mir
der Arzt, daß ein Maschinistenmaat am Hitzschlag erkrankt sei, aber nicht
infolge seines Dienstes an der Maschine, sondern durch Unvorsichtigkeit
auf dem englischen Kohlendampfer, wo er das Gewicht der für uns verladenen
Kohlen zu controliren hatte. Anstatt nur in seinem weißen Hemde dahin zu
gehen, hatte er seine Uniformsjacke aus dickem Tuch angezogen und sich
außerdem mit schwerem Bier bewirthen lassen. Da blieb es schließlich ein
Glück, daß er nur mit einem Schreckschuß davonkam und am zweiten Tage
wieder hergestellt war.
Am 26. morgens, eine Stunde nach Mitternacht, wurde vor Suez geankert und
um 12 Uhr mittags, nach Erfüllung der erforderlichen Formalitäten, in den
Suezkanal gedampft. Wir hatten das Glück, nur wenig Verkehr zu finden,
sodaß wir schon am 27. nachmittags 5½ Uhr in Port-Said anlangten, welchen
Hafen wir vorgestern Morgen wieder verlassen haben.
In der Jade, 30. September 1879 abends.
So sind wir denn am Ziel, in der Heimat. In wenigen Stunden werden wir
wieder vor Wilhelmshaven liegen, das wir vor 697 Tagen, am 3. November
1877 verlassen haben. Die Reise von Port-Said bis hierher war ein Gemisch
von Windstillen und uns ungünstigen Stürmen; Malta, Gibraltar und Plymouth
haben wir noch angelaufen, aber nur zur Einnahme von Kohlen, sodaß unser
Aufenthalt sich immer nur auf wenige Stunden, 19, 24 und 10, beschränkte.
Meine Reiseberichte sind zu Ende und ich will nur noch die Angabe
hinzufügen, daß wir uns während der Reise 401 Tag auf See und 296 im Hafen
befunden haben, daß die von uns zurückgelegte Seemeilenzahl 52860 und die
Zahl der angelaufenen Häfen 72 beträgt; den Aequator haben wir sechsmal
passirt.
Anhang.
1.
Die in den letzten fünf Jahren in der Südsee vorgekommenen
Machtverschiebungen.
Nachdem Frankreich im Jahre 1842 das Protectorat über Tahiti übernommen
und von den Marquesas-Inseln Besitz ergriffen hatte, versuchte es ein
Gleiches mit den Gesellschafts-Inseln. Als aber die Eingeborenen von
Huheine unter der Führung eines Europäers die gelandeten französischen
Truppen in offenem Kampfe besiegten und wieder von der Insel trieben, trat
England für die Unabhängigkeit der Gesellschafts-Inseln ein, wodurch ein
Vertrag zu Stande kam, nach welchem England wie Frankreich beiderseits
auf eine Besitzergreifung dieser Inseln verzichteten und sich gegenseitig
deren Unabhängigkeit garantirten.
Bis zum Jahre 1854, in welchem Frankreich Neu-Caledonien besetzte,
waren dann keine weitern Veränderungen in den Besitzverhältnissen der
Südseeinseln eingetreten und es muß eigentlich auffallen, daß nunmehr,
nach dieser neuen französischen Erwerbung in nächster Nähe Australiens,
die Engländer noch immer keine Anstalten trafen, sich den Besitz der
noch übrigen unabhängigen Inseln zu sichern. Sie wußten aber wohl, was
sie thaten. Sie besaßen schon ein so ausgedehntes Colonialgebiet, hatten
in Neu-Seeland so kostspielige Erfahrungen gemacht, daß sie füglich
darauf verzichten konnten, Land zu erwerben, welches ihnen keinen Nutzen
bringen, sondern nur übermäßige Kosten verursachen konnte, wie ja auch
die französischen Erwerbungen in der Südsee als warnendes Beispiel
dienen mußten. Der Besitz fremden Landes mit einer großen einheimischen
Bevölkerung, welche noch nicht durch längern Verkehr mit bereits
ansässigen Europäern gezähmt worden war, konnte damals nur mit einer
verhältnißmäßig großen Truppenmacht aufrecht erhalten werden, welche mehr
Geld kostete, als der Besitz einbrachte; die Eingeborenen waren aber zu
jener Zeit noch nicht so erleuchtet, um eine europäische Macht um die
Schutzherrschaft bitten zu können.
Da brachte das Jahr 1872 eine große Wandlung. Die allein von deutschen
Kaufleuten, in erster Reihe von den Brüdern Hennings, dem Handel
erschlossenen Fidji-Inseln hatten lange Zeit unter innern Unruhen so sehr
gelitten, daß der König Cakobau des Regierens müde geworden war und,
soweit mir bekannt, das Deutsche Reich um die Schutzherrschaft anging,
welche von diesem aber abgelehnt wurde. Darauf wandte sich Cakobau an die
englische Regierung, welche sich nicht lange bitten ließ, die 21000 qkm
große, reiche Inselgruppe ohne irgendein Entgelt zu übernehmen, nachdem
sie erkannt hatte, daß die Pionnierarbeit der deutschen Kaufleute es ihr
möglich machte, das Land ohne große Kosten zu verwalten. Dies geschah im
Jahre 1874.
Inzwischen hatten die deutschen Interessen auf den Samoa- und Tonga-Inseln
eine solche Ausdehnung gewonnen, daß das Reich ihnen seinen Schutz nicht
länger vorenthalten konnte und nun regelmäßig Schiffe nach der Südsee
schickte, ohne dabei indeß an Colonialerwerb zu denken. Das Einzige, was
ins Auge gefaßt wurde, war, durch Verträge die Tonga- und Samoa-Inseln
vor fremder Annectirung zu sichern. Ein solcher Vertrag mit Tonga kam im
Jahre 1876 zu Stande, während damals die deutschen Bevollmächtigten die
ihnen feindlichen Strömungen auf den Samoa-Inseln, welche vornehmlich auf
amerikanischen Einfluß zurückzuführen waren, noch nicht zu überwinden
vermochten. Zu den deutschen Interessen auf den genannten Inseln
waren übrigens neuerdings auch noch die auf den Ellice-, Kingsmill-,
Marshall-Inseln, sowie in Neu-Britannien hinzugetreten. Dies war der Stand
der Dinge, als ich 1878 mit der „Ariadne“ nach Samoa kam.
Zu jener Zeit traten allerdings auch schon Bestrebungen von seiten
Frankreichs und der australischen Colonien in die Erscheinung, welche
weitere Veränderungen in den Besitzverhältnissen in der Südsee in
Aussicht stellten oder doch vermuthen ließen. Auch die Samoaner, oder
doch ein Theil derselben, hatten sich um das amerikanische Protectorat
bemüht und es schien, als ob die Amerikaner gewillt seien, hier wie auch
auf den Marshall-Inseln ähnliche Verhältnisse zu erstreben wie auf den
Sandwich-Inseln, welche eigentlich als amerikanische Colonie betrachtet
werden können.
Es waren somit alle seefahrenden Mächte, welche nur ein entferntes
Interesse an der Südsee hatten, auf dem Plan und in nicht zu ferner Zeit
mußte die Entscheidung fallen, wem die Inseln gehören sollten, nachdem
man mit Erstaunen erkannt hatte, was die deutschen Kaufleute aus den von
ihnen bearbeiteten Inseln gemacht hatten, und da man wol annahm, dasselbe
leisten zu können.
Samoa war inzwischen durch den samoanisch-amerikanischen Vertrag auch
schon nicht mehr frei; aber die Ellice-, Kingsmill-, Marshall-Inseln,
der jetzige Bismarck-Archipel, Neu-Guinea mit Ausnahme des holländischen
Theils, die Salomons- und Sta.-Cruz-Inseln, die Neu-Hebriden, sowie viele
einzeln verstreut liegende Inseln, auf denen sämmtlich, mit Ausnahme
von Neu-Guinea, den Salomons-, Sta.-Cruz-Inseln und Neu-Hebriden,
eigentlich nur deutsche Interessen in Betracht kamen, waren noch frei.
Daß die „Ariadne“, soweit es in ihren Kräften lag und die sonstigen
Umstände es gestatteten, in aller Stille ihr Möglichstes that, die
deutschen Interessen gegen fremde Vergewaltigung zu sichern, ist früher
auseinandergesetzt worden, immerhin sei hier aber kurz wiederholt, welche
Inseln bezw. Gruppen gesichert wurden. Es waren dies: Funafuti, Vaitupu,
die Marshall-Inseln, der jetzige Bismarck-Archipel, sowie Samoa; ferner
wurden, als eine Folge der von der „Ariadne“ gemachten Vorarbeiten, im
Frühjahr 1879 durch die Fregatte „Bismarck“ Verträge mit den Königinnen
von Huheine, Bora-Bora und Roratonga abgeschlossen.
Für diese Sicherungsmaßregeln war es die höchste Zeit gewesen, denn die
Begehrlichkeit nach den Südseeinseln wurde in der darauf folgenden Zeit so
groß, namentlich die australischen und neuseeländischen Colonien drängten
mit solchem Ungestüm nach weitern Annectirungen in der Südsee, daß die
Diplomatie sich der Sache annehmen und am grünen Tisch theilen mußte.
Hierbei nun kam es Deutschland zu statten, daß es im Austausch auch etwas
bieten und unter Verzichtleistung auf einzelne Rechtstitel neue erwerben
konnte, denn es darf wol als zweifellos angenommen werden, daß es zu
Gunsten Frankreichs auf seine Ansprüche an die Gesellschafts-Inseln und zu
Gunsten Englands auf die an Roratonga und die Ellice-Inseln verzichtete.
So konnte Frankreich, nachdem es bereits im Jahre 1880 Tahiti mit
der Paumotu-Gruppe zur Colonie gemacht hatte, im December 1885 die
Gesellschafts-Inseln annectiren, während Deutschland und England sich in
den Rest des freien Südseegebietes theilten. Sind auch die Neu-Hebriden
zur Zeit noch unabhängig, so hat Deutschland an dieser Gruppe doch
kein Interesse mehr, weil dieselbe nach dem Theilungsplan in der
Interessensphäre Englands liegt. Wahrscheinlich allerdings ist, daß die
Franzosen jene Inseln erhalten werden, weil diese jetzt mit derjenigen
Anmaßung zur See auftreten, wie es früher die Engländer gethan haben,
womit sie diesen entschieden imponiren.
Und wer trägt nun eigentlich die Schuld, daß diese schon seit langer
Zeit vorhergesehene Theilung, welche im großen und ganzen zum Nachtheil
Deutschlands ausgefallen ist, so früh zu Stande kam? Unbeabsichtigt der
muthige und thatkräftige deutsche Kaufmann, welcher sich zwischen den noch
wilden Eingeborenen niederließ, der Welt zeigte, was für Reichthümer diese
Inseln in ihrem Schoß bergen und dadurch die Augen der Neider dorthin
lenkte, während er es doch am wenigsten verdient hat, daß er eines großen
Theils der Früchte seiner Saat verlustig gegangen ist. Lange Zeit hat er
im stillen arbeiten und ernten können, aber schließlich zwangen äußere
Umstände ihn, aus seiner Verborgenheit herauszutreten, und zu seinem
Schaden mußte dies schon zu einer Zeit geschehen, wo das deutsche Volk
noch nicht bereit war, dem Vorschlage seiner Regierung, mit ihr nach der
Südsee zu gehen, zuzustimmen.
Hätte das Deutsche Reich fünf oder auch nur drei Jahre früher energisch
zugegriffen, zu einer Zeit, wo in Australien und Neu-Seeland die
Leidenschaften für weitern Colonialerwerb noch nicht so entzündet waren,
dann hätten wir heute wahrscheinlich den doppelten Landbesitz in der
Südsee.
2.
Allgemeine Bemerkungen über die Bewohner der Südseeinseln.
Nachdem ich ein Jahr in der Südsee zugebracht und den größten Theil
der südlich des Aequators gelegenen Inselgruppen gesehen hatte, konnte
ich dasjenige zusammenstellen, was ich aus eigener Beobachtung oder aus
competentem Munde über die Bevölkerungen der verschiedenen Inselgruppen
erfahren habe und was ich meinen ersten Südsee-Briefen nicht einfügen
konnte, weil mir damals diese Erfahrungen eben noch fehlten. Zweifellos
würde aber manches in diesen verständlicher gewesen sein, wenn ich schon
dem Besuch der Marquesas-Inseln dasjenige hätte vorausschicken können,
was ich hier in gedrängter Form niederlegen will. Daß ich dies überhaupt
thue, ist einzig den nachstehend angegebenen Gründen zuzuschreiben.
Auf der Heimreise wurden mir beim Anlaufen der verschiedenen Häfen so
wunderliche Fragen über die in der Südsee vermuthete Menschenfresserei
vorgelegt; es werden nach den verschiedentlich ausgesprochenen Urtheilen
die dortigen Menschenstämme auf einer so niedrigen Stufe stehend
angenommen, sie sollen in Bezug auf Rohheit und Wildheit dem Raubthier
so nahe stehen, daß ich mich fragen mußte, welchen Ursachen eine solche
Verkennung einer großen Völkerfamilie zuzuschreiben sei. Allerdings mußte
ich mir nach einigem Nachdenken sagen, daß ich früher die Südsee-Insulaner
ebenso beurtheilt hatte, weil eben alle Welt sie so beurtheilt; deswegen
aber halte ich es gerade für meine Pflicht, mein Theil dazu beizutragen
dieses Urtheil berichtigen zu helfen, damit wenigstens diejenigen Leser,
welche meinen Reiseberichten gefolgt sind, nochmals besonders darauf
hingewiesen werden und jener Inselbevölkerung Gerechtigkeit widerfahren
lassen können.