konnte, glaube ich den Umstand in den Vordergrund stellen zu müssen, daß
das große Publikum häufig alle Inselbewohner der Südsee -- Polynesier,
Mikronesier und Melanesier (Papuaneger) -- zusammenwirft und alle
Menschenfresser nennt, weil die Melanesier es sind. Zu verwundern ist
dies aber nicht, denn wo sollte das Publikum die Mittel finden, sich
über die dortigen Zustände genau zu unterrichten? Die frühern Reisenden
haben sich bei Beschreibung jener Menschenstämme vielfach versündigt
und die neuern Berichte stammten zur Zeit meiner Beobachtungen in der
Mehrzahl von Missionaren, von Herren, welche meines Erachtens in der
aufgeworfenen Frage nicht ganz competent sind. Sie haben zweifellos
verdienstvolle Werke geschrieben, die manche wissenschaftliche Frage
eingehend und erschöpfend behandeln und uns die erste werthvolle Kunde
aus jenem Welttheile gebracht haben; Werke, die aber ihre Beredsamkeit
verlieren, sobald sie das alltägliche Leben besprechen und uns ein Bild
der Vergnügungen und der Sitten jener Naturmenschen bringen sollen. Und
aus einer wahrheitsgetreuen Schilderung der Sitten und Gebräuche, der
Vergnügungen und Leidenschaften, läßt sich doch nur ein richtiges Bild
über den Charakter eines Volkes zusammenstellen. Jene Werke bringen
allerdings vieles über Sitten und Gebräuche, aber nicht das, was zu
einer richtigen Beurtheilung unumgänglich nothwendig ist. Gebräuche
und Leidenschaften jener Naturmenschen stehen eben dem paradiesischen
Urzustande so nahe, würden mit ihrer dortigen natürlichen Reinheit in
unsere civilisirten Verhältnisse verpflanzt theilweise so anstößig werden,
daß der Missionar darüber hinweggehen zu müssen glaubt, wenn er nicht
etwa schon alles Gefühl für die reinen Naturtriebe verloren hat und aus
diesem Grunde manches verurtheilt, was als ein Beweis von Sittlichkeit
und Unschuld hingestellt werden muß. Allerdings bleibt hier noch die
Frage zu erörtern, ob der Missionar, welcher sein Amt nicht zeitweise
abstreifen kann, je Gelegenheit findet, jene Menschen so kennen zu lernen,
wie sie in Wirklichkeit sind, und diese Frage glaube ich verneinen zu
müssen. Die Missionare verurtheilen die harmlosesten Vergnügungen jener
Leute mit einer solchen Härte, haben so schwere Geldstrafen für die nach
unsern Begriffen unschuldigsten Sachen, und überhaupt ein so strenges
puritanisches Regiment eingeführt, daß der Eingeborene vor ihnen stets ein
Heuchler sein muß, weil er ohne seine gewohnten Zerstreuungen nicht leben
kann. Denn diese Leute, welche weder geistige noch körperliche Arbeit
kennen, müssen, solange sie noch nicht die Wohlthaten eines arbeitsamen
Lebens empfinden, die Langeweile, den größten Feind aller Moral und
Sittlichkeit, durch ihre kleinen Feste vertreiben. Der Missionar sieht
daher leicht den Eingeborenen, wie er ihn sehen möchte und ist mithin
nach meiner Ansicht nicht in der Lage, uns ein getreues Bild von dem
Leben und Wirken jener interessanten Naturmenschen geben zu können; sein
Bericht bespricht nicht diese Welt, ist nicht von dem glühenden Hauch
des Lebens durchweht und wirkt daher leicht ermüdend, wie er in Wahrheit
der Wirklichkeit auch nur unvollkommen entspricht. Leider muß ich hier
aber auch noch einfügen, daß viele der in der Südsee wirkenden Missionare
meiner Ansicht nach ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind und den dortigen
harmlosen Heiden nicht die Wohlthaten des Christenthums zuwenden.
An den Hauptplätzen, so auf Tongatabu, in Apia und auf den Duke of
York-Inseln findet man allerdings Männer von hoher Bildung, welche in
reiferm Alter stehend ihre Aufgabe in würdiger und wohlwollender Weise
auffassen; vielfach sind aber nur untergeordnete Persönlichkeiten
vorhanden, die, vielleicht mit dem wahren Geiste des Christenthums
unbekannt, ihre Erfolge nur nach der Zahl der Kirchgänger und der Höhe
ihrer eigenen tyrannischen Macht berechnen. Ihre Heerde ist eine stumpfe
Menge, welche die von dem Hirten anbefohlenen äußern Gebräuche streng
befolgt, daneben aber sich heimlicher Laster hingibt, da der Hirt ihr alle
die altgewohnten, größtentheils harmlosen Vergnügungen unter dem Vorwand,
daß dieselben heidnisch seien, genommen hat, anstatt allmählich nur das
zu beseitigen, was etwa mit dem Christenthum nicht in Einklang gebracht
werden kann.
Ich möchte daher behaupten, daß jene Naturmenschen für das Christenthum
noch nicht reif sind, wenigstens nicht, solange sie nicht gleichzeitig
unter die Obhut einer erleuchteten christlichen Regierung treten, welche
die Härten der orthodoxen Kirche mildert. Hierbei darf auch eine wichtige
Frage nicht übersehen werden, nämlich die, daß das Christenthum, wie es
gelehrt worden ist, ohne etwas Besseres dafür zu geben, die glücklichen
politischen und socialen Verhältnisse, welche früher auf den meisten
der von Polynesiern bewohnten Inseln bestanden haben, zerrüttet hat. Es
scheint fast, als ob die Missionare nicht gewußt hätten, daß das Zerstören
leichter als das Wiederaufbauen ist. Die Polynesier hielten früher die
Häuptlingsfamilien für unsterblich, für Halbgötter, während der gemeine
Mann mit seinem Tode vollständig abschloß. Hieraus entsprang die hohe
Achtung und der unbedingte Gehorsam, welche den Häuptlingen und ihren
Familien gezollt wurden. Die Häuptlinge gebrauchten ihre Gewalt nur
soweit, daß sie sich von ihren Unterthanen ernähren ließen, und konnten
sie nicht mißbrauchen, da sie nicht mehr fordern konnten, als was zu
ihrer Sättigung nothwendig war. Denn eigentliches Besitzthum war nicht
vorhanden und Geld nicht bekannt. Die Lasten der Unterthanen waren daher
außerordentlich geringe, sie lebten glücklich und zufrieden, und der
Fall, daß ein Häuptling im Jähzorn einen seiner Unterthanen erschlug,
soll selten vorgekommen sein. Doch all das hat sich mit dem Einzug der
Missionare geändert. Die Unsterblichkeit der Seele machte den gemeinen
Mann dem Häuptling gleich und der Missionar trat als der Vertreter Gottes
an die Stelle der Häuptlinge. Solange er nun das Regiment mit Klugheit
und Milde führte, war alles gut; war er aber der Fülle der ihm gewordenen
Macht nicht gewachsen, so wurde er ein Despot, der seine harmlose Heerde
tyrannisch knechtete. Verließ dann der Missionar die Insel wieder, dann
gab es, auch wenn er sein wirklich Bestes gethan hatte, Unruhen, weil
jede Autorität vernichtet war, die Häuptlinge naturgemäß dieselbe aber
wieder beanspruchten, sie auch erzwangen, aber in der Regel nur durch
fortgesetzte Kriege sich erhalten konnten.
Da auch leider die Sittenlosigkeit auf den Inseln der Südsee vorläufig
noch mit dem Vorschreiten des Christenthums wächst und die Inseln, welche
am längsten unter dem Einfluß der Missionare stehen, d. h. diejenigen,
welche sich diesem Einfluß wirklich unterworfen haben, die verderbtesten
sind, so glaube ich kein Unrecht zu begehen, wenn ich die Menschenfresser
in Neu-Britannien in moralisch-sittlicher Beziehung höher stelle als die
Tahitier. Wenn auch die Verderbtheit nicht indirect dem Einflusse der
neuen Lehre oder ihrer Priester, sondern dem Verkehr mit den Europäern
überhaupt zuzuschreiben sein sollte, da diese sich in neuerer Zeit
vielfach auf den von Missionaren beherrschten Inseln angesiedelt haben,
so bleibt doch auch unter dieser Annahme dann noch immer die Thatsache
bestehen, daß ein 20jähriges ungestörtes Wirken der Missionare nicht im
Stande war, die Eingeborenen davor zu schützen, daß sie wenige Jahre nach
der Ansiedelung einiger Europäer auf einen bedauernswerthen Stand der
Entsittlichung gesunken waren. Es läßt sich jedenfalls nicht wegleugnen,
daß die Polynesier, welche bisjetzt nur allein als den Missionaren
unterworfen betrachtet werden können, als Christen schlechtere Menschen
sind, als sie zur Zeit ihres Heidenthums waren. Und sollten sie wirklich
früher schon moralisch so niedrig gestanden haben wie jetzt, dann bleibt
immer doch der Rückschritt bestehen, daß sie jetzt als Christen mit
Bewußtsein sündigen, während sie früher nur erlaubte Freiheiten genossen.
Wie schädlich die übereilte Bekehrung in jenen Gegenden gewirkt hat,
dürfte vielleicht mein Bericht über Vavau am besten ergeben, da dort
gezeigt ist, wie wenig diese Naturmenschen den Geist des Christenthums zu
begreifen vermögen oder wie wenig sie diesen Geist begreifen wollen. --
Die Menschen, welche jenes ausgedehnte Inselreich des Stillen Oceans
bewohnen, zerfallen in drei Hauptgruppen: in Polynesier, Mikronesier und
Melanesier, sowie in verschiedene Abarten, welche wol durch Kreuzung
entstanden sind. Für das Auge desjenigen Beobachters, welcher nicht
als Gelehrter untersucht, sind die Polynesier die der kaukasischen
Rasse Nächststehenden, während die Melanesier den schönern Stämmen der
afrikanischen Neger nahe kommen. Die Polynesier bewohnen den Inselstrich,
welcher sich von Neu-Seeland über Tonga, Samoa, die Cook-, Gesellschafts-
und Marquesas-Inseln bis zu den nördlich des Aequators gelegenen
Sandwich-Inseln erstreckt. Die Mikronesier bewohnen vorzugsweise die
nördlich des Aequators gelegenen Inselgruppen zwischen den Sandwich-Inseln
und den Philippinen; die Melanesier Australien, Neu-Guinea oder Papua,
die Salomons-Inseln, Neu-Caledonien und die Neu-Hebriden. Die zwischen
diesen Gruppen gelegenen Inseln werden von Mischlingen bewohnt, und
hier verdienen die Fidji-Inseln wegen ihrer großen Ausdehnung und des
zur Zeit noch dort herrschenden Kannibalismus besondere Erwähnung. Die
Eingeborenen Fidjis sind keine reinen Polynesier, für welche sie oft
gehalten werden, sondern eine Mischrasse aus eingewanderten Tonganern und
dem eigentlichen melanesischen Volksstamm, welch letzterer vor Zeiten
von den kriegstüchtigen und unternehmenden Tonganern unterjocht wurde.
Hierin findet sich auch die Erklärung, daß im Innern der Fidji-Inseln
noch heutzutage Kannibalen gefunden werden, während die reinen Polynesier
diesem abscheulichen Geschmack nie gehuldigt haben. Denn wenn Polynesier
auch an einigen Plätzen Menschenfleisch gegessen haben, so geschah
dies doch nur in Form von Opferfesten, bei welchen Kriegsgefangene
das Opfer stellen mußten. Wie mir versichert wurde, sollen derartige
Opfer auch nur auf den Marquesas-Inseln und auf Roratonga vorgekommen
sein; jedenfalls haben die Tahitier, die Samoaner und die Bewohner der
Gesellschafts-Inseln, soweit ihre Traditionen reichen, sich von diesem
Laster frei gehalten, während zu einer Zeit in Tonga von den von den
Fidji-Inseln zurückgekehrten Eroberern auch der Genuß von Menschenfleisch
eingeführt gewesen sein soll, ohne sich indeß lange halten zu können.
Die Fidji-Inseln werden daher wol auch die Quelle sein, von welcher aus
alle Südsee-Insulaner zu Menschenfressern gestempelt worden sind. Die
Versuchung, die Eingeborenen Fidjis für reine Polynesier zu halten, liegt
allerdings nahe, da die Bewohner der Küstenstriche dieser Inseln in ihrer
äußern Erscheinung dem edelsten Typus der Südsee-Insulaner außerordentlich
nahe kommen, ihm vielleicht auch vollständig ebenbürtig sind.
Die andern Mischlinge werde ich bei Besprechung der Frage über den
wahrscheinlichen Ursprung dieser Insulaner berücksichtigen. Diese Frage
ist von der wissenschaftlichen Welt so eingehend erörtert worden, daß ich
nicht wagen darf, etwas Neues bringen zu wollen, und doch muß ich mich mit
ihr beschäftigen, weil kein denkender Mensch jenen sechsten zerrissenen
Welttheil besuchen wird, ohne sich unwillkürlich mit dieser interessanten
Frage zu beschäftigen und den Versuch zu machen, zu ergründen, welche der
verschiedenen Hypothesen den meisten Anspruch auf Wahrscheinlichkeit hat.
Soviel mir bekannt, sind drei Ansichten über die wahrscheinliche Herkunft
der großen Inselbevölkerung vorhanden. Die erste geht von der Annahme
aus, daß früher inmitten des Stillen Oceans ein großer Continent lag,
welcher von drei Menschenrassen bewohnt wurde; im Süden und Osten von
den Polynesiern, im Westen von den Melanesiern und im Norden von den
Mikronesiern. Bei einer großen Katastrophe versank dieser Continent
und nur die höchsten Berggipfel blieben als Inseln zurück, welche
räumlich außerordentlich weit voneinander geschieden, doch durch
ihre Menschen, Thiere und Flora im innigsten Zusammenhang standen und
stehen. Die gleiche Sprache und die gleichen Sitten der polynesischen
Eingeborenen, wie die gleiche Sprache der Mikronesier und der von
beiden abstammenden Mischlinge, welche die später wiedererstandenen
Koralleninseln bevölkerten, sprechen so beredt für diese Annahme, die
zahllosen Koralleninseln zeigen so deutlich die ausgedehnte Gebirgswelt,
welche unter der Meeresoberfläche liegt; die vielen noch thätigen
unterseeischen Vulkane, welche häufige Veränderungen in dem unterseeischen
Lande verursachen, lassen so wenig Zweifel, daß dort auch jetzt noch
gewaltige Kräfte in Thätigkeit sind, daß man diese Hypothese wol als eine
berechtigte anerkennen kann.
Die zweite Ansicht läßt die sämmtlichen Bewohner der Südseeinseln
vom Westen kommen, nennt sie Abkömmlinge der Malayen, welche schon in
altersgrauer Zeit im Besitz seetüchtiger Fahrzeuge waren und denen man
so viel Unternehmungsgeist zuspricht, daß man ihnen die Fähigkeit zur
Erwerbung so fernliegenden Insellandes glaubt zuerkennen zu müssen.
Diese Ansicht erschien mir, wie wol auch schon vielen, beim Vergleich der
verschiedenen Menschenstämme so absurd, daß ich mir gar nicht die Mühe
nahm, weiter darüber nachzudenken. Zwar fand ich in Neu-Britannien manche
Anklänge an die samoanische Sprache, doch wurden diese damit erklärt,
daß erst in allerneuester Zeit einige samoanische Worte Aufnahme in den
beschränkten Sprachschatz der Menschenfresser gefunden hätten. Als ich
aber in Batavia mehrere Worte fand, welche in Java und Samoa dieselbe
Bedeutung haben, da wurde mir doch klar, wie vorschnell der Reisende in
seinem Urtheil und wie gefährlich es ist, sich eine eigene Ansicht über
so tiefgehende Fragen auf Grund oberflächlicher Beobachtungen bilden zu
wollen. Damals dachte ich noch nicht daran, dieses hier niederschreiben
zu wollen, und habe mir daher die erwähnten Worte ebensowenig gemerkt,
als ich versuchte, mich eingehender zu unterrichten. Ein Wort wenigstens
ist aber in meinem Gedächtniß haften geblieben, mit welchem ich die
vorstehende Behauptung belegen kann. Das Wort „susu“ bedeutet im
Javanischen „Milch“, im Samoanischen hat es die Doppelbedeutung von
„Milch“ und „Frauenbrust“.
Die dritte Hypothese läßt Neu-Caledonien, die Salomons-, Fidji-Inseln
und Neu-Hebriden von Australien und Neu-Guinea aus, die polynesischen
Inseln von Samoa aus bevölkern. Wo die Mikronesier herkommen sollen,
ist mir nicht gegenwärtig. Nimmt man die Karte zur Hand und mißt die
außerordentlich großen Entfernungen aus, welche einzelne Inselgruppen
voneinander trennen, dann wird man allerdings geneigt, diese Hypothese
für unhaltbar zu erklären, da es unmöglich erscheint, daß Menschen ohne
Seekarten und Compaß, ohne Mittel den Ort des Schiffes zu bestimmen, mit
so zerbrechlichen kleinen Fahrzeugen, über welche die Eingeborenen nur
verfügten, eine Seereise in das Ungewisse wagen und auf eine Entfernung
von 2000 Seemeilen mit Erfolg durchführen konnten. Doch nähert sich die
Unmöglichkeit der Möglichkeit, wenn man die wol unumstößlich feststehende
Thatsache erwägt, daß das große Neu-Seeland von dem kleinen Roratonga aus
bevölkert worden ist und wenn man dabei berücksichtigt, daß die Entfernung
zwischen Neu-Seeland und den Cook-Inseln etwa 1800 Seemeilen beträgt.
War dies möglich, dann kann man eine Bevölkerung der Sandwich-Inseln
von den Gesellschafts- oder Marquesas-Inseln aus gerade auch nicht mehr
für unmöglich halten. Zwar kann hier entgegnet werden, daß eine Reise
von Roratonga nach Neu-Seeland möglich sei, weil die Leute in der guten
Jahreszeit mit Hülfe des Südostpassats ohne Schwierigkeit dahin gelangen
konnten, während auf dem Wege nach den Sandwich-Inseln die Aequator-Calmen
durchschnitten werden müssen. Doch der Weg nach Neu-Seeland wird auch
nicht allein auf den Schwingen des Passatwindes gemacht, dort gibt es auch
Windstillen und vorherrschenden Westwind, welcher häufig zu schwerem Sturm
anwächst, und ich glaube, daß die Wind- und Wetterverhältnisse von den
Marquesas-Inseln nach den Sandwich-Inseln für offene Boote thatsächlich
günstigere sind, als die von Roratonga nach Neu-Seeland.
Ich will indeß auf die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten nicht weiter
eingehen; trifft die erste Hypothese nicht zu, dann hat diese letztere
wol die größere Wahrscheinlichkeit für sich. Thatsache ist, daß auf den
von Polynesiern bewohnten Inseln die gleiche Sprache mit Abweichungen,
wie sie auch die verschiedenen romanischen oder germanischen Sprachen
aufweisen, gesprochen wird, sowie daß die Mikronesier und die von ihnen
abstammenden Mischlinge eine besondere Sprache haben, welche auf den von
mir besuchten Inselgruppen Mikronesiens nur so geringe Abweichungen hat,
daß ein bei mir an Bord befindlicher Marshall-Insulaner der Radack-Kette
auf den Inseln der Kingsmill-Gruppe sowie der Ralick-Kette als Dolmetscher
fungiren konnte.
Die Vertreter der Annahme, daß Polynesien von Samoa aus bevölkert worden
ist, stützen sich meines Wissens darauf, daß die Samoaner den reinsten
Typus der polynesischen Rasse vertreten, mithin bei ihnen die Wiege des
ganzen Volksstammes zu suchen sei, weil erfahrungsmäßig die Auswanderer im
fremden Lande, bei anderer Nahrung, infolge abweichender Lebensweise und
neuer Sitten sich äußerlich soweit verändern, daß die spätern Geschlechter
einen ganz neuen Volksstamm zu bilden scheinen. Dies wird in der Südsee
schlagend auf den Ellice-Inseln bewiesen, wo die von den bergigen
Samoa-Inseln gekommenen Einwanderer auf den niedrigen Koralleninseln unter
Beibehaltung ihrer Sprache eine wesentliche Veränderung erfuhren und mit
der Aufgabe der feinen Sitte des Mutterlandes auch auffallend an ihrer
körperlichen Schönheit verloren haben.
Andererseits haben wieder die weiter nach dem Norden gewanderten
Samoaner bei der stattgehabten Kreuzung mit den vom Norden gekommenen
Mikronesiern einen Menschenschlag geschaffen, welcher in Bezug auf
körperliche Schönheit fast noch höher wie derjenige der Samoaner steht
und sich durch saubere Hütten, strenge Sitten, große Förmlichkeit in
dem gegenseitigen Verkehr und persönlichen Muth sowol vor den im Norden
seßhaften Mikronesiern, wie vor den im Süden die Ellice-Inseln bewohnenden
Samoanern auszeichnet.
Ob auf solche Aeußerlichkeiten die Herkunft einer großen Völkerfamilie
basirt und daraufhin der Stamm der Samoaner für das Stammvolk erklärt
werden kann, werden übrigens die Gelehrten zu entscheiden haben. Ich
wollte nur das, was ich in Erfahrung gebracht habe, in möglichst bündiger
Form hier niederlegen und die liebenswürdigen Polynesier bei meinen
Freunden davor schützen, daß sie für Wilde und Menschenfresser gehalten
werden.
3.
Die Katastrophe im Geysir-Gebiet Neu-Seelands.
(Vgl. S. 482.)
Soweit die Traditionen der Eingeborenen reichen, welche die Engländer auf
mehr als 1000 Jahre zurückrechnen, war von einem größern vulkanischen
Ausbruch und damit zusammenhängenden Veränderungen des Landes auf
Neu-Seeland nichts bekannt. Die Traditionen besagen vielmehr, daß
die ersten Einwanderer das Geysir-Gebiet in genau derselben Gestalt
vorgefunden hatten, wie es bislang war. Namentlich der Berg Tarawera
hat nie ein Zeichen vulkanischer Thätigkeit gegeben, sodaß der am Fuße
des Berges lebende Stamm der Maoris schon seit funfzehn Generationen
gerade den Gipfel desselben als Begräbnißstätte für seine Stammesgenossen
benutzte, weil in altersgrauer Zeit ein großer Häuptling dort
bestattet worden ist. Um so interessanter bleibt es, daß der gelehrte
österreichische Geologe Dr. von Hochstetter schon im Jahre 1859 infolge
seiner Untersuchungen die Vermuthung aussprach, daß der Tarawera-Berg
in seinem Innern durch heiße Dämpfe verzehrt sei und in nicht zu ferner
Zeit voraussichtlich einstürzen würde. Eine Untersuchung des Berggipfels
wurde ihm von den Maoris nicht erlaubt, weil sie eine Entweihung ihrer
Grabstätten befürchteten. Ist nun die Vorhersagung von Hochstetter’s auch
nicht buchstäblich eingetroffen, so zeigt die Thatsache doch, daß er den
für ganz ungefährlich gehaltenen Berg richtig beurtheilt hatte.
Nach der übereinstimmenden Aussage aller Augenzeugen, und deren waren
viele, hat sich die Katastrophe, welcher allerdings zwei Warnungen
vorhergegangen waren, die aber erst nach derselben als solche erkannt
wurden, ganz unerwartet in der nachfolgend angegebenen Weise entwickelt.
Die vorhergegangenen merkwürdigen Anzeichen von Störungen im Erdinnern
hatten darin bestanden, daß im Jahre 1884 plötzlich das bisher kalte
Wasser des Roto-kakahi sich bis zur Siedehitze erwärmte, dann während
eines Tages ein starker Abfluß aus dem See durch das Wairoa-Thal nach
dem Tarawera-See erfolgte und danach die Temperatur des Seewassers wieder
auf die normale sank. Das zweite Zeichen erfolgte wenige Wochen vor dem
Ausbruch, indem die heißen Quellen bei Ohinemutu plötzlich sehr bedeutend
an Wärme verloren.
In der Nacht vom 9. zum 10. Juni 1886, 12 Uhr 40 Minuten morgens wurde in
Wairoa der erste Erdstoß verspürt, welchem in kurzen Zwischenräumen immer
stärkere folgten, begleitet von rollendem Getöse und orkanähnlichem Wind.
Um 2 Uhr erfolgte der erste Ausbruch, nachdem vorher eine riesige schwarze
Wolke, die von der Stadt Taheke bis zum Päroaberg, mithin über eine
Strecke von 35-40 km gereicht haben soll, sich über dem Lande gelagert
hatte, in welcher nie gesehene elektrische Entladungen stattfanden. Für
das Auge fand der Ausbruch des Tarawera-Berges aus drei großen Kratern,
welche später als acht kleinere erkannt wurden, statt und die nach oben
geworfenen Feuergarben wurden auf 300 m Höhe geschätzt. Die an sich
zunächst großartige Erscheinung wurde für die Bewohner von Wairoa bald
zu einer furchtbaren, als wenige Minuten später glühende Aschenmassen,
große Steine und ein wahrer Schlammregen, von dem wehenden Orkan über die
Landschaft gejagt, niederfielen und alles Erreichbare vernichteten. Die
Europäer konnten sich unter der Führung eines mit großer Geistesgegenwart
begabten und kaltblütigen Mannes zum größten Theil retten, weil die
örtlichen Verhältnisse ihrer Ansiedelung die Flucht begünstigten. Nur
sechs von ihnen und 95 Eingeborene wurden als vermißt angemeldet.
Am nächsten Morgen war die Ansiedelung Wairoa verschwunden und das
Land mit einer 1½ m hohen Schlamm-, Stein- und Aschenschicht bedeckt;
der schöne Tikitapu-Wald war von dem Sturm, den einschlagenden Blitzen
und dem Aschen- und Schlammregen vernichtet; der Roto-kakahi hatte
3 m weniger Wasser als vorher; der Roto-mahana war wasserleer und das
schlammige Bett des frühern Sees war bedeckt mit größern und kleinern
Kratern, Geysirs und Fumarolen; die berühmten Terrassen waren nicht mehr
und nichts ließ erkennen, wo sie dereinst gestanden hatten. So haben
dieselben Naturkräfte, welche im Laufe von Jahrtausenden jene Wunderwerke
geschaffen hatten, sie in einer einzigen Nacht auch wieder zerstört.
Unsere Abbildungen dieser Terrassen nehmen demnach gegenwärtig ein
gewisses historisches Interesse in Anspruch.
Einen ungefähren Begriff von der elementaren Gewalt des Ausbruchs mag
die Thatsache geben, daß in Auckland, mehr als 200 km von dem Schauplatz
entfernt, am Morgen des 10. Juni gegen 3 Uhr die Menschen durch laute
Kanonenschläge, ja ganze Artilleriesalven aus dem Schlafe geweckt
wurden und dann auch den fernen Feuerschein sahen, sodaß man glaubte,
ein Kriegsschiff sei in der Nähe in Seenoth, bis man erst gegen 9
Uhr vormittags durch Telegramme von der wahren schrecklichen Ursache
unterrichtet wurde.
Berichtigungen.
Seite 67, Zeile 2 v. o., statt: 1887, lies: 1878
" 192, " 1 v. u., st.: Opuno, l.: Oponu
" 426, " 12 v. o., st.: Vorzug, l.: Verzug
" 481, " 6 v. o., st.: halbe, l.: halber
4.