Das erste Tagesgrauen am nächsten Morgen sah uns wieder unter Segel,

obgleich ein solcher Sturm wehte, daß ein hinter einer andern Insel

liegendes großes Kauffahrteischiff es wol wegen seiner schwachen

Besatzung nicht wagte, die vor uns liegende Strecke abzukreuzen. Diese

Windverhältnisse verschafften uns aber einen interessanten Tag, denn wir

mußten, um vorwärts zu kommen, so viel Segel führen, daß ich wiederholt

für unsere Raaen fürchtete, und solches Segeln regt die Nerven an.

Ueberdies wurde durch den starken Wind die Hitze so gemildert, daß man

bei der vorwiegend kahlen und farblosen Umgebung -- helles Wasser und

gelbe Sand- oder Korallenbänke -- kaum die Empfindung hatte, in der

heißesten Breite unsers Erdballs zu sein. Nachmittags verließen wir den

Nordost-Kanal, liefen in ein großes Wasserbecken ein, wo schon wieder

ziemlich hohe See stand, und setzten den Curs auf die kleine etwas

über 200 m hohe Mount-Ernest-Insel, hinter welcher ich für die Nacht

ankern wollte. Beim Einlaufen in die von dem Ufer der Insel gebildete

Bucht meldete unser Posten in der Vorbramsaling, daß auf einem hinter

Bäumen gelegenen großen, weiß angestrichenen Hause eine Flagge wehe,

und kurze Zeit darauf, daß die Flagge wieder eingezogen sei. In dem

Dorf, welches sich dann vor unsern Blicken am Strande ausbreitete, ließ

sich, trotzdem mehrere Kanus und auch ein größeres europäisches Boot

auf dem Lande aufgeschleppt lagen, keine Menschenseele sehen. Das Ganze

war verdächtig und wir hatten hier wahrscheinlich eine unter dem Befehl

eines Weißen stehende Seeräuberbande, deren es in diesen weit abgelegenen

Gewässern noch manche geben soll, vor uns. Die aufgezogene Flagge

sollte uns jedenfalls anlocken, sobald man aber in uns ein Kriegsschiff

erkannte, wurde die Flagge wieder beseitigt und die sämmtlichen Bewohner

flüchteten wol in das unwirthliche Innere. Die schnell eintretende

Dunkelheit verhinderte eine Recognoscirung noch an demselben Abend

und am nächsten Morgen mußte der Versuch zu einer solchen aufgegeben

werden, weil es gerade Ebbe und so niedriges Wasser war, daß es ohne

größere Vorbereitungen, Herbeischaffung von Bretern, um auf diesen über

die scharfzackigen Korallen und tiefen Wasserlachen an Land zu kommen,

unmöglich war, auch nur wenige Schritte auf der von dem Ufer weit in die

See vorspringenden Korallenbank vorzudringen. Bei näherer Ueberlegung

mußte ich mir auch sagen, daß wenn die Leute sich wirklich in einem

Schlupfwinkel versteckt hatten, ich mindestens mehrerer Tage zu ihrer

Auffindung bedürfe, und zu solcher Zeitvergeudung fehlte mir auf eine

bloße Vermuthung hin die Berechtigung, da ich die Rückreise mit allen mir

zu Gebote stehenden Mitteln beschleunigen mußte, weil das Schiff gleich

nach unserer Rückkehr mit anderer Besatzung eine neue Reise antreten

sollte. So gab ich den Landungsversuch auf und setzte eine halbe Stunde

später die Reise weiter fort.

Nachmittags 3 Uhr liefen wir in den nur eine Seemeile breiten Prince

of Wales-Kanal ein, welcher im Norden, also zu unserer Rechten, von

weit ausgedehnten mächtigen Korallenbänken, im Süden von hohen Inseln,

Wednesday-, Thursday-, Friday-, Horn- und Goode-Island, sowie der großen

Prince of Wales-Insel begrenzt wird, und kurz nach 4 Uhr steuerten wir

mit der stolzen Fahrt von 12 Knoten zwischen den nördlich von Goode-Island

gelegenen Riffen hindurch aus dem Stillen Ocean in die Arafura-See.

Abends 7 Uhr passirten wir die kleine Booby-Insel, welche dadurch

interessant ist, daß sie seit vielen Jahren als Herberge für

Schiffbrüchige dient und für die vorbeipassirenden Schiffe als

selbstthätig arbeitendes Postamt wirkt. Wie die Engländer seit fast

einem Jahrhundert in allen die Seefahrt betreffenden Fragen die Führung

in Händen hatten und, stets auf das Wohl und Wehe der Seefahrer bedacht,

aller Orten nach Möglichkeit dafür sorgten, diesen ihren schweren Beruf zu

erleichtern und ihnen jedmögliches Hülfsmittel zur Verfügung zu stellen,

so erkannte der Commandant des englischen Kriegsschiffes „Bramble“ im

Jahre 1845, daß die unbewohnte, von dem nächsten bewohnten Lande über

zwölf Seemeilen weit abliegende und von den Eingeborenen nie besuchte,

wahrscheinlich auch gar nicht gekannte kleine Booby-Insel sowol ein

vorzüglich gelegener Rückzugsplatz für schiffbrüchige Seeleute sei,

wie auch dazu dienen könne, vorbeipassirenden Schiffen die Gelegenheit

zu geben, von hier aus Briefe oder wichtige Nachrichten befördern zu

lassen. Er hinterlegte daher in einer Höhle am Strande größere Mengen

von Dauerproviant und errichtete einen Kasten mit der Aufschrift

„Post-Office“, in welchem er auch ein Buch und Bleistifte zur Eintragung

von Nachrichten zurückließ. Die englische Admiralität ließ dann auf

den Karten bei der Insel die Bezeichnung „Post-Office“ hinzusetzen und

seit der Zeit schicken die Schiffe, welche bei guter Tageszeit hier

vorbeilaufen, ein Boot an Land, um unter den angesammelten Briefen und

Nachrichten das, was sie weiterbefördern können, auszuwählen und die etwa

inzwischen zusammengeschmolzenen Vorräthe wieder zu ergänzen.

Von Booby-Island aus wählte ich durch die Arafura-See einen Curs, auf

welchem in der Karte noch keine Tiefenangaben stehen, und ließ alle vier

Stunden das Loth werfen, um dadurch auch etwas zur Vervollständigung der

Kenntniß dieses Meeres beizutragen.

Am 27. Juni sahen wir Timor, dessen SW-Spitze wir um Mittag passirten.

Am 28. abends kam Sumba in Sicht, an welcher Insel wir während des

29. vorbeisegelten. Am 30. waren wir dicht unter der hohen Küste von

Sombawa und am 1. d. M. nachmittags liefen wir in die zwischen den

Inseln Lombock und Bali liegende Lombock-Straße ein, wo wir so starke

Stromschnellen antrafen, verbunden mit hoher durcheinanderlaufender

und sich überstürzender See, daß das große Schiff, obgleich wir unter

Segel 7½ Knoten liefen, zuweilen weit aus seinem Curs geworfen wurde.

Ich nahm daher die Maschinenkraft noch mit zu Hülfe und brachte unsere

Geschwindigkeit auf 12 Knoten, um das Schiff besser im Steuer zu

behalten und möglichst schnell aus dieser wegen ihrer Stromverhältnisse

berüchtigten Straße hinauszukommen. Noch am Abend desselben Tages liefen

wir in die Java-See ein und steuern seitdem an der Nordküste Javas entlang

Batavia zu, wo ich morgen Vormittag einzutreffen hoffe, nachdem wir der

günstigen Wetterverhältnisse wegen den heutigen Tag zur Abhaltung einer

gefechtsmäßigen Schießübung benutzt haben.

Im Indischen Ocean, 16. Juli.

Jetzt, wo wir der Heimat wieder ein gutes Stück näher gerückt sind und

mit vollen Segeln der afrikanischen Küste zueilen, will ich in Kürze die

letzte Zeit hier zusammenfassen, denn viel von Batavia zu erzählen vermag

ich nicht, da berufenere Federn hierüber schon so erschöpfend berichtet

haben, daß ich schwerlich etwas Neues bringen könnte.

Am 5. Juli vormittags langten wir auf der Rhede von Batavia an, wo man

vor dem Mastenwald der dort liegenden Schiffe kaum etwas anderes sieht,

weil die niedrige sumpfige Küste so wenig Anziehendes bietet, daß man

den Anblick des regen Verkehrs auf dem Wasser demjenigen auf dem Lande

vorzieht. Unser Consul, ein Herr S., welcher mir sehr bald seinen Besuch

machte, nahm mich gleich als seinen Gast mit an Land und wir fuhren in

seinem Wagen nach der weiter im Innern hoch und gesund gelegenen Stadt

Batavia. Die in großen Gärten liegenden palastartigen Gebäude, die

breiten Straßen und schönen großen Plätze, die Fülle von hohen mächtigen

Bäumen und Pflanzen aller Art, die Verschwendung an Marmor, welcher

vielfach als Baumaterial benutzt ist, die vielen eleganten Equipagen, die

kostbaren Toiletten der Damen und die buntfarbige Tracht der männlichen

Eingeborenen, welche, da für jede Handleistung ein besonderer Diener

vorhanden ist, in den Häusern scharenweise als solche auftreten, versehen

den Fremdling in ein wahres Märchenland.

Herr S. unterhält, trotzdem er als Junggeselle allein lebt, der dortigen

Sitte gemäß einen nach unsern Begriffen fürstlichen Haushalt. Ich habe

acht Diener gesehen und glaube, daß in dem großen Häusercomplex noch

einmal so viele, welche für mich unsichtbar geblieben sind, und zwar

theilweise mit ihren Familien wirkten. Als Wohnung war mir ein ganzer

Seitenpavillon mit Ausgang in einen herrlichen Garten zugewiesen, und zu

meiner persönlichen Bedienung hatte ich allein zwei Diener, welche, mich

auf Schritt und Tritt mit ihren Augen verfolgend, jederzeit zur Stelle

waren, wenn ich irgend einer Dienstleistung bedurfte.

Eine ähnliche Gastfreundschaft fanden auch unsere übrigen Offiziere bei

andern deutschen Herren.

Ein von dem Consul unserm Schiff zu Ehren gegebenes Fest versammelte die

ganze deutsche Colonie in den gastlichen Räumen, wo auch der Gecko ohne

Scheu vor uns seinen eigenthümlichen Ruf hören ließ und an den Wänden

und der Decke des Saals nach schädlichen Insekten etc. jagte, während wir

tafelten.

Daß Herr S. mit mir auch einen Ausflug nach Buitenzorg, der Residenz des

holländischen Generalgouverneurs und beliebter Erfrischungsaufenthalt

der europäischen Familien machte, versteht sich eigentlich von selbst.

Wir fuhren nachmittags mit der Eisenbahn dorthin, wobei mir als das

Merkwürdigste am Wege die hier wachsenden lebenden Telegraphenstangen

gezeigt wurden. Da man der Termiten und anderer unnützer Insekten wegen

keine Stangen aus todtem Holz verwenden konnte, wählte man hierzu lebende

Bäume, nachdem man eine hierfür geeignete Art gefunden zu haben glaubte.

Diese Bäume haben aber doch ein so unerwartet rasches Wachsthum gezeigt,

die Glocken für die Drähte sind schon so hoch gewandert, daß die letztern

jetzt zu kurz werden, reißen und somit fortgesetzter Reparaturen bedürfen.

In Buitenzorg fand ich einen luxuriösen Platz, schöne Häuser, große

Parkanlagen und Gärten, elegante Hotels und unter den vielen fröhlichen

Menschen auch manchen siechen Soldaten, da die im Colonialdienst

erkrankten Mannschaften von dem Staat zu ihrer Erholung dorthin geschickt

werden. Zwischen den vorwiegend europäischen Häusern liegen auch einige

javanische, in denen eingeborene Fürsten mit ihrem Hofstaat leben und

in deren einem am Abend meiner Anwesenheit in Buitenzorg ein als Musik

bezeichneter fürchterlicher Lärm bis spät in die Nacht hinein verübt

wurde.

Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch bestiegen wir einen kleinen

zweisitzigen, mit vier kleinen Pferden bespannten Wagen, um weiter

in die Berge zu fahren und einen berühmten Badeplatz zu besuchen. Der

Kutscher des Gefährts hatte merkwürdigerweise nur die beiden Stangenpferde

im Zügel, die beiden vordern Thiere waren ohne jede Lenkvorrichtung

eingeschirrt. Zwei eingeborene Läufer mit kurzer Peitsche in der Hand

standen, ebenso wie bei den städtischen Wagen, auf dem hinten angebrachten

Fußbret, mit einer Hand sich am Wagen festhaltend und mit nach außen

geneigtem Oberkörper die vor uns liegende Straße beobachtend. Die

Hauptaufgabe dieser Läufer scheint die zu sein, die vordern Pferde zu

lenken, weil auf den guten Straßen keine Hindernisse eintreten, welche

ihre Thätigkeit sonst in Anspruch nehmen könnten. Sobald wir im Wagen

saßen, nahmen auf Zuruf des Kutschers die feurigen Thiere einen fliegenden

Trab auf und behielten diese Gangart scheinbar ohne Anstrengung auch auf

der bald ziemlich steil ansteigenden Straße dauernd bei. Staunenswerther

als dies war es aber, wenn bei Wegebiegungen oder Straßenkreuzungen

unsere beiden Läufer von dem Fußbret absprangen, den schnellen Lauf

der Thiere überholend an uns vorbeiflogen, die vorgespannten Pferde,

sie am Gebiß fassend, auf den richtigen Weg leiteten und dann wieder

leicht auf das Fußbret sprangen, ohne durch schneller gehenden Athem zu

verrathen, daß der Lauf ihnen eine Anstrengung verursacht hätte. Und als

noch staunenswerther möchte ich es bezeichnen, als bei einer javanischen

Hütte ein kleines, kaum 7 Jahre altes Mädchen uns folgte und mit ihren

bloßen Füßchen neben dem Wagen herlaufend, gleichen Schritt mit uns hielt

und lachenden Gesichts ihr guán, guán (Herr, Herr) rief, um eine Gabe

zu erbetteln. Manche mich interessirende Gestalt begegnete uns, stolze

Javanesen oder Sundanesen, welche eigentlich nur ihre Waffen spazieren

trugen; mit dem Hüfttuch bekleidete, sonst nackte Tagelöhner, welche

kunstvoll gebundene Fruchtpyramiden zu Markte in die Stadt trugen und von

denen mehr wie einer sich von seiner ärmlich gekleideten Frau begleiten

ließ, um bei dieser Gelegenheit die in ihren Ohrläppchen sitzenden, oft

einen Werth von nahezu 1000 Gulden darstellenden Brillanten zur Schau zu

stellen. Der geradezu krankhafte Trieb des Javanesen nach dem Besitz von

Diamanten soll ihn allein dazu bringen, auf den Plantagen der Europäer so

lange zu arbeiten, bis er sich diesen Wunsch erfüllen kann, worauf er sich

dann an dem Besitz in der Weise erfreut, daß er die Steine seiner Frau

anhängt, wodurch er sie immer vor Augen hat. Auch durch Dörfer, malerisch

zwischen üppigem Laub gelegene Niederlassungen, kamen wir, wo die Frauen

der wohlhabendern Klasse in den saubern offenen Hütten am Webstuhl saßen,

denn sie weben den Hausbedarf an Stoffen sich selbst.

An unserm eigentlichen Ziele angelangt, fanden wir einen dunkeln,

geheimnißvollen, kühlen Hain, in welchem unter hohen Bäumen ein großes

gemauertes Becken liegt, das von einer frischen Waldquelle gespeist wird.

Eine Hütte zum Aus- und Ankleiden befindet sich an dem Rande des Beckens,

eine steile steinerne, mit Moos überzogene Treppe führt zum Wasserspiegel,

wo man unter den rauschenden Kronen altehrwürdiger Bäume im Waldesdunkel

und umgeben von Waldesstille ein erfrischendes, fast kaltes Schwimmbad

findet. Als wir beim Verlassen des Bades einigen Eingeborenen begegneten,

forderte Herr S. dieselben auf, einige Skorpione zu fangen, um mir zu

zeigen, wie reich der Boden hier an diesem giftigen Gewürm sei. Nur

einige größere Steine brauchten die Leute aus dem feuchten schlüpfrigen

Boden herauszuheben und sie hatten schon eine kleine Schale mit diesen

kampfesmuthigen Thieren, welche sofort gegenseitig übereinander herfielen,

angefüllt.

Nach Buitenzorg zurückgekehrt fand ich noch Gelegenheit, von einem

herumziehenden Händler in unserm Gasthaus einige schöne alte sundanesische

kurze Schwerter zu erwerben, dann frühstückten wir und zur Essenszeit

waren wir wieder in Batavia.

Am 10. Juli mittags verließen wir den javanischen Strand wieder, liefen

während der Nacht durch die Sunda-Straße, aus welcher wir am 11. morgens

4 Uhr in den Indischen Ocean einsteuerten. Ich suchte nun zunächst 9°

Südbreite auf, um auf dieser die Reise zu machen, steuerte aber, als am

12. abends der Passatwind immer noch nicht durchgekommen war, südlich bis

auf 10½° Südbreite, wo ich am 13. nachmittags den gewünschten Wind antraf,

auf dessen Schwingen wir nun mit einer Durchschnittsfahrt von 10 Knoten,

welche zuweilen bis auf 13 steigt, nach Aden eilen.

Im Golf von Aden, 10. August 1879.

Erhaben ernst schaut die todte rothbraune Nordküste des Somalilandes

auf uns hernieder, und ernst sind wol die Gedanken der meisten von uns.

Sind wir doch nicht mehr fern von Aden, wo wir nach fünf Monaten wieder

die ersten Briefe und jedenfalls solche neuern Datums erhalten werden.

Wenn dieselben uns hoffentlich auch nur frohe Botschaft bringen, so ist

doch auch das Gegentheil nicht ausgeschlossen; hat doch wol schon jeder

von uns bei ähnlicher Gelegenheit vor den Thoren der Heimat Tiefernstes

selbst erfahren oder an andern miterlebt. Auch die uns umgebende Scenerie

wirkt in ihrer großartigen Ruhe und wunderbaren Farbenzusammenstellung

ganz eigenartig auf das Gemüth. Früh ist es noch am Tage, niedrig steht

die Sonne, deren heiße Strahlen das Land noch nicht in ein flimmerndes

Dunstkleid hüllen. Selten klar ist die Luft, durchsichtig blau der Aether,

tiefblau das Meer und rothbraun das Gebirgsland, auf dessen weitem Gelände

wir nur eine einzige arabische Wohnstätte entdecken können, welche,

festungsartig von Mauern umgeben, uns in ihrem blendenden weißen Anstrich

wie ein Edelstein aus der todten Umgebung entgegenleuchtet. Kein Hauch

bewegt die Luft und das Meer, kein Leben hier und dort, kein Baum, kein

Strauch am Lande, kein Schiff, kein Vogel auf dem Wasser, Stille rings um

uns her, soweit das Auge schaut.

Als wir am 6. August nach unsern Berechnungen so nahe an die afrikanische

Küste gekommen waren, daß wir bald den von Süden, vom Cap der Guten

Hoffnung kommenden kalten Nordstrom treffen mußten, machte ich den

Versuch, uns von der Annäherung an die afrikanische Küste in der Weise

durch den Thermometer zu überzeugen, daß wir durch Messung der Temperatur

des Wassers den Eintritt in die Stromgrenze festzustellen suchten.

Die Küste bei Ras-Hafun ist gefährlich und hat schon manches Schiff

verschlungen, weil sie am Tage in der Regel in Dunst oder leichten Nebel

gehüllt nur auf 3-4 Seemeilen Entfernung zu sehen ist, das Loth bei

den großen Wassertiefen nur in allernächster Nähe der Küste wirklich

von Nutzen ist und die Meeresströmungen hier so unregelmäßige sind,

daß sie die Sicherheit der Ortsbestimmung des Schiffes in hohem Grade

beeinträchtigen. Weiß man aber erst, daß man sich überhaupt schon in

der Nähe der Küste befindet, dann kann man mit einiger Vorsicht jede

Gefahr ziemlich sicher vermeiden. Die Segelanweisungen deuten allerdings

nicht an, daß man den kalten Strom zu dem angegebenen Zweck benutzen

kann, weshalb ich nur geringes Vertrauen zu dem Versuch hatte, um so

überraschender war der Erfolg.

Im Laufe des Tages, des 7., fiel die Wassertemperatur von 26° C. bis

auf 24,5°, der kalte Strom machte sich also schon bemerklich; am 8. aber

fiel sie weiter bis auf 16,7°, wahrlich ein kaum glaublicher Wärmegrad

auf 10° Nordbreite, nachdem das Wasser bereits von 34° Süd an fast den

ganzen Tropengürtel, jedenfalls an 2000 Seemeilen innerhalb der Tropen,

durchlaufen hatte. Sobald wir in der Mitte der breiten Meeresströmung

angekommen waren, hätten wir allerdings der Messung der Wasserwärme

nicht mehr bedurft, denn die Abkühlung der Luft war hier eine derartige,

daß wir warme Kleider anlegen mußten und ich der Mannschaft während

der Nacht heißen Kaffee geben ließ, um sie vor Erkrankung zu schützen.

Welchen Temperaturschwankungen wir ausgesetzt waren, wird am besten der

Thermometer ergeben.

Am 8. d. M. 4 Uhr morgens hatten wir in der Luft 24,9° C. = 19,9° R.

8 " vormittags 24,8 " 19,8 "

10 " " 24,0 " 19,2 "

12 " mittags 21,7 " 17,4 "

4 " nachmittags 20,4 " 16,3 "

8 " abends 19,7 " 15,8 "

12 " Mitternacht 18,5 " 14,8 "

Am 9. d. M. 4 " morgens 21,5 " 17,2 "

8 " vormittags 26,0 " 20,8 "

12 " mittags 32,1 " 25,7 "

12 " Mitternacht 29,5 " 23,6 "

Mit welcher Wucht der kalte Strom sich zeitweise seinen Weg nach Norden

bahnt, konnten wir auch an seiner Geschwindigkeit erkennen, denn am

8. d. M. in der Zeit von 8 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags stellten

wir vermittelst durchaus zuverlässiger Beobachtungen an der Sonne fest,

daß wir durch ihn in diesen 6 Stunden 30 Seemeilen oder über 56 km allein

nach Osten versetzt worden waren, sodaß seine Geschwindigkeit mindestens

9,5 km in der Stunde, wahrscheinlich aber, da wir keine Gelegenheit

fanden, die Versetzung nach Norden mit zu bestimmen, bis zu 12 km oder

6-7 Seemeilen stündlich betragen hat.

Während nun der Einfluß des kalten Stroms zweifellos die Veranlassung

ist, daß am Tage leichte Nebel sich auf die heiße Küste legen, bewirkt er

in den ersten Nachtstunden einen so starken Thaufall, daß dieser nur mit

leichtem Regen verglichen werden kann, der späterhin die Luft klar und

sichtig macht. So haben wir es auch dem Nebel und Gegenstrom jedenfalls

zuzuschreiben, daß wir die afrikanische Küste nicht schon am 8., wie ich

sicher erwartet hatte, in Sicht bekamen. Als dann am Abend dieses Tages

aber der starke Thaufall eintrat, wurde es mir gleich klar, daß ich die

Nacht zum Ansteuern des Landes benutzen müsse und segelte dann auch unter

Zuhülfenahme des Loths direct auf die Küste los. Meinen Nachtschlaf mußte

ich nun allerdings wieder einmal opfern, doch dies war nicht zu ändern.

Gegen Mitternacht wird die Luft durchsichtig klar, die Nacht so hell,

wie sie es unter dem alleinigen Einfluß der blitzenden Sterne zu werden

vermag, und eiligen Laufes mit geblähten Segeln durchschneidet das Schiff

rauschend die Meereswogen. Lautlos, mit geschärften Sinnen aufmerksam

nach vorn schauend, stehen die in warme Winterkleider gehüllten Menschen

auf ihren Posten, um mit den Augen das ersehnte Land zu erspähen oder mit

dem Gehör die Brandung zu erlauschen. Von Stunde zu Stunde wird das Loth

geworfen, welches um 1½ Uhr nach Mitternacht zum ersten mal den Grund

erreicht und eine Tiefe von 95 m angibt.

Unsere Geduld wird auf eine harte Probe gestellt, erst um 3 Uhr morgens,

aber dann auch urplötzlich, von allen zugleich gesehen, steht das

hohe Bergland scharf gezeichnet und massig vor uns, die Küste zwischen

Ras-Hafun und Cap Guardafui. Nach der Wassertiefe müssen wir 15 Seemeilen

vom Lande ab sein, und von diesem als richtig angenommenen Standpunkte aus

wird der Curs nach dem Cap Guardafui gesetzt, welches um 5½ Uhr in Sicht

kommt. Um 7 Uhr passiren wir dasselbe und jetzt konnte ich auch daran

denken, etwas der Ruhe zu pflegen, doch nur für kurze Zeit, denn um 8 Uhr

schon wurde ich mit der Meldung geweckt, daß Windstille eingetreten sei,

und ich mußte wieder an Deck das Wetter prüfen, ehe ich den Befehl zum

Dampfmachen geben konnte.

Im Mittelmeer, 3. September 1879.

Im Mittelmeer! Seit über drei Monaten eilen und hasten wir vorwärts, um

das Endziel unserer zweijährigen Reise zu erreichen, das Ziel, welches

nun schon so nahe vor uns liegt. Nirgends hatten wir Zeit, keine andere

Aufgabe war uns mehr gestellt, als die, nach Hause zurückzukehren, und

ihr, also der Seefahrt allein, galt neben der Erhaltung der Mannschaft in

kriegstüchtiger Ausbildung und des Schiffes in kriegsbrauchbarem Zustande,

unsere ganze Thätigkeit.

Am 11. August mittags ankerten wir vor Aden, welches wir schon am

12. nachmittags 4 Uhr wieder verließen, nachdem wir Kohlen, Proviant

und Wasser eingenommen hatten. Dort fanden wir zu unserer freudigen

Ueberraschung auch unser Kanonenboot „Nautilus“, welches sich auf der

Reise nach den Samoa-Inseln befindet, zu Anker liegend vor. Die Freude

wurde allerdings bald getrübt, als wir hörten, daß sein Commandant während

der Fahrt durch das Rothe Meer gestorben war. Die Post brachte uns nur

gute Nachrichten.

An Kriegsschiffen lag noch ein englisches Kanonenboot im Hafen, welches

aus dem Rothen Meere hierher geflüchtet war, nachdem es durch Hitzschlag

1 Offizier und 3 Matrosen verloren hatte. Auch ein französisches

Truppentransportschiff war 24 Stunden vor uns hier angekommen, dessen

Commandant mich bei unserm Zusammentreffen gleich fragte, ob ich bei

Ras-Hafun auch so starken Strom angetroffen hätte, denn er sei in der

Zeit von 9 Uhr vormittags bis 3 Uhr nachmittags 32 Seemeilen nach Osten

versetzt worden. Es war mir eine gewisse Beruhigung, die Richtigkeit

unserer Beobachtungen hierdurch bestätigt zu finden, denn wenn ich

dieselben auch als zuverlässig betrachten mußte, so wollte mir das

gefundene Resultat doch kaum glaubhaft erscheinen.

Den Vorschlag des commandirenden Offiziers vom „Nautilus“, die von ihnen

aus Suez zur Bedienung der Feuer mitgebrachten Neger auch als Heizer für

die Fahrt durch das Rothe Meer zu benutzen, lehnte ich ab, als er mir

die allgemeine Ansicht über die geringe Leistungsfähigkeit dieser trägen

Menschen bestätigen mußte. Ich konnte mich ja auch auf unser braves

Maschinenpersonal verlassen und fand später die für die Fahrt durch das

Rothe Meer getroffenen besondern Vorsichtsmaßregeln so ausreichend, daß

wir sogar alle Kessel in Betrieb nehmen und mit Volldampf fahren konnten.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 52 / 56 段