Nachdem ich mich frisch gekleidet hatte, setzten wir uns zum Essen an

einen leidlich gut gedeckten Tisch. Waren Teller, Löffel, Messer und

Gabel auch sehr einfach und etwas zusammengewürfelt, so waren sie doch da

und sauber. Erst gab es Suppe und zwar eine, nach deren Genuß ich mich

in spätern Jahren wol noch manches mal sehnen werde. Es war eigentlich

nur zu dünnem Brei gekochtes Fleisch, zur Hälfte vom Schwein, zur andern

Hälfte aus Tauben bestehend und mit mancherlei Gewürzen so schmackhaft

gemacht, daß ich mir einen zweiten Teller voll geben ließ und nachher auf

die andern Genüsse, welche in Tauben- und Schweinefleisch, Brotfrucht und

Taro bestanden, verzichtete.

Nachmittags fand ein Talolo statt, welcher in seinen Grundzügen, was

auch von der Kleidung gilt, dasselbe war wie in Saluafata und nur durch

örtliche Verhältnisse bedingte Abweichungen zeigte. Denn während dort die

Leute sich auf engen Waldwegen zum Festplatz begeben mußten und erst auf

diesem sich sammeln konnten, steht ihnen hier eine lange breite Straße

zur Verfügung, auf welcher der Zug sich in geschlossener, imposanter und

malerischer Masse fortbewegen kann.

In weiter Ferne ertönt Getöse, eine hin- und herwogende Masse tritt vor

den im Hintergrund liegenden Häusern in die Erscheinung. Ein Menschenstrom

füllt die ganze Breite der Straße aus und wächst in der Tiefe immer mehr

an. Das Getöse verwandelt sich in rhythmischen Gesang, einzelne Figuren

lösen sich von dem Ganzen ab und erscheinen als Vortrab; die seitlichen

sind dunkel, die in der Mitte hell; die schwarzen springen und tanzen, die

hellen tänzeln und einige von ihnen bewegen sich wie Berauschte. Auch aus

der Masse treten nun Figuren hervor, geputzte festesfreudige Menschen,

welche nebeneinandergehend etwas zu tragen scheinen. Die Schwarzen sind

jetzt deutlich zu erkennen, es sind die Buschmänner; die Hellen sind

Mädchen, von denen die meisten eine feine Matte oder ein blendend weißes

Zott-Lava-lava umhaben, die scheinbar Berauschten aber von den Hüften bis

zu den Knöcheln mit vielen feinen Matten behängt sind, welche ihnen ein

vornehmes Ansehen geben. Diese sind die Vortänzerinnen, sie sind nicht

berauscht, ihre Bewegungen sehen auch nicht mehr so aus, im Gegentheil,

mit graziösen Armbewegungen laufen sie, jedenfalls mit ganz schnellen

kleinen Schritten, hin und her und sind in ihrer ganzen Erscheinung

geradezu bezaubernd. Der Zug ist bei uns angelangt, der Vortrab schwenkt

zur Seite ab, die Träger der Geschenke nahen sich mir in geschlossener

Linie und legen erschreckend große Massen von Nahrungsmitteln, darunter

viele lebende Schweine, vor mir nieder. Die Leute treten wieder zurück,

alle setzen sich im Halbkreis auf den Boden, der Redner tritt vor, begrüßt

mich und dann vertheilt sich das Volk wieder, nachdem ihm noch unter der

Hand mitgetheilt ist, daß ich den Leuten die Geschenke überlasse und sie

dieselben wieder abholen können, sobald wir uns zurückgezogen haben.

Am Abend versammelten wir uns in einem großen Hause, wo Tänze nach

einem sehr reichen Programm zur Darstellung kamen, unter welchen sich

auch Männertänze befanden, die ich bisher noch nicht gesehen hatte.

Erst erschien eine Gruppe von Mädchen, dann eine zweite und eine

dritte, welche alle die auch schon in Saluafata gesehenen Tänze in der

Sitzstellung ausführten, aber doch in ihrem exacten Zusammenwirken und

durch einzelne Feinheiten zeigten, daß der Tanz hier auf Savai’i mehr

noch als eine edle Kunst angesehen und geübt wird. Angenehm fiel hier

auch auf, daß hinter den tanzenden Mädchen kein anderes Publikum stand,

welches doch immer störend wirkt. Als vierte Gruppe traten drei Mädchen

auf, welche eigenartig in ihrem Anzug jedenfalls Waldgeister vorstellen

wollten. Sie waren ganz in frisches Laub gekleidet und wichen in ihren

Bewegungen vollständig von dem Gewohnten ab. Die in der Mitte sitzende

kleine Häuptlingstochter, ein Mädchen von 14 oder 15 Jahren, welche

ich früher schon in Apia auf unserm Schiffe gesehen hatte, schien die

Erfinderin dieser neuen Figur zu sein, da sie mit einer außerordentlichen

Sicherheit den Tanz leitete. Alle Bewegungen waren schnell und voll

Feuer und bannten durch ihr fortwährend wechselndes Spiel das Auge des

Zuschauers. Eigentlich hätten, wie mir gesagt wurde, diese Mädchen als

Halsschmuck auf Savai’i vorkommende lebende rothe Schlangen haben müssen,

doch hatten sie in der Kürze der Zeit keine mehr fangen können. Auf diese

Gruppentänze folgten Einzeltänze junger Häuptlinge. Der Anzug derselben

bestand eigentlich nur in ihrer Tätowirung und einer kleinen Schürze aus

rothbraunen Blättern. Als Schmuck dienten Blumen oder ein grüner Kranz

im Haar, ein Stirnband aus den früher genannten kleinen Muscheln oder aus

Flittergold, ein Band um jeden Oberarm und unterhalb der Knie. Der Tanz,

welcher in sitzender Stellung beginnt und stehend endet, wo dann noch zwei

Männer hinzutreten, um das Bild abzurunden, gewährte mir großen Genuß.

Die kraftvollen, jugendlich schönen Gestalten, der eigenartige Putz in

Verbindung mit der Hautfarbe und der reichen Tätowirung, das Spiel der

Muskeln und die lebendigen schönen Bewegungen vereinten sich zu einem

sehenswerthen Ganzen.

Den Schluß bildeten Einzeltänze von drei Mädchen, die in Darstellung

und Kleidung wieder ganz Neues boten. Namentlich die Kleidung war etwas

so Vollendetes an reizendem Geschmack und mit so einfachen Mitteln

hergestellt, daß ich sie näher beschreiben muß.

Die Tänzerinnen waren die beiden Töchter von Mulitalo, sowie ein

Mädchen, welches einmal bei unsern frühern Aufenthalten in Apia unser

Schiff besucht hatte, dann aber wieder spurlos verschwand, ohne daß

es uns gelingen wollte, ihren Verbleib ausfindig zu machen. Daß wir

nach ihr forschten, findet seine Erklärung in ihrer Erscheinung,

welche so auffallend ist, daß jeder von unsern Herren sie gesehen

hatte und die Bezeichnung „Königin der Nacht“, welche einer ihr gab,

als zutreffend von allen angenommen wurde. Von mittelgroßem zierlichen

Körperbau und tiefdunkler Hautfarbe, trug sie langes, bis auf die Hüften

herunterhängendes schwarzes Haar und hatte zwei Augen im Kopfe, welche

wie blitzende Sterne aus dem dunkeln Gesicht hervorleuchteten. Diese

beherrschten auch in Verbindung mit den schönen Zähnen das keineswegs

ideal geschnittene Gesicht so vollkommen, daß man nur sie sah und kaum den

Blick von dem strahlenden Leben, welches von ihnen ausströmte, abwenden

konnte.

Die jüngere Tochter Mulitalo’s, eine Bajaderengestalt mit schmalen Hüften,

kleinem Kopf und sonst edlen schlanken Körperformen, trat zuerst auf.

Ihre Stirn umschloß ein schmales rothes Atlasband, das hinten geknüpft

war und dessen lange Enden bis zu den Kniekehlen herunterreichten. Eine

fest umgelegte Kette von erbsengroßen weißen Glasperlen umfaßte den

schlanken Hals, und unter dieser Perlenkette lag eine von gleich großen

rothen Beeren, welche sich hinten kreuzte, auf den halben Schultern wieder

nach vorn kam und im Bogen bis auf die halbe Brust herunterreichte.

Als Lava-lava diente ein sehr kurzer, aus einem schneeigen Handtuch

gefertigter Schurz, welcher den Körper nur hinten bedeckte und vorn

offen war, die Lücke vorn wurde durch eine kleine Schürze von rothbraunen

schmalen Blättern ausgefüllt, welche in der Mitte lang, an den Seiten kurz

waren und hinten in derselben Anordnung als Gürtel über den weißen Schurz

fielen. Arme und Beine blieben ohne Schmuck. Der Tanz beschränkte sich auf

leichte, mit vornehmer Ruhe ausgeführte Bewegungen und diente zweifellos

nur dazu, die Schönheit der Formen zur Darstellung zu bringen.

Als zweite erschien die ältere Tochter, eine üppigere, aber auch

durchaus feingegliederte Gestalt. Sie trug ein weißes Tuch um die Stirn

geschlungen, aus dessen Mitte das eigene Haar kappenartig hervorstand;

eine dünne Blumen- und Beerenkette umschloß den Hals und als Lava-lava

diente hinten ein aus bunten kleinen Lappen zusammengeflicktes Stück

Zeug mit darunter liegendem kleinen weißen Unterröckchen, vorn der kleine

Blätterschurz. Der Tanz war ähnlich wie der vorhergegangene.

Während bei diesen beiden Mädchen die Kleidung andeutete, daß sie sich für

den Zweck geputzt hatten, ihre Bewegungen vornehm ruhige waren, stellte

die Königin der Nacht die unverfälschte Natur dar. Als Schmuck nur ihr

langes, vorn etwas aufgethürmtes und im Nacken lose zusammengebundenes

Haar, als Lava-lava hinten eine kleine feine Matte und vorn den kleinen

Blätterschurz, welche eben nur den Mittelkörper bedecken; in ihren

Bewegungen wild und leidenschaftlich, aber immer decent.

Als die Königin der Nacht auftrat, kam die jüngste Tochter Mulitalo’s,

welche auf der andern Seite ihres neben mir sitzenden Vaters gesessen

hatte, zu mir und raunte mir, jedenfalls im Auftrage ihres Vaters, auf die

Tänzerin deutend mit einigen englischen Worten etwas zu. Also auf dieses

Mädchen, welches unserm ganzen Schiff die Köpfe verdreht hatte, war die

Wahl gefallen. Ich war indeß gut, lehnte nach Beendigung der Festlichkeit

jede weitere Unterhaltung ab und fand in Mulitalo’s Bett erquickenden

Schlaf. Am nächsten Morgen sprach Mulitalo mir seinen warmen Dank aus.

Gestern Morgen gaben wir den Samoanern noch ein Kriegsspiel nach

europäischer Art und heute Morgen verließ ich Safune wieder. Mit der

Schilderung samoanischer Art und samoanischen Lebens bin ich nun zu Ende.

Meine Absicht war, ein Bild der merkwürdigen Vermischung von Sitte und

Natürlichkeit, althergebrachten Formen und Formlosigkeit, Familienleben

und Freiheit der einzelnen Mitglieder, der Tugenden und Fehler dieser

Naturmenschen zu geben. Ob es mir gelungen ist, muß der Leser ermessen.

21. Mai 1879.

Gestern endlich ist unser Ablösungsschiff eingetroffen und so werden

wir nun in den nächsten Tagen, sobald ich die Station meinem Nachfolger

übergeben habe, die Heimreise antreten. Von Apia habe ich nicht mehr viel

zu erzählen, Ruhestörungen sind bisjetzt keine vorgekommen und besondere

Erlebnisse habe ich nicht mehr zu verzeichnen. Ich habe allerdings noch

den 800 m hoch liegenden See Lauto besucht, die Partie ist aber nicht

lohnend. Da ich nur einen Tag an dieselbe wenden wollte, so fand ich

anfänglich keinen Führer; schließlich aber erklärte sich ein Halbweißer,

der sich vorzugsweise mit Jagd auf verwilderte Schweine beschäftigt und

von meiner Leistungsfähigkeit im Gehen gehört hatte, bereit, den Versuch

mit mir zu machen. Diesmal schloß sich mir einer unserer Herren an, von

dem ich wußte, daß er gut zu Fuß sei. Wir brachen morgens 6 Uhr auf und

fanden einen sehr mühsamen Weg, da der letzte Orkan vom 8. März mit seiner

Peripherie auch diesen Theil von Upolu gestreift und viele Baumstämme über

einen großen Theil des Weges geworfen hatte. So mußten wir vielfach über

diese vom Thau benäßten Verhaue hinüberklettern, was uns so aufhielt, daß

wir statt um 12, erst um 2 Uhr oben bei dem See anlangten. Derselbe bietet

an sich keine besondern landschaftlichen Reize, der Weg bis dorthin gar

keine, weil er anhaltend unter dichtem Laub hinführt und keine Aussichten

gewährt. Wir hätten aber doch noch rechtzeitig wieder in Apia eintreffen

können, wenn unsere Gepäckträger mit uns gleichen Schritt gehalten

hätten. Die Samoaner sind im Punkte des Marschirens aber keine Tahitier

und trafen erst um 3 Uhr oben ein, sodaß es 4 Uhr geworden war, ehe wir

gegessen hatten. Der Weg war bergab natürlich nicht besser wie bergauf,

und so mußten wir, nachdem wir von 6-7 Uhr wegen der tiefen Dunkelheit

nur langsam vorwärts gekommen waren, schließlich auf der Plantage eines

Engländers, welche wir noch erreichten, um Nachtquartier bitten. Der See

ist sehr viel kleiner als der auf Tahiti, soll 20 m tief sein und bietet

auch nicht annähernd solche Naturschönheiten wie der Waihiria.

18.

Die Heimfahrt.

Apia, 20. Mai 1879.

Endlich ist unsere Fregatte „Bismarck“ hier, lange und sehnsuchtsvoll

erwartet. Das heute Nachmittag in Sicht gekommene große Kriegsschiff,

welches dem Hafen unter vollen Segeln zusteuerte, war diesmal kein

Engländer, wie die vor einiger Zeit hier eingelaufene und anfangs von uns

für „Bismarck“ gehaltene Corvette, sondern das von der obersten Spitze

seines Fockmastes zu uns herüberwinkende Signal war ein wirklich deutscher

Gruß und bedeutete „Bismarck“. Das donnernde Hurrah, welches dem Kameraden

bei seinem Einbiegen in den Hafen von unsern in die Takelage aufgeenterten

Mannschaften aus über 200 Kehlen entgegenschallte, kam aus vollem Herzen,

wenn es auch, als Ausdruck unserer Freude über die endliche Erlösung, wol

mehr uns selbst galt.

Wir hatten schon befürchtet, daß dem Schiff, welches ja bereits zu Mitte

April angemeldet gewesen war, ein Unfall zugestoßen sei, und wenn wir

auch nicht gleich das Schlimmste vermutheten, so konnte doch eine große

Havarie die Veranlassung werden, daß wir noch Monate hier zurückgehalten

würden, und das war keine schöne Aussicht, wenn man schon seit Wochen von

Tag zu Tag gehofft hatte, nach langer Abwesenheit von der Heimat endlich

die Rückreise antreten zu können.

Daß „Bismarck“ noch vor dem Verlassen des letzten südamerikanischen Hafens

infolge der Vorarbeiten der „Ariadne“ den Auftrag erhalten hatte, die

deutschen Interessen auf den Gesellschafts-Inseln und auf Roratonga durch

Verträge zu sichern, konnten wir nicht ahnen.

Eine große Sorge hat mir mein Nachfolger auch dadurch abgenommen, daß er

im Stande und bereit ist, meinem Schiff Proviant für etwa sechs Wochen

abzutreten. Durch unsern langen Aufenthalt hierselbst sind unsere Vorräthe

schon nahezu aufgezehrt, und da die von den hiesigen Geschäftshäusern

erwarteten, bereits seit acht Wochen fälligen Proviantschiffe aus

San-Francisco auch noch nicht eingetroffen sind, so hatte ich schon für

den 25. d. M. meine Abreise nach Auckland festgesetzt, um das Schiff dort

neu auszurüsten. So bleibt mir sowol diese Reise wie der große Umweg

über einen australischen Hafen erspart und ich kann direct durch die

Torres-Straße nach Batavia laufen.

Der heutige Nachmittag und Abend waren natürlich der gegenseitigen

Begrüßung gewidmet, die dienstfreien Offiziere und Mannschaften von beiden

Seiten besuchten das andere Schiff und die nun hinter uns liegenden

Stunden waren solche reiner Festesfreude. Morgen beginnt die Uebergabe

der Station an meinen Nachfolger und in wenigen Tagen wird der große

Augenblick gekommen sein, wo wir unsern Kiel heimwärts richten werden.

28. Mai 1879.

Gestern Abend war ich mit der Abwickelung meiner Geschäfte fertig, unser

Schiff war seeklar und heute Morgen mit Flaggenparade entfaltete sich von

der Spitze unsers Großmastes aus der 100 m lange Heimatswimpel, welcher

symbolisch bis zur Heimat reichen und den dort der fernen Matrosen

gedenkenden Mädchen Gelegenheit geben soll, durch Ziehen an dem Wimpel

die Heimfahrt beschleunigen zu helfen. Sobald Flagge und Wimpel lustig

in dem leichten Winde flatterten, wurde auch unser Anker aus dem Grund

gebrochen und das Schiff lief, umringt von den den Hafen füllenden Kanus

der Eingeborenen, mit langsamer Fahrt dicht an die „Bismarck“ heran, um

mit den Kameraden noch einen letzten Gruß auszutauschen. Beide Besatzungen

waren in den Takelagen, unsere Musik spielte: „Muß i denn, muß i denn

zum Städtle hinaus“, Hurrahs und Hurrahs erschütterten die Luft, Grüße

hinüber und herüber und sämmtliche Mützen unserer Besatzung flogen in

hohem Bogen als letzter Gruß an die Fremde in den Hafen, wo sie von

den Eingeborenen als gute Beute aufgefischt wurden. Dann dampften wir

unter den Klängen der „Wacht am Rhein“, mit welchen die „Bismarck“ uns

das Geleit gab, in die offene See -- der Heimat zu. Was das Herz des

Menschen in solchen Augenblicken bewegt, vermag nur der zu verstehen,

welcher selbst Aehnliches erlebt hat. 15000 Seemeilen haben wir bis zur

deutschen Nordseeküste noch zu durchmessen -- und doch liegt das heimische

Gestade im Geiste bereits greifbar vor uns. Ein sonniges Land, wo ich

manch schöne und manch trübe, aber vorherrschend ernste Stunden durchlebt

habe, entschwindet allmählich unsern Blicken, für mich wahrscheinlich

auf Nimmerwiedersehen. Die Stadt Apia liegt zur Zeit schon unter unserm

Horizont, die hohen Berge der Samoa-Inseln sind aber noch zu sehen, doch

auch sie werden bald unsern Augen entschwunden sein und Samoa, das ich

in spätern Jahren wol einmal wieder besuchen möchte, wird wie ein Traum

hinter uns liegen.

8. Juni 1879.

Abwechselnd dampfend und segelnd sind wir bei den Neu-Hebriden angelangt

und durchschneiden jetzt unter Segel diese Gruppe zwischen den beiden

nördlichen Inseln Vanua Lava und Santa-Maria. Ein schöner sonniger Tag

liegt über dem Meere, auf den bewaldeten hohen Inseln und den in der

Nähe des Landes über den Meeresspiegel hervorragenden Klippen; für unsere

Umgebung fehlt mir aber jetzt der Sinn. Meine Gedanken eilen der Gegenwart

voraus, mit fieberhafter Ungeduld warte ich auf den Passat, welchen wir

doch einmal antreffen müssen, und weiter, weiter heißt es, um endlich in

die Windregion zu kommen.

16. Juni abends.

Da man, solange hier in diesen fernen Gegenden noch keine Leuchtfeuer

errichtet sind, bei Nacht nicht in die Torres-Straße einlaufen kann,

mußte ich heute Abend Segel kürzen lassen, um erst mit Tagesanbruch an

den Eingang der Straße zu kommen.

Es war eine anregende tolle Fahrt, die der letzten sieben Tage. Nachdem

wir die Neu-Hebriden passirt hatten, bezog sich am 8. abends der

Himmel mit dickem Gewölk, Gewitterböen stürmten während der Nacht von

verschiedenen Seiten kommend über uns hinweg, und am 9. mittags kam

endlich der SO-Wind durch, erst schwach, nahm dann aber gleichmäßig

wachsend an Stärke zu und war am Abend des 10. Juni bereits zu einem

mäßigen Sturm angeschwollen. Nun hieß es, nachdem die Feuer in der

Maschine gelöscht worden waren, die Gelegenheit ausnutzen und Segel

pressen, und es wollte fast scheinen, als ob es dem Schiff selbst

Freude mache, alles zu tragen, was überhaupt anzubringen war, so leicht

durchschnitt es unter der übermäßigen Bürde die hochgehenden schäumenden

Wogen. Immer und immer wieder wurde ihm noch ein Segel aufgequält, wie

der scherzhafte Ausdruck dafür ist, wenn einem bereits unter vollem

Segelpreß liegenden Schiffe bei starkem Winde vorsichtig mit allen

Kniffen der Seemannskunst, damit es nicht zerreißt, noch ein Segel mehr

gegeben wird. Stand das neue Segel erst, dann sah man die Freude darüber

von allen Gesichtern im Schiff widerstrahlen. Müde Gesichter gab es

überhaupt nicht mehr, wenn die Matrosen in ihrer Ruhe gestört wurden,

um die Fahrt des Schiffes erhöhen zu helfen; ich glaube sogar, daß die

Leute es vorher ahnten, wenn ich Segel mehren wollte, denn ehe ich eine

derartige Anordnung gab, standen sie schon erwartungsvoll bereit, die

Befehle schnell auszuführen. Und wurde es aus bestimmten Gründen, wie ich

nachher auseinandersetzen werde, nöthig, für die Nacht Segel zu kürzen,

dann lauerten sie morgens schon vor Tagesanbruch auf mein Erscheinen, um

der „Ariadne“ die theilweise gefesselten Schwingen wieder zu lösen. Es

war aber auch eine Freude, die scheinbar wie aus einem Guß hergestellte

Takelage zu sehen, mit dem Körper den wiegenden Bewegungen des Schiffes

zu begegnen, dessen eiligen Lauf durch die hohen, sich überstürzenden

Wogen zu verfolgen und dabei die Segel, Hölzer und Taue zu prüfen, ob

sie dem Winddruck genügend widerstehen und wo ihnen etwa eine weitere

Stütze gegeben werden muß. Bei solchen Gelegenheiten lernt man die in den

Leesegeln liegende Poesie verstehen, wenn man nicht vorher schon Kenner

war. Mit Ausnahme der beiden letzten Nächte, wo wir nur acht bis neun

Knoten liefen, machten wir Tag und Nacht zwischen zwölf und vierzehn

Seemeilen in der Stunde, eine gute Leistung für ein Segelschiff.

Am 13. mittags passirten wir den Meridian von Rossel-Island, der

östlichsten der Louisiaden-Inseln, und traten damit in die Korallensee

ein. Je weiter wir hier vordrangen, und das ging bei unserer flotten Fahrt

sehr schnell, desto höher und steiler wurde die See in dem verhältnißmäßig

engen Wasserbecken, die Bewegungen des Schiffes nahmen dadurch an

Heftigkeit sehr zu und verdoppelte Aufmerksamkeit auf die Takelage war

nothwendig. Aber nicht dies veranlaßte mich, dem Schiff hier für die Nacht

bequeme Segelführung geben zu lassen, sondern die bekannte Thatsache,

daß dieses bisjetzt so selten befahrene Meer noch nicht ausreichend

erforscht ist und man nicht weiß, ob die vielen hier bereits entdeckten

Korallen-Inseln, -Bänke und -Riffe schon alle unterseeischen Gefahren

in sich schließen; im Gegentheil ist anzunehmen, daß noch manche Klippe

ihrer Entdeckung harrt. Da nun bei dem sturmartigen Winde die Kämme

der hohen Wellen fast alle überbrechen und das Auge bei dunkler Nacht

wirkliche Brandung von diesem Wogenschaum auf größere Entfernungen nicht

zu unterscheiden vermag, auch das Getöse des Windes und das Rauschen

des Wassers die Luft derart erfüllen, daß das dumpfe Rollen der Brandung

gegen den Wind an nicht gehört werden kann, so gebot die Vorsicht, alles

zu thun, um einer etwa auftretenden Gefahr begegnen zu können, und dazu

gehörte in erster Reihe, dem Schiff nur so viel Segel zu belassen, wie es

in jeder Stellung zum Winde tragen konnte. Es mußte schnell, ohne vorher

Segel bergen zu brauchen, den Curs ändern können; die am Tage geführten

Segel konnte es aber bei einem plötzlichen Aufdrehen gegen den Wind nicht

tragen, es würden vielmehr in solchem Falle die ganze Takelage und damit

wahrscheinlich auch das Schiff verloren gewesen sein, wenn dieses unter

vollen Segeln plötzlich vor einer Untiefe gestanden hätte, wo es ohne

Zeitverlust und ohne Rücksicht auf alle etwa daraus entspringenden Folgen,

um dem sichern Verderben auszuweichen, noch den Versuch der Cursänderung

hätte wagen müssen.

An der Nordküste von Java, 4. Juli 1879.

Am 17. v. M. morgens 3 Uhr wurde das flache Wasser vor der Torres-Straße

angelothet, worauf ich wieder alle Segel beisetzen ließ. Gegen 9 Uhr

vormittags kam Bramble-Cay, eine kleine von Felsen umgebene und mit

spärlichem Graswuchs überzogene etwa 3 m hohe Sanddüne, welche als Marke

für die Einfahrt in den Großen Nordost-Kanal der Straße benutzt wird, in

Sicht und kurze Zeit darauf liefen wir bei steifem Wind in denselben ein.

Nach den unruhigen Bewegungen des Schiffes während der letzten Woche wurde

es eine große Wohlthat für uns, nun auf einmal wieder gewissermaßen auf

festem Boden zu stehen. Die ungefähr 140 Seemeilen lange und nahezu ebenso

breite Straße, in welcher bisjetzt nur erst zwei Passagen ausgelothet

und bekannt sind, die eine und zwar die am meisten befahrene dicht unter

der Nordküste Australiens, die andere, „Großer Nordost-Kanal“ genannt,

ziemlich in der Mitte zwischen den Küsten von Neu-Guinea und Australien,

ist derart von Land und ringartig von Korallenriffen, hinter welchen

wieder Hunderte von kleinen Inseln und Korallenbänken liegen, umschlossen,

daß das nur 20-40 m tiefe Wasser in dem größten Theil und zwar auf eine

Strecke von nahezu 100 Seemeilen von dem Wind kaum oder nur unbedeutend

aufgewühlt werden kann. Das hellgrüne, ins Weißliche schimmernde Wasser

war zwar über und über mit Schaumköpfen bedeckt, eigentlicher Seegang

konnte aber nicht aufkommen. Die Breite des Nordost-Kanals wechselt

zwischen 2 und 20 Seemeilen; kleine Inseln, deren man über 30 zählen

kann und von welchen die meisten bewaldet sind, sowie kahle Sandbänke und

Korallenriffe liegen zu beiden Seiten der Wasserstraße. Von Eingeborenen

haben wir, obgleich mehrere der Inseln bewohnt sein sollen und wir

stellenweise bis auf Steinwurfweite an dieselben herankamen, nichts

gesehen.

Am Abend des 17. Juni mit Sonnenuntergang mußten wir ankern, da die Fahrt

bei Nacht hier, ohne das Schiff zu gefährden, nicht möglich ist. Wir

legten uns hinter die Rennel-Insel, welche sich ungefähr in der Mitte des

Kanals befindet.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 51 / 56 段