erwähne, weil Sa hier in dem obersten Häuptling ihren alten Onkel begrüßte
und diese Begrüßung die einzige auf altsamoanische Art geblieben ist,
welche ich zu sehen bekommen habe. Der alte Mann saß mit untergeschlagenen
Beinen in seiner Hütte und schien uns zu erwarten. An der Hütte
angekommen, trat Sa zuerst ein, ging gebückten Körpers auf den alten
Herrn zu, rieb mit ihm Nasen, setzte sich neben ihn und machte während
der darauf folgenden kurzen Unterhaltung ein so ernstes Gesicht, wie ich
es ihr gar nicht zugetraut hätte. Dann trat sie zurück, worauf erst die
Begrüßung mit uns erfolgte. Wir nahmen eine kleine Erfrischung an und
brachen dann bald wieder auf. Durch Lufi-lufi gingen wir ohne Aufenthalt
durch, nachdem wir einen kurzen Gruß mit dem in seiner Hütte anwesenden
Häuptling gewechselt hatten, und trafen gegen 2 Uhr zum großen Erstaunen
der Einwohner, welche uns am nächsten Abend erst erwartet hatten, wieder
in Saluafata ein. Meine Begleiter, welche auf dem Marsche wiederholt
angedeutet hatten, daß die Anstrengung für sie wol zu groß werden würde,
waren jetzt ganz stolz auf ihre Leistung und besonders befriedigt, als
sie den für drei Tage ausbedungenen Lohn unverkürzt erhielten. Im Verein
mit den vertheilten Geschenken hatte mich die Partie nahe an 150 Mark
gekostet, trotzdem ich nichts für die uns gebotenen Mahlzeiten zu bezahlen
hatte.
An dem einen oder andern Abend, wenn sich einige Mädchen zu einem Tanz
zusammengefunden hatten, erhielt ich eine Einladung zur Theilnahme.
Gewöhnlich trat dies ein, wenn Besuch von außerhalb gekommen war. Diese
Belustigung war stets eine willkommene Abwechselung in dem täglichen
Einerlei und ganz dazu angethan, einen Abend angenehm verbringen zu
können. Wenn hierbei auch Männer, Frauen und Kinder durch Händeklatschen
eine etwas geräuschvolle Musik machten, so war dies in der offenen Hütte
doch nicht so unangenehm wie früher in dem geschlossenen Saal, und was den
Reiz wesentlich erhöhte, war die angenehme Temperatur und die beschränkte
Zahl der Zuschauer.
Die Darstellerinnen sind bei feierlichen Gelegenheiten sehr reich
geschmückt; bei Gelegenheitstänzen zwar einfacher, aber doch immer für den
Zweck gekleidet. Solch größere Tänze wurden mir zwei geboten, einer war
für unsere Offiziere und mich arrangirt, der zweite nur eine Ueberraschung
für mich, welche Sangapolutele am Vorabend unserer Abreise mir bereitete.
Der Schmuck ist im wesentlichen ja der früher beschriebene und findet
nur durch Ausschmückung derjenigen Glieder, welche bei dem Tanz in den
Vordergrund treten (Arme und Beine) seine Vervollständigung. Das Bekannte
sind Stirnbänder; Blumen im Haar; lange von der Schulter bis über die
Brust reichende Ketten aus Beeren, Pandanuszapfen und wohlriechenden
Kräutern, und Lava-lavas aus Matten oder Gräsern bezw. Zott-Lava-lavas.
Als bisjetzt noch nicht genannter Schmuck treten hinzu: ein den Hals eng
umschließendes Band mit daran befestigten perlenartig herunterhängenden
Beeren und zwar so, daß jede Reihe aus vier bis fünf Beeren besteht, von
denen zwei übereinander an dem Band selbst befestigt sind und die andern
dicht aneinander gereiht lose herunterhängen; Armbänder aus Laub oder
Stoffband, von welchen eins um die Mitte des Oberarms gelegt ist, eins
auf dem halben Unterarm und ein drittes dicht über dem Handgelenk liegt,
und zwar alle so fest umgeschnürt, daß das Fleisch etwas vorquillt; Bänder
aus Schlingpflanzen über und unterhalb der Wade. Diese Arm- und Beinbänder
heben, wie bekannt, die Formen besonders schön hervor und erhöhen bei den
Armen außerordentlich die Grazie der Bewegungen. Ueberraschend war mir,
bei diesen Naturmenschen solch feine Empfindung für das Schöne zu finden,
denn solch raffinirter Putz kann nur eingehendem Studium seine Entstehung
verdanken. Der Oberkörper ist natürlich mit Kokosnußöl eingerieben und
die Haut daher glänzend blank.
Die Darstellerinnen nehmen an dem einen schmalen Ende der Hütte Platz,
das Gesicht der Mitte zugekehrt, wo die eigentlichen Zuschauer sitzen,
während das Volk, welchem der Zutritt auch freisteht, die andere Hälfte
der Hütte ausfüllt oder von außen zusieht. Zwei Holzfeuer zu beiden Seiten
des Mittelgerüstes und im Rücken der vornehmern Zuschauer erhellen den
Raum.
Der Tanz, welcher in der Regel nur in sitzender Stellung (mit gekreuzten
untergeschlagenen Beinen) ausgeführt wird, kann in dieser natürlich auch
nur in Bewegungen des Kopfes, Oberkörpers und der Arme bestehen und setzt
sich aus leichten rhythmischen Bewegungen zusammen, die keinerlei mimische
Darstellung geben sollen, sondern nur den Hang nach Schaustellungen und
harmlosem Zeitvertreib zu gefälligem Ausdruck bringen. So scheint der
Tanz auch gewissermaßen ein Vorrecht der nichtarbeitenden Klasse, der
Häuptlingstöchter, zu sein, welche mit den Vorübungen und der Erfindung
dazu passender neuer Texte ihre freie Zeit ausfüllen. Ob meine Annahme
indeß richtig ist, weiß ich nicht, nur ist mir aufgefallen, daß das
niedere Volk sich an diesen Tänzen nie anders handelnd betheiligt als
mit Händeklatschen, wenngleich wol alle Mädchen und sogar schon die ganz
kleinen Kinder, welche „Tanz“ spielen, sich in den Tanzbewegungen üben,
wenn sie sich unbeachtet glauben, wie ich dies wiederholt hier und in
Saluafata gesehen habe.
Wenn es mir nun auch nicht möglich ist, erzählend ein getreues Bild einer
solchen Tanzschaustellung zu geben, die nur durch die dabei entwickelte
Grazie, welche ja auch noch je nach der Begabung der Handelnden mehr oder
weniger gefällig ist, fesselnd wirkt, so kann ich doch versuchen, eine
leichte Skizze davon zu entwerfen.
Wie ich früher schon erzählt habe, bilden die Spieler eine Gruppe. Vorn
in der Mitte sitzen die eigentlichen Tänzerinnen und zwar in der Regel
nebeneinander drei Mädchen, von denen die mittelste den schönsten Schmuck
hat und als Vortänzerin anzusehen ist. Nur bei größern Gelegenheiten und
gewöhnlich wol bei der Anwesenheit von einheimischen Gästen aus andern
Städten, deren Töchter auch zur Mitwirkung aufgefordert werden müssen,
wächst die Zahl. Sind es nur vier oder fünf, dann verbleiben alle in einer
Reihe, sind es mehr, dann werden zwei Glieder in der Weise gebildet, daß
das zweite die Lücken des ersten ausfüllt. Das zweite Glied kann dann aber
nach der ganzen Art der Bewegungen nur in sehr geringem Maße an dem Tanz
theilnehmen und die Betreffenden wirken mehr als Statisten. Der Rest der
Gruppe setzt sich aus dem händeklatschenden Orchester zusammen und zwar
sitzen zur Seite der Tänzerinnen gewöhnlich Kinder, in der zweiten Reihe
Männer und Frauen, und die übrigen Männer und Frauen stehen dahinter, in
allen Reihen die größern in der Mitte und die kleinsten an den Seiten,
sodaß das Ganze die Form eines Halbmondes annimmt.
Zuschauer und Spieler versammeln sich gleichzeitig. Bis der Tanz
beginnt, verharren die letztern in ungezwungener Haltung, sprechen leise
miteinander, und die Damen haben mit ihrem Putz und Schmuck zu thun.
Ein leises Klatschen dient als Vorspiel und kündigt den Anfang an. Die
Tänzerinnen bleiben noch in ihrer bequemen Haltung, die mittlere setzt
bald mit einigen leise gesungenen Strophen mit ein, streckt sich dann
etwas und deutet nun, ihren Gesang mit einigen Armbewegungen begleitend,
mit den Händen leise das kommende Spiel an, indem sie dieselben in
wagerechter Haltung bis zur Brust hebt, mit ihnen nach links und rechts
so spielt, daß die Hände nach dem Takt der Musik leicht gehoben und
wieder gesenkt werden und zwar im Dreivierteltakt. Geht das Spiel nach
links, dann ist die rechte Hand an der linken Brust und die linke in
entsprechender Entfernung weiter nach links, geht das Spiel nach rechts
ist das Umgekehrte der Fall. Das Klatschen wird stärker, die andern
Tänzerinnen greifen mit ein, die vorige Ruhe ist abgeschüttelt, alle sind
voll Feuer und Leben. Der Gesang wird lauter, die Armbewegungen werden
bestimmter, bleiben aber doch leicht und geschmeidig. Die Hände greifen
weiter nach links und rechts hinüber, der Oberkörper folgt nach, bis die
Hände leicht auf den Fußboden aufschlagen, wobei die Tänzerinnen den Kopf
so weit gehoben halten, daß sie die Zuschauer noch ansehen. Dann richten
sie sich im Takt auf und gehen in eine andere Figur über, die Arme sind
so weit gehoben, daß die Ellenbogen in der Höhe der Brust und die Hände
nach oben gerichtet sind. Die rechte Hand liegt in der Höhe der linken
Schulter, die linke weiter nach links in der Höhe des Kopfes, dieser ist
nach rechts gedreht und die Finger laufen geräuschlos und geschmeidig
langsam an dem Daumen entlang, ähnlich wie wir ein Schnippchen schlagen,
wobei ein passender Triller gesungen wird. Kopf und Hände wechseln mit
einer schnellen Bewegung die Stellung, um nach der andern Seite dieselbe
Figur auszuführen, und nach einmaliger Wiederholung schlagen die Hände
wieder auf den Boden, sind in halber Höhe des Körpers und so fort.
Aus diesen drei Figuren setzt sich der Tanz zusammen und wirkt anfänglich
bald ermüdend; weiß man aber erst, daß keine neuen Figuren kommen und
wartet man daher nicht mehr auf solche, dann fängt man an, dem lebendigen
Spiel der Glieder zu folgen, wie die Bewegungen ein langsameres oder
beschleunigteres Tempo annehmen, wie die Haltung des Körpers wechselt und
die Drehungen und Stellungen dem Auge fortgesetzt neue, schön gerundete
Linien zeigen, und wird dann ebenso wie die Eingeborenen von dem Feuer der
Darstellerinnen mit fortgerissen. Ich habe mich erst durch verschiedene
Tänze durchlangweilen müssen, ehe ich Geschmack an denselben fand und
verstehen lernte, worin der Reiz liegt, welcher dem Samoaner die Kraft
gibt, diesem scheinbar einförmigen Spiel ganze Nächte zu opfern.
Zuweilen, wenn Darsteller und Zuschauer erst warm geworden sind, erhebt
sich auch die Vortänzerin, um mit wenigen Schritten nach links und rechts
gehend mit den Armen andere Bewegungen als die vorher beschriebenen zu
machen. Doch sind die Mädchen dann auf fremdem Gebiet, das unförmliche
Lava-lava paßt nicht zu leichten Bewegungen, sie werden ungraziös. Der
Tanz im Stehen gehört in Samoa nur den Männern.
Wie schon vorher angedeutet, bereitete Sangapolutele mir am Vorabend
unserer Abreise von Saluafata noch eine besondere Ueberraschung. Als ich
abends zu Bill kam, um dort von meinen samoanischen Freunden Abschied
zu nehmen, wurde mir eine Einladung des Häuptlings übermittelt, zu ihm
zu kommen, weil er mir vor meiner Abreise noch einen altsamoanischen
Tanz vorführen lassen wolle. Da sämmtliche Anwesende mitkommen wollten,
um auch theilzuhaben an dem seltenen Schauspiel, so wurde Bill’s Haus
zugeschlossen und ich fuhr mit ihm und seiner Frau in einem großen Kanu
nach Saluafata, um doch auch einmal eine solche Fahrt gemacht zu haben.
Die andern wählten den Landweg, welcher mir bei der Dunkelheit etwas zu
unbequem war.
Die Häuptlinge mit ihren Familien waren vollzählig in der für den Tanz
ausgewählten Hütte (derselbe findet nicht im Faletele statt) anwesend,
weil ihre Töchter alle mitwirkten; auch Mulitalo, ein hoher Häuptling
von Savai’i, dessen Bekanntschaft ich in den letzten Tagen in Saluafata
gemacht und der mir, als Zeichen seiner Freundschaft, ein großes
ausgewachsenes Schwein geschenkt hatte, war unter den Zuschauern. Daß die
Bewohner Saluafatas, groß und klein, alle zur Stelle waren, versteht sich
von selbst. Wie mir gesagt wurde, sollen sich die Mädchen, welche doch
schon etwas unter dem Einfluß der Missionare stehen, zu denjenigen Tänzen,
welche zur Darstellung kommen sollten, nur noch bei besonders festlichen
Gelegenheiten hergeben und auch nur dann, wenn keine Fremden als Zuschauer
zugegen sind, im übrigen werden nur jungfräuliche Häuptlingstöchter
zu denselben zugelassen. Unter den Darstellerinnen befanden sich
Toëtele, Lolle, Loautele und noch zwei Mädchen, Va und Vau, Verwandte
Sangapolutele’s von außerhalb.
Der Tanz bewegte sich zunächst in dem gewöhnlichen Rahmen, und nach
Verlauf einer Stunde benutzten die anwesenden Aeltern der Tänzerinnen eine
Pause, um sich zurückzuziehen, indem Sangapolutele mir verdolmetschen
ließ, daß die Mädchen beauftragt seien, mir nun noch einen Tanz
vorzuführen, bei welchem nach der Samoa-Sitte deren Aeltern nicht zugegen
sein dürften. Einer seiner Leute indeß, einer der von mir bei Beschreibung
des Talolo als Narren bezeichneten Männer, sei beauftragt, das Ganze zu
leiten, und dieser trat dann auch vor, um sich neben den Tänzerinnen
aufzustellen. Nachdem die betreffenden Aeltern sich entfernt hatten,
nahm der Tanz seinen Fortgang und zwar zunächst in der gewöhnlichen Art;
dann trat Va, welche mit einem kleinen enganliegenden Zott-Lava-lava
bekleidet war, vor und führte stehend in gefälligen zierlichen Bewegungen
einige hübsche Figuren aus. Danach trat Vau, eine hohe, schlanke, wol
eben erst voll entwickelte jugendliche Gestalt mit etwas verängstigtem
Gesicht vor. Sie trug nur ein leichtes Kattun-Lava-lava und begann ihren
Tanz mit ähnlichen Bewegungen wie Va, ihr Gesichtsausdruck wurde wieder
natürlicher, ein angenehmer Zug umspielte das unschöne Gesicht, und als
sie erst ihre Sicherheit wiedergewonnen hatte, blieb sie plötzlich mit
emporgehobenen leicht gebogenen Armen vor uns stehen. Der Narr trat an sie
heran, doch sie entschlüpfte ihm wieder mit einer reizenden, eleganten
Bewegung, bis sie von neuem in der vorangegebenen Stellung stand und
der Narr gleichzeitig an ihrem Lava-lava nestelte; dann drehte sie sich
langsam einmal um sich selbst und stand wieder in derselben Haltung
vor mir, während der Narr mit dem Lava-lava zur Seite trat. Noch einige
Drehungen und Wendungen, dann erwachte sie scheinbar aus einem Traume
und verschwand draußen in der Dunkelheit ohne wieder zurückzukehren. Ihr
folgte Loautele mit einer ähnlichen Vorführung, die damit endigte, daß das
Mädchen mich vor ihrem Verschwinden plötzlich einmal heiß an sich preßte.
Es war inzwischen sehr spät geworden und Zeit zum Aufbruch.
Ich verließ daher das Land und zwar mit der befriedigenden Gewißheit,
einen samoanischen Originaltanz gesehen zu haben, welcher von der
unschönen Nachahmung, die uns bei meinem ersten Besuch hier in Apia mit
dem bezahlten Tanz vorgeführt worden war, doch sehr wesentlich abstach und
zwar sowol durch die ruhige, gemessene und im Vergleich zu der Nachahmung
immerhin geräuschlose Handlung, wie auch durch die edlern Formen, in
welchen das Ganze geboten wurde.
Wir bestiegen Bill’s Kanu wieder und ich freute mich auf die schöne
Fahrt bis zu seinem Hause, da der volle Mond, welcher jetzt hoch am
Himmel stand, den Hafen wunderbar schön beleuchtete. Niedrige Dünung lief
über das Wasser und gab unserm Fahrzeug leichte wiegende Bewegungen.
Da bemerkte Bill’s Diener Tom, welcher das Kanu allein ruderte, daß an
dem Ausleger etwas nicht in Ordnung sei, ehe er aber noch den Fehler
feststellen konnte, löste sich der Baum bei einer etwas stärkern
Bewegung des Fahrzeugs auch schon von seinen Haltern, das Kanu kenterte
und wir lagen sämmtlich im Wasser. Ich tauche wieder an die Oberfläche
auf und greife zuerst nach Uhr und Cigarrentasche, um diese, in einer
Hand sie hoch über das Wasser haltend, gegen den verderblichen Einfluß
des Seewassers zu sichern. Dann schaue ich mich um und sehe eins des
lächerlichsten Bilder, welche mir je vor die Augen gekommen sind. Dicht
bei mir sind die Köpfe von Bill und Sa, der erstere seine von mir als
Geschenk erhaltene schöne Meerschaumpfeife als Werthvollstes und die
letztere meinen Regenschirm über Wasser haltend. Frau Bill’s Kopf sehe
ich nur einen Augenblick, dann, wie bei einem Tümmler, ihren weißen Rücken
(sie trug ein weißes Kleid), einen Augenblick ihre zappelnden Füße und sie
ist wieder verschwunden; halb auf das gekenterte weiße Kanu geklettert,
müht der schwarze Tom sich ab, dasselbe auf den Kiel zurückzubringen.
Dann erscheint der Kopf von Frau Bill wieder, welche ängstlich nach mir
fragt und nachdem sie mich entdeckt hat noch einmal verschwindet, worauf
sie, als sie zum dritten mal auftaucht, ihre Schuhe als ihr Werthvollstes
hoch über Wasser hält, die sie sich auf dem Meeresgrund ausgezogen hatte.
Die gute Seele hatte mich bei ihrem ersten Auftauchen nicht gesehen, weil
sie durch einen schweren Schlag, welchen sie von dem einen Halter des
Auslegers auf den Kopf erhalten hatte, halb betäubt war, dachte daher
zunächst nur an meine Rettung und tauchte wieder unter, um mich auf dem
Grund zu suchen. Das Lächerlichste war nun, daß von unsern sämmtlichen
Sachen nur mein Regenschirm trocken geblieben war, welchen Sa bei der
Katastrophe gleich gefaßt hatte und mit dem sie so platt aufs Wasser
gesprungen war, daß der hoch gehaltene Schirm nicht mit eintauchte.
Andererseits hatte des Schicksals Tücke es gewollt, daß gerade am Tage
vorher meine zweite Uhr, welche ich bei Ausflügen immer zu mir steckte,
stehen geblieben war und ich heute meine gute Uhr mitnehmen mußte, welche
natürlich so viel Seewasser geschluckt hatte, daß sie für den Rest
der Reise unbrauchbar ist. Um das Kanu wieder in Ordnung zu bringen,
schleppten wir es schwimmend an den Strand, und es muß ein wunderbares
Bild gewesen sein, wie wir um das Kanu vertheilt mit der einen Hand
dieses angefaßt und mit der andern unsere Kleinodien hoch haltend, in dem
schönen Mondschein mit kräftigen Schwimmstößen dem Strande zusteuerten.
Dort angelangt machte ich den Vorschlag, den Rest des Weges auf dem
Lande zurückzulegen, welchem die Frauen und Tom sich nur mit Widerstreben
fügten, weil sie sich vor dem Geist eines kürzlich auf der Albatros-Insel
beerdigten Unteroffiziers von unserm Schiff, der an den Folgen eines in
Auckland erhaltenen Fiebers gestorben war, fürchteten. Das Kanu wurde auf
den Strand gezogen, um am nächsten Morgen erst wieder in Ordnung gebracht
zu werden, und bald war ich bei meinem Boot und an Bord.
Am 15. d. M. morgens verließ ich Saluafata, um über Savai’i wieder nach
Apia zurückzukehren, weil bisher noch keins unserer Schiffe diese Insel
angelaufen hatte.
Da der Häuptling Mulitalo, welcher in Safune zu Hause ist, mich zu sich
eingeladen und ich ihm vorher schon versprochen hatte, ihn von Saluafata
aus mitzunehmen und in seinem Hafen abzusetzen, so wählte ich diesen
Platz.
Sangapolutele, welcher auch in dieser Zeit nach Safune wollte, folgte
ebenfalls meiner Einladung, für die Dauer der Ueberfahrt mein Gast zu
sein, und Bill ging als Lootse und Dolmetscher mit. Sangapolutele, welchem
ich am Abend vorher einen schönen Revolver als Andenken geschenkt hatte,
brachte mir bei dieser Gelegenheit noch verschiedene Geschenke mit,
unter welchen sich auch eine besonders große Kawawurzel befand, weil er
glaubte, daß ich dieses Geschenk auch würdigen würde. Er hat allerdings
darin recht, daß ich, wie ich früher auch schon angedeutet habe, das
aromatische, leichtbittere Getränk, mit dem beißenden Geschmack auf der
Zunge und dem leichten Brennen im Magen, schätzen gelernt habe, wie denn
auch zu einem behaglichen Abendbesuch am Lande ein Kawatrunk mit gehörte.
Erst wenn meine braunen Freundinnen mit der Bowle uns gegenübersaßen und
das Getränk zurecht machten, zog ein gewisser häuslicher Friede in die
Hütte ein, welchem sich eine außerordentlich wohlthuende Erschlaffung
der Beine zugesellte, sobald man erst einige Becher Kawa getrunken
hatte. Die Wirkung auf den menschlichen Organismus besteht in einer
leichten, angenehm schmerzhaften Lähmung der Beinmuskeln, wobei man etwa
dieselben Empfindungen hat, als wenn man nach einem ungewohnten Ritt oder
anstrengenden Marsch im Bett die schmerzenden Glieder streckt. Es thut
ja weh, aber so angenehm weh, daß man sich absichtlich immer wieder den
leichten Schmerz durch erneutes Strecken bereitet. Magen und Kopf werden
nicht in Mitleidenschaft gezogen, auch bleiben keinerlei Beschwerden
zurück, wenn der Beinrausch nach ein bis zwei Stunden wieder verflogen
ist.
An dieser Stelle will ich auch, ehe ich von Sangapolutele Abschied nehme,
noch kurz erzählen, wie der Häuptling Recht spricht.
Es war einem Matrosen von uns auf dem Schiffe eine kleine hölzerne
Tabackspfeife gestohlen worden und der Verdacht der Thäterschaft auf
einen bestimmten Samoaner gefallen. Ich schickte den Bestohlenen mit einem
Unteroffizier und einem Dolmetscher an Land zu Sangapolutele, welcher sich
gleich bereit zeigte, den Fall zu untersuchen. Der Mann war bald ausfindig
gemacht, die Pfeife wurde bei ihm gefunden und er gestand ohne weiteres
den Diebstahl ein. Ein Faustschlag Sangapolutele’s zwischen die Augen des
Diebes, sodaß er betäubt zusammenbrach, war der erste Theil der Strafe,
und nachmittags kam der Dieb von einem Häuptling geführt an Bord, um dem
Matrosen, welcher seine Pfeife gleich am Vormittag zurückerhalten hatte,
als Entschädigung ein mittelgroßes Schwein zu bringen. Hiermit aber nicht
genug, war er auch noch für den Zeitraum von vier Wochen aus Saluafata
verbannt worden, wie der Häuptling mir mitzutheilen beauftragt war.
Im Laufe des Nachmittags des 15. wurde in Safune geankert und ich
versprach Mulitalo, ehe er an Land ging, für den folgenden Tag und die
anschließende Nacht sein Gast zu sein. Dieser Tag brachte mir eine solche
Fülle interessanter und zum Theil neuer Eindrücke, daß ich dem braven
Mulitalo für seine Einladung und Gastfreundschaft aufrichtig dankbar bin.
Als ich vormittags an Land kam, mußte ich zunächst einen Rundgang durch
die drei Districte von Safune machen, um die Häuptlinge zu besuchen.
Die Stadt setzt sich nämlich aus drei voneinander unabhängigen Plätzen
zusammen, über welche Mulitalo als Haupt des bedeutendsten aber doch eine
gewisse Oberhoheit ausübt. Savai’i sucht nun einen gewissen Stolz darin,
an den alten Gebräuchen festzuhalten, und es ist auch die einzige Insel,
welche den alten für die Schrift angenommenen Dialekt noch rein spricht,
dessen Hauptmerkmal darin besteht, daß er kein „'k'“ kennt, während die
andern Inseln in der gewöhnlichen Umgangssprache kein „'t'“ gebrauchen,
sondern dafür „'k'“ setzen. So heißt z. B. „Guten Tag“ in Savai’i und
in der Schriftsprache 'talófa', bei den andern Samoanern 'kalófa';
„ich danke“ 'fafatéi' bezw. 'fafakéi'. Die alte Samoa-Sitte verlangt
nun auch, daß der Fremde nicht von selbst einen Besuch macht, sondern
sich dazu auffordern läßt, wenn er an dem betreffenden Hause, wohin er
möchte, vorbeigeht. So durfte auch ich nicht zu den Häuptlingen, welche
mich erwartend und von ihren Familien umgeben in ihrem Faletele saßen,
herantreten, sondern mußte gleichgültig thuend meines Weges ziehen, bis
ich angerufen wurde. Als wir nun in die Nähe einer solchen Hütte kamen,
trat ein Mann mit Rednerstock und Fliegenwedel an den Dachrand vor,
musterte uns eine Weile und dann erst rief er uns mit lauter Stimme an.
Wir mußten stehen bleiben, Fragen und Antworten wechselten miteinander ab,
und als mein Dolmetscher zufriedenstellende Antwort gegeben hatte, wurde
ich als Gast bewillkommnet, trat zur Hütte heran, während der Häuptling
mir entgegenkam, und nahm unter den Anwesenden Platz, nachdem ich mit
allen die Hand geschüttelt hatte. Darauf wurde mir als Erstes ein großer
gekochter Fisch einer gewissen mir unbekannten Art vorgesetzt, worin die
höchste Begrüßungsauszeichnung eines Fremden liegen soll, aber natürlich
nur statthaben kann, wenn der Besuch vorher angemeldet ist, da die Fische
nicht jeden Augenblick zu haben sind. Nachdem wir von dem Fisch gegessen
hatten, wurde Kawa getrunken, und nach etwa einstündigem Aufenthalt zog
ich weiter, um dasselbe bei dem nächsten Häuptling durchzumachen. Bei
Mulitalo angelangt, wurden keine Umstände gemacht, er empfing mich mit
seiner stattlichen Frau und zwei auffallend hübschen, elegant gewachsenen
Töchtern von sehr heller Hautfarbe, die eine 19, die andere 17 Jahre alt,
an der Thür seines großen, stark europäisirten Hauses und führte mich in
sein Schlafzimmer, welches er mir abgetreten hatte. Neben einem breiten
Bett mit Mosquitonetz fand ich noch einen Tisch mit zwei Stühlen und, was
zunächst für mich das Beste war, ein Waschbecken mit einer Kanne frischen
Quellwassers vor.