Als etwas ganz Besonderes wurden mir von einem Manne während des Mahls auf

einem Blatt auch vier milchweiße lebende Raupen von der Größe und Dicke

eines kleinen Fingers angeboten, welche in hohlen Bäumen gefunden werden

und sehr selten sein sollen. Als ich mich schüttelnd gegen den Genuß

verwahrte, aß der Mann mir auf Befehl Sangapolutele’s eine vor. Trotzdem

sein Gesicht nur Entzücken verrieth, als er das sich windende Thier

mit den Fingern zum Mund führte und so herzhaft hineinbiß, daß der Saft

herumspritzte, konnte ich mich doch nicht zur Nachahmung verstehen, und

da unsere Herren sämmtlich ablehnten, so verblieben sie den Häuptlingen.

Die einzelnen Gerichte waren, wenn auch für unsern Geschmack vielfach das

Salz fehlte, durchweg schmackhaft zubereitet, nur für unsere Gaumen etwas

zu fett.

Nach uns setzten sich die Häuptlingsdamen zu Tisch, und nach diesen

kam das Volk an die Reihe, unter dessen Händen die Speisen schnell

verschwanden.

Nachdem das Faletele ausgeräumt war und das Volk sich zerstreut hatte,

begannen die Spiele vor Sangapolutele’s Haus, wohin sich die Aeltern

der mitwirkenden Mädchen als Zuschauer zurückgezogen hatten. Diese

Spiele, für die urwüchsigen Veranstalterinnen berechnet, überschritten

schließlich doch etwas unsere Kräfte. Merkwürdigerweise betheiligten

sich außer uns keine Männer an denselben, und es ist mir zweifelhaft

geblieben, ob dies gegen die samoanische Sitte verstößt, oder ob man bei

der beschränkten Zahl der jungen Mädchen, welche ihrer Geburt nach hier

zugelassen werden konnten, uns dieselben allein überlassen wollte, oder

aber ob die Häuptlingssöhne, die man in den Städten auffälligerweise

nur selten sieht und die nur bei Gelegenheit von Festlichkeiten auf der

Bildfläche erscheinen, mit den Fremdlingen nichts zu thun haben wollten.

Das erstere ist wol das Wahrscheinlichere, da bei den Tänzen in der Regel

auch die Geschlechter unter sich bleiben. Ob die Spiele selbst, welche

an die unserer Landpartien erinnern, samoanischen Ursprungs oder von

den Weißen eingeführt sind, habe ich nicht erfahren; ist das letztere

der Fall, dann sind sie jedenfalls durch Einfügung samoanischen Humors

nationalisirt worden. Neben Kraft- und Ringproben wurde auch eine Schlange

gebildet. Toëtele als das vornehmste der anwesenden Mädchen stellte sich

auf, ich mußte hinter sie treten und sie umfassen; hinter mir kam wieder

eine Samoanerin, dann wieder einer von uns und so fort in bunter Reihe,

bis der Schwanz von einigen Mädchen gebildet wurde, da dieselben in der

Mehrzahl waren. Wie ich mich an meinem Vordermann bei ihrer nur dürftigen

Kleidung festhalten sollte, war mir nicht recht klar, denn hielt ich mich

an dem Lava-lava fest, so mußte dies bei der ersten heftigern Bewegung

in meinen Händen bleiben; ich legte meine Hände daher um den Leib vor

ihren Magen. Hiermit war sie aber nicht einverstanden, löste vielmehr

meine Hände wieder und legte sie unter ihre Brüste, dieselben einmal

fest dagegen drückend, als Zeichen, daß sie dort bleiben sollen. Dann

ging es in Schlangenwindungen hin und her, bis ein samoanischer, nach

europäischen Begriffen sehr derber Scherz das Spiel schloß. Es wurde eine

große Stange herbeigebracht, die Mädchen erfaßten das eine Ende, wir das

andere, und nun sollte festgestellt werden, auf welcher Seite die größte

Kraft sei. Dieses Spiel endete mit einem europäischen Scherz, denn als

wir eine Weile hin- und hergezogen hatten, machte aus dem Hintergrunde

ein Witzbold von uns den Vorschlag, die Stange plötzlich loszulassen.

Auf das leisegesprochene „Los“ entsprachen wir diesem Vorschlag, unsere

Gegenpartei fiel hinten über und wir hielten uns verschämt die Augen zu.

Der Scherz, von dem ich anfänglich annahm, daß er doch zu derb ausgefallen

sei, fand übrigens Anklang, unsere Gegnerinnen lachten, waren schnell

wieder auf den Füßen, brachten ihre Kleidung in Ordnung und forderten

Fortsetzung. Was die Mädchen planten, sprachen ihre blitzenden Augen aus,

wir blieben daher auf unserer Hut. Von beiden Seiten wurde wieder kräftig

gezogen, unsere Gegnerinnen ließen los, wir gleichzeitig aber auch, und

sie standen mit seitwärts weggestreckten Händen verblüfft und sprachlos

da, während wir sie auslachten. Sie kamen aber schnell wieder zu sich,

lachten mit, schoben die Stange zur Seite und schlugen ein Spiel vor,

welches wol unserm Räuber und Gendarm entspricht. Sie wollten die Räuber

sein und wir sollten sie fangen. Von diesem Spiele schloß ich mich aber

aus und setzte mich als Zuschauer mit zu Sangapolutele hin. Schnell waren

die bar- und leichtfüßigen Räuber in dem Walde verschwunden, die Unserigen

folgten. Der Fang gelang aber erst bei der Rückkehr und zwar auch nur

theilweise, da er nicht leicht war. Denn da die eingeölten aalglatten

Körper nicht zu fassen waren, blieb kein anderer Angriffspunkt als das

Haar übrig.

Als Erwiderung hatten die Offiziere und ich die Häuptlingsfamilien zu

einem europäischen Essen auf das Schiff eingeladen, zu welchem indeß nur

die Frauen und Töchter erschienen, weil die Männer auch auf fremdem Boden

an ihrer Sitte, nicht mit den Frauen zusammen zu speisen, festhielten.

Hier mußten die Damen nun auf Stühlen sitzen und mit Messer und Gabel

hantiren. Mit dem Sitzen ging es, mit Messer und Gabel aber durchaus

nicht, sodaß wir unsern Gästen anheimgeben mußten, ihre Finger zu Hülfe

zu nehmen, nachdem sie die Suppe mit dem Löffel gegessen hatten, was ihnen

auch genug Mühe gemacht hatte. Nun ging es besser, aber geschmeckt hat es

ihnen trotzdem wol nicht, da Naturmenschen sich doch schwerer in fremde

Kost hineinfinden können, als die Europäer dies thun.

Das in Saluafata vorgefundene samoanische Leben, welches schon so

erheblich von demjenigen in Apia abweicht, ließ in mir den Wunsch

rege werden, auch noch einige der weiter im Innern liegenden Städte zu

besuchen. Der Halbweiße sagte mir seine Begleitung als Dolmetscher zu und

Sangapolutele versprach mir einen Führer nebst einigen Gepäckträgern.

Als Führer meldete sich der bescheidene Loau mit noch einem kleinern

Häuptling, und diese waren an dem festgesetzten Tage mit noch zwei

Gepäckträgern bereit, als ich morgens 6 Uhr mit meinem Gigsteurer (nennen

wir ihn Lange), welchem ich diesen Ausflug zukommen lassen wollte und

der gleichzeitig auch das ziemlich umfangreiche Gepäck mit beaufsichtigen

sollte, an Land kam. Von unsern Herren wollte sich mir keiner anschließen,

weil die Erinnerung an die Fußtour in Tahiti ihnen noch zu frisch im

Gedächtniß war.

Die kleine Reise war von den Samoanern und dem Dolmetscher auf drei Tage

veranschlagt worden, wobei der letztere sagte, daß er den beschwerlichen

Marsch überhaupt nur mit mir wage, weil er meine Leistungsfähigkeit im

Gehen bei einem Aufstieg auf den Berg Apia, bei welchem er mein Führer

gewesen war, kennen gelernt hätte. Uebrigens war bei meiner Ankunft der

Herr Dolmetscher noch nicht anwesend und ließ auch ziemlich lange auf sich

warten. Endlich gegen 6½ Uhr kam die zu seinem Hausstand gehörige junge

Samoanerin, um mir zu sagen, daß er nicht kommen könne, weil er Fieber

habe, und daher sie schicke, um als Dolmetscher mitzugehen. Das Fieber

schätzte ich indeß auf Katzenjammer und machte mich auf den Weg, ihn

selbst zu holen. Wie ich vermuthet hatte so war es; Bill (der Vorname des

Mannes, womit ich ihn fernerhin bezeichnen will) mußte heraus aus dem Bett

und trotz alles Sträubens mit, und als Sa (der Name der jungen Samoanerin)

nun sehr traurig wurde, daß sie zurückbleiben müsse, nahm ich sie auch

noch mit, da es bei der großen Zahl meines Gefolges nun auf eine Person

mehr oder weniger nicht mehr ankam. Uebrigens machte Sa sich nachher

vielfach nützlich. Neben meiner Person bestand die Reisegesellschaft

also aus Lange, Loau, Bill, dem andern Häuptling, Sa, zwei samoanischen

Gepäckträgern und Bill’s Diener, einem Eingeborenen von den Neu-Hebriden,

zusammen also aus neun Personen.

Das Gepäck setzte sich zusammen aus meinem Koffer mit reichlicher Wäsche,

einem Kopfkissen, Mosquitonetz, Handtüchern u. s. w.; einem kleinen

Koffer mit Lange’s Sachen; einem Ballen Stoffe und einer kleinen Kiste

Wachholder-Branntwein, als Gegengeschenke für die mir zu erweisende

Gastfreundschaft.

Um 7 Uhr waren wir marschbereit. Der Weg führte zunächst hinter

Sangapolutele’s Haus in den Wald und in ein enges Thal, auf so schmalem

Pfade, daß der auf dem Laub liegende Thau meine leichte Kleidung schon

nach den ersten Schritten durchnäßt hatte. Gegen 9 Uhr, nach fortwährendem

Steigen, traten wir aus dem Wald auf eine kleine Ebene und in ein dort

liegendes Dorf, wo wir in dem Faletele eine kurze Rast machten und von den

herzugekommenen Bewohnern mit frischer Kokosmilch bewirthet wurden. Mit

den Menschen kamen auch zwei Katzen, ein Hund, einige Ferkel und Hühner

mit, welche in dem Faletele ebenfalls ganz zu Hause zu sein schienen und

mit dem jungen, opalfarbenen, gallertartigen Fleisch, welches sich in

den grünen Nüssen an dem innern Rand der Schale befindet und die erste

Entwickelungsstufe des Kerns aus der Milch bildet, gefüttert werden.

So ist die Kokosnuß also nicht nur ein Universalnahrungsmittel für die

Menschen, sondern auch für das verschiedenartigste Gethier, und mein

Erstaunen war wol ein berechtigtes, daß Katzen und Hunde diese Speise

nicht nur überhaupt, sondern gern nahmen. Was doch die Gewöhnung nicht

alles thut! Zufällig sah ich hier auch, wie nützlich sich die Hühner,

außer ihrem Beruf Eier zu legen und als Braten zu dienen, machen,

denn als eine große Spinne sich zeigte, war sie auch sofort von einem

herzugeflogenen Huhn verzehrt. Die Katzen halten die Wohnungen von Ratten

frei, die Hunde werden wol hauptsächlich groß gezogen, um später gegessen

zu werden. Die saubern kleinen Ferkel sind vielfach die Lieblinge der

Frauen und werden von diesen an die Brust genommen, allerdings nicht aus

Liebe, sondern als Schutzmittel gegen zu großen Kindersegen, und während

dieser Zeit werden sie wie ein Schoshündchen verhätschelt, trennen sich

weder Tag noch Nacht von ihrer Herrin.

Der Weg bis zur nächsten Stadt zieht sich durch den Wald, durch Schluchten

und an steilen Abhängen vorbei, und führt schließlich an dem Ufer eines

Flusses zu einer Lichtung, wo die Stadt liegt. Der Wald ist todt, da

außer kleinen Insekten nichts Lebendes an den Wanderer herantritt, denn

die schönen, grünbefiederten Tauben werden in neuerer Zeit von den

jagdlustigen Eingeborenen so sehr verfolgt, daß sie bereits zu einer

Seltenheit geworden sind, und die schönen kleinen Vögel sind, um in

Europa die Damenhüte zu schmücken, auch nahezu ausgerottet, was aber

nicht den Eingeborenen, sondern den Weißen zur Last zu legen ist. Nur

ab und zu sieht man an einem Baumast, mit dem Kopf nach unten gekehrt,

einen schlafenden, über 40 cm langen fliegenden Hund hängen. Und doch

wirkt der Wald belebend durch die reiche Pflanzenwelt, welche zwischen

den hochstämmigen Bäumen den Boden bedeckt, durch die hohen Baumfarrn

und Bambusbüsche, durch die Schlingpflanzen, welche sich von Laubkrone zu

Laubkrone winden, durch vereinzelte Kokospalmen und Orangenbäume, welche

mit ihren Früchten dem Wanderer Labung bieten. Auch wildes Zuckerrohr

findet man an lichten Stellen, im Walde aber auch Bäume, deren herzförmige

Blätter von der Größe einer Hand bei der Berührung große schmerzhafte

Blasen auf der Haut erzeugen und wegen dieser Eigenschaft sehr gefürchtet

sind. Als ich mir gelegentlich solch ein schönes sammtartiges Blatt

brechen wollte, wurde ich von einem Samoaner schnell zurückgerissen.

Nach etwa einstündigem Gehen traten wir aus dem Wald auf eine kleine

vorspringende Lichtung, welche wie eine Kanzel auf steiler Klippe liegt,

an deren Fuß man ein Wasser rauschen hört, das man aber nur als schmalen

Streifen sehen kann, wenn man sich weit über den Rand des Abhangs

vorbeugt. Auf der andern Seite steigt eine nahezu gleich steile Wand auf,

welche dicht belaubt die auf unserer Seite an Höhe weit überragt, und

beide Wände bilden an dieser Stelle einen Hohlweg in Zickzackform, auf

dessen Sohle der Bergfluß sich zwischen den engen Felsmauern durchzwängt.

Unser Standort bildet den einen vorspringenden Winkel, und thalwärts zu

unserer Linken, vielleicht hundert Schritte von uns entfernt, springt von

der andern Seite ein gleich scharfer Winkel hervor, um welchen der Fluß

dann rechts wieder abbiegt. Hier an der Stelle, wo wir stehen, soll nach

Angabe der Samoaner die über 15 m hohe Klippe so steil abfallen, daß man

den Sprung in den tiefen Fluß wagen kann. Loau erklärt sich auch zu dem

Sprung bereit, vertauscht sein Lava-lava mit einem Palmenblatt und geht

an den Rand; er springt aber nicht, sondern tritt wieder zurück, sieht

noch einmal hinunter und erklärt, den Muth verloren zu haben. Nun soll

das kleine Geschöpf Sa springen; sie geht auch muthig vor, sagt dann aber

mit so kläglichem Gesicht: „'Au weh weh, ka féhfe'“ (etwa: „Ach Gott, ich

habe solche Angst“), daß ihr der Sprung erlassen bleibt und der andere

Häuptling vortritt, hinter dem Klippenrand verschwindet und durch seinen

dumpfen Fall in das Wasser, dessen Schall nach einigen Augenblicken

athemloser Spannung nach oben dringt, uns sagt, daß er im Fluß angekommen

ist. Da unser Weg durch einen engen abschüssigen Hohlweg auch zum Flusse

führt, so eilen wir hinunter, und dort, am Fuße eines zur Zeit trockenen

Wasserfallbettes, umgeben von hohen Felswänden und dichtem Laub, vor uns

das von geisterhaftem Zauber umwehte wilde Bergwasser, erwarten wir unsern

Freund, welcher bereits angeschwommen kommt und unversehrt das Ufer wieder

betritt. Zu solchem Sprung gehört Muth.

Kurz vor 12 Uhr waren wir in der Stadt, wurden von dem Häuptling und

seiner Familie empfangen, erfrischten uns an Kokosmilch, und dann empfand

ich zunächst das Bedürfniß, mich trocken und rein zu kleiden, weil ich bis

3 Uhr hier rasten wollte. Ich nahm mir aus meinem Koffer frische Wäsche

und Kleider und ging mit Lange zu dem nahegelegenen Fluß, um dort ein Bad

zu nehmen, meine Segeltuchschuhe selbst zu waschen, da unsere Träger sich

bereits zu ihren Bekannten verflüchtigt hatten, und mich im Anschluß daran

wieder in einen anständigen Menschen umzuwandeln, denn mein weißer Anzug

sah von dem Marsch durch den feuchten Wald auf schlüpfrigem lehmigen Boden

höchst bedenklich aus. Hier möchte ich erwähnen, daß nach meiner Erfahrung

die einzig richtige Kleidung in den Tropen leichte Baumwollstoffe sind,

und nichts der Gesundheit nachtheiliger ist und erschlaffender wirkt als

wollene Unterkleider. Unter gewissen Verhältnissen ist man allerdings

gezwungen, um die Stärkwäsche in ansehnlichem Zustand zu erhalten, ein

wollenes Unterkleid, welches den Schweiß aufsaugt, anzulegen, dann aber

bleibt der Körper dauernd feucht, was naturgemäß nachtheilig auf die

Haut wirken muß. Geht man aber nicht in Damengesellschaft, sondern in

den Wald und über Land, dann sollte man sich von Wolle freihalten. Naß

wird die Wäsche ja, sie trocknet aber auch wieder schnell in der heißen

Sonne, und kleidet man sich dann an jedem Ruhepunkt frisch, so merkt man

bald das Behagen, welches der Körper empfindet. Dazu gehört allerdings

die Mitnahme größerer Vorräthe und der zum Tragen erforderlichen Leute.

Nur dieser Praxis schreibe ich es zu, daß ich, trotzdem ich unter der

Hitze mehr leide wie vielleicht irgendein anderer von unserm Schiff, die

anstrengendsten Märsche ohne Ermüdung zurückgelegt habe und sogar den

Eingeborenen, welche mir den Beinamen „mit den eisernen Beinen“ gegeben,

im Marschiren überlegen war.

Der Fluß ist hier ziemlich breit und tief, weil gerade an dieser Stelle

wieder eins der den samoanischen Flüssen eigenthümlichen Felsenbecken

liegt, von welchem das Wasser als schöner Fall in ein tiefer liegendes

hinabstürzt. An dem andern Ufer steigt eine steile Bergwand empor, in

welcher eine große tunnelartige Oeffnung den Eingang zu einer Höhle

bildet. Als ich zunächst meine Schuhe waschen wollte, um sie während des

Bades wieder trocknen zu lassen, nahm Lange mir diese Arbeit ab und diesem

wiederum Sa, welche inzwischen auch herangekommen war. Sie beschränkte

sich aber nicht nur auf meine Schuhe, sondern nahm auch Wäsche und Kleider

vor, welche sie dann zum Trocknen ausbreitete. Dies war mir sehr angenehm,

weil ich nun diese Sachen später zu dem Weitermarsch wieder anlegen und

meinen Vorrath schonen konnte. Kaum war die Samoanerin mit ihrer Arbeit

fertig, so nahm sie mit einem schnellen Griff ihr Lava-lava ab und sprang

ins Wasser, um zwischen uns herumschwimmend ebenfalls ihr Bad zu nehmen,

achtete aber darauf, vor uns wieder an Land zu kommen und zur Stadt

zurückzukehren, ehe wir das Wasser verließen.

Im Faletele mußte ich nun zunächst einen Kawatrunk nehmen und dann

durchschritt ich mit Loau und Bill den Fluß an einer seichten Stelle,

um die Höhle zu besichtigen. Dieselbe ist ein tunnelartig natürlich

gewölbter Gang von etwa 300 m Länge, 5 m Breite und 2½ m Höhe und ist an

beiden Endpunkten offen. Eine kleine Wasserlache war das einzige Wasser in

der Höhle, welche sonst den Schwalben als Brutstätte dient, denn an den

Wänden befindet sich Nest neben Nest und der Boden ist mit einer starken

Guanoschicht bedeckt.

Gegen 1 Uhr nahmen wir ein sehr reichhaltiges Essen ein (Schwein, Huhn,

Tauben, Süßwasserkrebse und einige Gemüse), ruhten dann etwas, um 2½ Uhr

nahm ich noch einmal ein Bad, danach wurden die Geschenke vertheilt und

um 3 Uhr befanden wir uns wieder auf dem Weitermarsch. Nach einer Stunde

passirten wir die dritte Stadt, wo ich aber zum Leidwesen der Bewohner und

meiner Begleitung keine Rast machte, sondern durchging, um vor Einbruch

der Nacht noch den nächsten Platz zu erreichen, wo wir auch kurz nach 5

Uhr eintrafen. Auch hier nahm ich als erste Erfrischung wieder ein Bad,

wobei ich mir einige auf dem hohen Ufer stehende Zuschauer gefallen lassen

mußte, da die Stadt dicht am Wasser liegt und der Fluß hier von so steilen

Abhängen umschlossen wird, daß man nur an einer Stelle bequem zum Ufer

kommen kann. Die ganze Umgebung ist so romantisch, daß es mir ordentlich

unbehaglich wurde, nachdem die Sonne hinter die Berge gegangen war und

die Eingeborenen sich wieder zurückgezogen hatten. Rund umschlossen von

nackten Felsen oder belaubten Höhen nahm das tiefe Wasser schwarze Färbung

an, keine Menschenseele zu sehen, kein Thier zu hören -- da kam mir

wieder das Ammenmärchen von den Aalen in den Sinn, und richtig, da packt

mich einer am Fuß, sodaß mir ganz heiß wird und ich erst wieder zur Ruhe

komme, als Sa’s lachendes Gesicht neben mir auftaucht, welche sich den

hinterlistigen Scherz gemacht hatte, mir heimlich nachzugehen. Sie schwamm

nun aber so schnell an Land, daß ich sie nicht mehr erreichen konnte, um

sie für den schlechten Spaß etwas zu zausen. Mir war das Baden durch den

Schreck verleidet und so machte ich auch, daß ich an Land kam, zumal mein

Magen sich meldete.

Nach einem kräftigen Essen mußte ich erst der Abendandacht beiwohnen, zu

welcher die Bewohner durch Trommelschlag herbeigerufen wurden. Ein Mann

las ein längeres Gebet vor, dann zerstreuten sich die Einwohner wieder;

wir tranken Kawa, einige Mädchen führten einen mittelmäßigen Tanz auf,

und dann begaben wir uns zur Ruhe, nachdem die Häuptlinge dem von mir

mitgebrachten Getränk doch etwas zu viel zugesprochen und sich still

zurückgezogen hatten. Das Faletele war nur für mich und Lange bestimmt,

die übrigen von uns waren anderweit untergebracht. Endlich war ich

einmal allein und konnte mich nun ohne Aufsehen nach einem stillen Platz

zurückziehen. Doch ich hatte eine schlechte Wahl getroffen, denn gleich

darauf raschelt es im Gras und neben mir befindet sich eine Samoanerin,

welche mir dazu noch einen guten Abend wünscht. Obgleich ich nun schon

ziemlich vertraut mit dem samoanischen Leben war, hatte ich mich in diese

Natürlichkeit doch noch nicht hineingefunden und wollte entsetzt fliehen,

ließ mich aber doch durch den Gedanken, eine lächerliche Figur abzugeben,

davon abhalten. Meine Nachbarin verschwand indeß ebenso schnell wieder

wie sie gekommen war.

Im Faletele hatte ich mir mein Mosquitonetz sorgsam aufgehängt und fand

unter demselben ein gutes Lager, sodaß ich bald entschlummert war. Da

kriecht etwas bei mir herum, ich greife zu und vermuthe nach dem Gefühl,

daß ein Ferkel sich zu mir verirrt hat, ich fasse mit der andern Hand mit

zu und merke nun, daß es doch etwas anderes ist; ehe ich aber zu einem

Entschluß kommen kann was zu thun, werden gleichzeitig die sämmtlichen

Vorhänge in die Höhe gerissen, an zwanzig Mädchen stürzen mit Fackeln

in den Raum hinein, durchkreuzen ihn wie Feuerwerksfrösche, mein Besuch

ist wieder unter ihnen verschwunden, Lange und ich sehen uns verdutzt

an und im nächsten Augenblick sind die Vorhänge wieder unten und wir

wieder in vollkommener Dunkelheit. Ob das ein samoanischer Scherz oder

was sonst war, weiß ich nicht. Erst wollte ich nach, um mir einen dieser

ausgelassenen Irrwische zu fangen, aber mein Adamcostüm und die Gewißheit,

doch keinen fassen zu können, ließen mich klugerweise von einem derartigen

Beginnen absehen. Eine weitere Störung fand nicht statt und auch diese

war wol nur dadurch möglich gewesen, daß die Herren Väter heute nicht

zurechnungsfähig waren.

Am nächsten Morgen badete ich wieder und fand den nun von der Sonne warm

beschienenen Platz entzückend. Dann Geschenkvertheilung und um 7 Uhr nach

einem guten Frühstück Abmarsch nach Falifa. Der Weg dahin geht nur das

erste Drittheil durch den Wald, dann trifft man einen Fluß, an dessen

Ufer man bleibt. Der Weg ist gut und die landschaftlichen Bilder sind

schön. Um 9 Uhr waren wir in Falifa, wo natürlich als erstes wieder das

unvermeidliche Bad genommen wurde, welches hier besondere Reize bietet.

Der breite Fluß wird an beiden Seiten von bewaldeten Höhen begrenzt und

stürzt als mächtiger Wasserfall direct in die See, welche hier mit einer

schmalen Bucht tief in das Land vordringt. Die Wassertiefe des Flusses

gestattet nur dicht oberhalb des Absturzes ein Schwimmen und auch dort

ragen vielfach Felsen aus dem Strombett hervor. Flußauf öffnet sich dem

Auge eine weite Ebene, in deren Mitte der silberne Wasserlauf eilig und

brodelnd über Felsengeröll zu Thal fließt. Stromab sieht das Auge das

Meer und den fernen Horizont, welche von den bewaldeten Ufern der Bucht

eingerahmt werden; ein Schnitt von Ufer zu Ufer am untern Rand des Bildes

endet den Lauf des Flusses, dessen Wasser einen letzten dumpf grollenden

Gruß aus der Tiefe nach oben sendet, ehe es sich für immer mit dem Meer

verbindet.

Die Stadt liegt hier dicht am Ufer des Flusses und dies mag wol mit dazu

beigetragen haben, daß gleich nach mir noch drei junge Samoanerinnen

ebenfalls ins Wasser kamen und schwimmend mich in ihrer Mitte hielten. Da

die Samoaner uns Weißen keine besondere Fertigkeit im Schwimmen zutrauen,

so wird die eigentliche Absicht wol die gewesen sein, mir gegebenenfalls

zu Hülfe eilen zu können, wenn ich mich etwa zu nahe an dem Wasserfall in

eine der zwischen den Felsen befindlichen Stromschnellen wagen sollte, da

dies sichern Absturz und Tod bedeutet haben würde. In Falifa selbst, wo

wir etwas frühstückten, hielten wir uns nur kurze Zeit auf. Ein Albino,

ein Frauenzimmer, erregte hier dadurch mein Interesse, daß der Rücken eine

rosa Farbe hatte, welche, durch kleine Bläschen hervorgebracht, jedenfalls

die Folge von Sonnenbrand war. Die Haut der Albinos wird also wol ebenso

wenig widerstandsfähig gegen die Sonne sein wie die unsrige.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 49 / 56 段