Platz wird an drei Seiten von Waldlehnen, an der vierten von dem Faletele,
in welchem wir uns befanden, begrenzt. Aus dem grünen Rahmen der uns
gegenüberliegenden Waldlehne tritt das Haus Sangapolutele’s heraus; aus
dem zu unserer Linken der Häuptling Loau in der stolzen Haltung einer
Minerva; aus dem zur Rechten die andern Häuptlinge und das geschmückte
Volk, welches sich um die beiden dort liegenden alten ehrwürdigen
Grabstätten gruppirt hat. Ueber dem Platz steht die heiße Sonne an dem
wolkenlosen Himmel.
Loau’s Kopf ist mit einem hohen Haarhelm bedeckt, dessen blonde Haarwellen
roßschweifartig nach unten fallen und ihn in Verbindung mit mancherlei
Zierath zu einem schönen Schmuckstück machen. Ein vorn in der Mitte
angebrachter beweglicher kleiner runder Spiegel wirft das aufgenommene
Sonnenlicht in weiten Strahlen zurück. Ein Band mit zwei Reihen kleiner
Muscheln, deren Schmelz mit dem der Perlen wetteifert, ziert Loau’s Stirn,
ein gleiches seinen linken Oberarm. Eine Kette von Schweinszähnen und
feinen Gräsern umschließt den Hals; eine feine, hell-braungelbe Matte mit
darüber liegendem Gürtel aus langen, schmalen, schwarzrothen Blättern
(etwa 20 cm lang, 5 cm breit) die Hüften; feine Grasringe umfassen die
Knöchel. Es ist eine edle Gestalt, welche in dem eigenartigen bunten
und doch vornehm wirkenden Schmuck gehobenen Hauptes herausfordernd dort
steht, mit der rechten Hand den auf den Boden gestützten Speer wie einen
Heroldsstab hält und die Linke leicht am Körper herunterhängen läßt.
Aehnlich sind die übrigen Häuptlinge gekleidet, doch haben sie an Stelle
des Helms rothe Blumen im Haar und an Stelle der Muschelbänder um Stirn
und Oberarm ein schmales rothes Blatt, oder ein rothes Band mit einem
Aufputz aus eigenem Haar. Das Volk hat grüne Kränze aus frischem Laub um
Kopf und Hals, rothe Blumen im Haar, Lava-lavas von frischen Blättern.
Der bei mir stehende Redner ist schlicht gekleidet und gehört eigentlich
nicht zu dem Talolo, sondern hat nur die Aufgabe, die an uns gerichtete
Ansprache zu erwidern.
Nachdem Loau eine Weile gewartet hat, wir aus dem Hause hinausgetreten
sind und lautlose Stille eingetreten ist, ruft er seine Ansprache
mit lauter Stimme in kurzen Sätzen zu uns herüber, welche einzeln
gleich durch den Redner beantwortet werden. Die Ansprache dauert nicht
lange, sie enthält nur die Begrüßung der Fremdlinge und die Bitte um
Annahme der Geschenke, wofür der Redner in meinem Namen dankt. Darauf
werden die Geschenke gebracht und bei uns niedergelegt; das Volk tritt
wieder zurück und Loau führt einen Kriegstanz auf, welcher in hohen,
gewagten, kraftvollen Sprüngen besteht und mich an die Solotänze
unserer Ballettänzer erinnert. Nach ihm führen die andern Häuptlinge
noch einen gemeinsamen Tanz auf, dann begeben wir uns wieder in die
Hütte und das Volk zerstreut sich zum Theil, zum Theil bleibt es aus
der Ferne Zuschauer, während wir Kawa trinken. Denn wir nehmen mit
sämmtlichen Häuptlingen im Kreise Platz und die Mädchen beginnen mit der
Kawabereitung. Vor diesem Getränk fürchte ich mich übrigens nicht mehr,
ich habe es vielmehr durch die Gewöhnung so schätzen gelernt, daß ich
mich auf den Genuß freue und ohne Abscheu der Bereitung zusehen kann.
Bei dieser Gelegenheit lernte ich zum ersten mal das Ceremoniell kennen,
welches der Samoaner bei solch festlichem Kawatrunk beobachtet. Sobald
die Schale gefüllt ist, klatscht die von mir als „Redner“ bezeichnete
Person, welche wol auch die Stelle eines Ceremonienmeisters versieht, in
die Hände, um Ruhe zu fordern, steht auf, ruft den Namen derjenigen Person
auf, welcher nach der Rangordnung der Trunk zukommt, und setzt sich dann
wieder, um dasselbe jedesmal zu wiederholen, bis der letzte Anwesende
seinen Trunk erhalten hat. Bei den Vornehmern wird immer nur eine Schale
zur Zeit gereicht, nachher aber werden gleichzeitig zwei und drei Schalen
ausgetragen. Mit welchem Anstand die Mädchen die Schalen anbieten, habe
ich früher schon erzählt.
Meine Beziehungen zu den Häuptlingen waren bald so vertraute geworden,
daß wir uns abends in dem außerhalb der Stadt auf einer kleinen Anhöhe
liegenden Hause des Halbweißen trafen, wo ich die Leute mit Taback
und Getränken bewirthete und von ihnen mancherlei erfuhr, was mich
interessirte. Die erste derartige Zusammenkunft war aus politischen
Rücksichten erfolgt, weil ich mich mit diesen Dingen mehr befassen mußte
und noch befassen muß, als mir lieb ist, denn als ich vor vier Wochen hier
ankam, hatte unser Consul die Samoa-Inseln für mehrere Wochen verlassen,
und so war es, da es hier im Lande fortwährend gährt, meine Pflicht mich
über die Vorgänge auf dem Laufenden zu erhalten, um nicht einem etwaigen
Aufstande unvorbereitet gegenüberzustehen. Es kam mir hierbei zu statten,
daß der hiesige District zu den Malietoas hält und wir, wenn wir auch
den jüngern Malietoa keineswegs als eine wünschenswerthe Persönlichkeit
betrachten können, doch den ältern, welcher zur Zeit der Erwählte seiner
Partei ist, als den einzig möglichen König ansehen. So gestalteten sich
diese abendlichen Zusammenkünfte gewissermaßen zu einem politischen
Stelldichein, wo die am Abend von außerhalb eintreffenden Boten zuerst
vorsprachen und die neuesten Nachrichten hinbrachten. Hier erfuhr ich
denn auch, was ich allerdings nicht verbürgen kann, mir aber glaubwürdig
erscheint, daß der in Apia residirende französische Bischof vor einigen
Monaten nach Europa gereist ist, um die französische Regierung zur
Erwerbung alles auf den Inseln verkäuflichen Landes zu bewegen, weil nur
dadurch dem stetig wachsenden deutschen Einfluß wirksam begegnet werden
könne; daß ferner die französischen Priester von den vier vornehmlich
in Betracht kommenden Candidaten der Tupua-Partei einen unterstützen und
für diesen auch den pp. Bartlett gewonnen haben, wofür dieser von ihnen
in das Amt, welches er jetzt innehat, gebracht wurde. Bartlett soll denn
auch, wenn er äußerlich auch nur als Lehrer der Rechte angestellt ist,
thatsächlich die Regierung leiten, und unter anderm hat er, wol um seine
Befähigung für dieses Amt darzuthun, den erstaunten Bewohnern von Apia
das überraschende Schauspiel geboten, unter seiner Leitung die Herren
von der Taimua und Faipule die Straßen Apias ausbessern zu lassen, von
welcher Arbeit sich nur wenige Mitglieder ausgeschlossen haben sollen.
Unter solchen Verhältnissen war mein Verbleiben in Saluafata von größerm
Nutzen, als wenn ich die Zeit in Apia zugebracht hätte, denn hier würde
ich von diesen Dingen wahrscheinlich nichts erfahren haben. Im übrigen
war ich auch nahe genug, um in die Ereignisse eingreifen zu können, wenn
es erforderlich geworden wäre.
Diese abendlichen Zusammenkünfte waren mir bald zum Bedürfniß geworden,
sodaß ich fast täglich, wenn ich keine andere Abhaltung hatte, abends nach
8 Uhr an Land fuhr und bis gegen 10 Uhr dort blieb. Neben den Nachrichten,
welche ich dort empfing, waren diese Abende für mich auch insofern
lehrreich, als ich dort einiges von dem häuslichen Leben der Samoaner
kennen lernte, da naturgemäß auch sociale Fragen, Familienverhältnisse und
dergleichen mehr zur Besprechung kamen. Gewöhnlich fand ich schon Besuch
vor, welcher mit der Familie des Halbweißen in der Mitte des Wohnraumes
auf Matten unter der Hängelampe saß; dann kam weiterer Zuzug, Häuptlinge
mit ihren Frauen und Töchtern erschienen. Die Männer bildeten eine Gruppe,
die Frauen die zweite und die jungen Mädchen die dritte. Ich setzte mich
gewöhnlich so zur Seite hin, daß ich den ganzen Raum übersehen und mich
an dem behaglichen Zusammensein der Leute erfreuen konnte. Der Halbweiße,
seine Frau (Samoanerin) oder eine junge ebenfalls zum Hausstand gehörige
Samoanerin, welche beide auch etwas englisch sprechen, nahm an meiner
Seite Platz, um mir das, was ich wissen wollte, verdolmetschen zu können.
Die Männer besprachen dies und jenes und schlugen mit der flachen Hand
klatschend auf ihren Körper, wenn ein Mosquito sie stach, was oft genug
vorkam. Die Frauen unterhielten sich nach ihrem Geschmack und die Mädchen
vergnügten sich mit Spielen. Einige spielten Karten und legten Gewinn
und Verlust mit Streichhölzern an, andere machten Fingerverrenkungen,
schlugen mit den flachen Händen gegeneinander, versuchten mit den Fingern
und Händen Schattenbilder zu formen, machten Figuren aus Bindfaden durch
Abheben von den Fingern und trieben auch ein Spiel, welches mich sehr
überraschte, da es unser in das Samoanische übertragene Zwirnessen ist,
welches zuweilen bei Pfänderspielen geübt wird. Wie bei uns das Zwirnessen
in einem Kuß endigt, so mußte dieses Spiel sein Ende im Nasenreiben
finden, welches hier noch die Stelle unsers Kusses vertritt. Die eine
Person legt ein feines Stäbchen wagerecht so zwischen Oberlippe und Nase,
daß ein längeres Ende nach einer Seite vorsteht. Die andere muß nun, ohne
die Hände zu gebrauchen, mit Oberlippe und Nase das Stäbchen fassen und
es der erstern zu entreißen suchen, oder es aber bei diesem Versuch so
weit nach der andern Seite durchschieben, daß sie es schließlich nicht
mehr fassen kann, ohne mit ihrer Nasenspitze die des Gegners zu reiben.
Da sitzen nun beide mit untergeschlagenen Beinen und aufgestützten Händen
einander gegenüber und wackeln mit den Köpfen hin und her, wobei die
Besitzerin des Stäbchens durch ein gebrummtes Hm! die andere zum Angriff
reizt. Diese hmt wieder und Hm! Hm! geht es, bis schließlich die Zuschauer
durch den komischen Anblick der ernsten kämpfenden Gesichter in Lachen
ausbrechen, womit das Spiel gewöhnlich sein Ende findet, da die Kämpfenden
mitlachen müssen und dann das Stäbchen nicht mehr festhalten können. Die
Theilhaber des Spiels sollen eigentlich wol verschiedenen Geschlechts
sein, denn die eine oder andere forderte mich gelegentlich auch zum Kampf
heraus, welchen ich aber, da mir die erforderliche Gelenkigkeit in Nase
und Oberlippe fehlen, gewöhnlich damit endigte, daß ich meine Nasenspitze
in die meiner Gegnerin einbohrte, wenn nicht vorher mein Schnurrbart
sie zum Niesen gebracht hatte. Der Verkehr der Leute unter sich war auch
sonst ein sehr netter, die Unterhaltung spielte oft von einer Gruppe zur
andern hinüber, Fragen wurden stets freundlich beantwortet, und beim
Aufbruch fanden sich die Familien zusammen und gingen gemeinsam nach
Hause, nachdem vorher durch freundlichen Gruß und Händedruck voneinander
Abschied genommen war.
Bei diesen Besuchen erfuhr ich auch einiges über die samoanische Art der
Kriegführung, was der Wiedergabe werth ist.
Der Krieg erstreckt sich gewöhnlich nicht auf Angriff und Vertheidigung
der Städte, sondern beide Parteien ziehen in den Wald, bauen sich aus
gefällten Bäumen Festungen oder besser Verhaue, in welchen sich die
Krieger mit Frauen und Kindern sammeln. Am Tage ist Ruhe, weil die
vorgeschobenen Posten jeden Ueberfall rechtzeitig melden können und die
Taktik nur auf dem geschickt auszuführenden Ueberfall beruht, welcher am
häufigsten wol durch Verrath ermöglicht wird. Sobald aber die Dunkelheit
eintritt, ziehen die Vorposten sich zurück und beide Parteien unterhalten
nun während der ganzen Nacht ein heftiges Feuer in den Wald hinein, um
sich gegenseitig vor dem gefürchteten Ueberfall zu sichern. Am Morgen
tritt wieder Ruhe ein und so geht es fort, bis einer Partei der stets
unblutige Ueberfall gelingt oder aber beide Parteien durch Mangel an
Munition zu einem Vergleich gezwungen werden. Und daß in der Regel wol
beide Theile gleichzeitig mit ihrer Munition fertig werden, dürfte aus
einem mir verbürgten Beispiel aus dem letzten Krieg hervorgehen. Als die
eine Partei eines Tages mit dem dämmernden Morgen ihre letzte Patrone
verschossen hatte, schickte ein Häuptling seine Frau mit noch einigen
Weibern zu ihrem Bruder, welcher die Gegenpartei befehligte, um von diesem
sich Munition zu erbitten, weil sie die ihrige verschossen hätten. Anstatt
die Unterhändlerin als Geisel zu behalten und nun den Ueberfall zu wagen,
sah der Bruder das Gerechte des Verlangens seiner Schwester ein, ließ die
ganze Munition herbeibringen und theilte ehrlich mit ihr. Die Weiber zogen
dann mit ihrer werthvollen Last wieder ab und der Krieg konnte am Abend
seinen Fortgang nehmen.
Diese harmlose Art der Kriegführung findet ihre natürliche Erklärung
wol in den Verwandtschaften und daher in der Anwesenheit der Frauen und
Kinder, denn bei einem ernsten Zusammenstoß wären diese allen Gefahren
mit ausgesetzt, und der Samoaner scheut sich bei der verhältnismäßig
hohen Bildungsstufe, welche er einnimmt, verwandtes Blut zu vergießen. Das
Hauptvergnügen bei diesen Bruderkriegen ist demnach jedenfalls nur das mit
großem Geräusch erfolgende Aufbauen der Festungen und das Schießen während
der Nacht. Damit ist aber nicht gesagt, daß der Samoaner keinen Muth hat,
denn er hat in Kämpfen mit Fremden bewiesen, daß er solchen besitzt.
Ebenso wie des Abends, war es mir auch während der Mittagszeit zur
Gewohnheit geworden, ein bis zwei Stunden am Lande zuzubringen. Als eines
Tages die Hitze in meiner Kajüte so unerträglich war, daß ich versuchte am
Lande auf einem Spaziergang durch den Wald mir Erfrischung zu schaffen,
fand ich im Vorbeigehen den Aufenthalt in dem Faletele so angenehm, daß
ich es vorzog dort zu bleiben und in dem luftigen Hause, auf den kühlen
kleinen Steinen liegend, dem Rauch meiner Cigarre zuzuschauen, dem
Rauschen des in den Baumwipfeln spielenden Windes zu lauschen und an die
bevorstehende Heimfahrt zu denken, während gleichzeitig meine Sinne von
See-, Strand- und Waldesduft, den von frischem und getrocknetem Laub,
Blumen und Harzen ausströmenden Gerüchen, welche in ihrer Vermischung
charakteristisch für Samoa sind und einen wunderbaren Reiz auf die
Geruchsnerven ausüben, so umstrickt wurden, daß ich bald in tiefen
Schlaf verfiel. Als ich wieder erwachte, saß Toëtele neben mir, welche
wol jede Störung von mir ferngehalten hatte. Die Ruhe, die schöne Lage
der Hütte und vor allem die so sehr viel erträglichere Temperatur, als
wie die auf dem Schiffe, ließ mich von nun an täglich mit einem Buch
oder Papier und Bleistift dahin gehen, um die Zeit von 12-2 Uhr dort
zu verbringen. Doch fürderhin wurde ich stets von Toëtele, in Erfüllung
ihrer Pflichten, schon erwartet und fand für mich ausgebreitete Matten
vor. Zuweilen kam auch Sangapolutele, mit oder ohne Frau, hin. Als
eines Tages an Stelle von Toëtele, welche wol eine Reise unternommen
hatte, Lolle mich empfing, änderte sich das Bild in etwas. Nachdem die
kleine, trotz ihrer nur 17 Lebensjahre äußerst energische Person eine
Weile zugesehen hatte, wie ich versuchte, das Kratzen der als Kopfkissen
untergeschobenen zusammengerollten Matte durch das Zwischenlegen meines
Taschentuchs zu mildern, und mich mit den Händen der Angriffe der Fliegen
und Mosquitos erwehrte, runzelte sie die Stirn, kam zu mir heran, nahm
mir die zusammengerollte Matte weg und setzte ihre Person dafür hin, indem
sie ihr Kleidchen zurückschob und meinen Kopf auf ihr kühles Knie legte.
Dann nahm sie ihren Fächer zur Hand, verscheuchte das Geschmeiß und hielt
geduldig ein bis zwei Stunden in dieser Stellung aus. Meine Bemühungen,
mich von ihr freizumachen, scheiterten an dem eisernen Willen dieses sonst
liebenswürdigen Mädchens und für die Folge blieb mir nichts übrig, als
mich diesem ihrem Willen zu fügen, oder aber auf den Besuch des Faletele
zu verzichten. Als das kleinere Uebel wählte ich das erstere und ließ
mir das etwas absonderliche Kopfkissen gefallen, was ich schließlich thun
durfte, weil die Hütte stets rund herum offen war und jeder Vorbeigehende
sehen konnte, was darin vorging.
Noch einen dritten regelmäßigen Besuch, bei welchem mich gewöhnlich
einige unserer Herren begleiteten, stattete ich dem Lande ab, und zwar
nachmittags zwischen 4 und 5 Uhr, um an einem köstlichen Platz, welcher
auf halbem Wege zwischen Saluafata und Lufi-lufi liegt, ein erfrischendes
Bad zu nehmen. Die Fahrt war an sich schon stets ein neuer Genuß, ebenso
war es der Aufenthalt an dem Platze, wo man stundenlang hätte sitzen
können, sodaß ich eigentlich nicht recht wußte, ob das Bad oder aber das
Drum und Dran eine größere Anziehungskraft ausübe. Die Fahrt dahin geht
dicht unter der belaubten Küste innerhalb der Riffe unter Segel, und da um
diese Stunde stets ein frischer Wind weht und die Sonne in unserm Rücken
steht, so athmet man ordentlich auf, wenn man das heiße Schiff verlassen
hat und erst in dem Boot sitzt. Lange dauert die Fahrt allerdings nicht,
da der Platz nur etwa zwei Seemeilen von Saluafata entfernt an der Küste
liegt, wo aus einer Höhle ein unterirdischer Fluß heraustritt, sich zu
einem Becken von vielleicht 10 m Breite und 15 m Länge erweitert und
dann durch eine schmale Rinne in das Meer fließt. Das Wasser ist so
durchsichtig klar, daß, obgleich die Tiefe nahezu 2 m beträgt, der feine
Sand des Grundes dicht unter der Oberfläche zu liegen scheint, und so
kühl, daß man nicht lange darin bleiben kann. Das Wasserbecken, welches
nach der See zu offen ist, wird hinten von dem schwarzen Höhlenschlund mit
der darüber liegenden hohen Bergwand und zu beiden Seiten von niedrigen
Hügeln begrenzt, welche mit Kokospalmen bestanden sind, unter deren
Schatten Sangapolutele für uns eine leichte Hütte zum Aus- und Ankleiden
hatte errichten lassen. Zur Vervollständigung des Reizes steht auch zu
der von uns zum Besuch gewählten Zeit die Sonne schon so weit hinter
den Bergen, daß der ganze Platz beschattet ist. Während des Schwimmens
trat oft die Versuchung an uns heran, in die Höhle, an deren Rand die
Wassertiefe noch gleich groß war, vorzudringen; die Samoaner hatten uns
mit ihren Erzählungen von den dort hausenden großen Aalen aber so scheu
gemacht, daß wir am Eingang der Höhle stets kitzlich in den Beinen wurden
und wieder umkehrten.
Sangapolutele hatte sich, um uns zu feiern, nicht mit dem uns gegebenen
Talolo allein begnügt, sondern gab uns auch noch ein großes Essen. Die
Einladung hierzu erfolgte mehrere Tage vorher, weil die Vorbereitungen
viel Zeit in Anspruch nahmen und die verschiedenen Gerichte erst durch
die Bevölkerung beschafft werden mußten. Sobald wir zugesagt hatten, war
ganz Saluafata in der größten Aufregung und Geschäftigkeit. Die vornehmen
Frauen gingen in den Wald, um Laub für die Ausschmückung des Faletele,
für die Guirlanden und Kränze zu holen. Die Männer gingen mit Frauen und
Kindern auf Jagd und Fischfang, holten Früchte und Gemüse, und suchten
aus Wald, Feld und Meer alles, was überhaupt genießbar war, für dieses
Fest zusammen. Tagelang wurde allenthalben nur gearbeitet und gekocht,
sodaß die allgemeine Emsigkeit unsere Erwartungen mit jedem Tage wachsen
ließ. Endlich war der Tag da, an dessen Vormittag wir noch gebeten wurden,
in möglichst leichter Kleidung zu kommen, weil von den jungen Mädchen
unsere Theilnahme an einigen Spielen erwartet würde. Nachmittags 2 Uhr
betraten wir das Land, wo Sangapolutele und die andern Häuptlinge mit
ihren Familien uns am Strande erwarteten und begrüßten. Sie trugen heute
sämmtlich andere Kleidung als bei sonstigen festlichen Gelegenheiten. Die
Männer hatten Muscheln oder einen frischen Laubkranz um die Stirn, rothe
Blumen im Haar und über den Ohren, und als Lava-lava ein weitbauschiges
schleppendes Kleid aus Tapa, welches ihnen eine würdevolle Erscheinung gab
und ihnen gut stand. Die Frauen trugen feine Matten als Lava-lava mit um
die Hüften geschlungenen Laubgewinden, Blumen im Haar, dicke wohlriechende
Kränze, wie ich sie bei Tonga beschrieben habe, und andere kleine um Hals
und Schultern.
Als wir den Festplatz betraten, fanden wir ihn umstellt mit der ganzen
Bevölkerung und waren überrascht, die große Veränderung zu sehen, welche
über Nacht mit dem Faletele vor sich gegangen war. Alle seitlichen
Dachstützen und das Mittelgerüst waren zu Blumen- und Laubpfeilern
geworden, von dem Dachrand hingen in gefälligen Bogen Laubgewinde herunter
und in gleicher Weise war der innere Dachraum geschmückt. Im innern
Raum umschlossen hohe Blumenterrassen den Fuß des Mittelgerüsts. Der
Fußboden war mit Matten belegt und in drei concentrische Theile getheilt.
Der äußere, ein an die Dachträger sich anschließender 1 m breiter Ring
diente als Sitz für die Gäste, der nächste gleich breite Streifen gab
den Tisch für die Speisen ab, und in dem innern Raum befanden sich
Männer mit Messern zum Vorlegen der Speisen, sowie verschiedene kleine
Pyramiden aus grünen Kokosnüssen, bei welchen auch je ein Mann mit einem
Messer stand, um die Kokosmilch ganz frisch als Getränk anzubieten,
wenn sie verlangt werden sollte. Die Speisen waren nicht nur appetitlich
angerichtet, sondern erfreuten auch das Auge. Große, frische, saftiggrüne
Bananenblätter bildeten die Unterlage, auf welcher sich die Genüsse der
heißen Zone aufbauten: ganze Schweine, große und kleine Fische, Hummern,
Tauben, Hühner, kleine Krebse, Muscheln, Taro, Yam, Brotfrucht, Gemüse
aus Palmenkeimen, jungem Kokosnußkern und was sonst die Leute noch
zusammengekocht hatten. Jede Speise lag auf einem grünen Blatt, die
breiigen waren in grüne Blätter eingebunden, und zwischen diesen grünen
Blättern, weißen Schweinen, Tauben und Hühnern, bläulichen und grauen
Fischen, rothen Hummern und Krebsen und schillernden Muscheln leuchteten
die goldenen Orangen hervor, gaben die gelben Bananen und schneeigen
gekeimten Kokosnüsse, welche mit ihrem sehr feinen Geschmack als besondere
Leckerbissen gelten, sowie die zwischengestreuten bunten Blumen dem ganzen
Arrangement einen geschmackvollen Abschluß.
Wir nahmen mit den Häuptlingen, die Rücken der Außenseite zugekehrt, in
bunter Reihe Platz. Die Frauen durften der Samoasitte gemäß an dem Mahl
nicht theilnehmen, stellten sich aber hinter uns auf, um uns Kühlung
zuzufächeln. Das Volk nahm um das Haus herum Aufstellung und sah zu.
Soweit war alles gut, aber nun beim Essen kam die Schwierigkeit fremder
Sitte, denn wenn auch Sangapolutele ganz gut mit Messer und Gabel
umzugehen weiß, was er verschiedentlich an meinem Tisch bewiesen hatte,
so mußten wir hier doch auf diese nützlichen Gegenstände verzichten,
weil der alte Herr uns gerade ein echt samoanisches Mahl hatte vorsetzen
wollen und dabei die Finger die Stelle der Gabeln und die Zähne die
der Messer versehen müssen. Bei dem Kokosmilchtrinken ging dies wol,
auch bei den Hummern und Krebsen, als uns aber der Schinken eines
ausgewachsenen Schweines vorgelegt wurde, da war unsere Wissenschaft zu
Ende. Wir stellten uns zunächst so dumm an, daß innen und außen allgemeine
Heiterkeit entstand. Die energische Lolle aber, und auch Loautele,
welche hinter mir standen, konnten dies nicht mehr länger mitansehen
und setzten sich ganz gegen die Festordnung zu beiden Seiten neben mich
hin und fingen an mich zu füttern, was solchen Anklang fand, daß gleich
darauf jeder von uns solch eine Kinderfrau hatte; die andern Herren aber
waren besser daran als ich, denn sie hatten nur eine und ich zwei, deren
ich mich kaum erwehren konnte. Loautele schälte mir ein Stück Fisch
heraus und steckte es mir zierlich in den Mund, Lolle gab mir ein Stück
Schweinebraten, Loautele bot mir einen Hummerschwanz und legte den Rest,
welchen ich nicht mehr nehmen wollte, weg, Lolle bot mir eine halbe Taube,
betrachtete sich den Rest, fand, daß ich davon noch mehr essen könnte, und
schob ihn mir wieder in den Mund, Loautele gab mir eine Banane und Lolle
schmierte mir gleichzeitig mit dem ernstesten Gesicht einen Finger voll
Gemüsebrei in den Mund. Was ich da alles zusammengegessen habe, in welcher
Zusammenstellung und in welchen Mengen, das mögen die Götter wissen, ich
weiß es nicht. Schließlich aber setzte ich doch meinen Willen durch, nur
das zu essen, was ich wollte, worauf Lolle kopfschüttelnd gehorchte.