unterschied sich von den uns gewohnten nur durch die Bedienung. Denn
da wir auf Stühlen an einem mit weißem Damast gedeckten Tisch saßen,
wo wir neben Tellern, Gläsern, Messern und Gabeln auch europäische
Tafelaufsätze fanden, mit Speisen und Getränken bewirthet wurden,
wie der Europäer sie in den Tropen genießt, die eigentliche Bedienung
mit uns gewohnter Sauberkeit und Ordnung erfolgte, so blieben nur die
bedienenden Personen als etwas Absonderliches übrig, und zwar als etwas
so reizend Absonderliches, daß diese uns mehr wie das Mahl fesselten.
Neben zierlichen jungen Mädchen, welche unter Aufsicht einer ältern
braunen Dame mit großer Sicherheit und Ruhe die Speisen anboten, Teller,
Messer und Gabel wechselten, standen hinter uns noch die vornehmern
Häuptlingstöchter in ihrem schönsten Staat mit Blumen und Laub geschmückt,
um uns Kühlung zuzufächeln und mit ihren Fächern auch die Fliegen und
Mosquitos fern zu halten. Während des Essens hatte allerdings mein
Gegenüber den besten Platz, weil das schönste der jungen Mädchen nur um
meine Person beschäftigt war und daher hinter mir stand, wohin ich nur
ab und zu einen verstohlenen Blick werfen konnte. Nach dem Essen änderte
sich dies allerdings, da wir uns nun auf dem Fußboden als Gruppe auf
Matten niederließen und die Mädchen zu unsern Füßen zwischen uns Platz
nahmen, um ihres Amtes walten zu können. Mir schien es kaum möglich, daß
die armen Geschöpfe überhaupt noch im Stande waren ihre Arme zu bewegen,
aber trotz aller Bitten sich zu schonen, fuhren sie unverdrossen mit dem
freundlichsten Gesicht in ihrer anstrengenden Arbeit fort, wofür ich
meinem Mädchen wenigstens am nächsten Tage ein schönes Stück Sammt zu
einem neuen Leibchen schenkte, worüber sie außerordentlich erfreut war.
Sehr bedauert haben wir, daß wir diese Gruppe nicht in einem Bild fixiren
konnten, denn wenn auch nicht gerade wir des Anschauens so werth sind, so
waren es doch die zierlichen Tonganerinnen in ihren knappen, nur etwas bis
über die Knie reichenden leichten Kleidchen aus bunter Seide und buntem
Sammt, mit ihren Blumen und Laubgewinden und den frischen, heitern und
hübschen Gesichtern. Die Frauen hier in Vavau erinnern in ihrer Gestalt
mehr an die Samoanerin als an die große starkknochige Tonganerin, und vor
beiden haben sie noch den Vorzug schönerer Gesichtszüge.
Während wir so behaglich hingestreckt lagen und bei einer Tasse Kaffee
eine gute Cigarre rauchten, an denen es in diesem gastfreien Hause auch
nicht fehlte, traten eine größere Zahl Männer in den Raum, um Kawa zu
bereiten, welche hier, abweichend von dem Samoabrauch, durch Männer
zubereitet wird, nachdem sie die Wurzel zwischen Steinen zerrieben haben.
Dann folgten einige gut einstudirte Gesangsvorträge, in denen die Tonganer
einen weitverbreiteten Ruf haben, welche mich aber nicht besonders
ansprachen. Tänze sind hier durch die Missionare verboten und werden daher
nur im geheimen geübt, dann aber, wie es wol nicht gut anders sein kann,
als verbotene Frucht mit den dazugehörigen Ausschreitungen.
Zur Hebung der Moral haben die Missionare hier die schärfsten Bestimmungen
durchgesetzt und dadurch die wunderlichsten Auswüchse im Volksleben
hervorgebracht. So haben sie, um die sittlichen Zustände zu heben,
verboten, daß die hier ansässigen Weißen ihren Hausstand durch eingeborene
Frauenzimmer besorgen lassen. Da die Weißen nun keine Männer zur Bedienung
erhalten können, so verfielen sie auf das Mittel der Adoption, gegen
welchen althergebrachten Brauch die Missionare trotz ihrer sonstigen Macht
bisjetzt noch nichts haben ausrichten können. Die Weißen adoptiren also
ein junges Mädchen als Tante, Schwester, Tochter oder gar als Mutter,
müssen dieselbe dann aber ganz in ihr Haus nehmen. Während nun früher die
weibliche Bedienung nur am Tage den Hausstand ihres Herrn versorgte, muß
sie jetzt ganz mit ihm zusammenleben, und es belustigte mich sehr, bei
einem jungen Deutschen eine blutjunge Tonganerin als seine gesetzliche
Tante vorzufinden.
Nicht ganz in Uebereinstimmung mit dieser Verordnung dürfte sich
allerdings die weibliche Bedienung des Prinzen Gu befinden, dies hat
jedoch zur Zeit keine große Gefahr, da der Prinz, wie man zu sagen
pflegt, bis über die Ohren verliebt ist, und zwar in eine ihm an Geburt
und Körpergröße ebenbürtige Dame, aber dennoch vorläufig ohne Hoffnung
auf eine baldige Verbindung. Der Prinz zeigte mir mit allen äußern
Zeichen eines unglücklich Liebenden die Photographie seiner Erwählten und
erzählte mir dabei, daß der König bisher seine Einwilligung zu dieser
Verbindung versagt habe, weil die Verwandtschaft (wenn ich nicht irre
Geschwisterkinder) eine zu nahe sei. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich
auch, daß die Tonganer von altersher Ehen unter Blutsverwandten nicht
billigen.
Eine merkwürdige Mittheilung wurde mir hier noch gemacht, welche ich
anfänglich nicht glauben konnte, aber doch glauben mußte, als der
Gouverneur mir die Richtigkeit bestätigte. Die von den Missionaren
eingeführten Strafen sind hier, ebenso wie auf den Gesellschafts-Inseln,
Geldstrafen, von welchen der Angeber einen Theil als Angeberlohn erhält.
Die besonders in Betracht kommenden Vergehen sind Uebertretung der
Sonntagsheiligung, Diebstahl und unsittlicher Lebenswandel. Wird nun
jemand eines solchen Vergehens angeklagt, dann ist die Beibringung von
Zeugen nicht erforderlich, in den meisten Fällen auch nicht möglich, weil
die Denuncianten oft aus Rachsucht oder Geldgier eine falsche Anklage
erheben sollen, in diesen Fällen also schon das Vorhandensein von Zeugen
ausgeschlossen ist. Hier sind nun die Angaben des Angeschuldigten und
des Anklägers nicht gleichwerthig, sondern der Angeschuldigte erhält,
sofern er nicht Zeugen für seine Schuldlosigkeit beibringen kann, wenn er
nicht gleich gesteht, ohne Ansehung des Geschlechts 25 Hiebe und wenn er
dann noch nicht gesteht, weitere 10 Hiebe. Darauf wird er entlassen und
zum nächsten Tage bestellt, um dann derselben Mishandlung unterworfen zu
werden, wenn er nicht vorzieht, die Geldstrafe auf alle Fälle zu zahlen
und sich dadurch schuldig zu bekennen. Ein Zeichen der Unschuld gibt es
übrigens, und zwar wenn bei der mishandelten Person während der Folter
eine Blasenentleerung stattfindet. Der Angeber geht in allen Fällen
straflos aus, jedenfalls um diesen Leuten das unsaubere Handwerk nicht
zu verleiden. Wie mir versichert wurde, soll diese Art der Justiz auf den
Einfluß der Missionare zurückzuführen sein, was mir indeß nicht bewiesen
werden konnte. Aber soviel weiß ich, daß die Mission in Tonga, welche
einen so bedeutenden Einfluß hat, dieser unwürdigen Rechtspflege in Vavau
ein Ende machen könnte, wenn sie wollte und -- wenn sie durch ihre Station
in Vavau von diesen Zuständen überhaupt Kenntniß erhalten hat.
Zu gestern war, ebenso wie früher auf andern Inseln, die Bevölkerung
zum Besuch des Schiffes eingeladen. Hierbei machte es sich eine
ziemlich große Zahl reichgeputzter Frauen, welche ohne Begleitung ihrer
männlichen Verwandten auf das Schiff kamen, unter der Führung einer
ältern wohlbeleibten Dame in meiner Kajüte bequem. Die ältere Dame,
welche neben ihrer reichen Kleidung noch viel werthvollen Schmuck an sich
trug, hatte einen jüngern Eingeborenen bei sich, der wol als Dolmetscher
mitgenommen war und mir in Englisch seine Herrin als eine der vornehmsten
Häuptlingsfrauen, von welcher ich auch schon gehört hatte, vorstellte. Die
braune Dame war außerordentlich gesprächig, erkundigte sich nach allem
Möglichen, nahm in einem Lehnsessel Platz und beförderte nach einiger
Zeit alle Eindringlinge ihres Stammes, welche nicht zu ihrer nähern
Umgebung gehörten, in energischer Weise zur Thür hinaus, richtete dann
mit den entsprechenden Gesten und dem freundlichsten Gesicht einige Worte
an mich, welche ich dahin deuten mußte, daß sie die Thüren geschlossen
haben wolle. Dies traf auch zu, denn ehe der Dolmetscher zu Worte kommen
konnte, wurde er beauftragt dies auszuführen unter Zuhülfenahme einiger
Armbewegungen, welche nur besagen konnten: „Der Herr hat das Schließen der
Thüren erlaubt, mach’ sie daher zu!“ Nach diesen Vorbereitungen setzte
sie sich noch einmal bequem in dem Sessel zurecht, ordnete ihre Kleider
etwas, gab den mit ihr gekommenen Mädchen, von welchen ich einige schon
vom Hause des Gouverneurs her kannte, Anweisung, etwas zurückzutreten,
sodaß der Platz vor ihr frei war, faßte dann dem Mann, welcher sich
inzwischen vor ihr auf die Erde gesetzt hatte, zärtlich in die Haare und
sagte etwas zu ihm, worauf derselbe anfing in halb hockender Stellung
einen Tanz zu Füßen seiner Gebieterin aufzuführen, welcher an diejenigen
der Gesellschafts-Inseln erinnerte. Während mich der Tanz nicht ansprach,
waren die versammelten Damen, welche hier ohne Gefahr die verbotene
Frucht genießen konnten, ganz entzückt davon, und die dicke Angeberin
des jedenfalls vorher geplanten Vergnügens war so außer sich vor Freude,
daß sie den Mann ab und zu unterbrechen mußte, indem sie ihn mit der
einen Hand an den Haaren faßte, sich schüttelnd vor Lachen in den Stuhl
zurückwarf, mit der andern Hand auf den Tänzer wies und mit nach hinten
übergebogenem Kopfe -- ich stand ihr zur Seite -- mir etwas zurief, was
nur bedeuten konnte: „Ist er nicht köstlich, himmlisch?“ Die Freude
der Dame war so urwüchsig und ansteckend, daß ich aus vollem Herzen
mitlachen mußte. Nach Beendigung der Vorstellung wurde der Mann zur Thür
hinausgeschoben und nun wurde die Gesellschaft erst recht ausgelassen,
die dicke Tante nahm ihre sehr hübsche und zierliche Nichte an der Hand
und legte sie mir mit einer energischen Bewegung in den Arm. Da war ich
nun umringt von einer ausgelassenen fröhlichen Mädchenschar und in meinem
Arm lag ein schönes junges Menschenkind, welches mit zurückgebogenem Kopf
und halbgeöffneten Lippen mich so glückselig über das hier Erlebte ansah,
daß ich ordentlich an mich halten mußte, ihr nicht die frischen Lippen mit
einem Kuß zu schließen. Ich schob sie der Tante aber wieder sanft zu und
erhielt dann von ihr als Andenken einen schön geschnitzten Kamm, welchen
sie aus ihrem Haar nahm.
Zu heute Vormittag 8 Uhr war unsere Abreise festgesetzt und Gouverneur
Gu wollte mich ein Stück Weges begleiten, um mir eine an der Wasserstraße
liegende Höhle oder Felsengrotte, welche einen weiten Ruf hat, zu zeigen.
Als ich heute Morgen die Augen aufschlug, wußte ich anfangs nicht ob ich
träume oder wache; ein starker, eigenartiger, mir übrigens angenehmer
Duft, wie ihn die hier und in Samoa von den Eingeborenen getragenen
Kränze ausströmen, erfüllte meine Kajüte und vor meinem Bett standen
vier geschmückte Mädchen mit Blumen im Haar und Blumen- und Laubketten
um Hals und Hüften, unter denen sich auch meine beiden Freundinnen
befanden, sowol die, welche beim Gouverneur um mich war, wie die Nichte
der dicken Häuptlingsdame, welche am gestrigen Nachmittag das Schiff
besucht hatte. Jede trug einen kleinen Korb mit Früchten in der Hand,
Bananen, Ananas, Limonen und Orangen, sie zeigten mir die Körbchen,
stellten sie dann auf den Tisch und legten ihre Kränze dazu. Als sie zu
meinem Bett zurückgekehrt waren, schüttelte ich einer jeden die Hand, in
der Erwartung, daß sie nun gehen würden und mich aufstehen ließen. Nach
kurzer Zwiesprache gingen sie wol, aber nur drei von ihnen, denn eine
blieb bei mir zurück; auch diese ging, aber erst nachdem eine andere
hereingekommen war, und als die vierte nicht mehr weichen wollte und
meine Zeichen nur dahin verstand, die Verbindungsthür nach der Vorkajüte
zu schließen, machte ich kurzen Prozeß und stieg in mein Bad, worauf sie
sich dann allerdings lachend entfernte. Aber nur für kurze Zeit. Denn kaum
war ich wieder einigermaßen bekleidet, so waren sie alle vier auch wieder
da, setzten sich um mich und leisteten mir sowol hier, wie nachher in der
Vorkajüte bei meinem Frühstück Gesellschaft.
Um 8 Uhr kam der Gouverneur mit seinem Boot an Bord und war keineswegs
erstaunt, die vier Töchter seines Landes hier vorzufinden, sondern
hatte zweifellos von dem frühen Besuch Kenntniß gehabt, wie ich aus
seiner Andeutung, daß die gesandten Früchte wol bis Apia reichen würden,
entnehmen mußte. Er sagte auch, daß die Mädchen mit meiner Erlaubniß die
Fahrt nach der Grotte mitmachen und mit ihm dann zurückkehren würden.
Nach einer Stunde waren wir an dem Platz angelangt und fuhren in meinem
Boot nach einem in der Felswand sich zeigenden kleinen Höhleneingang.
Der Gouverneur, welcher eigentlich neben mir sitzen sollte, fand in dem
hintern Ende des schmalen Bootes, wo ich des Steuers wegen bleiben mußte,
keinen genügenden Raum für seinen mächtigen Körper und mußte daher weiter
vorn sitzen, dadurch bekam ich zwei der Mädchen als Nachbarinnen. Bald
hatten wir den 4 m breiten Eingang erreicht und mußten uns dort bücken, um
nicht mit den Köpfen an die Felsdecke zu stoßen. Noch einige Augenblicke
und wir befanden uns in einer wahrhaften Märchenwelt.
Scheinbar im blauen Aether schwebend sind wir in einem Raum, von dem wir
nicht wissen, ob er groß ist oder klein. In der Mitte ruht mein weißes
Boot und dieses wie die darin befindlichen weißgekleideten Männer und
die in buntfarbige leichte Stoffe gehüllten braunen Frauen sind von
dem wunderbarsten blauen Farbenhauch umflossen. Zu den Seiten, über
uns, im Spiegelbild neben uns und unter uns wölbt sich in blauen Fernen
das Gestein, von welchem phantastische Tropfsteingebilde in den Raum
hineinragen. Wir wissen nicht was Wasser ist und was Luft, der ganze Raum
erglänzt gleichmäßig in der wunderbaren tiefblauen Farbe des tropischen
Meeres, denn da keine directen Lichtstrahlen in ihn fallen, so hat die
ruhige glatte Wasserfläche keinen Spiegelglanz, sondern verschmilzt
unmerklich mit dem Blau der über ihr stehenden Luft. Kein Wort fällt von
unsern Lippen. Wir alle staunen andachtsvoll die uns umgebende Pracht an,
auch die Leute an den Rudern sitzen lässig da, ohne sich zu rühren. Als
ich mich nach meinen Nachbarinnen umsah, merkte ich erst, daß sie sich
dicht an mich angeschmiegt hatten und mit strahlenden Augen und stummen
Lippen fragten, ob ich dies auch so schön fände wie sie. Ja, es ist
wunderbar schön in diesem heiligen Raum, wo man die ganze Welt in Liebe
umfassen möchte. Erst das mit den Offizieren uns nachgefolgte Boot brachte
wieder Leben, da die Herren nach der ersten Ueberraschung, welcher auch
sie ihren Tribut zahlen mußten, im Verein mit mir die Grotte ausmaßen.
Wir fanden die folgenden Zahlen: Länge 14 m, Breite 11 m, Höhe der Wölbung
über der Wasserfläche 8 m, Wassertiefe zwischen 10 und 16 m.
Die hauptsächliche Lichtquelle, jedenfalls die, welche der Grotte ihren
Zauber verleiht, fanden wir an dem dem schmalen Eingang entgegengesetzten
Ende in dem engen obern Durchbruch einer seitlichen schmalen und tiefen
Felsspalte.
Nicht weit von dieser Grotte entfernt soll eine noch schönere sein, deren
Eingang aber unter der Wasseroberfläche liegt, sodaß man nur tauchend in
dieselbe gelangen kann. Also nichts für unsereinen.
Heute Vormittag 11 Uhr hatte ich von Prinz Gu, welcher in seinem Boot
nach Neiafo zurückkehrte, Abschied genommen und begab mich dann an
die Besichtigung der mir zurückgelassenen Laubkränze. Es ist schade,
daß sich dieselben nicht aufheben lassen, denn sie sind wirklich ganz
außerordentlich geschmackvoll zusammengestellt, sowol in den Farben, wie
in den Formen der dazu verwendeten Blumen, Blätter, Gräser, Früchte und
Beeren. Vom tiefsten bis zum hellsten Grün, Roth, Braun, Gelb und Blau;
breite und schmale, schlichte und gezackte, weiche und dornige Formen;
man möchte glauben, daß von jeder vorkommenden Pflanze in Blüte, Blatt
oder Frucht ein Theilchen in dem armdicken und 1½ m im Umfang messenden
Gewinde enthalten ist.
17.
Samoa.
IV.
Apia, 18. April 1879.
Am 21. März abends ging ich in Saluafata zu Anker, weil ich vor
Dunkelwerden Apia nicht mehr erreichen konnte, brachte aber das
Schiff gleich am nächsten Morgen hierher, um den Geburtstag unsers
Allergnädigsten Kaisers und Kriegsherrn hier feiern und im Schmuck der
Flaggen und Wimpel den Bewohnern durch den ehernen Mund unserer Kanonen
die hohe Bedeutung des Tages kundgeben zu können.
Hier fand ich so ziemlich den alten Stand der Dinge vor. Die Taimua und
Faipule besitzen noch die Regierungsgewalt und berathschlagen weiter über
eine Königswahl, während Malietoa ruhig unter ihnen sitzt. Die einzige
Neuerung ist, daß der Amerikaner Bartlett nun doch noch eine Anstellung
bei der Regierung gefunden hat, wenn auch nur vorläufig auf zwei Monate
als Lehrer der Rechte.
Am 28. März ging ich mit dem Schiff zu einem längern Aufenthalt nach
Saluafata, um dort die Schießübungen mit den Kanonen und Gewehren
abzuhalten, sonstige Exercitien vorzunehmen, welche uns nach den
anstrengenden Reisen, bei denen die militärische Ausbildung etwas
zurückstehen mußte, sehr noththaten, und um freundschaftliche Beziehungen
mit den Bewohnern unserer neuen Kohlenstation anzuknüpfen, was uns über
Erwarten gut gelang.
Saluafata hat mir mancherlei geboten und etwas, was bei dem Interesse,
welches ich diesen Naturmenschen entgegenbringe, für mich von besonderm
Werth ist: einen Einblick in ihr häusliches Leben. Hierbei kam mir
wesentlich der Umstand zu Hülfe, daß dem Halbweißen, welcher mir
wiederholt als Lootse gedient und auch die Reise nach Neu-Britannien
mitgemacht hatte, von der Handels- und Plantagen-Gesellschaft neuerdings
die Handelsstation von Saluafata überwiesen worden war und derselbe mir
dadurch gegen ein Geschenk, welches ich ihm später machte, als Dolmetscher
zur Verfügung stand. Dies erleichterte mir naturgemäß sehr den Verkehr
mit den Eingeborenen, welcher bald ein so freundschaftlicher geworden
war, daß die Leute mir volles Vertrauen zeigten und sich so gaben wie sie
sind. Dies blieb aber nicht nur auf meine Person beschränkt, sondern schon
nach kurzer Zeit war das ganze Schiff, und zwar ohne die Vermittelung
eines Dolmetschers, in ein inniges Freundschaftsverhältniß mit dem
Lande gekommen, und die Eingeborenen zeigten geradezu rührende Beweise
ihrer Liebe zu den neugewonnenen Freunden, wobei das Merkwürdige zu Tage
trat, daß jeder Matrose seinen bestimmten Samoaner als Freund hatte und
im gegenseitigen Verkehr dann immer diese beiden zusammenhielten. Mein
Verkehr beschränkte sich, wie dies nicht anders sein konnte, auf die am
Orte ansässigen Häuptlingsfamilien und fand eigentlich nur am Lande statt,
während die Besatzung regelmäßig zur Mittagsfreizeit ihre samoanischen
Freunde an Bord empfing und den Gegenbesuch am Lande an ihren Urlaubstagen
machte. Die Samoaner kamen dann mit ihren vollbeladenen Kanus an Bord
und trugen ihren Freunden Früchte und andere Nahrungsmittel, Korallen,
Muscheln, zierliche Kanumodelle, Speere, Tapastücke, Keulen und zuweilen
auch alte ganz seltene Stücke zu, wogegen unsere Leute ihr Essen mit
ihnen theilten. In der ersten Zeit, als ich den Zweck noch nicht kannte,
versuchte ich verschiedene male, wenn ich die Samoaner mit den Sachen
ankommen sah, etwas davon zu erwerben, wurde aber stets mit dem Bemerken
abgewiesen, daß die Sachen für den Freund bestimmt seien. Als ich einmal
den Versucher machen wollte und einen ganz übermäßig hohen Preis bot,
half es mir auch nichts, der Mann blieb standhaft, so schwer es ihm auch
zu werden schien. Wie weit die freundschaftlichen Gesinnungen unserer
braunen Freunde gingen, werden am besten meine Erlebnisse zeigen. Ehe ich
auf diese aber eingehe, will ich noch eine kleine Skizze von Saluafata
entwerfen, weil dadurch das Nachfolgende wol leichter verständlich wird.
Der Hafen wird durch eine halbkreisförmige Einbuchtung der Küste gebildet
und durch Korallenriffe gegen die See geschützt. Schmale Korallenriffe
liegen auch noch in dem Hafen vor dem Strande, wodurch die vor diesem
befindliche Wasserfläche stets ruhig ist und den Anwohnern einen um so
bequemern Fischgrund bietet, als bei Ebbe die geringe Wassertiefe das
Fischen ohne Kanu gestattet. Auch Boote, wenn sie durch die vorhandenen
schmalen Einfahrten hinter die Riffe gekommen sind, können von hier aus
hinter die Küstenriffe gelangen und in behaglicher Fahrt weite Strecken
zurücklegen und unbehindert von dem draußen stehenden Seegang die nächsten
Städte, Apia, Lufi-lufi und Falifa erreichen. An den Strand schließt sich
ein schmaler Streifen ebenes Land an und dahinter umschließen mäßig hohe
Berge die Bucht, sodaß das Auge überall angenehme Ruhepunkte findet. Der
Strand ist schöner weißer Korallensand, dahinter stehen Kokospalmen,
Brotfrucht- und Orangenbäume, unter welchen die Hütten, Taro- und
Yampflanzungen liegen. An der Ostseite der Bucht liegt die Stadt Saluafata
mit freiem Blick über das Meer; südlich davon, der nach uns benannten
Ariadne-Huk gegenüber, die kleine, hohe, dichtbelaubte Albatros-Insel,
nach unserm Kanonenboot so benannt. An der Südseite liegt noch ein
Dorf, welches ebenfalls dem Häuptling von Saluafata gehört. Hinter der
Stadt befindet sich ein großes Süßwasserbecken, welches einen angenehmen
Badeplatz gewährt und eine große Wohlthat für unsere Besatzung wurde; auch
beschattete, in das Innere führende Fußwege sind für Liebhaber vorhanden.
Ueber die Lage des Berathungs- und Festplatzes habe ich das Erforderliche
bereits bei meinem ersten Besuch der Samoa-Inseln und zwar gelegentlich
der Beschlagnahme von Saluafata angegeben.
Als erstes Zeichen, daß das Eis gebrochen war und die auf mich wegen der
frühern gewaltthätigen Wegnahme ihres Hafens verfaßten Spottlieder[F]
hier keinen hohen Werth mehr hatten, diente eine mir von Loau, dem
zweitangesehensten Häuptling, im Namen Sangapolutele’s übermittelte
Einladung, am nächsten Nachmittag auf dem Festplatz einige Geschenke
entgegennehmen zu wollen. Ich fand mich mit einigen Offizieren pünktlich
am Lande ein und bedauerte nachher lebhaft, nicht vorher eine Ahnung von
der mir zugedachten Ueberraschung gehabt zu haben, weil ich sonst die
entbehrlichen Mannschaften mitgebracht hätte, um auch diesen den Anblick
des großartigen Talolo, welches uns geboten wurde, zukommen zu lassen.
[F] Derartige Lieder werden von jungen Mädchen
zusammengestellt, irgendeiner alten oder neu erfundenen Melodie
angepaßt und bilden einen Haupttheil der geschichtlichen
Ueberlieferungen.
Bei meinem Landen wurde ich von dem in eine alte feine Matte gehüllten
Sangapolutele am Strande empfangen und zu dem Faletele geleitet, wo
seine Frau, die beiden Töchter, sein kleiner Sohn und noch einige
Häuptlingsdamen anwesend waren. Um den Platz herum stand viel Volk, aber
nur Frauen und Kinder, Geschenke waren nicht zu sehen.
Nachdem wir uns mit Hülfe des Dolmetschers in dem kühlen Hause einige Zeit
unterhalten und an frischer Kokosmilch erquickt hatten, wurde ich durch
ein fernes Getöse aufmerksam, dasselbe schwoll mehr an und von Süden her,
zur Seite der alten Gräber, brachen aus einem Waldweg ganz wunderliche,
springende, tanzende und heulende Gestalten hervor, welche mir als des
Häuptlings Narren, auch Buschmänner genannt, bezeichnet wurden. Die
Kerle, man gestatte mir bei dieser Gelegenheit den Ausdruck, konnten einem
gruseln machen. Theilweise sind sie ganz schwarz bemalt mit thalergroßen
weißen und rothen Flecken über den ganzen Körper, theilweise sind sie
unbemalt, aber alle haben weiße Nasen, Ohren und Augenhöhlen und sind nur
mit einer handgroßen Blätterschürze bekleidet. Hinter diesen erscheint
Loau, welcher mit eleganten weiten Sprüngen und in geradezu wundervoller
Körperhaltung in Zickzacklinien auf den Platz fliegt, dann folgen die
andern Häuptlinge und die ganze männliche Bevölkerung, welche auf die
reichste Weise und vorzugsweise mit Laub geschmückt, Geschenke tragend aus
dem Wald hervortreten und sich an der einen Seite des Platzes aufstellen.
Loau steht auf der dem Volk gegenüberliegenden Seite des Platzes auf einem
großen Stein; dicht bei uns ein alter Mann mit den aus einem großen Stab
und Fliegenwedel bestehenden Attributen des Redners, sein Gesicht Loau
zugekehrt.
Die uns umgebenden einzelnen Personen und Gruppen bieten dem Auge
eine solche Fülle des Neuen, Ungewohnten, solchen Farbenreichthum,
so viel Leben, Urwüchsigkeit und Ordnung, daß ich fast geblendet von
dem Schauspiel nur schauen und staunen, staunen und schauen kann. Die
Samoa-Sitte, welche jeder Ueberstürzung abhold ist und bei feierlichen
Handlungen gewisse Pausen und würdevolle Langsamkeit erfordert, ließ mir
genügende Zeit, das Bild zu erfassen, ehe die Anrede erfolgte.