Am 19. morgens verließen wir Ohinemutu und fanden den Wald nicht ganz so

schön wie auf der Hinfahrt, weil stellenweise, wo wir den frischen Wind

im Rücken hatten, der von unserm Wagen aufgewühlte Staub so fürchterlich

war, daß wir vorzogen, den Wagen vorzuschicken und ein großes Stück zu Fuß

zu gehen. Bei dieser Gelegenheit, nachdem wir etwa eine Stunde gegangen

waren, begegneten wir auch der Postkutsche, welche sich schwerfällig

bergauf bewegte und deren Insassen nebenhergingen, um den Thieren die

Arbeit zu erleichtern. Die Kutsche und die Reisenden waren schon weit

hinter uns, wir hatten schon mehrere Wegebiegungen passirt, da sahen wir

noch zwei jedenfalls zur Post gehörige junge Damen am Waldesrand Blumen

suchen. Leichtsinnig wie solche junge Damen sind, waren sie so weit

zurückgeblieben, daß ihr Ruf hier mitten im Urwald weder die Mitreisenden,

noch sonst irgendein menschliches Ohr hätte erreichen können. Wir sahen

auch auf die Entfernung hin keineswegs vertrauenerweckend aus, waren

so verstaubt, daß weder an unserer Kleidung noch an unsern schmutzigen

Gesichtern jemand unsern Stand hätte errathen können; unser Wagen, welcher

an der nächsten Pferdestation auf uns warten sollte, war uns so weit

voraus, daß wir auch mit diesem nicht mehr in Verbindung gebracht werden

konnten. Als die Damen uns erblickten, mußte ihnen daher die Gefahr klar

werden, in welcher sie sich möglicherweise befanden, und sie wurde ihnen

auch anscheinend klar. Sie gaben das Blumenpflücken auf und schienen

anfänglich in dem Wald Schutz suchen zu wollen, wendeten sich aber doch

wieder zur Straße und nahmen eine möglichst harmlose, furchtlose Haltung

an. Als sie aber dicht bei uns waren und wir sie grüßten, weil der Consul

in der einen eine Dame aus Auckland erkannte, welche erst nach diesem

Gruß meinen Begleiter erkennen konnte, da half keine Heuchelei mehr. Die

vorbrechende Freude in den Gesichtern der Damen war eine so ungekünstelte,

daß diese klar zeigte, welche Angst sie vorher ausgestanden hatten.

Ohne weitere Abenteuer war ich nach Auckland heimgekehrt und stand am 20.

nachmittags wohlbehalten wieder auf meinem Schiff.

Die vorstehenden Schilderungen über das Geysir-Gebiet in

Neu-Seeland treffen zur Zeit nur noch in beschränktem Maße zu, weil

der vulkanische Ausbruch des Berges Tarawera am 10. Juni 1886 sehr

bedeutende Veränderungen in landschaftlicher Beziehung im Gefolge

gehabt hat. Näheres siehe im Anhang S. 576.

16.

Die Tonga-Inseln.

8. März 1879, vormittags.

Schön ist das Wetter, normal der Barometerstand und leicht der Passatwind,

welcher unser Schiff den Tonga-Inseln entgegenführt, und doch will es

scheinen, daß wir trotz dieser guten Zeichen heute noch, vielleicht

schon in wenigen Stunden von einem verheerenden Orkan überfallen werden.

Denn vor einer Stunde kam uns ganz plötzlich, wie von dem Meeresgrund an

die Oberfläche gestoßen, ein Sturmbote entgegen, welcher die ernsteste

Beachtung verdient -- hohe Dünung aus Nordost, Wellen, welche jetzt schon

eine Höhe von etwa 10 m haben und diejenigen des Passatwindes vollständig

niederdrücken. Diese Dünung kann nur von einem Nordoststurm herrühren und

ein solcher kann wiederum in diesen Regionen nur ein Theil eines Cyklons

sein, welcher zur Zeit im Norden von uns bei den Tonga-Inseln stehen muß

und dessen Centrum demnach etwa 150 Seemeilen von uns entfernt ist. Es

ist allerdings wunderbar, daß Wind, Wetter und namentlich Barometer die

Nähe des Orkanfeldes so gar nicht andeuten, sodaß man versucht wird, die

Dünung andern Ursachen zuzuschreiben; die Gleichmäßigkeit aber, womit

immer wieder in ununterbrochener Folge neue Wellen heranlaufen, sowie

deren wachsende Höhe lassen mich das Schlimmste befürchten.

Hätten wir freien Seeraum nach allen Seiten, dann könnte ich die

Entwickelung der Dinge vorläufig noch mit einiger Ruhe abwarten, weil

ich dann mit Segel und Dampf dem verheerendsten Theil des Cyklons, seinem

Centrum, ausweichen könnte; da wir uns aber jetzt schon in unheimlicher

Nähe einzelner Korallenriffe befinden und, wenn wir mit unserm jetzigen

Curs und der bisherigen Geschwindigkeit weiterlaufen, um 2 Uhr schon

in weitem Umkreis so von Korallenriffen umgeben sein werden, daß wir

nicht mehr nach unserm Belieben manövriren können, sondern auf dem

eingeschlagenen Wege bleiben müssen, so liegt es auf der Hand, daß ich

dem Kommenden nur mit großer Sorge entgegensehen kann.

Ich könnte jetzt noch mit einem Umweg von etwa 100 Seemeilen um das

Gebiet der Korallenriffe herum allen Gefahren entgehen, wenn der Orkan

seinen Weg von den Tonga-Inseln aus südlich oder südöstlich nähme, und

wenn ich dies wüßte. Geht er aber, was ebenso möglich ist, etwas über die

genannten Inseln westlich hinaus, ehe er seinen südlichen Curs aufnimmt,

dann würde ich mich gerade auf jenem Wege in die Gefahr begeben. Sollte

das Sturmfeld uns treffen, ehe ich einen genügenden Vorsprung nach Westen

gewonnen hätte, so wäre die Gefahr noch viel größer, weil wir uns dann in

sehr viel größerer Nähe einiger Riffe befänden, als wir es im Laufe des

Nachmittags sein werden, wenn wir mit unserm jetzigen Curse weiterlaufen.

Es ist infolge langjähriger Beobachtungen bekannt, daß die bei den

Tonga-Inseln auftretenden und immer von Osten kommenden Cyklone in der

Regel nur bis zu diesen Inseln laufen und dann von dort aus in einer

schärfern oder flachern Kurve nach Süden oder Südosten ziehen, auch

kann man aus dem Fallen und Steigen des Barometers in Verbindung mit der

Aenderung der Windrichtung von dem Schiff aus den Weg bestimmen, welchen

der Orkan nehmen wird, aber dies letztere nur, wenn Barometer und Wind

überhaupt sprechen, und dies ist bisher noch nicht geschehen. Nach der

Stetigkeit, mit welcher der Wind aus Südost weht, könnte man zwar folgern,

daß das Sturmcentrum sich gerade auf uns zu bewegt; da aber der Barometer

unverrückt seinen hohen Stand behält, so ist dies andererseits auch nicht

anzunehmen und nur zu vermuthen, daß wir uns noch nicht im Sturmfeld

befinden. So bleibt mir zur Zeit nichts anderes übrig, als zunächst zu

suchen, das Schiff möglichst schnell aus der unangenehmen Nähe der uns

gerade zur Zeit umgebenden Riffe zu bringen, wozu die erforderlichen

Anordnungen getroffen sind. Es bleibt mir nach allem keine andere Wahl,

als auszuharren und zu hoffen, daß ein gütiges Geschick über uns walten

werde.

Ich habe vor vielen Jahren zwei Orkane mit erlebt und jetzt treten

die Ereignisse des einen, bei welchem am 2. September 1860 in einem

Umkreis von wenigen Meilen nicht nur unser Kriegsschooner „Frauenlob“,

sondern auch noch ein englisches Kriegsschiff und zwei englische

Pferde-Transportschiffe mit Mann und Maus zu Grunde gingen, auch unsere

Fregatte „Arkona“, auf welcher ich mich befand, dem Untergang nahe war,

in erschreckender Deutlichkeit wieder vor mein geistiges Auge. Nur Gott

weiß, was uns beschieden sein wird!

1 Uhr. Der Wind hat inzwischen die Stärke eines mäßigen Sturms angenommen,

der Barometer ist aber nur so unwesentlich gefallen, daß ich mir noch

immer kein Bild davon machen kann, was werden wird. Um 10 Uhr stand er

761,75 mm und jetzt hat er noch einen Stand von 760,00 mm.

2 Uhr. Es weht ein voller Sturm aus Südost mit hohem Seegang, während die

hohe Dünung aus Nordost gleichzeitig sich noch immer in ihrer bedeutenden

Höhe behauptet. Der Barometer steht 759,65 mm.

4 Uhr. Barometerstand noch immer hoch, 758,00 mm (in der Nähe des Centrums

eines Orkans fällt er bis auf 700,00) und trotzdem kann es keinem Zweifel

mehr unterliegen, daß wir uns bereits innerhalb des Orkanfeldes befinden.

Der Wind, welcher dauernd an Stärke zunimmt, bleibt unverändert auf Südost

stehen, das Centrum des Orkans rückt also gerade auf uns zu. Ausweichen

können wir nicht mehr.

5 Uhr. Ein kleiner Hoffnungsschimmer zeigt sich uns, der Wind ist auf

Südsüdost gegangen -- ein Zeichen, daß das Orkanfeld anfängt nach Osten

abzudrehen. Das Schiff arbeitet schwer, hält sich aber sonst vorzüglich

in der hohen durcheinanderlaufenden See. Schreiben ist nicht mehr möglich.

9. März, vormittags.

Das war eine bange, sorgenvolle Nacht, aber jetzt lacht wieder die Sonne;

Wind und Seegang nehmen schnell ab, wenn wir uns auch noch immer in

der äußern Peripherie des jetzt südlich von uns stehenden Sturmfeldes

befinden.

Gestern Abend 9 Uhr hatte der Wind nahezu die Stärke eines Orkans

erreicht, sodaß ich jeden Augenblick das Wegfliegen unserer Sturmsegel

befürchtete. Wir mußten in der Nähe des Centrums sein, weil die

Windrichtung schnell wechselte, denn um 8½ Uhr hatten wir noch

Südsüdost-Wind, um 9 Uhr war er aber schon Süd und um 10 Uhr Südsüdwest,

womit das Centrum bereits an uns vorbeigezogen war.

Um 9 Uhr war das Schiff, welches bis dahin noch immer Curs gelegen hatte,

beigedreht worden, um das Sturmcentrum an uns vorbeiziehen zu lassen und

in dieser Lage den uns drohenden Gefahren besser begegnen zu können; als

aber um 11½ Uhr der Wind noch immer auf Südsüdwest stand, ohne an Stärke

abzunehmen, und der Barometer, welcher um 6 Uhr seinen niedrigsten Stand

mit 757,00 mm erreicht hatte, um 10 Uhr auf 758,40 mm gestiegen war, hielt

ich, da ich nun im Norden wieder freie Bahn vor mir hatte, mit dem Schiff

wieder ab und ließ es mit so viel Sturmsegeln, als es tragen konnte, einen

nördlichen Curs laufen, um unter Hintansetzung jeder andern Rücksicht

einen möglichst weiten Raum zwischen uns und unsern Gegner zu bringen. Es

war eine tolle Fahrt in der dunkeln Nacht auf der wildtobenden See, deren

Wellen von allen Seiten laufend das große Schiff wie einen Spielball hin

und her warfen. Jeden Augenblick mußte ich darauf gefaßt sein zu sehen,

wie ein Theil der Takelage über Bord geschleudert würde, daß sich die

schweren Boote oder Geschütze losreißen oder sonstige Havarien eintreten

würden; doch es ging alles gut. Kurz nach Mitternacht schon nahm der Wind

etwas ab und nachdem er um 4 Uhr morgens auf Südwest gesprungen war, wurde

es schnell flauer. Vor einer Stunde fing auch die See an sich zu glätten,

da die gegeneinander laufenden Wellen sich selbst zerstören, und jetzt

ist es schon wieder so, daß ich bei ruhig liegendem Schiff schreiben kann.

19. März 1879.

Am 10. d. M. langten wir in Nukualofa auf Tongatabu an und heute Vormittag

haben wir Vavau, den nördlichsten Hafen der Tongagruppe, verlassen. Der

Zweck unsers Anlaufens der Tonga-Inseln war, dem König und den beiden

Prinzen die ihnen verliehenen preußischen Orden zu überreichen, wozu auch

der „Albatros“ von Apia aus nach Nukualofa gekommen war und dort schon

einige Tage auf uns gewartet hatte.

In Nukualofa sah es traurig aus. Der Orkan, in welchem wir uns in der

Nacht vom 8. zum 9. befunden hatten, war in derselben Nacht mit seinem

Centrum, wie es auffälligerweise die hier auftretenden Drehstürme in

der Regel thun, mit verheerender Gewalt über Tongatabu weggezogen und

hatte eine fürchterliche Verwüstung angerichtet, die Kirche abgedeckt,

die Hütten weggefegt, Zäune niedergelegt und eine erschreckend große

Zahl Kokospalmen wie andere Bäume umgebrochen. Der angerichtete Schaden

ist so groß, daß die ganze Bevölkerung vollständig betäubt war und man

nur ernste und besorgte Gesichter zu sehen bekam. Der „Albatros“ hatte

ebenfalls schlimme Stunden durchgemacht, denn wenn auch am Abend des 8.

der König noch einen Lootsen mit der Mittheilung, daß ein Orkan im Anzuge

sei, geschickt und dieser das Kanonenboot an einem bessern und wie es

schien vollständig sichern Ankerplatz verankert hatte, wo der Commandant

drei Anker mit der ganzen Kette ausbringen und die Takelage an Deck nehmen

ließ, war die Wucht des Windes doch eine so mächtige gewesen, daß das

Schiff, obgleich es außerdem noch mit voller Maschinenkraft gegen den Wind

anarbeitete, langsam dem Strande zugetrieben wurde und sicher gescheitert

wäre, wenn der Sturm eine halbe Stunde länger angedauert hätte. Die durch

die Verwüstungen am Lande hervorgerufene Unordnung war im übrigen so groß,

daß ich mit der feierlichen Ueberreichung der Orden nothgedrungen warten

mußte, bis wieder einigermaßen Ordnung geschaffen war und dies war erst

am Vormittag des 12. März der Fall.

Nach Ueberreichung der Orden folgten der König und die Prinzen einer

Einladung zum Frühstück bei mir auf der „Ariadne“ und damit war die Feier

beendet, da der König gebeten hatte, unter dem Eindruck der vorliegenden

Verwüstungen von einer Festlichkeit absehen zu dürfen. Statt dessen mußten

der Commandant des „Albatros“ und ich abends die Gäste des englischen

Missionars, welcher eine große Vertrauensstellung bei dem König einnimmt,

sein und dort war auch der ebenfalls geladene Prinz Wellington Gu

anwesend.

Im Hause des geistlichen Herrn fanden wir zwei liebenswürdige

feingebildete Damen, Gattin und älteste Tochter des Hausherrn, welche die

an sich behagliche Häuslichkeit nur noch reizvoller machten. Der Tisch

war gut, ebenso waren es die Weine, unter denen vorzugsweise einige zum

Schluß gebrachte Flaschen wirklich guten edeln Rheinweins unsere volle

Anerkennung fanden. Nach einem angenehm verlebten Abend trennten wir uns

erst gegen 10 Uhr, nachdem ich vorher noch dem Prinzen Gu versprochen

hatte, ihn mit seiner Dienerschaft am nächsten Vormittag nach Vavau

mitzunehmen, da ich diesen Platz im Vorbeilaufen sowieso für ein oder zwei

Tage besuchen wollte.

Am nächsten Morgen, nachdem „Albatros“ bereits nach Auckland in See

gegangen war, trat indeß unserer Weiterfahrt ein Hinderniß entgegen. Der

Schiffsarzt meldete mir, daß der Steuerer meiner Gig sich wegen heftiger

Kopfschmerzen in ärztliche Behandlung gegeben habe und er wahrscheinlich

am vorhergehenden Abend der Gegenstand eines Raubanfalls gewesen sei.

Die Untersuchung ergab, daß der Bootsmannsmaat, während er mit dem Boot

auf mich wartete, dort in der Dunkelheit zwei Eingeborenen begegnete

und gleich darauf bewußtlos war. Später wurde er von den ihn suchenden

Bootsgasten nicht weit vom Boot entfernt am Strande liegend gefunden und

zum Bewußtsein zurückgebracht, worauf dann festgestellt wurde, daß sein

Messer und seine Pfeife fehlten. Da er ein nüchterner, sehr ruhiger Mensch

ist, die Bootsgasten weder Wortwechsel noch überhaupt einen Laut gehört

haben, obgleich die Sache sich bei der Dunkelheit in nächster Nähe des

Bootes abgespielt haben muß, auch die Kleidung des Angefallenen keine

Spuren eines Kampfes oder Ringens zeigten, so bleibt eben keine andere

Erklärung übrig, als die eines beabsichtigten Raubanfalls und daß die

Angreifer ihr Opfer gleich mit dem von hinten geführten ersten Schlag

bewußtlos zu Boden gestreckt haben. Der Arzt hatte vor dieser Untersuchung

schon festgestellt, daß der Unteroffizier einen schweren Schlag auf den

Hinterkopf erhalten hatte, welcher ein mehrtägiges Krankenlager zur Folge

hatte, einen gleichen das ganze Gesicht zeitweise entstellenden Schlag von

vorn, und daß er außerdem noch ziemlich stark gedrosselt worden sein muß.

Diese Sache durfte ich nicht mit Stillschweigen übergehen, und da nach

meiner Kenntniß des Charakters dieser Südseemenschen die That gewiß schon

der halben Bevölkerung bekannt war, so mußte ich auch die Ermittelung und

Bestrafung der Thäter fordern. Ich ließ daher gleich der tonganischen

Regierung von dem Vorfall Kenntniß geben mit der Forderung, die Thäter

innerhalb drei Stunden zu ermitteln und zu bestrafen, da ich meine auf 9

Uhr angesetzt gewesene Abreise nur um diese Zeit hinausschieben könne.

Nach einer halben Stunde kam Prinz Gu zu mir, um dem Bedauern des Königs

über diesen Vorfall Ausdruck zu geben und zu erklären, daß es wol kaum

möglich sein würde, die Schuldigen in dieser kurzen Zeit zu ermitteln.

Ich konnte dem nicht zustimmen und nur betonen, daß dies nach meiner

Ueberzeugung ein Leichtes sei, wenn man nur den guten Willen habe und

ich daher auf meiner Forderung bestehen müsse. Der Prinz fuhr wieder

an Land, wo sich am Strande bereits eine große und anscheinend erregte

Menschenmenge zusammengefunden hatte. Durch das Fernrohr konnte ich sehen,

wie gleich beim Landen des Bootes ein gebundener Mensch in dasselbe

gehoben wurde und dieses darauf wieder zu uns kam. Prinz Gu erzählte

nun, daß der König bereits einen Verdacht gehabt habe, in die Hütte des

Betreffenden gegangen sei und dort in einer verschlossenen Kiste, welche

er habe erbrechen lassen, die geraubten Sachen gefunden habe. Die mir

dann übergebenen beiden Gegenstände schlossen jeden weitern Zweifel aus,

da sie mit dem Namen des Beraubten versehen waren. Gleichzeitig wurde mir

auch der Räuber mit dem Bemerken zur Verfügung gestellt, daß derselbe

ein früherer Gefangener sei, ich ihn nach Belieben bestrafen könne und

nicht mehr zurückzuliefern brauche. Dieses Anerbieten glaubte ich indeß

ablehnen zu müssen, wie ich andererseits der Behauptung, daß der zweite

Mann als unschuldig befunden worden sei, Glauben schenken mußte. Ich

verlangte daher die Bestrafung des Verbrechers nach tonganischem Recht

auf öffentlichem Platze und forderte, als ich um Bemessung der Strafe

gebeten wurde und nachdem mir das gesetzmäßige Bestehen der Prügelstrafe

versichert worden war, 25 Hiebe und das Recht, einen Offizier sowie

den mishandelten Unteroffizier als Zeugen zu dem Strafvollzug senden

zu dürfen. Nachdem mir dies zugestanden worden war, wurde der an Händen

und Füßen gebundene neben mir liegende Missethäter, dessen Körper schon

die verschiedensten Spuren bereits erlittener Mishandlungen aufwies,

wieder in das Boot und an Land gebracht, wohin unsere Zeugen kurze Zeit

darauf nachfolgten. Trommelwirbel riefen bald die Bevölkerung nach dem

Königshaus, wo in dem hintern Hof die Strafe vollzogen wurde und zwar

nach der mir später gewordenen Meldung in der Weise, daß der Delinquent

gebunden auf die Erde gesetzt wurde und dann zwei Männer, der eine mit

einer schweren Rippe eines grünen Kokospalmenblattes, der andere mit einem

dreifach zusammengedrehten dicken Strick erbarmungslos und ohne Schonung

irgendeines Körpertheils auf ihn einhieben. Erst nachdem über 30 Hiebe

gefallen waren, wurde es unserm Offizier möglich, dieser barbarischen

Strafe Einhalt zu thun, worauf der Verbrecher, dessen Körper nur eine

große blutrünstige Schwiele gewesen sein soll, nach dem Gefängniß getragen

wurde, da er selbst zum Gehen nicht fähig war. Ich ließ darauf dem König

für die prompte Justiz danken, der Prinz Gu nebst Dienerschaft schifften

sich auf der „Ariadne“ ein und um 12 Uhr mittags verließ ich ziemlich

verstimmt durch die Eindrücke des Vormittags wieder Nukualofa. Im Laufe

des Nachmittags traf uns auch noch das Unglück, daß ein Matrose, während

er schlief, am Herzschlag verstarb und zwar, wie sich bei der am nächsten

Morgen vorgenommenen Obduction ergab, an einem unheilbaren, schon weit

vorgeschrittenen Herzfehler.

Mein Gast, welcher die Stelle eines Gouverneurs der Vavau-Gruppe

bekleidet und als solcher vielfache Seereisen machen muß, leidet stets

so sehr an der Seekrankheit, daß er sich bei mir auch gleich in meine

ihm zur Verfügung gestellte Achterkajüte zurückzog und sich dort unter

Zurückweisung aller ihm gebotenen Bequemlichkeiten auf eine Matte auf das

platte Deck bettete. Die sanften Bewegungen des Schiffes indeß, welche ein

besonderer Vorzug der „Ariadne“ sind, ließen keine Seekrankheit aufkommen

und so kam der Prinz bald wieder mit der Erklärung zum Vorschein, daß

diese Seereise die erste in seinem Leben sei, welche ihm Genuß gewähre.

Am 14. abends trafen wir in dem von niedrigen Höhen umschlossenen Hafen

von Vavau ein, wo wir vor dem unbedeutenden Dorfe Neiafo ankerten.

Wir waren leider gezwungen, den Verstorbenen noch an diesem Abend

zu beerdigen, weil der Verwesungsproceß der Leiche schon so weit

vorgeschritten war, daß wir dieselbe nicht mehr über Nacht an Bord

behalten konnten. Eigentlich hätten wir dieselbe schon im Laufe des

Nachmittags auf offener See bestatten müssen, da aber die Ankunft in Vavau

gesichert war, so wollte ich dem Manne doch ein ordentliches Grab zukommen

lassen. Ehe indeß die erforderlichen Vorbereitungen am Lande getroffen

werden konnten, war es Nacht geworden und so konnte der Leichenzug erst

gegen 9 Uhr das Schiff verlassen. Am Lande zog sich eine durch Laternen

gebildete Schlangenlinie langsam die dunkle Höhe hinauf, die getragene

Musik eines Trauermarsches kam wie ein Gebet über die stille Flut zu

uns herüber und wir gedachten des armen Kameraden, welcher kurz vor

der Heimreise dort drüben auf Bergeshöhe in fremder Erde seine letzte

Ruhestätte fand. Die Musik verstummte, ein Choral erzitterte durch die

stille Nacht, die Musik verstummte wieder und dann schlängelte sich in

raschem Tempo nach den Klängen eines heitern Marsches die flimmernde

Schlange wieder den Berg hinunter. Den Lebenden gehört nun einmal das

Leben.

In Neiafo war wenig zu sehen, da neben dem umfangreichen mit großer

Raumverschwendung erbauten hölzernen Wohnhaus des Gouverneurs die Hütten

der Eingeborenen und die kleinen Häuser der wenigen hier lebenden Europäer

um so mehr verschwinden, als alle diese Wohnungen sehr verstreut an dem

Abhang eines Berges unter Kokospalmen, Brotfrucht- und Orangenbäumen

versteckt liegen und man nicht den Eindruck gewinnt, eine Stadt oder

ein zusammengehöriges Dorf zu betreten. Doch macht dafür jedes einzelne

Wohnhaus an sich einen sehr behaglichen und bei der herrschenden Hitze

auch einladenden Eindruck, da die Häuser sowol, wie deren nächste Umgebung

angenehm beschattet sind.

Den Gouverneur traf ich am Morgen nach unserer Ankunft, bei Gelegenheit

meines ihm gemachten Besuches, vor seinem Hause sitzend als tonganischen

Häuptling an, d. h. nur im Lava-lava mit dem Fliegenwedel in der Hand. Ob

er dadurch unangenehm berührt wurde, weiß ich nicht, jedenfalls hat er es

sich dann nicht merken lassen, da er ebenso unbefangen liebenswürdig wie

immer war, mir sein Haus zeigte und sich dann erst umkleidete, um mich

in die nächste Umgebung zu fahren und mir dort seine Kaffee-, Baumwoll-

und Kokosnußpflanzungen zu zeigen. In seiner Nationaltracht habe ich ihn

später allerdings nicht mehr zu sehen bekommen.

Das Haus, nur ein Geschoß zu ebener Erde, scheint vorzugsweise mit

Rücksicht auf Repräsentationszwecke erbaut zu sein, da es neben andern

Wohnräumen einen besonders großen Speisesaal mit daran stoßendem

Anrichtezimmer und dahinter liegender geräumiger Küche hat, auch große

Vorräthe an Tischwäsche, Porzellan, Glas und sonstigem Tischzubehör

vorhanden sind.

Die Dienerschaft des innern Hauses wird durch jüngere Häuptlingstöchter,

welche sich regelmäßig ablösen, und die Küche durch ältere weibliche

Personen gebildet. Im Stall sind natürlich Männer.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 46 / 56 段