wieder verlassen und manch schöne Erinnerung mitgenommen. Von dem
herrlichsten Wetter und einer verhältnißmäßig niedrigen Temperatur
begünstigt, konnten wir die uns von dem deutschen Consul und verschiedenen
englischen Familien in so reichem Maße gebotene Gastfreundschaft in vollen
Zügen genießen. Segelpartien auf dem herrlichen Hauraki-Golf, Spaziergänge
nach dem nur 200 m hohen Mount Eden, wo man von dem Rand des erloschenen
Kraters aus eine wunderbare Fernsicht genießt, Nachmittags-Gartenfeste,
Tanzfestlichkeiten u. dergl. m. ließen uns die Zeit wie einen Traum
dahinschwinden. Und da Auckland oder doch die Gesellschaft, in der wir
uns bewegten, außerordentlich reich an schönen und liebenswürdigen jungen
Damen ist, bei den veranstalteten Tagesfestlichkeiten in der Regel auch
die englischen Herren, welche wol geschäftlich verhindert waren, durch
Abwesenheit glänzten, so fanden unsere Herren in dem harmlosen Verkehr
mit den prächtigen jungen Auckländerinnen keine Nebenbuhler. Heute wäre
dies für die meisten vielleicht besser gewesen, denn wenn der Schein nicht
trügt, dann sind sie so ziemlich alle bis über die Ohren verliebt, ohne
die Hoffnung auf ein Wiedersehen, da die Post in Auckland uns als Bestes
den Rückberufungsbefehl gebracht hat. Nach demselben haben wir gleich nach
Eintreffen der Fregatte „Bismarck“ in Apia, deren Ankunft für Mitte April
in Aussicht gestellt ist, die Heimreise anzutreten.
Auckland hat das Gepräge einer erst neu entstandenen, aufstrebenden
Colonie, erinnert noch vielfach an die früher aus den Goldminen
geflossenen, jetzt größtentheils wol wieder verschwundenen Reichthümer
und zeigt eine damit zusammenhängende Entwickelung: große breite Straßen,
niedrige Holzhäuser, viele Banken und nur Geschäftsleute als Einwohner.
Die Umgebung der Stadt bietet landschaftlich durch Berg und Wasser sehr
viel Schönes, wenn auch der Wald fehlt.
Durch die Bereitwilligkeit unsers liebenswürdigen Consuls, mich in das
Gebiet der heißen Seen, welche er ebenfalls noch nicht kannte, begleiten
zu wollen, wurde es mir möglich, auch dieses Weltwunder zu besuchen.
Denn allein hätte ich mich zu diesem Ausflug nicht entschlossen und von
unsern Herren wollte keiner mitkommen, weil der Kostenpunkt doch immer
ein ziemlich bedeutender ist und die Strapazen der Reise auch kaum im
Verhältniß zu dem Vergnügen stehen.
Man hat von Auckland aus bis zum Taurangahafen zunächst auf dem Seewege
140 Seemeilen zurückzulegen und von hier aus muß man noch 70 km auf
dem Landwege machen, wozu das Annehmen eines eigenen leichten Wagens
erforderlich ist. Es geht zwar auch eine Fahrpost, mit welcher man
den größten Theil des Weges zurücklegen und die kleinern Ausflüge dann
von einem Centralpunkt aus zu Fuß machen kann, doch fährt die Post bei
dem geringen Verkehr nach dem Innern so selten und ihre Fahrzeit ist
eine so große, daß ihre Benutzung für mich ausgeschlossen war, weil
ich mich nur auf sechs Tage freimachen konnte. Der Wagen allein kostet
aber für vier Tage schon 200 Mark, sodaß die kleine sechstägige Reise
mit den unvermeidlichen Nebenkosten auf 350-400 Mark für die Person zu
veranschlagen ist.
Um den Ausflug in den Grenzen der mir zur Verfügung stehenden sechs
Tage machen zu können, mußten wir für die Hinfahrt nach Tauranga einen
Küstenfrachtdampfer benutzen, weil wir nur so den Passagierdampfer für die
Rückfahrt erreichen konnten. Wir fuhren am 14. Februar abends 8 Uhr von
Auckland ab und trafen glücklicherweise so gutes Wetter, eine so schöne
laue Mondscheinnacht, daß wir die ganze Zeit an Deck verbringen konnten,
denn unten in der sogenannten Kajüte war es fürchterlich. Auch verhinderte
die spiegelglatte See einige weibliche Passagiere daran, seekrank zu
werden, was von uns auch als eine große Annehmlichkeit geschätzt wurde.
Wir hüllten uns in mitgenommene Decken ein, schliefen gut und ließen uns
erst von der aufgehenden Sonne wecken.
Am 15. mittags waren wir in Tauranga und blieben dort bis zum nächsten
Morgen in einem behaglichen guten Gasthaus, wo der Consul auch einige mit
den Verhältnissen vertraute Bekannte traf, welche uns gute Rathschläge
gaben. Nachdem wir uns noch von dem Posthalter des Districts einen
Wagen gesichert hatten, machten wir einen Rundgang durch die kleine
Stadt, welche ziemlich belebt war, da die Eingeborenen von außerhalb
herzuströmten, um die jährlich wiederkehrende Frage des Landbesitzes
in Neu-Seeland auf einem dazu ausgeschriebenen Landtage zu erörtern. Um
diese Frage dreht sich zur Zeit, nachdem das Goldfieber keine Berechtigung
mehr hat, so ziemlich alles, weil die Eingeborenen noch im Besitz sehr
bedeutender Länderstrecken sind und diesen ihren Besitz zähe vertheidigen.
Der letzte blutige Krieg zwischen den Engländern und den Maoris ist aus
dieser Frage entstanden und nur dadurch beendigt worden, daß die englische
Regierung den Eingeborenen das Besitzrecht ihres Landes zugestanden
hat. Hiermit sind die englischen Ansiedler aber nicht einverstanden und
versuchen nun auf anderm Wege in den Besitz des begehrten werthvollen
Gutes zu gelangen, und dazu sollen die jährlichen sogenannten Landtage
dienen. Wie die in Anwendung gebrachten Mittel beschaffen sind, ergibt ein
Blick auf die Straßen. Es ist der Branntwein. Bei unserm ersten Rundgang
durch die Stadt, wie später bei unserer Rückkehr nach Tauranga, sah ich
die in großer Zahl anwesenden Eingeborenen nur im Rausche, zu welchem
der Branntwein ihnen unentgeltlich geliefert werden soll. Ob die Maoris
nun in diesem Zustand leichter ihre Rechte aufgeben, oder ob sie, an den
Genuß erst einmal gewöhnt, dem Branntweinteufel verfallen und schneller
aussterben, wird im Grunde auf den gleichen Erfolg hinauslaufen.
Am 16. morgens in aller Frühe machten wir uns auf die Reise. Unser
Fuhrwerk war ein mit zwei kräftigen jungen Pferden bespannter Jagdwagen;
der Sohn des Posthalters kutschierte selbst und benutzte die Fahrt wol
mit zur Inspicirung der verschiedenen Pferdestationen.
Die ersten 12 km führt der Weg durch eine Ebene, dann schneidet er in
den schönen alten, jungfräulichen Wald ein, geht über Berg und Thal,
durch Schluchten und über Brücken und bietet dem Reisenden genußreiche
Stunden. Die neu angelegte Straße ist vorzüglich. Die alten Kaurifichten,
riesigen Baumfarrn und was sonst alles in der genialsten Unordnung
und Vielseitigkeit in dem seitwärts der Straße von Menschenhand noch
unberührten Walde wächst, die malerischen Schluchten, Felspartien und
kleinen Wasserfälle bieten dem Auge so viel Anziehendes, daß die Zeit
unbemerkt dahinfliegt. Immer nach Verlauf von etwa zwei Stunden kommen wir
an eine Pferdestation, wo die Pferde gewechselt werden und wir eine kleine
Erfrischung finden. So geht es ununterbrochen ohne Peitschengeknall in
schlankem Trabe vorwärts durch den schönen Wald bei prächtigstem Wetter.
Nach sechsstündiger Fahrt treten wir wieder aus dem Walde heraus und
unter uns vor unsern Augen liegt in einer weiten Ebene der im Durchmesser
etwa 9 km große Roto-rua (roto ist die Maori-Bezeichnung für See), eine
weite blaue Wasserfläche, umrahmt von niedrigen Hügeln. Der Blick umfaßt
beinahe das ganze, 350 m über dem Meeresspiegel liegende Seengebiet.
Wasser, Hügel und Wald sind zu sehen, aber die uns gerühmte und von uns
erwartete Großartigkeit der Scenerie vermögen wir nicht zu finden und zu
erfassen. Eine große Ebene ohne Menschen und Städte, nur hier und dort
sieht man ein einzelnes Farmerhaus, große Wasserflächen ohne Rahmen und
ohne Leben. Kalt und todt sieht alles aus und erinnert mich lebhaft an die
ebenfalls von so vielen Seiten gerühmten ostholsteinischen Seen, welche
mit Ausnahme einiger kleinern Partien eigentlich durchaus keine besondern
landschaftlichen Reize bieten.
Gleich außerhalb des Waldes treffen wir ein einzelnes Haus als erste
menschliche Ansiedelung, die Schule für die weitere Umgebung, deren
Bewohner freudestrahlend herausstürzen, um einmal wieder andere Menschen
zu sehen und Zeitungen zu erhalten, welche unser Rosselenker ihnen
mitgebracht hat. Hier scheinen auch die Privatwagen ebenso die Post
mitzubefördern, wie die Schiffe es zwischen Australien bezw. Neu-Seeland
und den polynesischen Inseln thun.
Noch eine Viertelstunde bergab und wir traben an dem Ufer des Roto-rua
entlang nach dem Städtchen Ohinemutu, wo wir nach 1½ Stunden eintreffen.
Es war uns zwar empfohlen worden, noch denselben Tag weiter bis nach
Wairoa zu gehen, weil wir dadurch einen Tag gewonnen hätten, wir waren
nach der nahezu achtstündigen Fahrt aber so durchgerüttelt, daß wir
vorzogen, in dem sehr einfachen aber guten Gasthaus zu rasten und über
Nacht zu bleiben. Unsere freie Zeit benutzten wir zu einem Besuch des
Eingeborenendorfes, wo wir die ersten Zeichen fanden, daß wir uns bereits
auf vulkanischem Boden befanden. Dicht am Ufer des Sees kocht und brodelt
es überall aus der Erde heraus; vorsichtig muß man sich zwischen den
heißen Tümpeln hindurchbewegen, um nicht einmal unversehens in einen
solchen zu treten; an einzelnen hocken Eingeborene, welche sich in dem
heißen Wasser in eingetauchten Töpfen Fische, Krebse und Kartoffeln
kochen. Nur an dieser Stelle des Roto-rua sollen heiße Quellen vorkommen
und diese sind wol auch bestimmend für die Wahl des Ansiedelungsplatzes
gewesen. Das Dorf selbst macht einen verfallenen unsaubern Eindruck und
steht in grellem Gegensatz zu dem schönen großen Berathungshaus, welches
mit höchst phantastischen aber erst in neuester Zeit angefertigten
Schnitzereien reich geschmückt ist. Der uns führende Polizeidirector des
Districts, an welchen wir empfohlen waren, beantwortete meinen Wunsch
auf Erwerbung einiger alter Schnitzereien damit, daß nichts mehr zu
haben sei, weil seine Landsleute so außergewöhnliche Preise für diese
Sachen gezahlt hätten, daß die Maoris bereits alle Zierathe ihrer Häuser
heruntergerissen und verkauft hätten, und dies wird wol auch die Ursache
des jämmerlichen Zustandes der Behausungen sein. Immerhin gab ich meine
Absicht noch nicht auf und versuchte ein altes im Staub liegendes Idol in
natürlicher Menschengröße zu erwerben, trotz seiner nach unsern Begriffen
etwas gar zu natürlichen Auffassung, doch ohne Erfolg. Lag das Götzenbild
auch neben seinem eigentlichen Standort im Schmutz, es blieb doch immer
die Dorfgöttin und war unverkäuflich. Auffallend ist an diesen Bildwerken
die merkwürdige Aehnlichkeit in der Wiedergabe der menschlichen Formen
mit der in Neu-Irland gebräuchlichen.
Am nächsten Vormittag bei guter Zeit setzten wir die Fahrt nach
Wairoa fort. Der Weg führt anfänglich durch das interessante
Whakarewarewa-Gebiet, welches wir nach dem ursprünglichen Plan erst auf
der Rückfahrt besichtigen wollten, aber doch jetzt schon mitnahmen,
weil wir durch den Aufenthalt in Ohinemutu Zeit verloren hatten und
während des Nachmittags in Wairoa doch nichts hätten vornehmen können.
Ein mitgenommener Führer erwies sich hierbei als unentbehrlich, denn
der Unkundige kann die sichern schmalen Wege von den gleich zuverlässig
aussehenden unsichern nicht unterscheiden. Rund um uns kocht und
dampft es in kleinen und größern Wasserlachen, aus kleinen und größern
Löchern heraus. Der ganze Boden ist so heiß, daß man die Wärme durch
die Doppelsohlen unserer Stiefel spürt. An einzelnen Lachen und Löchern
sind die in der Nähe liegenden Gegenstände mit Sinter, an andern mit
feinen Schwefelkrystallen überzogen, und an einem Tümpel fanden wir
große Sinterblöcke, welche, als wir Stücke von ihnen abschlugen, im
Innern lauter kleine Zellen mit eingekapselten Fliegen zeigten, die
hier wol ihren Tod finden und dann gleich zu Tausenden, wenn nicht
Millionen eingesargt werden. Der Whakarewarewa, ein mächtiger Geysir,
welcher dem großen auf Island an Stärke gleichkommen soll, war uns
nicht gnädig gesinnt und zeigte sich nicht in seiner ganzen Größe,
bei zeitweisem Aufsprudeln stieg er nur einen Meter hoch auf. Als das
Merkwürdigste erschien mir ein Wassertümpel von etwa 2 m Durchmesser,
dessen dunkelgrüne, tief durchsichtige Wasserfläche wie ein Spiegel vor
uns lag und der von den Eingeborenen am meisten gefürchtet werden soll.
Trotzdem das Wasser weder wallt noch Siededämpfe von ihm aufsteigen, soll
es einen so hohen Hitzegrad haben, daß es sofort alles verbrennt. Als vor
noch nicht langer Zeit ein Eingeborener in diesen Brunnen fiel, soll man
nach wenigen Stunden nur noch sein Knochengerippe herausgefischt haben,
da alles Fleisch bereits abgekocht gewesen sei. Ob es wahr ist, kann ich
nicht verbürgen, einen Versuch mit einem meiner Finger habe ich nicht
gemacht.
Ich war im ganzen froh, als wir diesen unsichern Boden verlassen hatten
und wieder in unserm Wagen saßen. Nach einstündiger Fahrt kamen wir
noch einmal in einen schönen Wald, stießen, als wir denselben nach einer
halben Stunde wieder verließen, auf den kleinen See Tikitapu und hatten
gleichzeitig einen schönen Blick auf den Roto-kakahi, fuhren zwischen
diesem und dem Saum eines andern Waldes hin, bogen dann um den letztern
nach links und hatten vor unsern Augen den großen See Tarawera, dessen
jenseitiges Ufer durch den Gipfel des Mount Edgecombe und durch die
300 m über dem Seespiegel liegenden Krater des Tarawera-Gebirges einen
malerischen Abschluß findet. Noch wenige Minuten und wir waren in Wairoa
angelangt.
Nachdem wir uns erfrischt hatten, war unsere erste Sorge, uns einen Führer
und ein Boot für den nächsten Tag nach dem Roto-mahana zu sichern, da
noch einige Fremde hier waren, welche ebenfalls an demselben Tage den See
besuchen wollten. Wir konnten indeß nur noch eine Führerin, eine halbweiße
junge Frau, erhalten, weil die beiden männlichen Führer bereits vergriffen
waren, hatten dies aber nicht zu bereuen, da die Person sich als durchaus
zuverlässig und ihrer Aufgabe gewachsen erwies.
Der Reiz von Wairoa liegt vorzugsweise in seiner Abgeschiedenheit und der
erhabenen Ruhe der ganzen Umgebung. Am Fuße einer niedrigen bewaldeten
Hügelkette gelegen, hat man von der Ansiedelung aus einen freien
Ueberblick über den Tarawera-See und kann, auf der Veranda des Gasthauses
sitzend, ungestört das allmähliche Schwinden des Tages genießen und nach
Herzenslust träumen. Der südliche Sternenhimmel schaut auf uns hernieder
und gemahnt uns an die Nachtruhe, um am nächsten Morgen in aller Frühe
frisch den neuen Strapazen entgegengehen zu können. Doch da entsendet über
uns aus einem offenen Fenster ein Flötenbläser seine seltsamen Weisen in
die stille Nacht hinaus und bannt uns noch für eine Weile an unsern Platz.
Ein merkwürdiger Zauber liegt in diesen Tönen in dieser Umgebung, und von
wahrhaft ergreifender Wirkung müßten die über die Seefläche hinlaufenden
Töne eines Hornes sein. Hätte ich vorher an diesen Umstand gedacht,
dann hätte ich sicher unsern Kapellmeister, welcher ein vorzüglicher
Cornettbläser ist, mitgenommen, um mir diesen zwar etwas kostspieligen
aber einzigen Genuß zu verschaffen.
Morgens 6 Uhr verließen wir das Gasthaus und hatten etwa 10 Minuten bis
zu der Stelle zu gehen, wo am Seeufer die Boote untergebracht sind. Die
Partie wird nämlich so gemacht, daß man von Wairoa aus mit einem Boot
einen großen Theil des Tarawera durchfährt, dann in einen flußähnlichen
Wasserlauf, welcher den Tarawera-See mit dem Roto-mahana verbindet,
einbiegt und in diesem bis zu den dicht am Roto-mahana liegenden
Stromschnellen, welche ein weiteres Vordringen verbieten, fährt. Von hier
aus muß man zu Fuß gehen.
Unsere Führerin, welche ich noch nicht gesehen hatte, da sie von dem
Consul angenommen worden war, machte einen guten Eindruck. Es war eine
etwa zwanzigjährige hübsche junge Frau mit schönen großen, fragenden
Augen, von hellbrauner Hautfarbe und vollen Formen, welcher der kurze nur
eben über die Knie reichende schottische Rock und die bloßen Füße gut
standen. Ebenso wie ihre Tracht derjenigen der Eingeborenen entsprach,
hatte sie auch ihr Kinn nach Art der eingeborenen Frauen tätowirt, auch
zierte ein schönes Schmuckstück aus dem nur auf Neu-Seeland vorkommenden
halbdurchsichtigen grasgrünen Halbedelstein ihren bloßen Hals. Ein Plaid
umschloß ihre Schultern, wie die hiesigen Eingeborenen es überhaupt
lieben, sich als Bergschotten zu kleiden. Ihre gute Herkunft von
väterlicher Seite gab die Erklärung für ihr gewähltes Englisch und ihre
guten Umgangsformen, ohne daß sie etwas anderes sein wollte als die
bezahlte Führerin. Das für uns bestimmte Boot wurde von vier eingeborenen
Männern gerudert; der Consul, ich und unsere Führerin nahmen hinten
Platz. Wir hatten zunächst dicht an dem Seeufer entlang ungefähr 6 km
in östlicher Richtung zurückzulegen, bogen dann um ein vorspringendes
Cap nach Süden und befanden uns nun in einer etwa 4 km langen und 1-2 km
breiten, von hohen Ufern eingerahmten Straße. War es vorher schon frisch
gewesen, so wurde es hier geradezu kalt und zwar so empfindlich, daß
ich in meiner leichten Kleidung, welche ich für das spätere Marschiren
angelegt hatte, ganz jämmerlich fror. Dies merkte auch Frau Margarate,
wie ich unsere Führerin nennen will, denn sie sagte kurz zu mir: „Sie
frieren!“ rückte, dem polynesischen Theil ihres Blutes folgend, dicht
neben mich, nahm ihren Plaid von den Schultern und ehe ich ahnte, was sie
eigentlich wollte, hatte sie ihren linken Arm um meinen Hals geschlungen,
meinen Kopf an ihre warme Schulter gebettet und uns beide in den Plaid
wieder eingehüllt. Behaglich warm war es an der Seite dieser sauber und
nett angezogenen jungen Person, von der Umgebung bekam ich aber nicht
mehr viel zu sehen, denn Margarate erzählte mir nun so vielerlei, daß
ich mehr auf dieses und unwillkürlich auch auf das Pochen ihres Herzens,
welches in regelmäßigen Schlägen an mein rechtes Ohr klopfte, achten
mußte. (Ich führe dies übrigens nur als Beitrag zur Charakteristik der
Südsee-Insulaner an.) Sie erzählte mir unter anderm, was mir auch sonst
bestätigt wurde, daß ihr Vater ein reicher Mann sei, der Aufenthalt im
elterlichen Hause für sie aber nach dem Tode ihrer Mutter und nachdem
ihr Vater in zweiter Ehe eine Weiße geheirathet habe, unerträglich
geworden sei, sodaß sie dem Drang ihres polynesischen Blutes nach Freiheit
nachgebend das elterliche Haus mit Einwilligung ihres Vaters verlassen
habe, um sich dem Stamme ihrer Mutter wieder anzuschließen. Sie lebe nun
wieder als Maori-Frau, habe einen halbweißen Mann geheirathet und würde
ganz glücklich sein, wenn ihre Ehe mit Kindern gesegnet wäre; auf dieses
Glück müsse sie aber verzichten, weil die Ehen zwischen zwei Halbweißen
stets kinderlos blieben.
Die Straße verlief in eine enge Schlucht, wo wir in den zwischen
Felswänden eingekeilten Fluß einfuhren und nach Verlauf einer weitern
Viertelstunde an dessen Ostufer landeten, um uns nunmehr auf unsere
eigenen Füße zu verlassen. Wir hatten nicht weit zu gehen. Schon nach
kurzer Zeit deuteten weiße Dämpfe auf halber Höhe der vor uns liegenden
Hügel an, daß wir am Ziele seien, und gleich darauf lag auch der 1 km
lange und ½ km breite Roto-mahana (der warme See) vor unsern Augen,
klein und unscheinbar, mit trübem schmutzig-grünen Wasser und umgeben von
niedrigen, theils nackten, theils nur mit niedrigem Buschwerk bedeckten
Hügeln, von welchen allenthalben weiße Dämpfe emporstiegen. Dieses wenig
anziehende Stück Erde birgt also das Sehenswertheste von Neu-Seeland,
Wunder, zu welchen die Menschen jahraus jahrein hinströmen und sogar von
Sydney aus hinkommen. Auch wir stehen jetzt vor einem solchen Wunder.
Vorsichtig Frau Margarate folgend, gehen wir an dampfenden Pfützen von
klarem Wasser und kleinen Gruben, in denen eine kalkartige Masse auf-
und niederwallt, vorbei, überschreiten feuchte, durch Eisenoxyd geröthete
Stellen, winden uns durch hohes, halbverdorrtes Gras und kommen endlich,
nachdem wir (wie später festgestellt) 25 m hoch gestiegen waren, an einen
brodelnden, über seinen Rand überlaufenden Brunnen. Wir wenden uns um und
-- ja die Landschaft ist reizlos, aber das, was zu unsern Füßen liegt,
die weiße Sinterterrasse, ist großartig schön.
In vielleicht zwanzig größern und gewiß ebenso viel oder mehr kleinern
Terrassen erstreckt sich in einem Neigungswinkel von etwa 45° und bis zu
einer Breite von über 50 m sich ausdehnend ein gar wunderbares Bauwerk
bis zu dem Seeufer hin. Aus schneeigem Marmor scheint es geschaffen und
von geübter Künstlerhand ausgearbeitet zu sein. Die einzelnen Terrassen
bilden kurze und lange, breite und schmale, geradlinig, halbkreisförmig
und oval geformte Becken mit breiten wulstigen Rändern und angefüllt
mit köstlich blau gefärbtem Wasser. Und was dem Ganzen einen Hauptreiz
verleiht, ist der matte weiche Farbenton der Sintergebilde, welcher so
wunderbar absticht von dem glänzenden Spiegel der blauen Wasserfläche, den
mit frischem Laub grün umsponnenen kleinen Felsrücken, welche an einzelnen
Stellen zwischen die Terrassen geschoben sind, und dem theilweise roth
gefärbten Boden der äußern Ränder. Die Sintergebilde erscheinen wie
feine Filigranarbeit, und man kann es kaum fassen, wie es möglich ist,
daß dieses riesige Bauwerk, diese 1 m dicken, oft 2 m hohen und bis zu
6 und 8 m langen Ränder und Wände der einzelnen Becken sich nur aus den
kleinen Sintertropfen und Stäbchen zusammensetzen. Der vorher genannte
Brunnen ist der eigentliche Bildner dieses Wunderwerks. Ein Geysir, wirft
er unausgesetzt das von unten nachströmende dunkelgrüne Wasser aus, in
welchem die zur Sinterbildung erforderlichen Kalksalze und nach Dr. von
Hochstetter hier vornehmlich Kieselsäure enthalten sind. Siedend heiß
strömt es über, füllt, himmelblaue Farbe annehmend, die obern Becken,
läuft aus diesen über in die weiter unten gelegenen und kommt, sich
allmählich abkühlend, unten im See mit einer Temperatur von vielleicht nur
20° C. an. So hat jedes Becken, von denen einzelne die Größe und Tiefe
einer Badewanne haben, andere genügend groß sind, um mehrern Personen
gleichzeitig ein Schwimmbad zu gestatten, einen verschiedenen Wärmegrad;
oben hat man Siedehitze, in der Mitte ist es noch heiß und weiter unten
lauwarm. Sehr verführerisch war es, in diesen schönen Becken und in
dem durchsichtig blauen Wasser, für dessen Färbung ich keine Erklärung
erhalten und finden konnte, ein Bad zu nehmen; mir wurde aber gesagt, daß
das Bad in den Becken der andern Terrasse vorzuziehen sei und so beschied
ich mich bis dahin.
Wir wanderten weiter, an verschiedenen merkwürdigen Quellen und
Löchern vorbei, und kamen auch an das sogenannte Teufelsloch, eine
unschuldig aussehende kleine dunkle Oeffnung im Erdboden, in welcher der
hinterlistigste und verderblichste Ueberfall lauern soll, weshalb uns
auch nicht gestattet wurde, zu nahe an das Loch heranzutreten. Stets
ohne vorherige Warnung irgendeiner Art soll dieser Pfuhl plötzlich so
große Massen kochend heißen Wassers und Schlammes ausspeien, daß alles in
nächster Nähe befindliche Leben verbrüht, versengt und vernichtet wird.
Wir machten, daß das Teufelsloch bald weit hinter uns lag, und bestiegen
in der Mitte des östlichen Seeufers ein Kanu, das uns nach der andern
Seite und nach der dort gelegenen rosafarbenen Sinterterasse bringen
sollte. Sehr merkwürdig ist auf dieser kurzen Fahrt die häufig wechselnde
Temperatur des Wassers, welche in dem ganzen See, je nachdem vom Boden aus
heiße Quellen aufsteigen oder nicht, zwischen 15 und 40° schwanken soll.
Wir umfuhren eine kleine Insel und vor uns lag in glitzerndem Sonnenschein
unter dem blauen Himmel, oben und zu beiden Seiten eingerahmt von saftig
grünen Hügeln, die 20 m hohe und etwa 30 m breite so duftig hellrosa
überhauchte Terrasse, daß ich die Empfindung hatte, kaum je etwas Zarteres
und dabei doch Großartigeres gesehen zu haben. Wir landeten am Fuß der
Terrasse und hatten hier in der Nähe gleich wieder denselben unangenehmen
Anblick wie bei der weißen Terrasse, daß kaum ein Fleck zu finden war, wo
nicht die eitlen Besucher ihren höchst unnützen Namen mit Blei auf die
zarten Wände gekritzelt hatten. Allerdings gab die unendliche Namenzahl
einen Maßstab dafür, wie stark diese weit entlegenen Wunderwerke trotz
der Kostspieligkeit der Reise doch besucht werden. Nachdem wir bis zu dem
Brunnen, welcher die Terrasse speist, vorgedrungen waren und von dort den
merkwürdigen Farbeneffect, welchen das blaue Wasser mit den rosafarbenen
Umwandungen bildet, bewundert hatten, stiegen wir wieder hinab, der
barfüßigen Frau Margarate folgend, welche leicht von Absatz zu Absatz
sprang und ungefähr in halbe Höhe ein geeignetes Becken mit lauwarmem
Wasser für unser Bad auswählte. Sie begab sich dann ganz hinunter zum
Ufer, sodaß wir uns ungenirt entkleiden und ein höchst eigenartiges und
schönes Schwimmbad nehmen konnten, nach welchem wir den Rückweg antraten,
durch einen niedrigen Wald oder Busch zu unserm Boot und mit diesem
nach Wairoa gelangten, von wo aus wir noch im Laufe des Nachmittags
nach Ohinemutu zurückkehrten. Hier gelang es mir noch in dem Dorf der
Eingeborenen aus einem Schutthaufen einige alte Schnitzereien auszugraben
und zu erwerben, für welche ich dem Besitzer aber einen so hohen Preis
zahlen mußte, daß ich denselben lieber verschweigen will.