das Dorf zu werfen, doch fanden wir an unserer Landungsstelle die Brandung
so hoch geworden und das Einsteigen in die Boote bereits so gefährdet,
daß ich mich zum sofortigen Verlassen des Landes entschloß, weil eine
Zunahme des Seegangs noch zu erwarten war und bei weiter auffrischendem
Winde auch die Lage des Schiffes mir gefährdet schien. Zwar hätte ich mich
gern noch überzeugt, was die Ansammlung von vielleicht 200 bewaffneten
Eingeborenen bei unsern andern Booten zu bedeuten habe, ließ mich aber
durch die gefährliche Lage meiner Gig bestimmen, davon abzusehen, weil
sich an den Booten selbst nichts Auffälliges zeigte und unser Schiff auch
so nahe bei denselben lag, daß man von dessen erhöhtem Standpunkt aus
mußte übersehen können, was an Land vorging. Der Consul und ich kamen mit
etwas geschundenen Schienbeinen in das Boot, der Diener des Consuls aber,
ein Marshall-Insulaner, kam schon nicht mehr hinein, sondern verschwand
unter demselben und mußte schwimmend außerhalb der Brandung aufgenommen
werden. Dem Offizier, welcher die beiden Kutter befehligte, rief ich dann
zu, die Beurlaubten zu sofortiger Einschiffung zu veranlassen, was denn
auch kurze Zeit darauf geschah, sodaß wir um 3½ Uhr schon wieder auf der
Weiterreise waren, aber doch noch einmal stoppten, als von dem Punkt aus,
wo die Hütte des Engländers liegen mußte, ein Kanu, in welchem sich zwei
Leute befanden, von denen einer, wie durch das Fernrohr zu erkennen war,
mit Hemd und schwarzem Filzhut bekleidet war, mit aller Macht auf uns
zuruderte. Ich hielt es nicht für unmöglich, daß der Engländer vielleicht
durch irgendeinen Umstand gefährdet worden sei und bei uns Schutz suchen
wollte, hielt daher auf das Fahrzeug ab, sah aber bald, daß der Bekleidete
auch ein Eingeborener war. Die Leute wollten nur einige Sachen zum Verkauf
stellen, und da sie einmal den weiten Weg gemacht hatten, wartete ich so
lange, bis sie ihre Sachen losgeworden waren. Ich erstand mir auch etwas,
eine mit gelbem und rothem Stroh außerordentlich schön umflochtene Keule,
einen in ähnlicher Arbeit ausgeführten kleinen Holzkamm, sowie einen
reizenden kleinen Kakadu, wie sie nur auf den Salomons-Inseln vorkommen.
Die Salomons-Insulaner sind dafür bekannt, besonders feine Handarbeiten
auszuführen, und die von mir gekauften Sachen bestätigten diesen Ruf.
Speere, Pfeile, Armbänder aus Muscheln, und ein aus einer Muschel mit
Schildkrotverzierung hergestelltes Stirnschild, welche sämmtlich von der
Geschicklichkeit und dem guten Geschmack dieser Eingeborenen Zeugniß
ablegten, besaß ich schon, die hier erworbenen Sachen übertrafen aber
die letztgenannten noch an zierlicher, geschmackvoller und sauberer
Ausführung. Der Kakadu ist dadurch merkwürdig, daß er wesentlich von den
sonst vorkommenden Arten abweicht, einen besonders geformten Schopf,
kleinen, scharf gebogenen weißen Schnabel, weiße Füße und auffallend
weite Schwingen hat. Sein Gefieder ist außen schneeweiß, unter dem Schopf
dagegen orangefarben und unter den Flügeln hellgelb. Die Augen sind tief
braunroth und die feine Haut um die Augen hat eine hell-wasserblaue Farbe.
An dem auf unsern Besuch Savos folgenden Tage hörte ich, daß die
Ansammlung der Eingeborenen bei unsern Booten doch eine ernstere Bedeutung
gehabt hatte und ohne das entschlossene Eingreifen eines jungen Offiziers
wahrscheinlich zu einem ernsten Conflict geführt haben würde. Einige der
von unsern Schiffen an Land gegangenen Personen hatten auch das Tabu-Haus
des Dorfes besucht und die dort ausgestellten Sachen besichtigt, von
welchen einem der Unserigen ein besonders schöner Speer so gut gefiel,
daß er ihn durchaus haben wollte. Als der Hüter des Hauses jedes Gebot
unter dem Hinweis darauf, daß der Speer „Tabu“ sei, zurückwies, nahm der
Mann trotz der ausdrücklichen Warnung seiner Begleiter dennoch den Speer
an sich, indem er einige Stücke Taback als Gegenleistung auf den Boden
warf, da der anwesende Eingeborene sich standhaft weigerte, irgendetwas
entgegenzunehmen. Als die Unserigen sich nun mit dem Speer auf der Straße
zeigten, gesellten sich gleich Eingeborene zu ihnen, welche wiederholt das
Wort „Tabu“ hören ließen. Die Zahl der Eingeborenen wuchs und ihre Haltung
wurde bald so drohend, daß der Speerträger es nunmehr doch gerathen fand,
das Streitobject an seinen ursprünglichen Platz zurückzubringen und im
Anschluß daran gleich unsere in der Nähe befindlichen Boote aufzusuchen,
wo die andern Beurlaubten sich bereits zu deren Besteigung anschickten.
Doch ehe sie dies ausführen konnten, waren sie plötzlich von bewaffneten
Eingeborenen eingeschlossen, von denen einer in gebrochenem Englisch
sagte: „Wir wollen den Mann haben, welcher den Speer gestohlen hat; wir
müssen ihn tödten, weil er Tabu gebrochen hat.“ Gleichzeitig trat er vor
und legte die Hand an den, welcher so unvorsichtig gewesen war, doch in
demselben Augenblick sprang auch ein junger Offizier hinzu und versetzte
dem Angreifer einen so heftigen Schlag ins Gesicht, daß er taumelnd
zur Seite fiel und die andern Eingeborenen im ersten Augenblick der
Ueberraschung so weit zurückwichen, daß die Unserigen Gelegenheit fanden
in die Boote zu springen, worauf die Eingeborenen keinen weitern Angriff
wagten, sondern sich zurückzogen.
Daß mir von diesem Vorfall, welcher zeigt, wie streng die Eingeborenen
an der Heiligkeit ihres Tabu festhalten und wie sie in ihrem Drang nach
Rache weder unserer bewaffneten Boote noch des in allernächster Nähe
liegenden Schiffes achteten, so spät erst Kenntniß gegeben wurde, bedaure
ich deshalb lebhaft, weil ich sonst gleich dem Engländer anheimgegeben
hätte, mit auf unser Schiff zu kommen und die Insel zu verlassen, da ich
es nicht für unmöglich halte, daß die Eingeborenen, um den Bruch des Tabu
zu sühnen, auf ihn als Opfer zurückgreifen, wenngleich andererseits aus
dem Umstande, daß sie nur die Ueberlassung des Schuldigen forderten und
keinen allgemeinen Angriff ausführten, gefolgert werden dürfte, daß sie
einen Unschuldigen nicht zur Verantwortung ziehen werden. Nachträglich
nach Savo zurückzukehren, hatte aber keinen Zweck, da die Gewaltthat, wenn
sie überhaupt geschehen sein sollte, sich jedenfalls gleich nach unserer
Abreise abgespielt hat und es mir unmöglich gewesen wäre, in der mir zur
Verfügung stehenden Zeit die Wahrheit zu erfahren. Ist der Mord geschehen,
dann würde ich bei unserer Rückkehr das Dorf verlassen gefunden haben und
hätte bei einem Streifzug durch die dichtbewaldete Insel wahrscheinlich
keinen andern Erfolg gehabt, als noch einige Menschenleben auf das Spiel
zu setzen ohne etwas Wesentliches zu erreichen.
Die weitere Reise bis hierher zeichnete sich durch Einförmigkeit des
regnerischen windstillen Wetters aus; nur unser Tisch fand eine kleine
Abwechselung durch die mitgenommenen Buschhuhneier, wenn dieselben auch
gerade keine besondere Delicatesse waren. Hart oder weich gekocht sind
sie für unsern Gaumen überhaupt ungenießbar, und die einzige Form, in
welcher das Gericht angenommen wurde, war die eines stark gepfefferten
Rührei, aber auch in dieser genügten wenige Bissen der tiefrothen Speise
zur vorläufigen Sättigung.
16. Januar vormittags.
Wegen des uns gebliebenen nur geringen Kohlenvorraths habe ich während
der Nacht einen Umweg gemacht und bin an der Südküste von Savai’i entlang
gesegelt, um den dort stehenden Passatwind zu benutzen; derselbe brachte
uns auch bis zur Ostspitze der Insel, starb aber dann in der Nähe des
Landes ab, sodaß wir seit heute Morgen 5½ Uhr wieder unter Dampf sind.
Dieser Umweg führte mich übrigens heute Morgen dicht an die kleine Insel
Apolima, welche auch einer kurzen Erwähnung werth ist.
Sie ist ein erloschener Krater, dessen Sohle noch etwas unter der
Meeresoberfläche liegt und dessen Ränder sich 100-150 m über dieselbe
erheben, jedoch an der Nordseite an einer Stelle einen Einschnitt bilden,
durch welchen bei ruhiger See und Hochwasser auch größere Boote in den
Krater und in die dort gebildete Lagune fahren können. Die Ufer der
Lagune sind mit so üppigem Pflanzenwuchs bedeckt, daß eine große Zahl
von Eingeborenen hier alles für sie zum Leben Nothwendige finden kann,
wenn auch in der Regel hier nur etwa 100 Menschen leben. Die Insel hat
nun für die hiesigen Verhältnisse insofern eine besondere Bedeutung, als
die Samoaner sie für eine unüberwindliche Festung halten und ihr Besitz
die Eingeborenen gegen fremde Forderungen oft trotziger macht, als sie es
sonst wol sein würden. Sie gehört eigentlich zu der kleinen Insel Manono
und hat diesem District von jeher in allen politischen Fragen ein gewisses
Uebergewicht verliehen. Die Annahme ihrer Unüberwindlichkeit stützt sich
darauf, daß Boote oder Kanus an den Außenrändern überhaupt nicht anlegen
können, mit Ausnahme einer kleinen Stelle, wo dies aber auch nur bei ganz
ruhiger See, welche sich in solcher Gestalt jährlich vielleicht einigemale
zeigt, erfolgen kann. Eine Landung hier sichert aber auch noch keinen
Erfolg, weil von dem Landungsplatz aus nur ein schmaler Fußpfad nach oben
führt und so steil ansteigt, daß einige von oben heruntergeworfene große
Steine genügen müssen, den Weg zu säubern oder frei zu halten.
Der Wasserweg durch den Felseinschnitt in die Lagune ist für gewöhnlich
nur den leichten Kanus offen, da, wie schon erwähnt, größere Boote
hier auch nur bei ganz ruhiger See die Einfahrt wagen können und zum
Ueberfluß der Kanal so schmal ist, daß zur Zeit nur ein Boot einlaufen
kann und dieses von den hinter den Felsen in sicherer Deckung liegenden
Schützen auf kürzeste Entfernungen ein so scharfes Feuer erhalten kann,
daß kaum ein Mann den Versuch überstehen dürfte. Schließlich wird der
Einschnitt noch durch einen im Meere liegenden Felsen derart gedeckt, daß
dieser sich für ein außerhalb vorbeifahrendes Schiff als Schild vor den
Einschnitt schiebt und das Schiff daher auch von dort aus keinen Gebrauch
von seiner Artillerie machen kann; und hierauf sind die Samoaner ganz
besonders stolz, weil bisher noch kein Schiff zwischen Insel und Fels
hindurchgefahren ist und sie daher glauben, daß dies nicht möglich ist.
Dies alles war mir bekannt, als ich heute Morgen um die Ostspitze von
Savai’i herumdampfend auf Apolima zulief, und deswegen kam mir wol der
Gedanke, einmal zwischen Fels und Krater durchzusteuern, um den Samoanern
den Glauben an die Unüberwindlichkeit ihrer Festung zu nehmen und mir
damit vielleicht ein Druckmittel zur Beschleunigung des Vertragsschlusses
zu verschaffen. Die Karte zeigt zwar eine genügende Wassertiefe, ich holte
aber doch noch den Rath meines halbweißen Lootsen ein, auf dessen Angaben
ich hier sicher bauen konnte. Er erklärte das Fahrwasser als ganz rein von
Untiefen, und da die Entfernung zwischen Fels und Apolima auch ausreichend
ist, um mit einem gut steuernden Schiff hindurchzufahren, so ließ ich
die „Ariadne“ als erstes Schiff diesen Weg nehmen. Die hohe Dünung war
mir allerdings etwas hinderlich und die Enden unserer Raaen kamen beim
Schlingern des Schiffes in so bedenkliche Nähe der Kraterwände, daß ich
nach der andern Seite hin dicht an den Fels bis auf 8 m Wassertiefe
herandrehen mußte; doch war dies natürlich nur für einen Augenblick.
Um sicher zu gehen, mußte ich das Schiff mit großer Geschwindigkeit
durch die Enge laufen lassen, sodaß mir keine Zeit blieb, das Innere
des Kraters genauer zu betrachten. Ich sah zur Seite und oben nur eine
schwarze Felswand, unten starke Brandung; ein Lichtblick, wo sich dem Auge
die ruhige Lagune mit Kokospalmen und Brotfruchtbäumen, Hütten, Kanus,
Menschen und blauem Himmel zeigte; wieder eine dunkle schwarze Felswand
und das Augenblicksbild lag hinter uns.
Noch heute Vormittag werden wir in Apia sein und ich bin sehr gespannt,
wie sich unsere Angelegenheiten dort nun abwickeln werden; aber
entschlossen bin ich, die Sache nunmehr zu einem Ende zu führen, sollte
ich auch den gordischen Knoten mit dem Schwert durchhauen müssen.
Abends.
Bei unserer Ankunft hierselbst wurden mir zwei Ueberraschungen
zutheil, eine sehr angenehme, nämlich unser Kanonenboot „Albatros“ hier
vorzufinden, welches zur Verstärkung der Station vor zwei Tagen von
Japan aus hier eingetroffen ist und uns die Freude macht, einmal wieder
liebe altbekannte Gesichter sehen zu können, mir auch die Möglichkeit
gibt, unsere Post von Levuka abholen zu lassen, da ich mit der „Ariadne“
zur Zeit Apia nicht verlassen kann, und wir doch seit vier Monaten ohne
alle Nachrichten von der Heimat und Europa überhaupt sind. Die zweite
Ueberraschung ist weniger angenehmer Natur und bedeutet wieder einmal
innere Unruhen im Samoa-Reich. Die Tuamasanga (mittlerer District von
Upolu) hat während unserer Abwesenheit im Verein mit Manono, und heimlich
von dem größten Theil von Savai’i unterstützt, Malietoa den Aeltern,
Oheim des letzten Königs gleichen Namens, nach Mulinu’u gebracht, ihn
dort vor der versammelten Taimua als König ausgerufen und ihn trotz des
Widerspruchs der Regierungsgewalten in Mulinu’u eingesetzt, wo er jetzt
unter dem Schutz der Regierung lebt, da die Taimua sich nicht stark genug
fühlt, den ihr von der Tuamasanga für den Fall der Ausweisung Malietoa’s
angedrohten Krieg aufzunehmen, obgleich sie sich auf die im letzten Krieg
siegreiche und den Malietoas feindlich gesinnte Partei der Tupuas stützt.
Es bestehen nämlich hier zwei große sogenannte Königsparteien: die
Anhänger der Familie Malietoa und die der Familie Tupua. Die letztere ist
nach den Ueberlieferungen die ältere (tupu ist der samoanische Begriff für
„König“) und glaubt das größere Anrecht an den Thron zu haben, wogegen die
Familie Malietoa ihn während der letzten zwei Jahrhunderte, soweit eine
derartige Zeitrechnung nach den mündlichen samoanischen Ueberlieferungen
überhaupt möglich ist, im Besitz hatte. Die Malietoas entstammen übrigens
auch der Familie Tupua. In alten Zeiten hat ein jüngerer Sproß dieser
Familie die Samoa-Inseln von der Fremdherrschaft der Tonganer befreit,
dafür von dem Volk den Namen „'malietoa'“, welcher gleichbedeutend mit
„großer Held“ oder „starker Hort“ ist, erhalten und ihn von da ab als
Familiennamen angenommen. Man sollte nun meinen, daß es gleichgültig sei,
aus welcher der beiden Familien der König gewählt wird, wenn nur überhaupt
eine Wahl dem Hader endlich ein Ende macht, dem ist aber nicht so, denn
der Tupuas gibt es so viele, daß fast jedes Dorf den Thron für seinen
Tupua in Anspruch nimmt. Dagegen haben die Malietoas den großen Vorzug,
daß deren männliche Nachkommen nur noch in zwei Vertretern bestehen und
diese sich geeinigt haben, da der frühere König die jetzige Wahl seines
Oheims ebenfalls billigt. Doch ich will nicht weiter auf die innern
samoanischen Verhältnisse eingehen, die für uns nur soweit Interesse
haben, als sie unsere Vertragsangelegenheit berühren, in welcher Beziehung
ein neuer König uns allerdings neue Schwierigkeiten machen könnte. Doch
sind der Consul und ich dahin übereingekommen, daß wir die alte Regierung,
welche immer noch am Ruder ist und den Malietoa nur als Scheinkönig unter
sich duldet, als noch zu Recht bestehend ansehen und uns an die von ihr
gegebenen bindenden Versprechungen halten.
Zu meiner großen Freude habe ich heute Abend noch gehört, daß hier am
Lande unter den Eingeborenen eine hochgradige Aufregung darüber herrscht,
daß unser Schiff durch die Enge bei Apolima gegangen ist. Die Samoaner
sind deshalb sehr niedergeschlagen und sollen das Stichwort gegeben haben,
daß ihre Festung durch uns ihre jungfräuliche Reinheit verloren hat. Ich
denke, daß sich dies für unsere Angelegenheiten als nützlich erweisen
wird.
26. Januar, morgens 2 Uhr.
Seit einigen Stunden sind wir auf dem Wege nach Auckland, um den mit
den Samoa-Inseln abgeschlossenen Freundschafts- und Handelsvertrag noch
mit der am 5. Februar von dort abgehenden Post nach Europa senden zu
können. Diese für das Reich scheinbar so kleine unbedeutende Sache hat
den näher dabei Betheiligten so viel Kopfzerbrechen gemacht, daß es mir
ein Bedürfniß ist, der Befriedigung über den schließlichen Erfolg hier
schriftlichen Ausdruck zu geben und sogar die Nacht dazu zu benutzen, da
ich nur nach Erledigung dieser Arbeit eine Beruhigung meiner aufgeregten
Nerven erwarten darf. Leicht wurde es uns nicht gemacht, alle diese
Gegenströmungen, welche sich unsern Forderungen entgegenstellten, zu
überwinden, aber unser fester Entschluß, die Sache nunmehr zu einem
Abschluß zu bringen, und die Gewißheit für die Samoaner, bei fernern
Winkelzügen von mir in der Folge noch härter als bisher angefaßt zu
werden, ließ sie schließlich, und noch schneller als wir hoffen durften,
all unsere Forderungen erfüllen. Da der Verlauf der Angelegenheit einen
ganz interessanten Einblick in die Art und Weise der Eingeborenen bei
solchen Verhandlungen gewährt, so mag derselbe hier in allgemeinen
Umrissen Aufnahme finden.
Als die Taimua am 17. Januar sich bereit erklärt hatte, am 22. in die
Verhandlungen über den Abschluß des Vertrags einzutreten, suchten unsere
Gegner dies auf alle Weise zu vereiteln, und hierbei spielten der früher
genannte Herr Bartlett, welcher noch immer auf seine Ernennung zum Ersten
Minister wartet, sowie die französischen Priester eine hervorragende
Rolle. Als eine Folge dieser Einflüsse durften wir wol die Mittheilung
der Taimua, daß der Herr Bartlett in die samoanische Regierung eintreten
und dann als ihr Bevollmächtigter an unsern Verhandlungen theilnehmen
würde, betrachten. Wir beantworteten diese Mittheilung mit der Erklärung,
daß, solange die Verhandlungen mit uns nicht zu einem Ergebniß geführt
hätten oder abgebrochen seien, an der Regierungsform nichts geändert
werden dürfe, und fügten die Anzeige hinzu, daß ich am 25. nachmittags
Apia verlassen würde, bis dahin also der Vertrag abgeschlossen sein müsse,
widrigenfalls die Samoa-Regierung die Verantwortung für die Folgen des
stattgehabten Bruchs zu tragen haben würde. Wir waren zu der Erkenntniß
gekommen, daß wir nunmehr schnell zum Ziele kommen mußten, wenn wir
überhaupt noch auf einen Erfolg rechnen wollten, und setzten daher den
kurzen Termin, nachdem die Samoaner sechs Monate Zeit gehabt hatten, sich
mit der Sache eingehend zu beschäftigen. Der Herr Bartlett kam nicht in
die Regierung, aber die Samoaner wollten auch nicht nachgeben, trotzdem
sie uns fürchteten und deshalb nicht mit uns brechen wollten. Eine gewisse
Schwüle lag wieder einmal über Apia, Regierungsmitglieder suchten den
Consul wie mich auf, sprachen über den Vertrag, fragten, ob wir sie mit
Krieg überziehen würden, wenn der Vertrag nicht zu Stande käme, und was
sonst noch Ueberflüssiges gefragt und beantwortet werden konnte. Als einen
weitern Druck benutzte ich auch einen Besuch von Saluafata, bei welchem
mich auf meine Einladung hin zwei Mitglieder der Taimua begleiteten, um
den Leuten unser noch bestehendes Besitzrecht an diesen Platz vor Augen
zu führen.
Am 22. mittags 1 Uhr sollten die Verhandlungen beginnen, da zu dieser
Zeit die erste Zusammenkunft der beiderseitigen Bevollmächtigten im
deutschen Consulat anberaumt war, und wir waren einigermaßen überrascht,
die Herren Samoaner pünktlich erscheinen zu sehen. Nach zweistündiger
Verhandlung baten sie, allein gelassen zu werden, um den Vertragsentwurf
noch einmal unter sich durchberathen zu können, und verließen erst
gegen Abend das Consulatsgebäude, wobei sie so vorsichtig waren, sich in
keiner Weise über das Ergebniß ihrer Berathungen auszusprechen. Als am
23. morgens die Lage wieder für uns bedenklich schien, forderten wir von
unsern samoanischen Collegen noch für denselben Tag bis spätestens 5 Uhr
nachmittags eine bestimmte Antwort, ob sie den Vertrag annehmen würden
oder nicht, oder welche Aenderungen sie vorzuschlagen beabsichtigten, da
ich meine auf den 25. angesetzte Reise nicht hinausschieben könne, der
Vertrag daher bis dahin angenommen oder abgelehnt sein müsse. Nachmittags
4 Uhr erklärten die samoanischen Bevollmächtigten, keine Aenderungen zu
unserm Vertragsentwurf vorschlagen zu können und daß sie denselben in der
ihnen vorgelegten Fassung annähmen. Und als ich darauf die Zurückgabe von
Saluafata und Falealili noch vor meiner Abreise für den Fall zusagte, daß
die in dem Vertragsentwurf vorgesehene gleich zu erfolgende Ratificirung
des Vertrags durch die Samoa-Regierung erfolge, auch versprach, die
samoanische Flagge zu salutiren, was bisher noch nicht geschehen war
und worauf die Bevollmächtigten großen Werth legten, schwanden auch
die anfänglich gegen eine vorzeitige einseitige Ratificirung geltend
gemachten Bedenken. Am 24. nachmittags 2 Uhr wurden die beiden Originale
des Vertrages unterschrieben, am 25. zu gleicher Stunde waren dieselben,
von der Taimua und Faipule ratificirt, wieder im Consulat, in der
Zeit von 2-4 Uhr wurden die von der deutschen Factorei zur Erwiderung
unsers Saluts entliehenen Kanonen nach Mulinu’u geschafft, um 5 Uhr
salutirte ich die samoanische Flagge und verließ um 6½ Uhr, nachdem
der letzte Erwiderungsschuß vom Lande gefallen war und ich vorher noch
den Commandanten des „Albatros“ beauftragt hatte, die Beschlagnahme von
Saluafata und Falealili wieder aufzuheben, Apia mit dem Bewußtsein, daß
das von deutschem Fleiß und deutscher Energie bisher auf den Samoa-Inseln
Erworbene unsern Landsleuten nunmehr gesichert ist und diese keine fremden
Abenteurer mehr zu fürchten haben, da der Vertrag sie gegen die Willkür
einer jeden Eingeborenen-Regierung schützt und eine fremde Macht jetzt
auch nicht mehr ohne die Zustimmung Deutschlands ihre Hand auf diese
schönen Inseln legen kann. Vor allem aber ist ein sicherer Wall gegen
das Vordringen der ausdehnungslustigen Colonisten von Neu-Seeland nach
dem Norden geschaffen und hierin liegt meines Erachtens der Hauptwerth
dieses Vertrages. Nachdem Deutschland durch einen Freundschaftsvertrag
mit den Tonga-Inseln diese gegen fremde Besitzergreifung gesichert
hatte, mußte es das Streben der Neuseeländer sein, Samoa zu gewinnen, um
dieses als Zwischenstation für den Handel mit den nördlicher gelegenen
Inseln zu benutzen, da diese von Neu-Seeland zu weit abliegen. Wäre
ihnen dies rechtzeitig gelungen, dann würden sie die Deutschen mit der
Zeit wieder verdrängt haben, was ihnen jetzt nicht mehr möglich ist. Die
Bedeutung dieses Vertrages erstreckt sich daher bis zu den Kingsmill-
und Marshall-Inseln. Die Ueberlassung des Hafens von Pago-Pago an
Amerika zwang uns auch noch, zur Aufrechterhaltung des Princips der
Gleichberechtigung für Deutschland ebenfalls eine Kohlenstation zu
fordern, und diesem Umstande verdanken wir die Gewinnung von Saluafata,
des besten Hafens in der Samoa-Gruppe, da er bei ebenfalls vollständiger
Sicherheit gegen alle Winde noch Vortheile besitzt, welche Pago-Pago nicht
hat, und außerdem, was von großer Bedeutung ist, in allernächster Nähe
von Apia liegt.
So können wir nun mit vollständiger Ruhe den auf den Inseln sich
vorbereitenden Unruhen entgegensehen, da es außer Zweifel ist, daß die
vorläufige Einsetzung Malietoa’s noch zu weitern Conflicten führen wird.
Wir erhoffen nur von der Anerkennung Malietoa’s als König durch ganz Samoa
geordnete Zustände auf den Inseln, glauben aber nicht, daß sich diese
Anerkennung auf friedlichem Wege vollziehen wird, weil die beiden sich
gegenüberstehenden Parteien zu gleich an Kräften sind und jede den Krieg
einer freiwilligen Unterwerfung vorziehen wird. Das Bedauerlichste hierbei
ist nur, daß die Samoaner durch ihre Art der Kriegführung wirthschaftlich
immer mehr herunterkommen, da sie nur durch den Verkauf ihrer Ländereien
sich das Geld für Waffen und Munition verschaffen können, und dann kein
Zureden zur Festhaltung ihres Landes hilft. Sie geben es um jeden Preis
weg und dann müssen natürlich die großen Häuser, obgleich sie schon
übergenug besitzen, doch in erster Reihe das angebotene Land zu erwerben
suchen, da, wenn das gute Geschäft überhaupt gemacht werden muß, jeder es
zu machen suchen wird. Andere Folgen hat der Krieg für die Samoaner nicht,
da derselbe während einer mehrmonatlichen Dauer selten mehr als zwei oder
drei Menschenopfer fordert.
15.
Neu-Seeland.
2. März 1879.