Oben beim Hause des Herrn Brown angelangt finden wir eine Reihe Stühle

aufgestellt, mit den Lehnen dem freien Platze vor dem Hause zugekehrt.

Die Stühle sehen daher nach dem Platze, auf welchen der Hohlweg, den

wir gekommen, mündet und welcher an einer steil abfallenden Felsenwand

vorbeiziehend rechts wieder als tiefer Hohlweg weiter nach oben steigt.

Meine Mannschaften nehmen hinter der Stuhlreihe Aufstellung; wir

eigentlichen Gäste werden gebeten auf den Stühlen Platz zu nehmen, und

ich erhalte den Ehrenplatz in der Mitte, zu meiner Rechten Frau Brown, zu

meiner Linken die junge Missionarsfrau. Im Walde ist es inzwischen still

geworden, von Eingeborenen sind nur drei mit Hüfttüchern bekleidete Frauen

bei uns, darunter auch die einäugige von Topulu. Es waren nämlich von Frau

Brown nur solche Frauen zugelassen worden, welche im Stande waren, sich

etwas zu bekleiden; auf die Männer aber erstreckte sich, wie wir nachher

sahen, ihr Einfluß nicht. Kurze Zeit nachdem wir Platz genommen, hören wir

rechts aus dem Hohlweg von der Höhe ein dumpf grollendes Brüllen, wie das

eines Löwen, welches links aus dem Hohlweg aus der Tiefe beantwortet wird

und nun ununterbrochen Schlag auf Schlag folgt; es ist ein von mehrern

hundert Kehlen gleichzeitig ausgestoßener, tiefer, langgezogener Ton,

welcher mit einem in der Quint liegenden kurz herausgestoßenen höhern Ton

jäh abschließt. Das Brüllen wird stärker und stärker, in den Hohlwegen

werden Menschen sichtbar, braune dicht aneinandergedrängte nackte Männer,

den Kopf zwischen die Schultern gezogen, in der erhobenen Rechten den

wurffertigen Speer. Wie der Heerwurm wälzen und schieben sich diese

Menschenströme langsamen Schrittes in dem Takte des Brüllens nach dem vor

uns liegenden Platze zu, quellen wie gestautes Wasser aus den schmalen

Gassen heraus und überfluten schließlich den ganzen Platz. An 1000 Krieger

dringen mit erhobenen Speeren aufeinander ein, für das Auge wie ein

träger, aber alles vor sich niederwerfender Lavastrom, bleiben aber wie

angewurzelt stehen und verstummen, als die Reihen der linken Partei sich

öffnen und aus ihrer Mitte das schöne Dug-Dug-Kanu herausgetragen wird

und neben diesem auf den Schultern zweier Männer King Dick mit seiner

Blechkrone auf dem Kopfe erscheint. Daß Topulu nicht in dem Kanu sitzt,

sondern sich nebenhertragen läßt, ist die einzige Abweichung von dem

wirklichen Dug-Dug. Topulu läßt sich neben dem Kanu einmal die Reihen

auf- und abtragen, dann treten die Eingeborenen zurück und stellen sich

an der uns gegenüberliegenden Felsenwand auf. Das Kanu wird zur Seite

hingestellt und die Führer der beiden Parteien, Topulu und Torragud,

kommen zu uns. Kaum ist der Platz frei, so brechen aus dem umliegenden

Buschwerk die Dug-Dugs einzeln hervor, vereinigen sich hüpfend in der

Mitte des Platzes, schweben wie Irrlichter richtungslos hin und her und

sinken zu beiden Seiten ihrer Krieger wie ein eingeschobenes Fernrohr

zusammen. Sie haben sich nur gesetzt, da aber jetzt der Laubrock noch so

unverhältnismäßig hoch ist, sieht es aus, als ob sie bis über die Knie

in die Erde eingesunken wären, und sie geben so einen noch wunderlichern

Anblick als vorher. Jetzt ist die Zeit für die Haupthandlung gekommen.

Topulu tritt mit einem sogenannten Ziegenhainer, einem 3 cm dicken Stock

vor, ruft einen Namen, ein Häuptling springt vor, stellt sich, uns den

Rücken zukehrend, drei Schritte vor uns auf; Topulu holt aus und zieht

dem Manne einen Hieb über den Rücken, daß wir die Knochen knacken zu

hören glauben und der Mann halb zusammenbricht, wendet sich dann zu uns,

zeigt mit der rechten Hand nach seinen Leuten, ruft mit grinsendem Gesicht

aus: „'me look out!'“ und verschwindet dann mit einigen Sprüngen wieder

in dem Menschenknäuel. Darauf ruft Torragud einen Häuptling aus seiner

Partei und dieselbe Scene wiederholt sich. Der Sinn dieser drastischen

Schaustellung ist, daß die beiden Häuptlinge berufen sind, die Innehaltung

des Tabu-Gesetzes zu überwachen, und der Schlag soll sie stets an ihre

Pflicht erinnern. Damit ist der Dug-Dug für heute, oder doch wenigstens

für uns beendet, ich kann aber mit demselben noch nicht abschließen,

ohne der merkwürdigen Thatsache, daß die beiden Missionsdamen dieser

Schaustellung in unserer Mitte beigewohnt haben, einige Worte zu widmen.

Diese Thatsache gibt mir eben den Beweis, wie wenig das moralische Gefühl

durch die Kleidung bedingt wird, und wie schon eine Gewöhnung von wenig

Wochen ausreicht, sogar dem Auge einer der sonst als ziemlich prüde

bekannten Engländerinnen der bessern Stände das vertraut zu machen, was

die Natur geschaffen hat, sofern wir es in ungekünstelten Verhältnissen

sehen.

Als Erwiderung des uns von den Eingeborenen gegebenen Festes ordnete ich

an, daß unsere Mannschaften einen Scheinangriff auf das Missionshaus

machen und den Platz im Sturm nehmen sollen. Unsere Truppe marschirte

ab und während dessen werden die Stühle weggeräumt. Die Damen und die

Herren vom Civil werden gebeten, auf der Veranda des Hauses Aufstellung

zu nehmen, wo sich dann auch noch die Brown’schen Kinder einfinden. Die

Eingeborenen werden da aufgestellt, wo die Stühle gestanden hatten, und

die nicht beim Manöver betheiligten Offiziere stellen sich mit mir vor

die Eingeborenen, um sie vor der Furcht zu bewahren, daß der Angriff etwa

ernst gemeint sein könne. Hornsignale belehren uns, daß die Truppe im

Anzuge ist, bald hören wir Gewehrfeuer und sehen an den Pulverwölkchen,

daß die Teufelskerle von Tirailleuren theilweise wahrhaftig die steile

Klippe genommen haben und eben mit ihren Köpfen über deren Rand zum

Vorschein kommen, um den ganzen Platz einzuschließen. Huschende und wieder

im hohen Gras verschwindende Gestalten, langsames und bedachtsames Feuer

von zwei Seiten, dann tritt die Sturmcolonne aus dem Waldessaum, ordnet

sich schnell vor demselben, eine Salve, kurzes Avanciren, noch eine Salve,

dann Gewehr zur Attake rechts, die Tamboure schlagen an, die Sturmcolonne

geht vor und unter den rauschenden Klangwellen des Avancirmarsches stürmt

sie, eine feste Wand in der Sonne glitzernder Bajonette, mit Hurrah

auf das Haus. Ein Hornsignal! und wie vom Blitz getroffen stehen unsere

Matrosen in Reih und Glied vor dem Hause, weitere Befehle erwartend. Ein

Schauer durchrieselt den Körper wol eines jeden Zuschauers bei diesem

schönen militärischen Spiel, welches durch sein lebendiges Tempo, durch

die entwickelte muthige Kraft und die Schnelligkeit der ganzen Aktion

in so lebhaftem Gegensatz zu dem furchtsamen, bedächtigen Vorschreiten

der Eingeborenen steht. Diese scheinen verzaubert, mit starren Blicken

und offenem Munde stehen sie da wie aus Stein gehauen. Unsere Truppen

marschiren ab, die Eingeborenengruppen lösen sich auf, und wir nehmen noch

eine kleine Erfrischung im Hause ein, während unsere Musik vor demselben

einige Stücke spielt.

Da ich am nächsten Vormittag Makada für immer verlassen wollte, so mußten

wir heute von der Familie Brown Abschied nehmen, und dies veranlaßte mich

bald aufzubrechen, da man sah, wie plötzlich allen der Trennungsschmerz

in den Gliedern lag. Es mag sonderbar scheinen, daß diese wenigen Tage

des Beisammenseins solche Gefühle erzeugen konnten, aber wenn Menschen

von annähernd gleicher Gesinnung sich an solch isolirtem Punkte der Erde

begegnen, dann arbeiten die Gefühle anders als in einer unter dem Segen

der Civilisation liegenden Stadt. Mir wurde der Abschied von diesen

guten Menschen schon schwer, wie viel schwerer mußte ihnen derselbe sein,

die mit unserm Weggehen wieder alles verloren, was sie in körperlicher

Gestalt für kurze Zeit an die ferne Heimat, an das Vorhandensein

gleichgesinnter Menschen erinnert hatte. Ich machte die Sache kurz; die

Art des letzten Händedrucks und die in den Augen der Damen schimmernden

Thränen sagten uns allen, daß es nach menschlicher Berechnung ein Scheiden

auf Nimmerwiedersehen war. Auf dem Rückweg lagen wir so sehr unter dem

Bann des Abschieds, daß wir keinen Sinn hatten für das Leben im Walde,

welches die heimkehrenden Dug-Dugs begleitete. Den Strand fand ich auch

vereinsamt, da unsere Boote ja längst zum Schiffe zurückgekehrt waren

und meine vereinsamte Gig sich im Gegensatz zu dem Leben und Treiben bei

unserer Landung fast trübselig ausnahm. Auf dem Wasser allerdings fanden

wir wieder Leben, da wir während des Rückweges zu unserm schwimmenden Heim

von Kanus und heimkehrenden wiegenden Dug-Dugs umschwärmt waren. Der Abend

fand alle deutschen Herren bei mir an Bord, um den letzten Abend an diesem

weit vorgeschobenen Posten deutschen Unternehmungsgeistes noch gemeinsam

zu verbringen, denn am nächsten Morgen sollten wir ja auch voneinander

Abschied nehmen; wenn auch nicht für immer, so doch sicher für viele

Jahre.

Am 20. vormittags 10 Uhr, nachdem Herr Brown mir noch einige Andenken

geschickt hatte, schlossen wir mit dem Lande ab; die deutschen Herren

verließen das deutsche Kriegsschiff, als der Anker gelichtet war.

Tiefbewegt war ich, als die „Ariadne“ den ersten deutschen Hafen in diesem

Theil der Erde -- da ich hoffe, ihn schon jetzt so nennen zu dürfen --

verließ. Wenn man vorwärts eilt, bieten sich dem Auge stets neue Bilder,

dem Geiste andere Eindrücke, und so wurden auch gar schnell meine Sinne

anderweit gefesselt. Oben auf der Klippe weht die englische Flagge an

Herrn Brown’s Flaggenmast, um den Fuß desselben und am Rande der Klippe

ist alles, was in der Nähe lebt, versammelt. Ich halte nach dem Lande ab

und laufe mit langsam gehender Maschine so dicht an der steilabfallenden

Küste entlang, daß man von oben in das Schiff hineinsehen kann. Die Flagge

oben senkt sich zum Gruße, unsere erwidert den Gruß, Tücher und Hände

winken uns ein letztes Lebewohl, unsere Matrosen entern in die Wanten und

antworten mit drei jauchzenden Hurrahs, in welchen keine Trauer liegt,

sondern nur reine Freude, denn mit dem Verlassen dieses Himmelsstriches

rücken wir der Heimat wieder eine Etappe näher, wenngleich wir uns

räumlich mehr von ihr entfernen. Die Musik stimmt einen fröhlichen Marsch

an, die Maschine arbeitet mit voller Kraft und nach zehn Minuten biegen

wir um eine Ecke und sind gegenseitig unsern Blicken entrückt.

Um 1 Uhr mittags lagen wir wieder im Hafen von Meoko, wo sofort die

ganze Bevölkerung zusammengetrommelt wurde, um noch, Tag und Nacht

durcharbeitend, soviel Holz wie möglich für mich zu schlagen. Herr

Weber begab sich sogleich an die Arbeit, um mit den durch Agenten darauf

vorbereiteten Häuptlingen das Kaufgeschäft über den Hafen endgültig zu

vereinbaren, während ich mit einem hier bekannten Herrn einen Spaziergang

in das Innere der Insel machte. Hierbei kamen wir auch an eine schmutzige

Hütte, in welcher, wie mein Begleiter mir sagte, einer der ersten

Häuptlinge von Meoko schwer krank darniederlag. Ich wollte den Mann gern

sehen, ihm aber auch durch unsern Arzt womöglich Hülfe oder Linderung

bringen lassen. Wir klopfen daher an, ein altes häßliches Weib öffnet uns,

springt uns aber dann laut kreischend mit solchem Geifer entgegen, daß

wir scheu zurücktreten. Mein Begleiter gibt mir gleich die Aufklärung,

daß jeder unerbetene Besuch eines Häuptlings, zu welchen alle Weißen

rechnen, mit Diwarra bezahlt werden muß und daß diese Sitte schon manchem

harmlosen Europäer das Leben gekostet habe. Denn da der Eingeborene

diese Sitte nicht umgehen könne, so bleibe ihm nur die Wahl, entweder zu

zahlen oder zu tödten, und bei der allgemein verbreiteten Geldgier zöge

er, wenn irgendmöglich, lieber das letztere vor, als ein fingerlanges

Stück Diwarra herzugeben. Und aus solchem Todtschlag wird dann gar häufig

die Blutdürstigkeit des Menschenfressers gefolgert, während er sich

selbst als in der Nothwehr befindlich betrachtet. In Wirklichkeit sind

diese Eingeborenen, wenn man sie unbehelligt läßt, arbeitsame und im

allgemeinen harmlose Geschöpfe. Die Alte war übrigens bald beruhigt, als

mein Begleiter ihr Taback versprach, welchen sie sich von der Factorei

holen könne. Sie schenkte mir nun ein 20 cm langes Stück Diwarra,

während sie mir erst ein 50 cm langes zugedacht hatte. Aber ehe es in

meine Hand gelangte, zog sie es schnell zurück, sah mich an und schnitt

gierig noch ein kleines Stück ab und wiederholte dieses Manöver so lange,

bis wir ungeduldig wurden und mein Begleiter ihr das schon auf 20 cm

eingeschrumpfte Stück entriß. Jetzt ließ sie uns eintreten und in einem

Winkel fanden wir den weiß angestrichenen armen alten Teufel, welchem

ich nach dem Rath meines Begleiters leider nicht helfen durfte, denn wenn

unser Arzt ihm etwas gäbe und der Mann stürbe doch, dann würden wir der

Vergiftung bezichtigt und die Folge würde wahrscheinlich die Ermordung

eines Weißen sein; ja, schon der Besuch des weißen Medicinmannes würde

im Falle des eintretenden Todes als Zauberei hingestellt werden. So mußte

ich den armen Kerl seinem Schicksal überlassen.

Gestern Morgen, am 21. December, habe ich den Hafen von Meoko in derselben

Weise wie den von Makada gekauft, und da um 10 Uhr auch das Holz an

Bord war, konnten wir um 10½, Uhr den zweiten deutschen Hafen verlassen

und streben jetzt mit Macht den Samoa-Inseln wieder zu, weil es für die

dortigen Interessen die höchste Zeit ist, daß der Consul und ich dahin

zurückkehren. Deshalb habe ich auch das beabsichtigt gewesene Anlaufen

einiger Inseln der Salomons-Gruppe aufgegeben und will mich mit nur einem

zwei- bis dreistündigen Aufenthalt auf Savo begnügen.

14.

Samoa.

III.

15. Januar 1879.

Die Samoa-Inseln sind wieder einmal in Sicht. Schon heute Morgen 8

Uhr sahen wir für kurze Zeit Savai’i, als wir noch 70 Seemeilen davon

abstanden, doch es verschwand bald wieder hinter Wolken und ist erst

vor zwei Stunden, um 4 Uhr nachmittags, wieder zum Vorschein gekommen.

Wir werden wol morgen Vormittag in Apia eintreffen und wenn dies auch

nicht am 1. Januar, wie ursprünglich geplant, geschehen ist, so wird die

Verzögerung doch nicht viel ausmachen, da Herr Weber während der Reise

genügende Muße gefunden hat, das Vertragsinstrument soweit auszuarbeiten

und in Deutsch, Samoanisch und Englisch (das letztere Exemplar für den

zu den Verhandlungen mit heranzuziehenden Dolmetscher bestimmt) fertig

zu stellen, daß es von den beiderseitigen Bevollmächtigten nach einer nur

kurzen Prüfung unterschrieben werden kann.

Die Reise hierher ging durch den tropischen Hochsommer, welcher durch

windstilles schwüles Wetter und häufige Regenfälle gekennzeichnet ist.

Die Folge der Windstillen war, daß wir den größten Theil unter Dampf

zurücklegen mußten und das Maschinenpersonal somit die Hauptarbeit zu

tragen hatte, welche namentlich für die Heizer vor dem Feuer sehr schwer

war, aber auch von dem Commandanten empfunden wurde, da dieser bei

solchen Gelegenheiten gewöhnlich mit viel Unverstand zu kämpfen hat. So

wurde mir eines Tages, bald nach unserer Abfahrt von Meoko, die Meldung

gemacht, daß die Heizer vor den Feuern umfielen, und die Forderung an

mich gestellt, diesen Leuten regelmäßige Branntweinrationen verabfolgen

zu lassen, trotzdem man wußte, daß ich ein entschiedener Gegner dieses

Genußmittels während regelmäßiger Arbeit bin und ich auch die Gründe für

meine Auffassung oft genug auseinandergesetzt hatte. Anstatt die Forderung

zu erfüllen, ging ich mit den betheiligten Personen in den Heizraum, um

ihnen an Ort und Stelle zu zeigen, daß die Hitze dort nicht viel höher wie

unter andern Verhältnissen war, mithin die Ursache der Schwächezustände

anderweit und zwar darin zu suchen sei, daß die Leute bereits geschwächt

zum Dienst erschienen waren. Meine Vermuthung war gleich, daß die von

mir für das körperliche Wohl dieser Leute getroffenen Anordnungen, welche

darin bestehen, daß die von Wache kommenden Heizer sofort ein Bad nehmen

müssen und im Anschluß daran gezwungen werden, sich auf dem Deck in

frischer Luft aufzuhalten, an möglichst kühlen Plätzen zu schlafen und

ihren eigentlichen Wohnraum, welcher über dem Kesselraum liegt, nur zur

Aufbewahrung ihrer Sachen zu benutzen, nicht streng genug befolgt würden.

Ich ging daher von dem Heizraum in das genannte Wohngelaß und fand die

Leute, wie ich befürchtet hatte, berußt wie sie von den Feuern gekommen

waren, in dem heißen schwülen Raum auf der Erde liegend. Daß sie in

solcher achtstündigen Ruhe nicht die Kräfte finden konnten, um nachher

wieder vier Stunden vor den Feuern aushalten zu können, liegt auf der

Hand; aber den Leuten selbst, welche nach ihrem Dienst aller Willenskraft

bar sich an dem ersten Ort, wo sie sich ungestört wähnen, hinwerfen

und in einen halb ohnmächtigen Zustand verfallen, konnte ich deshalb

nicht zürnen, sondern nur dem Aufsichtspersonal, welches die ertheilten

Befehle auszuführen hatte. Ich trug natürlich Sorge, daß die getroffenen

Anordnungen nunmehr auch Beachtung fanden, die Leute gebadet, frisch

gekleidet und an luftigen Orten untergebracht wurden, worauf, trotzdem die

Heizer keinen Branntwein, sondern nur den vorgeschriebenen Haferschleim-

und Theeaufguß erhielten, keine der vorerwähnten Schwächezustände mehr

vorkamen. Es ist doch eine wunderbare Thatsache, daß immer und immer

wieder von dem „Schnaps“ alles Heil erwartet wird.

Die ersten Tage dieser Reise waren auch noch in anderer Beziehung sehr

unbehaglich, da das als Feuerungsmaterial mitgenommene Holz, welches

ja alle freien Theile des Schiffes ausfüllte, uns so viel Ungeziefer

mitgebracht hatte, daß wir uns desselben in den ersten Tagen gar nicht

erwehren konnten. Namentlich die Ameisen und 10 cm lange, 1 cm dicke

Tausendfüßler, welche eine sehr schmerzhafte Bißwunde hinterlassen, waren

uns höchst unangenehm und wir hatten nach dem Aufbrauch des Holzes noch

mehrere Tage einen eifrigen Vernichtungskrieg zu führen gehabt, ehe wir

von diesen lästigen Gästen wieder befreit waren.

Am 22. December morgens mit Tagesanbruch lag Bougainville, die über 3000 m

hohe nördlichste Insel der Salomons-Gruppe vor uns und blieb auch während

des ganzen Tages in Sicht, da unser südöstlicher Curs in einer Entfernung

von etwa 30 Seemeilen an der langgestreckten in nordwestlich-südöstlicher

Richtung laufenden, 130 Seemeilen langen Insel vorbeiführte.

Am 23. morgens sahen wir die kleine Insel Treasury-Island, welche

ihren Namen nach einem hier früher von Seeräubern vergrabenen großen

Schatz, der immer noch seiner Hebung wartet, führen soll. Sie hat einen

ziemlich guten Hafen, liegt selbst an der großen Straße und kann daher

von vorbeisegelnden Schiffen leicht als Nothhafen benutzt werden. Dies

bestimmte mich, in den Hafen einzulaufen, weil den dortigen noch wirklich

wilden Eingeborenen nie oft genug das Vorhandensein von Kriegsschiffen als

Warnung vor Augen geführt werden kann, um sie vor feindlichen Angriffen

auf Kauffahrteischiffe abzuhalten.

Die gegenüber der Südküste von Treasury-Island liegende kleine Insel

Stirling bildet mit dieser eine schöne, 1800 m lange und 600 m breite

Bucht, in welcher bei einer kleinen, „Watson“ genannten Insel der

Ankerplatz liegt. Um 9½ Uhr vormittags liefen wir in die Bucht ein

und fanden dort ein außerordentlich malerisches landschaftliches Bild,

zwar wieder nur Wasser, Höhen, Wald, Wolken und Menschen, aber doch so

verschieden von anderm, was wir bisher gesehen. Die Natur weiß auch mit

diesen geringen Mitteln ebenso wunderbar verschiedene Effecte zu erzielen,

wie mit den wenigen Linien im menschlichen Angesicht.

Auf graublauem, von dickem Regengewölk gebildeten Hintergrund liegen

zu beiden Seiten die die Bucht bildenden, bis etwa 120 m ansteigenden

bewaldeten Höhen, deren saftiges dunkles Grün die tiefblaue Wasserfläche

umschließt. Das Land zur Linken, die Südküste von Treasury-Island, bildet

eine geradlinig laufende Wand, an deren Ende Watson liegt; das Land zur

Rechten bildet eine gezackte Linie, vor welcher kleine bewaldete Inseln

als grüne Hügel aus der blauen Grundfläche hervortreten und in Verbindung

mit den zwischen ihnen liegenden kleinen Meeresarmen besonders malerisch

wirken. Als wir bis zur Mitte der Bucht gekommen waren, fanden sich auch

die Eingeborenen, sämmtlich mit Speeren oder Pfeilen und Bogen bewaffnet,

in großen Massen bei dem Schiffe als belebendes Element ein, obgleich man

an der ganzen Küste keine Hütten sehen konnte. Unserer Aufforderung, an

Bord zu kommen, wagten sie nicht zu entsprechen, würden aber bei einem

Kauffahrer eine derartige Aufforderung wol gar nicht erst abgewartet,

sondern versucht haben, sich einen solchen Besuch zu erzwingen. Ich halte

diese Eingeborenen noch für außerordentlich gefährliche Gäste und glaube,

daß Handelsschiffe gut thun, diese Häfen nur unter Beobachtung größter

Vorsichtsmaßregeln für kurze Zeit und zwar mit den Waffen in der Hand

anzulaufen.

Nach einstündigem Aufenthalt dampften wir wieder aus der Bucht, trafen

am 25. December vormittags bei der Insel Russell ein, liefen zwischen

dieser und Guadalcanar durch und drehten nachmittags 1½ Uhr vor der

kleinen Insel Savo bei. Der Besuch der Insel galt nur kaufmännischen

Interessen, weil hier ein Engländer, einer der wenigen Europäer,

welche es überhaupt bisjetzt gewagt haben sich auf den Salomons-Inseln

niederzulassen, leben sollte, und es Herrn Weber darauf ankam, etwas über

die hiesigen Handelsverhältnisse und die Möglichkeit der Gewinnung von

Plantagenarbeitern zu erfahren. Die Insel ist eirund, 6 Seemeilen lang,

3½ Seemeilen breit, 600 m hoch und dicht bewaldet; Hütten waren nur am

Strande zu sehen und wird wol auch nur dieser bewohnt.

Ich fuhr gleich mit dem Consul in meiner Gig an Land, einige beurlaubte

Offiziere u. s. w. folgten in den beiden bewaffneten Kuttern, sämmtliche

Bootsgasten waren mit scharfen Patronen versehen. Am Strande hatte sich

schon während unserer Annährung eine große Menschenmenge, Männer, welche

Bekleidung noch für etwas Ueberflüssiges hielten, angesammelt, unter

welcher wir auch bald den gesuchten Engländer entdeckten. Das Schiff lag

so nahe am Lande, daß wir nur wenige Minuten bis dahin zu rudern hatten,

und bei unserer Landung trat der Engländer gleich an mich heran, um

seine Dienste anzubieten. Da wir vorerst nur mit ihm zu thun hatten, so

gingen der Consul und ich mit zu seiner von dem Dorfe weit abliegenden

Behausung, nachdem ich vorher den Beurlaubten noch die größte Vorsicht für

den Verkehr mit den Eingeborenen anempfohlen hatte. Unser Weg führte am

Strande entlang, wo wir auch an mehrern Hütten vorbeikamen, welche bei der

flüchtigen Besichtigung, die wir ihnen nur widmen konnten, einen peinlich

saubern Eindruck machten, wie auch die in den Hütten befindlichen, mit

Grasschurz bekleideten Frauen, welche angenehme Gesichtszüge und eine

hellbraune Hautfarbe hatten, einen reinen gepflegten Körper zu haben

schienen. Als ich während unsers Marsches den Wunsch äußerte, Hühnereier

zu kaufen, wurde mir der Bescheid, daß solche nicht zu haben seien, ich

aber die Eier eines Vogels, welcher dieselben in den Sand legt und dort

von der Sonne ausbrüten läßt, erhalten könne. Ein entsprechender Auftrag

an einige der uns begleitenden Eingeborenen hatte zur Folge, daß mir

schon nach einer halben Stunde ein ziemlich großer Korb voll braunrother,

hell ziegelfarbener Eier von 9 cm Länge und 6 cm Dicke gebracht wurde,

von welchen behauptet wird, daß der Leib des Vogels, welcher diese Eier

legt, nicht viel größer wie das Ei selbst sei. Thatsächlich ist der

Vogel, welcher zur Klasse der Megapodien, Großfußhühner oder Wallnister

gehört und hier gemeinhin Buschhuhn genannt wird, nicht größer wie

eine Fasanenhenne, das Verhältniß des Eies zum Vogel muß also ein ganz

ungewöhnliches genannt werden.

Bei dem Hause des Engländers angekommen, fanden wir eine scheunenartige

große Hütte, in welcher mehrere Frauen damit beschäftigt waren, Kokosnüsse

handelsfertig zu machen. In einer Ecke lagen die faserigen Nußhüllen,

in einer andern fertige Copra, in einer dritten wurden die frischen

Nußkerne geschnitten und zum Trocknen vorbereitet. Was wir hier über

die Handelsverhältnisse erfuhren, war nicht sehr verlockend, weil die

Sicherheit des Lebens der Fremden vorläufig noch eine sehr zweifelhafte

ist. Die Eingeborenen sind passionirte Menschenfresser und stets auf

Raubzügen begriffen, um sich das begehrte Menschenfleisch, Siegestrophäen

und Sklaven zu verschaffen. Wenn nun auch ein fremder Händler, solange er

nicht gegen die Gebräuche des Landes verstößt, was er unbewußt sehr leicht

thun kann, im allgemeinen sein Leben für gesichert halten kann, weil die

Eingeborenen gern handeln und lüstern nach europäischen Handelsartikeln

sind, so ist sein Leben doch keinen Pfifferling werth, sobald einem andern

Stamm ein Ueberfall auf das Dorf, in welchem er lebt, gelingen sollte,

und dies kann jederzeit geschehen. Bewundernswerth ist es daher, daß sich

immer wieder Leute finden, die verhältnißmäßig geringen Gelderwerbs wegen

ihr Leben derart in die Schanze schlagen. Ob es mit der Zeit gelingen

wird, hier für die Samoa-Inseln Plantagenarbeiter zu gewinnen, muß die

Erfahrung lehren, eine schwierige Sache dabei bleibt aber immer die

große Entfernung zwischen den beiden Inselgruppen und für Segelschiffe

namentlich die ungünstigen Windverhältnisse.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 43 / 56 段