An einem Nachmittag holte mich Herr Hernsheim ab, um einen Besuch bei

Torragud zu machen. Ein schon längere Zeit auf einem Hernsheim’schen

Schiffe in Diensten stehender hiesiger Eingeborener dient uns als Führer.

Wir legen den 2½ Seemeilen langen Wasserweg bis Urakukua auf Amakada in

meiner Gig zurück und betreten dann den Wald. Bewaffnet sind wir nur

mit einem Stock, weil Herr Hernsheim Waffen für überflüssig hält und

ich nach meinen bisherigen Erfahrungen dem auch beistimme. Der sanft

ansteigende Weg in dem herrlichen, schönen Wald ist so breit, daß wir

bequem nebeneinander gehen können, in der Unterhaltung also nicht gestört

sind. Ungefähr auf dem halben Wege stoßen wir auf eine Lichtung, wo

unter hohen mächtigen Bäumen eine große Hütte liegt, auf deren geräumigem

Vorplatz zwei große, schwere Schweine sich ergehen; Menschen sind nicht zu

sehen. An diesen Platz schließt sich ein großes umzäuntes und sorgfältig

gepflegtes Stück Land, welches mit Erdfrüchten bestanden ist. Etwas

weiter bei einer Krümmung des Weges stehen plötzlich wenige Schritte

vor uns zwei prächtige, rehfarbene Mädchen, jugendlich üppige, schöne

hohe schlanke Gestalten, welche frei von allem Tand nur eine lange bunte

Feder im Haar haben. Einen Augenblick stutzen sie wie wir, dann mit einem

hellen Jauchzer brechen sie wie leichtfüßiges Wild mit leichten Sprüngen

in das Dickicht und machen erst in größerer Entfernung halt, wo wir nur

über dem Laub ihre Köpfe sehen und von wo sie mit ihren klaren Augen uns

beobachten und passiren lassen. Unwillkürlich entschlüpft mir, wie sie

so dahin eilen, der Ausruf: „Schade, daß wir kein Gewehr haben, um ihnen

eins aufzubrennen!“ und wieder zur Besinnung gekommen füge ich hinzu: „Es

ist gut, daß ich nicht länger hier bleibe, ich könnte sonst bei diesem

edlen Wild vielleicht noch selbst Geschmack an der Menschenjagd finden.“

Nach drei Viertelstunden Gehens sind wir auf der Höhe und bei dem groß

angelegten Besitz Torragud’s angelangt. Er empfängt uns, umgeben von

seiner Familie und einigen Ferkeln. Er selbst in seinem Naturkleid schön

wie immer, doch leider wieder mit der blauen Unterjacke, welche er auf

meinen Wunsch allerdings nachher für kurze Zeit ablegt. Einige Frauen,

darunter eine alte, häßliche, schwarze und spindeldürre Gestalt, die sich

uns grinsend nähert und auf der Brust einen Schmuck trägt, welcher sofort

meine Begierde erweckt. Noch ein Mann und mehrere Kinder, von denen ein

11-12 Jahre altes ziemlich dunkles mageres Mädchen von allen Personen

allein ein Hüfttuch trägt. Sie ist eine muntere, durchtriebene kleine

Person, welche mit ihrem neckischen Wesen das ganze Haus zu beherrschen

scheint und entschieden der allgemeine Vorzug ist. Torragud nimmt sie

an der Hand und sich in die Brust werfend stellt er sie vor: „'Tintamon,

Missi Brown he make him.'“ Sehr belustigt war ich, als wir herausbekamen,

daß Tintamon „King Salomon“ bedeuten solle. Welcher Witzbold aber dem

Mädchen diesen Namen gegeben hat, konnten wir nicht erfahren. Die Worte,

daß Mr. Brown ihn gemacht hätte, konnte nur dieser Herr mir erklären, was

er später auf einfache Weise mit der Erklärung that, daß er das Kind vor

kurzem getauft habe. Tintamon wird, wie ich noch herausgebracht habe, so

gehätschelt und gepflegt, weil sie schon an einen andern großen Häuptling

verkauft ist, aber nicht eher an den Käufer übergeht, bis sie die volle

Reife zur Frau erlangt hat, denn die Erhaltung bis zu diesem Zeitpunkt

ist Sache des Verkäufers. Aus dieser Sitte werden in Reisebeschreibungen

nun wol häufig Verlobungs- und Heirathsceremonien gemacht, welche

aber meines Wissens nicht existiren. Verlobung und Heirath kennt man

hier nicht, sondern nur den einfachen Kauf, bei welchem allerdings

Zweckmäßigkeitsgründe in der Weise unterlaufen, daß ein Häuptling die

Tochter eines andern, um sich mit diesem näher zu verbinden, schon im

frühesten Alter kauft und je nach dem Werth der Verbindung einen höhern

oder niedrigern Preis zahlt. Das Kaufobject ist hierbei nur der Strohmann,

um dem gezahlten Preise den Sinn des Tributs zu nehmen.

Nachdem wir Torragud’s Wohnhaus besichtigt haben, treten wir auch noch

in die Schatzkammer, welche, wenn sie auch nicht so große Reichthümer wie

die des King Dick aufweist, doch nach hiesigen Begriffen ein stattliches

Vermögen in sich birgt. Zur Familie zurückgekehrt äußere ich den Wunsch,

den Schmuck der Alten zu besitzen, doch diese rückt mir drohend auf den

Leib, schreit und keift und schützt das Kleinod mit ihren magern Armen.

Torragud bringt sie zur Ruhe, sieht sie mit ernstem prüfenden Blick an,

nickt einmal bedeutungsvoll mit dem Kopfe, als ob ihm ein guter Gedanke

gekommen sei, und wendet sich wieder uns zu. Nachdem wir noch aus einer

uns dargebotenen frischen Kokosnuß die Milch getrunken und verschiedene

kleine Geschenke vertheilt haben, verließen wir diese Waldidylle wieder.

Bei dem Besuche Torragud’s konnte ich beobachten, wie heutzutage noch

Gemein- und Staatswesen entstehen und sich entwickeln. Der Mann erwirbt

Geld oder ähnliches Gut und wirft sich, wenn er überhaupt das Zeug dazu

hat, durch das damit verbundene Ansehen zum Häuptling auf, vergrößert

seinen Hausstand durch Ankauf von Frauen, welche gleichzeitig auch für

ihn arbeiten müssen, siedelt dann seine erwachsenen Söhne, nachdem er

ihnen eine Frau geschenkt hat, in seiner Nähe an, ergänzt den Abgang in

seinem Hause wieder durch Ankauf von Knaben, sowie auch Mädchen, welch

letztere wiederum später als Frauen an die gekauften männlichen Mitglieder

abgegeben oder anderweit veräußert und namentlich gegen andere Kinder

ausgetauscht werden. So bildet sich in verhältnißmäßig kurzer Zeit ein

Stamm, welcher durch Verkauf der Mädchen aus eigenem Blut und vielleicht

auch durch einmalige Zahlung einer gewissen Summe eine andere Familie

oder einen kleinern Stamm in sich aufnimmt und mit sich verschmelzt.

Ist der Stamm nun stark genug, dann breitet er sich leicht weiter aus,

indem er die Nachbarfamilien und Stämme nicht mehr kauft, sondern mit

Gewalt unterwirft und so allmählich immer mehr wächst, wenn er neben der

Gewalt auch noch Staatskunst zur Anwendung bringt, wie wol der Vater des

Topulu dies dadurch gethan hat, daß er den läppischen Dug-Dug in seinem

Interesse umgebildet und zu einer Ceremonie gemacht hat, mit welcher er

seine Unterthanen an Gehorsam und an seine Macht gewöhnte. Denn in ältern

Reisebeschreibungen findet man den Dug-Dug nur als hüpfenden Popanz und

nicht in der Form, wie er hier jetzt und zwar alljährlich nur einmal

abgehalten wird.

An dem auf den Besuch bei Torragud folgenden Vormittag brachte

Herr Hernsheim mir den seltenen Schmuck der Alten und bat mich,

denselben als ein Andenken an die gemeinsam unter den Menschenfressern

verbrachte Zeit anzunehmen. Obwol es gerade nicht höflich war, mir die

Erwerbungsgeschichte des Schmuckes erzählen zu lassen, konnte ich dem

Reiz nicht widerstehen, zu erfahren, wie er es möglich gemacht hatte,

das Stück zu erhalten, und ich stellte daher die Bitte, welche mir

auch gewährt wurde. Das von mir „bedeutungsvoll“ genannte Kopfnicken

Torragud’s hatte also wirklich einen tiefern Sinn und besagte, daß er,

Torragud, nun wisse, wie er in Besitz eines Hinterladers gelangen könne.

Was diesem schlauen Heiden dabei durch den Sinn ging, kann ich natürlich

nicht wissen, doch läßt es sich meines Erachtens leicht combiniren. Es

war schon seit lange sein Wunsch, ein Gewehr zu besitzen, er wurde aber

stets, wenn er am Schluß seines jedesmaligen Besuches mit dem betreffenden

Wunsche zum Vorschein kam, abgewiesen. Hier kam ihm nun endlich der

Zufall zu Hülfe. Der mächtige Häuptling (nämlich ich), welcher ein so

großes Schiff mit so vielen Männern, so großen Kanonen und so vielen

Gewehren besitzt (in den Augen dieser Leute gehört mir das Kriegsschiff,

wie die Kauffahrteischiffe das Eigenthum der Kaufleute sind), welcher

über die eingeborenen Häuptlinge zu Gericht sitzt, welcher unter den

Weißen eine Ausnahmestellung einnimmt, weil sie alles thun, was er

haben will, und der überhaupt die ganze Umgebung in Unruhe versetzt,

wünscht etwas zu besitzen, was nur er, Torragud, geben kann. Dem Missi

Hernsheim muß es daher eine wahre Freude sein, dem Schiffscommandanten

diesen Wunsch erfüllen zu können, und er wird nun das von Torragud

ersehnte Gewehr gewiß gern geben, wenn er von diesem dafür den Schmuck

erhalten kann. So macht Freund Torragud sich am nächsten Morgen mit dem

Schmuck auf den Weg nach der deutschen Niederlassung. Er hat sich nicht

getäuscht, er erhält schließlich das Gewehr, welches ihm nach Lage der

augenblicklichen Verhältnisse doch nicht mehr lange vorenthalten werden

konnte, aber allerdings ohne Munition. Auf die Frage, ob die Alte denn

den Schmuck gutwillig hergegeben habe, antwortet er lachend: „Nein,

sie hat erst ordentlich Prügel bekommen müssen.“ So hat die arme Alte

ihr Kleinod verloren, noch obendrein eine Tracht Prügel erhalten und

kann nicht einmal von dem Erlös etwas abbekommen. Und ich habe ein sehr

seltenes, vielleicht einziges, an sich werthloses Schmuckstück, welches

nach dem hiesigen Preis des Hinterladers mit 200 Mark bezahlt worden

ist. Es hat die Form einer der Länge nach getheilten halben Melone,

ist 20 cm lang, 9 cm breit und hat am untern Rand der langen Seite zwei

bäffchenartige Lappen von 12 cm Länge und 6 cm Breite. Das Hauptstück

wird aus einem Holzreifen gebildet, auf welchen ein festes Gewebe

aus Opossumzähnen so übergespannt ist, daß es ohne weitere Unterlage

in kräftiger Wölbung die Form der Melone annimmt. Auf den Bindfaden,

welcher die Zähne im Innern der Wölbung zusammenhält, sind noch kleine

perlenartige Muschelstückchen in regelmäßigen Abständen aufgereiht, sodaß

die Arbeit auch auf ihrer Kehrseite Sinn für Ordnung zeigt. Die sich an

das Hauptstück anschließenden Bäffchen sind an ihren Rändern mit einem

Kranz von Opossumzähnen und einem schmalen Band aus rother Baumrinde

eingefaßt; innen laufen wie die Saiten einer Harfe von oben nach unten

Schnüre aus Glasperlen und kleinen selbstverfertigten Perlen, welche

aus einem wie Schildkrot aussehenden Gemenge von balsamischem Harz und

Thonerde hergestellt sind. Oben auf diesen Schnüren sind noch je zwei

nebeneinanderliegende kleine Ringe aus weißen Glasperlen aufgenäht und

schließlich an der obern Langseite des Hauptstücks zwei Schnüre aus

dickern Glasperlen befestigt, welche über den Hals gestreift so lang sind,

daß der Schmuck gerade auf den Brüsten ruht. Der Werth dieses eigenartigen

Kunstwerks für die Eingeborenen ergibt sich daraus, daß an demselben

nach oberflächlicher Schätzung (zählen kann man die Zähne nicht ohne sie

auseinanderzureihen) an 1500 Opossumzähne und an 1000 mühsam mit der Hand

gearbeitete kleine Harzperlen sind.

Ehe Torragud mit seinem Gewehr die deutsche Niederlassung verlassen hatte,

hatte er noch gesagt, daß nachmittags 4 Uhr bei Urakukua ein Tanz für uns

bereit sei.

Dort angekommen finden wir einige Frauen und, wenn ich nicht irre, 17

Männer uns erwartend vor. Von den Frauen hat eine ein unsauberes Tuch um

die Hüften gebunden, die andern haben nur einen Bindfaden um den Leib,

an welchem vorn und hinten in der Mitte des Körpers ein kurzer Faden

mit einem ganz kleinen Laubbüschel am untern Ende herunterhängt und

welcher, wie ich früher schon gesagt habe, wol die Stelle einer Schürze

vertreten soll. Im übrigen sind sie nur mit Halsbändern und Nasenstacheln

geschmückt, im Gesicht und auf dem Oberkörper weiß angestrichen, jedoch

so dünn, daß die natürliche Hautfarbe durchschimmert. Die Männer sind

mit mehr Sorgfalt herausgeputzt und haben zunächst Gesicht, Oberkörper

und die Innenseite der Oberschenkel weiß, roth und schwarz bemalt,

das Kopfhaar ist weiß gefärbt. In den Nasenflügeln sind Stacheln und

Opossumzähne, in der Nasenscheidewand kleine Ringe aus Schildkrot,

Perlmutter oder aufgereihten Glasperlen, um den Hals die pichelartigen

Teller oder andere Halsbänder, um den linken Oberarm das Armband und um

den Leib haben sie ebenso wie die Weiber den Bindfaden, welcher hinten

ein untergeschobenes mit dem Stil nach oben gekehrtes großes Blatt, das

von dem Rücken bis unter das Gesäß reicht, hält, vorn hängt ein Faden mit

einem etwas größern Laubbüschel als bei den Frauen; ein Laubband um die

Knöchel vervollständigt den Anzug. Männer wie Frauen haben in jeder Hand

einen frischen Baumzweig mit Blättern, der Vortänzer der Männer hält in

jeder Hand einen Tanzstock. Die Kerle sehen bunt und unternehmend aus und

würden einen harmlosen Europäer, welcher unvorbereitet ihnen hier im Walde

begegnet, sicherlich erschrecken.

Die Frauen beginnen zuerst mit dem Tanze, stellen sich hintereinander in

einer Reihe auf und machen dieselben Bewegungen wie nachher die Männer,

aber mit einwärts gedrehten Füßen, geschlossenen Knien und eingeknickten

Beinen, so täppisch und unschön, daß wir schon nach wenigen Minuten genug

davon hatten. Die Männer stellen sich darauf in zwei Reihen nebeneinander

auf, und zwar die Reihen so weit voneinander ab, daß der Vortänzer,

welcher in der Mitte zwischen den beiden Reihen steht, bequemen Platz

zwischen ihnen findet. Alle nehmen eine ziemlich stramme Haltung an,

der Vortänzer hebt seine Stöcke, die andern folgen sofort mit derselben

Bewegung, stimmen einen einförmigen Gesang an und setzen ihre Beine in

Bewegung. Der Gesang besteht aus mehrern mit tiefer Stimme in demselben

Tone laut gesprochenen Worten, welchen dann einige in höherm Ton folgen.

Die Beinbewegungen sind leicht und tänzelnd und erinnern an das Traben

auf der Stelle, die Füße sind dabei auswärts gekehrt, die Knie geöffnet

und biegsam. Alle Bewegungen des Vortänzers werden von den andern

sofort aufgenommen und mitgemacht, die Stöcke und Zweige werden nach

oben gekehrt vor die Brust gehalten und die Köpfe liegen zurückgebogen

zwischen den Schultern, als ob die Leute krähen möchten; die Stöcke werden

nach oben gestreckt, die Köpfe gereckt und dabei im Gesang der höhere

Ton angenommen; die Stöcke gehen zur Brust zurück, wobei der Gesang den

alten Ton wieder aufnimmt, neigen sich nach vorn, der Kopf folgt, auch

der Oberkörper etwas, und es sieht aus, als ob die Tänzer ihre eigenen

Füße und deren Bewegungen betrachteten. Und so geht es auf- und abwärts,

wobei die Tänzer sich auch zuweilen durch einen Blick nach ihrem Nebenmann

vergewissern, daß sie noch gut ausgerichtet sind. Der Vortänzer tänzelt

vor, bis er zwischen den ersten Tänzern steht, schiebt sich in der

schmalen Gasse rückwärts bis zum Ende, die Führer der Reihen schwenken

nach beiden Seiten ab und alle schlagen im Gänsemarsch einen Bogen, bis

die Spitzen wieder bei dem Vortänzer angelangt sind, worauf das Ganze

in der alten Ordnung in gleichmäßigem Takt und gut ausgerichtet mit den

borstigen Nasen und den vor dem Leib hin und her wedelnden Laubbüscheln

auf uns zutrabt, bis es den alten Platz wieder erreicht hat. Die großen

Mäuler klappen auch gleichmäßig auf und zu, öffnen sich bei den höhern

Tönen mehr und werden dann so entschieden zugeklappt, als ob sie eine

gebratene Taube gefangen hätten.

Da es keine weitere Abwechselung gab, so hatten wir bald genug von dem

Vergnügen, vertheilten ein Geschenk an Taback und Glasperlen und machten

uns wieder auf den Heimweg.

* * * * *

Am 15. December nachmittags waren Kohlen, Proviant und Wasser

übernommen, auch die Vorbesprechungen wegen Ankauf des Hafens von Makada

abgeschlossen, das Schiff war seeklar, es wurde daher der nächste Morgen

zur Abfahrt nach Neu-Britannien, wo ich mich zwei Tage aufzuhalten

gedachte, festgesetzt. Mein Besuch dort diente hauptsächlich der

Erledigung von zwei Klagesachen, welche ich zum Abschluß bringen wollte.

In dem einen Falle hatten die Eingeborenen des Districts Ruluana (spr.

Ruluánna) vor etwa zehn Monaten die dort gelegene Station der Firma

Hernsheim u. Comp. ohne Veranlassung niedergebrannt, kamen aber gleich

nach Ausführung der That zu dem Bewußtsein, daß sie ihnen doch schlecht

bekommen könne, und erboten sich freiwillig den Schaden zu ersetzen. Um

die dargebotene Hand nicht zurückzuweisen, erklärte sich die geschädigte

Firma, welche bei dem Brand Haus und Waaren im Verkaufswerth von 2800

Mark verloren hatte, bereit, das Gebot, welches in 300 Sack Copra im

Ankaufswerth von etwa 1200 Mark bestand, anzunehmen. Es erfolgte indeß

trotz des freiwilligen Anerbietens keine Copralieferung und die Mahnungen

wurden von den Eingeborenen durch verschiedene Ausflüchte und schließlich

damit erwidert, daß sie keine Säcke hätten, um die Copra hineinzupacken.

Zuletzt, etwa vor zwei Monaten, hatten sie wiederholt versprochen zu

liefern, die Lieferung war aber, trotzdem ihnen Säcke gegeben worden

waren, bis zum heutigen Tage immer noch nicht erfolgt. Ich erklärte mich

bereit, für die Sache einzutreten, aber nur unter der Bedingung, daß die

Herren sich mit einer ausgiebigen Verwüstung des Terrains bei Ruluana

einverstanden erklärten für den Fall, daß ich der betreffenden Häuptlinge

nicht habhaft werden könne. Ich glaubte mich dieses Einverständnisses

versichern zu müssen, weil der deutsche Handel durch das Niederhauen der

Kokosnußbäume eine sehr empfindliche Einbuße an seinen Einnahmen erleiden

mußte, gegen welche das vorliegende Streitobject in gar keinem Verhältniß

stand. Absehen konnte ich von dieser Forderung aber nicht, weil es

undenkbar war, daß ein Kriegsschiff, wenn es die Sache überhaupt aufnahm,

ganz unverrichteter Sache wieder abziehen sollte, um die Eingeborenen

dadurch auch noch in ihrer Anschauung, daß die Schiffe ihnen auf dem

Lande nichts anhaben könnten, zu bestärken. Herr Hernsheim war mit allem

einverstanden, und so sollte unser nächstes Ziel Ruluana sein.

Der zweite Fall betraf eine Bedrohung des in Port-Weber stationirten

Agenten der Handels- und Plantagengesellschaft und zwar eine

Todesandrohung durch denselben Häuptling, welcher früher als Rache für

seinen erschossenen Hund an demselben Orte den deutschen Agenten getödtet

hatte und dafür von Kapitän Levison gezüchtigt worden war. Ob hier etwas

zu erreichen sei, war mir sehr zweifelhaft, doch wollte ich wenigstens

den guten Willen zeigen und für den Fall, daß ich keinen Erfolg haben

sollte, den Eingeborenen wenigstens das Vorhandensein von deutschen

Kriegsschiffen, welche hier noch nicht gewesen waren, vor Augen führen.

So war also alles zur Abfahrt bereit, ohne daß ich es während meines

mehrtägigen Aufenthalts hatte durchsetzen können, einen Dug-Dug zu

sehen. Auf mein wiederholtes Drängen bekam ich immer dieselbe Antwort,

daß es nicht angängig sei, und zwar aus dem Grunde, weil der alljährlich

nur einmal hier stattfindende Dug-Dug erst vor sechs Wochen abgehalten

worden sei. Mit demselben ist aber eine sechswöchentliche Fastenzeit in

der Weise verbunden, daß im Anschluß an das Fest weder Mann, Frau noch

Kind irgendetwas von der Kokosnuß genießen darf, weder die Milch, noch

das Fleisch; und was das bedeutet, kann nur der ermessen, welcher weiß,

welch große Rolle die Kokosnuß hier überall in der Ernährungsweise spielt

und welch erfrischendes Getränk die kühle Milch aus der frischen Nuß

ist. Die Kokosnuß ist während dieser Zeit Tabu, und wer die Hand nach

ihr ausstreckt, ist unrettbar dem Tode verfallen, weil überall Wächter

aufgestellt sind, welche die Innehaltung des Gebotes überwachen und an

jedem Uebertreter ohne Urtheilsspruch auf der Stelle das Todesurtheil

vollziehen. So war es auch uns in den ersten zwei Tagen unsers Aufenthalts

unmöglich, eine Kokosnuß zu erhalten, weil diese Tage noch in die Tabuzeit

fielen. Es wäre unter diesen Verhältnissen daher grausam von mir gewesen,

noch fernerhin auf meinem Willen zu beharren, da die Befriedigung meiner

Neugierde eine wahre Marter für die Eingeborenen werden mußte, weil

sie jedenfalls eine neue sechswöchentliche Fastenzeit hätten auf sich

nehmen müssen. Daneben aber würde es auch für die Kaufleute einen großen

Verlust bedeutet haben, weil mit dem Dug-Dug eine neue sechswöchentliche

Handelsstockung in dem Nordtheile der Duke of York-Gruppe verbunden

gewesen wäre. So mußte ich mich bescheiden, ohne zu ahnen, daß schließlich

Topulu mit seinen Häuptlingen mir aus eigenem freien Willen doch noch den

Dug-Dug anbieten würde.

Hier will ich gleich anschließen, daß meiner Ansicht nach der Dug-Dug

jedes religiösen Untergrundes entbehrt, weil diese Wilden überhaupt den

Begriff der Religion nicht kennen, und daher die auch von mir gebrauchte

Bezeichnung „Hoherpriester“ für den Herrn des Dug-Dug eine von den

Europäern erfundene willkürliche ist. Würde der Dug-Dug etwa kurz vor

die Reifezeit der Kokosnuß fallen, dann würde ich ihm einen praktischen

Werth beimessen, um durch die sechswöchentliche Tabuzeit die Frucht zur

vollen Reife kommen zu lassen, wie ja bei uns auch die Weinberge einige

Zeit vor der Lese sogar für den eigenen Besitzer Tabu erklärt werden; da

aber, wie schon früher erwähnt, die Kokospalme jahraus, jahrein stets

gleichzeitig alles, von der Blüte bis zur reifen Frucht trägt, so kann

hier nur ein politisches Motiv gesucht werden und ich finde nur =eine=

Erklärung für sein Bestehen. Hier in diesem Lande, wo weder Gesetz noch

Religion zu finden sind, steht jeder Mann in erster Reihe nur auf sich

selbst angewiesen und ist nur das werth, was er mit der Kraft seines Armes

erreichen kann. Um aber unabhängig von der körperlichen Kraft das Ansehen

der Häuptlinge zu wahren und ihre Stellung zu sichern, haben sie den

Dug-Dug und namentlich die sechswöchentliche Fastenzeit erfunden. Diesem

Gebote fügt sich jeder, jeder muß sich daher fügen, und da die Häuptlinge

das Gebot sowol erlassen, wie auch auf dessen Befolgung achten, so sind

sie die Herren und werden daher auch als solche angesehen.

* * * * *

Am 16. morgens 6 Uhr, nachdem noch die verschiedensten für die Reise

nothwendigen Passagiere an Bord gekommen waren, wurde Anker gelichtet

und dieselbe Ausfahrt gewählt, durch welche wir hergekommen waren. Ich

wollte eigentlich einen andern Weg nehmen, weil ich bei der Herfahrt

doch zur Erkenntniß gekommen war, daß bei den vielen Korallenriffen eine

Grundberührung sehr leicht möglich sei; da indeß drei unserer Passagiere

erklärten, mit dem Fahrwasser so vertraut zu sein, daß keinerlei Gefahr

für das Schiff vorläge, gab ich nach. Zwei dieser freiwilligen Lootsen

begaben sich in den Vormars, um aus der Höhe das Fahrwasser besser

erkennen zu können, und der dritte blieb bei mir auf der Commandobrücke.

Aber trotz dieser drei Lootsen saßen wir schon um 7 Uhr fest. Rings um

das Schiff war tiefes Wasser, wir mußten daher mit dem Kiel auf einem

einzelnen Korallenblock sitzen, und so war es auch, wie ich mich von

einem schnell zu Wasser gelassenen Boot aus überzeugte; das Schiff saß

gerade unter dem Großmast mit dem Kiel auf einem Blocke von höchstens

1 m Durchmesser. Der Versuch, durch Rückwärtsschlagen der Maschine und

künstlich erzeugte Schlingerbewegungen loszukommen, blieb erfolglos;

zum Ausbringen eines Ankers blieb keine Zeit, weil bei dem fallenden

Wasser (es war Ebbe) das Schiff schon anfing, sich etwas auf die Seite

zu neigen und somit die ernsteste Gefahr für ein Umfallen des Schiffes

vorlag. So blieb nur übrig, mit Verlust eines Stückes Kiel das Schiff

mit Gewalt loszubrechen; es wurde daher das Ruder hart zu Bord gelegt und

die Maschine mit voller Dampfkraft vorwärts in Gang gebracht. Das starke

Schiff erzittert in seinen Grundfesten, neigt sich mehr zur Seite, fängt

an zu drehen, dreht schneller, ein Ruck und wir schießen den Weg zurück,

welchen wir gekommen sind, um den allerdings weitern aber sichern Weg

nördlich um Makada zu nehmen. Schaden hatten wir merkwürdigerweise nicht

genommen, denn der nachmittags heruntergeschickte Taucher fand nur, daß

einige Kupferplatten fehlten, der Kiel selbst aber unversehrt war.

Auf dem Wege nach Ruluana wurden die erforderlichen Vorbereitungen

getroffen, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Von dem Landungscorps

wurden die 60 kräftigsten und zuverlässigsten Leute ausgewählt, weil

darauf gerechnet werden mußte, daß jeder selbständig zu handeln hätte.

Scharfe Munition für Gewehr und Revolver, sowie Zündmaterial zum Anbrennen

der Häuser wurde ausgegeben, ebenso wurden alle im Schiffe vorhandenen

Aexte, Beile, Eisenkeile, schwere Hämmer und Sägen vertheilt, nachdem

die Zimmerleute versorgt waren. Den Offizieren und Unteroffizieren

wurden bestimmte Leute zugetheilt, und diese wieder so eingetheilt, daß

stets zwei Mann zusammen zu operiren hatten. Um 10½ Uhr vormittags wurde

das Schiff vor Ruluana beigedreht und ein in Hernsheim’schen Diensten

stehender Deutscher, welcher von den hiesigen Europäern am besten in

diesem Districte bekannt und mit der Landessprache einigermaßen vertraut

ist, wird allein mit einem Boot an Land geschickt. Es war dies die einzige

Möglichkeit, an die Eingeborenen überhaupt heranzukommen, weil sie bei

der Landung bewaffneter Mannschaften zweifellos sofort die Flucht ins

Innere ergriffen hätten. Ich wollte aber gern eine directe Verständigung

erreichen, um die Sache nicht auf die Spitze zu treiben und somit vor

unnöthigen Gewaltmaßregeln bewahrt zu bleiben. Unser Unterhändler hatte

den Auftrag, die 300 Sack Copra oder ein gleichwerthiges Geldpfand zu

fordern und den Eingeborenen von den beabsichtigten Maßnahmen Kenntniß

zu geben, welche im Falle der Ablehnung unserer Forderung zur Ausführung

kommen sollten. Das Boot kehrte bald mit der Nachricht zurück, daß unser

Abgesandter mit einigen Häuptlingen nach einer drei englische Meilen im

Innern gelegenen Stadt gegangen sei, um das angebotene, in Muschelgeld

bestehende Pfand zu holen. Ich landete darauf mit den vorgenannten 60 Mann

und dem Musikcorps gegen 12 Uhr mittags an dem mit einem hohen dichten

Bambuszaun eingefriedigten Hernsheim’schen Platze, um durch eine gewisse

Machtentfaltung die Eingeborenen zu schrecken. Da bei unserer Annäherung

an das Land die uns von dort beobachtenden Wilden sich schnell zurückzogen

und im Waldesdickicht verschwanden, fürchtete ich, daß auch die Häuptlinge

vielleicht vorziehen würden, das Geldpfand nicht persönlich abzuliefern,

wodurch aber die eigentliche Absicht meiner Landung vereitelt worden wäre.

So bat ich Herrn Hernsheim, welcher den Weg ebenfalls kannte, seinem

Angestellten entgegenzugehen und alles aufzubieten, daß die Häuptlinge

persönlich kämen, oder aber die Annahme des Geldes sonst zu verweigern.

Hierauf machten wir es uns innerhalb des Zaunes bequem, nachdem noch

Doppelposten weit vorgeschoben und Verbindungspatrouillen aufgestellt

waren; die Gewehre wurden zusammengestellt, die Leute lagerten sich und

die Musik spielte einige Stücke. Gegen 1 Uhr meldeten die Posten die

Annäherung von Menschen und gleich darauf, daß Herr Hernsheim, sein Agent

und einige Eingeborene angehalten seien, worauf dieselben innerhalb des

Zaunes geleitet wurden. Herr Hernsheim erzählte mir dann gleich, daß ohne

sein Eingreifen wahrscheinlich keiner der Eingeborenen hier sei, weil

sie, als die unbekannte Musik zu ihnen drang, sofort fliehen wollten und

von ihm nur wegen des dichten Gestrüpps zu beiden Seiten des schmalen,

nur mannsbreiten Pfades hätten festgehalten werden können. Und was wäre

geworden, wenn sie nicht gekommen wären? Unter Voraussetzung böswilliger

Absicht wäre der Platz verwüstet worden, obgleich die Eingeborenen

thatsächlich unschuldig waren, und das alles wegen der Musik, deren

Wirkung auf die Naturmenschen von mir nicht in Berechnung gezogen worden

war. Aus ähnlichen Ursachen mag schon manches Unrecht von den Europäern

verübt worden sein.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 41 / 56 段