Eine bewußte Pflege des Körpers ist wol kaum bekannt, da Reinlichkeit

kein Bedürfniß, sondern nur eine natürliche Folge der Lebensweise ist. So

habe ich die Frauen, welche allein die Arbeiten auf dem Lande verrichten,

durchweg schmutzig gefunden, während die viel im Wasser lebenden Männer

naturgemäß ziemlich rein sein müssen, denn sie gehen beim Fischfang

nicht nur bis an die Brust ins Wasser, sondern holen tauchend für sie

nützliches Gethier und Muscheln auch von dem Meeresboden herauf, wobei

ihnen die mehrerwähnte Klarheit des Wassers hülfreich zur Hand geht.

Dieselbe ist hier so groß, daß man auf 13 m Wassertiefe jeden kleinen

Stein auf dem Meeresboden unterscheiden kann, und daß ein Eingeborener,

dessen Taucherkunst wir prüfen wollten, uns aus dieser Tiefe eine ihm vom

Schiffe aus bezeichnete, nur 4 cm im Durchmesser messende Muschel ohne

Zaudern und schnell vom Meeresgrund heraufbrachte. Ja, das Wasser ist so

klar, daß wir sogar 10 Uhr abends bei allerdings hellem Mondschein bis zu

10 m Wassertiefe größere Steine und Muscheln deutlich erkennen konnten.

Die Waffen sind vorläufig noch die ursprünglichen und bestehen in Speeren,

Steinschleudern und Keulen, da die Europäer aus gewichtigen Gründen

mit dem Verkauf von Feuerwaffen sehr zurückhaltend sind und in den

einzelnen Fällen, wo sie die Forderung eines einflußreichen Häuptlings

nicht gut zurückweisen konnten, das Gewehr ohne oder nur mit für wenige

Schuß reichender Munition abgegeben haben. Weshalb die Leute sich mit

einer solchen doch werthlosen Waffe begnügen, werde ich weiterhin noch

auseinandersetzen.

Der Speer ist die verbreitetste Waffe und kann wol als die nationale

bezeichnet werden. Der gewöhnliche Mann trägt nur den eigentlichen 2½ m

langen Kriegsspeer, welcher im Kampf allein zur Anwendung kommt. Er ist

aus dem schweren, fast unelastischen Kokospalmenholz gefertigt, hat eine

40-50 cm lange rothgefärbte Spitze, welche an ihrem untern Ende in den

dicksten Theil des Holzes ausläuft. Von hier ab wird das Holz wieder

schwächer und endet in einem an der untern Fläche platten Knopf von 30 cm

Dicke. Dieser Speer wird mit der scharfen Spitze nach oben getragen und

gehalten. Die beiden andern vorkommenden Arten, bis zu 3 m lang, sind

nur Luxuswaffen und werden aus einem röthlichschwarzen, ebenholzartigen

Holze gefertigt. Als Zierde trägt die eine Art an dem untern Ende, wenn

die Spitze als oberes gelten soll, einen kunstvoll gefertigten Strauß

von bunten Vogelfedern, deren diese Ländergebiete ja eine große Auswahl

besitzen. Die Manschette, wenn ich so sagen darf, ist dicht mit kleinen

Federn umhüllt, der eigentliche Strauß besteht aus längern Federn,

von welchen die mittelsten am meisten hervorstehen. Bei der Anordnung

dieses Federschmucks entwickeln die Eingeborenen zuweilen einen auch

nach unsern Begriffen feinen Geschmack, denn ein von einem Häuptling

an der Nordküste von Neu-Britannien mir als ein besonders schönes Stück

geschenkter Speer hat an der Manschette nur matt gefärbte Federn, während

der eigentliche Strauß aus tiefschwarzen mit einzeln dazwischengestreuten

gelblichbraunen Federn besteht; diese Zusammenstellung ist von ganz

ausgezeichneter Farbenwirkung. Die andere Speerart trägt am untern Ende

als Schmuck einen Knochen, aber nicht, wie so vielfach behauptet wird,

einen Menschenknochen, sondern den Oberschenkelknochen des Kasuar,

ein schlankes, feines, schneeweißes Bein. Unser Stabsarzt hat sich auf

meine Bitte hin der Mühe unterzogen und alle die uns unter die Augen

gekommenen vielen alten und neuen Waffen dieser Art, welche wir in den

Händen der Eingeborenen, der Händler, im Privatbesitz hier wie an vielen

andern Plätzen sahen, untersucht und festgestellt, daß der Knochen stets

vom Kasuar stammt, oder doch jedenfalls kein Menschenknochen war. Die

Eingeborenen bestreiten auch entschieden, andere als Kasuarknochen zu

ihrem Speerschmuck zu verwenden. An der Stelle, wo der Knochen mit dem

Holz zusammenstößt, ist in der Regel ein rothes, mit Diwarra eingefaßtes

Stück Baumrinde umgelegt, an welchem häufig auch noch kleiner Zierath,

wie ihn die Halsbänder der Frauen haben, hängt. Diese Luxusspeere werden

stets mit der Spitze nach unten getragen, wodurch diese natürlich sehr

bald stumpf wird und den Gebrauch des Speers als eigentliche Waffe an sich

ausschließt.

Die Steinschleuder ist die nächst wichtige Waffe. Sie besteht aus einem

6 cm langen, 4 cm breiten und 3 cm tiefen bootförmigen Körper aus Bast,

an dessen beiden spitzen Enden zwei gleiche, etwas mehr als 1 m lange

zweidrähtige Schnüre befestigt sind. Die eine Schnur endet in eine

Schleife, die andere in einen konischen, nach oben breiter werdenden,

zierlich aus Bast geflochtenen Knopf von 1½ cm Dicke. Der abgerundete

Stein wiegt zwischen 100 und 150 gr. Beim Gebrauch wird die Schleife der

einen Schnur um den Daumen, der Knopf der andern zwischen Mittel- und

Ringfinger genommen und dieser Knopf dann von den ihn haltenden Fingern

losgelassen, sobald der Schleuderer sein Ziel zu haben glaubt. Wie

gefährlich diese Waffe in den Händen der Eingeborenen ist, habe ich früher

schon gesagt; ich habe sie zwar nicht anwenden sehen, habe aber zwei

Leute gesehen, von denen der eine durch die Schleuder einen Knochenbruch

am Oberschenkel erlitten, der andere in der Hüfte ein verwachsenes 2 cm

breites und tiefes Loch hatte.

Die Keule vertritt in gewissem Sinne die Stelle unsers Seitengewehrs,

wird im Massenkampf wol kaum benutzt und dient im alltäglichen Leben als

Vertheidigungswaffe, hauptsächlich aber wol als Schutzwehr, da jeder

waffenlose Mann als vogelfrei gilt und von jedem, welcher Lust dazu

verspürt, erschlagen werden kann. Mit der Bildung von größern Gemeinwesen

indeß, mit dem Zusammenfassen ganzer Stämme unter die Gewalt eines

Häuptlings ist die Waffe innerhalb der eigenen Grenzen als Schutzwehr

überflüssig geworden und dient, wenn sie nicht zur Jagd gebraucht wird,

nur noch als Symbol, ist das Abzeichen des freien Mannes. So ist es

möglich geworden, daß an Stelle der Waffe die Attrape treten konnte, ein

der Waffe nachgebildetes, als solche unbrauchbares Stück Holz, oder das

Gewehr ohne Munition, denn der Träger genügt der Landessitte, hat das

äußere Abzeichen und kann mit diesem sogar andern Stämmen ungefährdet

entgegentreten. Die Keulen wurden vor dem Verkehr mit den Europäern nur

in zwei Mustern hergestellt, entweder aus hartem, gewöhnlich Eisenholz

allein, oder aus solchem Holz in Verbindung mit Stein. Die Holzkeule hat

unten einen, das Abgleiten der Hand verhindernden Griff und oben eine

Verstärkung, welche nach den Seiten in eine scharfe Kante und nach oben

in eine Spitze ausläuft. Sie ist gewöhnlich roth bemalt und hat am Griff

mancherlei eingeschnittenen und lose hängenden Zierath. Die Steinkeule

besteht aus einem glatten Holzstock, über welchem oben ein bis zu 15 cm

dicker, ausgehöhlter Stein gestreift und mit einer Pechart, in welches

häufig noch Diwarra eingedrückt wird, befestigt ist. Das dritte Muster ist

erst entstanden, nachdem die Eingeborenen durch die Europäer in den Besitz

von Beilen gekommen waren. Diese Keule ist mit mehr Sorgfalt angefertigt

und kann wol auch nur als Luxuswaffe bezeichnet werden. Das Beil sitzt

auf einem flachen, mit eingelegtem Perlmutter verzierten Stiel, dessen

unteres Ende die Form der von den Eingeborenen gebrauchten Ruder annimmt

und hier reich geschnitzt, bemalt und mit einer großen Zahl angebundener

Berloques schön gemacht ist. Dieses Keulenmuster wird vorzugsweise als

Attrape benutzt.

Die Kampfweise entspricht selbstverständlich den vorhandenen Waffen.

Die Steinschleuderer bilden das erste Treffen und beginnen den Kampf in

größerer Entfernung, wo ihre Waffe zwar noch nicht zur vollen Geltung

kommt, aber immerhin doch den einen oder andern Mann außer Gefecht setzen

kann. Sobald nun die eine Partei ihren Steinhagel entsendet, dreht sich

die angegriffene Colonne für einen Augenblick schnell um, neigt den

Oberkörper zur Erde und streckt den ankommenden Steinen den fleischigsten

Theil des Körpers entgegen, weil hier auftreffende Steine aus der großen

Entfernung nur quetschen, aber keinen Knochenbruch erzeugen können. Dieses

Manöver, welches auf den Unbetheiligten einen höchst lächerlichen Eindruck

machen muß, sollen sie auch bei dem ersten ernstem Zusammenstoß mit den

Weißen gegen deren Flintenkugeln angewendet haben, ergriffen dann aber,

als die Kugeln schlank durchgingen, die Flucht, ohne ihr Gesicht wieder zu

zeigen, und versuchten diesen Kniff später gegen Feuerwaffen nicht mehr.

Sobald die feindlichen Colonnen in langsamem Schritt auf Speerwurfweite

aneinander gekommen sind, ziehen die Schleuderer sich zur Seite, das erste

Glied des Haupttreffens wirft seine Speere und eilt hinter die Front,

um dem zweiten Gliede Platz zu machen oder aber sämmtlich die Flucht zu

ergreifen. Denn bis zum Aufbrauch sämmtlicher Waffen soll es nie kommen,

weil eine Partei gewöhnlich den Kampf aufgibt, sobald zwei bis drei von

ihnen gefallen sind, und dies ist in der Regel schon nach dem ersten

Speerwurf der Fall.

An Werkzeugen findet man die Steinaxt, ein Stück Knieholz, dessen

langer Schenkel den Stiel bildet, während an dem kürzern ein harter,

grünlicher, geschärfter Stein angebunden ist; dann, wie schon angegeben,

Muschelscherben und Lavaschlacke. Eisen war vor dem Eindringen der

Europäer nicht bekannt und in der ersten Zeit des Verkehrs wurden für

kleine Stücke von alten Fässern gewonnenem Bandeisen die werthvollsten

Producte eingehandelt. Nachdem aber, und zwar erst in der allerneuesten

Zeit, Beile und Messer zum Kauf gestellt werden, hat das Bandeisen,

welches doch nur mangelhafte Geräthe liefert, sehr an Werth verloren,

obgleich Beile und Messer noch so hoch im Preise stehen, daß nur

Häuptlinge sie erwerben können.

An Musikinstrumenten habe ich nur eine aus Bambus hergestellte Pfeife,

die Trommel und die Maultrommel gefunden.

Die Pfeife, etwa 40 cm lang und mit eingebrannten Mustern verziert, ist

am Mundstück einfach offen mit einem kleinen halbrunden Ausschnitt und

unten geschlossen mit zwei oder drei Tonlöchern vor dem Abschluß.

Die Trommel, welche mit der Hand geschlagen wird, ist ein Cylinder von

Bambus oder anderm Holz, unten offen, oben mit Fisch- oder Schlangenhaut

bezogen, mit Schnitzwerk und Berloques verziert.

Die Maultrommel, in deren obere Seite zierliche Muster eingeschnitten

sind, ist aus einem Stück Bambus gefertigt, 20 cm lang, 6 cm breit und

wie eine große zweischneidige Messerklinge geformt. In dem 18 cm langen

und ¾ cm breiten Schlitz liegt die aus dem ganzen Stück herausgeschnittene

Tonzunge.

An künstlichen Erzeugnissen habe ich außer den bereits genannten

Fischereigeräthen, Kanus, Dug-Dug-Masken, Schmuckgegenständen, Waffen,

Werkzeugen und Musikinstrumenten nur noch sehr schön aus feinem Rohr

geflochtene Körbchen, Tanzstöcke und Schädelmasken gefunden.

Die Tanzstöcke bestehen aus einem flachen Stock, welcher unten einen Griff

bildet, an welchem sich zwei nach oben zeigende und in einen Winkel von

30° nach beiden Seiten neigende, mit der flachen Seite des Stocks in einer

Ebene liegende und mit bunten Federn verzierte kürzere Stöcke anschließen;

unten am Griff ist außerdem noch ein kleiner Federstrauß angebracht. Die

bessern Stöcke sind bis 1½ m lang, aus schwarzem glänzenden Holz gefertigt

und haben an den Außenrändern schön gewundene Linien.

Die Schädelmasken haben diesen Namen von den Europäern erhalten, weil

die vordere Hälfte eines Menschenschädels den Kern der Maske bildet.

Auf diesen Kern ist mit Lehm die treue Maske der hiesigen Eingeborenen

geformt. Die Oberkiefer sind innerhalb durch ein fingerdickes Stück

Holz verbunden, welches der Träger in den Mund nimmt und so sein eigenes

Gesicht verdeckt.

Von den Dug-Dug-Masken kann ich keine eingehendere Beschreibung geben,

weil ich keine Gelegenheit mehr fand, mir dieselben näher anzusehen, doch

wird das Nachfolgende vielleicht auch genügen. Den untern Theil bildet

ein dicker, aus langen schmalen getrockneten Blättern hergestellter

Rock, welcher von der Brust bis fast zu den Knien reicht. Auf diesen

Rock legt sich ein ebensolcher Laubkranz bis zum Hals hinauf, sodaß der

Träger des Anzugs zwischen diesem Kranz und dem Rock seine Hände und

Arme hindurchstecken kann, sowol um dieselben, wenn nöthig, überhaupt

gebrauchen, wie auch Geschenke in Empfang nehmen zu können; Hände und Arme

dürfen aber eigentlich nie gezeigt werden, weshalb man bei der Darreichung

eines Geschenks dicht an die Maske herantreten muß und die Gabe dann dahin

reicht, wo zwischen dem Laub die dunkeln Finger sich bemerkbar machen. Auf

den Kranz endlich kommt der oft über 2 m hohe thurm- oder pyramidenartige

Oberkörper mit Kopf. Derselbe ist ein Gitterwerk von ganz leichten

Rohrstäben und so mit Federn, Laub und schwarz-weiß-rother Malerei

verziert, daß man nicht in das Innere sehen kann. Ganz oben auf der Spitze

ist das eigentliche, scharf karikirte Gesicht angebracht, dessen Augen

aus den unter dem Namen „Katzenaugen“ bekannten Verschlußstücken einer

bestimmten Muschelart bestehen. Das Merkwürdigste an dieser Figur sind

die durch die Vermummung hervorgebrachten wunderlichen Körpermaße. Ganz

oben, 3-4 m über dem Erdboden, der kleine spitze Kopf, an welchen sich

der schmale armlose Oberkörper anschließt, dann die riesige Hüftenpartie,

welche bei dem Hals des Trägers anfängt und bis zu dessen Knien reicht,

und schließlich die kurzen Beinchen von den Knien bis zu den Füßen.

Die Nahrungsmittel der Eingeborenen bestehen in der Kokosnuß, Bananen,

Erdfrüchten (Yam, Taro, süße Kartoffeln), Fischen und Seethieren,

Vogeleiern (Hühner sind nicht bekannt), Menschen- und schließlich seit

zwei Jahren auch Schweinefleisch. Der Genuß des Schweinefleisch war

vordem, obwol das Schwein wild vorkommt, nicht bekannt und ist wol diesem

Umstand allein der Brauch der Menschenfresserei zuzuschreiben, da die

menschliche Natur doch nun einmal Fleischnahrung verlangt. Seitdem die

Weißen den Eingeborenen gebratenes Schweinefleisch vorgesetzt hatten,

welches sie für Menschenfleisch aßen, und nachdem dann vor ihren Augen ein

Schwein geschlachtet war und sie dieses Fleisch ebenso gut wie das vorher

genossene fanden, greift die Verwendung der Schweine als Nahrungsmittel

immer mehr um sich und die Menschenfresserei nimmt zwar langsam aber

stetig ab. Sind die Verhältnisse aber erst so geordnet, daß die Weißen

daran denken können, Rindvieh einzuführen und zu züchten, dann wird die

Menschenfresserei sicher bald ganz der Vergangenheit angehören.

Bei dem Kapitel Menschenfleisch werde ich mich nun, fürchte ich,

theilweise in unlösbaren Widerspruch mit den Angaben früherer Berichte

setzen, ich halte aber meine Gewährsleute für zuverlässig. Wie ich früher

schon gesagt habe, werden nicht nur erschlagene Feinde verzehrt, sondern

das menschliche Wild wird auch regelrecht gejagt. Die Zubereitung ist

eine höchst einfache; der stets vorher getödtete Mann wird in zwei große

trockene Bananenblätter ganz eingewickelt, dann mit dem Kopf nach oben an

einen Baum gehängt, die Blätter werden angesteckt und das Mahl ist fertig,

sobald die Blätter abgebrannt sind. Der Körper wird nun heruntergenommen

und mit den Händen das rohe Fleisch heruntergerissen und von den Männern

gegessen, während die im Hintergrunde sitzenden Frauen die Eingeweide

erhalten. Aehnlich wird das Schwein zubereitet, doch wird das gebundene

lebende und in trockene Blätter eingewickelte Thier, welchem auch noch die

Schnauze zugebunden ist, damit es nicht schreien kann, mit den Beinen nach

oben aufgehängt und erhält, ehe die Blätter angesteckt werden, mit der

Keule einen Schlag auf den Kopf. Nach Abbrennung der Blätter wird es dann

ebenso, wie vorher angegeben, verzehrt. Kapitän Levison war Augenzeuge

eines solchen Mahles, als er mit vier seiner Leute unter dem Beistand

eines befreundeten Stammes den bereits erwähnten erfolgreichen Kriegszug

gegen die Mörder eines deutschen Agenten unternahm. In ihrem Siegesrausch

warfen die Wilden ihre sonstige Zurückhaltung ab und gaben sich in seinem

Beisein dem Genusse hin, welchen sie sonst vor den Weißen ängstlich

verbergen. Hiernach kann ich die Berichte, welche von sorgsam zerlegten

Gliedern und nach unsern Begriffen hergerichtetem saftigen Menschenbraten

erzählen, nur als Phantasiegebilde betrachten, zumal die Eingeborenen

bisher überhaupt noch keine Werkzeuge besitzen, um einen Körper in dieser

Weise zu zerlegen, denn die wenigen erst seit kurzem in ihrem Besitz

befindlichen Messer und Beile können bei der weiten Verbreitung der

Menschenfresserei noch gar nicht in Betracht kommen. Doch schöner liest

es sich entschieden, wenn der Leser bei der Schilderung der einzelnen

Manipulationen ein gewisses Gruseln empfindet. Das Menschenfleisch

wird aber roh gegessen und dazu bedarf es keiner Zerlegung, denn das

Abbrennen der Blätter auf dem Körper der Menschen wie dem der Schweine

hat nur den Zweck, die Haare und Borsten abzusengen und die Haut mürbe

zu machen. Dem Einwand, daß es eine noch größere Ungeheuerlichkeit sei,

rohes Menschenfleisch zu essen, begegne ich damit, daß es wenigstens nach

meinem Gefühl weniger scheußlich ist, dem thierischen Trieb folgend das

Opfer einfach zu zerreißen, als mit bewußter Wollust mit den einzelnen

Gliedern zu liebäugeln und stundenlang vor dem allmählich gar werdenden

und brodelnden leckern Mahl zu hocken. Im übrigen sind die Leute an

diese Art der Nahrung von Kindesbeinen an ebenso gewöhnt, wie wir an den

Genuß von rohen und lebenden Austern, Land- und Wasserschnecken, an rohes

Rindfleisch 'à la tartare', wie die Samoaner an den Genuß lebender Raupen

und die samoanischen Katzen an den von Kokosnußkern, was doch wahrlich

gegen die Natur der Katze geht.

Daß hier allmählich Wandel geschaffen wird, ist hauptsächlich dem

Einflusse der Mission zuzuschreiben, da die Kaufleute bisher keine Zeit

hatten, sich der Verbesserung der Sitten zuzuwenden, sondern zunächst

nur daran denken konnten, festen Fuß zu fassen und ihr eigenes Leben zu

sichern; andererseits aber konnte die Mission, welche noch keine weitern

Erfolge zu verzeichnen hat, ihr Werk überhaupt nur unter dem Schutze

der Kaufleute, und zwar hier nur unter dem Schutze deutscher Kaufleute

beginnen.

An einem Vormittag überbrachte mir Herr Hernsheim eine Einladung

Topulu’s, auf seinem Fischereiplatze einen Tanz entgegenzunehmen, welchen

er auf mein Ersuchen arrangirt hätte, ich möchte aber sonst niemand

mitbringen. Wir fuhren daher zu seinem Wohnplatze, um zunächst hier unsern

Zahlmeister-Aspiranten, welcher mir mit Genehmigung des Eheherrn die

Narbenmuster auf der Haut der einen Frau abzeichnen wollte, abzusetzen

und auch mein Boot hier zurückzulassen. Am Ziel angelangt, fanden wir

in der großen offenen Hütte unsern Freund Topulu mit zwei seiner Frauen,

allerdings nicht gerade den ältesten, aber auch nicht den hübschesten. Die

eine ist ein murksiges ältliches Geschöpf von ziemlich heller Farbe, die

andere ebenfalls sehr klein, noch jung, wohlgenährt, aber tief schwarz;

sie hat eine Nase, welche so ziemlich die ganze Breite des Gesichts

einnimmt, dazu ist sie noch auf einem Auge blind, was in dem schwarzen

Gesicht noch mehr zur Geltung kommt. Beide sind schön geputzt, aber nicht

gewaschen. Die Haare sind frisch roth gefärbt, auf dem Kopfe sitzt eine

große bunte Feder, die Halskette ist fest und ordentlich umgebunden, und

beide haben in jedem Nasenflügel zwei, also jede vier 5 cm lange, nach

oben und trotzig aus dem Gesicht herausstehende dunkelbraune Stacheln.

Als wir zur Hütte kommen und uns verwundert umsehen, wo denn die andern

sind, raunt King Dick Herrn Hernsheim in seinem Kauderwelsch etwas zu und

ist verschwunden. Auf meine Frage: „Was nun?“ bekomme ich die Antwort:

„Topulu stellt Ihnen diese beiden seiner Frauen zur Verfügung.“ Auf

die Frage: „Was soll ich denn mit ihnen?“ die Antwort: „Sie können mit

ihnen machen was Sie wollen; nur dürfen Sie sie nicht essen.“ Lachend

gaben wir den ängstlich aneinandergeschmiegten Gestalten, welche uns wie

scheue Rehe anblicken, die von Herrn Hernsheim vorsorglich mitgebrachten

weißen Perlenschnüre und machen uns, befriedigt über die beabsichtigte

Freigebigkeit Dick’s, welche in diesem Lande wirklich etwas bedeuten will,

auf den Rückweg.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 40 / 56 段