Unser Ankerplatz mit seiner Umgebung ist ein kleines Stück Paradies.

Rund eingeschlossen von hohem und dicht belaubtem Lande ist der schöne

sichere Hafen mit seinem wunderbar klaren Wasser, welches die Täuschung

hervorruft, als ob der Meeresboden handbreit unter dem Wasserspiegel

läge. Die Ufer des Landes werden stellenweise durch vorspringendes

Felsengestein und zurücktretende Meeresbuchten unterbrochen; hier

schiebt sich das Land dichter an uns heran, dort gestattet eine lange

Wasserstraße nach dem westlichen Ausgang eine größere Fernsicht. Auf

dem Lande stehen nicht nur Kokosnußbäume, sondern endlich auch einmal

wieder Laubhölzer, darunter mächtige Baumriesen mit bis zu 2 m dicken

Stämmen und diesen entsprechenden, nach unsern heimischen Begriffen

proportionalen Laubkronen. Die großen Blätter der Bananenstauden, die

saft- und kraftstrotzenden Sträucher, Schlingpflanzen, Gräser und Blumen,

die Vögel, summenden und zirpenden Insekten geben uns die Erinnerung

zurück, daß es auf der Erde auch noch etwas anderes gibt, als nur

Kokospalmen und immer wieder Kokospalmen. Die Wasseroberfläche im Hafen

ist spiegelglatt; draußen rauscht leise die schwache Brandung, als

ob sie mit der untergehenden Sonne, welche tiefer sinkend das vor uns

liegende Bild in die Schatten der Nacht legt, auch schlafen gehen wolle.

Wohnungen der Eingeborenen sind nicht zu sehen, aber einzelne Vertreter

dieser Rasse zeigen sich in ihrer classischen Nationaltracht, welche

nur im Färben der Kopf- und Körperhaare besteht, mit Speeren und Keulen

bewaffnet am Strande. Dicht vor uns, nur etwa 100 Schritte ab, führt

vom Strande ein sauber gehaltener und mit kleinen Steinen bestreuter

gerader Weg zu der deutschen Factorei, einem kleinen Holzbau mit daran

stoßendem steinernen Waarenhaus, das Ganze von einer steinernen Mauer

umwehrt. Der deutsche Agent kam an Bord, um sich vorzustellen und uns die

wenig angenehme Nachricht zu bringen, daß der in Diensten der Handels-

und Plantagengesellschaft stehende deutsche Schiffskapitän Levison, den

wir zur Ausführung unserer Pläne als Kenner der Landessprache und aller

einschlagenden Verhältnisse nicht entbehren konnten, mit seinem Schiff in

einem 30 Seemeilen entfernten Hafen läge und vorläufig nicht herzukommen

beabsichtige. Da andererseits ich ihn jetzt nicht aufsuchen konnte,

weil ganz bestimmte Aufträge mich nach Makada führten, wo ich einige

Eingeborene wegen Niederbrennung einer deutschen Station zur Verantwortung

ziehen sollte, so sprach ich den Entschluß aus, gleich am nächsten

Morgen nach Makada weiter zu gehen und die dortigen Geschäfte zuerst

zu erledigen. Bei der Besprechung, auf welche Weise Levison am besten

herzurufen sei, warf sich ein ebenfalls in deutschen Diensten stehender 60

Jahre alter Engländer ins Mittel und erbot sich, obgleich er eben erst mit

seinem Boot von dem in Rede stehenden Hafen gekommen war, sofort wieder

abzufahren, mit seinen beiden Leuten (Eingeborenen) bei dem stillen Wetter

die 30 Seemeilen während der Nacht abzurudern und den Kapitän am nächsten

Vormittag mit frischen, von dessen Schiff genommenen Leuten zu uns nach

Makada zu bringen. Meinen Einwand, daß er dies bei seinem Alter, nachdem

er bereits den ganzen Tag der heißen Tropensonne ohne Sonnensegel und

Schirm ausgesetzt gewesen sei, wol nicht aushalten würde, wies er lächelnd

von der Hand, und so ließ ich ihn ziehen in der Ueberzeugung, daß er die

Aufgabe nicht lösen könne; aber er hat sie gelöst. Dieser Mann gab mir

auch wieder den Beweis, welchen ich nicht nur an verschiedenen Beispielen

hier in der Südsee, sondern auch an mir selbst wiederholt gefunden habe,

daß auch der Europäer außerordentlich widerstandsfähig gegen das Klima

ist, sofern er nur immer mäßig lebt.

Obgleich es inzwischen dunkel geworden war und es vermuthlich an

Land auch nichts zu sehen gab, konnte ich dem Drang dahin doch nicht

widerstehen. Die Eingeborenen hatten es mir angethan, längst vergangene

Zeiten machten sich geltend und Anklänge an die Empfindungen, welche ich

als Kind beim Lesen der Indianer- und Wildengeschichten hatte, brachen

aus meinem Erinnerungsschatz hervor, als ich bei unserer Ankunft diese

chokoladenbraunen urwüchsigen Gestalten mit ihren phantastischen Waffen

am Strande sah. Ich fuhr daher noch für kurze Zeit an Land, um mir

wirkliche und leibhaftige Wilde und Menschenfresser aus nächster Nähe zu

betrachten, bei welcher Gelegenheit ich mir auch gleich durch Vermittelung

des deutschen Agenten einige Waffen direct aus den Händen der Wilden

eintauschte. Sehr verwundert war ich, nachher das Gewicht einer erworbenen

Streitaxt federleicht zu finden und zu erkennen, daß nicht nur der Stiel,

sondern auch die Axt selbst aus dem leichtesten Holz verfertigt war.

Später erst lernte ich die Bedeutung dieser Täuschung erkennen.

Am folgenden Morgen fuhr ich mit Tagesanbruch an Land, um die Situation

des Hafens und des daran stoßenden Terrains in Ruhe zu besichtigen und

auf seinen Werth zu prüfen. Herr Weber, welcher sich bisher gewissermaßen

als unfehlbar erwiesen hatte, war mit dem Vorschlage hervorgetreten,

kurzer Hand die hier liegenden wichtigsten Häfen auf die eine oder

andere Weise für das Reich zu erwerben, weil ich nur dadurch meine

Absicht, die deutschen Interessen dauernd zu sichern, erreichen könne.

Ich hatte im Laufe der letzten Monate ja viel und reiflich über diese

Sache nachgedacht, mich aber noch nicht schlüssig gemacht; jetzt auf

diesem einsamen Spaziergang wollte ich zu einem Ende kommen. Bei meiner

Anwesenheit in Sydney, wie auch später in Levuka, hatte ich sowol aus dem

energischen Drängen aller Zeitungen, wie aus Gesprächen mit maßgebenden

und einflußreichen Personen ersehen, daß die Annectirung Neu-Guineas

durch England nur eine Frage der Zeit sein könne, und daß muthmaßlich

der Tag der Einverleibung sehr nahe liege. Weht aber erst die Flagge

Großbritanniens auf diesem Erdtheil, dann breitet sie sich wie unter

dem Einfluß des Windes auch über die großen Nachbarinseln Neu-Britannien

und Neu-Irland aus, um mit diesen werthvollen Ländermassen gleichzeitig

die Herrschaft über den St.-George-Kanal zu erhalten, welcher meines

Erachtens dermaleinst die Straße für den Dampferverkehr zwischen

Australien und China werden wird. Und dieser Möglichkeit mußte ich auf

alle Fälle zuvorzukommen suchen, damit das Deutsche Reich bei der nahe

bevorstehenden Theilung der Südsee unter die europäischen Staaten auch

ein Wort mitzureden hätte.

Meine Gig fährt auf den Strand, ich springe, in der Hand einen Stock und

in der Tasche einen Revolver, an Land und das Boot geht in tieferes Wasser

zurück, um mir mit leichtem Ruderschlag auf Rufweite zu folgen. Lang

entbehrter Genuß, auf festem Boden ordentlich ausschreiten zu können und

noch dazu in so herrlicher Umgebung, an solch thaufrischem Morgen!

Mein Weg führt dicht am Waldessaum entlang, auf schönem festen Sand,

nur wenige Schritte von dem Meeresufer entfernt. Eine leichte Brise

bringt angenehme Kühlung und spielt in dem leisen Rauschen der Blätter

das Präludium zu dem Concert, welches bald die erwachende Thierwelt

anstimmt. Hier und da treten eingeborene bewaffnete Männer einzeln oder

paarweise aus dem Busch, welche mich einsamen Wanderer neugierig und,

wie mir scheinen will, lüstern betrachten und dann weiter gehen, um, wie

das Gethier, am neuen Morgen ihrer Nahrung nachzugehen oder nur, ihren

dumpfigen Hütten entfliehend, unbewußt das köstliche Geschenk einzuathmen,

welches Gottes Gnade ihnen in dieser wunderherrlichen Natur beschert

hat. Unser Schiff liegt von hier aus versteckt; ob sie mich vielleicht

als jagdbares Wild ansehen und nur mein mit sechs Matrosen bemanntes

Boot sie zur Enthaltsamkeit veranlaßt? Vielleicht werden sie auch durch

hier am Strande liegende Brunnen -- in den Sand gegrabene Löcher, welche

süßes Wasser enthalten -- angelockt. Diesen Menschen kann man es beinahe

verzeihen, Menschenfresser zu sein, wenn man sie so in der Freiheit

sieht. Wenigstens auf mich machen sie den Eindruck von bewehrtem Edelwild,

obgleich ich kein Jäger bin. Liegt es in dem Gesichtsausdruck oder in der

Hautfarbe des nackten Körpers? In der scheuen Vorsicht ihrer Bewegungen

oder in der nie fehlenden Waffe, weil keiner dem andern traut, jeder

bereit ist, einem andern das Leben ebenso leicht zu nehmen, wie es ihm

genommen werden kann? Ich weiß es nicht, aber wahr ist es, daß man hier

verlernen kann, in dem „Mord aus Vergnügen“ noch ein Verbrechen zu sehen.

Wie gesagt, bewaffnet ist jeder, und hat er keinen Speer, keine Keule,

keine Axt, so hat er doch die wurffertige Steinschleuder in der Hand,

mit welcher er auf 30 Schritte und weiter seinen Gegner oder sein Opfer

sicher tödtet, oder durch einen Knochenbruch, bezw. eine lebensgefährliche

Verwundung in den Weichtheilen kampfunfähig macht.

Ich umschreite eine kleine Meeresbucht, welche so tiefes Wasser hat,

daß große Schiffe hineinholen und direct an Land anlegen können, die

daher nach etwaiger Anlage einiger Werkstätten einen guten natürlichen

Platz für Schiffsreparaturen abgibt. Etwas weiter komme ich zu der am

Strande gelegenen Hütte eines samoanischen Missionslehrers, welcher mit

seiner auffallend hübschen Frau damit beschäftigt ist, in seinem Hause

Tag zu machen. Es war inzwischen, nachdem ich einen dreiviertelstündigen

Spaziergang hinter mir hatte, Zeit geworden, an Bord zurückzukehren, und

ich bestieg mein herangerufenes Boot mit dem Entschluß, nach Erledigung

meiner übrigen Geschäfte hierher zurückzukehren, um den Hafen auf

irgendeine Weise für uns zu sichern.

Um 9½ Uhr waren wir wieder unter Dampf, um durch die westliche Passage auf

dem kürzesten Wege nach Makada zu gelangen. Die Karte gibt zwar für das

äußere Fahrwasser keine nähern Tiefenangaben, sondern sagt nur, daß alles

voller Korallenriffe mit genügend tiefen Rinnen zwischen den Korallen sei,

indeß war mir mitgetheilt worden, daß die Passage mit gutem Ausguck von

dem Mast aus vollständig sicher ist. Da wir nun an diese Art Seefahrt mit

der Zeit gewöhnt sind und die Meeresfläche infolge andauernder Windstille

auch spiegelglatt war, so wählte ich der erheblichen Zeitersparniß wegen

diese Straße. Die vier Seemeilen lange Fahrt bis zum Ausgang des Hafens

an dieser Seite machte den Eindruck, als ob wir über Land führen, denn

da, wie schon erwähnt, bei der außerordentlichen Klarheit des Wassers

der ganze ebene und nur mit feinem weißen Korallensand ganz gleichmäßig

bedeckte Meeresboden scheinbar wie die Silberunterlage eines Spiegels

dicht unter der Meeresoberfläche liegt, so sah es aus, als ob wir uns

auf dem Sande fortbewegten. Bei jedem neuen Lothwurfe fürchtete ich eine

erhebliche Abnahme der Wassertiefe ausrufen zu hören, dieselbe blieb aber

gleichmäßig zwischen 10 und 12 m. Es mag auffallen, daß der Meeresboden

hier innerhalb des Hafens ganz frei von Korallen ist, dies wird aber

dadurch zu erklären sein, daß jetzt die dicke Schicht fließenden Sandes

den Korallen verwehrt festen Fuß zu fassen, wie es vordem der zweifellos

unter dem Sande liegende weiche Mudboden gethan.

Nach zwei Stunden, welche wenigstens für mich ziemlich anregend, um nicht

zu sagen aufregend waren, da das Schiff fortgesetzt seine Richtung ändern

mußte, um im Zickzack seinen Weg durch dieses ausgedehnte Korallenfeld

zu finden, langten wir gegen 11½ Uhr vormittags vor Makada an. Wir waren

lange durch vorspringendes Land verdeckt gewesen und wurden daher erst

bemerkt, als wir unserm Ankerplatz schon ziemlich nahe gerückt waren,

deshalb traf uns das entgegenkommende europäische Boot auch erst kurz vor

dem Hafen. Der in demselben befindliche Europäer stellte sich mir als Herr

Hernsheim, Bruder des in Jaluit lebenden Herrn gleichen Namens vor, was

mir große Befriedigung gewährte, weil ich nun infolge seiner Anwesenheit

meine dienstlichen Geschäfte hier am Platze ohne Zeitversäumniß gleich

erledigen konnte. Er war mit seinem kleinen Dampfer von Australien kommend

erst am Tage vorher hier eingetroffen und brachte mir auch die angenehme

Nachricht, daß der von mir bei meiner letzten Anwesenheit in Sydney

nach hier bestellte Proviant für die Korvette bereits angekommen sei und

jederzeit zu meiner Verfügung stehe. Dagegen mußte ich allerdings leider

hören, daß das seinerzeit als hier lagernd angemeldete Kohlenquantum

inzwischen erheblich herabgeschmolzen sei, wodurch ich gezwungen wurde,

zum Theil wieder auf Holzfeuerung zurückzugreifen, welche ich mit dem

Verlassen der Magelhaens-Straße für die fernere Dauer meiner Reise als

abgethan betrachtet hatte.

Hier will ich einschalten, daß dieser Herr Hernsheim es ist, welcher in

diesem Theile der Südsee die ersten Niederlassungen errichtet hat. Er

hat als Seemann vor Jahren mit einem eigenen kleinen Schiffe diese Gegend

befahren und erforscht und dann seinen Bruder, welcher in überseeischen

Ländern Kaufmann war, bewogen, mit ihm zusammen dieses große Gebiet

kaufmännisch ebenso auszubeuten, wie das Haus J. C. Godeffroy die weiter

östlich belegenen Inseln vornehmlich dem Handel erschlossen hatte. Dem

Kaufmann fiel naturgemäß anheim, auf den Marshall- und Carolinen-Inseln,

wo das Haus Godeffroy bereits Anfänge gemacht hatte, Factoreien zu gründen

und dieselben in directen Verkehr mit dem Mutterlande zu bringen, während

der Seemann Neu-Irland und Neu-Britannien übernahm, weil hier zunächst nur

unter dem Schutze eines oder mehrerer Schiffe am Lande fester Fuß gefaßt

werden konnte. So werden, wenn der noch unabhängige Theil der Südsee

dermaleinst an Deutschland fallen sollte, die Namen Weber, welchem Herrn

das Hauptverdienst an den Erfolgen des Hauses Godeffroy zuzuschreiben ist,

und Gebrüder Hernsheim wol verdienen, einen hervorragenden Platz in der

Geschichte der Colonialbestrebungen des Deutschen Reiches einzunehmen.

An Land gekommen, hatte ich die Freude, einem jungen Herrn Robertson

die Hand drücken zu können, einem Kaufmann aus Hamburg, welchen ich

in Sydney kennen gelernt hatte. Dieser Herr hat, in der Absicht, sich

mit seinen beiden Vettern Hernsheim zu associiren, die Reise von

Deutschland hierher gemacht, um sich vorher einen Einblick in die

hiesigen Verhältnisse zu verschaffen. Wenn man solche junge Herren

sieht, die, im Wohlleben aufgewachsen, sich hier in den engen kleinen

und keineswegs besonders seetüchtigen Fahrzeugen, mit welchen sie ihre

großen Reisen zwischen den oft über 1000 Seemeilen auseinanderliegenden

Inseln machen müssen, den größten Entbehrungen, Strapazen und vielfachen

Gefahren auf See wie am Lande aussetzen, dann muß man hohe Achtung vor

dem Großkaufmannsstand der Hansestädte und namentlich Hamburgs erhalten,

ein Stand, dessen Angehörige, jeder Verweichlichung fern, mit Muth und

Energie unter Daransetzung ihres eigenen Lebens ihrem Beruf nachgehen,

dessen eigentlichstes Wesen im Innern des Deutschen Reiches häufig kaum

verstanden wird.

Kurze Zeit nach unserer Ankunft war richtig Kapitän Levison auch

eingetroffen, der alte Engländer hatte also Wort gehalten.

Als Wohnplatz der Herren fand ich am Lande eine höchst dürftige hölzerne

Hütte mit einem Wohn- und zwei Schlafzimmern; das Beste an ihr war

eine große gedeckte Veranda. Die Einrichtung beschränkte sich auf die

allernothwendigsten Möbel, die zur Vertheidigung erforderlichen Waffen

und die zum Leben nöthigen Nahrungsmittel und Getränke. Mit den beiden

letztern sah es zur Zeit aber so kläglich aus, daß ich die Herren für

die Dauer unsers Aufenthalts als meine Gäste verpflichtete. Hinter dem

Hause war ein großes Waarenlager und ein Schweinestall mit zwei Thieren

von solcher Größe, daß sie von den Besitzern nicht geschlachtet werden

konnten, weil sie nicht gewußt hätten, wo mit dem vielen Fleisch zu

bleiben, weshalb es am besten war, daß ich sie als Geschenk für meine

Mannschaft übernahm. Die ganze Anlage war von einem Zaun umgeben und

weiterhin von großartigem Urwald, aus welchem der Platz für die Factorei

herausgehauen war.

Auf der Veranda saß ein schmächtiges eingetrocknetes Männchen in grauer

Hose und gleichem Hemde, welches mir als Herr Topulu oder King Dick,

Oberhäuptling und Hoherpriester der Duke of York-Gruppe vorgestellt

wurde. Dieser Mann verdient wegen seiner eigenartigen socialen Stellung

besondere Erwähnung und muß ich hierbei auch auf seinen verstorbenen Vater

zurückgreifen.

Während in diesem ganzen Archipel all die verschiedenen Stämme, ja

eigentlich die einzelnen Familien selbständig und voneinander unabhängig

sind, hat sich hier im Norden von Duke of York, und nur hier, ein

politisches Gemeinwesen dadurch gebildet, daß der Vater des Topulu früher

allein den Handel zwischen den Weißen einerseits und Neu-Britannien und

Neu-Irland andererseits vermittelte, dadurch viel Geld verdiente und

infolge seines Reichthums ein so hohes Ansehen gewann, daß er als der

einzige ungefährdet die früher höchst gefährlichen Gebiete der großen

Nachbarinseln bereisen konnte. Geld ist hier alles; für Geld werden Weiber

und Kinder wie Vasallen gekauft; nur für Geld gibt der eine dem andern,

der Bruder dem Bruder Feuer zum Anzünden seiner Pfeife; mit Geld wird ein

Höflichkeitsbesuch bezahlt; sogar der Mann muß der von ihm gekauften Frau,

deren unumschränkter Herr er ist, eine geforderte Liebkosung bezahlen.

Da nun das meiste Geld dem Besitzer auch die Würde des Hohenpriesters

verleiht und er in dieser als gefeit gegen die Angriffe seiner Feinde

angesehen wird, so war es dem klugen Vater des Topulu leicht, sich alle in

seiner Nähe liegenden Stämme zu unterwerfen und botmäßig zu machen, was er

denn auch ausführte. Als er starb, war Topulu von drei Brüdern der erste,

welcher seine Hand auf das Geld des Vaters legte und damit der Besitzer

wurde, denn in diesem gesetzlosen Lande steht die Achtung vor fremdem

Eigenthum so hoch, daß die beiden andern Brüder es nicht wagten, den

Topulu zu erschlagen und sich dadurch in den Besitz der Hinterlassenschaft

ihres Vaters zu setzen. So wurde Topulu der anerkannte Erbe seines Vaters

und von dessen Ansehen, sowie Besitzer des Handelsmonopols. Sein schon

hohes Ansehen wird aber immer mehr wachsen, da er mit Verschlagenheit

schon einen gewissen Schliff verbindet und den Werth freundschaftlichen

Verkehrs mit den Weißen wohl zu beurtheilen vermag, zumal wenn dieser

Verkehr sich vorzugsweise auf seine Person stützt. So wird, wenn nicht

vorher ein europäischer Staat seine Hand auf diese gesegneten Gefilde

legt, nur von hier aus Duke of York allmählich unterworfen werden können.

Dies war ausreichender Grund für mich, den Versuch zu machen, auch diesen

Hafen in meine Hände zu bekommen.

Im Laufe des Nachmittags fuhr ich mit Herrn Hernsheim und Topulu in

meinem Boote dicht am Ufer entlang zu des letztern Wohnstätte, um mir

dieselbe anzusehen. Der Wald tritt an unserm Wege bis dicht an den Saum

des steilabfallenden 4-5 m hohen Ufers, und die weit überhängenden Aeste

und Zweige der Bäume geben uns Schatten; an einer Einsenkung mit einem

kleinen Wassereinschnitt in das Land sind wir an dem Landungsplatz King

Dick’s angelangt und verlassen hier das Boot. Wenige Schritte auf einem

engen, oben durch Laub dicht geschlossenen Fußpfade bringen uns zu einer

Lichtung, wo sich vor meinen erst geblendeten Augen ein eigenartiges Bild

entrollt. Vor zwei großen, an den Wald sich anlehnenden Hütten liegt

ein freier bis zum Ufer reichender Platz mit einer wunderherrlichen

Fernsicht. Inmitten des Platzes sind mehrere Frauen und einige Kinder

damit beschäftigt, aus großen Stücken eines heute erst gefangenen

Haifisches ein Mahl zu bereiten und einzelne Theile wol auch zu dörren,

da der Haifisch hier wie auch sonst in der Südsee als große Delikatesse

betrachtet wird. Das Eigenartigste für mich aber sind die Frauen, denn

wenn ich in dem letzten Jahre auch viel Nacktes gesehen habe, so treten

mir doch hier, abgesehen von der Magelhaens-Straße, deren Bewohner kaum

einen menschlichen Eindruck machen, zum ersten mal ganz unbekleidete

Frauen entgegen; nicht die Nacktheit ist aber das Frappirende, sondern die

paradiesische Ungenirtheit, mit welcher die Frauen sich bewegen und der

sittige Hauch, welcher trotz alledem über ihnen liegt. Die eine Person,

eine jugendliche anmuthig gerundete Gestalt mit einem verhältnißmäßig

hübschen Kindergesicht, mit eingeschnittenen wunderlichen Figuren auf

allen möglichen und unmöglichen Körpertheilen, ist mit ihrem bunten

Glasperlenhalsband trotz ihrer Häßlichkeit geradezu zum Küssen, wie sie

mit den Händen auf dem Rücken so vor uns steht und mit zur Seite geneigtem

Kopf zuhört, was eine ihrer Mitfrauen dem gemeinschaftlichen Eheherrn

erzählt. Hier sieht man keine Nacktheit mehr, sondern nur Menschen,

welche, von dem ersten Sündenfall unberührt, noch nicht das Bedürfniß nach

Feigenblättern empfinden. Schamhaftigkeit ist in Uebereinstimmung mit dem

vorher Gesagten auch diesen Frauen eigen, denn während die Weiber überall

da, wo sie Hüfttücher oder Blätterschurze tragen, sich wie die Türken mit

gekreuzten Beinen hinsetzen, beim Bücken und Tanzen die Beine spreizen

oder sonst gelegentlich breitbeinig stehen, sind bei diesen Wildinnen

die Beine immer dicht zusammen, beim Gehen, Stehen, Sitzen und sogar beim

Tanzen, obgleich sie hierbei eine kleine Schürze tragen. Das Merkwürdigste

aber bleibt die Sitzstellung; mit geschlossenen Oberschenkeln ducken

sie sich, heben dann einen Unterschenkel nach hinten und setzen sich

auf den platt hingelegten Fuß, während der andere Unterschenkel je nach

Bequemlichkeit untergebracht wird, aber immer so, daß die Knie dicht

aneinander bleiben. Dieser Gewohnheit mag es auch zuzuschreiben sein,

daß die Frauen eine so wunderliche Beinstellung haben, welche gemeinhin

„negerartig“ genannt wird, während doch die gute Form des Beines an den

Negertypus nicht erinnert.

Der Hausherr forderte mich auf, einen Blick in seine Wohnung zu werfen,

wir treten daher in die erste, als Wohn- und Schlafraum benutzte Hütte

ein. Dieselbe ist groß und geräumig und innen durch einen eingelegten

Boden in zwei durch eine Leiter verbundene Etagen getheilt, deren jede

nur in je einem vollständig leeren Raum besteht. Der Fußboden des untern

Raumes ist bedeckt mit feinem schwarzen, abfärbenden Sand, welchen ich

erst für Eisenfeilenspähne hielt. Die zweite Hütte, von gleicher Größe und

Bauart wie die erste, dient als Schatzkammer und birgt die Schätze des

reichsten Mannes der ganzen Gegend. Neben mancherlei von den Europäern

neu erworbenen Sachen sind beide Etagen mit Diwarra, dem landesüblichen

Muschelgeld, angefüllt. Dasselbe, kleine auf Bambusreisern aufgereihte

Muscheln, bedeckt nicht nur in Haufen zusammengeschichtet und abgezählt

die Fußböden, sondern hängt auch, immer in eine ganz bestimmte Form

zusammengebunden, in großer Zahl an den Wänden und bezeichnet umso mehr

den Reichthum des Eigenthümers, als es gerade in dieser Form erheblich

an imaginärem Werth gewinnt. Es bedeutet in dieser Gestalt nicht nur

Geld, sondern einen Schatz, welcher nicht allein dem Besitzer selbst,

sondern seiner Familie und auch dem ganzen Stamme ein Ansehen verleiht,

welches verloren geht, sobald die Form des Schatzes zerstört und derselbe

zerkleinert wird. Es ist ein Ring von etwa 90 cm Durchmesser und 20 cm

Dicke in Form der auf den Schiffen gebräuchlichen Kork-Rettungsbojen,

welcher 80 Faden Muschelgeld, den Faden zu 6 Fuß englisch gerechnet,

enthält. Er gilt gewissermaßen als größtes Geldstück, während einzelnes

Diwarra als Scheidemünze dient, und wird, wie bei uns das Gold, stets als

vollwerthig gerechnet und daher immer zu 80 Faden angenommen. Ich möchte

diese Ringe mit den wenigen großen Banknoten, welche die Bank von England

ausgegeben hat und von denen jede ein großes Vermögen repräsentirt,

vergleichen, um so mehr als z. B. schon drei solcher Ringe das ganze

bewegliche Besitzthum eines Länderstriches von mehrern Quadratmeilen

bilden. Gegen Diebstahl ist die Hütte weiter nicht versichert, ein solcher

muß also, wie ich vorher schon gesagt habe, nicht befürchtet werden.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 38 / 56 段