Linken sich um die Vermessung der Küsten Neu-Irlands und Neu-Britanniens
so verdient gemacht hat, mied das inmitten der Straße liegende Kleinod,
welches mit zwei vorzüglichen Häfen den Schlüssel zur Straße bildet und
der gegebene Platz für die Residenz dieses großen Inselreichs ist, wenn
die großen Nachbarinseln im Laufe der Zeiten einmal zu einem einzigen
Reiche verschmolzen werden sollten. (Die beiden Häfen waren von Engländern
vor wenigen Jahren Fergusson-Harbour und Port-Wesley getauft worden,
ich habe ihnen indeß ihre richtigen Namen wieder zurückgegeben; wodurch
ich das Recht dazu erhielt, wird der weitere Verlauf meiner Darstellung
ergeben.)
Die Duke of York-Gruppe ist schon jetzt der Centralpunkt des Handels,
welcher sich in den letzten Jahren hier entwickelt hat. Derselbe befindet
sich in den Händen zweier deutscher Häuser, diese sind die Handels- und
Plantagengesellschaft auf Samoa, vormals J. C. Godeffroy, und die Brüder
Hernsheim, welche mit großer Energie und Ausdauer Verbindungen mit diesem
gefürchteten Menschenschlage anknüpften, sich durch immer wiederkehrende
Brandlegungen und Ermordung eines Handelsagenten nicht abschrecken
ließen, sondern ausdauerten und jetzt, soweit eine richtige Beurtheilung
möglich ist, endgültig gesiegt haben, allerdings schließlich mit Hülfe
der Kriegsmarine, deren Unterstützung ihnen vorher gefehlt hatte. Die
deutschen Kaufleute haben auch hier, wie schon an manch anderm Platze,
den Missionaren den Weg geebnet und diesen das Eindringen überhaupt
erst möglich gemacht. Nicht die Missionare sind in diesen Gegenden die
Mauerbrecher, wie sie mit ihren pomphaften Veröffentlichungen das Publikum
glauben machen, sondern der Handel ist es, welcher zur Fernhaltung der
Concurrenz in aller Stille arbeiten muß. Ehe die Verhältnisse auf dieser
Gruppe, wie auf der großen Nachbarinsel Neu-Britannien, den jetzigen
verhältnißmäßig geordneten Stand erreichen konnten, ist allerdings manches
Blut geflossen. Die hiesigen Handelsagenten sind keine schmächtigen
Jünglinge, welche den ganzen Tag hinter dem Schreibtisch sitzen,
sondern wetterfeste und verwegene Männer, die, zum größten Theil aus dem
Seemannsstande hervorgegangen, besser mit dem Revolver und dem Messer,
als wie mit der Feder umzugehen wissen -- Leute, die selten im Hause sind
und auf beschwerlicher Reise von einem Platz zum andern, von einer Insel
zur andern den größten Theil des Jahres in kleinen Fahrzeugen und offenen
Booten zubringen -- Leute, die ihre persönliche Sicherheit in der eigenen
Hand halten und daher, wenn es gilt, nicht nur ihr Leben zu vertheidigen
haben, sondern zur Sicherung ihrer Stellung auch unter Umständen zum
Angriff übergehen müssen, da keine Behörde zur Stelle ist, welche ihnen
Schutz gewähren könnte; sie müssen leben wie der Volksstamm, auf dessen
Grund und Boden sie sich befinden, d. h. jeder hat für sich selbst zu
sorgen und darf nie ohne Waffe sein; wer sich nicht selbst schützen kann,
wird von dem andern vernichtet. Einige Beispiele aus dem hiesigen Leben
werden das Vorstehende am besten illustriren.
An der Nordküste Neu-Britanniens erschießt vor zwei Jahren ein Engländer,
Agent eines deutschen Hauses, den Hund eines Eingeborenen, wofür die
Eingeborenen ihm sein Haus anstecken und dann ihn selbst erschlagen.
Der Kapitän eines in der Nähe befindlichen zu demselben Hause gehörigen
deutschen Kauffahrteischiffes verbindet sich darauf mit einem an derselben
Küste seßhaften ihm befreundeten Stamme und unternimmt gegen die Mörder
einen Kriegszug, welcher mit der Besiegung derselben endet, nachdem auf
beiden Seiten mehrere Eingeborene gefallen waren. Der Schiffskapitän
konnte allerdings seinen Sieg nicht zu einer exemplarischen Bestrafung
der Mörder ausnutzen, da seine Macht dafür zu gering war, sondern mußte
sich mit dem ihm gebotenen Strafgelde von einigen hundert Faden (je 6 Fuß)
Muschelgeld und der Genugthuung begnügen, daß der seitdem an derselben
Stelle wieder eingesetzte neue Agent unbehelligt gelassen wird. Aus diesem
Kriegszuge stammen auch die mir von demselben Kapitän gemachten, später
noch anzuführenden Angaben über die Zubereitung von Menschenfleisch, da
die Gefallenen nicht begraben, sondern gegessen wurden.
Ein zweiter Fall. Ende vorigen Jahres schloß der Steuermann eines im
Meokohafen liegenden deutschen Schiffes mit einem Häuptling der kleinen
Insel Meoko ein Kaufgeschäft ab und entrichtete den Kaufpreis im voraus.
Als er dann das Kaufobject fordert, wird ihm dasselbe vorenthalten
und hieraus entspinnt sich ein Streit, welcher in einen allgemeinen
ernsten Conflict ausartet. Die Eingeborenen machen von ihren Waffen
Gebrauch, die Europäer (darunter ein deutscher Naturforscher mit Frau)
begaben sich alle auf das Schiff, die Eingeborenen machen einen Angriff
auf dasselbe, werden blutig zurückgewiesen, an Land verfolgt und dort
besiegt. Der Kriegszustand währte mehrere Tage, während welcher vielfach
unterhandelt wurde, ohne zu einem Resultat kommen zu können. Der Kapitän
hatte diese Zeit auch dazu benutzt, um den in Port-Hunter residirenden
englischen Missionar, welcher über eine große Zahl Männer (samoanische
und fidjianische Missionslehrer) verfügt, um Beistand zu bitten, wurde
indeß mit der Antwort zurückgewiesen, daß die Waffen des Missionars nur
geistige seien. Denselben Standpunkt nahm auch die in Sydney befindliche
oberste Missionsbehörde der Wesleyaner ein und äußerte sich nach
Empfang der Berichte von der Station in Port-Hunter in einer keineswegs
anerkennenden Weise über die deutschen Barbaren. Hätte der englische
Missionar in Port-Hunter allerdings damals geahnt, welche Schritte er
wenige Wochen später ergreifen und wie er den zurückgewiesenen deutschen
Kapitän nun selbst um Beistand anrufen würde, dann hätte er jedenfalls
anders gehandelt und anders berichtet; hätte die Missionsgesellschaft
in Sydney geahnt, welche Berichte ihr wenige Wochen später von ihrer
Station in Port-Hunter in Aussicht standen, dann hätte sie gewiß klug
geschwiegen. Eigene Schicksalsfügung war es, daß gerade derselbe,
von den englischen Missionaren so hart angegriffene deutsche Kapitän
während meiner Anwesenheit in Sydney dahin die erste Nachricht von dem
Kriegszug des englischen Missionars Brown gegen die Eingeborenen von
Neu-Britannien bringen mußte, und zwar die eigenen Berichte des genannten
Missionars, nach welchen über 150 Eingeborene gefallen waren, während in
dem Scharmützel des deutschen Schiffes nur 5 oder 6 Eingeborene das Leben
verloren hatten. Nun war natürlich die Noth groß, denn da die Missionare
die Handlungsweise des deutschen Kapitäns so hart verdammt hatten, konnten
sie ihren Bruder nicht in Schutz nehmen, sondern mußten über ihn in
derselbe Weise abfällig urtheilen, was sie denn auch mit solchem Erfolg
gethan haben, daß der Gouverneur von Fidji die Sache in die Hand nehmen
mußte, und nach allgemeiner Ansicht in Levuka wird der Missionar Brown mit
mindestens fünf Jahren Gefängniß bestraft werden. Eigene Schicksalsfügung
ist es wiederum, daß der Commandant eines deutschen Kriegsschiffes trotz
der allgemein gegen Brown sprechenden öffentlichen Meinung der Erste ist,
welcher diesem braven Manne die rettende Hand reicht, denn ich hoffe
sicher, daß die von mir zu seinem Schutz ergriffenen Maßnahmen ihn vor
der drohenden Schande bewahren werden.
Dieser letzte und bedeutendste blutige Conflict fand im Februar 1878
statt. Die Entwickelung der Sache war die folgende.
Die englische Mission ward damals gebildet von dem Missionar Mr. Brown
und etwa 80 Samoanern und Fidji-Leuten, welche, in den Missionsschulen
als Lehrer ausgebildet, vorzugsweise dazu bestimmt sind, die vorbereitende
Arbeit des Missionars zu übernehmen, d. h. die Heiden mit dem Inhalt der
Bibel bekannt zu machen und später dann den Schulunterricht der Kinder
zu überwachen. Ohne diese Leute würde in diesen Gegenden überhaupt
nichts zu machen sein, da die Entsendungs- und Unterhaltungskosten für
europäische Geistliche ungeheuere Summen verschlingen würden, wenn solche
Persönlichkeiten überhaupt in genügender Zahl gefunden würden, während
die polynesischen sogenannten Missionslehrer wie die Eingeborenen leben,
mit einer kleinen Hütte und derjenigen Nahrung zufrieden sind, welche
sie sich selbst von den Bäumen oder aus dem Wasser holen. Von diesen
Missionslehrern, deren größter Theil sich bei Mr. Brown aufhält und
gewissermaßen dessen Leibgarde bildet, war ein Theil in verschiedenen
Plätzen der Duke of York-Gruppe untergebracht, vier derselben waren
nach Neu-Britannien geschickt, um dort die ersten Bekehrungsversuche zu
machen. Ob nun die Leute mit den Eingeborenen Neu-Britanniens in Streit
gerathen sind, oder ob die letztern den Anblick so vortrefflichen Wildes
nicht länger ertragen und schließlich ihre Gier nach dem begehrten
Menschenfleisch nicht mehr zügeln konnten, ist wol nicht aufgeklärt.
Thatsache ist, daß eines Tages die Nachricht von der erfolgten Verspeisung
der vier Missionslehrer durch neubritannische Eingeborene auf Duke of York
anlangte.
Hier will ich gleich einschalten, daß nach allen mir zugegangenen
Nachrichten die Menschenfresser in diesem Theil der Erde sich aus weißem
Menschenfleisch nichts machen, sondern nur braunes Fleisch gern essen.
Sie sagen, daß das Fleisch der Weißen zu salzig sei, und dies legt die
Vermuthung nahe, daß die großen Quantitäten Salz, welche wir fortwährend
verzehren, sich dem Blut und Fleisch so sehr mittheilen, daß wir
gewissermaßen lebendig gepökelt sind. Da nun die Wilden das Salz gar nicht
kennen, so erscheint es erklärlich, daß sie ihre süßen braunen Brüder den
salzigen weißen Fremdlingen vorziehen.
Die Nachricht von dem traurigen und schmählichen Ende der vier Polynesier
versetzte naturgemäß die ganze Fremdencolonie in die größte Aufregung;
die braunen Mitglieder riefen nach Rache und verlangten harte Züchtigung
der entmenschten Mörder; die Weißen mußten sich sagen, daß diesem blutigen
Vorspiel in kürzester Zeit eine allgemeine Niedermetzelung folgen würde,
wenn nicht der Schandthat eine gehörige Züchtigung auf dem Fuße folge,
welche mit ihren Schrecken den ganzen Volksstamm in die größte Furcht vor
den Fremden versetze. Es herrschte daher nur die eine Ansicht, daß alle
Fremden einen Kriegszug gegen die Menschenfresser unternehmen mußten, und
an Mr. Brown wurde die Forderung gestellt, die Führung zu übernehmen. Der
Geistliche glaubte mit Rücksicht auf seinen Stand von einem derartigen
Beginnen abrathen und die Führerschaft ablehnen zu müssen, ob aus
Ueberzeugung, oder nur um sich zu der Führerschaft zwingen zu lassen, ist
allerdings eine offene Frage. Jedenfalls stimmte dieser Herr in einer
Unterhaltung mit mir darin überein, daß diese Wilden nur durch blutige
Rache zu züchtigen und in dem erforderlichen Respect zu erhalten seien,
und daß unzureichende Maßregeln, wie Tödtung einiger Wenigen, wie dies so
vielfach für das Richtige gehalten wird, eher schade wie nütze. Ergreift
man erst die Waffen, dann müssen bei dem ersten Zusammenstoß so viele wie
möglich fallen, da nur dadurch der klare Beweis der wirklichen Stärke
und Macht nachhaltig bewiesen wird. Auch muß man hier mit in Betracht
ziehen, wie wenig bei diesen Leuten ein Menschenleben gilt und daß nur die
Masse der Opfer einen tiefern Eindruck macht. Bei der Auseinandersetzung,
welche ich mit Herrn Brown über diesen Fall hatte, gab er mir nun folgende
Rechtfertigung über sein damaliges Verhalten und will ich ihn selbst
sprechen lassen:
„Als von mir die Führung des Unternehmens gefordert wurde, war ich in
einer verzweifelten Lage. Meine innerste Ueberzeugung sagte mir, daß
unser aller Leben nur noch auf wenige Tage zu veranschlagen war, wenn der
geplante Rachezug unterblieb; mein geistlicher Stand zwang mich, nicht
nur die Führung abzulehnen, sondern auch mit meinem ganzen Einfluß gegen
das Unternehmen aufzutreten. Doch ich mußte mir sagen, daß an die hiesigen
Verhältnisse ein besonderer Maßstab anzulegen sei, und so gab ich zunächst
meinen Widerstand gegen das Unternehmen selbst auf. Bei Erwägung der
Frage, inwieweit ich mich persönlich betheiligen solle, traten nun Momente
auf, welche mir keine Wahl ließen. Es war zweifellos, daß ich der einzige
Mann war, welcher von allen Betheiligten Gehorsam erwarten, daher auch
der einzige war, welcher die nothwendige Ordnung aufrecht erhalten konnte.
Ferner war als sicher anzunehmen, daß sämmtliche Betheiligte den Charakter
von Würgengeln annehmen und kein Ende im Morden und Brennen finden würden,
und daß sie dadurch den Nutzen des ersten Erfolgs wieder aufs Spiel setzen
und das ganze Volk zum Aufstand bringen und uns allen sichern Untergang
bereiten würden. Auch durfte ich nicht außer Betracht lassen, daß mein
Zurückbleiben mir als persönliche Feigheit vorgeworfen würde, womit der
Verlust meiner eigenen Position und der der ganzen Mission verbunden war.
So entschloß ich mich denn mit schwerem Herzen das mir angetragene Amt
zu übernehmen, aber nur um die Leidenschaften der kaum zu bändigenden
Truppe zu zügeln und unnöthigem Blutvergießen vorzubeugen. Wenn nachher
auch für die vier Missionslehrer etwa 150 Neubritannier ihr Leben haben
lassen müssen, so bleibt mir doch die Genugthuung, daß ich schließlich dem
Blutvergießen Einhalt thun konnte und damit ermöglichte, daß neben der
Sicherheit, welche wir für unser Leben und Gut erkämpft haben, wir auch
jetzt mit unsern damaligen Feinden in bester Freundschaft leben.“
Wie aus dem Vorstehenden schon erhellt, wurde der geplante Zug nach
Neu-Britannien unternommen und zwar mit etwa 80 Mann unter der Führung
von Mr. Brown, während ungefähr 20 Männer in Duke of York zurückblieben,
um die dort zurückgelassenen Frauen und Kinder zu beschützen. In
Neu-Britannien angelangt, wurde sofort der Kampf begonnen, die
Eingeborenen wurden weit in das Innere verfolgt und vollständig besiegt,
nachdem sie etwa 150 Mann verloren hatten; auch wurde ihnen die noch
in ihrer Gewalt und am Leben befindliche Frau eines aufgefressenen
samoanischen Missionslehrers wieder abgejagt. Für dieses arme Geschöpf
wäre es auch besser gewesen, sie hätte vorher den Tod gefunden, denn die
wenigen Tage hatten sie wahnsinnig gemacht.
Dies waren die drei in der letzten Zeit vorgekommenen blutigen Conflicte,
welche nach Ansicht der dort lebenden Weißen zunächst Sicherheit für
Leben und Eigenthum geschaffen hatten. Meine Aufgabe war es nun, die
bereits errungenen Erfolge nach Möglichkeit zu sichern, den Eingeborenen
die Macht eines Kriegsschiffes vor Augen zu führen und ihnen damit
den Beweis zu liefern, auf welch mächtigen Schutz die Weißen unter
allen Umständen rechnen können. Hierzu war es aber nöthig, daß ich mit
den Menschenfressern in nähere Berührung trat, daß ich sie in ihren
Niederlassungen aufsuchte, sie an Bord des Schiffes empfing, alle
vorliegenden Klagesachen durch Auferlegung von Strafen erledigte und durch
Feste einen engern Verkehr herbeiführte. Diesem Zwang muß ich es jetzt
nachträglich dankbar zuerkennen, daß ich mehr gesehen und gehört habe, als
ich vorher ahnte, und daß ich wol einen tiefern Einblick in die hiesigen
Verhältnisse erhalten habe, als irgendein Seefahrer vor mir. Es kam mir
allerdings zu statten, daß ich mir Herrn Brown verpflichtet hatte, sowie
daß mir zwei deutsche Herren zur Seite standen, welche durch jahrelangen
Aufenthalt hierselbst mit den Verhältnissen ebenso vertraut sind wie
Herr Brown. Ohne diese drei Herren würde ich wol sehr wenig erfahren und
dieses interessante Land mit seinen Leuten nicht kennen gelernt haben,
und wie nothwendig der directe Verkehr mit diesen Eingeborenen ist, wird
vielleicht das folgende Beispiel ergeben.
Die „Gazelle“ war drei Jahre vor mir in Matupi (Neu-Britannien), hat dort
einige Tage gelegen und den Hafen vermessen. Das Eine, was die Leute von
ihr wußten, war, daß sie sich der Anwesenheit eines großen Schiffes mit
vielen Leuten entsannen, welches auch furchtbare Thiere an Bord hatte,
auf denen einzelne Leute ab und zu an Land kamen. An diesen furchtbaren
Thieren wurde von uns die „Gazelle“ erkannt, da sie von Timor einige
kleine Ponies mitgebracht hatte, welche zuweilen ausgeschifft und dann
auch zum Reiten benutzt wurden. Die Nationalität der „Gazelle“ kannten sie
ebenso wenig, wie das Erscheinen dieses Schiffes sie davon abhielt, einige
Zeit später in nächster Nähe eine deutsche Niederlassung niederzubrennen.
Die „Ariadne“ war nur einen Nachmittag in Matupi, wird aber sobald nicht
vergessen werden, da das Schiff vorher angemeldet war, sein Name wie seine
Nationalität bekannt ist und die sämmtlichen Einwohner von Matupi vor den
Offizieren und Mannschaften des Schiffes einen Tanz aufführten, zu welchem
schon vorher die Vorbereitungen getroffen waren; auch kam das Schiff
direct von dem vorhergenannten, nur wenige Seemeilen entfernten Platze,
wo die Eingeborenen wegen jener Brandlegung mit Erfolg zur Verantwortung
gezogen worden waren und ein nach dortigen Verhältnissen hohes Strafgeld
hatten erlegen müssen, welch letzteres von der „Ariadne“ in Matupi in dem
Hause eines deutschen Agenten deponirt wurde.
Nach dieser Abschweifung will ich jetzt zu unsern eigenen Erlebnissen
zurückkehren und auf die S. 383 enthaltene Kartenskizze der Duke of
York-Inseln hinweisen. Schon im Laufe des Nachmittags wurde festgestellt,
daß das Schiff nicht mehr vor Eintritt der Dunkelheit das Reiseziel,
den Hafen von Makada (spr. Makadá), erreichen konnte; es wurde daher
beschlossen, für die Nacht den im Süden liegenden Hafen von Meoko
anzulaufen und dadurch das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden.
Wie vorher erwähnt, war dieser Hafen vor kurzem der Schauplatz eines
blutigen Conflicts zwischen Deutschen und Eingeborenen gewesen, es
war daher auf alle Fälle nothwendig diesen Platz zu besuchen; dann
war hier der Centralpunkt eines der beiden hier vertretenen deutschen
Kaufmannshäuser und nur von hier aus konnte ich mich mit einem deutschen
Schiffskapitän, dessen Gegenwart für die volle Ausnutzung der Anwesenheit
des Kriegsschiffes durchaus nothwendig war, in Verbindung setzen.
Schließlich hätte ein Verbleiben des Schiffes außerhalb des Hafens während
der Nacht mich gezwungen, die Nacht schlaflos zuzubringen, und es würde
mir dann am nächsten Tage die nothwendige Frische für die in Aussicht
stehenden Dienstgeschäfte gefehlt haben. So war es nicht schwer, den
Entschluß zu fassen, die Nacht in einem sichern Hafen vor dem Anker zu
verbringen. Kurz vor Sonnenuntergang stand das Schiff vor der Südküste
der York-Inseln, welche sich auch von hier aus dem Beobachter noch als
eine zusammenhängende Ländermasse zeigt. Für den Kenner dieses Landes
heben sich allerdings die im Süden liegenden schmalen und langgestreckten
niedrigen Inseln, welche unter sich wieder durch Korallenriffe verbunden
sind, scharf von der Hauptinsel Amakada (spr. Amakáda) ab, der Neuling
glaubt aber hier an der Südküste nur allmählich abfallendes Land zu sehen,
während die Ostküste der Hauptinsel senkrecht und steil aus dem Wasser
aufsteigt.
Das vor uns liegende Bild ist, trotzdem ihm wirkliche Effecte fehlen,
dennoch schön. Die ein niedriges Hochplateau bildende Inselgruppe, welche
die Höhe von 100 m nicht übersteigt, macht, wie dies auch von frühern
Reisenden behauptet wird, unwillkürlich den Eindruck eines schönen
Gartens, trotzdem sie auf ihrem Rücken nur undurchdringlichen Urwald
trägt. Die zu unserer Rechten liegende steil aufsteigende Ostküste ist von
der niedrig stehenden Sonne schon in tiefe Schatten gelegt, zu unserer
Linken glänzt die Flut noch in dem prächtigsten Blau und sendet ihre
kleinen von der leichten Brise aufgewühlten Wellen gegen die Ufer der
Inseln, um dort auf den Korallenriffen zu überstürzen, als blendend weiße
Brandung nach der andern Seite hinüberzulaufen und dort Ruhe zu finden.
Innerhalb der Riffe segelt ein europäisches Boot und verschwindet bald
in dem Landeinschnitt zwischen Meoko und Utuan (spr. Utuán), wie wir
vermuthen um uns durch die eigentliche Hafeneinfahrt zur Leistung von
Lootsendiensten entgegenzukommen, da dies der kürzeste Weg ist.
Der schmale Strand der niedrigen Insel Meoko wird von dem üppigen Laub
dichter Büsche und hochstämmiger mächtiger Bäume überschattet, Baumäste
und Schlingpflanzen neigen sich bis zum Wasserspiegel und bilden über dem
Strande einen natürlichen Laubengang. Hier und da zeigt sich eine Höhle
oder eine kleine malerische Schlucht, welche Kanus beherbergen und damit
anzeigen, daß die Insel bewohnt ist, wenngleich Menschen noch nicht zu
sehen sind; dieselben sind jedenfalls schon in ihren nach der andern Seite
zu gelegenen Hütten.
Wir stehen dicht vor der Einfahrt; links liegt die niedrige Insel Meoko,
rechts die kleine hohe, steil abfallende Felseninsel Muarlin vor dem
Festlande, wie man hier wol die große Insel Amakada nennen kann. Bei der
vorgerückten Tageszeit scheint es mir nicht räthlich, auf die Ankunft des
Lootsen zu warten, auch haben wir eine anscheinend gute, erst im vorigen
Jahre von einem deutschen Schiffskapitän aufgenommene Karte in Händen,
welche ein tiefes klares Fahrwasser gerade in die Mitte der Einfahrt
legt. Ich neige mich allerdings dahin, das Schiff dicht an die hohe Insel
Muarlin zu steuern, weil das Wasser an felsigem Ufer in der Regel tiefer
ist, lasse mich aber von meinem Berather bewegen, die Karte als richtig
anzusehen und die Mitte des Fahrwassers zu halten, gebe indeß dem Schiffe
doch die geringst mögliche Fahrt. Nur wenige Minuten und von beiden Seiten
des Schiffes melden die Matrosen am Loth nur 4½ m Wasser. Das Schiff geht
5½ m tief und hat noch Vorwärtsbewegung, kann den Grund also noch nicht
berührt haben, ein Blick auf die frisch ausgeworfene Lothleine zeigt, daß
die Lothgänger die richtige Tiefe angegeben haben, wir befinden uns mitten
zwischen den Korallen. Was thun? „Zaudern“ ist ein Wort im Sprachschatze
der Seeleute, welches, wenn auch nicht immer, doch häufig gleichbedeutend
mit „Unfall“ und durch Zwang wie Gewöhnung dem Seemann abhanden gekommen
ist, der Entschluß ist daher schnell gefaßt. Das Schiff muß weiter gehen,
entweder um sich wie bis hierher zwischen den Untiefen durchzuschlängeln
oder vorn mit dem Steven auf dem Meeresgrund einen Stützpunkt zu finden
und dann schnell hinten durch einen Anker festgelegt zu werden, damit
die Strömung es nicht seitwärts auf die Korallen wirft und dadurch das
spätere Abbringen wesentlich erschwert wird. Ist das Schiff dann so erst
fixirt, dann kann man es wenigstens mit Hülfe von Ankern denselben Weg
wieder zurückholen, den es gekommen ist. Das Glück bleibt uns aber auch
hier wie bisher hold, das Wasser wird tiefer, die unheimlich dicht unter
der Wasseroberfläche uns anstarrenden Korallen verschwinden und wir können
in tiefem Wasser nahe an Muarlin heranlaufen, dort einen scharfen Bogen
schlagen und nach weitern wenigen Minuten vor der deutschen Factorei in
dem Augenblick ankern, wo das vorhergenannte Boot auch dort eintrifft.