Nach diesem Tanz kommt eine balletartige Schaustellung zur Aufführung,

welche mit einem Kriegertanz nichts gemein hat und durch die

Gleichmäßigkeit der complicirten und vielfach schwierigen Figuren,

durch die tadellose Durchführung des Ganzen das Interesse des Zuschauers

erweckt. Die Darsteller treten in zwei Reihen an, von welchen Lebon die

eine, der nächst angesehenste Häuptling die andere führt. Die monotone

Musik beginnt, das Hin- und Herschwanken der dicken Baströcke zeigt, daß

die Reihen in Bewegung kommen, die Stöcke der einen Partei schlagen gegen

die der andern und sollen wol ein Fechten vorstellen, ohne es indeß zu

thun, weil die Tänzer, um keine Fehler zu machen, so angestrengt aufpassen

müssen, daß die Verbildlichung der Kraft und des Kampfes diesem Spiel

versagt bleibt. Die Reihen wandern mit tänzelndem menuetartigen Schritt

aneinander vorbei, passiren durcheinander durch, immer die Stöcke mit

dem Gegner kreuzend; die Bewegungen werden schneller, das Geklapper wird

stärker, die Stöcke werden durch die Beine, über den Kopf, von einer

Hand zur andern geworfen, vor der Brust und hinter dem Rücken gekreuzt;

von den beiden Reihen brechen so viele ab, um eine dritte zu bilden und

hiermit das Spiel verwickelter zu machen. Kein Fehler kommt vor, die ganze

Gruppe bewegt sich nach dem Takte der Musik wie ein kunstvoll gearbeitetes

Räderwerk, bückt sich und streckt sich, geht vor- und rückwärts, schiebt

sich durcheinander durch, füllt wie mit einem Schlage die Zwischenräume

mit den Armen und Stöcken aus und macht sie ebenso plötzlich wieder frei.

Unser Beifall, welcher mit ungetheilter Anerkennung gegeben wurde, war

der Lohn für dieses schöne Spiel. Das Orchester hatte sich, obgleich es

durch die Frauen der Tänzer gebildet wird, bei diesem wie bei dem vorher

aufgeführten allgemeinen Tanz merkwürdigerweise ziemlich theilnahmlos

verhalten und kam erst wieder in die größte Aufregung bei den nachher

folgenden Einzeltänzen. Ich vermuthe, daß die Aufmerksamkeit auf ihre

eigenen Männer die einzelnen Frauen zu sehr beschäftigte und die Gruppe

davon abhielt, in gleichmäßige Ekstase zu kommen.

Im Anschluß an diese Tänze wurde uns eine große Ehre dadurch erwiesen,

daß nunmehr Lebon, seinen Stock schwingend, in raschem Laufe auf uns

zurannte, dicht vor uns stutzte, dann den zuerst aufgeführten Tanz in

wilderem Tempo noch einmal wiederholte und mit demselben das Orchester

in wahre Begeisterung brachte; ja ein Frauenzimmer warf ihre Trommel weg,

um in wilden Sprüngen sein Spiel zu begleiten. Als Beendigung des Tanzes

drehte Lebon uns mit einer jähen Bewegung den Rücken zu und entfernte

sich schnellen Laufes von dem Festplatze. Nach ihm producirten sich vor

uns noch in derselben Weise sein Stiefsohn Letabalin und sein eigener

zehnjähriger Sohn, welcher, in diesem Kriegsspiel schon wohlbewandert, bei

allen Tänzen überhaupt als volle Person mitgewirkt hatte; dann noch zwei

der bedeutendsten Häuptlinge, womit das Fest seinen Schluß erreicht hatte

und die Bevölkerung befriedigt über den seltenen Festtag, da durch den

Einfluß der Missionare die Tänze immer mehr abkommen, den Platz verließ.

Die Tänze der Frauen sollen infolge dieses Einflusses, wenigstens als

öffentliche, schon ganz der Vergangenheit angehören, und es war mir in der

kurzen Zeit nicht möglich, einen solchen zusammenbringen zu lassen. Die

Missionare bezeichnen diese Tänze als heidnisch und benehmen mit denselben

den Eingeborenen all und jedes Vergnügen, womit sie in religiöser

Beziehung eine Gefahr heraufbeschwören, welche diese Herren entweder

nicht vermuthen oder für unbedeutend halten. Anstatt das in den Tänzen

etwa gegen die christliche Moral Laufende vorsichtig und allmählich zu

entfernen, verbieten sie dieselben ganz und können sicher darauf rechnen,

daß diese Tänze bei dem nicht zu besiegenden Drang nach Lustbarkeiten erst

im geheimen wieder entstehen und dann schließlich in wüsterer Form denn je

an die Oeffentlichkeit treten, um sich nicht wieder verbannen zu lassen.

Am 28. landete ich meine Mannschaft, um dieselbe im Feuer manövriren und

danach das Eingeborenendorf im Sturm nehmen zu lassen. Dieses Manöver

sollte sowol eine Revanche für den uns gegebenen Kriegstanz sein, wie

auch den Insulanern, welche Derartiges noch nicht gesehen hatten, die

Macht der Europäer zeigen. Um einem falschen Alarm vorzubeugen, war

vorher an Land bekannt gegeben worden, daß auch geschossen werden würde,

jedoch nur mit blinden Patronen, sodaß nichts zu fürchten sei. Bei

unserer Landung war alles, was nur irgend konnte, auf den Beinen, um

der mit Musik abmarschirenden geschlossenen Truppe zu folgen und sich

nachher neugierig die Gefechtsaufstellung zu beschauen. Als aber das

Landungsgeschütz aus einem Hinterhalt und gewissermaßen zwischen ihnen

anfing zu brummen, wurden die Leute unruhig, und als nun gar das Geknatter

der Tirailleure begann, zogen sie sich schnell nach den Seiten und dann

hinter die zuschauenden Weißen zurück, ängstlich sich umsehend, ob dies

Ernst oder wirklich nur Spaß sei. Nun rückt die Sturmcolonne an, macht

halt, gibt einige Salven Schnellfeuer und das Publikum ergreift theilweise

die Flucht; eine allgemeine Panik bricht aber aus, als die Colonne

mit gefälltem Bajonette angestürmt kommt mit Marsch-Marsch-Hurrah! Der

Platz ist gesäubert; ich sehe mich nach Lebon um und finde, daß dieser

tapfere Mann ausgehalten hat -- aber wie? Bleich steht er hinter einem

der deutschen Herren und hält sich an dessen Rockschoß fest; sprechen

kann er nicht mehr, sondern findet seine Sprache erst wieder, nachdem

er in dem in der Nähe gelegenen Hause des Herrn Hernsheim ein Glas Wein

getrunken hat. Lebon, wie der größte Theil der Bevölkerung sind krank; die

mit klingendem Spiel abmarschirende Truppe kann den Schreck, welchen sie

verursacht, nicht so schnell wieder verwischen, wird vielmehr mistrauisch

betrachtet. Lebon folgt daher auch nicht der Einladung zum Essen zu Herrn

Hernsheim, sondern kommt erst nach Tisch, setzt sich still in eine Ecke

und entschuldigt sich damit, daß das Schießen ihn krank gemacht habe.

Meiner Einladung zum nächsten Tage folgte er zwar, doch rührte er die

Speisen, welchen er sonst bei den deutschen Herren tapfer zuspricht, kaum

an und erklärte, von dem gestrigen Schießen noch immer einen kranken Magen

zu haben.

Dieser Kriegstanz des deutschen Kriegsschiffes, welcher somit unsern

Gästen nicht gut bekommen ist und zu den andern Inseln jedenfalls in noch

übertriebenen Schilderungen hinwandert, wird wahrscheinlich für Jahrzehnte

Früchte tragen und einen sichern Schutz für deutsches Leben und Eigenthum

gewährleisten.

Am 29. November war die in Aussicht genommene Uebereinkunft soweit

vorbereitet, daß die Unterzeichnung erfolgen konnte; Lebon, wie sein

Nachfolger Letabalin, hatten alle unsere Forderungen, welche vorzugsweise

Maßnahmen zum Schutze der deutschen Reichsangehörigen und des deutschen

Handels enthielten, erfüllt und sich auch bereit erklärt, den Hafen von

Jaluit als deutsche Kohlenstation abzutreten. Mehr konnten wir nicht

verlangen. Ich setzte daher die Unterzeichnung der Uebereinkunft für

den Nachmittag dieses Tages fest und lud sämmtliche Weiße wie das ganze

Volk dieses Platzes zur Beiwohnung der Feierlichkeit auf die „Ariadne“

ein. Nachdem das Volk an Bord versammelt war, setzte Lebon mit seinen

Frauen und seiner nähern Verwandtschaft in zweien unserer Schiffsboote

vom Lande ab, indem gleichzeitig die neue von ihm adoptirte Landesflagge,

welche nach erfolgter Unterzeichnung des Vertrages durch einen Salut

anerkannt werden sollte, gehißt wurde. Lebon mit seiner Familie und

die Chefs der beiden deutschen Häuser wurden in der Kajüte, die andern

Weißen und die Häuptlinge in der Offiziersmesse bewirthet, das Volk

trieb sich im Schiffe umher. Ein Bruder Lebon’s, mit Namen Lagadjimi, war

an Land zurückgeblieben, um den Erwiderungssalut aus einigen von einem

deutschen Hause erborgten Böllern zu feuern; zum Laden hatten wir einige

Mannschaften zur Verfügung gestellt.

Der Text der Uebereinkunft wurde noch einmal sorgsam durchgenommen und

diese dann gegenseitig in zwei Exemplaren unterzeichnet. Darauf traten

wir auf das Deck, um dem nunmehr für die Landesflagge der Ralick-Inseln

zu feiernden Salut beizuwohnen, von welchem Lebon den ersten, Letabalin

den zweiten Schuß vor ihren versammelten Unterthanen abfeuerten. Der Salut

wurde von Land aus Schuß für Schuß erwidert. Die Eingeborenen verließen

mit anrückender Dunkelheit in ihren Kanus scharenweise das Schiff, die

deutschen Herren und Lebon blieben am Abend noch bei mir zu Tisch und der

geschäftliche Theil meiner Anwesenheit in Jaluit hatte seinen Abschluß

gefunden.

Am 1. December verließ ich Jaluit wieder. Die am Lande und auf den

Kauffahrteischiffen wehenden Flaggen senkten sich langsam zum Gruß,

die am Strande in Festkleidern versammelte Bevölkerung stimmte unter

Tücherschwenken ein mehrfaches Hurrah an, während die den Flaggengruß und

die Hurrahs erwidernde imposante „Ariadne“ sich unter den Klängen eines

flotten Marsches langsam drehte, dann schnell von der ruhigen Lagune in

die schmale Einfahrt und von dieser in die bewegte See steuerte, um bald

unter neuen Eindrücken den schönen sonnigen letzten Nachmittag bei unsern

gastfreien Landsleuten in Jaluit vorläufig wieder zu vergessen.

Ich hatte ursprünglich die Absicht, von Jaluit aus direct nach

Neu-Britannien zu segeln; veränderte Verhältnisse bringen aber auch

andere Dispositionen. Die durch die abgeschlossene Uebereinkunft mit

den Ralick-Inseln angeknüpften Verbindungen machten es mir zur Pflicht,

auch noch Ebon anzulaufen, weil diese Insel bislang immer der Königssitz

gewesen war und von den Eingeborenen, wie auch von den amerikanischen

Missionaren auch noch jetzt vielfach als die Hauptinsel betrachtet

wird. Dies und noch einige andere Rücksichten ließen es mir nicht

nur zweckmäßig, sondern auch nothwendig erscheinen, mit den dortigen

Häuptlingen eine Aussprache zu halten.

Ebon ist Hauptsitz der in diesem Theil des Stillen Oceans thätigen

amerikanischen Missionsgesellschaft. Diese Missionare säen hier

vornehmlich nur Unfrieden, um ihre eigene Macht zu verstärken, suchen

das Ansehen der Häuptlinge zu erschüttern und verlangen nur Gehorsam

für sich. Auch sollen sie daran arbeiten, diese Inseln zu einer Republik

zu machen, um sie dann ganz in ihre Hände zu bekommen und demnächst dem

Protectorat der Vereinigten Staaten zu unterstellen. Sollte dieser Versuch

glücken, dann wäre all die bisher auf diese Insel verwendete deutsche

Arbeit verloren. An der Hand unserer Uebereinkunft mußte ich demnach

versuchen, diesen Bestrebungen ein Ziel zu setzen. In Uebereinstimmung

mit dem Vorstehenden war mir auch mitgetheilt worden, daß die Häuptlinge

Ebons danach strebten, sich von der Oberhoheit Lebon’s und Letabalin’s

loszumachen. Schließlich schuldeten einige Häuptlinge den Deutschen

größere Summen, können bezahlen, wollen aber nicht, auch hat ein dortiger

Häuptling einen deutschen Agenten zweimal mit dem Tode bedroht. Das alles

klingt nun so, als ob man viel Zeit zur Erledigung gebrauche, hier in der

Südsee werden derartige Sachen aber auf so einfache Weise erledigt, daß

ich von vornherein nur wenige Stunden für diese Geschäfte ansetzte und von

einem Verankern des Schiffes absah. Allerdings gehört zu derartigem kurzen

Verfahren, daß man die richtigen Leute zur Hand hat; ich hatte deshalb von

Jaluit aus Letabalin, welcher als der größte Grundbesitzer auf Ebon und

Sohn des frühern hier residirt habenden Königs der angesehenste Häuptling

dieser Insel ist, mit einigen Dienern mitgenommen; ferner begleitete

mich von Jaluit aus ein in deutschen Diensten stehender Engländer als

Dolmetscher, welcher, schon lange auf diesen Inseln wohnhaft, als der

beste Sprachkenner gilt und die Häuptlinge sämmtlich von Person kennt.

Am 2. December vormittags 11 Uhr drehte ich das Schiff vor der Einfahrt

zur Lagune von Ebon bei und fuhr mit dem Consul und Letabalin an Land;

zwei armirte Boote folgten uns. Auf dem Wege dahin passirte uns ein

nach dem Schiffe fahrender Missionar, welcher sich uns nicht anschloß,

sondern seinen Weg fortsetzte, wahrscheinlich in dem Wahn, daß wir ohne

ihn als Uebersetzer doch nichts anfangen könnten. An Land gekommen,

lagerten wir uns in dem Schatten der Bäume, die Bootsmannschaften bei

ihren zusammengestellten Gewehren, um die Ankunft der Häuptlinge, nach

welchen der Dolmetscher geschickt hatte, abzuwarten. Die Leute waren

auffallend schnell zusammengerufen, denn nach einer halben Stunde schon

wurde gemeldet, daß sie vollzählig versammelt seien; es waren 15-20

meistentheils junge Männer in Hosen und bunten Hemden, welche dicht bei

uns stehend uns sowol, wie ihren in feinem schwarzen Anzug steckenden

Stammesgenossen Letabalin scheu und mit unsteten Blicken musterten. Daß

es etwas geben würde, konnte ihnen umsoweniger zweifelhaft erscheinen,

als inzwischen auch der mehrfach mit dem Tode bedrohte deutsche Agent

angekommen war und der alte Mann denjenigen, welcher ihn bedroht

hatte, nicht aus den Augen ließ. Die Häuptlinge mußten sich nun vor

uns aufstellen; ihnen gegenüber traten, uns in die Mitte nehmend, die

Bootsmannschaften mit Gewehr bei Fuß und aufgepflanztem Bajonett an.

Zunächst wurde bekannt gegeben, daß jeder Mord an einem Deutschen dem

Thäter den Kopf kosten, wie jeder Mordversuch und darauf hinzielende

Drohung streng bestraft würde. Als dann der betreffende Häuptling

vortreten mußte, riefen mehrere aus der Versammlung, daß sie nicht kämpfen

wollten, was in der wortarmen Sprache gleichbedeutend mit Unterwerfung

ist. Demnächst wurde den Schuldnern nach Aufruf ihrer Namen aufgegeben,

baldigst ihre Schulden zu bezahlen. Den Schluß unserer Ansprache bildete

die Mittheilung von der in Jaluit abgeschlossenen Uebereinkunft; dieselbe

wurde im Beisein des inzwischen auch hinzugekommenen amerikanischen

Missionars vorgelesen und mit dem Bedeuten erklärt, daß die Leute von

Ebon nunmehr ebenfalls nach derselben zu handeln hätten. Die Mannschaften

präsentirten das Gewehr; der Missionar wußte, nach seinem Gesicht zu

urtheilen, nicht, ob er wache oder träume; die Eingeborenen, vorläufig

unfähig all das zu begreifen, was ihnen in der kurzen Zeit mitgetheilt

worden war, sahen sich gegenseitig dumm an, und wir gingen für kurze

Zeit nach dem in der Nähe befindlichen Hause des deutschen Agenten, wo

sich auch der Missionar, welchem wir eine langentbehrte Post mitgebracht

hatten, gute Miene zum bösen Spiel machend, einstellte. Nachdem ich noch

einige hundert Kokosnüsse für meine Mannschaft gekauft hatte, verließen

wir wieder den Strand von Ebon unter den freundlichen Grimassen seiner

Bewohner, welche auf alle erdenkliche Weise versuchten, ihrer Freundschaft

für uns Ausdruck zu geben. Wir hatten natürlich die von Jaluit aus

mitgenommenen Personen in Ebon zurückgelassen und kehrten so früh zum

Schiffe zurück, daß die „Ariadne“ um 1½ Uhr schon ihren Curs nach dem

Westen weiter verfolgen konnte.

So sind wir denn jetzt auf dem Wege nach Neu-Britannien und zu den

Menschenfressern, wo ich in etwa sechs Tagen einzutreffen hoffe.

13.

Im Bismarck-Archipel.[D]

22. December 1878.

Nicht drei Wochen liegen zwischen heute und dem vorstehenden Bericht

über meinen Besuch der Marshall-Inseln und was hat sich in diese kurze

Spanne Zeit nicht zusammengedrängt? Wenn ich diese letzten Wochen an

meinem Geiste vorüberziehen lasse, dann scheint es mir kaum faßlich,

daß diese Zeit so vielerlei in sich bergen kann, theilweise selbst

heraufbeschworene Ereignisse, welche den Fernerstehenden kaum berühren,

für den verantwortlichen Commandanten eines Kriegsschiffes aber doch von

Bedeutung sind.

[D] Die Bezeichnung „Bismarck-Archipel“ ist erst nach der

Zeit, wo die hier geschilderte Reise stattfand, eingeführt

worden; da der Name aber officiell angenommen, so wähle ich

denselben für diese Ueberschrift. Die Namen der in diesem

Kapitel genannten Inseln sind seitdem auch verändert, und

zwar: Neu-Irland = Neu-Mecklenburg; Duke of York-Gruppe =

Neu-Lauenburg; Neu-Britannien = Neu-Pommern.

Die Fahrt von den Marshall-Inseln bis zum südlichsten Cap von Neu-Irland

ist charakteristisch durch Windstillen und sonniges heißes Wetter, sodaß

trotz des mir gebliebenen nur geringen Kohlenvorraths und trotz der

herrschenden Hitze häufig die Maschinenkraft des Schiffes herangezogen

werden mußte, um das Reiseprogramm einhalten zu können. Das wenig

befahrene Fahrwasser scheint zwar frei von Untiefen zu sein, der Schein

allein kann aber natürlich die Sorgen eines Commandanten nicht bannen,

welche gewissermaßen ihre Berechtigung finden, als die ersten in Sicht

kommenden, zur Salomons-Gruppe gehörigen kleinen Inseln sich als in der

Karte falsch liegend erweisen.

Am 9. December wird die in Sicht befindliche Insel Bougainville (die

nördlichste der Salomons-Gruppe) auf 28 Seemeilen Distanz, auf geringere

Entfernung die östlich von Neu-Irland liegende kleine Insel Sir Charles

Hardy passirt; am 10. December morgens gegen 8 Uhr kommt die Südküste der

Insel Neu-Irland mit dem südlichsten Cap St.-George in Sicht. Soll das

Schiff noch vor Dunkelwerden den nächsten Bestimmungsort erreichen, dann

muß die Fahrgeschwindigkeit wesentlich erhöht werden; ein Ueberschlag

des noch vorhandenen Kohlenvorraths ergibt, daß derselbe bei einer

Geschwindigkeit von 9 Knoten noch für 15 Stunden ausreicht, es wird daher

zu den beiden im Betrieb befindlichen Kesseln ein dritter hinzugenommen,

um diese Geschwindigkeit aufnehmen zu können.

Das hohe, dichtbewaldete Gebirgsland tritt bald aus dem leichten

Nebelschleier, von welchem es umgeben ist, hervor; die tiefer liegenden

Gebirgsrücken und Thalsenkungen heben sich plastisch von dem Hauptlande

ab; neues, theilweise wild zerrissenes Land mit malerischen Vorsprüngen

und tiefen Einbuchtungen, sowie kleine vor dem Hauptlande liegende

wunderlich geformte Inseln steigen langsam über den Horizont, um das

dem schnell vorwärts strebenden Schiffe näher rückende Panorama zu einem

Bilde zu vervollständigen, welches in Bezug auf Farbeneffecte und reichen

Wechsel der Scenerie den Anspruch auf große und seltene Schönheit erheben

darf.

Die auf die Süd- und die Westküste Neu-Irlands Bezug habende Karte kann

als gut und ziemlich genau angenommen werden; die dort verzeichneten

Wassertiefen gestatten dicht unter dem Lande vorbeizulaufen, der Curs

wird daher so gesetzt, daß „Ariadne“, das Cap auf eine halbe Seemeile

Entfernung passirend, um 11 Uhr vormittags in den St.-George-Kanal, die

zwischen Neu-Irland und Neu-Britannien liegende Wasserstraße, einsteuert

und uns damit den ersten Blick auf das letztgenannte Inselland, welches

nebelgrau gefärbt noch in weiter Ferne liegt, eröffnet. Die jetzt

vor uns liegende Westküste Neu-Irlands bietet dem Auge ebenso viel

Schönheiten, wie die eben verlassene andere Seite es that, und da die

Richtung der Uferlinie für längere Zeit mit der Cursrichtung des Schiffes

übereinstimmt, so liegt es auf der Hand, daß das Schiff dicht unter

dem Lande gehalten wird, um unserer Neugierde Befriedigung und unsern

Augen einen wohlthuenden Ruhepunkt zu verschaffen, denn die von uns nun

befahrene große Wasserstraße ist zur Zeit geradezu fürchterlich. Ueber uns

steht eine schillernde Dunstmasse, wie sie sehr heißer Luft eigen ist,

welche dem wolkenlosen Himmelsgewölbe eine ebensolche graublaue Färbung

gibt, wie die unter Windstille liegende wellenlose, ganz spiegelglatte

Flut sie nach oben ausstrahlt. Die Luft blendet, das Wasser blendet; das

Auge findet nach vorn und nach links überall dieselbe Farbe, denselben

grellen Schein, überall gleich grobe Zurückweisung bei einer Temperatur

von 29° C. im Schatten. Da ist nun die zu unserer Rechten liegende, in

saftigem Grün prangende hohe Bergwand mit ihren reichen Naturschönheiten

eine wahre Erquickung für den Beobachter, welcher vielleicht, während

seine Augen hier auf einem von der Natur überreich beschenkten und von den

passionirtesten Menschenfressern bewohnten Lande ruhen, in Wirklichkeit

mit seinen Gedanken in der fernen Heimat weilt auf traurigen Sanddünen,

die durch die Erinnerung an die Kindheit und die dort zurückgelassenen

lieben Menschen doch von süßem Zauber umweht werden. Solche Träumereien

passen vortrefflich zu der herrschenden Stille, zu dem unter der heißen

Mittagssonne liegenden scheinbar schlafenden Lande, wo weder menschliches

Leben, noch solches in der Natur sich regt, wo nicht einmal die Steine

des Strandes von dem sie berührenden Wasser umspielt werden.

Um 1 Uhr ist das Schiff nicht mehr weit von demjenigen Cap entfernt, von

welchem aus der Curs nach der Mitte der Straße gerichtet werden muß, und

wir glauben schon diese Küste wieder verlassen zu müssen, ohne etwas von

ihren Bewohnern gesehen zu haben. Da treten in der letzten, dicht vor

jenem Cap liegenden kleinen Bucht aus dem Gebüsch am Strande einige Hütten

hervor und zwei Kanus setzen vom Lande ab, um dem Schiff entgegenzufahren.

Die „Ariadne“ geht näher heran, passirt kurze Zeit darauf die beiden

Fahrzeuge, deren nackte Insassen durch lautes Geschrei und Vorzeigung

eines Stücks Papier (wahrscheinlich die Bescheinigung eines früher hier

gewesenen Schiffes, daß die Leute den Ankerplatz zu zeigen wissen) das

Schiff zum Stoppen zu bewegen suchen. Dicht am Lande wird die Maschine für

kurze Zeit zum Stillstand gebracht, um die wenigen am Strande befindlichen

Menschen durch das Fernrohr zu mustern, und dann geht es weiter nach Duke

of York. Da die Leute hier demselben Menschenschlag wie auf dieser Insel

und Neu-Britannien angehören, so sehe ich vorläufig von ihrer Beschreibung

noch ab, nur sei erwähnt, daß die Weiber hier nicht, wie sonst berichtet

wird, ganz nackt gehen, sondern einen handgroßen Laubbüschel als Schürze

tragen.

Im Laufe des Nachmittags treten in erst schwachen, dann schärfern Umrissen

die schön geformten Vulkane, welche, dicht bei den Duke of York-Inseln

liegend, die zu Neu-Britannien gehörige Blanche-Bai im Norden begrenzen,

aus dem Dunst hervor. Sichtbar sind nur die Mutter und eine Tochter.

Die zweite Tochter, welche mit ihren kräftigen Ausbrüchen im Februar

1878 die ganze Umgegend in Unruhe versetzte und lange Zeit in Unruhe

hielt, eine neue Insel über das Wasser hob und stellenweise durch Hebung

des Meeresbodens die Wassertiefen verringerte, welche mit dem von ihr

ausgespieenen Bimsstein den St.-George-Kanal mit einer mehrere Fuß dicken

Schicht bedeckte, zu deren Beseitigung Wochen und Monate gehörten, bis

die Meeresströmungen diese Massen vertheilt und weit weggeführt hatten,

wie wir ja auch bei den Ellice-Inseln sahen -- diese interessante zweite

Tochter ist wegen ihrer geringen Höhe und versteckten Lage noch nicht

zu sehen. In der Mitte der Straße steigen Laubkronen über den Horizont,

welche das baldige Insichtkommen der nur 100 m hohen York-Inseln anmelden.

Hier ist nun vielleicht der Platz, wo zum spätern bessern Verständniß

einige allgemein gehaltene Bemerkungen über die Inselgruppe angebracht

sind.

Soweit bekannt, ist ein englischer Seefahrer Carteret (1767) der

Entdecker, welcher die Gruppe für nur eine Insel ansah und ihr den Namen

Duke of York-Island beilegte, ein Name, welcher sich zwar bisjetzt

erhalten hat, in der Folge aber jedenfalls wieder der Vergessenheit

anheimfallen wird, da die Eingeborenen eigene Bezeichnungen haben, welche

naturgemäß wieder in ihr Recht eintreten müssen. Die nächste Nachricht

stammt von einem Engländer Hunter vom Jahre 1791, welcher eine kleine

Bucht vermessen und nach sich benannt hat, auch eine längere Beschreibung

der Insel gab. Auffallend ist, daß dieser Mann, welcher längere Zeit in

Port-Hunter gelegen haben muß, sich keine eingehendere Kenntniß von dem

trefflichen Makada-Hafen, von welchem er nur durch einen etwa 200 Schritt

breiten Landstreifen getrennt war, verschafft hat, da er eine Karte

von der Insel gibt, in welcher er die Ufer dieses letztern Hafens genau

bestimmt haben will, die aber ganz unrichtig sind. Hiernach läßt sich denn

auch der Werth seiner übrigen Angaben ermessen. Hier verweise ich nun auf

die umstehende Uebersichtskarte, welche nach den Aufnahmen von deutschen

Schiffskapitänen aus den letzten Jahren entworfen ein ziemlich richtiges

Bild gibt, unter der aber auch zur Vergleichung eine Darstellung des

St.-George-Kanals nach der neuesten englischen Admiralitätskarte beigefügt

ist, welche die Inselgruppe noch als eine Insel und wahrscheinlich in den

von Hunter mitgetheilten Umrissen wiedergibt. Ein oberflächlicher Blick

auf diese beiden Karten ist eine Erzählung für sich, welche berichtet,

wie selten fremde Schiffe hierhergekommen und wie oberflächlich deren

Besuch gewesen sein muß, wie abgeschlossen die Eingeborenen von fremdem

Wesen geblieben sind. Neu-Irland und Neu-Britannien wurden besucht und

theilweise vermessen, Duke of York aber nicht.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 36 / 56 段