Der Weg ist mir trotz der drückenden Hitze außerordentlich kurz geworden,

ein vor uns liegendes Haus wird uns als die Wohnung des Königs bezeichnet,

der Eintritt aber noch verwehrt mit dem Ersuchen, etwa 20 Schritte davon

entfernt noch etwas zu warten. Das offene Haus gestattet uns zu sehen,

daß mehrere Weiber damit beschäftigt sind, dem König ein Hemd anzuziehen,

und darin finden wir die Erklärung der Verzögerung. Nach Beendigung der

Toilette werden wir ersucht näher zu treten und nehmen auf ausgebreiteten

Matten neben dem jungen, auf dem Todtenbette liegenden Manne Platz. Der

König liegt auf Matten, ist durch Kissen unterstützt und durch leichte

Vorhänge gegen die Sonne geschützt. Sechs seiner Frauen sind fortwährend

um ihn beschäftigt, ihm kleine Handreichungen zu leisten, Kühlung

zuzufächeln und die lästigen Fliegen und Mosquitos von ihm fern zu halten.

Er muß früher ein schöner Mann gewesen sein, liegt jetzt an einer von den

Europäern hierher verpflanzten, hier nicht näher zu nennenden Krankheit

hoffnungslos darnieder und sieht in einem Alter von 35 Jahren täglich

seiner Auflösung entgegen. An ihm fiel mir als merkwürdig auf, daß seine

Fingernägel etwa 5 cm lang waren. Ich war bisher in dem Glauben befangen,

daß diese Sitte nur in China zu Hause sei, mußte aber hier hören, daß auf

Taritari und Makin schon seit alters her und jedenfalls seit länger als

man hier Kenntniß von China hat, von den Vornehmen dieses Abzeichen der

Herren, welche nicht zu arbeiten brauchen, getragen wird.

Bei dem körperlichen Zustand des Königs war weder daran zu denken,

irgendwelche Abmachungen zu treffen, noch konnten die wüste Wirthschaft

hier und auch nicht die örtlichen Verhältnisse diesen Platz als geeignet

für eine Centralhandelsstation erscheinen lassen. Ich beschränkte

mich daher darauf, dem König eine anständige Behandlung der etwa hier

verkehrenden Deutschen zur Pflicht zu machen. Eine halbe Stunde nach

unserm Eintreffen waren wir wieder auf dem Rückwege zu unsern Booten,

trafen kurz nach 12 Uhr nachmittags auf der seeklarliegenden „Ariadne“

ein und suchten gegen 1 Uhr wieder die offene See auf, unsern Curs nach

den Marshall-Inseln nehmend.

12.

Die Marshall-Inseln.

4. December 1878.

Nun liegen auch die Marshall-Inseln wieder hinter mir und mit diesen eine

ereignißreiche kurze Zeit. Die deutschen Handelsinteressen sind hier so

bedeutende, daß ich mich, um die Inseln vor der Begehrlichkeit anderer

Nationen zu schützen, zu weitergehenden Maßregeln veranlaßt sah, als ich

ursprünglich beabsichtigte. Möge das, was ich gethan habe, dereinst dazu

führen, daß diese Inseln dem Deutschen Reiche einverleibt werden können.

Am 26. November kam mit Tagesanbruch Jaluit (spr. Dschalúit), die

Hauptinsel der westlichen Marshall-Gruppe, welche die Ralickkette

genannt wird, in Sicht. Eine kräftige Regenbö brachte das unter schwerem

Segeldruck sich schüttelnde Schiff bald vor die schmale Einfahrt zu der

Lagune dieser großen Koralleninsel, wo ihm die weißen Fittiche genommen

wurden und an deren Stelle der rauchende Schlot trat, um die enge Passage

nach dem Ankerplatze unter Dampf zu machen. Dicht vor der Einfahrt kam

ein europäisches Boot heran und in diesem der Chef eines der beiden

hiesigen deutschen Häuser, Herr Hernsheim, um uns zu begrüßen und mir

einen seiner Schiffsführer als Lootsen zur Verfügung zu stellen, was

ich dankbar annahm. Gegen 10 Uhr vormittags fiel der Anker, und es war

meine Absicht, einen ungewohnt langen Aufenthalt hier zu nehmen, um mir

selbst, wie der ganzen Besatzung nach langer Zeit wieder einmal etwas

Ruhe zu gönnen. Denn wenn der Aufenthalt auch nur auf vier Tage, woraus

nachher fünf wurden, angesetzt war, so bedeutete dies nach den hinter uns

liegenden fünf Wochen doch immerhin eine langentbehrte Erholung, welche

für das ganze Schiff eine große Wohlthat wurde. Kaum zu Anker mußte ich

selbst allerdings gleich an die Erledigung meiner Geschäfte und an deren

Ausführung denken. Der Consul nahm mir zwar die Hauptarbeit ab, indem er

die endgültige Redaction der in Aussicht genommenen Uebereinkunft, welche

vorher besprochen und durchberathen war, übernahm und deren Uebersetzung

in die Landessprache beaufsichtigte. Trotzdem blieb aber für mich noch

genug zu thun übrig, um meine Zeit mit Besuchen, mündlichen Verhandlungen,

Versorgung des Schiffes mit Proviant, Wasser und Kohlen, Anordnungen von

Festlichkeiten, Einziehung von Nachrichten über die hiesigen Verhältnisse

u. s. w. auszufüllen.

Jaluit ist eine große Laguneninsel, also ein schmaler Ring niedrigen

Korallenlandes, welches einen großen See umschließt. Das den Deutschen

(andere besitzende Europäer sind nicht auf der Insel) gehörige Land

trägt eine reiche Auswahl von Früchten, Gemüsen und Blumen, was

dadurch ermöglicht wurde, daß mit großen Kosten von andern Inseln

guter Mutterboden hierher gebracht und das Korallenland damit bedeckt

worden ist. Das Land der Eingeborenen trägt nur Kokosnußbäume und hier

und da kleine Anpflanzungen von kartoffelähnlichen Erdfrüchten. Die

deutsche Ansiedelung macht mit ihren bequemen Wohnhäusern und großen

Vorrathsmagazinen, mit ihren herrschaftlichen Umzäunungen, gut gehaltenen

Wegen und weithin sichtbaren mastenartigen Flaggenstangen einen sehr

stattlichen Eindruck; die Dörfer der Eingeborenen, aus elenden schmutzigen

Hütten bestehend, liegen verstreut unter den Kokosnußbäumen. Nur der

König hat ein ganz nettes kleines, hölzernes Haus, welches luftig und

sauber gehalten ist. Es besteht aus einem Wohn- und einem Schlafzimmer,

die Dielen sind mit Matten belegt, die Wände mit einer Uhr und einigen

einfachen Bildern verziert; ein hölzernes Bett, ein ebensolcher Tisch und

einige Stühle bilden das Mobiliar. Die Küche liegt neben dem Hause in

einer ortsüblichen Hütte. Die Hütten der Eingeborenen bilden einen mit

einem niedrigen Laubdach bedeckten und rundherum mit trockenen Blättern

und Reisern geschlossenen Raum, welcher eben Platz genug bietet, daß die

Familie auf dem unbedeckten Boden liegen kann. Die Küche befindet sich

hier ebenfalls in einem Nebenraume. Die Häuser der Weißen sowol wie die

Hütten der Eingeborenen liegen alle an der gegen den vorherrschend starken

Passat geschützten Innenseite der Insel, an der Lagune, wo die Ankerplätze

der Schiffe sich befinden, wo gegen den Wind geschützt überhaupt nur

Pflanzen gedeihen, die Eingeborenen fischen und von wo aus sie mit ihren

leichten Kanus ohne Gefahr Reisen nach einem andern Theile der Insel

machen können. Allerdings findet man auch an der Windseite der Insel

noch Wohngelasse, doch nur solche zu ganz besondern Zwecken. Die beiden

deutschen Häuser haben jedes dort ein kleines Lusthäuschen mit regenfestem

Dach und durchbrochenen gitterähnlichen Wänden, von wo aus man einen

freien großartigen Ueberblick auf das weite unbegrenzte Weltmeer und auf

die am Strande wenige Schritte vom Beschauer hochauflaufende majestätische

Brandung hat. Hier ist es, wo man zu jeder Tageszeit und namentlich des

Abends, wenn der abgeflaute Wind nicht mehr die Kraft besitzt bis zu den

Wohnhäusern vorzudringen und sie zu durchstreichen, Ruhe und Erfrischung

findet, wo man gegen die Mosquitos, welche sich dann in den Wohnhäusern

sehr unangenehm bemerkbar machen, geschützt ist.

Die an der Windseite gelegenen Hütten der Eingeborenen bieten nur Platz

für je eine Person und werden nur von Frauenzimmern bezogen. Jede Familie

hat dort, je nach ihrem Bedürfniß, ein oder mehrere solch kleiner Hütten,

wo die erwachsenen weiblichen Familienmitglieder allmonatlich einige Tage

absitzen, woraus wol gefolgert werden darf, daß die Frau während dieser

Zeit für unrein gehalten wird und deshalb fern von der eigentlichen

Wohnung, dem Winde ausgesetzt, den Abschluß dieses Zustandes abwarten muß.

Es mag hier eingefügt werden, daß auf den Marshall-Inseln Vielweiberei

besteht und das Christenthum nach dieser Richtung noch keinen Wandel

geschaffen hat.

Der hiesige Menschenschlag ist sehr verschieden von demjenigen der südlich

vom Aequator liegenden Inseln. Mit wenigen Ausnahmen sind die Männer

durchweg klein, die Frauen sehr klein. Besonders auffallend sind die

winzigen Köpfe dieser Insulaner, deren lange schmale Gesichter sich von

den runden der Bewohner der Kingsmill- und andern Inseln vornehmlich durch

eine sehr schmale Stirn und geschlitzte Augen unterscheiden, mithin dem

Malaientypus näher kommen. Die Männer tragen das Kopfhaar kurzgeschnitten

oder 'à la Chinois', flechten den Schopf aber nicht in einen Zopf, sondern

binden das Haar nur kurz ab, sodaß es über dem Band wie ein Roßschweif

lose nach hinten oder als ein kurzer Stummel nach oben wegsteht. Das

Haar der Frauen ist in der Mitte gescheitelt und hängt schlicht bis auf

die Schultern herab. Hier tritt auch die in der Ellice-Gruppe gefundene

Sitte, die Ohrlappen zu durchbohren und zu einem großen Ring zu erweitern,

welche wir in der Kingsmill-Gruppe nicht beobachtet haben, wieder auf.

Die Männer sind in der Regel im Gesicht und auf dem Oberkörper in der

Weise tätowirt, daß gezackte Linien in gleichen Abständen horizontal

quer über Gesicht und Brust laufen und der Haut ein Ansehen geben, als

ob sie damascirt sei; die Frauen sollen sich auch tätowiren, doch habe

ich es nicht gesehen. Die Körperbildung ist bei beiden Geschlechtern

schmächtig, wohlgenährte runde Glieder ohne auffallende Formenschönheit.

Ganz eigenartig ist die Kleidung, denn wenn die Frauen hier in der

Hauptstadt, infolge des Einflusses der hier lebenden Europäer, vielfach

auch lange Gewänder tragen, so ist dies doch nur eine Zugabe zu ihrer

eigentlichen nationalen Tracht, welche sich stets noch unter diesem

Gewand auf dem Körper befindet. Als das Hauptstück der Kleidung, welches

das kunstreichste ist und von beiden Geschlechtern gleich getragen wird,

möchte ich den Gürtel bezeichnen, an welchem die eigentliche Kleidung

befestigt wird. Dieser Gürtel, welcher nur zum Baden, sonst nie von dem

Körper gelöst wird, ist eine Schnur, ¾ cm dick, und so lang, daß sie 10-12

mal um den Leib geschlungen dort eine Wulst von der Stärke eines dünnen

Armes bildet. Um die Seele von Bast ist aus feinen schwarz und weißen

Fäden desselben Materials ein kunstvolles Gewebe gelegt. Das Kleid der

Männer ist ein aus ½ cm breiten, gewöhnlich weißen, zuweilen aber auch

schwarzen Baststreifen zusammengesetzter Rock, welcher durch die Masse der

verwendeten dünnen Streifen eine erhebliche Dicke und Fülle erhält. Der

Rock ist so lang, daß er von der Taille bis zum Fußboden reicht, bedeckt

aber in der ortsüblichen Weise auf den Körper gelegt unterrockartig

nur den Theil vom Magen bis zu den Knien und gibt diesen Leuten nach

meinem Geschmack ein ebenso unschönes weibisches Aussehen, wie die so

vielgefeierten Nationalunterröcke der modernen Griechen es diesen Männern

geben.

Die Befestigung dieses Bastrockes auf dem Körper geschieht in der Weise,

daß zwei von dem Leibband des Rockes auslaufende Tragebänder von oben

durch den vorher beschriebenen Gürtel nach unten durchgesteckt und

zwischen die Beine genommen werden, dann der Rock bis auf die richtige

Höhe nach oben gezogen und nun unter denselben ein zweiter dicker Gürtel

gelegt wird, welcher den Rock in seiner richtigen Lage hält und ihm ein

tischartiges Aussehen gibt. Dieser Rock bildet die ganze Bekleidung, da

Kopf wie die übrigen Körpertheile unbedeckt bleiben.

Die Kleidung der Weiber, welche nur ebensoviel bedeckt wie die der Männer,

besteht aus zwei schmalen Matten, von welchen eine vorn, die andere

hinten getragen wird. Diese feingelegten weißen Matten mit eingewebten

rothbraunen Figuren, gewöhnlich in Form einer breiten Borte um den

weißen Grund, werden in einfacher Weise nur von oben und außen in den

mehrgenannten Gürtel eingesteckt, sodaß dieser unter den Matten liegt

und nicht sichtbar ist. Auffällig war mir, daß die hintere Matte zuerst

aufgelegt wird und die vordere daher die erstere zum großen Theil bedeckt,

sodaß zum Abnehmen des Kleides auch stets die vordere zuerst abgelegt

werden muß. Dies ist eine merkwürdige Sitte, denn da die Matten ziemlich

steif sind, so müssen die Frauen zu gewissen körperlichen Verrichtungen

sich stets ganz entkleiden.

Die Nahrung auf diesen Inseln besteht in dem, was Boden und Meer liefern,

mithin, wie auf allen Koralleninseln, vornehmlich aus Kokosnuß und

Fischen, Krebsen und Muscheln.

So unsauber die Wohnungen aussehen, so reinlich sind die Leute doch an

ihrem Körper, und es muß namentlich hervorgehoben werden, daß keinerlei

Auswurf des menschlichen Körpers in der Nähe der Hütten geduldet wird.

Aborte existiren hier nicht, ihre Stelle vertritt der Strand. Des Morgens,

und wenn der Wasserstand es irgend erlaubt bei Niedrigwasser, gehen

die Leute nach dem Strande und verrichten dort eins der natürlichsten

menschlichen Geschäfte in der ungenirtesten Weise. Da hockt groß und

klein, jung und alt unbekümmert um das Geschlecht nebeneinander. Das

steigende Wasser der Flut übernimmt die Abfuhr und gibt dem Strande die

frühere Reinheit wieder. Die Reinlichkeit wird in diesem Punkte auf das

strengste beachtet, wie ich zu sehen Gelegenheit hatte. Als ich eines

Abends spät gegen 1 Uhr einen der deutschen Herren verließ, um zum

Schiffe zurückzukehren, wurde ich bei dem Dorfe durch ganz jämmerliches

Kindergeschrei aufmerksam gemacht. Ich ging zu der Stelle hin und sah

einen Mann mit einem Kinde auf dem Arm aus einer Hütte treten und nach

dem Strande zu gehen. Das Kind schrie, als ob es ertränkt werden sollte,

und ich folgte daher in einiger Entfernung. Am Strande angelangt setzte

der Mann das Kind auf den Sand und blieb neben ihm stehen, bis dieses

allmählich verstummend Erleichterung gefunden hatte, nahm es dann wieder

auf den Arm und kehrte zu seiner Hütte zurück.

Wie schon erwähnt, besteht hier Vielweiberei, doch können nur solche sich

diesen Luxus gestatten, welche mehrere Frauen zu ernähren im Stande sind.

Eine besondere Gerechtsame der Vornehmen ist auch, daß der Höhere dem

Niedern seine Frau wegnehmen und diese seinem Hausstande zuführen kann.

So hat der frühere König einem kleinen Häuptling dessen Frau weggenommen

und sie zu seiner Hauptfrau gemacht. Nach dem Tode des Königs ging die

Frau aber zu ihrem frühern Mann, einem hübschen Kerl, zurück und hierdurch

wurde der kleine Häuptling nun so gehoben, daß ihm die Königswürde zufiel

und er jetzt der König Lebon (oder Kabua wie er auch genannt wird) ist.

Die Stellung der Frauen auf den Südseeinseln ist eine ganz eigenthümliche,

denn wenn sie auch auf vielen Inseln nicht für voll angesehen werden, so

spielen sie doch überall durch die Ehe eine hervorragende Rolle, ja es

geht so weit, daß ein König zu Gunsten seines Sohnes zurücktritt, sobald

dieser eine Frau heirathet, welche edleres Blut hat wie seine Mutter. So

war auch hier die Frau des Lebon durch die Ehe mit dem frühern König so

geadelt worden, daß nach dessen Tode nicht ihr mit diesem gezeugter Sohn

Letabalin, sondern ihr neuer Mann die Königswürde erhielt. Andererseits

wird nun wieder nach dem Tode Lebon’s nicht sein Sohn, sondern sein

Stiefsohn Letabalin in die Rechte seines früher verstorbenen Vaters

eintreten. Spaß machten mir die ehelichen Verhältnisse dieses jungen

siebzehnjährigen Königssohnes, welcher schon zwei Frauen hat, vorläufig

aber nur die ältere als solche ansieht und die jüngere, obgleich er schon

seit einem Jahre mit ihr verheirathet ist, in ihrem jungfräulichen Stande

gewissermaßen als Reserve behandelt. Er kommt mir vor wie ein Kind,

welches sich ein besonders schönes Stück Zuckerzeug aufhebt, um beim Genuß

weniger guter Sachen sich durch die Aussicht auf Besseres zu entschädigen.

Der König Lebon kleidet sich sonst auch in die landesübliche Tracht,

in welcher er auf unserm Bilde erscheint, doch hatte er sich uns zu

Ehren einen neuen schwarzen Anzug gekauft und trug zum ersten mal in

seinem Leben Schuh und Strümpfe. Er empfing mich, als ich ihm meinen

Besuch machte, an der Thüre seines Hauses; in dem Zimmer saßen seine

fünf Frauen in ihren besten Kleidern halbkreisförmig um unsere Stühle

gruppirt. Lebon sah sehr verängstigt aus, weil er fürchtete, daß ich wegen

verschiedener rückständiger Schulden über ihn zu Gericht sitzen würde;

da die Gläubiger aber keine Reclamationen vorgebracht hatten, so blieb

mir die Berührung dieser Sache erspart. Lebon thaute daher am nächsten

Tage, nachdem die deutschen Herren ihm gesagt hatten, daß sie mir von

ihren Forderungen keine Kenntniß gegeben hätten, auf und zeigte sich als

ein ganz umgänglicher Mensch von verhältnißmäßig guten Umgangsformen.

Der Landessitte gemäß erhielt ich von Lebon bei meinem ersten Besuch

verschiedene Geschenke, einige schöne Matten und einen umsponnenen Speer;

seine Frauen schenkten mir etwas von ihrem Schmuck, welcher als Halskette

oder Stirnband getragen wird und aus Korallen- oder Schildpattstücken

besteht, welche sorgsam bearbeitet durch Schnüre sauber und nett

zusammengefügt sind.

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen glaube ich zu meinen eigenen

Erlebnissen zurückkehren zu können. Die Vormittage waren den Geschäften,

die Nachmittage Festlichkeiten und die Abende zwanglosen Zusammenkünften

in einem der deutschen Häuser oder an Bord der „Ariadne“ gewidmet. Hierbei

spielte auch ein Kalb, welches ich von Apia aus mitgebracht und den Herren

an Land zur Verfügung gestellt hatte, insofern eine Rolle, als die hier

lebenden Deutschen seit langer Zeit kein ordentliches Stück frisches

Fleisch zu Gesicht bekommen hatten. Die Geschäfte brauche ich hier nicht

weiter zu berühren, kann daher gleich zu den Festlichkeiten übergehen.

Am Tage unserer Ankunft wurden von Lebon gleich die Vorbereitungen

für einen am nächsten Tage abzuhaltenden Kriegstanz getroffen, welcher

programmmäßig am 27. nachmittags stattfand. Nachdem wir uns an einem

schönen schattigen Platze unter Kokospalmen versammelt und Platz genommen

hatten, setzten sich die mit Trommeln und ihren Naturstimmen das Orchester

bildenden Frauenzimmer in zwei Gliedern neben uns auf die Erde, während

das Volk in respectvoller Entfernung unter den Bäumen Aufstellung nahm.

Dann erschienen die tanzenden Krieger, etwa 18 an der Zahl, sämmtlich

Häuptlinge. Dieselben waren in dem eingangs beschriebenen Nationalcostüm

und hatten demselben als Festschmuck noch mancherlei hinzugefügt.

Hahnenfedern im Haarschopf, aus einzelnen Blättern zusammengefügte

Laubketten um den Hals, Stirnbänder aus Korallenstücken oder getrocknetem

Zuckerrohrblatt, Band von Zuckerrohrblatt mit Federn um Oberarm und

Knöchel und ein etwa 15 cm langes aufgerolltes Blatt in den Ohrlappen; der

Oberkörper war mit Kokosnußöl gesalbt, glänzend blank, die Waffe vertrat

ein armlanger Stock. Besonders auffallend sah Lebon aus, welcher zuletzt,

nachdem alle versammelt waren, erschien und allein auf den Kampfplatz

trat. Er hatte einen besonders reichen Federschmuck aus schwarzen

Hahnenfedern, welcher sich gut ausnahm; dicke Federbüschel auf Ober-

und Unterarm, kleine Büschel auf den Rücken der beiden Mittelfinger und

einen Federkranz um die Knöchel, welche muffähnlich dem Bein einen guten

Abschluß gaben.

Das Erscheinen Lebon’s ist das Signal für den Beginn des Tanzes. Die

Frauenzimmer stimmen, sobald Lebon sich ihnen bis auf etwa 20 Schritte

genähert hat, begleitet von dem einförmigen Tam-Tam ihrer Trommeln einen

monotonen Gesang an; die Trommel, ein ausgehöhltes Stück Holz in Form

eines Stundenglases, auf der einen Seite mit Fischhaut überspannt, auf

der andern offen, wird mit der einen Hand auf dem Schos gehalten und

mit der flachen andern Hand geschlagen; der Gesang enthält nur wenige

sich stets wiederholende Strophen, welche auf den König Bezug haben. Der

König kommt in raschem Schritt und guter Haltung würdevoll angegangen,

hält in der Mitte vor den Reihen der singenden Frauenzimmer, sieht sich

mit muthigem Blick nach allen Seiten um, als ob er den Feind suche,

nimmt ihn in dem Orchester an, wendet sich diesem zu, stößt einen Schrei

aus, welcher furchtbar sein soll und nur mit dem Quitschen eines in den

Schwanz gekniffenen Schweines verglichen werden kann, und beginnt nun

seine Darstellung, welche ihn in seinem ganzen Grimm und seiner ganzen

Furchtbarkeit zeigen soll. Die Augen rollen in dem alle möglichen Linien

beschreibenden Kopfe hin und her, das Gesicht wird verzerrt, wobei Mund

und Unterkiefer in krampfhafter Thätigkeit sind und dem Gesicht einen

kläglichen Ausdruck geben, welcher schreckenerregend sein soll, in

Wirklichkeit aber jeden Augenblick den Ausbruch ganz jämmerlichen Weinens

erwarten läßt und lebhaft an die japanischen Abbildungen grimmer Krieger

erinnert. Mit dem Stock werden Stoß- und Wurfbewegungen des Speeres

angedeutet, der ganze Körper windet sich in krampfhaften Bewegungen,

welche ein lebendiges Bild von kraftvollem Ringen geben. Lebon macht seine

Sache sehr schön, das zeigen die Gesichter der Zuschauer, aber er weiß

auch, vor wem er sich als Krieger zu zeigen hat, gibt daher sein Bestes

und tritt gewissermaßen als Schauspieler auf. Nicht so die singenden

Frauenzimmer, welche der Zuschauer nicht gedenken, sondern den ersten und

tapfersten Mann ihres Stammes vor sich sehen, in seinem Anschauen ganz

aufgehen und sich geben wie sie sind, nicht wie sie scheinen wollen. Diese

interessirten mich daher mehr, obgleich sie nur das Beiwerk bildeten.

Da sitzen sie in Reih und Glied mit steifem Körper, schlagen mit der

rechten Hand die Trommel und singen mit gewöhnlicher Stimme ihren Gesang.

Doch währt dies nicht lange, ein schnelleres Tempo zwingt den Tänzer zu

raschern Bewegungen, der Gesang wird lauter, die Reihen werden unruhig,

die Köpfe schwanken hin und her, die Körper bewegen sich und nähern sich

rutschend, ohne es zu wollen, dem köstlichen Krieger, die Augen treten

weit hervor, stieren nur nach dem Gesicht des gefeierten Mannes und

erhalten einen ganz eigenthümlichen Glanz. Die Körper, dem Tänzer nahe

genug, fassen wieder festen Fuß, die Stirn fällt zurück, damit der die

Thaten des mit dem Feinde ringenden Beschützers besingende Mund diesem

näher ist, die Köpfe mit ihren gläsernen Augen wackeln jetzt gleichmäßig

nach dem Takte der Musik hin und her, die ganze Gruppe sieht aus wie ein

Haufen chinesischer Porzellanpuppen mit langsam hin- und herwiegenden

Köpfen. Da glaubt Lebon genug gethan zu haben, er wirft seinen Stock

weit weg, welcher von einem Häuptling aufgehoben und ihm nachher wieder

zugestellt wird, wendet sich von dem Orchester ab und geht auf die ihn

respectvoll erwartenden Häuptlinge zu. Die Frauenzimmer verstummen,

scheinen aus einem Traum in das Leben zurückzufallen, erholen sich aber

schnell genug, um rechtzeitig mit der Ankunft des Königs vor seinen

Häuptlingen diese zu einem ähnlichen Tanze zu begleiten, welchen sie

nunmehr vor ihrem König aufführen.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 35 / 56 段