Während wir in der schattigen kühlen Hütte lagen, rauchten und die

Königsfamilie mit Aepfelwein tractirten, entfernte sich der König auf

kurze Zeit, um Befehle für einen Tanz zu geben und sich schön zu machen,

denn bald kam er schmunzelnd in einem ganz neuen feinen grauen Tuchanzug

wieder. Um uns herum wurde es in den Hütten lebendig, die Vorbereitungen

für den Tanz nahmen ihren Anfang. Nach einer Stunde wurden wir nach einem

andern Theil der Stadt in das dort liegende große Berathungshaus geführt.

Dasselbe hat ungefähr dieselben Dimensionen und dieselbe Einrichtung wie

das auf Tapituwea, nur daß hier an den Seiten unter dem Dach mehrere

Todtenschädel in gleichmäßigen Abständen aufgestellt sind; dieselben

sollen von erschlagenen Feinden herrühren, doch vermuthe ich, daß es

die Schädel der vor sechs Jahren erschlagenen Schiffsmannschaft sind.

In und bei dem Hause ist die ganze Bevölkerung des Platzes anwesend: die

Tänzer und Tänzerinnen in dem Hause, die Zuschauer außerhalb desselben.

Die tanzenden Männer stehen auf der einen schmalen Seite des Hauses,

das Gesicht dem Allerheiligsten zugekehrt, die tanzenden Frauen ihnen

gegenüber auf der andern Seite, sodaß sie sich gegenseitig ansehen. Beide

Parteien sind in der Front je 16 Köpfe stark, in der Tiefe jedoch haben

die Weiber neun Glieder, die Männer dagegen nur fünf. Es sind demnach

bei dem Tanz etwa 140 Weiber und 80 Männer betheiligt. Der König lagert

sich, mit dem Gesicht den Frauen zugekehrt, vor dem Allerheiligsten, wir

nehmen mit dem Vater des Königs in der Mitte zwischen beiden Parteien an

der einen Langseite des Hauses Platz. Weder der König noch wir werden bei

unserm Eintreffen begrüßt, die Tänzer stehen in bequemer Haltung auf ihren

Plätzen, verhalten sich ruhig und betrachten nur neugierig uns Fremdlinge.

Ehe der Tanz beginnt verstreichen einige Minuten, welche uns gestatten,

die vor uns stehenden Menschenreihen in Ruhe oberflächlich zu mustern.

Die Männer unter sich, wie die Weiber sind ganz uniform bekleidet; die

Männer tragen reine hellgelbe Matten, wie vorher schon beschrieben, die

Weiber haben um den Hals und über ihrem schwarzen Grasgürtel einen grünen

Blätterschmuck angelegt, welcher ihnen gut steht. Dieser Schmuck ist in

der Weise aus dem Blatt der Kokospalme gewonnen, daß das Blatt in der

Mitte seiner Rippe der Länge nach getheilt wird und je ein halbes Blatt

als Gürtel oder als Halsband dient, indem die langen schmalen Blätter

strahlenförmig herabhängen. In beiden Lagern sind die ältern Mitglieder

in den ersten Reihen, die jungen und hübschen stehen hinten, wol weil

sie noch nicht sicher genug sind, und ganz hinten stehen die Kinder, für

welche eine derartige Aufführung gleichzeitig eine Unterrichtsstunde ist.

In den Reihen der Männer fällt mir, noch mehr als dies in Tapituwea

der Fall war, die große Verschiedenheit in den Gesichtszügen auf. Da

stehen gerade vor mir drei Männer mit so charakteristischen Köpfen, daß

ich nicht umhin kann, sie mit europäischen Männern und zwar mit solchen

ganz bestimmter Berufsklassen zu vergleichen. Der eine ist ein großer,

stattlicher, starker Mann, 40-50 Jahre alt, mit kurzer dicker Nase,

langem bis unter die Ohren reichenden Haupthaar und kurz geschnittenem

Bart, welcher, als schmale Krause von den Ohren unter das Kinn laufend,

das sonst sorgfältig rasirte breite Gesicht einrahmt. Der Mann gibt das

getreue Abbild eines in guten Verhältnissen lebenden Pädagogen. Neben

diesem steht in gebückter Haltung ein altes dürres Männchen mit schmalem

Gesicht, feiner, schmaler, schön geformter Nase und stechenden Augen,

welcher das dünne graue Haar von der hohen Stirn und aus den Schläfen nach

hinten gestrichen hat, ein langer grauer Bart fällt bis auf die Brust

herab. Bei uns würde der Mann als tiefer Denker und Gelehrter passiren.

Der dritte ist eine merkwürdige Erscheinung, wie sie im Leben nur selten

angetroffen wird und die man dann als etwas Räthselhaftes betrachtet.

Auf Bildern aus der Biblischen Geschichte figuriren solche Gestalten

als Apostel oder als Märtyrer aus der ersten Christenzeit. Der Mann ist

über sechs Fuß groß mit auffallend schmalen Schultern, das in der Mitte

gescheitelte und bis auf die Schulter herabfallende Haar umrahmt ein

schmales feines Gesicht, die tiefliegenden Augen strahlen ein fanatisches

Feuer aus, eine auffallend feine, etwas gebogene Nase veredelt das nur mit

einem kleinen dünnen Schnurrbart versehene Gesicht, aus welchem über den

eingefallenen fleischlosen Backen die Backenknochen scharf hervortreten.

Der ganze Körper, welchem jede Rundung fehlt, zeigt nur Muskeln und Sehnen

und gibt so das Bild eines zähen, widerstandsfähigen Menschen, dessen

Gesichtsausdruck zu sagen scheint, daß die in dieser zähen Hülle wohnende

Seele auch den Körper zu jeder That zu zwingen weiß, wenn es gilt, einen

gefaßten Entschluß durchzuführen.

Wenn es mich nicht zu weit führte, könnte ich noch ein halbes Dutzend

solcher charakteristisch aussehender Menschen beschreiben, doch genügen

wol diese drei Beispiele allein zum Verständniß der merkwürdigen

Empfindung, welche mich beschlich, als ich bedachte, daß diese Männer nun

vor uns einen sinnlosen Tanz aufführen sollten.

Die Reihen der Weiber zeigen auf den ersten Blick, daß hier die ganze

Stadt zu dem Tanze aufgeboten ist, denn in denselben ist nicht nur jedes

Alter vertreten, sondern auch die alte Mutter und die Schwester des Königs

füllen ihren Platz unter den Tänzerinnen aus.

Die Weiber beginnen den Tanz, ihnen folgen nachher die Männer, und

so geht es abwechselnd eine Stunde lang fort, indem immer eine Partei

tanzt und die andere währenddessen ruht. Hätten wir die Zeit, Geduld

und Lust gehabt, dem Tanze länger zuzusehen, dann würden die Leute wol

mehrere Stunden mit diesem Vergnügen ausgefüllt haben, welches keine

Abwechselung bietet, da der Tanz auf beiden Seiten immer in denselben

Bewegungen besteht und die kleinen Abweichungen, welche durch den Sinn

des Darzustellenden bedingt werden, kaum in die Augen fallen oder doch

von uns nicht verstanden wurden. Zu jedem Tanz werden einige sich stets

wiederholende Strophen gesungen, deren Worte die Erklärung des Tanzes,

die Töne die erforderliche monotone Musik geben. Die Durchführung des

Tanzes ist im ganzen tadellos, Gesang und Bewegungen halten sich in so

vollkommenem Rhythmus, daß die ganze Masse nur von =einem= Willen geleitet

zu sein scheint und sich in Bezug auf Gleichmäßigkeit der ganzen Handlung

mit dem besten europäischen Ballet messen kann. Die Darstellungen beziehen

sich natürlich nur auf Episoden, welche in dem Leben dieser Insulaner

vorkommen. Der Tanz der Männer soll vorzugsweise den Krieg, Walfisch-

und Haifischfang u. dgl. vorstellen; der der Weiber gibt im Bilde die

Begrüßung von Gästen, Fischfang, Nachhut im Kriege, Bootsfahrten u. s. w.

wieder. Der Tanz der Männer besteht hauptsächlich darin, daß sie auf ihrem

Platze ein Bein nach dem andern schnell aufheben, sich jäh von einer

Seite zur andern drehen und dabei mit der flachen linken Hand auf die

steife Matte, mit der hohlen rechten sich unter die linke Brust schlagen

und so den Lärm des Gesanges noch durch ein geräuschvolles Geklapper und

Geklatsche unterstützen. Ein oder zwei Vorsänger, welche nur mit den Armen

gesticuliren, singen erst eine Strophe, auf welche dann die ganze Masse

mit den obengenannten Bewegungen, mit Gesang, Geklapper und Geklatsche

einfällt. Beim Walfischfang treten noch Bewegungen des Oberkörpers hinzu,

welche das angestrengte Ziehen verbildlichen sollen, das zum Aufschleppen

des Fisches auf das Land erforderlich ist. Beim Kriege werfen sich

plötzlich alle bis auf zwei Führer als todt nieder, bis sie von diesen

wieder zum Leben zurückgerufen werden. Der Haupteindruck eines solchen

Tanzes auf den Europäer ist der eines ganz ungeheuern Lärmens.

Der Tanz der Weiber unterscheidet sich insofern auffallend von demjenigen

der Männer, als er in sanften und ruhigen Bewegungen besteht, während

dieser einen durchaus jähen und wilden Charakter hat. Dies ist deshalb

merkwürdig, weil auf den Südsee-Inseln sonst die Weiber nicht nur die

Männer in feuriger und leidenschaftlicher Ausführung des Tanzes zu

übertreffen suchen, sondern sie auch wirklich übertreffen, wenigstens

ist dies auf den Gesellschafts- und Samoa-Inseln der Fall. Der Tanz der

Frauen besteht hier eigentlich nur in graziösen Armbewegungen und die

Beine treten nur in Action, um den Körper in gemessenem Tempo nach rechts

und links zu drehen, einige Schritte zurückzugehen und dann wieder den

alten Platz einzunehmen, wobei das Ganze ohne Commando so exact arbeitet,

wie es eine gut einexerzirte Truppe auf dem Paradeplatz nicht besser

machen kann. Zuweilen allerdings wird auch der Plan insofern verändert,

als die vordern Reihen nach hinten gehen und die hinten stehenden nach

vorn durchpassiren lassen, und dies ist dann der Zeitpunkt, wo man einen

Blick auf die jugendlichen Gestalten werfen kann. Der Gesang, welcher mit

vollen Lungen und so kräftig wie möglich gegeben wird, erhält auch noch

eine Verstärkung durch Klatschen, doch lassen die Frauen ihre linke Hand

nur leicht auf den raschelnden Grasschurz fallen, was ein leises Rauschen

verursacht; mit der hohlen rechten Hand schlagen sie sich aber auch ganz

kräftig unter die linke Brust, doch immerhin etwas zarter als die Männer

dies thun. Eine Darstellung, welche für uns wahrhaft ohrenzerreißend

war, scheint in besonderm Ansehen zu stehen; bei dieser bemüht sich

jedes Frauenzimmer, von dem ältesten Mütterchen bis zum kleinen Kinde,

im höchsten Discant so laut wie möglich zu kreischen, und was das in

solch geschlossenem Hause von über 140 kräftigen Lungen ausgeführt zu

bedeuten hat, kann jeder sich gewiß denken. In grellem Gegensatz zu diesem

Höllenlärm, welcher wahrscheinlich im Kampfe den Gegner schrecken und

die streitenden Männer der eigenen Partei unterstützen soll, steht die

Schilderung einer Bootsfahrt. Mit leisem Gesang und ganz leisem Geklatsche

beginnt die Gruppe sich nach rechts und links, vorwärts und rückwärts

zu bewegen; das Ganze wogt in schönster Gleichmäßigkeit auf und ab und

die Intervalle zwischen den einzelnen Personen sind mit schönen Armen

ausgefüllt, welche die Ruderbewegungen nachahmen. Gesang und Klatschen

werden immer leiser, nur ein leises Summen ist noch zu hören, auch dieses

verstummt, und der Zuschauer, welcher vorher durch den Lärm zu sehr in

Anspruch genommen wurde, findet jetzt erst Gelegenheit, die schönen hin-

und herschwebenden Gestalten zu bewundern und sich an dem vortrefflichen

Beinwerk zu erfreuen, welches die Natur diesen Menschen geschenkt hat. Es

ist wirklich ein Genuß, dieses leichte Spiel der schönen Glieder zu sehen.

Als abweichend von den Tänzen anderer Inselvölker, wo die ganze

Leidenschaft sich in den Gesichtszügen abspiegelt, fiel mir hier auf, daß

Männer wie Frauen ihren Gesichtsausdruck an dem Tanze nicht theilnehmen

ließen und diesem nach unsern Begriffen somit einen höhern Kunstwerth

verleihen, indem der Zuschauer sich eben ganz in die mimische Darstellung

der durch die Körperbewegungen angedeuteten Bilder vertiefen kann.

Der König zeigte anscheinend, ebenso wie die andern Zuschauer, wenig

Interesse an dem Tanz und beschäftigte sich während der ganzen Zeit mit

einem etwa sieben Jahre alten weißen Kinde, welches ihm kurz nach dem

Beginn des Tanzes gebracht worden war. Auf meine erstaunte Frage, wie das

weiße Kind hierher käme, wurde mir geantwortet, daß es ein Kind einer

Schwester des Königs und ein Albino sei, welche hier wie in Polynesien

häufig vorkommen. Sobald man erst darauf aufmerksam gemacht war, konnte

man aus dem scheuen Wesen des Kindes auch schon aus der Entfernung den

Albino erkennen. Der König selbst ist kinderlos und hat nur adoptirte

Töchter, da hier wie auch bei den Samoanern jeder hohe Häuptling zur

Aufrechterhaltung seiner Stellung eine erwachsene Tochter haben muß.

Dieselbe ist gewissermaßen eine unentbehrliche Hofcharge.

Als wir genug gesehen hatten, ließ ich dem König mittheilen, daß ich jetzt

auf mein Schiff zurückfahren würde, und lud ihn gleichzeitig ein, mit mir

zu kommen, um sich das Schiff anzusehen. Er nahm die Einladung an, wir

gingen zu meinem Boot, wurden dort indeß noch etwas zurückgehalten, weil

der König mir als Geschenk Waffen und Kokosnüsse zugedacht hatte, welche

noch nicht zur Stelle waren. Ich erhielt einige sehr schön gearbeitete

Speere, eine kurze dolchähnliche Waffe, einen Panzer aus Kokosnußfasern

und mehrere hundert Kokosnüsse, im ganzen so viel, daß in der Gig für

uns kaum Platz übrigblieb und wir für die lange Fahrt nur sehr unbequeme

und harte Sitze fanden. Endlich gegen 4 Uhr kamen wir fort, nachdem die

Einschiffung des Königs noch einige Schwierigkeiten gemacht hatte. Er

erwies sich als zu schwer, um von zwei Matrosen durch das Wasser bis

zum Boot getragen zu werden, der Versuch wurde daher aufgegeben und auf

Zuruf kamen dann aus seinem Kanu vier Eingeborene mit einer Art tragbarer

Brücke, auf welcher der König stehend bis zum Boot getragen wurde. Die

Dampfpinnasse spannte sich vor mein Boot, wir dampften ab, des Königs Kanu

folgte unter Segel; so kamen wir kurz nach 5 Uhr auf der „Ariadne“ an.

Der dicke König war durch die Seefahrt, durch das unbequeme Sitzen und

schließlich durch die Angst bei dem nicht ganz gefahrlosen Aussteigen,

das für einen so beleibten Herrn bei dem hohen Seegang und dem starken

Strom äußerst schwierig war, so angegriffen, daß ich ihn vor allen

Dingen speisen und tränken mußte. Ein kaltes gebratenes Huhn beschrieb,

von seinen Händen gefaßt, vor seinem Gesicht die wunderlichsten Linien

und wurde zusehends dünner, die halbe Flasche Champagner war so schnell

leer, daß der königliche Herr mit strahlendem Gesicht um eine zweite

bat. Die Befriedigung, welche Essen und Trinken hervorgebracht, hielt

allerdings nicht lange an, denn die dem König vorgemachten Exercitien

mit blindem Schießen und Kleingewehr-Schnellfeuer waren bei ihm von so

durchschlagender Wirkung, daß der arme Mann bleich und zitternd sich kaum

zu halten vermochte und sich so scheu nach allen Seiten umsah, daß ich es

für räthlich hielt, ihn schleunigst in ein geheimes Cabinet zu führen.

Was er da gemacht, weiß ich nicht, nur so viel weiß ich, daß er nach

einiger Zeit, wenn auch noch bleich, doch mit beruhigten Mienen wieder

zum Vorschein kam. So viel steht aber fest, daß er an die Freude, welche

er vorher beim Essen und Trinken empfunden hatte, nicht mehr dachte.

Wenn ich es wegen der vorgerückten Tageszeit auch schon aufgegeben hatte,

noch an demselben Tage die Weiterreise anzutreten, so wollte ich doch den

König nicht länger an Bord behalten, weil ich ihn wegen der in Ansehung

des starken Stromes gefährlichen Passage noch vor Dunkelwerden sicher an

Land sehen wollte. Der dicke Herr erhielt daher seine Geschenke, eine von

dem Consul zu dem Zweck mitgebrachte Wanduhr, sowie sechs halbe Flaschen

Champagner, und wurde dann in sein Kanu befördert.

Unsere samoanische Dolmetscherin, welche mit ihrem schneeweißen Bündelchen

in der Hand dem König an Land folgte, hatte ein Kistchen Cigaretten

erhalten. Beim Weggehen sagte noch der König, sich scheu umsehend, daß

solch ein Schiff denn doch zu stark wäre, um dagegen kämpfen zu können;

der Zweck, ihm Furcht vor den überlegenen Waffen der Europäer zu machen,

war somit erreicht. Solche militärische Schaustellungen versehen den

Eingeborenen gegenüber denselben Zweck wie ihre Tänze und werden von

den Kriegsschiffen daher benutzt, um die von den Eingeborenen gegebenen

Festlichkeiten zu erwidern, dabei gleichzeitig aber auch den Wilden

die Macht einer solchen Kriegsmaschine zu zeigen und sie dadurch von

Gewaltthätigkeiten gegen Angehörige derselben Flagge abzuhalten. Häufig

allerdings begehen die Kriegsschiffe den Fehler, diesen Wilden mit den

großen Kanonen etwas vorzuknallen, was verhältnißmäßig wenig Eindruck

macht, weil sie dies schon oft gehört haben. Ein Schnellfeuer mit den

Gewehren ist das, was die Wilden erzittern und erbeben macht, denn dieses

fortwährende Geknatter ohne Aufhören, benimmt ihnen vollständig die

Besinnung.

Während der Fahrt von der Stadt nach der „Ariadne“ zurück hatte der

König mich wiederholt um eine Bescheinigung gebeten, daß ich auf seiner

Insel alles in der besten Ordnung vorgefunden habe. Ich konnte ihm

der Wahrheit gemäß antworten, daß ich, soweit die kurze Zeit mir einen

Einblick gestattet habe, allerdings die beste Ordnung anerkennen müsse,

ich aber trotzdem zur Ausstellung eines derartigen Zeugnisses mich nicht

für befugt hielte. Würde er indeß in ein ähnliches Vertragsverhältniß

wie der König von Funafuti zu uns treten, dann läge die Sache anders

und ich würde dann gern seiner Bitte entsprechen. Ich wollte hierdurch

den Boden für den Abschluß einer ähnlichen Uebereinkunft ebnen, weil der

Mangel eines der Apamama-Schriftsprache mächtigen Dolmetschers mir nicht

gestattete, schon jetzt in der Sache vorzugehen. Der König ließ sich

erklären, um was es sich bei solcher Uebereinkunft handle, und war dann

gleich zu dem Abschluß einer solchen bereit. Ich hätte nun im Beisein von

Zeugen ihn eine in deutscher Sprache ausgefertigte Verhandlung mit seinem

Handzeichen versehen lassen können, doch werden derartige Abmachungen so

oft von böswilliger Seite als erschwindelt bezeichnet, daß ich ablehnte,

unter dem Vorwande, er müsse selbst erst lesen und schreiben lernen, damit

er auch selbst den Inhalt der niedergeschriebenen Abmachung beurtheilen

könne. Hierbei kam denn nun heraus, daß der König schon mit dem Studium

des Lesens und Schreibens begonnen hat und zwar, um den Unterricht seiner

Unterthanen zu ermöglichen. Er will nicht zugeben, daß seine Unterthanen

mehr wissen wie er selbst, und hat sich als tüchtiger Landesvater daher

dazu entschlossen, selbst sofort das Nothwendige zu lernen, um der

Fortbildung seiner Unterthanen nicht im Wege zu stehen. Nach allem,

was ich hier gesehen habe, komme ich zu dem Schluß, daß der König von

Apamama in seiner Sphäre ein hervorragender Mann ist und entschiedene

Herrschertugenden besitzt.

Am nächsten Morgen, am 22., verließ ich Apamama wieder und langte am

23. nachmittags vor der Insel Taritari an, welche im Verein mit Makin

das nördlichste Königreich der Kingsmill- (Gilbert-)Inseln bildet.

Ich hatte die Absicht in die Lagune einzulaufen, fand aber die Karte

so falsch, daß ich mich an die Einfahrt mit dem Loth erst hinanfühlen

mußte und das kostet viel Zeit. Da wir außerdem auch noch vielfach durch

Gewitterböen, welche alles in dichten Regen hüllten und somit jedes

Erkennen des Landes und der Untiefen unmöglich machten, belästigt wurden,

so rückte der Abend heran, die Dunkelheit überraschte uns in der Einfahrt

und ich mußte gezwungenermaßen da, wo ich mich gerade befand, ankern,

weil wir andererseits wieder zu weit vorgedrungen waren, um noch bei

Tageslicht die offene See zurückgewinnen zu können. Unser Zweck war hier

nur eine Recognoscirung, ob diesem Platze oder Apamama der Vorzug als

Centralstation für den Handel zwischen diesen Inseln zu geben sei, um

danach beurtheilen zu können, welches die bessere Kohlenstation sei, für

den Fall, daß unsere Regierung eine solche hier zu erwerben wünsche; ich

hatte daher unsern Aufenthalt hierselbst auf nur 24 Stunden angesetzt.

Zu guter Zeit machten wir uns am nächsten Tage bei trübem Wetter mit

den Booten auf den Weg nach dem mehrere Seemeilen entfernten Wohnort

des Königs. Nach einer zweistündigen Fahrt, während welcher auch das

Fahrwasser daraufhin untersucht wurde, ob es brauchbar für größere

Schiffe sei, langten wir endlich bei der sogenannten Stadt an und

hatten, da es gerade Niedrigwasser war, einen weiten Weg durch nassen

Sand zu machen. Der erste Eindruck, welchen wir beim Landen empfingen,

war grundverschieden von dem, welchen wir von den letztbesuchten Inseln

mitgebracht hatten. Obgleich diese Insel von derselben Formation und

Bodenbeschaffenheit wie Apamama ist, von derselben Menschenrasse bewohnt

wird und nur eine Tagereise von dieser entfernt liegt, ist hier doch alles

anders und findet sich die einzige Uebereinstimmung nur in der Tracht der

Frauen.

Die Wohnungen bestehen entweder in kleinen Hütten mit geschlossenen

Seitenwänden, welche auf Pfählen ruhen und bei Hochwasser von der See

unterspült werden, oder aus Hütten nach Art der Samoahäuser, d. h. aus

hohen Laubdächern, die von vier Fuß hohen Pfählen getragen werden.

Die erstere Art soll jedenfalls Schutz gegen die hier wie auf allen

Südseeinseln herrschende Rattenplage gewähren. Die Frauen tragen, wie

schon bemerkt, als Kleidung einen schmalen Grasschurz, die Männer ein

Hüfttuch aus buntem Baumwollstoff, die Kinder beiderlei Geschlechts gehen

bis zu einem ziemlich reifen Alter ganz nackt. Die Frauen tragen das Haar

hinten länger, die Männer kürzer als auf den südlicher gelegenen Inseln.

Tätowirung habe ich nicht wahrgenommen. Bei unserer Ankunft fanden wir so

ziemlich die ganze männliche Bevölkerung betrunken und damit beschäftigt,

der Branntweinflasche noch weiter zuzusprechen. Ob ein vor wenigen Tagen

hier gewesener englischer Schooner die empfangenen Waaren mit diesem Gift

bezahlt hatte oder ob das Getränk von hier wohnenden Chinesen gekauft war,

um ein Fest zu feiern, weiß ich nicht; ich vermuthe aber das erstere. Um

zum König zu gelangen, mußten wir einen Weg von etwa drei Viertelstunden

zurücklegen, wobei wir ununterbrochen zur Rechten und Linken an Gruppen

betrunkener Männer vorbeikamen. Hier und da versuchten zwei oder drei

Weiber einen Mann wegzuschaffen; es werden wol seine Frauen gewesen sein.

Trotzdem auf diesen Inseln ein Mangel an weiblicher Bevölkerung vorhanden

ist, herrscht doch Vielweiberei. Nur die höhere Kaste darf sich den Luxus

einer oder mehrerer Frauen gestatten, die Männer der niedern Kaste gelten

als Sklaven und sind zur Ehelosigkeit verurtheilt.

Als wir etwa zwei Drittel des Weges zurückgelegt hatten, trafen wir bei

einer Frischwassercisterne, deren es viele auf der Insel gibt und welche

wahre Brutstätten der Mosquitos sind, zwei Frauen, welche hier in Flaschen

und Kokosnußschalen Wasser geholt hatten und eben den dicken Stock, in

dessen Mitte der Korb mit dem Wasser hing, auf ihre nackten Schultern

hoben. Auf unsere Frage, ob wir auf dem richtigen Weg zum König seien,

erhielten wir eine bejahende Antwort und wurden bedeutet, ihnen nur zu

folgen, da sie auch dorthin gingen. Dann gesellte sich auch noch ein

nüchterner Mann zu uns, mit dem Anerbieten, uns zu führen. Ich erwähne

die vorgenannten beiden Frauen hier, weil ich die eine näher beschreiben

muß, da sie sowol durch ihr ungewöhnliches Gesicht, wie ihren feinen

elastischen Körper jedem auffallen mußte. Da sie ferner das hintere Ende

des Stockes trug, so ging sie gerade vor mir und ich hatte auf diese Weise

genügende Zeit, sie zu beobachten. In dem feinen ovalen Gesicht, welches

sich nach dem Kinn hin in schönen Linien verjüngt, fesseln unwillkürlich

die großen mandelförmigen Augen, deren tiefschwarze Augensterne ein

mildes Feuer ausstrahlen. Die von der schönen feinen Stirn auslaufende

feine, etwas scharf gebogene Nase macht durch ihre Größe das Gesicht

interessant. Der kleine Mund mit seinen frischen schwellenden Lippen,

welche dem scharfgeschnittenen Gesicht wieder etwas außerordentlich

Kindliches gaben, sowie zwei Reihen schöner Perlenzähne passen zu dem

feinen schmalen Kinn. Einige dunkle Leberflecke von der Größe einer Linse

heben sich von den braunen Wangen scharf ab und passen so vollkommen in

dieses Gesicht 'à la' Marie-Antoinette, daß man sich dasselbe ohne sie gar

nicht denken kann. Auch das starke Haar gibt dem Kopf noch etwas Apartes,

denn dasselbe ist nicht, wie sonst hier, schlicht, sondern fällt in

scharf gekräuselten Wellen wie eine Mähne bis auf den halben Rücken herab.

Der Hals ist schlank und sitzt tadellos auf den vollen nicht zu breiten

Schultern; die übrigen Körperlinien sind von zweifelloser Schönheit, wie

auch Arme, Hände und Füße. Der ganze Körper zeigt die reizende Fülle und

Rundung der eben vollaufgeblühten Jungfrau; das reizende Geschöpf ist mit

einer aufbrechenden Knospe zu vergleichen, welche mit unwiderstehlicher

Jugendfrische dem Leben entgegenquillt. Die kleine zierliche, dicht

vor mir gehende Person trägt ihre schwere Last mit beneidenswerther

Leichtigkeit. Der elastische Oberkörper paralysirt das auf die Schultern

drückende schwere Gewicht durch schlangenartige Bewegungen, in den runden

Hüften findet man den Abschluß der über ihnen liegenden Anstrengung,

darunter schreiten die zierlichen Beine so leicht aus, als ob sie gar

nichts zu tragen hätten. Hiermit harmonirt auch das Gesicht, welches

die kleine Insulanerin jedesmal nach Zurücklegung einiger Schritte uns

zuwendet, um sich sorglos lachend nach uns umzusehen.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 34 / 56 段