besserer feuchter Erde vorbeiführte, in welcher Taro (eine Erdfrucht)
wächst, kommen wir zu einer sehr großen, ganz besonders sauber und schön
gehaltenen Hütte. Der große freie Platz, auf welchem sie steht, ist
ebenfalls mit kleinen weißen Steinen bestreut. Die Hütte selbst erhebt
sich auf einer etwa zwei Fuß hohen, aufgeschütteten Plattform. Sie stellt
das Hauptberathungshaus der ganzen Insel vor und beherbergt in ihrer
Mitte das Allerheiligste. Trotzdem dieses Gebäude eine Länge von etwa
40 m, eine Breite von 16 m hat und der Mittelkamm des Daches 13-16 m über
dem Fußboden liegt, sind die Seitenpfähle, welche das Dach tragen, doch
nicht höher als bei den gewöhnlichen kleinen Hütten, weshalb das Dach
ebenfalls fast bis zum Fußboden reicht und man auch nur hineinkriechen
kann. Wir werden aufgefordert einzutreten, und man konnte in den
Gesichtern unserer wilden Freunde, denen sich hier noch einige Dutzend
Eingeborene beiderlei Geschlechts zugesellt hatten, lesen, wie stolz
sie auf dieses Staatsgebäude sind und wie sie auf den Ausbruch unserer
Verwunderung über dieses Bauwerk warten. Natürlich treten wir ein, sowol
aus Neugierde als auch um wenigstens eine kurze Rast in einem schattigen
Raume zu halten. Das Haus ist wirklich sehenswerth und man muß staunen,
in welch sinnreicher Weise diese Naturmenschen das riesige Dach nahezu
freitragend aufgerichtet haben, denn in der Mittellinie stehen nur drei
in die Erde gerammte schwache Dachträger. Mit derselben Akuratesse, wie
bei uns freitragende Dächer (welche nicht auf Säulen ruhen, sondern durch
seitwärts geneigte Träger ihren Stützpunkt in den Seitenwänden erhalten)
durch studirte Baumeister construirt werden, haben diese Eingeborenen
ihre Dächer angeordnet. Von den Seitenwänden nach den gegenüberliegenden
Dachsparren laufende Balken, welche in ihrer ganzen Länge mit schwarzen
Figuren sorgsam und geschmackvoll verziert sind, tragen das schön
geflochtene dicke Laubdach. Von den in der Mittellinie stehenden drei
Dachträgern trägt der mittelste den Götzen, oder richtiger gesagt das
Allerheiligste. Es ist dies eine aus Holzstäben gefertigte Pyramide von
5-6 Fuß Höhe und 3-4 Fuß unterm Durchmesser, deren horizontal laufende
Verbindungsstäbe 1½-2 Fuß auseinander liegen. Die Bedeutung dieses
merkwürdigen Götzenbildes muß in der Form und Zusammensetzung liegen, da
der Schmuck, welchen es trägt, nur aus Opfergaben besteht, und zwar nur
aus Hühner- und Hahnenfedern, unter welchen schwarze Hahnenfedern die
besonders bevorzugten zu sein scheinen. Soviel ich herausbekommen konnte,
werden diese Spenden nur von solchen gegeben, welche längere Zeit von
der Heimatsinsel entfernt waren und glücklich zu derselben zurückgekehrt
sind. Wir setzen uns auf die hier sauber ausgebreiteten Matten, unsere
Freunde sich an dem andern Ende der Hütte uns gegenüber; wir betrachten
die innere Einrichtung, die Eingeborenen uns. Nach kurzer Rast lassen wir
unsern Wirthen sagen, daß wir dieses Berathungshaus außerordentlich schön
fänden, und machen uns dann, befriedigt von dem Gesehenen, wieder auf den
Rückweg. Unsere braunen Freunde wollen uns zwar noch immer weiter führen,
doch sind wir schon so weit von unsern Booten entfernt, daß mir die Sache
nicht ganz geheuer scheint und ich daher ein weiteres Vordringen nicht
zugebe, sondern unsere Herren veranlasse, mit mir zurückzukehren.
Bei den Booten wieder angelangt und damit im Bereich unsers Geldes, sprach
ich noch den Wunsch aus, einige Waffen zu erwerben, worauf bald einige
mit Haifischzähnen versehene alte Speere zur Stelle gebracht wurden. Da
nichts Besseres zur Zeit zu haben war, so entschloß ich mich diese wenig
schönen Waffen dennoch für einige Stücke Taback einzutauschen, weil
sie immerhin doch besser wie nichts sind. Da die Eingeborenen von den
Weißen bisjetzt nur Taback beziehen und noch alles andere verschmähen,
so versieht dieser hier die Stelle des Geldes. Ein Stück von etwa 15 cm
Länge und 1½ cm Dicke bildet die Einheitsmünze, nach welcher gerechnet
wird. Ich bezahlte für beide Speere zusammen acht solcher Stangen Taback
und für einen Halsschmuck, wie die Männer ihn tragen, eine Stange.
Bei den Booten entwickelte sich übrigens jetzt ein regeres Leben, denn
sobald dieselben zum Strande kamen, um uns aufzunehmen, liefen die
eingeborenen Männer ihnen in das Wasser entgegen und hingen sich wie
Kletten an dieselben an, wahrscheinlich hoffend, irgendetwas erhaschen
zu können. Zwischen den mit braunem nackten Fleisch dicht behangenen
Booten trieb ein drolliger Kerl sein wunderbares Spiel. Bis an die Hüften
im Wasser stehend tanzte er dort herum als ob sonst niemand in seiner
Nähe wäre. Mit den Beinen machte er das Wasser hoch aufspritzen, mit den
Armen gesticulirte er wild in der Luft, den Kopf aber, und in diesem die
räthselhaften Augen, hielt er unbeweglich, während die Gesichtsmuskeln das
Gesicht in die merkwürdigsten Verzerrungen versetzten. Die Augen waren
das Merkwürdigste an dem Manne. Die Lider hatten sich so weit geöffnet,
daß die Augenhöhlen in der Größe eines Zweimarkstücks rund erschienen; die
Hornhaut des Augapfels schien durchsichtig zu sein, ohne einen Hintergrund
sehen zu lassen, und in diesen scheinbar durchsichtigen Kreisen schwebten
die dunkeln Augensterne, in deren Mitte wieder die Pupillen einen Blick
in eine unergründliche Tiefe gestatteten. Es machte den Eindruck, als ob
der Kopf nur eine Ebene, d. h. das Gesicht nur eine Maske sei und man
durch die offenen Augenhöhlen und Pupillen die hinterliegende farblose
Luft sähe. Der dicht neben mir befindliche Mann war so mit seinem Tanz
beschäftigt, daß er den sonst so begehrten Taback, welchen ich ihm
als Belohnung hinhielt, gar nicht sah. Erst von andern gestoßen und
aufmerksam gemacht, kam er zu mir, nahm mit angenehm freundlichem und
ganz natürlichem Gesicht meine Gabe in Empfang, sprang aber dann wie
eine Tigerkatze aus dem Wasser nach dem Lande zu, weil andere ihm den
Taback wieder rauben wollten. Wir waren fertig mit dem Lande. Um die
Eingeborenen auf gute Art loszuwerden, warfen wir einige Hände voll Taback
auf das Land, worauf die meisten sich dorthin stürzten und in einem wüsten
Knäuel um den Besitz sich balgten; die Zurückgebliebenen, welche bei den
Booten mehr zu erhalten hofften, wurden weggewiesen und, als sie nicht
gingen, mit den Füßen weggestoßen, worauf wir dann den Rückweg durch die
hohe Brandung über das unbehagliche Riff antraten. Eine große Zahl vom
Schiffe kommender Kanus der großen Sorte (wol 20-30) sagte uns, daß wir
schon gesehen und die Eingeborenen daher schon weggeschickt waren. Um 3
Uhr nachmittags waren wir wieder an Bord und sahen dort noch, wie in der
Nähe unsers Schiffes ein großes werthvolles Kanu kenterte, aber niemand
den Versuch machte, dieses Fahrzeug zu retten, nachdem dessen Insassen
von einem andern Kanu aufgenommen worden waren. Wahrscheinlich würden
sie bei einem solchen Bergungsversuch infolge des starken Stromes so
weit weggetrieben worden sein, daß sie die heimatliche Insel vielleicht
überhaupt nicht mehr erreicht hätten, und gaben deshalb das verunglückte
Fahrzeug gleich auf. Dies erinnert mich daran, daß vor Jahresfrist ein
Boot eines deutschen Schiffes mit sechs Personen hier abends von Land
absetzte, aber das Schiff nicht erreichte und Boot wie Insassen seitdem
verschollen sind. Jedenfalls hat der starke Strom das Boot in die offene
See getrieben.
Eine Viertelstunde nach unserer Rückkehr zum Schiffe waren wir wieder
unter Segel und auf dem Wege nach Apamama. Hinter uns senken die
Kokospalmen sich allmählich unter den Horizont, vor uns steigen die
Laubkronen einer andern Insel auf und rufen uns eine ernste Warnung zu,
denn das so frühe Insichtkommen sagt uns, daß diese Insel in der Karte um
etwa 20 Seemeilen falsch niedergelegt ist. Die Nacht verhüllt auch dieses
Bild wieder, und die „Ariadne“ ist in dieser unsichern Gegend bei steifem
Winde wieder allein.
Den Entschluß, nach Apamama zu gehen, hatte ich bei meinem letzten
Aufenthalt in Sydney gefaßt. Dortige Zeitungen hatten die Nachricht
gebracht, daß der König von Apamama einen auf seiner Insel lebenden
Deutschen habe ermorden lassen, und da diese Insel in meinem
Stationsbereich liegt, so fiel mir von selbst die Aufgabe zu, die Sache
zu untersuchen bezw. zu ahnden. Es war eine eigene Sache, denn da nach
dem Gerücht der König der Hauptschuldige war, so konnte ich nicht von
ihm die Bestrafung der Schuldigen fordern, sondern mußte mich an seine
Person halten, wenn das Gerücht sich bewahrheiten sollte. Hier liegt nun
die Schwierigkeit, daß einem Schiffscommandanten selbstverständlich keine
Strafbefugnisse über Leben und Tod zustehen, wenngleich er unter Umständen
aus solcher Veranlassung einen Kampf aufnehmen muß, bei welchem vielleicht
Hunderte von Menschen ihr Leben lassen müssen. Ich hatte mich schließlich
für den Fall, daß die australische Zeitung wahr gesprochen haben sollte
und mir auf Apamama kein bewaffneter Widerstand entgegengesetzt würde,
entschlossen, den König zu fangen und ihn später in Neu-Irland, von wo
aus er den Rückweg keinenfalls finden konnte, an Land zu setzen.
So segelte ich in ernster Stimmung auf Apamama zu und ließ dort am 20.
November in der Einfahrt zur Lagune den Anker fallen. Ein als Lootse
dienender, vom König uns entgegengeschickter eingeborener Missionslehrer
erzählte gleich, daß das über die Ermordung des Deutschen in Umlauf
befindliche Gerücht falsch sei; doch erzählte er auch, daß der betreffende
Deutsche zur Zeit nicht anwesend sei, sondern sich vorübergehend auf einer
andern Insel aufhalte. Dies letztere war nun allerdings verdächtig und
mußte auch die Erinnerung, daß der noch lebende frühere König und Vater
des jetzigen vor sechs Jahren die ganze Mannschaft eines gestrandeten
englischen Schiffes hatte ermorden lassen, diesen Verdacht nur bestärken.
Der König von Apamama hat sich bisher dem Eindringen der Europäer
so entschieden widersetzt und ist ein so despotischer und absoluter
Herrscher, daß man ihm solchen Mord schon zutrauen kann. Schnelles Handeln
war jedenfalls nothwendig, und ich mußte daher auch suchen, möglichst
rasch die Wahrheit zu erfahren, welche mir nur die acht Seemeilen von
unserm Ankerplatz entfernt wohnende Frau des Deutschen (eine Samoanerin)
geben konnte. Ich richtete mich daher so ein, daß ich um 4 Uhr nach
meinem Mittagessen abfahren konnte, hoffte dann vor Dunkelwerden dort
einzutreffen und machte die weitern Dispositionen von den daselbst zu
empfangenden Nachrichten abhängig. War unser Landsmann wirklich ermordet,
dann wollte ich noch während der Nacht an Bord zurückkehren, um mit
dem ersten Tagesgrauen den geplanten Kriegszug zu unternehmen; beruhte
die ganze Sache auf Erfindung, dann wollte ich während der Nacht in dem
Hause des Deutschen bleiben und gleich am nächsten Morgen dem noch sechs
Seemeilen weiter entfernt wohnenden König meinen Besuch machen. Ich hatte
für die Fahrt auf die Dampfpinnasse als Schlepper gerechnet, sie hatte
indeß nicht genügende Dampfkraft, um uns gegen den Strom zu schleppen, und
ich mußte daher, als wir nach See hinaustrieben, die Gig vor das Dampfboot
spannen und uns mit dem kräftigen Ruderschlag meiner sechs Gigsgäste zum
Schiff zurückbringen. Ich versuchte nun, die Reise mit der Gig allein
unter Segel zu machen, doch blieben uns bei Sonnenuntergang noch sechs
Seemeilen aufzukreuzen, wozu ich vier Stunden rechnen mußte. Mondschein
hatten wir nicht, das Land war nicht zu sehen und daher die Fahrt ein
solches Wagniß, daß ich dieselbe trotz Widerstrebens für heute aufgeben
mußte und an Bord zurückkehrte.
Am 21. morgens gleich nach dem Frühstück machten wir uns wieder auf die
Reise und konnte die Dampfpinnasse, da der Strom zur Zeit schwach war,
die Gig heute schleppen. Offiziere und Mannschaften waren bewaffnet,
mit Proviant, Wasser, wollenen Decken und Kleidern so versehen, daß
wir mehrere Tage in den Booten aushalten konnten. So fuhren wir, durch
Sonnensegel gegen die Sonne geschützt, in die schöne Lagune und in
den lachenden Morgen hinein. Es war eine köstliche Fahrt. Die Boote
durchfurchen einen großen, nur leicht gekräuselten See, dessen je nach
der Tiefe abwechselnd azurblaues und smaragdgrünes Wasser von solcher
Klarheit und Durchsichtigkeit ist, daß das Auge, solange die Wassertiefe
nicht 10-14 m übersteigt, bis zum Meeresgrunde dringen und dort alles
klar erkennen kann. Das große Wasserbecken ist von einem niedrigen
schmalen Landstreifen umrahmt, der allerdings größtentheils unter
unserm Horizonte liegt und sich nur durch den weiten Kranz von Palmen,
welche für uns direct aus dem Wasser aufsteigend die Lagune begrenzen,
markirt. An denjenigen Stellen, wo die Palmen gelichtet stehen, sieht man
zwischen ihnen den Gischt der von außen an das Korallenland anprallenden
Brandung, und dieser sagt deutlich, daß der frische Passat, welcher unsere
Schläfen umfächelt, die Temperatur zu einer sehr angenehmen macht und die
geschützte Lagune nicht aufwühlen kann, mit den unendlichen Wassermassen
des Großen Oceans nach seinem Belieben spielt. Wie vortrefflich schmeckt
unter solchen Verhältnissen die Cigarre, namentlich wenn sie gut ist
und man vorher lange nichts Ordentliches mehr zu rauchen gehabt hat. Mit
heiterm und ernstem Geplauder verkürzten wir uns die Zeit und erreichten
endlich um 11 Uhr vormittags in bester Laune unser nächstes Ziel, das
Haus des Deutschen. Nach der langen Fahrt war es eine wahre Wohlthat,
die Beine wieder rühren zu können. Mit einem Sprung waren wir aus dem
Boot und nach wenigen Schritten in dem Hause, einem Mittelding zwischen
europäischem Schuppen und Eingeborenenhaus, wo die liebenswürdige Wirthin
uns mit sichtlicher Freude empfing. Unsere Wirthin ist, wie vorher schon
bemerkt, eine Samoanerin und damit ist ja eigentlich schon gesagt, daß
sie ein liebenswürdiges Geschöpf sein muß. In dem Hause ist es kühl und
vor allen Dingen tadellos sauber, der Boden ist mit reinen Matten belegt,
Bänke und Tische sind mit ebensolchen Matten oder mit Decken aus Tapa
bedeckt; bequeme Lehnstühle gestatten uns, unsere Glieder nach Herzenslust
auszustrecken und so kann ja nun das Verhör beginnen. Es bewahrheitet
sich, daß der Mann noch am Leben ist, überhaupt niemand versucht hat,
ihm ein Leid zuzufügen, und daß er wie seine Frau mit dem König und
allen Eingeborenen in guter Freundschaft leben. Der Consul und ich sehen
uns einen Augenblick an, lachen dann hell auf über das klägliche Ende
unsers Kriegszuges, ich schnalle Säbel und Revolver ab, vertausche meinen
Waffenrock mit einer weißen Jacke und lasse durch meine Bootsgäste unsern
Proviant heraufbringen, da wir gar keinen bessern Frühstücksplatz, als
ihn dieses kühle Haus uns bietet, finden können. Wir laden unsere Wirthin
ein, an unserm Frühstück theilzunehmen, erhalten aber eine abschlägige
Antwort, weil die echte Samoanerin immer erst nach den Häuptlingen speist,
wenn sie auch wie diese hier eine Königstochter ist. Wir lassen es uns gut
schmecken, sehen nachher zu, wie unsere Wirthin und mein Dolmetscher das,
was wir übriggelassen, verzehren, und berathen dann, was nunmehr am besten
zu thun ist. Unsere Wirthin theilt uns mit, daß der König sich auf einem
in der Nähe zu Anker liegenden englischen Schooner befinde und eine seiner
Töchter gerade in dem nächsten Dorfe anwesend sei, um die dortigen Frauen
und Mädchen tanzen zu lassen und sich über ihre erlangte Fertigkeit zu
informiren. Dem Vorschlage unserer Wirthin, den König ebenfalls nach dem
Dorfe kommen zu lassen und dann gleichzeitig einen großen Tanz zu sehen,
stimmen wir zu, sind aber gezwungen unsern Entschluß zu ändern, als wir
nach einer halben Stunde sehen, daß der von uns zum König geschickte Bote
eben erst anfängt, sein Kanu zur Fahrt zurecht zu machen. Um unsere Zeit
möglichst auszunutzen, machen wir uns daher selbst auf die Reise, denn
da kein Krieg hier zu machen war, wollte ich noch an demselben Abend mit
dem Schiffe die Weiterreise antreten. Nachdem ich verschiedene Geschenke,
Matten und bunte Korallen, von unserer Samoanerin angenommen und diese
ihr Haus versorgt hatte, bestiegen wir alle meine Gig, die Dampfpinnasse
spannte sich vor, und weiter ging es nach dem einige Seemeilen von uns
abliegenden Schooner, bei welchem noch des Königs Kanu lag, wie wir mit
dem Fernrohr erkennen konnten.
Die Fahrt selbst würde in ein Märchen hineinpassen. Gleich einem Schwan,
der von einem Kobold geführt die Fremdlinge auf seinem gefiederten Rücken
über den Zaubersee trägt, bringt uns die von der schwarzen, dampfspeienden
Pinnasse geschleppte, leicht über das Wasser weggleitende weiße Gig
zu dem Beherrscher dieses Feenlandes hin. Der unter der Mittagssonne
liegende spiegelglatte See wird zur Linken von dem Horizont begrenzt, zur
Rechten von einem Gürtel blendend weißen Sandes umrahmt. An diesen weißen
Rahmen schließt sich nach oben eine grüne Matte an, über welcher ein
Wald schlanker, graziöser Palmen steht, der in seinem Schatten die Hütten
der Eingeborenen birgt. Um uns herum sucht die Natur ihre prachtvollsten
Farbeneffecte zur Geltung zu bringen. Der Himmel strahlt im schönsten,
reinsten Blau, welches dadurch noch brillanter hervortritt, daß hin und
wieder kleine festgeballte Wölkchen wie Himmelskörper am Firmament stehen
und mit ihrem reinen Weiß der Himmelsfarbe erst ihren richtigen Ton geben.
Die Verbindung zwischen Himmelszelt und der Lagune würde, da diese in
der Ferne genau die Farbe des Himmels hat, unkenntlich sein, wenn nicht
der Horizont sich durch einen feinen dunklern Streifen markirte. Da, wo
wir das Wasser durchfurchen (wir halten uns auf geringeren Wassertiefen),
hat der See bereits andere Schattirungen angenommen und wetteifert hier
mit den schönsten Farben des Saphir und näher dem Lande mit denen des
Smaragd. Diese schönen matten Farben werden dann plötzlich von dem weißen
Sandgürtel unterbrochen, auf dessen anderer Seite alle Nüancen zwischen
Grau und Grün zu finden sind. Die Mittagssonne hat alles Leben in die
Hütten und in die Schatten der Bäume getrieben, wir wähnen das einzig
Lebende zu sein -- da plötzlich beginnen die Nixen ihr Spiel. Die Boote
durchschneiden die Zufluchtsstätte junger Fischbrut und die fingerlangen
jungen Fische springen heerdenweise aus dem Wasser, um sich vor dem
vermeintlichen Feind, welchen sie in den Booten wittern, zu retten.
Zu beiden Seiten von uns schnellen fortwährend in hohen Bogensätzen
diese silberschillernden Thierchen in großen Heerden bis zu vier Fuß
hoch aus dem Wasser hervor und geben das Bild eines auf- und abwogenden
Aehrenfeldes. Und kann eine Nixe wol einen schönern Acker haben, wie
solche farbenreiche krystallklare Furchen mit solchen silbernen Garben?
Der Zauber schwindet, die Wirklichkeit tritt in ihr Recht -- wir sind bei
dem Schiffe angelangt. Ich lege an und schicke unsere Samoanerin hinauf,
um den König zu rufen. Gleich darauf wälzt sich eine unförmliche Masse
in schwarzem europäischen Anzuge mit Lackstiefeln und grauem Cylinderhut
das Fallreep hinunter. Zunächst sehe ich von unten aus über mir an zwei
kurzen Beinen nur ein ganz ungeheueres Gesäß, welches den ganzen übrigen
Menschen verdeckt und für dessen enorme Fleischmassen mir kein Raum in
der Gig zu sein scheint. Doch der dicke Herr findet wirklich Platz in
dem Boote, setzt sich neben mich, zeigt ein sehr verängstigtes Gesicht
und wartet schweigend, bis auch unsere Samoanerin bei uns ist und ihn als
König von Apamama vorstellt. Der Mann ist noch jung, Anfang der Zwanziger,
hat kluge Augen, eine etwas gebogene fleischige Nase und herunterhängende
Unterlippe. Er hat kaum Mittelgröße, aber einen mächtigen Umfang; Hände
und Füße sind klein, das Haar trägt er nach europäischem Schnitt; sein
Anzug ist gut und sauber.
Die Schnelligkeit, mit welcher der Mann in das Boot gekommen war, sagt
deutlich, wie sehr er trotz seines guten Gewissens uns fürchtet; ich
mache die Sache daher kurz und lasse ihm sagen, daß ich mit der Absicht
hergekommen sei, ihn wegen der Ermordung eines Deutschen zur Rechenschaft
zu ziehen, mich aber freue zu hören, daß die betreffende Nachricht
falsch gewesen sei und ich ihn daher jetzt nur aufsuche, um ihm meinen
Besuch zu machen. Die ihm gewordene Mittheilung veränderte schnell seinen
Gesichtsausdruck, die Angst schwand und machte lachender Heiterkeit Platz,
indem er mir gleichzeitig in gebrochenem Englisch sagte, daß ich ein gutes
Kriegsschiff sei, weil ich nach meinen Landsleuten sähe. Danach ließ er
mir durch den Dolmetscher mittheilen, daß der Urheber jenes Gerüchts
ein wegen Unfug von der Insel gewiesener Samoaner sei, und ließ mich
noch bitten, denselben einzufangen und ihm zu überliefern, damit er ihn
todtschlagen lassen könne. Wir fuhren nun in meinem Boote zur nächsten
Stadt, damit der König mich in einem seiner Häuser empfangen könne.
Sein großes Segelkanu, welches in der Takelage als besonderes Abzeichen
dieselben schwarzen Hahnenfedern wie das Allerheiligste in Tapituwea
trägt, folgte uns. Nach kurzer Zeit waren wir an unserm nächsten Ziel
angelangt und wurden dort von dem in ein langes Frauengewand gekleideten
Vater[C] des Königs empfangen. Dieser führte uns in eine große Hütte,
wo wir uns auf Matten lagerten. Die Bauart der Häuser hier ist dieselbe
wie in Tapituwea, doch liegen dieselben nicht einzeln verstreut, sondern
sind in Reihen und Viertel regelmäßig aufgebaut, sodaß zwischen den
Häuserreihen sich gerade und gutgehaltene Straßen hinziehen. Man sieht
gleich, daß hier Ordnung herrscht, daß nur Ein Wille regiert, welcher die
Bewohner zur Ordnung zwingt. Die Hütten sehen durchweg ebenso ordentlich
und sauber aus wie die Menschen. Wunderbar wirkt der Contrast zwischen
der nicht weit abliegenden Insel Tapituwea und dieser Insel, dort die
schrankenloseste Anarchie, hier Gesetz und Ordnung. Die Frauen, oder doch
wenigstens die Mädchen scheinen von den Männern getrennt zu wohnen, denn
als meine Bootsgäste nach einem bestimmten Stadtviertel hingingen, wurde
ich gebeten, sie von dort wegzurufen, weil jenes Viertel die Wohnung der
Frauen sei.
[C] Der Vater des Königs ist ein Mann von etwa 45 Jahren und
hat auf die Königswürde verzichtet, sobald sein Sohn erwachsen
war. Genügender Grund für diese Abdankung war, daß die Mutter
seines Sohnes, also seine eigene Frau, edleres Blut hat wie
seine Mutter hatte.
Die Männer tragen als Kleidung eine um den Körper geschlungene steife
Matte, welche von dem Magen bis zu den Knien reicht und über den Hüften
mit einer umgelegten Schnur zusammengehalten wird. Die Frauen tragen
denselben schmalen Gürtel von schwarzem Gras, wie ihre Schwestern in
Tapituwea. Die Hautfarbe ist ein schönes Braun, zwar sehr viel dunkler
als das der Samoaner, als Farbe aber schöner, auch sieht die Haut dieser
Menschen weicher und sammetartiger aus als diejenige der hellergefärbten
Polynesier. Das glänzend schwarze, schlichte Kopfhaar wird auch, ebenso
wie in Tapituwea, von beiden Geschlechtern gleich lang getragen, nach
altdeutscher Art vorn an der Stirn kurz abgeschnitten und an den Seiten
wie hinten bis zur Schulter herabhängend, doch haben die Männer hier das
Haar vielfach noch in der Mitte gescheitelt. Schmuck wird nur von den
Männern in der Form von Halsketten getragen. Tätowirt sind vorzugsweise
die Frauen und zwar merkwürdigerweise ausschließlich auf dem Rücken.
Dieser ist von dem Hals bis zu den Hüften mit einem Muster versehen,
welches demjenigen einer mit Holznadeln gestrickten blauen Jacke
täuschend ähnelt; das Muster schneidet an beiden Seiten in einer geraden
Linie von der Achselhöhle bis zum Hüftknochen ab, sodaß genau der halbe
Oberkörper auf seiner Rückseite tätowirt ist und auf seiner Vorderseite
die natürliche Hautfarbe zeigt. Außer dieser Malerei haben die Frauen
noch auf beiden Armen einen ½ cm breiten blauen Strich eingeätzt, welcher
genau in der Mitte auf dem halben Oberarm und zwar an der Außenseite
beginnt, sich nach innen über das innere Ellenbogengelenk hinzieht und
auf der Innenseite in der Mitte des halben Unterarms abschneidet. Dieser
Strich ist beim Tanzen von großem Effect und hebt die graziösen Bewegungen
des Armes besonders hervor, weil er hierbei fortwährend seine Zeichnung
verändert und dadurch die Stellung des Armes schärfer hervortreten läßt.
Ich glaube, daß ein solcher Armstrich bei unsern Damen modern werden
würde, wenn sie den Reiz, welcher in ihm liegt, kennen würden. Zur
Vervollständigung des Vorstehenden sei noch bemerkt, daß die vornehmen
Frauen eine sehr viel hellergefärbte Haut als das niedere Volk haben,
weil sie zur Erhaltung der als schöner geschätzten hellen Hautfarbe sich
nie den Sonnenstrahlen aussetzen und am Tage eigentlich immer im Hause
bleiben.
In dem Hause des Königs fanden wir noch seine aus einem alten
Thonpfeifenstummel rauchende Mutter und seine Schwester. Die letztere
hatte eine auffallende Aehnlichkeit mit dem König und war, wenn auch
nicht ganz so stark wie er, doch eine gehörig schwere Person, deren
Fleischmassen wol nur deshalb nicht so auffielen, weil sie eben so
ziemlich unbekleidet war. Bei dieser Gelegenheit, wie auch nachher bei
dem großen Tanz, lernte ich kennen, mit welcher Geschicklichkeit die
Weiber mit dem dünnen, fast durchsichtigen Grasgürtel stets decent bedeckt
bleiben. Beim Gehen schweben die Gräser so schnell hin und her, daß sie
undurchsichtig bleiben, beim Hinsetzen werden mit großer Geschicklichkeit
die Grashalme von den Seiten weg gleichmäßig nach hinten und vorn
gestreift, sodaß die mit gekreuzten Beinen sitzenden Frauen eigentlich
nackter wie vorher, aber dennoch schicklich verhüllt sind.