ein samoanischer Missionslehrer und ein Deutscher, Agent der Handels-
und Plantagengesellschaft in Apia. Diese beiden waren unsere Leute, mit
welchen wir zunächst zu verhandeln hatten, und von ihnen hörten wir auch
gleich, daß große Aufregung auf der Insel herrsche, weil eine starke
Partei den jetzigen König in den nächsten Tagen stürzen wolle. Auch
klagte der Deutsche, welcher mit einer Vaitupu-Eingeborenen verheirathet
ist, daß ihm verwehrt würde auf einem Grundstück seiner Frau ein Haus zu
bauen, weil diese durch ihre Heirath mit einem Fremden alle Ansprüche
auf das Land verloren habe. Ferner wurde mir ein Brief eines deutschen
Schiffskapitäns übergeben, worin derselbe darüber Beschwerde führt, daß
die Eingeborenen die Desertionen von Schiffsmannschaften begünstigen und
er dadurch bei seinem letzten Aufenthalte hierselbst wieder einen Mann
seiner Besatzung verloren habe. Die am Ufer befindliche Menschenmenge
war in sichtlicher Aufregung und schien sehr besorgt zu werden, als
sie aus dem in Samoanisch geführten Gespräch hörte, wovon die Rede war.
Wir waren nun orientirt und ich sah von neuem ein, wie nöthig es ist,
zwischen diesen außer der Welt liegenden Inseln Ordnung zu schaffen, und
wie die in Funafuti abgeschlossene Uebereinkunft den Interessen der auf
diesen Inseln lebenden Deutschen entspricht. Ich kann dieses Lob ohne
Anmaßung aussprechen, weil jene Uebereinkunft nicht von mir entworfen
ist, sondern von einem Herrn, welchen ich hier ja nicht weiter zu nennen
brauche, und ich nur meinen Namen darunter zu setzen hatte. Wir gingen
demnächst zu dem Hause des in der Nähe wohnenden Königs, um ihm unsern
Besuch zu machen, wodurch allein nach Ansicht des Missionslehrers sein
Ansehen schon so weit gekräftigt wurde, daß die Umsturzpartei alle Chancen
verlor. Der König empfing uns, umgeben von seinen Räthen, in seinem
Hause, das Volk gruppirte sich um die offene Hütte, die Frauen besetzten
die zunächst gelegenen Hütten und mein kleines Mädchen kauerte sich
neben mich. Es wurde nun von uns zunächst erwähnt, daß wir zwar von den
beabsichtigten Unruhen gehört hätten, dieselben aber jetzt gegenstandslos
geworden seien, weil ich hierdurch den König als solchen anerkenne. Das
Resultat einer kurzen Berathung der Eingeborenen war, daß die anwesenden
Führer der Umsturzpartei erklärten, von jeder Gewaltthätigkeit absehen
zu wollen, weil nach meiner Anerkennung des Königs ihr Plan aussichtslos
geworden sei. Demnächst wurde dem Deutschen das Besitzrecht des seiner
Frau gehörigen Landes zugesichert und ferner feierlich versprochen, alles
aufzubieten, um in der Folge Desertionen von den Schiffen zu steuern.
Hiernach erklärte der König, daß er am nächsten Tage alle Häuptlinge
zu einer Berathung zusammenrufen wolle und daß dann von ihnen eine
Uebereinkunft unterschrieben werden würde, sobald ihnen dieselbe von mir
zugegangen sei.
Da es Zeit wurde an Bord zurückzukehren, zumal ich auch dem König erlaubt
hatte, noch das Schiff für kurze Zeit zu besuchen, so machten wir uns
auf den Weg und besichtigten dabei noch das Dorf. Die Insel Vaitupu
ist, wenngleich von Korallen aufgebaut, keine Laguneninsel, sondern wie
Tongatabu eine über Wasser gehobene, fest zusammenhängende Korallenbank
und bietet so eine größere Grundfläche, mithin den Bewohnern mehr Raum.
Diesem Umstande ist es wol zuzuschreiben, daß das Dorf einen städtischeren
Eindruck macht und man hier, abweichend von der sonst üblichen Anlage
derartiger Dörfer, breite Straßen findet, an welchen die geräumigen und
saubern Hütten in regelmäßigen Abständen aufgebaut sind. Die Frauen sind
fast alle mit langen Gewändern bekleidet, die Männer tragen europäische
Kleidung oder doch Hüfttücher aus europäischen Stoffen und das Ganze
macht den Eindruck einer gewissen Wohlhabenheit. Tätowirte Leute sieht man
nur ganz vereinzelt, hier ist aber wie auf all den nördlicher gelegenen
Inseln und auch schon in Funafuti die Sitte vorhanden, die Ohrläppchen zu
durchbohren und dann das untere Fleisch so lange nach unten zu ziehen,
bis der Lappen als großer Ring bis fast auf die Schulter herabhängt,
wenn er nicht vorher schon gerissen ist und dann nur aus zwei Zipfeln
besteht. Diese Verunzierung des Ohres hat sich jedenfalls aus der noch
nicht fernliegenden Zeit erhalten, wo die Leute noch nackt gingen und kein
Mittel hatten, kleine Gegenstände auf bequeme Art bei sich zu führen. Sie
richteten daher das Ohr als Tasche ein, indem der lange Ohrlappenring zu
einer 8 geschlungen die Pfeife oder sonst einen kleinen Gegenstand aufnahm
und der Eigenthümer seine Hände frei behielt. Daß diese Sitte, welche
wol bald verschwinden wird, jetzt noch so allgemein besteht, kann nicht
verwundern, wenn man bedenkt, daß diese Eingeborenen vor zwölf Jahren den
Gebrauch von Kleidern irgendwelcher Art noch nicht kannten.
Die Bevölkerung von Vaitupu beträgt zur Zeit 490 Seelen, eine große Zahl
für eine der Ellice-Inseln, weshalb sie auch die wichtigste für den Handel
in der Gruppe ist. Die Bewohner stammen von den Samoanern ab, sprechen
deren Sprache und gleichen ihnen in Körperbildung und Hautfarbe, haben
aber vielfach andere Sitten angenommen, welche sich äußerlich auch darin
zeigen, daß die Männer das Haar kurz, die Frauen es lang tragen und beide
Geschlechter das Färben des Haares vermeiden. Die bei Funafuti erwähnte
Hautkrankheit kommt, wenn auch nur vereinzelt, hier ebenfalls vor.
Zwischen dem Dorfe und der Landungsstelle liegt ein großer freier Platz,
in dessen Mitte sich eine große mit Korallensteinen ausgemauerte Grube
befindet, welche zum Auffangen des Regenwassers dient und die Stelle eines
öffentlichen Marktbrunnens versieht, wenn überhaupt dieser Himmelsstrich
durch Regen beglückt wird. Dies kommt nicht allzu häufig vor und die
Cisterne war auch jetzt leer und trocken. Auf demselben Platze befinden
sich auch die Kirche und die Wohnung des Missionslehrers, in welch
letztere wir nach erhaltener Aufforderung eintreten mußten, wollten
wir nicht unhöflich sein. Ein Besuch von solchen Persönlichkeiten, wie
sie der Commandant eines Schiffes und der Consul vorstellen, gilt hier
sehr viel und es ist daher begreiflich, daß die Leute sich nach solcher
Auszeichnung drängen. Für den nur wenige Minuten währenden Besuch wurde
ich übrigens dadurch belohnt, daß die Frau des Lehrers mir der Landessitte
entsprechend zwei schöne Matten und einige Fächer schenkte, welche ich
natürlich annehmen mußte. Beim Besteigen meines Bootes fand ich auch noch
weitere Geschenke von dem König vor, nämlich ein lebendes Schwein und ein
halbes Hundert frischer Kokosnüsse. Beim Passiren der Brandung hatten wir
wieder ebenso viel Glück wie auf dem Hinwege und waren nach weitern 15
Minuten, ohne naß geworden zu sein, wieder auf unserm Schiff, wo ich den
kurz nach uns eintreffenden König bewirthete. Mit Dunkelwerden schickte
ich ihn nebst Gefolge wieder an Land und trat dann die Weiterreise durch
dieses unbehagliche Inselgebiet an.
Jetzt (16. November) haben wir zwar die Ellice-Inseln hinter uns, und
vor uns bis zu der Gruppe der Kingsmill-Inseln 150 Seemeilen freies
Fahrwasser, es ist aber sehr die Frage, ob dieses freie Wasser nicht
noch schlimmer ist wie die Inselpassagen, da zwischen den Inseln doch
schon viel gefahren wurde und daher die Untiefen bekannt sind, während
die Karten in diesen noch wenig durchforschten Meeren hier außerhalb der
Inselgruppen nur große blanke Stellen aufweisen. Unser nächstes Ziel ist
Tapituwea (in der Karte Taputeouea oder Drummond-Insel genannt), wo ich
wegen der dort herrschenden anarchischen Zustände mich zwar auf keinerlei
Verhandlungen werde einlassen können, aber doch dadurch Gutes stiften
kann, daß dieser wilden und zu Gewaltthätigkeiten stets aufgelegten
Bevölkerung das Vorhandensein deutscher Kriegsschiffe vor Augen geführt
wird und dadurch die hier anlaufenden deutschen Schiffe Schutz für Leben
und Eigenthum erhalten.
20. November 1878.
Am 17. traten wir in die Gruppe der niedrigen Kingsmill- oder
Gilbert-Inseln ein, von welchen ich drei anlaufen will und zwar Tapituwea,
demnächst Apamama und Taritari.
Ich hatte gehofft, gestern Morgen schon mit Tagesanbruch Tapituwea zu
sehen und gegen 8 Uhr dort zu Anker zu sein, hier schlagen aber alle
Berechnungen fehl. Die Karten sind vielfach falsch und die Strömungen
zwischen diesen Inseln so stark und unberechenbar, daß man sich während
der Nacht nicht zu nahe an die Stelle heranwagen darf, wo das Land liegen
soll, weil man sonst durch Auflaufen auf die weitausgedehnten Riffe leicht
sehr viel früher als man erwartet unangenehme Bekanntschaft mit diesen
Inseln, welche gestrandete Schiffe von ihren Riffen nicht mehr freigeben,
machen kann. Anstatt uns Tapituwea zu zeigen, brachte die aufsteigende
Sonne nur steifen Wind mit dickem Wetter. Erst gegen 10 Uhr sichteten wir
das Land -- so weit hatte der Strom das Schiff versetzt -- und kurz vor
12 Uhr ankerten wir vor Uturoa, der Hauptstadt der Insel. Da hier weiter
nichts zu thun war, als die Flagge zu zeigen, hatte ich den Besuch nur
auf wenige Stunden angesetzt.
Tapituwea ist von langgestreckter Form ohne Lagune, ziemlich groß und
sehr stark bevölkert. Wenn der Rücken des bewohnbaren Landes auch nur
schmal ist, so beträgt die Länge desselben doch 30 Seemeilen, und dieser
lange schmale Landstreifen ernährt nach zuverlässiger Schätzung über
6000 Menschen. Allerdings werden die Nahrungsmittel, welche hauptsächlich
in Kokosnüssen bestehen, häufig und namentlich bei anhaltender Dürre so
knapp, daß die Leute dann zum Theil versuchen müssen, auf andere Inseln
zu gelangen, um nicht zu verhungern. Dies ist dann die günstige Zeit
für die Anwerbung von Arbeitern für die Plantagen auf den Samoa-Inseln,
weil sich zu dieser Zeit ganze Familien, ja ganze Verwandtschaften und
namentlich solche, welche auf den deutschen Plantagen in Samoa schon
waren, zum Schiffe drängen, um sich gegen leichte Arbeit satt essen zu
können und noch geringen Lohn obendrein zu erhalten. Auch nur aus diesem
Grunde hat die Insel Bedeutung für die deutschen Interessen, weil sie als
Handelsobject nicht in Betracht kommt, da sie alles, was sie producirt,
zur Ernährung der eigenen starken Bevölkerung gebraucht. Trotzdem nun
die Eingeborenen von Tapituwea die anlaufenden Schiffe eigentlich immer
als die Erretter aus bitterer Noth ansehen müssen, zeigen sie sich doch
häufig so feindlich, daß die Fremden stets bereit sein müssen, für ihr
Leben einzustehen. Diese Eingeborenen sind ganz wilde Gesellen, welche
keinerlei Oberhaupt anerkennen und im ausgeprägtesten Communismus leben.
Alles Eigenthum auf der Insel ist Gemeingut, jeder Streit wird von den
Betheiligten sofort mit der Waffe ausgefochten, und daß solche Kämpfe
häufig vorkommen, zeigen die vielen Narben auf den nackten Körpern dieser
Leute. Dieselben werden ihren Ursprung zwar größtentheils den häufigen
Trinkgelagen zu verdanken haben, bei welchen die ihrer Sinne nicht mehr
mächtigen Männer wol mit ihren Haifischzahnwaffen wüst um sich schlagen
und jeden verwunden, der in den Bereich der gefährlichen Waffe kommt.
Anders kann ich es mir nicht erklären, daß so viele Weiber und kleine
Kinder die Spuren solcher Wunden auf ihren Körpern tragen; ja, ich habe
bei einem kleinen Kinde, das noch getragen wurde, eine solche Narbe
von 10 cm Länge und 3 cm Breite über den Rücken und die Seite hinlaufen
gesehen. Ich denke mir, daß die Weiber häufig versuchen, ihre tobenden
Männer von dem Gelage wegzuholen, und daß dabei dann zuweilen sie selbst,
wie die von ihnen auf der Hüfte getragenen kleinen Kinder Wunden erhalten,
welche ihnen nicht zugedacht waren. Das Getränk bereiten diese Leute
sich selbst aus dem Saft der Kokospalme, ebenso wie die Marquesaner es
thun. Da nun die Eingeborenen ebenso leicht wie gegen sich selbst zu
Gewaltthätigkeiten gegen Fremde neigen, sah ich mich veranlaßt, diese
Insel anzulaufen, weil häufig deutsche Schiffe hierher kommen, um Arbeiter
nach Ablauf ihres Contracts von Samoa zurückzubringen und neue anzuwerben.
Bei solchen Gelegenheiten soll es immer bunt hergehen, weil dann stets
solche Massen von Eingeborenen zum Schiffe kommen, daß sie leicht die
kleine Mannschaft überwältigen und ermorden könnten, um sich des Schiffes
zu bemächtigen. Es ist daher bei solchen Gelegenheiten geboten, nicht zu
viel auf einmal auf das Schiff zu lassen, und dies wird dadurch erreicht,
daß die Mannschaft des Schiffes die Kanus mit geladenen Feuerwaffen
in respectvoller Entfernung hält. Das Weggehen von ihrer heimatlichen
Scholle wird diesen Menschen leicht, weil sie nichts besitzen. Wie sie
gehen und stehen, kommen ganze Familien, Mann, Frau und Kinder, und
häufig noch Aeltern und Verwandte auf das Schiff, um den Contract durch
ihr Handzeichen zu vollziehen und dann auf mehrere Jahre in die Fremde
zu gehen. Der Contract lautet gewöhnlich auf drei Jahre; Männer, Frauen
und größere Kinder erhalten gleichen Lohn, Kinder unter sieben Jahren die
Hälfte, und alle freie Rückfahrt nach Ablauf der contractlichen Zeit.
Gleich nach dem Ankern fuhr ich mit dem Consul an Land, um die kurze
Zeit möglichst auszunutzen; ein Boot mit beurlaubten Offizieren folgte.
Die weit vom Ufer abliegenden großen Korallenbänke, auf welchen die
hochgehende See bricht, zwingen zu großer Vorsicht, weil ein Aufstoßen
auf einen der vielen Korallenblöcke gleichbedeutend mit dem Verlust des
Bootes ist, da dieses sofort zertrümmert werden würde. Hat man diese
Bänke aber erst passirt, dann findet man wieder tiefes und von den Riffen
geschütztes, ruhiges Wasser bis zum Strande hin. Obgleich unter den Bäumen
Hütte neben Hütte liegt und am Morgen in noch weiter Ferne ungezählte
Rauchsäulen uns gesagt hatten, daß all diese Hütten bewohnt sein müssen,
zeigen sich bei unserer Annäherung doch nur wenig Leute, welche zum
Strande herunter kommen, sobald wir landen. Die Hütten sind fast sämmtlich
leer. Die uns begleitende Schar wächst zwar im Laufe der Zeit bis zu
etwa 40 Personen an, doch wo sind die andern? Entweder rotten sie sich zu
einem Angriff, resp. zur Gegenwehr zusammen oder sie haben nur die Flucht
ergriffen. Ich glaube das letztere, denn ein Kriegsschiff ist für diese
Wilden, welche häufig ein böses Gewissen haben, ein sehr unbehagliches
Ding.
Wir steigen an Land und die mit scharfer Munition versehenen Boote werden
in tiefem Wasser verankert, damit während unserer Abwesenheit zwischen
den Bootsmannschaften und den Eingeborenen kein Streit entstehen kann. Wir
selbst (sieben Personen) sind mit Säbel und geladenem Revolver bewaffnet.
Die uns am Strande empfangenden Menschen sind nur Männer und Jungen,
alle vollständig nackt, da man den aus Glasperlen und Muschelstücken
bestehenden Halsschmuck wol nicht als Kleidungsstück gelten lassen
kann; etwas weiter ab und in nächster Nähe ihrer Hütten stehen einige
Weiber. Diese tragen nur einen schmalen, etwa 20 cm breiten Gürtel aus
Blättern oder Gräsern, welcher in besonders charakteristischer Weise
umgebunden wird. Männer und Weiber sind schöne Menschen von dunkelbrauner
Hautfarbe, und die Männer zeichnen sich namentlich vor denjenigen
Polynesiern, welche ich gesehen habe, dadurch aus, daß ihr Gesichtstypus
nicht so gleichartig ist, sondern daß man mehr charakteristische Köpfe
mit vorzugsweise schmalen Nasen sieht. Diese Gesichter sind allerdings
nicht so ansprechend, wie die geistig durchgebildetern der Polynesier,
denn in den Zügen dieser Mikronesier kann man deutlich lesen, wie die
Leidenschaften des Urmenschen hier noch ungezügelt arbeiten und dadurch
dem oft wirklich schönen Gesichtsschnitt das abgeht, was die Züge des
veredelten Menschen wirklich schön macht. Die Körperformen sind fast
durchgehends tadellos, die Männer groß und schlank, die Weiber mittelgroß
mit zierlichen eleganten Formen. Die glänzend schwarzen, schlichten Haare
werden von beiden Geschlechtern gleich getragen; vorn auf der halben
Stirn kurz abgeschnitten, an den Seiten und hinten bis auf die Schulter
herabhängend; das Haar wird nicht gefärbt, sondern nur mit Kokosnußöl
eingerieben.
Die Kokosnuß ist hier überhaupt alles, wie sie es ja auch auf allen
niedrigen Inseln der Südsee ist. Die junge grüne Nuß gibt mit ihrer Milch
das einzige Getränk, da Wasser fehlt; der weiche Kern der halbreifen
und der harte Kern der alten Nuß gibt die Nahrung; das aus dem Kern
gepreßte Oel wird als Hautsalbe, Haaröl und als Leuchtstoff benutzt,
da die primitiven Lampen auch mit diesem Oel gespeist werden; die
innere harte Schale der alten Nuß gibt Trink- und sonstige Gefäße, wie
z. B. die Becken für die Lampen; die äußere Faserschale gibt den Stoff
zur Anfertigung von Bindfaden, aus welchem wieder Kriegsrüstungen und
vielerlei andere Gegenstände geflochten werden, so auch den Docht für die
Lampe. Vorzugsweise findet der so gewonnene Bindfaden bei Herstellung der
nachfolgenden Gegenstände Verwendung. Die einzelnen Pfähle und Dachsparren
des Hüttengerüstes werden zusammengebunden und auf dieselbe Art wird auch
das Laubdach auf dem Gerüst befestigt. Die schönen, scharfen und sehr
tiefgehenden Kanus, mit welchen die Eingeborenen große Reisen über See
machen, können, weil hier die dazu erforderlichen dickstämmigen Bäume
fehlen, nicht aus großen Stücken zusammengesetzt werden, sondern müssen
nach unserer Art aus schmalen Planken über Spanten gebaut werden, und
da den Leuten Nägel fehlen, müssen sie die einzelnen Planken mühsam mit
Bindfaden aneinander nähen. Die Takelagen der großen Segelkanus sind
ebenfalls aus diesem Bindfaden gefertigt, und derselbe wird auch als
Angelschnur benutzt. Das schwere harte Holz des Stammes der Kokospalme
gibt Brennholz, das Material für die Kriegsspeere und theilweise auch
für die Hauptpfähle der Hütten. Die Blätter werden zu Körben, Dächern
und Matten zusammengeflochten. Der dem jungen Stamm entquellende Saft,
wenn die Blattkeime oben abgeschnitten worden sind, gibt Branntwein, doch
stirbt ein so mishandeltes Bäumchen dann ab.
Dies zeigt in kurzen Umrissen, daß ohne die Kokospalme auf diesen Inseln
das Leben für Menschen nahezu unmöglich wäre. Wie dieses Leben, welches
sich neben Fischen und Schalthieren nur auf die Kokosnuß stützt, für die
Menschen sich gestaltet, mag jeder sich selbst ausmalen.
Ich lasse durch den von Apia mitgebrachten Dolmetscher unsere Absicht
kundgeben, das Dorf zu besehen, worauf der ganze Trupp sich in Bewegung
setzt, um uns zu führen und zu begleiten. Die Leute betragen sich
anständig, wie das einem so großen Kriegsschiffe gegenüber nicht anders zu
erwarten ist, sind sehr gefällig im Wegräumen von in den Wegen liegenden
Hindernissen und im Durchbrechen einiger Zäune, um uns bei der großen
Hitze unnöthige Umwege zu ersparen. Bei alledem sieht man aber doch an
ihren schnellen und jähen Bewegungen, an der Art zu sprechen, zu lachen
und zu beobachten, daß viel Tigernaturell in ihrem Blute liegt und es wol
nicht gerathen ist, wehrlos in ihre Hände zu fallen.
Der schmale, wohlgehaltene Pfad führt von Ansiedelung zu Ansiedelung,
denn von einem Dorf oder einer Stadt kann man nicht sprechen, da das
ganze Land an der Leeseite der Insel mit Hütten, bezw. Ansiedelungen,
übersäet ist. Der die Insel der Länge nach durchschneidende Pfad liegt
etwa in der Mitte des schmalen Landstreifens; an der Luvseite des Pfades
stehen nur Kokosnußbäume, während die Niederlassungen sämmtlich an der
Leeseite liegen. Ich spreche hier von Ansiedelungen, weil immer innerhalb
eines aus Aesten und Reisern hergestellten Zaunes mehrere Hütten liegen,
welche jedenfalls zusammengehören. Ich habe mich leider nicht danach
erkundigt, ob solch eine Hüttengruppe eine bestimmte Gemeinschaft bildet
oder innerhalb der Grenzen eines jeden Zaunes eine zusammengehörige
Familie wohnt; nach der geringen Zahl der jeweiligen Hütten möchte ich das
letztere annehmen. Auffallend ist die Sauberkeit und Ordnung, welche hier
herrscht und leicht zu der Annahme verleiten kann, daß in diesem Theil der
Erde die Menschen um so reinlicher werden, je tiefer sie stehen, denn es
ist z. B. kein Zweifel, daß die Leute auf Funafuti schon seit 10-12 Jahren
einen ununterbrochenen Verkehr mit Europäern unterhalten, während diese
nur sehr selten hierher kommen und dann auch immer auf ihren Schiffen
bleiben.
Zunächst am Strande stehen die zur Aufnahme der Kanus bestimmten
Hütten, welche ebenso sorgfältig gebaut und sauber gehalten sind wie die
Wohnungen der Menschen und nur darin von den Wohnhäusern abweichen, daß
die Stirnwände offen sind, um die Fahrzeuge leicht ein- und ausbringen
zu können. Jedes Kanu, ob groß oder klein, hat sein eigenes Haus. Weiter
zurück unter Bäumen, welche hier allerdings gelichtet stehen, liegen die
vorher genannten Ansiedelungen. Die Hütten selbst, wenngleich vielfach
von verschiedener Größe, sind in ihrer Bauart ganz gleich. Auf kurzen,
zwei Fuß hohen Pfählen oder blendend weißen Korallensteinen liegen die
Hauptbalken und Träger für die Dachsparren, welche ihre obere Stütze
auf einem durch die Mittellinie der Hütte laufenden Kammbalken finden,
der auf 10-15 Fuß hohen Pfählen ruht; auf die Sparren ist so viel Laub
geschichtet, bis das Dach sicher gegen Regen geworden ist. Die Hütte ist
an allen vier Seiten geschlossen, und das Dach reicht so weit über den
eigentlichen Wohnraum hinaus, daß schräg einfallender Regen bis zu diesem
nicht vordringen kann, wodurch die Seitenwände überflüssig werden und auch
fehlen. Das Eintreten in die Hütte wird durch diese Bauart allerdings
etwas unbequem, weil man sich fast auf den Bauch legen muß, um zwischen
Unterrand des Daches und dem Fußboden hindurchzukommen. Der Grundriß der
Hütte ist ein längliches Viereck, bei welchem die Länge etwa doppelt so
groß ist wie die Breite, das Dach fällt nach allen vier Seiten schräg
ab. Der zwischen den einzelnen Hütten einer Ansiedelung liegende Raum ist
sorgfältig mit kleinen weißen Korallensteinen bestreut, zwischen welchen
kein Gras, kein Unkraut zu finden ist, sodaß diese Stellen den Eindruck
sorgfältig gepflegter Straßen und Plätze machen und dadurch den saubern
Eindruck der Wohnungen noch mehr heben. Die Hütten sind zur Zeit fast alle
leer, nur hin und wieder sitzt in einer derselben ein alter Mann oder eine
Frau mit einem kleinen Kinde.