Eine große Menschenmenge stand am Ufer, um uns ankommen zu sehen, darunter

ein samoanischer Missionslehrer und ein Deutscher, Agent der Handels-

und Plantagengesellschaft in Apia. Diese beiden waren unsere Leute, mit

welchen wir zunächst zu verhandeln hatten, und von ihnen hörten wir auch

gleich, daß große Aufregung auf der Insel herrsche, weil eine starke

Partei den jetzigen König in den nächsten Tagen stürzen wolle. Auch

klagte der Deutsche, welcher mit einer Vaitupu-Eingeborenen verheirathet

ist, daß ihm verwehrt würde auf einem Grundstück seiner Frau ein Haus zu

bauen, weil diese durch ihre Heirath mit einem Fremden alle Ansprüche

auf das Land verloren habe. Ferner wurde mir ein Brief eines deutschen

Schiffskapitäns übergeben, worin derselbe darüber Beschwerde führt, daß

die Eingeborenen die Desertionen von Schiffsmannschaften begünstigen und

er dadurch bei seinem letzten Aufenthalte hierselbst wieder einen Mann

seiner Besatzung verloren habe. Die am Ufer befindliche Menschenmenge

war in sichtlicher Aufregung und schien sehr besorgt zu werden, als

sie aus dem in Samoanisch geführten Gespräch hörte, wovon die Rede war.

Wir waren nun orientirt und ich sah von neuem ein, wie nöthig es ist,

zwischen diesen außer der Welt liegenden Inseln Ordnung zu schaffen, und

wie die in Funafuti abgeschlossene Uebereinkunft den Interessen der auf

diesen Inseln lebenden Deutschen entspricht. Ich kann dieses Lob ohne

Anmaßung aussprechen, weil jene Uebereinkunft nicht von mir entworfen

ist, sondern von einem Herrn, welchen ich hier ja nicht weiter zu nennen

brauche, und ich nur meinen Namen darunter zu setzen hatte. Wir gingen

demnächst zu dem Hause des in der Nähe wohnenden Königs, um ihm unsern

Besuch zu machen, wodurch allein nach Ansicht des Missionslehrers sein

Ansehen schon so weit gekräftigt wurde, daß die Umsturzpartei alle Chancen

verlor. Der König empfing uns, umgeben von seinen Räthen, in seinem

Hause, das Volk gruppirte sich um die offene Hütte, die Frauen besetzten

die zunächst gelegenen Hütten und mein kleines Mädchen kauerte sich

neben mich. Es wurde nun von uns zunächst erwähnt, daß wir zwar von den

beabsichtigten Unruhen gehört hätten, dieselben aber jetzt gegenstandslos

geworden seien, weil ich hierdurch den König als solchen anerkenne. Das

Resultat einer kurzen Berathung der Eingeborenen war, daß die anwesenden

Führer der Umsturzpartei erklärten, von jeder Gewaltthätigkeit absehen

zu wollen, weil nach meiner Anerkennung des Königs ihr Plan aussichtslos

geworden sei. Demnächst wurde dem Deutschen das Besitzrecht des seiner

Frau gehörigen Landes zugesichert und ferner feierlich versprochen, alles

aufzubieten, um in der Folge Desertionen von den Schiffen zu steuern.

Hiernach erklärte der König, daß er am nächsten Tage alle Häuptlinge

zu einer Berathung zusammenrufen wolle und daß dann von ihnen eine

Uebereinkunft unterschrieben werden würde, sobald ihnen dieselbe von mir

zugegangen sei.

Da es Zeit wurde an Bord zurückzukehren, zumal ich auch dem König erlaubt

hatte, noch das Schiff für kurze Zeit zu besuchen, so machten wir uns

auf den Weg und besichtigten dabei noch das Dorf. Die Insel Vaitupu

ist, wenngleich von Korallen aufgebaut, keine Laguneninsel, sondern wie

Tongatabu eine über Wasser gehobene, fest zusammenhängende Korallenbank

und bietet so eine größere Grundfläche, mithin den Bewohnern mehr Raum.

Diesem Umstande ist es wol zuzuschreiben, daß das Dorf einen städtischeren

Eindruck macht und man hier, abweichend von der sonst üblichen Anlage

derartiger Dörfer, breite Straßen findet, an welchen die geräumigen und

saubern Hütten in regelmäßigen Abständen aufgebaut sind. Die Frauen sind

fast alle mit langen Gewändern bekleidet, die Männer tragen europäische

Kleidung oder doch Hüfttücher aus europäischen Stoffen und das Ganze

macht den Eindruck einer gewissen Wohlhabenheit. Tätowirte Leute sieht man

nur ganz vereinzelt, hier ist aber wie auf all den nördlicher gelegenen

Inseln und auch schon in Funafuti die Sitte vorhanden, die Ohrläppchen zu

durchbohren und dann das untere Fleisch so lange nach unten zu ziehen,

bis der Lappen als großer Ring bis fast auf die Schulter herabhängt,

wenn er nicht vorher schon gerissen ist und dann nur aus zwei Zipfeln

besteht. Diese Verunzierung des Ohres hat sich jedenfalls aus der noch

nicht fernliegenden Zeit erhalten, wo die Leute noch nackt gingen und kein

Mittel hatten, kleine Gegenstände auf bequeme Art bei sich zu führen. Sie

richteten daher das Ohr als Tasche ein, indem der lange Ohrlappenring zu

einer 8 geschlungen die Pfeife oder sonst einen kleinen Gegenstand aufnahm

und der Eigenthümer seine Hände frei behielt. Daß diese Sitte, welche

wol bald verschwinden wird, jetzt noch so allgemein besteht, kann nicht

verwundern, wenn man bedenkt, daß diese Eingeborenen vor zwölf Jahren den

Gebrauch von Kleidern irgendwelcher Art noch nicht kannten.

Die Bevölkerung von Vaitupu beträgt zur Zeit 490 Seelen, eine große Zahl

für eine der Ellice-Inseln, weshalb sie auch die wichtigste für den Handel

in der Gruppe ist. Die Bewohner stammen von den Samoanern ab, sprechen

deren Sprache und gleichen ihnen in Körperbildung und Hautfarbe, haben

aber vielfach andere Sitten angenommen, welche sich äußerlich auch darin

zeigen, daß die Männer das Haar kurz, die Frauen es lang tragen und beide

Geschlechter das Färben des Haares vermeiden. Die bei Funafuti erwähnte

Hautkrankheit kommt, wenn auch nur vereinzelt, hier ebenfalls vor.

Zwischen dem Dorfe und der Landungsstelle liegt ein großer freier Platz,

in dessen Mitte sich eine große mit Korallensteinen ausgemauerte Grube

befindet, welche zum Auffangen des Regenwassers dient und die Stelle eines

öffentlichen Marktbrunnens versieht, wenn überhaupt dieser Himmelsstrich

durch Regen beglückt wird. Dies kommt nicht allzu häufig vor und die

Cisterne war auch jetzt leer und trocken. Auf demselben Platze befinden

sich auch die Kirche und die Wohnung des Missionslehrers, in welch

letztere wir nach erhaltener Aufforderung eintreten mußten, wollten

wir nicht unhöflich sein. Ein Besuch von solchen Persönlichkeiten, wie

sie der Commandant eines Schiffes und der Consul vorstellen, gilt hier

sehr viel und es ist daher begreiflich, daß die Leute sich nach solcher

Auszeichnung drängen. Für den nur wenige Minuten währenden Besuch wurde

ich übrigens dadurch belohnt, daß die Frau des Lehrers mir der Landessitte

entsprechend zwei schöne Matten und einige Fächer schenkte, welche ich

natürlich annehmen mußte. Beim Besteigen meines Bootes fand ich auch noch

weitere Geschenke von dem König vor, nämlich ein lebendes Schwein und ein

halbes Hundert frischer Kokosnüsse. Beim Passiren der Brandung hatten wir

wieder ebenso viel Glück wie auf dem Hinwege und waren nach weitern 15

Minuten, ohne naß geworden zu sein, wieder auf unserm Schiff, wo ich den

kurz nach uns eintreffenden König bewirthete. Mit Dunkelwerden schickte

ich ihn nebst Gefolge wieder an Land und trat dann die Weiterreise durch

dieses unbehagliche Inselgebiet an.

Jetzt (16. November) haben wir zwar die Ellice-Inseln hinter uns, und

vor uns bis zu der Gruppe der Kingsmill-Inseln 150 Seemeilen freies

Fahrwasser, es ist aber sehr die Frage, ob dieses freie Wasser nicht

noch schlimmer ist wie die Inselpassagen, da zwischen den Inseln doch

schon viel gefahren wurde und daher die Untiefen bekannt sind, während

die Karten in diesen noch wenig durchforschten Meeren hier außerhalb der

Inselgruppen nur große blanke Stellen aufweisen. Unser nächstes Ziel ist

Tapituwea (in der Karte Taputeouea oder Drummond-Insel genannt), wo ich

wegen der dort herrschenden anarchischen Zustände mich zwar auf keinerlei

Verhandlungen werde einlassen können, aber doch dadurch Gutes stiften

kann, daß dieser wilden und zu Gewaltthätigkeiten stets aufgelegten

Bevölkerung das Vorhandensein deutscher Kriegsschiffe vor Augen geführt

wird und dadurch die hier anlaufenden deutschen Schiffe Schutz für Leben

und Eigenthum erhalten.

20. November 1878.

Am 17. traten wir in die Gruppe der niedrigen Kingsmill- oder

Gilbert-Inseln ein, von welchen ich drei anlaufen will und zwar Tapituwea,

demnächst Apamama und Taritari.

Ich hatte gehofft, gestern Morgen schon mit Tagesanbruch Tapituwea zu

sehen und gegen 8 Uhr dort zu Anker zu sein, hier schlagen aber alle

Berechnungen fehl. Die Karten sind vielfach falsch und die Strömungen

zwischen diesen Inseln so stark und unberechenbar, daß man sich während

der Nacht nicht zu nahe an die Stelle heranwagen darf, wo das Land liegen

soll, weil man sonst durch Auflaufen auf die weitausgedehnten Riffe leicht

sehr viel früher als man erwartet unangenehme Bekanntschaft mit diesen

Inseln, welche gestrandete Schiffe von ihren Riffen nicht mehr freigeben,

machen kann. Anstatt uns Tapituwea zu zeigen, brachte die aufsteigende

Sonne nur steifen Wind mit dickem Wetter. Erst gegen 10 Uhr sichteten wir

das Land -- so weit hatte der Strom das Schiff versetzt -- und kurz vor

12 Uhr ankerten wir vor Uturoa, der Hauptstadt der Insel. Da hier weiter

nichts zu thun war, als die Flagge zu zeigen, hatte ich den Besuch nur

auf wenige Stunden angesetzt.

Tapituwea ist von langgestreckter Form ohne Lagune, ziemlich groß und

sehr stark bevölkert. Wenn der Rücken des bewohnbaren Landes auch nur

schmal ist, so beträgt die Länge desselben doch 30 Seemeilen, und dieser

lange schmale Landstreifen ernährt nach zuverlässiger Schätzung über

6000 Menschen. Allerdings werden die Nahrungsmittel, welche hauptsächlich

in Kokosnüssen bestehen, häufig und namentlich bei anhaltender Dürre so

knapp, daß die Leute dann zum Theil versuchen müssen, auf andere Inseln

zu gelangen, um nicht zu verhungern. Dies ist dann die günstige Zeit

für die Anwerbung von Arbeitern für die Plantagen auf den Samoa-Inseln,

weil sich zu dieser Zeit ganze Familien, ja ganze Verwandtschaften und

namentlich solche, welche auf den deutschen Plantagen in Samoa schon

waren, zum Schiffe drängen, um sich gegen leichte Arbeit satt essen zu

können und noch geringen Lohn obendrein zu erhalten. Auch nur aus diesem

Grunde hat die Insel Bedeutung für die deutschen Interessen, weil sie als

Handelsobject nicht in Betracht kommt, da sie alles, was sie producirt,

zur Ernährung der eigenen starken Bevölkerung gebraucht. Trotzdem nun

die Eingeborenen von Tapituwea die anlaufenden Schiffe eigentlich immer

als die Erretter aus bitterer Noth ansehen müssen, zeigen sie sich doch

häufig so feindlich, daß die Fremden stets bereit sein müssen, für ihr

Leben einzustehen. Diese Eingeborenen sind ganz wilde Gesellen, welche

keinerlei Oberhaupt anerkennen und im ausgeprägtesten Communismus leben.

Alles Eigenthum auf der Insel ist Gemeingut, jeder Streit wird von den

Betheiligten sofort mit der Waffe ausgefochten, und daß solche Kämpfe

häufig vorkommen, zeigen die vielen Narben auf den nackten Körpern dieser

Leute. Dieselben werden ihren Ursprung zwar größtentheils den häufigen

Trinkgelagen zu verdanken haben, bei welchen die ihrer Sinne nicht mehr

mächtigen Männer wol mit ihren Haifischzahnwaffen wüst um sich schlagen

und jeden verwunden, der in den Bereich der gefährlichen Waffe kommt.

Anders kann ich es mir nicht erklären, daß so viele Weiber und kleine

Kinder die Spuren solcher Wunden auf ihren Körpern tragen; ja, ich habe

bei einem kleinen Kinde, das noch getragen wurde, eine solche Narbe

von 10 cm Länge und 3 cm Breite über den Rücken und die Seite hinlaufen

gesehen. Ich denke mir, daß die Weiber häufig versuchen, ihre tobenden

Männer von dem Gelage wegzuholen, und daß dabei dann zuweilen sie selbst,

wie die von ihnen auf der Hüfte getragenen kleinen Kinder Wunden erhalten,

welche ihnen nicht zugedacht waren. Das Getränk bereiten diese Leute

sich selbst aus dem Saft der Kokospalme, ebenso wie die Marquesaner es

thun. Da nun die Eingeborenen ebenso leicht wie gegen sich selbst zu

Gewaltthätigkeiten gegen Fremde neigen, sah ich mich veranlaßt, diese

Insel anzulaufen, weil häufig deutsche Schiffe hierher kommen, um Arbeiter

nach Ablauf ihres Contracts von Samoa zurückzubringen und neue anzuwerben.

Bei solchen Gelegenheiten soll es immer bunt hergehen, weil dann stets

solche Massen von Eingeborenen zum Schiffe kommen, daß sie leicht die

kleine Mannschaft überwältigen und ermorden könnten, um sich des Schiffes

zu bemächtigen. Es ist daher bei solchen Gelegenheiten geboten, nicht zu

viel auf einmal auf das Schiff zu lassen, und dies wird dadurch erreicht,

daß die Mannschaft des Schiffes die Kanus mit geladenen Feuerwaffen

in respectvoller Entfernung hält. Das Weggehen von ihrer heimatlichen

Scholle wird diesen Menschen leicht, weil sie nichts besitzen. Wie sie

gehen und stehen, kommen ganze Familien, Mann, Frau und Kinder, und

häufig noch Aeltern und Verwandte auf das Schiff, um den Contract durch

ihr Handzeichen zu vollziehen und dann auf mehrere Jahre in die Fremde

zu gehen. Der Contract lautet gewöhnlich auf drei Jahre; Männer, Frauen

und größere Kinder erhalten gleichen Lohn, Kinder unter sieben Jahren die

Hälfte, und alle freie Rückfahrt nach Ablauf der contractlichen Zeit.

Gleich nach dem Ankern fuhr ich mit dem Consul an Land, um die kurze

Zeit möglichst auszunutzen; ein Boot mit beurlaubten Offizieren folgte.

Die weit vom Ufer abliegenden großen Korallenbänke, auf welchen die

hochgehende See bricht, zwingen zu großer Vorsicht, weil ein Aufstoßen

auf einen der vielen Korallenblöcke gleichbedeutend mit dem Verlust des

Bootes ist, da dieses sofort zertrümmert werden würde. Hat man diese

Bänke aber erst passirt, dann findet man wieder tiefes und von den Riffen

geschütztes, ruhiges Wasser bis zum Strande hin. Obgleich unter den Bäumen

Hütte neben Hütte liegt und am Morgen in noch weiter Ferne ungezählte

Rauchsäulen uns gesagt hatten, daß all diese Hütten bewohnt sein müssen,

zeigen sich bei unserer Annäherung doch nur wenig Leute, welche zum

Strande herunter kommen, sobald wir landen. Die Hütten sind fast sämmtlich

leer. Die uns begleitende Schar wächst zwar im Laufe der Zeit bis zu

etwa 40 Personen an, doch wo sind die andern? Entweder rotten sie sich zu

einem Angriff, resp. zur Gegenwehr zusammen oder sie haben nur die Flucht

ergriffen. Ich glaube das letztere, denn ein Kriegsschiff ist für diese

Wilden, welche häufig ein böses Gewissen haben, ein sehr unbehagliches

Ding.

Wir steigen an Land und die mit scharfer Munition versehenen Boote werden

in tiefem Wasser verankert, damit während unserer Abwesenheit zwischen

den Bootsmannschaften und den Eingeborenen kein Streit entstehen kann. Wir

selbst (sieben Personen) sind mit Säbel und geladenem Revolver bewaffnet.

Die uns am Strande empfangenden Menschen sind nur Männer und Jungen,

alle vollständig nackt, da man den aus Glasperlen und Muschelstücken

bestehenden Halsschmuck wol nicht als Kleidungsstück gelten lassen

kann; etwas weiter ab und in nächster Nähe ihrer Hütten stehen einige

Weiber. Diese tragen nur einen schmalen, etwa 20 cm breiten Gürtel aus

Blättern oder Gräsern, welcher in besonders charakteristischer Weise

umgebunden wird. Männer und Weiber sind schöne Menschen von dunkelbrauner

Hautfarbe, und die Männer zeichnen sich namentlich vor denjenigen

Polynesiern, welche ich gesehen habe, dadurch aus, daß ihr Gesichtstypus

nicht so gleichartig ist, sondern daß man mehr charakteristische Köpfe

mit vorzugsweise schmalen Nasen sieht. Diese Gesichter sind allerdings

nicht so ansprechend, wie die geistig durchgebildetern der Polynesier,

denn in den Zügen dieser Mikronesier kann man deutlich lesen, wie die

Leidenschaften des Urmenschen hier noch ungezügelt arbeiten und dadurch

dem oft wirklich schönen Gesichtsschnitt das abgeht, was die Züge des

veredelten Menschen wirklich schön macht. Die Körperformen sind fast

durchgehends tadellos, die Männer groß und schlank, die Weiber mittelgroß

mit zierlichen eleganten Formen. Die glänzend schwarzen, schlichten Haare

werden von beiden Geschlechtern gleich getragen; vorn auf der halben

Stirn kurz abgeschnitten, an den Seiten und hinten bis auf die Schulter

herabhängend; das Haar wird nicht gefärbt, sondern nur mit Kokosnußöl

eingerieben.

Die Kokosnuß ist hier überhaupt alles, wie sie es ja auch auf allen

niedrigen Inseln der Südsee ist. Die junge grüne Nuß gibt mit ihrer Milch

das einzige Getränk, da Wasser fehlt; der weiche Kern der halbreifen

und der harte Kern der alten Nuß gibt die Nahrung; das aus dem Kern

gepreßte Oel wird als Hautsalbe, Haaröl und als Leuchtstoff benutzt,

da die primitiven Lampen auch mit diesem Oel gespeist werden; die

innere harte Schale der alten Nuß gibt Trink- und sonstige Gefäße, wie

z. B. die Becken für die Lampen; die äußere Faserschale gibt den Stoff

zur Anfertigung von Bindfaden, aus welchem wieder Kriegsrüstungen und

vielerlei andere Gegenstände geflochten werden, so auch den Docht für die

Lampe. Vorzugsweise findet der so gewonnene Bindfaden bei Herstellung der

nachfolgenden Gegenstände Verwendung. Die einzelnen Pfähle und Dachsparren

des Hüttengerüstes werden zusammengebunden und auf dieselbe Art wird auch

das Laubdach auf dem Gerüst befestigt. Die schönen, scharfen und sehr

tiefgehenden Kanus, mit welchen die Eingeborenen große Reisen über See

machen, können, weil hier die dazu erforderlichen dickstämmigen Bäume

fehlen, nicht aus großen Stücken zusammengesetzt werden, sondern müssen

nach unserer Art aus schmalen Planken über Spanten gebaut werden, und

da den Leuten Nägel fehlen, müssen sie die einzelnen Planken mühsam mit

Bindfaden aneinander nähen. Die Takelagen der großen Segelkanus sind

ebenfalls aus diesem Bindfaden gefertigt, und derselbe wird auch als

Angelschnur benutzt. Das schwere harte Holz des Stammes der Kokospalme

gibt Brennholz, das Material für die Kriegsspeere und theilweise auch

für die Hauptpfähle der Hütten. Die Blätter werden zu Körben, Dächern

und Matten zusammengeflochten. Der dem jungen Stamm entquellende Saft,

wenn die Blattkeime oben abgeschnitten worden sind, gibt Branntwein, doch

stirbt ein so mishandeltes Bäumchen dann ab.

Dies zeigt in kurzen Umrissen, daß ohne die Kokospalme auf diesen Inseln

das Leben für Menschen nahezu unmöglich wäre. Wie dieses Leben, welches

sich neben Fischen und Schalthieren nur auf die Kokosnuß stützt, für die

Menschen sich gestaltet, mag jeder sich selbst ausmalen.

Ich lasse durch den von Apia mitgebrachten Dolmetscher unsere Absicht

kundgeben, das Dorf zu besehen, worauf der ganze Trupp sich in Bewegung

setzt, um uns zu führen und zu begleiten. Die Leute betragen sich

anständig, wie das einem so großen Kriegsschiffe gegenüber nicht anders zu

erwarten ist, sind sehr gefällig im Wegräumen von in den Wegen liegenden

Hindernissen und im Durchbrechen einiger Zäune, um uns bei der großen

Hitze unnöthige Umwege zu ersparen. Bei alledem sieht man aber doch an

ihren schnellen und jähen Bewegungen, an der Art zu sprechen, zu lachen

und zu beobachten, daß viel Tigernaturell in ihrem Blute liegt und es wol

nicht gerathen ist, wehrlos in ihre Hände zu fallen.

Der schmale, wohlgehaltene Pfad führt von Ansiedelung zu Ansiedelung,

denn von einem Dorf oder einer Stadt kann man nicht sprechen, da das

ganze Land an der Leeseite der Insel mit Hütten, bezw. Ansiedelungen,

übersäet ist. Der die Insel der Länge nach durchschneidende Pfad liegt

etwa in der Mitte des schmalen Landstreifens; an der Luvseite des Pfades

stehen nur Kokosnußbäume, während die Niederlassungen sämmtlich an der

Leeseite liegen. Ich spreche hier von Ansiedelungen, weil immer innerhalb

eines aus Aesten und Reisern hergestellten Zaunes mehrere Hütten liegen,

welche jedenfalls zusammengehören. Ich habe mich leider nicht danach

erkundigt, ob solch eine Hüttengruppe eine bestimmte Gemeinschaft bildet

oder innerhalb der Grenzen eines jeden Zaunes eine zusammengehörige

Familie wohnt; nach der geringen Zahl der jeweiligen Hütten möchte ich das

letztere annehmen. Auffallend ist die Sauberkeit und Ordnung, welche hier

herrscht und leicht zu der Annahme verleiten kann, daß in diesem Theil der

Erde die Menschen um so reinlicher werden, je tiefer sie stehen, denn es

ist z. B. kein Zweifel, daß die Leute auf Funafuti schon seit 10-12 Jahren

einen ununterbrochenen Verkehr mit Europäern unterhalten, während diese

nur sehr selten hierher kommen und dann auch immer auf ihren Schiffen

bleiben.

Zunächst am Strande stehen die zur Aufnahme der Kanus bestimmten

Hütten, welche ebenso sorgfältig gebaut und sauber gehalten sind wie die

Wohnungen der Menschen und nur darin von den Wohnhäusern abweichen, daß

die Stirnwände offen sind, um die Fahrzeuge leicht ein- und ausbringen

zu können. Jedes Kanu, ob groß oder klein, hat sein eigenes Haus. Weiter

zurück unter Bäumen, welche hier allerdings gelichtet stehen, liegen die

vorher genannten Ansiedelungen. Die Hütten selbst, wenngleich vielfach

von verschiedener Größe, sind in ihrer Bauart ganz gleich. Auf kurzen,

zwei Fuß hohen Pfählen oder blendend weißen Korallensteinen liegen die

Hauptbalken und Träger für die Dachsparren, welche ihre obere Stütze

auf einem durch die Mittellinie der Hütte laufenden Kammbalken finden,

der auf 10-15 Fuß hohen Pfählen ruht; auf die Sparren ist so viel Laub

geschichtet, bis das Dach sicher gegen Regen geworden ist. Die Hütte ist

an allen vier Seiten geschlossen, und das Dach reicht so weit über den

eigentlichen Wohnraum hinaus, daß schräg einfallender Regen bis zu diesem

nicht vordringen kann, wodurch die Seitenwände überflüssig werden und auch

fehlen. Das Eintreten in die Hütte wird durch diese Bauart allerdings

etwas unbequem, weil man sich fast auf den Bauch legen muß, um zwischen

Unterrand des Daches und dem Fußboden hindurchzukommen. Der Grundriß der

Hütte ist ein längliches Viereck, bei welchem die Länge etwa doppelt so

groß ist wie die Breite, das Dach fällt nach allen vier Seiten schräg

ab. Der zwischen den einzelnen Hütten einer Ansiedelung liegende Raum ist

sorgfältig mit kleinen weißen Korallensteinen bestreut, zwischen welchen

kein Gras, kein Unkraut zu finden ist, sodaß diese Stellen den Eindruck

sorgfältig gepflegter Straßen und Plätze machen und dadurch den saubern

Eindruck der Wohnungen noch mehr heben. Die Hütten sind zur Zeit fast alle

leer, nur hin und wieder sitzt in einer derselben ein alter Mann oder eine

Frau mit einem kleinen Kinde.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 32 / 56 段