Soll nun aber nur das auf den Samoa-Inseln liegende in deutschen Händen
befindliche Land voll ertragsfähig gemacht werden, dann müssen allein
dahin 30000 Arbeiter herangezogen werden, und als Arbeiterquellen können
nur die Kingsmill-, Marshall-, Salomons-Inseln und Neu-Hebriden in
Betracht kommen. Es fällt zur Zeit nicht schwer, die jetzt erforderlichen
Arbeiter zu engagiren und wird dies auch fernerhin leicht durchzuführen
sein, sofern die genannten Inselgruppen unabhängig bleiben. Und daß dies
erreicht werde, dazu will ich zunächst meinen Einfluß geltend machen,
weil keine Zeit zu verlieren ist. Denn die Fidji-Inseln verlangen schon
so große Arbeitermassen, daß die Colonialregierung versucht, Kulis von
Indien einzuführen, und einen Theil der Unkosten trägt, um die Pflanzer zu
unterstützen. Diese sind indeß mit dieser Maßnahme nicht ganz zufrieden,
weil wegen des langen Seewegs die Arbeiterzufuhr nicht genügend gesichert
erscheint und drängen nach Annectirung zunächst der Neu-Hebriden und
Salomons-Inseln. Hiermit würde aber jede fremde Arbeiterausfuhr dort
ausgeschlossen sein, weil England den Eingeborenen seiner Colonien nur
die Auswanderung nach den eigenen Colonien gestattet.
* * * * *
Doch nun zurück nach Funafuti.
Die nebenstehende Skizze gibt den Grundriß der Insel. Die doppelt
punktirte Linie ist das Korallenriff, welches in beinahe viereckiger Form
die Lagune einschließt; die zwischen den punktirten Linien liegenden
schwarzen Körper sind die Inseln, welche über dem Meeresspiegel liegen
und mit Bäumen und Strauchwerk bestanden sind; da wo die punktirte Linie
unterbrochen ist, soll sehr tiefes Wasser sein, ist aber in Wirklichkeit
nicht vorhanden. Die mit Pfeilspitzen versehene ausgezogene Linie ist
der Weg des Schiffes in die Lagune und wieder aus derselben heraus,
der eingezeichnete kleine Anker gibt den Ankerplatz des Schiffes. Der
große Durchmesser der Lagune beträgt acht Seemeilen oder zwei deutsche
Meilen, der kleine 4½ Seemeilen; die Länge der großen Insel beträgt fünf
Seemeilen, die Breite ¼ Meile oder ungefähr 500 m. Die Tiefe des Wassers
in der Lagune ist mit Ausnahme einiger in ihr liegenden Korallenbänke fast
durchweg über 30 m; bequemen Ankergrund findet man nur ganz in der Nähe
des Landes.
Unser Aufenthalt in Funafuti war nur auf zwei bis drei Tage veranschlagt.
Denn wenn ich auch mit der Absicht hingegangen war, mit dem sogenannten
König zur Sicherung des deutschen Handels und der deutschen Interessen
eine Uebereinkunft abzuschließen, so wollte ich, um mein Reiseprogramm
einzuhalten, bei der Unbedeutendheit des Platzes als Arbeiterquelle doch
lieber meine Absicht aufgeben, wenn es uns nicht gelingen sollte, in
der festgesetzten Zeit zu einem befriedigenden Resultat zu kommen. Dies
geschah aber und so konnten wir Funafuti schon am 13. mittags wieder
verlassen. Bei meiner Ankunft hatte zwar der Zauber, mit welchem diese
Oasen des Weltmeeres den Fremdling umstricken, auch mich gefangen genommen
und den Wunsch in mir rege werden lassen, den Aufenthalt auf eine längere
Zeit auszudehnen, doch die Pflicht, welche mich nach andern Plätzen rief,
ließ dies nicht zu und ich hatte es schließlich auch nicht zu bereuen. Ein
zweitägiger Aufenthalt genügte vollkommen, mich in die Prosa des Lebens
zurückzuversetzen.
Am Morgen nach unserer Ankunft fuhren wir gleich nach Sonnenaufgang
wieder an Land, um an dem schönen Strande ein Bad zu nehmen und danach in
der Morgenfrische einen Spaziergang zu machen. Noch weit ab vom Lande,
als mein Boot in etwa 8 m tiefes Wasser kam, verwandelt die Flut ihre
tiefblaue Farbe in ein helles Grün, das Wasser wird zu Krystall und
gestattet dem Auge bis zu dem offen daliegenden Meeresgrunde vorzudringen,
wo auf dem grün angehauchten Sande die fleißigen Maurer des Meeres ihre
wunderlich und schön geformten Gebilde unregelmäßig angebaut haben. Kleine
zarte Korallenstauden mit unzähligen Aesten wechseln ab mit riesigen
Korallenblöcken, welche ihr Haupt schon bis nahe an die Wasseroberfläche
erhoben haben und das Boot zum Ausweichen zwingen, wenn es nicht an den
scharfen Zacken des mächtigen unterseeischen Thurmes schweren Schaden
nehmen will. Zwischen und auf den Korallen liegen Muscheln, unter welchen
namentlich eine Art sich dem Auge entgegendrängt. In weit klaffender
unscheinbarer Hülle von der Größe eines Tellers spreizt sich das im
reinsten Indigo schimmernde Thier und läßt seine schöne blendende Farbe
nach oben strahlen, wie der Pfau sein Rad der Sonne entgegenbreitet.
Auf dem Sande liegen blutegelartige Thiere von 20 cm Länge und 5 cm
Dicke, welche einen bedeutenden Handelsartikel nach China bilden. Diese
von den Chinesen als große Leckerbissen geschätzten Mollusken werden
in getrocknetem Zustande verschifft und später als gallertartige Suppe
gegessen; im Handel führen sie die Bezeichnung 'biche-le-mare' oder
'Trepang', der zoologische Name ist 'Holothuria'. Viel gibt es hier
auf dem Meeresboden zu sehen, so viel, daß man es in kurzer Zeit nicht
zergliedern kann, wie dazu ja auch überhaupt ein vieljähriges Studium
gehören dürfte. Heute bin ich froh, kein Naturforscher zu sein, weil ich
dadurch der Nothwendigkeit enthoben bin, meine Sinne wissenschaftlichen
Beobachtungen zu widmen und daher, in schnellem Lauf über diese
eigenartige Welt hinsegelnd, mein Auge mit Entzücken über die kleinen
Wunderwerke hingleiten lassen kann, wie über ein schönes Bild.
Die Gig läuft hoch auf den weichen Sandstrand und ein Sprung bringt
uns auf das Trockene. Das kleine Dorf ist schon voller Leben, da die
Eingeborenen mit den Vögeln aufstehen. Unser Weg führt uns an einer dicht
am Strande liegenden Hütte vorbei, welche uns dadurch auffällt, daß die
Seitenwände nicht mit Matten behängt sind. Ein Blick in das Innere zeigt
uns eine kleine beschriebene Tafel, an welche wir herantreten, da der
Consul die Landessprache spricht und schreibt. Sie enthält die Angaben
über die Bevölkerungszahl der Insel, welche 156 Seelen beträgt; doch
gewiß ein stattliches unabhängiges Königreich. Die Insel war allerdings
früher sehr viel stärker bevölkert und vermag auch die zehnfache Zahl
gut zu ernähren, sie hat aber den größten Theil ihrer Bewohner Mitte der
sechziger Jahre durch einen Schurkenstreich peruanischer Sklavenjäger
verloren.
Ein peruanisches Schiff ankerte derzeit in der Lagune von Funafuti
und führte sich als Missionsschiff ein. (Die Missionsgesellschaften
unterhalten hier eigene Schiffe, um die Verbindung zwischen den von ihnen
besetzten Inseln aufrecht zu erhalten und neue Plätze ihrem Wirken zu
eröffnen.) Die Funafutier hatten schon von den Missionaren auf den andern
Inseln gehört und hegten den Wunsch, auch so etwas Besonderes zu besitzen.
Der im Talar mit der Bibel in der Hand an Land kommende Scheinmissionar
wurde daher gut aufgenommen und fand es leicht, die Leute zu veranlassen,
am nächsten Tage mit Frauen und Kindern an Bord zu kommen, um dort die
neue Lehre zu vernehmen. Als das Schiff mit Menschen gefüllt war, wurden
sie in das Zwischendeck geführt, wo der Mann im Talar ihrer wartete, sie
aber schnell verließ, sobald alle im Raum versammelt waren. Dann wurden
plötzlich alle Luken geschlossen, das Schiff ging unter Segel und die
schwer getäuschten harmlosen Insulaner blieben für immer verschollen. Das
Gerücht sagt, daß nur wenige von ihnen Peru erreicht haben und diese dort
auch schnell hingestorben sein sollen, weil die weichlichen Polynesier,
wie die Schwalben an ungebundene Freiheit gewöhnt, kein Sklavenleben
ertragen können.
Dicht neben der vorhergenannten, als öffentliches Berathungshaus benutzten
Hütte, steht die Kirche mit der Wohnung des Missionars, eines als Lehrer
ausgebildeten Eingeborenen. Die Kirche sieht ebenso aus, wie alle Kirchen
auf diesen Inseln: eine lange breite Hütte mit hohem Dach nach dem Modell
der Hütten der Eingeborenen und nur mit dem Unterschied, daß sie sehr
viel größer ist und feste, aus Korallenblöcken aufgebaute Seitenwände mit
kleinen viereckigen, durch Holzläden verschließbare Fenster hat; außerdem
ist sie noch abweichend von den Hütten mit einem weißen Kalkanstrich
versehen, wodurch sie weithin sichtbar wird und den Schiffen als Wegweiser
zum Ankerplatz dient. Der Missionar oder richtiger Missionslehrer ist
nicht anwesend, sondern nach einer im Norden gelegenen Insel gereist, um
eine Anklage gegen einen Collegen zu untersuchen, welchem vorgeworfen
wird, sich neben seiner Frau noch einen kleinen Harem eingerichtet zu
haben.
Einige Schritte bringen uns zu den Hütten der Eingeborenen, welche ohne
Plan verstreut unter den Kokosnußbäumen liegen. Es ist auffällig, hier
so schlechte und schmutzige Wohnungen zu finden, da die Eingeborenen
reiner samoanischer Rasse sind und die Samoaner doch großen Werth auf
ihre Wohnungen und die Körperpflege legen. Die Hütten sind eigentlich nur
zusammengetragene Reiser, welche von Schmutz starren. Der Fußboden besteht
nur aus Erdstaub, welcher Menschen und Sachen mit einer Schmutzkruste
überzieht; saubere Steine und Matten sind nicht vorhanden. Die Menschen
sind fast durchweg mit einer ekelerregenden Hautkrankheit behaftet,
der Körper scheint mit kleinen Schuppen bedeckt, die Haut hat sich
überall gelöst und macht die Körperoberfläche rauh, die kleinen Ritzen
sind mit Schmutz angefüllt. Ob die Hautkrankheit von der allgemeinen
Unsauberkeit herkommt oder andern Ursachen zuzuschreiben ist, ist wol
noch nicht aufgeklärt. Die Männer sind im Durchschnitt mehr bekleidet
wie die Samoaner, die Weiber tragen meistens den Blätterschurz, welcher
von den Hüften bis zu den halben Oberschenkeln reicht. So führen diese
Menschen in thierischer Trägheit ein klägliches Leben, ohne die großen
Hülfsquellen auszunutzen, welche die Natur in den Kokosnußbäumen ihnen
gegeben hat. Diese doch immerhin kleine Insel liefert jetzt jährlich
50 Tonnen Copra (getrockneter Kokosnußkern) und nimmt dafür 10000 Mark
ein. 2-300 Tonnen Nußkerne lassen die Leute verfaulen, weil sie zu träge
sind, die abgefallenen Nüsse aufzusammeln, und lassen somit jährlich ein
Kapital von 40-60000 Mark verkommen. Bei sachgemäßer Bearbeitung könnte
diese Insel nach Ansicht des sachverständigen Consuls jährlich sogar 5-600
Tonnen Copra produciren und dafür nach dem jetzigen Preise 100-120000
Mark erlösen. Diese Menschen haben aber keine Bedürfnisse und sind deshalb
vielleicht gerade glücklich.
Von dem Dorf und seinen Bewohnern haben wir genug gesehen; die Aussicht
auf ein schönes Bad lockt uns mehr, und bald haben wir eine passende
Stelle gefunden, wo wir uns in der krystallklaren Flut erfrischen
und wenigstens für kurze Zeit den lästigen Angriffen der unzähligen
Fliegen entgehen. Die schnell steigende Sonne mahnt uns indeß an den
beabsichtigten Spaziergang, und nach kurzer Zeit stehen wir vor dem
Kokosnußwald ohne jedoch eindringen zu können. Der schöne Rasen, welchen
man aus der Ferne um den Fuß der Palmenstämme zu sehen wähnt, ist ein
dichtes mannshohes Gebüsch aus einer Art Eisenholz, welches zwar den
Kanakers[B] ein Durchkommen gestattet, dem Europäer aber den Weg doch zu
mühsam macht. Wir gehen daher an dem Waldessaum entlang dem Dorfe wieder
zu und finden dann auch bald einen der vielen Pfade, welche quer durch
die Insel nach dem entgegengesetzten Ufer führen. Nach wenigen Schritten
ist die Lagune mit ihren sandigen Ufern unsern Blicken entschwunden und
wir sind auf einem Wege, wo wir doch mehr Leben finden, als wir erwartet
hatten. In einer Lichtung stoßen wir auf eine schmutzige Pfütze, welche
auf der ganzen Insel das einzige süße Wasser enthält. Ein altes Weib
sitzt in dem Wasser, auf einem andern Pfade kommt, nach ihrem Anzug zu
urtheilen, eine vornehmere Dame mit mehrern Dienerinnen, um ebenfalls ihr
Morgenbad zu nehmen. Demnach scheint bei diesem schmutzigen Stamme die
Vorliebe der sonst reinlichen Polynesier für das Baden doch noch nicht
erloschen zu sein, sofern es sich um ein Bad in süßem Wasser handelt.
In einer zweiten Lichtung finden wir von fernen Inseln hergebrachte
gute Erde in regelmäßige Beete eingetheilt, um in derselben Bananen zu
ziehen. Weiterhin treten wir aus dem Walde und kommen an einen mit dem
Meere in Verbindung stehenden kleinen Salzwassersee, an dessen Ufern
Strandschnepfen in ungestörter Ruhe Würmer suchen. Noch einmal treten
wir in den Wald und sind nach wenigen Schritten an dem jenseitigen Ufer
angelangt. Hohe Brandung überspült hier den felsigen Fuß der Insel und
hält einen breiten Gürtel frei von allem vegetabilischen Leben. An dem
Saum der auflaufenden Wogen ist das Ufer eine feste Steinmasse, weiter
oben hin ein wüstes Durcheinander von Korallensteingeröll, welches
das Gehen sehr erschwert. Das unruhige und gewaltthätige Treiben der
Brandung, das graue, zackige, rauhe Steinufer, große Steinblöcke mit dem
Geröll zerbröckelter Steine, das Brausen des kräftigen Windes und die
düstere Färbung der weiter abliegenden, eine feste Wand bildenden grauen
Palmenstämme, deren Kronen sich in eintönigem Rauschen nach der ruhigern
Seite neigen, geben zusammen der Insel auf dieser Seite einen wesentlich
andern Charakter, als man ihn beim Einlaufen in die Lagune gefunden hat.
[B] Kanaker oder Kanaka ist die polynesische Bezeichnung für
„Mann“.
Die auffallende Höhe des obersten Kammes der Insel über Wasser (etwa 3 m)
und der Umstand, daß der ganze über Wasser liegende Theil aus einem fest
zusammengefügten Korallengebilde besteht, verleitet uns zu oberflächlichen
Untersuchungen über die wahrscheinliche Entstehungsart dieser Insel.
Es ist ausgeschlossen, daß die Korallen selbst so hoch gebaut haben,
weil sie bekanntlich an der Wasseroberfläche absterben; ebenso ist es
ausgeschlossen, daß angeschwemmte fremde Körper diesen hohen Rücken
gebildet haben, denn das Land ist eine geschlossene Korallensteinmasse,
auf welcher nur lose Steine liegen und wo jede Erdschicht fehlt; diese
Korallenbank kann also nur durch wachsendes Land über Wasser gehoben
worden sein, die Insel muß daher ihr Dasein vulkanischen Einflüssen
verdanken. Beim Suchen von Muscheln und kleinem Gethier finden wir an
der Wassergrenze eine dicke Schicht von angeschwemmtem Bimsstein. Schon
mehrere Tage vorher hatte das Schiff auf hoher See große Bimssteinfelder
durchschnitten, welche jedenfalls von den zu Anfang dieses Jahres in
Neu-Britannien stattgehabten starken Kraterausbrüchen herrühren und durch
die Meeresströmungen bis hierher geführt worden sind. Dieser Bimsstein
wird in wenig Jahren verwittert guten Boden abgeben, und so zeigte uns
ein Zufall, wie wahrscheinlich die Koralleninseln die Erdschicht erhalten
haben, welche den Menschen die Anpflanzung der für ihr Leben nothwendigen
Früchte möglich gemacht hat.
Derselbe Weg, welchen wir gekommen, führt uns in kurzer Zeit von der
eben beschriebenen herbstlichen Scenerie nach dem innern Ufer zurück,
wo die heiße Sonne über der schönen ruhigen Lagune steht, von deren
blendender Wasserfläche die schwarze kriegstüchtige „Ariadne“ sich
scharf abhebt. Die Kokospalmen entfalten ungehindert ihr duftiges, von
dem Winde unberührtes Laub in dem Sonnenschein, die Eingeborenen sitzen
träge vor und in ihren Hütten, zwischen welchen Schweine und Hühner
ebenso munter umherlaufen, wie die kleinen nackten braunen Kanakerkinder
ihre rohen selbstverfertigten Drachen auf dem weißen Sande des Strandes
in der leichten Brise steigen lassen und durch schnellen Lauf dem Winde
nachhelfen. Einige Schmetterlinge schweben über den dürftigen Blumen,
welche zwischen den Gräsern stehen, und ungezählte Massen von Fliegen
peinigen Menschen und Thiere.
Wir fuhren an Bord zurück, nahmen unser Frühstück ein und segelten
dann in der Gig quer durch die Lagune nach einer sieben Seemeilen
entfernten kleinen Insel, um dort nach Schildkröten zu suchen. Unsere
Absicht erreichten wir indessen nicht. Die kleine Insel war von einem
so weitauslaufenden Riffe umgeben, daß wir viel Zeit gebraucht hätten
um durchzuwaten, Mittag war auch schon nahe und der Rückweg weit. Wir
traten daher gleich die Rückfahrt wieder an und kehrten eben zeitig genug
an Bord zurück, um noch etwas zu essen und dann den an Bord bestellten
König mit seinen Räthen zu empfangen. Der König trug heute die Hose,
welche gestern der eine der Lootsen, und das Hemd, welches der andere
anhatte. Nachdem der Besuch das Schiff besichtigt hatte, wurden die
Herrschaften in die Kajüte geführt, bekamen je eine Cigarre und ein
Glas Aepfelwein, und es wurde ihnen dann erklärt, daß die zeitweise
gegen Deutsche und deutsche Schiffe vorgekommenen Unordnungen sich nicht
mehr ereignen dürften. Das beste Mittel, solchen Unannehmlichkeiten
auf friedlichem Wege vorzubeugen, sei der Abschluß einer Uebereinkunft,
welche die gegenseitigen Rechte und Pflichten scharf begrenze. Darauf
las der Consul ihnen die vorher fertiggemachte Uebereinkunft in ihrer
eigenen Sprache vor, die Sache wurde berathen und nach einer Stunde waren
die beiden in Deutsch und Samoanisch ausgefertigten Originale von dem
König von Funafuti und seinen Räthen, sowie von mir unterzeichnet und
abgeschlossen. Das Wesentliche der Uebereinkunft besteht darin, daß die
Deutschen vollständige Handelsfreiheit haben, Land kaufen und miethen
können; daß gescheiterten deutschen Schiffen jeder Beistand geleistet
und Leben wie Eigenthum gewährleistet wird; daß Deserteure von deutschen
Schiffen auszuliefern sind; daß Gesetze, welche Fremde berühren, nur dann
für Deutsche Geltung haben, wenn sie vorher mit dem deutschen Consulat
vereinbart sind; Anordnung, wie Streitigkeiten zwischen Eingeborenen und
Deutschen zu schlichten sind; sowie schließlich die Verpflichtung, daß die
Deutschen auf Funafuti stets dieselben Vorrechte genießen sollen, welche
später etwa andern Nationen gewährt werden sollten.
Abends nach dem Essen gingen wir noch einmal an Land, um dem König
Lebewohl zu sagen. Während wir zum Boot zurückkehrten, wurde an Land
die Trommel geschlagen als Zeichen, daß nunmehr (7 Uhr abends) alle
Eingeborenen ihre Hütten aufzusuchen hätten. In diesen wurde es hell,
um das in der Mitte angezündete Feuer saß die Familie und beschloß das
Tageswerk durch Absingen einiger geistlicher Lieder. Wir kehrten an Bord
zurück und schlossen auch mit Funafuti ab.
Am nächsten Tage, am 13. nachmittags 2 Uhr, lichteten wir den Anker,
dampften durch die Lagune und verließen dieselbe durch die nördliche
Einfahrt, unsern Curs nach Vaitupu, einer andern Insel der Ellice-Gruppe,
nehmend. Bei dieser Gelegenheit hatte ich übrigens noch eine starke
Nervenerschütterung zu ertragen. Als wir zur Durchfahrt, welche nach
Angabe der Lootsen 15 m Wassertiefe haben sollte, und dort in die
hochgehende See kamen, wurden plötzlich nur 8 m Tiefe gemeldet und bei
dieser Wassertiefe lag ein Durchstoßen des Schiffes nahe. Ein Zurückgehen
war nicht mehr möglich; das Herz stand mir momentan still, dann aber gab
ich der langsam gehenden Maschine den Befehl, mit Volldampf vorwärts zu
gehen, weil dies die einzige Möglichkeit war, das Schiff vor dem tiefen
Einstampfen zu bewahren. Es mag sein, daß keine Gefahr für das Schiff
vorlag, hätte es aber in diesem hohen Seegang auf das Korallengestein
aufgestoßen, dann wäre es wahrscheinlich verloren gewesen, und mit dieser
Gefahr mußte ich in dem Moment rechnen. Was solche Augenblicke bedeuten,
kann nur derjenige ermessen, welcher die Verantwortung für ein Schiff
und so viel Menschenleben zu tragen gehabt hat. Wenige Minuten, während
welcher die anstürmenden Wellen über den Bug des mit voller Dampfkraft
arbeitenden Schiffes hinwegbrachen, brachten uns in freies Wasser, die
Feuer in der Maschine wurden gelöscht und das Schiff setzte die Reise
unter Segel fort.
Am nächsten Tage, am 14. nachmittags 3 Uhr, drehte ich dicht unter der
Insel Vaitupu bei dem Hauptdorfe bei und fuhr an Land, um dem König meinen
Besuch zu machen und dort ebenfalls den Abschluß einer Uebereinkunft
vorzubereiten, da bei der Kürze der uns zur Verfügung stehenden Zeit der
wirkliche Abschluß nicht erfolgen konnte, denn ich wollte vor Anbruch
der Dunkelheit schon wieder auf dem Wege nach einer andern Insel sein.
Das Landen war beschwerlich, weil das Riff der Insel hier nicht steil
abfällt, sondern sich nur wenige Fuß unter Wasser weit hinaus erstreckt
und so eine große Bank bildet, auf welcher die Wellen überbrechen und als
Brandung nach dem Ufer zulaufen. Da keine andere Landungsstelle vorhanden
ist, so mußten wir hier durch, ob wir nun naß wurden oder nicht. Es ging
besser als ich dachte; die Brandung schäumte an beiden Seiten des langen
Bootes vorbei und bedachte uns nur ab und zu mit einem kleinen Spritzer,
sodaß wir trocken so weit an das Ufer herankamen, um auf dem Rücken
eines Matrosen an Land reiten zu können. Der erste Gruß an Land wurde
mir von einem kleinen reizenden, 4-5 Jahre alten Kanakermädchen zutheil.
Als ich von dem Rücken des Matrosen herabsprang, stand das Kind in einem
saubern Waschkleidchen neben mir, streckte mir seine kleine Hand entgegen
und ließ aus seinen schönen großen Augen ein so herzliches Willkommen
entgegenleuchten, daß mir ordentlich warm ums Herz wurde. Ein Schatten
fiel allerdings gleich auf das Kind, denn die Umstehenden erzählten
sofort, daß es das Kind des verklagten Missionslehrers sei, von dem
ich vorher erzählt habe, und sich nur zufällig hier aufhalte. Natürlich
verstand das kleine barfüßige Mädchen davon nichts, kümmerte sich auch
nicht weiter um die andern, sondern sah, meine Hand festhaltend, nur mich
an. Ich behielt das kleine süße Ding während meines Aufenthalts am Lande
bei mir und schenkte ihr nachher einen blanken halben Dollar, um ihn als
Andenken um den Hals zu tragen, da Geldstücke in dieser Weise als Schmuck
verwendet werden.