Ein englischer Acker ist gleich 40,468 Ar.

Soll nun aber nur das auf den Samoa-Inseln liegende in deutschen Händen

befindliche Land voll ertragsfähig gemacht werden, dann müssen allein

dahin 30000 Arbeiter herangezogen werden, und als Arbeiterquellen können

nur die Kingsmill-, Marshall-, Salomons-Inseln und Neu-Hebriden in

Betracht kommen. Es fällt zur Zeit nicht schwer, die jetzt erforderlichen

Arbeiter zu engagiren und wird dies auch fernerhin leicht durchzuführen

sein, sofern die genannten Inselgruppen unabhängig bleiben. Und daß dies

erreicht werde, dazu will ich zunächst meinen Einfluß geltend machen,

weil keine Zeit zu verlieren ist. Denn die Fidji-Inseln verlangen schon

so große Arbeitermassen, daß die Colonialregierung versucht, Kulis von

Indien einzuführen, und einen Theil der Unkosten trägt, um die Pflanzer zu

unterstützen. Diese sind indeß mit dieser Maßnahme nicht ganz zufrieden,

weil wegen des langen Seewegs die Arbeiterzufuhr nicht genügend gesichert

erscheint und drängen nach Annectirung zunächst der Neu-Hebriden und

Salomons-Inseln. Hiermit würde aber jede fremde Arbeiterausfuhr dort

ausgeschlossen sein, weil England den Eingeborenen seiner Colonien nur

die Auswanderung nach den eigenen Colonien gestattet.

* * * * *

Doch nun zurück nach Funafuti.

Die nebenstehende Skizze gibt den Grundriß der Insel. Die doppelt

punktirte Linie ist das Korallenriff, welches in beinahe viereckiger Form

die Lagune einschließt; die zwischen den punktirten Linien liegenden

schwarzen Körper sind die Inseln, welche über dem Meeresspiegel liegen

und mit Bäumen und Strauchwerk bestanden sind; da wo die punktirte Linie

unterbrochen ist, soll sehr tiefes Wasser sein, ist aber in Wirklichkeit

nicht vorhanden. Die mit Pfeilspitzen versehene ausgezogene Linie ist

der Weg des Schiffes in die Lagune und wieder aus derselben heraus,

der eingezeichnete kleine Anker gibt den Ankerplatz des Schiffes. Der

große Durchmesser der Lagune beträgt acht Seemeilen oder zwei deutsche

Meilen, der kleine 4½ Seemeilen; die Länge der großen Insel beträgt fünf

Seemeilen, die Breite ¼ Meile oder ungefähr 500 m. Die Tiefe des Wassers

in der Lagune ist mit Ausnahme einiger in ihr liegenden Korallenbänke fast

durchweg über 30 m; bequemen Ankergrund findet man nur ganz in der Nähe

des Landes.

Unser Aufenthalt in Funafuti war nur auf zwei bis drei Tage veranschlagt.

Denn wenn ich auch mit der Absicht hingegangen war, mit dem sogenannten

König zur Sicherung des deutschen Handels und der deutschen Interessen

eine Uebereinkunft abzuschließen, so wollte ich, um mein Reiseprogramm

einzuhalten, bei der Unbedeutendheit des Platzes als Arbeiterquelle doch

lieber meine Absicht aufgeben, wenn es uns nicht gelingen sollte, in

der festgesetzten Zeit zu einem befriedigenden Resultat zu kommen. Dies

geschah aber und so konnten wir Funafuti schon am 13. mittags wieder

verlassen. Bei meiner Ankunft hatte zwar der Zauber, mit welchem diese

Oasen des Weltmeeres den Fremdling umstricken, auch mich gefangen genommen

und den Wunsch in mir rege werden lassen, den Aufenthalt auf eine längere

Zeit auszudehnen, doch die Pflicht, welche mich nach andern Plätzen rief,

ließ dies nicht zu und ich hatte es schließlich auch nicht zu bereuen. Ein

zweitägiger Aufenthalt genügte vollkommen, mich in die Prosa des Lebens

zurückzuversetzen.

Am Morgen nach unserer Ankunft fuhren wir gleich nach Sonnenaufgang

wieder an Land, um an dem schönen Strande ein Bad zu nehmen und danach in

der Morgenfrische einen Spaziergang zu machen. Noch weit ab vom Lande,

als mein Boot in etwa 8 m tiefes Wasser kam, verwandelt die Flut ihre

tiefblaue Farbe in ein helles Grün, das Wasser wird zu Krystall und

gestattet dem Auge bis zu dem offen daliegenden Meeresgrunde vorzudringen,

wo auf dem grün angehauchten Sande die fleißigen Maurer des Meeres ihre

wunderlich und schön geformten Gebilde unregelmäßig angebaut haben. Kleine

zarte Korallenstauden mit unzähligen Aesten wechseln ab mit riesigen

Korallenblöcken, welche ihr Haupt schon bis nahe an die Wasseroberfläche

erhoben haben und das Boot zum Ausweichen zwingen, wenn es nicht an den

scharfen Zacken des mächtigen unterseeischen Thurmes schweren Schaden

nehmen will. Zwischen und auf den Korallen liegen Muscheln, unter welchen

namentlich eine Art sich dem Auge entgegendrängt. In weit klaffender

unscheinbarer Hülle von der Größe eines Tellers spreizt sich das im

reinsten Indigo schimmernde Thier und läßt seine schöne blendende Farbe

nach oben strahlen, wie der Pfau sein Rad der Sonne entgegenbreitet.

Auf dem Sande liegen blutegelartige Thiere von 20 cm Länge und 5 cm

Dicke, welche einen bedeutenden Handelsartikel nach China bilden. Diese

von den Chinesen als große Leckerbissen geschätzten Mollusken werden

in getrocknetem Zustande verschifft und später als gallertartige Suppe

gegessen; im Handel führen sie die Bezeichnung 'biche-le-mare' oder

'Trepang', der zoologische Name ist 'Holothuria'. Viel gibt es hier

auf dem Meeresboden zu sehen, so viel, daß man es in kurzer Zeit nicht

zergliedern kann, wie dazu ja auch überhaupt ein vieljähriges Studium

gehören dürfte. Heute bin ich froh, kein Naturforscher zu sein, weil ich

dadurch der Nothwendigkeit enthoben bin, meine Sinne wissenschaftlichen

Beobachtungen zu widmen und daher, in schnellem Lauf über diese

eigenartige Welt hinsegelnd, mein Auge mit Entzücken über die kleinen

Wunderwerke hingleiten lassen kann, wie über ein schönes Bild.

Die Gig läuft hoch auf den weichen Sandstrand und ein Sprung bringt

uns auf das Trockene. Das kleine Dorf ist schon voller Leben, da die

Eingeborenen mit den Vögeln aufstehen. Unser Weg führt uns an einer dicht

am Strande liegenden Hütte vorbei, welche uns dadurch auffällt, daß die

Seitenwände nicht mit Matten behängt sind. Ein Blick in das Innere zeigt

uns eine kleine beschriebene Tafel, an welche wir herantreten, da der

Consul die Landessprache spricht und schreibt. Sie enthält die Angaben

über die Bevölkerungszahl der Insel, welche 156 Seelen beträgt; doch

gewiß ein stattliches unabhängiges Königreich. Die Insel war allerdings

früher sehr viel stärker bevölkert und vermag auch die zehnfache Zahl

gut zu ernähren, sie hat aber den größten Theil ihrer Bewohner Mitte der

sechziger Jahre durch einen Schurkenstreich peruanischer Sklavenjäger

verloren.

Ein peruanisches Schiff ankerte derzeit in der Lagune von Funafuti

und führte sich als Missionsschiff ein. (Die Missionsgesellschaften

unterhalten hier eigene Schiffe, um die Verbindung zwischen den von ihnen

besetzten Inseln aufrecht zu erhalten und neue Plätze ihrem Wirken zu

eröffnen.) Die Funafutier hatten schon von den Missionaren auf den andern

Inseln gehört und hegten den Wunsch, auch so etwas Besonderes zu besitzen.

Der im Talar mit der Bibel in der Hand an Land kommende Scheinmissionar

wurde daher gut aufgenommen und fand es leicht, die Leute zu veranlassen,

am nächsten Tage mit Frauen und Kindern an Bord zu kommen, um dort die

neue Lehre zu vernehmen. Als das Schiff mit Menschen gefüllt war, wurden

sie in das Zwischendeck geführt, wo der Mann im Talar ihrer wartete, sie

aber schnell verließ, sobald alle im Raum versammelt waren. Dann wurden

plötzlich alle Luken geschlossen, das Schiff ging unter Segel und die

schwer getäuschten harmlosen Insulaner blieben für immer verschollen. Das

Gerücht sagt, daß nur wenige von ihnen Peru erreicht haben und diese dort

auch schnell hingestorben sein sollen, weil die weichlichen Polynesier,

wie die Schwalben an ungebundene Freiheit gewöhnt, kein Sklavenleben

ertragen können.

Dicht neben der vorhergenannten, als öffentliches Berathungshaus benutzten

Hütte, steht die Kirche mit der Wohnung des Missionars, eines als Lehrer

ausgebildeten Eingeborenen. Die Kirche sieht ebenso aus, wie alle Kirchen

auf diesen Inseln: eine lange breite Hütte mit hohem Dach nach dem Modell

der Hütten der Eingeborenen und nur mit dem Unterschied, daß sie sehr

viel größer ist und feste, aus Korallenblöcken aufgebaute Seitenwände mit

kleinen viereckigen, durch Holzläden verschließbare Fenster hat; außerdem

ist sie noch abweichend von den Hütten mit einem weißen Kalkanstrich

versehen, wodurch sie weithin sichtbar wird und den Schiffen als Wegweiser

zum Ankerplatz dient. Der Missionar oder richtiger Missionslehrer ist

nicht anwesend, sondern nach einer im Norden gelegenen Insel gereist, um

eine Anklage gegen einen Collegen zu untersuchen, welchem vorgeworfen

wird, sich neben seiner Frau noch einen kleinen Harem eingerichtet zu

haben.

Einige Schritte bringen uns zu den Hütten der Eingeborenen, welche ohne

Plan verstreut unter den Kokosnußbäumen liegen. Es ist auffällig, hier

so schlechte und schmutzige Wohnungen zu finden, da die Eingeborenen

reiner samoanischer Rasse sind und die Samoaner doch großen Werth auf

ihre Wohnungen und die Körperpflege legen. Die Hütten sind eigentlich nur

zusammengetragene Reiser, welche von Schmutz starren. Der Fußboden besteht

nur aus Erdstaub, welcher Menschen und Sachen mit einer Schmutzkruste

überzieht; saubere Steine und Matten sind nicht vorhanden. Die Menschen

sind fast durchweg mit einer ekelerregenden Hautkrankheit behaftet,

der Körper scheint mit kleinen Schuppen bedeckt, die Haut hat sich

überall gelöst und macht die Körperoberfläche rauh, die kleinen Ritzen

sind mit Schmutz angefüllt. Ob die Hautkrankheit von der allgemeinen

Unsauberkeit herkommt oder andern Ursachen zuzuschreiben ist, ist wol

noch nicht aufgeklärt. Die Männer sind im Durchschnitt mehr bekleidet

wie die Samoaner, die Weiber tragen meistens den Blätterschurz, welcher

von den Hüften bis zu den halben Oberschenkeln reicht. So führen diese

Menschen in thierischer Trägheit ein klägliches Leben, ohne die großen

Hülfsquellen auszunutzen, welche die Natur in den Kokosnußbäumen ihnen

gegeben hat. Diese doch immerhin kleine Insel liefert jetzt jährlich

50 Tonnen Copra (getrockneter Kokosnußkern) und nimmt dafür 10000 Mark

ein. 2-300 Tonnen Nußkerne lassen die Leute verfaulen, weil sie zu träge

sind, die abgefallenen Nüsse aufzusammeln, und lassen somit jährlich ein

Kapital von 40-60000 Mark verkommen. Bei sachgemäßer Bearbeitung könnte

diese Insel nach Ansicht des sachverständigen Consuls jährlich sogar 5-600

Tonnen Copra produciren und dafür nach dem jetzigen Preise 100-120000

Mark erlösen. Diese Menschen haben aber keine Bedürfnisse und sind deshalb

vielleicht gerade glücklich.

Von dem Dorf und seinen Bewohnern haben wir genug gesehen; die Aussicht

auf ein schönes Bad lockt uns mehr, und bald haben wir eine passende

Stelle gefunden, wo wir uns in der krystallklaren Flut erfrischen

und wenigstens für kurze Zeit den lästigen Angriffen der unzähligen

Fliegen entgehen. Die schnell steigende Sonne mahnt uns indeß an den

beabsichtigten Spaziergang, und nach kurzer Zeit stehen wir vor dem

Kokosnußwald ohne jedoch eindringen zu können. Der schöne Rasen, welchen

man aus der Ferne um den Fuß der Palmenstämme zu sehen wähnt, ist ein

dichtes mannshohes Gebüsch aus einer Art Eisenholz, welches zwar den

Kanakers[B] ein Durchkommen gestattet, dem Europäer aber den Weg doch zu

mühsam macht. Wir gehen daher an dem Waldessaum entlang dem Dorfe wieder

zu und finden dann auch bald einen der vielen Pfade, welche quer durch

die Insel nach dem entgegengesetzten Ufer führen. Nach wenigen Schritten

ist die Lagune mit ihren sandigen Ufern unsern Blicken entschwunden und

wir sind auf einem Wege, wo wir doch mehr Leben finden, als wir erwartet

hatten. In einer Lichtung stoßen wir auf eine schmutzige Pfütze, welche

auf der ganzen Insel das einzige süße Wasser enthält. Ein altes Weib

sitzt in dem Wasser, auf einem andern Pfade kommt, nach ihrem Anzug zu

urtheilen, eine vornehmere Dame mit mehrern Dienerinnen, um ebenfalls ihr

Morgenbad zu nehmen. Demnach scheint bei diesem schmutzigen Stamme die

Vorliebe der sonst reinlichen Polynesier für das Baden doch noch nicht

erloschen zu sein, sofern es sich um ein Bad in süßem Wasser handelt.

In einer zweiten Lichtung finden wir von fernen Inseln hergebrachte

gute Erde in regelmäßige Beete eingetheilt, um in derselben Bananen zu

ziehen. Weiterhin treten wir aus dem Walde und kommen an einen mit dem

Meere in Verbindung stehenden kleinen Salzwassersee, an dessen Ufern

Strandschnepfen in ungestörter Ruhe Würmer suchen. Noch einmal treten

wir in den Wald und sind nach wenigen Schritten an dem jenseitigen Ufer

angelangt. Hohe Brandung überspült hier den felsigen Fuß der Insel und

hält einen breiten Gürtel frei von allem vegetabilischen Leben. An dem

Saum der auflaufenden Wogen ist das Ufer eine feste Steinmasse, weiter

oben hin ein wüstes Durcheinander von Korallensteingeröll, welches

das Gehen sehr erschwert. Das unruhige und gewaltthätige Treiben der

Brandung, das graue, zackige, rauhe Steinufer, große Steinblöcke mit dem

Geröll zerbröckelter Steine, das Brausen des kräftigen Windes und die

düstere Färbung der weiter abliegenden, eine feste Wand bildenden grauen

Palmenstämme, deren Kronen sich in eintönigem Rauschen nach der ruhigern

Seite neigen, geben zusammen der Insel auf dieser Seite einen wesentlich

andern Charakter, als man ihn beim Einlaufen in die Lagune gefunden hat.

[B] Kanaker oder Kanaka ist die polynesische Bezeichnung für

„Mann“.

Die auffallende Höhe des obersten Kammes der Insel über Wasser (etwa 3 m)

und der Umstand, daß der ganze über Wasser liegende Theil aus einem fest

zusammengefügten Korallengebilde besteht, verleitet uns zu oberflächlichen

Untersuchungen über die wahrscheinliche Entstehungsart dieser Insel.

Es ist ausgeschlossen, daß die Korallen selbst so hoch gebaut haben,

weil sie bekanntlich an der Wasseroberfläche absterben; ebenso ist es

ausgeschlossen, daß angeschwemmte fremde Körper diesen hohen Rücken

gebildet haben, denn das Land ist eine geschlossene Korallensteinmasse,

auf welcher nur lose Steine liegen und wo jede Erdschicht fehlt; diese

Korallenbank kann also nur durch wachsendes Land über Wasser gehoben

worden sein, die Insel muß daher ihr Dasein vulkanischen Einflüssen

verdanken. Beim Suchen von Muscheln und kleinem Gethier finden wir an

der Wassergrenze eine dicke Schicht von angeschwemmtem Bimsstein. Schon

mehrere Tage vorher hatte das Schiff auf hoher See große Bimssteinfelder

durchschnitten, welche jedenfalls von den zu Anfang dieses Jahres in

Neu-Britannien stattgehabten starken Kraterausbrüchen herrühren und durch

die Meeresströmungen bis hierher geführt worden sind. Dieser Bimsstein

wird in wenig Jahren verwittert guten Boden abgeben, und so zeigte uns

ein Zufall, wie wahrscheinlich die Koralleninseln die Erdschicht erhalten

haben, welche den Menschen die Anpflanzung der für ihr Leben nothwendigen

Früchte möglich gemacht hat.

Derselbe Weg, welchen wir gekommen, führt uns in kurzer Zeit von der

eben beschriebenen herbstlichen Scenerie nach dem innern Ufer zurück,

wo die heiße Sonne über der schönen ruhigen Lagune steht, von deren

blendender Wasserfläche die schwarze kriegstüchtige „Ariadne“ sich

scharf abhebt. Die Kokospalmen entfalten ungehindert ihr duftiges, von

dem Winde unberührtes Laub in dem Sonnenschein, die Eingeborenen sitzen

träge vor und in ihren Hütten, zwischen welchen Schweine und Hühner

ebenso munter umherlaufen, wie die kleinen nackten braunen Kanakerkinder

ihre rohen selbstverfertigten Drachen auf dem weißen Sande des Strandes

in der leichten Brise steigen lassen und durch schnellen Lauf dem Winde

nachhelfen. Einige Schmetterlinge schweben über den dürftigen Blumen,

welche zwischen den Gräsern stehen, und ungezählte Massen von Fliegen

peinigen Menschen und Thiere.

Wir fuhren an Bord zurück, nahmen unser Frühstück ein und segelten

dann in der Gig quer durch die Lagune nach einer sieben Seemeilen

entfernten kleinen Insel, um dort nach Schildkröten zu suchen. Unsere

Absicht erreichten wir indessen nicht. Die kleine Insel war von einem

so weitauslaufenden Riffe umgeben, daß wir viel Zeit gebraucht hätten

um durchzuwaten, Mittag war auch schon nahe und der Rückweg weit. Wir

traten daher gleich die Rückfahrt wieder an und kehrten eben zeitig genug

an Bord zurück, um noch etwas zu essen und dann den an Bord bestellten

König mit seinen Räthen zu empfangen. Der König trug heute die Hose,

welche gestern der eine der Lootsen, und das Hemd, welches der andere

anhatte. Nachdem der Besuch das Schiff besichtigt hatte, wurden die

Herrschaften in die Kajüte geführt, bekamen je eine Cigarre und ein

Glas Aepfelwein, und es wurde ihnen dann erklärt, daß die zeitweise

gegen Deutsche und deutsche Schiffe vorgekommenen Unordnungen sich nicht

mehr ereignen dürften. Das beste Mittel, solchen Unannehmlichkeiten

auf friedlichem Wege vorzubeugen, sei der Abschluß einer Uebereinkunft,

welche die gegenseitigen Rechte und Pflichten scharf begrenze. Darauf

las der Consul ihnen die vorher fertiggemachte Uebereinkunft in ihrer

eigenen Sprache vor, die Sache wurde berathen und nach einer Stunde waren

die beiden in Deutsch und Samoanisch ausgefertigten Originale von dem

König von Funafuti und seinen Räthen, sowie von mir unterzeichnet und

abgeschlossen. Das Wesentliche der Uebereinkunft besteht darin, daß die

Deutschen vollständige Handelsfreiheit haben, Land kaufen und miethen

können; daß gescheiterten deutschen Schiffen jeder Beistand geleistet

und Leben wie Eigenthum gewährleistet wird; daß Deserteure von deutschen

Schiffen auszuliefern sind; daß Gesetze, welche Fremde berühren, nur dann

für Deutsche Geltung haben, wenn sie vorher mit dem deutschen Consulat

vereinbart sind; Anordnung, wie Streitigkeiten zwischen Eingeborenen und

Deutschen zu schlichten sind; sowie schließlich die Verpflichtung, daß die

Deutschen auf Funafuti stets dieselben Vorrechte genießen sollen, welche

später etwa andern Nationen gewährt werden sollten.

Abends nach dem Essen gingen wir noch einmal an Land, um dem König

Lebewohl zu sagen. Während wir zum Boot zurückkehrten, wurde an Land

die Trommel geschlagen als Zeichen, daß nunmehr (7 Uhr abends) alle

Eingeborenen ihre Hütten aufzusuchen hätten. In diesen wurde es hell,

um das in der Mitte angezündete Feuer saß die Familie und beschloß das

Tageswerk durch Absingen einiger geistlicher Lieder. Wir kehrten an Bord

zurück und schlossen auch mit Funafuti ab.

Am nächsten Tage, am 13. nachmittags 2 Uhr, lichteten wir den Anker,

dampften durch die Lagune und verließen dieselbe durch die nördliche

Einfahrt, unsern Curs nach Vaitupu, einer andern Insel der Ellice-Gruppe,

nehmend. Bei dieser Gelegenheit hatte ich übrigens noch eine starke

Nervenerschütterung zu ertragen. Als wir zur Durchfahrt, welche nach

Angabe der Lootsen 15 m Wassertiefe haben sollte, und dort in die

hochgehende See kamen, wurden plötzlich nur 8 m Tiefe gemeldet und bei

dieser Wassertiefe lag ein Durchstoßen des Schiffes nahe. Ein Zurückgehen

war nicht mehr möglich; das Herz stand mir momentan still, dann aber gab

ich der langsam gehenden Maschine den Befehl, mit Volldampf vorwärts zu

gehen, weil dies die einzige Möglichkeit war, das Schiff vor dem tiefen

Einstampfen zu bewahren. Es mag sein, daß keine Gefahr für das Schiff

vorlag, hätte es aber in diesem hohen Seegang auf das Korallengestein

aufgestoßen, dann wäre es wahrscheinlich verloren gewesen, und mit dieser

Gefahr mußte ich in dem Moment rechnen. Was solche Augenblicke bedeuten,

kann nur derjenige ermessen, welcher die Verantwortung für ein Schiff

und so viel Menschenleben zu tragen gehabt hat. Wenige Minuten, während

welcher die anstürmenden Wellen über den Bug des mit voller Dampfkraft

arbeitenden Schiffes hinwegbrachen, brachten uns in freies Wasser, die

Feuer in der Maschine wurden gelöscht und das Schiff setzte die Reise

unter Segel fort.

Am nächsten Tage, am 14. nachmittags 3 Uhr, drehte ich dicht unter der

Insel Vaitupu bei dem Hauptdorfe bei und fuhr an Land, um dem König meinen

Besuch zu machen und dort ebenfalls den Abschluß einer Uebereinkunft

vorzubereiten, da bei der Kürze der uns zur Verfügung stehenden Zeit der

wirkliche Abschluß nicht erfolgen konnte, denn ich wollte vor Anbruch

der Dunkelheit schon wieder auf dem Wege nach einer andern Insel sein.

Das Landen war beschwerlich, weil das Riff der Insel hier nicht steil

abfällt, sondern sich nur wenige Fuß unter Wasser weit hinaus erstreckt

und so eine große Bank bildet, auf welcher die Wellen überbrechen und als

Brandung nach dem Ufer zulaufen. Da keine andere Landungsstelle vorhanden

ist, so mußten wir hier durch, ob wir nun naß wurden oder nicht. Es ging

besser als ich dachte; die Brandung schäumte an beiden Seiten des langen

Bootes vorbei und bedachte uns nur ab und zu mit einem kleinen Spritzer,

sodaß wir trocken so weit an das Ufer herankamen, um auf dem Rücken

eines Matrosen an Land reiten zu können. Der erste Gruß an Land wurde

mir von einem kleinen reizenden, 4-5 Jahre alten Kanakermädchen zutheil.

Als ich von dem Rücken des Matrosen herabsprang, stand das Kind in einem

saubern Waschkleidchen neben mir, streckte mir seine kleine Hand entgegen

und ließ aus seinen schönen großen Augen ein so herzliches Willkommen

entgegenleuchten, daß mir ordentlich warm ums Herz wurde. Ein Schatten

fiel allerdings gleich auf das Kind, denn die Umstehenden erzählten

sofort, daß es das Kind des verklagten Missionslehrers sei, von dem

ich vorher erzählt habe, und sich nur zufällig hier aufhalte. Natürlich

verstand das kleine barfüßige Mädchen davon nichts, kümmerte sich auch

nicht weiter um die andern, sondern sah, meine Hand festhaltend, nur mich

an. Ich behielt das kleine süße Ding während meines Aufenthalts am Lande

bei mir und schenkte ihr nachher einen blanken halben Dollar, um ihn als

Andenken um den Hals zu tragen, da Geldstücke in dieser Weise als Schmuck

verwendet werden.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 31 / 56 段