mehrern Inseln und Korallenriffen durchgegangen waren, wodurch meine stete
Anwesenheit auf der Commandobrücke bedingt wurde, standen wir vor Taviuni
und vor einer wenig befahrenen Gegend, über welche die Seekarten noch sehr
ungenau sind. Die vielen Korallenriffe machen es hier nöthig, das Schiff
von dem Mast aus zu navigiren, denn aus solcher Höhe kann man die Untiefen
leicht an der hellern Farbe des über ihnen stehenden Wassers erkennen
und aus dem Ton der Farbe bestimmen, ob die Wassertiefe für das Schiff
ausreicht oder nicht. Die einige Stunden währende Fahrt zwischen schönen
hohen Inseln hindurch war recht genußreich, doch nach der schlaflos
verbrachten letzten Nacht war es für mich genußreicher, nachmittags vor
einem größern Dorfe mit Namen Soma-Soma in ganz ruhigem Wasser dicht unter
Land, wo die köstlichste Ruhe herrschte, zu ankern und damit die Gewißheit
auf eine ungestörte Nacht zu erhalten. Vor Dunkelwerden machten wir noch
einen kleinen Spaziergang durch das Dorf, besuchten den hier lebenden
Häuptling, einen der ersten und einflußreichsten der ganzen Fidji-Gruppe,
ohne ihn indeß zu treffen, fanden aber seine Frau zu Hause, eine Schwester
Cakobau’s (das 'C' wird wie das englische 'th' ausgesprochen), des
frühern Königs der Fidji-Inseln. Das Haus gleicht von außen einem großen
Haufen verwelkten Laubes. Es ist eine Hütte von etwa 16 m Länge, 10 m
Breite und 10 m Höhe; 3 m hohe Seitenwände tragen das riesige Dach. Das
Gerippe dieses Bauwerks besteht aus starken Pfählen, Balken und Sparren,
auf welche Laub auf Laub geschichtet ist, bis Seitenwände und Dach eine
Dicke von etwa 1 m erhalten haben und damit sichern Schutz gegen Wind und
Regen gewähren. Ob die Pfähle auf Menschenleibern ruhen, konnte ich nicht
erfahren, möchte es aber annehmen, da das Haus wol noch aus der Zeit vor
der englischen Herrschaft stammt und damals hier beim Bau von Häusern für
Häuptlinge, um diesen Glück zu bringen, in jedes für einen Pfahl gegrabene
Loch ein lebender Eingeborener (gewöhnlich Kriegsgefangene, wenn solche
vorhanden waren) geworfen und auf diesen dann der Pfahl eingerammt wurde.
Aus demselben Grunde wurden auch beim Ablauf neu gebauter großer Kanus
gewöhnlich acht lebende Eingeborene, über welche das Fahrzeug hinweglaufen
mußte, geopfert. -- Die innern Wände des Hauses sind austapeziert und
zwar mit Tapa, dem schon öfter genannten Maulbeerbaumrindenstoff,
welchen die eingeborenen Frauen selbst anfertigen und mit reicher
bunter Malerei verzieren. Das Handwerkszeug zum Malen besteht aus einer
Kokosnußschale mit Farbstoff und einem kleinen Stück Holz, mit welchem
auf dem Stoff mit unendlicher Geduld so lange herumgefahren wird, bis
die mit demselben Hölzchen vorher mit dünnen Linien vorgezeichneten
Muster mit Farbe ausgefüllt sind. Eine fußhohe Schicht theilweise mit
Matten überdeckter kleiner runder schwarzer Steine, welche vor Sauberkeit
strahlen, bedeckt den Fußboden und dient denselben Zwecken wie in den
samoanischen Häusern. Ein Tapa-Vorhang schließt ein Sechstel des Raumes
als Schlafgemach ab, dessen Einrichtung ziemlich einfach ist; Matten
dienen als Betten, kleine auf Füßen stehende, bis zu 10 cm dicke Stücke
Bambusrohr bilden wie in Samoa die Kopfkissen. Vor dem Vorhang liegen an
einer Seite große Haufen Matten und zusammengerollte Tapa-Stücke, welche
das einzige alte Besitzthum bilden und nach deren Masse der Reichthum
eines Mannes noch jetzt abgeschätzt wird. -- Soweit entspricht die Hütte
dem frühern Comfort und Luxus der Eingeborenen; was nun kommt, ist eine
Folge der vorschreitenden Cultur. An den Wänden entlang stehen Gewehre,
die Waffen des ganzen Stammes und Eigenthum des Häuptlings, wie vor der
Besitzergreifung durch England auch die Menschen des Stammes dem Häuptling
gehörten. Der übrige Raum ist mit allen möglichen Sachen ausgefüllt,
welche größtentheils schon sehr verkommen aussehen. Auf einem Tisch finden
wir buntbemalte Petroleumlampen, eine Spieluhr und Kochtöpfe, Messer,
Gabel, Nähzeug und noch verschiedenerlei Sachen. An der Wand hängen
einige Uhren, welche nicht mehr gehen. Dort steht ein Waschbecken, hier
ein alter Zinkeimer als Gefäß für Trinkwasser, Teller, Kleidungsstücke,
alles bunt durcheinander. Der Häuptling ist ein reicher Mann und könnte
nach unsern Begriffen sehr angenehm leben, der Sinn für Comfort fehlt
hier aber noch vollständig. Diesem Manne gehörte früher ganz Taviuni,
mit der Besitzergreifung hat die englische Regierung ihn aber mit einem
Jahresgehalt von 600 Pfd. St. oder 12000 Mark abgefunden, ihm außerdem
auch noch große Länderstrecken belassen. Für seinen Lebensunterhalt
gebraucht er eigentlich nichts, da die Leute seines Stammes ihn mit dem
Nothwendigen versehen und für ihn arbeiten müssen; sonst könnte auch ein
kleiner Theil seines Landes ihn mit allem im Ueberfluß versorgen.
Wie schon erwähnt, trafen wir den Häuptling selbst nicht, sondern nur
seine Gattin, Frau Tui-Kakao. Diese in den mittleren Jahren stehende
braune Dame und Prinzessin, gekleidet wie die vornehmen Tonga-Frauen,
saß einige Schritte von der Hauptthür entfernt in ihrem großen Salon mit
Näharbeit beschäftigt auf einer Matte, ihr gegenüber ein Mann, welcher
jedenfalls Diener und Gesellschafter in seiner Person vereinigte. Es
herrscht hier, wie überall in Polynesien, die Sitte, daß der gemeine Mann
vor einem Vornehmen nie steht, sondern sich ihm nur in gebückter Stellung
nähert, sich dann mit gekreuzten Beinen dicht neben ihn auf die Erde
setzt, einen Augenblick wartet und nun mit lauter Stimme ohne Scheu frei
von der Leber weg redet. Die Häuptlingsfrau und Königsschwester unterhält
sich mit ihrem Diener wie mit ihresgleichen, der Diener benimmt sich so
frei, als ob er mit seiner Herrin auf gleicher Stufe stände, doch nur
so lange als er sitzt. Sobald er einen Auftrag erhält, erhebt er sich
vorsichtig, um dabei ja nicht seinen Körper ganz auszustrecken, bewegt
sich dann in gebückter Stellung vorsichtig auftretend weiter, bis er
eine gewisse Entfernung erreicht hat, um dann seinen Körper zu strecken,
den Kopf aufzuwerfen und mit einer Würde zum Wassereimer zu gehen,
als ob er dort eine Handlung vornehmen wolle, von welcher das Wohl und
Wehe Tausender abhinge. Er füllt das Glas und nähert sich uns mit einem
Anstande, daß wir uns fragen, ob wir die Dienstleistung annehmen können.
Doch die Würde schwindet in gewisser Entfernung von uns, das Feuer der
Augen erlischt, der Kopf senkt sich, der Körper nähert sich der Erde und
angekrochen kommt ein unterwürfiger Sklave.
Nach Befriedigung meiner Neugier hatte ich bei Frau Tui-Kakao nichts mehr
zu suchen; ich empfahl mich daher, nachdem ich noch ein schönes Stück
Tapa von ihr als Geschenk angenommen hatte, und ging nach meinem Boot,
um an Bord zurückzukehren. Eine Schar munterer Mädchen, gutgewachsene
junge Dirnen, welche ihren schönen nackten Oberkörper mit einer reizenden
Koketterie tragen, lenken meine Schritte indeß für kurze Zeit noch ab. Wo
ziehen diese lachenden, singenden Kinder, auf der Schulter einen Stock
mit daranhängenden Kokosnußschalen und Flaschen tragend, im Gänsemarsch
hin? Sie gehen nach dem Strande und füllen dort ihre Gefäße mit Seewasser;
manch eine wird dabei durch den Uebermuth der andern in das Wasser
geworfen und nimmt so ein unfreiwilliges Bad. Nach kurzer Zeit kehren alle
wieder zum Dorfe und zu ihren Hütten zurück.
Bei späterer Nachfrage erfuhr ich, daß die hiesigen Eingeborenen, welche
wie alle Südsee-Insulaner das Salz nicht kennen und es beim Kochen nicht
verwerthen können, das Seewasser zum Kochen einzelner Speisen benutzen
und die Frauen und Mädchen abends stets den Vorrath für den nächsten Tag
holen. Diese Gelegenheit wird dann auch als Conversationsstunde benutzt,
da die Weiber stets zusammen zum Strande gehen. Die entferntest wohnende
macht wol den Anfang und geht bei ihrer nächsten Nachbarin vor, worauf
beide zum nächsten Hause und so fort weiter gehen, bis die ganze muntere
Gesellschaft beisammen ist.
Diese Ablenkung brachte mich auch noch zu einem Schuppen, wo ein Kanu
gebaut wurde und wo ich Gelegenheit fand, zu bewundern, mit welch
unvollkommenen Handwerkszeugen diese Leute ihre zierlichen Fahrzeuge
herstellen. Ehe ich in mein Boot stieg, sah ich mir auch noch zwei in der
Nähe auf dem Strande liegende große Doppelkanus an, die für eine Reise des
Häuptlings in Ordnung gebracht wurden und wobei viele Männer beschäftigt
waren, um den Proviant für die bevorstehende Reise zurecht zu machen und
auf dem Feuer die Brotfrucht und den Yams zu bereiten. Diese interessanten
leichten Fahrzeuge, mit welchen die Polynesier oft große Reisen über See
machen und die nur durch fortwährendes Ausschöpfen über Wasser gehalten
werden, bestehen aus dem eigentlichen Schiffe, welches gewöhnlich 30 m
lang, 3 m breit ist und einen 5 m tiefen Schiffsraum hat, sowie einem
15-16 m langen ganz gedeckten kleinern Fahrzeug, das als Ausleger dient.
Ob dieses letztere auch als Wohn- oder Lastraum benutzt wird, habe ich
nicht erfahren, ich glaube es indeß nicht, sondern bin der Ansicht, daß
die für das große Kanu nothwendige Größe und Schwere des Auslegers dazu
geführt hat, diesen in Bootsform herzustellen, um ihm die erforderliche
Schwimmfähigkeit zu geben. Auf den die beiden Fahrzeuge verbindenden
Balken befindet sich eine mit einer Hütte versehene Plattform von etwa
6 m im Geviert, von welcher aus das Segel bedient und das Schiff gesteuert
wird. Das Hauptfahrzeug ist an beiden Enden auf ungefähr ein Viertel der
Länge mit einem leichten Deck versehen, der übrige Raum ist, soweit er
nicht durch die Plattform gedeckt wird, offen. Zur Fortbewegung dient ein
für die Verhältnisse des Fahrzeugs riesiges Mattensegel, welches demselben
bei entsprechender Windstärke eine außerordentlich große Geschwindigkeit
geben soll. Das vollausgerüstete Doppelkanu soll bis zu 200 Mann mit den
erforderlichen Proviantvorräthen für 8-10 Tage aufnehmen können. Als eine
besondere Eigenthümlichkeit möchte ich noch anführen, daß die Spitze des
Mastes hier in Fidji wie in Tonga mit einer halbmondförmigen Verzierung
versehen ist, ich weiß indeß nicht, ob diesem Halbmond eine besondere
Bedeutung beizumessen ist.
Am nächsten Morgen fuhren wir mit meiner Gig nach einer vier Seemeilen
entfernt liegenden Plantage, um uns dieselbe anzusehen. Der Besitzer, ein
wohlerzogener, gebildeter junger Engländer, nahm uns liebenswürdig auf
und führte uns selbst nach seiner Kaffeepflanzung, welche uns in Levuka
sehr gerühmt worden war. Ein strammer Marsch von 1½ Stunden, anfänglich
durch eine Baumwollpflanzung hindurch, dann aber, und zwar den größten
Theil des Weges, auf engem Pfade durch Urwald, brachte uns zu der 500 m
über dem Meeresspiegel gelegenen Kaffeepflanzung. Sehr ermattet langten
wir dort an, wurden aber bald durch das viele Interessante, was wir zu
sehen bekamen, entschädigt. Zuerst kamen wir an ein geschützt liegendes
Terrain, wo lange, schmale und wohlgepflegte Beete zeigten, daß hier
schon Menschenhände der Natur nachgeholfen hatten. Hier werden aus
den Samenkörnern die ersten Pflänzchen gezogen, um später dann in die
eigentlichen Plantagen versetzt zu werden. Alle Beete prangen im schönsten
Grün und die ersten Schößlinge des Kaffees, Thees und des Chinarindenbaums
zeigen ihre saftigen Köpfchen. Ein kühler Quell unter schattigen Bäumen,
welcher sich weiterhin zu einem kleinen Murmelbach ausbreitet, gibt etwas
Leben und namentlich uns Erfrischung. Wir gingen dann zu der eigentlichen
Kaffeeplantage und waren überrascht, eine so sorgsam gehaltene Anpflanzung
zu finden. Gewöhnlich bieten die tropischen Plantagen dem Auge kein
anziehendes Bild, da alles wächst, wie es wachsen will, und nur die
allernothwendigsten Wege offen gehalten werden. Hier aber ist es anders.
Die Kaffeebäume, in Form und Größe kleinen Tannenbäumen ähnlich, sind so
regelmäßig gepflanzt wie in einer Baumschule. Von jedem Baum aus laufen
die andern Bäume in geraden Linien strahlenförmig nach allen Richtungen
aus, sodaß jedes Bäumchen denselben freien Raum und zwar einen Kreis von
4 m Durchmesser erhält. Zwischen den Bäumen sind Gestrüpp und Unkraut
entfernt, die reichlich angelegten Wege sind schön gehalten und mit
buntfarbigen Blumen und Blattpflanzen eingefaßt. Die sorgsame Anlage
scheint den Besitzer aber auch für die große darauf verwandte Mühe
zu belohnen, denn die kleinen Kaffeebäume sind so reich mit Früchten
behangen, daß eine gute Ernte erwartet werden darf. Sehr lehrreich war es
für mich, hier einiges über die für den Kaffeebau nothwendigen Bedingungen
zu erfahren. In diesem Klima gedeiht der Kaffee nur in einer Höhe von
400-600 m, da das niedriger liegende Land zu heiß, das höher liegende aber
schon zu rauh ist. Ferner muß von den Kaffeepflanzen jeder Wind abgehalten
werden, nur ganz leiser Luftzug darf die Pflanzung durchstreifen. Deshalb
muß die Plantage in einem von höhern Bergen umschlossenen Kessel angelegt
werden; doch auch dies genügt noch nicht ganz, vielmehr muß ein Terrain
von gewisser Größe auch noch von einer mehrfachen Baumreihe umstanden
sein, damit diese durchbrochene Wand die Hauptkraft eines etwa sich über
die Bergkämme in den Thalkessel hinabwälzenden Windfeldes bricht. -- All
diese Kenntnisse des Besitzers waren natürlich nicht die Summe seiner
eigenen Erfahrungen, sondern er hatte sie von seinem Lehrer, seinem
Oberaufseher, einem alten Indier, welchen er von Ceylon hatte kommen
lassen. Dieser war auch der Vater der musterhaften Ordnung, welche wir
hier oben vorfanden.
Nachdem wir alles gesehen hatten, mußten wir auch noch der Einladung
unsers liebenswürdigen Wirthes folgen und einen Imbiß in seiner Wohnung
nehmen. Sein Haus besteht aus einer ortsüblichen Hütte, welche innen
in drei Räume getheilt ist. Der erste Raum dient als Vorzimmer und
Schlafstätte der drei Dienerinnen, Mädchen von einer der Kingsmill-Inseln,
welche bei unserm Eintreten damit beschäftigt waren, Ingwerwurzeln zu
reinigen. Der zweite mit englischem Comfort ausgestattete Raum wird als
Eß- und Wohnzimmer, der dritte als Schlafzimmer benutzt. Wir tranken ein
Glas Wein, aßen Biscuit mit Büchsen-Lachs und -Zunge und brachen dann
auf. Der Besuch hatte uns sehr befriedigt und wir nahmen daher gern noch
die Strapaze des Rückweges ohne Murren auf unsere Beine. Gegen 3½ Uhr
nachmittags waren wir an Bord, wo uns das Essen vorzüglich schmeckte und
starker Regenfall es uns leicht machte, den Abend in Ruhe auf dem Schiffe
zu verbringen. -- Am nächsten Morgen, 6. November, ging es wieder weiter.
Während des Tages führte unser Curs zwischen Inseln und Riffen hindurch,
abends 7 Uhr waren wir in freiem Wasser.
Ich wollte zunächst die Insel Fotuna anlaufen, welche ich bei den
herrschenden Windverhältnissen am nächsten Mittag erreichen mußte. Die
Insel hat zwar keinen Ankerplatz, doch genügte es meinen Zwecken, mit
dem Consul nur für einige Stunden mit dem Boot an Land zu gehen und das
Schiff während der Zeit unter Segel zu belassen. Der Wind spielte mir
aber einen seiner launigen Streiche und hätte mich am 7. November erst so
spät abends an die Insel herankommen lassen, daß ich an demselben Tage
nicht mehr das Land hätte besuchen können. Die Nacht zu opfern, schien
mir bei der Kürze der mir zur Verfügung stehenden Zeit nicht angebracht;
ich gab das Anlaufen von Fotuna daher auf und setzte meinen Curs direct
auf Funafuti, eine der Ellice-Inseln. Am 11. November mittags kam diese
niedrige Koralleninsel in Sicht und sollte ich nun endlich Gelegenheit
finden, meine Neugierde zu befriedigen, da diese die erste derartige Insel
ist, auf welche ich am selben Abend nach dem Ankern meinen Fuß gesetzt
habe.
Die Karten dieses Theiles der Erde sind noch sehr unvollkommen, so
dürftig, daß sie eben nur als Anhalt dienen können; mit Sicherheit
danach navigiren kann man nicht. So zeigt die vor mir liegende Skizze,
welche die äußern Umrisse dieses niedrigen Landes wiedergibt, nur =eine=
Einfahrt in die Lagune, während die mir zugegangenen Nachrichten gerade
besagen, daß dort keine Einfahrt existirt, aber zwei andere vorhanden
sind. Ich verlasse mich auf meine Gewährsleute und dampfe zwischen
zwei kleine Inseln, wo eine Einfahrt liegen soll. Aus der Takelage wird
indeß bald flaches Wasser gemeldet, von dem Schiff aus sieht man schon
den Meeresboden, und das Loth zeigt eine so geringe Tiefe, daß es nicht
gerathen erscheint, bei dem hohen Seegange ohne vorherige Recognoscirung
weiter zu gehen. Drehen kann das Schiff nicht mehr, dazu ist es zu eng,
voll Dampf geht es rückwärts und nach wenigen Minuten schwimmt das Schiff
wieder in tiefblauem Wasser, wo man auch ohne Versuch weiß, daß das Loth
keinen Grund mehr findet. Die beiden Kutter sind bald zu Wasser, um das
Fahrwasser auszulothen und sich so hinzulegen, daß das Schiff zwischen
den beiden Booten eine sichere Rinne findet. Inzwischen sind auch schon
von dem weit entfernten Dorfe zwei Kanus mit Lootsen angekommen, die, wenn
sie auch nicht ganz zuverlässig sind, doch immer gern als nützliche, mit
der Gegend bekannte Menschen angenommen werden. Nach einer halben Stunde
dampft die „Ariadne“ wieder vorwärts, geht zwischen den Kuttern durch
in die schöne Lagune, nimmt die Boote wieder auf und ankert nach einer
weitern halben Stunde, nachmittags 4 Uhr, vor dem auf blendendem Sande
malerisch unter hohen Kokospalmen gelegenen Dorfe.
Es ist ein wahrer Genuß, in dieser regungslosen Flut zu liegen, mit
dem Bewußtsein, daß der Anker vortrefflichen Grund gefunden hat und dem
Schiffe hier nichts passiren kann. Jenseit des schmalen Landstreifens
hört man die hohe Brandung brüllend sich an dem steinernen Fuß der Insel
brechen. An den Stellen, wo das Korallenriff unter dem Wasserspiegel
liegt, sieht man die Wogen hoch auflaufen und ihren Gischt gen Himmel
spritzen. Hier innen aber hat das Wasser Ruhe und auch der auf ihm
schwimmende Seefahrer. Nach dem Ankern fuhr ich mit dem Consul noch an
Land, um den obersten Häuptling oder König zu besuchen; weiter umsehen
konnten wir uns aber nicht, da es schnell dunkel wurde. Wir kehrten daher
an Bord zurück, wo ich Ruhe fand zur Vervollständigung meiner Berichte.
* * * * *
Ehe ich auf meine weitern Erlebnisse eingehe, will ich hier die Gründe
niederlegen, welche mich zu dem Versuch veranlaßten, mit den unabhängigen
Inseln und Inselgruppen Verträge zu schließen oder besser gesagt
Abmachungen zu treffen.
Die unabhängigen Inseln und Gruppen sind für den in der Südsee
dominirenden deutschen Handel von großer Bedeutung, weil sie sehr viel
Copra produciren; für den auf den Samoa-Inseln in großem Maßstabe von
den Deutschen aufgenommenen Plantagenbau sind sie aber von unermeßlichem
Werthe, weil sie die Arbeiter für die Plantagen liefern. Und um diesen
Punkt dreht sich meines Erachtens das Südseegeschäft. Denn wenn der Handel
mit Copra auch großen Gewinn abwirft, so darf man doch nicht vergessen,
daß der Handel auch vielen Zufälligkeiten unterworfen ist und für Jahre
vernichtet werden kann, wenn ein fremdländisches, leistungsfähiges und
womöglich von seiner Regierung unterstütztes Kaufmannshaus als Concurrent
auftritt und durch zeitweiliges Zahlen übermäßiger Preise dieses
Handelsfeld an sich zu reißen sucht. In solchem Falle muß der Kaufmann mit
durchhalten und für Jahre Verluste tragen, um durch Ausdauer den fremden
Concurrenten zu verdrängen. Dies ist aber leichter durchführbar, wenn der
Kaufmann gleichzeitig große Plantagen besitzt, welche mit dem Steigen der
Coprapreise in demselben Verhältniß an Werth gewinnen, sodaß der Verlust
an dem Handel durch den Gewinn an den Plantagen ausgeglichen wird.
Dies ist das glückliche Princip, welches von der Deutschen Handels-
und Plantagengesellschaft in Samoa angenommen worden ist. Der Handel
in der Südsee kann in der Jetztzeit nur von sehr großen Häusern oder
Gesellschaften mit bedeutenden Kapitalien unterhalten werden und bringt
diesen großen Gewinn. Kleine Handlungshäuser mit ungenügenden Mitteln
müssen hier zu Grunde gehen, wie die Erfahrung bisher gelehrt hat. Die
Südsee bietet also kein Feld für allgemeine Handelsunternehmungen, hat
aber in den noch unabhängigen Inseln vorzügliches Plantagenland, welches
Landwirthen mit einem Kapital von 30-100000 Mark ein interessantes Feld
der Thätigkeit und leichten Erwerb großer Vermögen sichert. Auswanderer
ohne Geld (Bauern u. s. w.) hierher zu schicken, würde ein Fehler sein,
weil die eigene Arbeit keinen Gewinn verspricht. Es müssen, wie gesagt,
Leute mit einem gewissen Kapital sein, die eine Plantage gleich in
großem Maßstabe mit Hülfe eingeborener Arbeiter anlegen. Dies ist das
von den Engländern befolgte Princip, welches durch die sachgemäßeste
Ausnutzung der Colonien dem Mutterlande so große Reichthümer zugeführt
hat. Die Engländer schicken keine kleinen Leute in die Colonien, sondern
die jüngern Söhne der Aristokratie, und solche junge Leute, welche sich
für diese Art Leben interessiren oder in der Heimat kein ausreichendes
Fortkommen für ihre Bedürfnisse sehen, werden mit einem Kapital von
3-5000 Pfd. St. dahin entsandt und erwerben sich durch Plantagenbau
oder, wie in Australien, durch Viehstationen, in 10-20 Jahren oft sehr
bedeutende Vermögen. Ich habe in Australien bei noch jungen Leuten schon
die goldenen Früchte gesehen, während wir in Soma-Soma, wie vorher
erzählt, solch einen wohlerzogenen jungen Anfänger den Grundstein zu
spätern Reichthümern haben legen sehen. Wenn man nun erwägt, daß die
Handels- und Plantagengesellschaft allein auf den Samoa-Inseln zur
Zeit an 120000 Acker Land besitzt, davon aber selbst nur 10-15000 Acker
bearbeiten kann, so liegt es auf der Hand, daß unter Zugrundelegung der
nachstehend gegebenen Zahlen der Plantagenbau außerordentlich rentiren
muß, wenn die Arbeiterzufuhr gesichert ist, da die Südsee-Insulaner auf
ihren heimatlichen Inseln nicht arbeiten. Alle übrigen dazu erforderlichen
Bedingungen sind vorhanden. Große nationale Handelshäuser sind sowol im
Süden wie im Norden und Westen an Ort und Stelle. Sie sind nicht wie
bei andern Nationen der Flagge gefolgt, sondern ihr voraufgegangen.
Weitsichtige, muthige und energische Männer, deren Namen schon
vielfach genannt sind und in deren Händen noch jetzt die Leitung an den
verschiedenen Stellen ist, haben ihren großartigen Geschäftsbetrieben
durch eigene Kraft eine durchaus gesicherte Stellung geschaffen, welche
unantastbar sein dürfte, sobald die deutsche Flagge diesen Pionnieren
folgen sollte. Diese Handelshäuser können jetzt schon als Bankhäuser
eintreten, ihr eigenes Land abtreten oder neue Landkäufe vermitteln, mit
ihren Schiffen und durch ihre Verbindungen die Arbeiter heranschaffen,
die Plantagen mit den europäischen Artikeln versehen und den Pflanzern an
Ort und Stelle ihre Producte abnehmen, auch diesen infolge ihrer reichen
Erfahrung überall mit Rath und That zur Hand gehen.
Um zu zeigen, wie der Plantagenbau sich zur Zeit auf den Samoa-Inseln
rentirt und sich daher auch auf andern etwa zu erwerbenden Inseln rentiren
dürfte, will ich die zur Zeit auf Samoa maßgebenden Zahlen sprechen
lassen:
Kostenpreis eines Acker Landes Mark 20--
Erste Cultivirungskosten und Bepflanzung mit
Baumwolle " 92--
__________
Investirtes Kapital im Lande ohne Gebäude Mark 112--
Die Erfahrung lehrt, daß bei der Baumwollcultur
durchschnittlich 3½ Acker von einem Arbeiter,
Arbeiterin oder halbwüchsigen Kind bearbeitet
werden können, welche Person jährlich an Lohn,
Unterhalt u. s. w. kostet Mark 240-260
Demnach stellen sich die Betriebskosten für
Arbeitslohn (260 M. für 3½ Acker) für =einen=
Acker auf höchstens Mark 76--
Gehalt eines Verwalters und eines Aufsehers,
Zinsen auf Kapital investirt für Gebäude,
Amortisation für Gebäude, Abnutzung von Geräth
u. s. w. per Acker " 16--
Daher jährliche Betriebskosten per Acker hoch
gerechnet " 92--
Dieselben sollen im Durchschnitt nicht
übersteigen " 80--
Jährlicher Ertrag eines Ackers Baumwolle ist
durchschnittlich 1000 Pfd. in Saat gewöhnlicher
Sorte zum Werthe von " 120--
oder bessere Sorte mit 800 Pfd. in Saat zum " 148--
Werthe von
Daraus ergibt sich eine Rente von dem im Lande
investirten Kapital von 25 Proc. im
ungünstigsten, aber von circa 60 Proc. im
günstigsten Falle, oder 36-50 Proc. im
Durchschnitt.
Wenn nun die Baumwollpflanzungen allmählich in Kokosnußpflanzungen
verwandelt werden, dürfte das Resultat des jährlichen Ertrages sich noch
günstiger gestalten, sobald dieselben erst vollen Ertrag liefern. Es sind
hier von einem Arbeiter gut fünf Acker zu bewältigen und werden auch alle
andern Unkosten geringer. Die Berechnung stellt sich dann wie folgt:
Arbeitslohn per Jahr und Acker Mark 48--
Verschiedene Unkosten " 12--
_________
Jährliche Betriebskosten und Auslagen Mark 60--
Jährlicher Ertrag eines Ackers Mark 120-160
gibt einen jährlichen Ueberschuß von 60-100 Mark, ganz abgesehen von dem
Nutzen der Viehzucht, welche sich mit Kokosnußplantagen vereinen läßt.