Am 4. November morgens, nachdem wir in der vorangegangenen Nacht zwischen

mehrern Inseln und Korallenriffen durchgegangen waren, wodurch meine stete

Anwesenheit auf der Commandobrücke bedingt wurde, standen wir vor Taviuni

und vor einer wenig befahrenen Gegend, über welche die Seekarten noch sehr

ungenau sind. Die vielen Korallenriffe machen es hier nöthig, das Schiff

von dem Mast aus zu navigiren, denn aus solcher Höhe kann man die Untiefen

leicht an der hellern Farbe des über ihnen stehenden Wassers erkennen

und aus dem Ton der Farbe bestimmen, ob die Wassertiefe für das Schiff

ausreicht oder nicht. Die einige Stunden währende Fahrt zwischen schönen

hohen Inseln hindurch war recht genußreich, doch nach der schlaflos

verbrachten letzten Nacht war es für mich genußreicher, nachmittags vor

einem größern Dorfe mit Namen Soma-Soma in ganz ruhigem Wasser dicht unter

Land, wo die köstlichste Ruhe herrschte, zu ankern und damit die Gewißheit

auf eine ungestörte Nacht zu erhalten. Vor Dunkelwerden machten wir noch

einen kleinen Spaziergang durch das Dorf, besuchten den hier lebenden

Häuptling, einen der ersten und einflußreichsten der ganzen Fidji-Gruppe,

ohne ihn indeß zu treffen, fanden aber seine Frau zu Hause, eine Schwester

Cakobau’s (das 'C' wird wie das englische 'th' ausgesprochen), des

frühern Königs der Fidji-Inseln. Das Haus gleicht von außen einem großen

Haufen verwelkten Laubes. Es ist eine Hütte von etwa 16 m Länge, 10 m

Breite und 10 m Höhe; 3 m hohe Seitenwände tragen das riesige Dach. Das

Gerippe dieses Bauwerks besteht aus starken Pfählen, Balken und Sparren,

auf welche Laub auf Laub geschichtet ist, bis Seitenwände und Dach eine

Dicke von etwa 1 m erhalten haben und damit sichern Schutz gegen Wind und

Regen gewähren. Ob die Pfähle auf Menschenleibern ruhen, konnte ich nicht

erfahren, möchte es aber annehmen, da das Haus wol noch aus der Zeit vor

der englischen Herrschaft stammt und damals hier beim Bau von Häusern für

Häuptlinge, um diesen Glück zu bringen, in jedes für einen Pfahl gegrabene

Loch ein lebender Eingeborener (gewöhnlich Kriegsgefangene, wenn solche

vorhanden waren) geworfen und auf diesen dann der Pfahl eingerammt wurde.

Aus demselben Grunde wurden auch beim Ablauf neu gebauter großer Kanus

gewöhnlich acht lebende Eingeborene, über welche das Fahrzeug hinweglaufen

mußte, geopfert. -- Die innern Wände des Hauses sind austapeziert und

zwar mit Tapa, dem schon öfter genannten Maulbeerbaumrindenstoff,

welchen die eingeborenen Frauen selbst anfertigen und mit reicher

bunter Malerei verzieren. Das Handwerkszeug zum Malen besteht aus einer

Kokosnußschale mit Farbstoff und einem kleinen Stück Holz, mit welchem

auf dem Stoff mit unendlicher Geduld so lange herumgefahren wird, bis

die mit demselben Hölzchen vorher mit dünnen Linien vorgezeichneten

Muster mit Farbe ausgefüllt sind. Eine fußhohe Schicht theilweise mit

Matten überdeckter kleiner runder schwarzer Steine, welche vor Sauberkeit

strahlen, bedeckt den Fußboden und dient denselben Zwecken wie in den

samoanischen Häusern. Ein Tapa-Vorhang schließt ein Sechstel des Raumes

als Schlafgemach ab, dessen Einrichtung ziemlich einfach ist; Matten

dienen als Betten, kleine auf Füßen stehende, bis zu 10 cm dicke Stücke

Bambusrohr bilden wie in Samoa die Kopfkissen. Vor dem Vorhang liegen an

einer Seite große Haufen Matten und zusammengerollte Tapa-Stücke, welche

das einzige alte Besitzthum bilden und nach deren Masse der Reichthum

eines Mannes noch jetzt abgeschätzt wird. -- Soweit entspricht die Hütte

dem frühern Comfort und Luxus der Eingeborenen; was nun kommt, ist eine

Folge der vorschreitenden Cultur. An den Wänden entlang stehen Gewehre,

die Waffen des ganzen Stammes und Eigenthum des Häuptlings, wie vor der

Besitzergreifung durch England auch die Menschen des Stammes dem Häuptling

gehörten. Der übrige Raum ist mit allen möglichen Sachen ausgefüllt,

welche größtentheils schon sehr verkommen aussehen. Auf einem Tisch finden

wir buntbemalte Petroleumlampen, eine Spieluhr und Kochtöpfe, Messer,

Gabel, Nähzeug und noch verschiedenerlei Sachen. An der Wand hängen

einige Uhren, welche nicht mehr gehen. Dort steht ein Waschbecken, hier

ein alter Zinkeimer als Gefäß für Trinkwasser, Teller, Kleidungsstücke,

alles bunt durcheinander. Der Häuptling ist ein reicher Mann und könnte

nach unsern Begriffen sehr angenehm leben, der Sinn für Comfort fehlt

hier aber noch vollständig. Diesem Manne gehörte früher ganz Taviuni,

mit der Besitzergreifung hat die englische Regierung ihn aber mit einem

Jahresgehalt von 600 Pfd. St. oder 12000 Mark abgefunden, ihm außerdem

auch noch große Länderstrecken belassen. Für seinen Lebensunterhalt

gebraucht er eigentlich nichts, da die Leute seines Stammes ihn mit dem

Nothwendigen versehen und für ihn arbeiten müssen; sonst könnte auch ein

kleiner Theil seines Landes ihn mit allem im Ueberfluß versorgen.

Wie schon erwähnt, trafen wir den Häuptling selbst nicht, sondern nur

seine Gattin, Frau Tui-Kakao. Diese in den mittleren Jahren stehende

braune Dame und Prinzessin, gekleidet wie die vornehmen Tonga-Frauen,

saß einige Schritte von der Hauptthür entfernt in ihrem großen Salon mit

Näharbeit beschäftigt auf einer Matte, ihr gegenüber ein Mann, welcher

jedenfalls Diener und Gesellschafter in seiner Person vereinigte. Es

herrscht hier, wie überall in Polynesien, die Sitte, daß der gemeine Mann

vor einem Vornehmen nie steht, sondern sich ihm nur in gebückter Stellung

nähert, sich dann mit gekreuzten Beinen dicht neben ihn auf die Erde

setzt, einen Augenblick wartet und nun mit lauter Stimme ohne Scheu frei

von der Leber weg redet. Die Häuptlingsfrau und Königsschwester unterhält

sich mit ihrem Diener wie mit ihresgleichen, der Diener benimmt sich so

frei, als ob er mit seiner Herrin auf gleicher Stufe stände, doch nur

so lange als er sitzt. Sobald er einen Auftrag erhält, erhebt er sich

vorsichtig, um dabei ja nicht seinen Körper ganz auszustrecken, bewegt

sich dann in gebückter Stellung vorsichtig auftretend weiter, bis er

eine gewisse Entfernung erreicht hat, um dann seinen Körper zu strecken,

den Kopf aufzuwerfen und mit einer Würde zum Wassereimer zu gehen,

als ob er dort eine Handlung vornehmen wolle, von welcher das Wohl und

Wehe Tausender abhinge. Er füllt das Glas und nähert sich uns mit einem

Anstande, daß wir uns fragen, ob wir die Dienstleistung annehmen können.

Doch die Würde schwindet in gewisser Entfernung von uns, das Feuer der

Augen erlischt, der Kopf senkt sich, der Körper nähert sich der Erde und

angekrochen kommt ein unterwürfiger Sklave.

Nach Befriedigung meiner Neugier hatte ich bei Frau Tui-Kakao nichts mehr

zu suchen; ich empfahl mich daher, nachdem ich noch ein schönes Stück

Tapa von ihr als Geschenk angenommen hatte, und ging nach meinem Boot,

um an Bord zurückzukehren. Eine Schar munterer Mädchen, gutgewachsene

junge Dirnen, welche ihren schönen nackten Oberkörper mit einer reizenden

Koketterie tragen, lenken meine Schritte indeß für kurze Zeit noch ab. Wo

ziehen diese lachenden, singenden Kinder, auf der Schulter einen Stock

mit daranhängenden Kokosnußschalen und Flaschen tragend, im Gänsemarsch

hin? Sie gehen nach dem Strande und füllen dort ihre Gefäße mit Seewasser;

manch eine wird dabei durch den Uebermuth der andern in das Wasser

geworfen und nimmt so ein unfreiwilliges Bad. Nach kurzer Zeit kehren alle

wieder zum Dorfe und zu ihren Hütten zurück.

Bei späterer Nachfrage erfuhr ich, daß die hiesigen Eingeborenen, welche

wie alle Südsee-Insulaner das Salz nicht kennen und es beim Kochen nicht

verwerthen können, das Seewasser zum Kochen einzelner Speisen benutzen

und die Frauen und Mädchen abends stets den Vorrath für den nächsten Tag

holen. Diese Gelegenheit wird dann auch als Conversationsstunde benutzt,

da die Weiber stets zusammen zum Strande gehen. Die entferntest wohnende

macht wol den Anfang und geht bei ihrer nächsten Nachbarin vor, worauf

beide zum nächsten Hause und so fort weiter gehen, bis die ganze muntere

Gesellschaft beisammen ist.

Diese Ablenkung brachte mich auch noch zu einem Schuppen, wo ein Kanu

gebaut wurde und wo ich Gelegenheit fand, zu bewundern, mit welch

unvollkommenen Handwerkszeugen diese Leute ihre zierlichen Fahrzeuge

herstellen. Ehe ich in mein Boot stieg, sah ich mir auch noch zwei in der

Nähe auf dem Strande liegende große Doppelkanus an, die für eine Reise des

Häuptlings in Ordnung gebracht wurden und wobei viele Männer beschäftigt

waren, um den Proviant für die bevorstehende Reise zurecht zu machen und

auf dem Feuer die Brotfrucht und den Yams zu bereiten. Diese interessanten

leichten Fahrzeuge, mit welchen die Polynesier oft große Reisen über See

machen und die nur durch fortwährendes Ausschöpfen über Wasser gehalten

werden, bestehen aus dem eigentlichen Schiffe, welches gewöhnlich 30 m

lang, 3 m breit ist und einen 5 m tiefen Schiffsraum hat, sowie einem

15-16 m langen ganz gedeckten kleinern Fahrzeug, das als Ausleger dient.

Ob dieses letztere auch als Wohn- oder Lastraum benutzt wird, habe ich

nicht erfahren, ich glaube es indeß nicht, sondern bin der Ansicht, daß

die für das große Kanu nothwendige Größe und Schwere des Auslegers dazu

geführt hat, diesen in Bootsform herzustellen, um ihm die erforderliche

Schwimmfähigkeit zu geben. Auf den die beiden Fahrzeuge verbindenden

Balken befindet sich eine mit einer Hütte versehene Plattform von etwa

6 m im Geviert, von welcher aus das Segel bedient und das Schiff gesteuert

wird. Das Hauptfahrzeug ist an beiden Enden auf ungefähr ein Viertel der

Länge mit einem leichten Deck versehen, der übrige Raum ist, soweit er

nicht durch die Plattform gedeckt wird, offen. Zur Fortbewegung dient ein

für die Verhältnisse des Fahrzeugs riesiges Mattensegel, welches demselben

bei entsprechender Windstärke eine außerordentlich große Geschwindigkeit

geben soll. Das vollausgerüstete Doppelkanu soll bis zu 200 Mann mit den

erforderlichen Proviantvorräthen für 8-10 Tage aufnehmen können. Als eine

besondere Eigenthümlichkeit möchte ich noch anführen, daß die Spitze des

Mastes hier in Fidji wie in Tonga mit einer halbmondförmigen Verzierung

versehen ist, ich weiß indeß nicht, ob diesem Halbmond eine besondere

Bedeutung beizumessen ist.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit meiner Gig nach einer vier Seemeilen

entfernt liegenden Plantage, um uns dieselbe anzusehen. Der Besitzer, ein

wohlerzogener, gebildeter junger Engländer, nahm uns liebenswürdig auf

und führte uns selbst nach seiner Kaffeepflanzung, welche uns in Levuka

sehr gerühmt worden war. Ein strammer Marsch von 1½ Stunden, anfänglich

durch eine Baumwollpflanzung hindurch, dann aber, und zwar den größten

Theil des Weges, auf engem Pfade durch Urwald, brachte uns zu der 500 m

über dem Meeresspiegel gelegenen Kaffeepflanzung. Sehr ermattet langten

wir dort an, wurden aber bald durch das viele Interessante, was wir zu

sehen bekamen, entschädigt. Zuerst kamen wir an ein geschützt liegendes

Terrain, wo lange, schmale und wohlgepflegte Beete zeigten, daß hier

schon Menschenhände der Natur nachgeholfen hatten. Hier werden aus

den Samenkörnern die ersten Pflänzchen gezogen, um später dann in die

eigentlichen Plantagen versetzt zu werden. Alle Beete prangen im schönsten

Grün und die ersten Schößlinge des Kaffees, Thees und des Chinarindenbaums

zeigen ihre saftigen Köpfchen. Ein kühler Quell unter schattigen Bäumen,

welcher sich weiterhin zu einem kleinen Murmelbach ausbreitet, gibt etwas

Leben und namentlich uns Erfrischung. Wir gingen dann zu der eigentlichen

Kaffeeplantage und waren überrascht, eine so sorgsam gehaltene Anpflanzung

zu finden. Gewöhnlich bieten die tropischen Plantagen dem Auge kein

anziehendes Bild, da alles wächst, wie es wachsen will, und nur die

allernothwendigsten Wege offen gehalten werden. Hier aber ist es anders.

Die Kaffeebäume, in Form und Größe kleinen Tannenbäumen ähnlich, sind so

regelmäßig gepflanzt wie in einer Baumschule. Von jedem Baum aus laufen

die andern Bäume in geraden Linien strahlenförmig nach allen Richtungen

aus, sodaß jedes Bäumchen denselben freien Raum und zwar einen Kreis von

4 m Durchmesser erhält. Zwischen den Bäumen sind Gestrüpp und Unkraut

entfernt, die reichlich angelegten Wege sind schön gehalten und mit

buntfarbigen Blumen und Blattpflanzen eingefaßt. Die sorgsame Anlage

scheint den Besitzer aber auch für die große darauf verwandte Mühe

zu belohnen, denn die kleinen Kaffeebäume sind so reich mit Früchten

behangen, daß eine gute Ernte erwartet werden darf. Sehr lehrreich war es

für mich, hier einiges über die für den Kaffeebau nothwendigen Bedingungen

zu erfahren. In diesem Klima gedeiht der Kaffee nur in einer Höhe von

400-600 m, da das niedriger liegende Land zu heiß, das höher liegende aber

schon zu rauh ist. Ferner muß von den Kaffeepflanzen jeder Wind abgehalten

werden, nur ganz leiser Luftzug darf die Pflanzung durchstreifen. Deshalb

muß die Plantage in einem von höhern Bergen umschlossenen Kessel angelegt

werden; doch auch dies genügt noch nicht ganz, vielmehr muß ein Terrain

von gewisser Größe auch noch von einer mehrfachen Baumreihe umstanden

sein, damit diese durchbrochene Wand die Hauptkraft eines etwa sich über

die Bergkämme in den Thalkessel hinabwälzenden Windfeldes bricht. -- All

diese Kenntnisse des Besitzers waren natürlich nicht die Summe seiner

eigenen Erfahrungen, sondern er hatte sie von seinem Lehrer, seinem

Oberaufseher, einem alten Indier, welchen er von Ceylon hatte kommen

lassen. Dieser war auch der Vater der musterhaften Ordnung, welche wir

hier oben vorfanden.

Nachdem wir alles gesehen hatten, mußten wir auch noch der Einladung

unsers liebenswürdigen Wirthes folgen und einen Imbiß in seiner Wohnung

nehmen. Sein Haus besteht aus einer ortsüblichen Hütte, welche innen

in drei Räume getheilt ist. Der erste Raum dient als Vorzimmer und

Schlafstätte der drei Dienerinnen, Mädchen von einer der Kingsmill-Inseln,

welche bei unserm Eintreten damit beschäftigt waren, Ingwerwurzeln zu

reinigen. Der zweite mit englischem Comfort ausgestattete Raum wird als

Eß- und Wohnzimmer, der dritte als Schlafzimmer benutzt. Wir tranken ein

Glas Wein, aßen Biscuit mit Büchsen-Lachs und -Zunge und brachen dann

auf. Der Besuch hatte uns sehr befriedigt und wir nahmen daher gern noch

die Strapaze des Rückweges ohne Murren auf unsere Beine. Gegen 3½ Uhr

nachmittags waren wir an Bord, wo uns das Essen vorzüglich schmeckte und

starker Regenfall es uns leicht machte, den Abend in Ruhe auf dem Schiffe

zu verbringen. -- Am nächsten Morgen, 6. November, ging es wieder weiter.

Während des Tages führte unser Curs zwischen Inseln und Riffen hindurch,

abends 7 Uhr waren wir in freiem Wasser.

Ich wollte zunächst die Insel Fotuna anlaufen, welche ich bei den

herrschenden Windverhältnissen am nächsten Mittag erreichen mußte. Die

Insel hat zwar keinen Ankerplatz, doch genügte es meinen Zwecken, mit

dem Consul nur für einige Stunden mit dem Boot an Land zu gehen und das

Schiff während der Zeit unter Segel zu belassen. Der Wind spielte mir

aber einen seiner launigen Streiche und hätte mich am 7. November erst so

spät abends an die Insel herankommen lassen, daß ich an demselben Tage

nicht mehr das Land hätte besuchen können. Die Nacht zu opfern, schien

mir bei der Kürze der mir zur Verfügung stehenden Zeit nicht angebracht;

ich gab das Anlaufen von Fotuna daher auf und setzte meinen Curs direct

auf Funafuti, eine der Ellice-Inseln. Am 11. November mittags kam diese

niedrige Koralleninsel in Sicht und sollte ich nun endlich Gelegenheit

finden, meine Neugierde zu befriedigen, da diese die erste derartige Insel

ist, auf welche ich am selben Abend nach dem Ankern meinen Fuß gesetzt

habe.

Die Karten dieses Theiles der Erde sind noch sehr unvollkommen, so

dürftig, daß sie eben nur als Anhalt dienen können; mit Sicherheit

danach navigiren kann man nicht. So zeigt die vor mir liegende Skizze,

welche die äußern Umrisse dieses niedrigen Landes wiedergibt, nur =eine=

Einfahrt in die Lagune, während die mir zugegangenen Nachrichten gerade

besagen, daß dort keine Einfahrt existirt, aber zwei andere vorhanden

sind. Ich verlasse mich auf meine Gewährsleute und dampfe zwischen

zwei kleine Inseln, wo eine Einfahrt liegen soll. Aus der Takelage wird

indeß bald flaches Wasser gemeldet, von dem Schiff aus sieht man schon

den Meeresboden, und das Loth zeigt eine so geringe Tiefe, daß es nicht

gerathen erscheint, bei dem hohen Seegange ohne vorherige Recognoscirung

weiter zu gehen. Drehen kann das Schiff nicht mehr, dazu ist es zu eng,

voll Dampf geht es rückwärts und nach wenigen Minuten schwimmt das Schiff

wieder in tiefblauem Wasser, wo man auch ohne Versuch weiß, daß das Loth

keinen Grund mehr findet. Die beiden Kutter sind bald zu Wasser, um das

Fahrwasser auszulothen und sich so hinzulegen, daß das Schiff zwischen

den beiden Booten eine sichere Rinne findet. Inzwischen sind auch schon

von dem weit entfernten Dorfe zwei Kanus mit Lootsen angekommen, die, wenn

sie auch nicht ganz zuverlässig sind, doch immer gern als nützliche, mit

der Gegend bekannte Menschen angenommen werden. Nach einer halben Stunde

dampft die „Ariadne“ wieder vorwärts, geht zwischen den Kuttern durch

in die schöne Lagune, nimmt die Boote wieder auf und ankert nach einer

weitern halben Stunde, nachmittags 4 Uhr, vor dem auf blendendem Sande

malerisch unter hohen Kokospalmen gelegenen Dorfe.

Es ist ein wahrer Genuß, in dieser regungslosen Flut zu liegen, mit

dem Bewußtsein, daß der Anker vortrefflichen Grund gefunden hat und dem

Schiffe hier nichts passiren kann. Jenseit des schmalen Landstreifens

hört man die hohe Brandung brüllend sich an dem steinernen Fuß der Insel

brechen. An den Stellen, wo das Korallenriff unter dem Wasserspiegel

liegt, sieht man die Wogen hoch auflaufen und ihren Gischt gen Himmel

spritzen. Hier innen aber hat das Wasser Ruhe und auch der auf ihm

schwimmende Seefahrer. Nach dem Ankern fuhr ich mit dem Consul noch an

Land, um den obersten Häuptling oder König zu besuchen; weiter umsehen

konnten wir uns aber nicht, da es schnell dunkel wurde. Wir kehrten daher

an Bord zurück, wo ich Ruhe fand zur Vervollständigung meiner Berichte.

* * * * *

Ehe ich auf meine weitern Erlebnisse eingehe, will ich hier die Gründe

niederlegen, welche mich zu dem Versuch veranlaßten, mit den unabhängigen

Inseln und Inselgruppen Verträge zu schließen oder besser gesagt

Abmachungen zu treffen.

Die unabhängigen Inseln und Gruppen sind für den in der Südsee

dominirenden deutschen Handel von großer Bedeutung, weil sie sehr viel

Copra produciren; für den auf den Samoa-Inseln in großem Maßstabe von

den Deutschen aufgenommenen Plantagenbau sind sie aber von unermeßlichem

Werthe, weil sie die Arbeiter für die Plantagen liefern. Und um diesen

Punkt dreht sich meines Erachtens das Südseegeschäft. Denn wenn der Handel

mit Copra auch großen Gewinn abwirft, so darf man doch nicht vergessen,

daß der Handel auch vielen Zufälligkeiten unterworfen ist und für Jahre

vernichtet werden kann, wenn ein fremdländisches, leistungsfähiges und

womöglich von seiner Regierung unterstütztes Kaufmannshaus als Concurrent

auftritt und durch zeitweiliges Zahlen übermäßiger Preise dieses

Handelsfeld an sich zu reißen sucht. In solchem Falle muß der Kaufmann mit

durchhalten und für Jahre Verluste tragen, um durch Ausdauer den fremden

Concurrenten zu verdrängen. Dies ist aber leichter durchführbar, wenn der

Kaufmann gleichzeitig große Plantagen besitzt, welche mit dem Steigen der

Coprapreise in demselben Verhältniß an Werth gewinnen, sodaß der Verlust

an dem Handel durch den Gewinn an den Plantagen ausgeglichen wird.

Dies ist das glückliche Princip, welches von der Deutschen Handels-

und Plantagengesellschaft in Samoa angenommen worden ist. Der Handel

in der Südsee kann in der Jetztzeit nur von sehr großen Häusern oder

Gesellschaften mit bedeutenden Kapitalien unterhalten werden und bringt

diesen großen Gewinn. Kleine Handlungshäuser mit ungenügenden Mitteln

müssen hier zu Grunde gehen, wie die Erfahrung bisher gelehrt hat. Die

Südsee bietet also kein Feld für allgemeine Handelsunternehmungen, hat

aber in den noch unabhängigen Inseln vorzügliches Plantagenland, welches

Landwirthen mit einem Kapital von 30-100000 Mark ein interessantes Feld

der Thätigkeit und leichten Erwerb großer Vermögen sichert. Auswanderer

ohne Geld (Bauern u. s. w.) hierher zu schicken, würde ein Fehler sein,

weil die eigene Arbeit keinen Gewinn verspricht. Es müssen, wie gesagt,

Leute mit einem gewissen Kapital sein, die eine Plantage gleich in

großem Maßstabe mit Hülfe eingeborener Arbeiter anlegen. Dies ist das

von den Engländern befolgte Princip, welches durch die sachgemäßeste

Ausnutzung der Colonien dem Mutterlande so große Reichthümer zugeführt

hat. Die Engländer schicken keine kleinen Leute in die Colonien, sondern

die jüngern Söhne der Aristokratie, und solche junge Leute, welche sich

für diese Art Leben interessiren oder in der Heimat kein ausreichendes

Fortkommen für ihre Bedürfnisse sehen, werden mit einem Kapital von

3-5000 Pfd. St. dahin entsandt und erwerben sich durch Plantagenbau

oder, wie in Australien, durch Viehstationen, in 10-20 Jahren oft sehr

bedeutende Vermögen. Ich habe in Australien bei noch jungen Leuten schon

die goldenen Früchte gesehen, während wir in Soma-Soma, wie vorher

erzählt, solch einen wohlerzogenen jungen Anfänger den Grundstein zu

spätern Reichthümern haben legen sehen. Wenn man nun erwägt, daß die

Handels- und Plantagengesellschaft allein auf den Samoa-Inseln zur

Zeit an 120000 Acker Land besitzt, davon aber selbst nur 10-15000 Acker

bearbeiten kann, so liegt es auf der Hand, daß unter Zugrundelegung der

nachstehend gegebenen Zahlen der Plantagenbau außerordentlich rentiren

muß, wenn die Arbeiterzufuhr gesichert ist, da die Südsee-Insulaner auf

ihren heimatlichen Inseln nicht arbeiten. Alle übrigen dazu erforderlichen

Bedingungen sind vorhanden. Große nationale Handelshäuser sind sowol im

Süden wie im Norden und Westen an Ort und Stelle. Sie sind nicht wie

bei andern Nationen der Flagge gefolgt, sondern ihr voraufgegangen.

Weitsichtige, muthige und energische Männer, deren Namen schon

vielfach genannt sind und in deren Händen noch jetzt die Leitung an den

verschiedenen Stellen ist, haben ihren großartigen Geschäftsbetrieben

durch eigene Kraft eine durchaus gesicherte Stellung geschaffen, welche

unantastbar sein dürfte, sobald die deutsche Flagge diesen Pionnieren

folgen sollte. Diese Handelshäuser können jetzt schon als Bankhäuser

eintreten, ihr eigenes Land abtreten oder neue Landkäufe vermitteln, mit

ihren Schiffen und durch ihre Verbindungen die Arbeiter heranschaffen,

die Plantagen mit den europäischen Artikeln versehen und den Pflanzern an

Ort und Stelle ihre Producte abnehmen, auch diesen infolge ihrer reichen

Erfahrung überall mit Rath und That zur Hand gehen.

Um zu zeigen, wie der Plantagenbau sich zur Zeit auf den Samoa-Inseln

rentirt und sich daher auch auf andern etwa zu erwerbenden Inseln rentiren

dürfte, will ich die zur Zeit auf Samoa maßgebenden Zahlen sprechen

lassen:

Kostenpreis eines Acker Landes Mark 20--

Erste Cultivirungskosten und Bepflanzung mit

Baumwolle " 92--

__________

Investirtes Kapital im Lande ohne Gebäude Mark 112--

Die Erfahrung lehrt, daß bei der Baumwollcultur

durchschnittlich 3½ Acker von einem Arbeiter,

Arbeiterin oder halbwüchsigen Kind bearbeitet

werden können, welche Person jährlich an Lohn,

Unterhalt u. s. w. kostet Mark 240-260

Demnach stellen sich die Betriebskosten für

Arbeitslohn (260 M. für 3½ Acker) für =einen=

Acker auf höchstens Mark 76--

Gehalt eines Verwalters und eines Aufsehers,

Zinsen auf Kapital investirt für Gebäude,

Amortisation für Gebäude, Abnutzung von Geräth

u. s. w. per Acker " 16--

Daher jährliche Betriebskosten per Acker hoch

gerechnet " 92--

Dieselben sollen im Durchschnitt nicht

übersteigen " 80--

Jährlicher Ertrag eines Ackers Baumwolle ist

durchschnittlich 1000 Pfd. in Saat gewöhnlicher

Sorte zum Werthe von " 120--

oder bessere Sorte mit 800 Pfd. in Saat zum " 148--

Werthe von

Daraus ergibt sich eine Rente von dem im Lande

investirten Kapital von 25 Proc. im

ungünstigsten, aber von circa 60 Proc. im

günstigsten Falle, oder 36-50 Proc. im

Durchschnitt.

Wenn nun die Baumwollpflanzungen allmählich in Kokosnußpflanzungen

verwandelt werden, dürfte das Resultat des jährlichen Ertrages sich noch

günstiger gestalten, sobald dieselben erst vollen Ertrag liefern. Es sind

hier von einem Arbeiter gut fünf Acker zu bewältigen und werden auch alle

andern Unkosten geringer. Die Berechnung stellt sich dann wie folgt:

Arbeitslohn per Jahr und Acker Mark 48--

Verschiedene Unkosten " 12--

_________

Jährliche Betriebskosten und Auslagen Mark 60--

Jährlicher Ertrag eines Ackers Mark 120-160

gibt einen jährlichen Ueberschuß von 60-100 Mark, ganz abgesehen von dem

Nutzen der Viehzucht, welche sich mit Kokosnußplantagen vereinen läßt.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 30 / 56 段