Die einzelnen in der heißen Zone liegenden Inselgruppen sind, mit Ausnahme

derjenigen der Fidji-Inseln, welche einen bedeutendern Ländercomplex

darstellen, so klein, daß eine jede Gruppe für sich keinenfalls einen

europäischen Verwaltungsapparat bezahlen kann, und die Gruppen wieder

sind unter sich räumlich so weit voneinander entfernt, daß sie sich

nicht zusammenfassen lassen, mithin eine Regierungsform nach europäischem

Vorbilde stets finanziell ein Fehler sein würde. Dagegen bieten die Inseln

im Verhältniß zu ihrer Größe so reiche Hülfsquellen, daß jeder Staat

bestrebt sein müßte, sich dieselben zu alleiniger Ausbeute zu sichern. Der

Kernpunkt würde daher darin liegen, wie die Verwaltung einzurichten wäre,

um allen Anforderungen zu genügen. Hier würde nun als erster Grundsatz

festzuhalten sein, daß die Eingeborenen nicht wie in Amerika, Australien

und Neu-Seeland absichtlich und mit allen erlaubten wie unerlaubten

Mitteln ausgerottet werden, sondern daß dafür Sorge getragen wird, die

Menschen zu erhalten, sofern die Bevölkerung nicht zu sehr anwächst,

und das ist hier nicht mehr zu befürchten. Die Eingeborenen sollen nicht

nur mit der Zeit zweckmäßige Arbeitskräfte abgeben, sondern sollen auch

belebend wirken und durch ihre Eigenart den Inseln ihren besondern Reiz

und Zauber erhalten, damit das Leben der Pflanzer nicht zu einförmig

wird. Namentlich aber sollen sie das Mittel bilden, das Land auf billige

Art zu regieren und es dauernd an die Macht zu fesseln, welche Besitz von

ihm ergriffen hat. Ich halte daher ein schutzherrschaftliches Verhältniß

mit eingeborener Regierung und einem obern Beamten des Schutzherrn,

welcher die Regierung hinter den Coulissen leitet und thatsächlich, wenn

auch nicht äußerlich, der Regent ist, für das allein Richtige. Einige

Unterbeamte, Polizei, Post, Wegebau, Zoll u. s. w. würden, als im Dienst

der einheimischen Regierung stehend, die Verwaltung zu vervollständigen

haben. Die eingeborenen Herrscher haben kaum andere Bedürfnisse wie ihre

Unterthanen, halten die Ordnung ganz schön aufrecht, beanspruchen kein

Gehalt und bilden mit ihrem Volk eine sichere Schutzwehr gegen gefährliche

Einwanderung. Würden die Eingeborenen ausgerottet sein, so würden an ihre

Stelle mismuthige Elemente des europäischen Proletariats treten, weil

besitzende Europäer auf solcher Insel nur in verhältnißmäßig geringer

Zahl ihr Fortkommen finden können; jene zweifelhafte Einwanderung und

die von andern Inseln eingeführten Arbeiter könnten aber nur durch eine

kostspielige Truppenmacht in Ordnung gehalten werden, da die auf ihren

großen Plantagen verstreut wohnenden Besitzer sich bei einem allgemeinen

Aufstand nicht gegenseitig unterstützen könnten und ähnlichen Gefahren

ausgesetzt sein würden, wie die Franzosen Ende des vorigen Jahrhunderts

auf der westindischen Insel San-Domingo. Einer solchen Möglichkeit

ist aber vorgebeugt, solange die Inseln ihre einheimische Bevölkerung

behalten, denn diese hält den fremden Arbeitern das Gleichgewicht und für

fremde Einwanderung bleibt kein Raum. Zu einer solchen Schutzherrschaft

gehört daher nicht viel, nur einige Beamte und das jetzt schon vorhandene

zum Schutz des Handels hier stationirte Kriegsschiff. Die Franzosen haben

in ihrer Gier nach Colonien jede kleine Insel, welche ihnen in den Wurf

kam, annectirt und nach europäischem Muster organisirt, spinnen dabei

aber keine Seide. Die Engländer dagegen haben mit ihrem praktischen

Verstand bisjetzt nur solche Gebiete annectirt, die durch ihre Größe eine

umfangreiche Verwaltung vertragen können, oder deren Lage von politischer

Bedeutung ist. Daß sie jetzt neuerdings mit dem Gedanken umgehen, auch von

kleinern Inseln Besitz zu ergreifen, kann nur eine Ausgeburt der Misgunst

sein, da ihnen die Verhältnisse hier seit langer Zeit genau bekannt sind

und sie die Inseln trotzdem vollständig ignorirt haben, solange keine

fremde Macht sie des Besitzes werth hielt, weil Schutzherrschaft nicht in

den Rahmen ihres Colonialsystems hineinpaßt und dieses, wie schon gesagt,

für die kleinen Inseln zu theuer wird. Viel ist hier in der eigentlichen

Südsee ja nicht mehr zu haben, da Engländer und Franzosen sich bereits in

das meiste getheilt haben, und Neu-Guinea mit Neu-Britannien u. s. w. und

den Salomons-Inseln würde ein Gebiet sein, welches nach schon bekannten

Mustern regelrecht zu besetzen sein würde, da die dortige Bevölkerung den

Colonisten keinen Schutz gewähren kann, sondern eine stete Gefahr für sie

sein wird.

* * * * *

Vor Abschluß dieses Briefes habe ich noch eines schönen Zuges von Muth

und Nächstenliebe, welcher sich vor einigen Tagen auf unserm Schiffe

abspielte, zu gedenken. Ein Matrose fiel morgens während des Deckwaschens

durch Unvorsichtigkeit aus einer Höhe von über 30 m aus der Takelage

herunter, hakte mit einem Arm über ein horizontal und straff gespanntes

Tau und wurde durch dessen elastisches Zurückschlagen in großem Bogen

in das Wasser geschleudert, wo ein mit Blut gefärbter Fleck die Stelle

zeigte, wo er untergesunken war. Trotzdem schon während des ganzen Morgens

drei mittelgroße Haie in der Nähe des Schiffes gewesen waren, sprang mein

Gigsteurer, Bootsmannsmaat Lange, ohne Besinnen dem Manne nach, holte

ihn vom Meeresgrund herauf und brachte den ohnmächtigen Verunglückten

mit Hülfe eines andern Matrosen, welcher auch noch nachgesprungen war,

glücklich wieder auf das Schiff. Der Mann hat zwar eine schwere Verletzung

davongetragen, da unter dem linken Arm die Muskeln bis auf den Knochen

durchschnitten sind und der Arm aus seinem Gelenk herausgebrochen ist,

doch hofft der Arzt das Beste und hält es für möglich, daß der Arm wieder

ganz gebrauchsfähig wird.

11.

Von Apia nach den Marshall-Inseln.

(Tonga-, Fidji-, Ellice-, Kingsmill-Inseln.)

Am 20. October, an einem schönen Sonntagmorgen, habe ich Apia nach

vierzehntägigem Aufenthalte daselbst wieder verlassen, um eine Rundreise

durch den westlichen Theil der Südsee anzutreten. Zu meiner großen Freude

begleitet mich Herr Consul Weber, welcher sich entschlossen hat, die

Reise mitzumachen. Ich habe dadurch nicht nur für längere Zeit einen

liebenswürdigen Gesellschafter gewonnen, sondern habe in diesem Herrn auch

einen so erfahrenen Kenner aller hiesigen Verhältnisse und namentlich

der Charaktereigenschaften der Eingeborenen an meiner Seite, daß ich

von seiner Anwesenheit großen Nutzen für die Sache, wegen welcher die

Reise unternommen wird, erwarten darf. Außerdem begleiten mich auch zwei

Dolmetscher.

Unser Weg führt uns zunächst nach Tongatabu und den Fidji-Inseln, also

nach Plätzen, welche in der neuesten Zeit wesentlich in den Bereich

der europäischen Civilisation gezogen worden sind; dann aber werden

wir vornehmlich Inseln und Häfen anlaufen, welche selten besucht werden

und von denen einzelne noch kein deutsches Kriegsschiff gesehen haben.

Und hier hoffen wir dann die Südsee-Insulaner noch in ihrer ganzen

Ursprünglichkeit studiren zu können -- wenn Wind und Wetter uns gestatten,

das vorgesetzte Programm durchzuführen. Ich bin für diese Reise fast

allein auf die Segelkraft des Schiffes angewiesen, weil Kohlen auf dem

vor uns liegenden Wege nur selten und dann auch nur zufällig angetroffen

werden; denn zwischen diesen Inseln (nur Fidji hat eine Dampferverbindung

mit Australien) besteht noch kein Dampferverkehr. Da wir nun bis Ende

December, wo ich wieder in Apia sein will, 6000 Seemeilen zu durchlaufen

und 10-15 Häfen mit dem nothwendigen Aufenthalt zu besuchen haben, so

liegt es auf der Hand, daß ich mit den Winden, welche zur Zeit hier wehen

sollen, also mit dem ortsüblichen Passatwind rechnen muß. Läßt uns dieser

aber im Stich, wie er es gleich zu Anfang schon an der Südküste Upolus

gethan hat, zwingt uns ungünstiger Wind schon von vornherein zum Kreuzen,

dann allerdings kann ich sagen: „wenn Wind und Wetter uns gestatten, das

ganze Programm durchzuführen“.

Am 26. vormittags mußte das Schiff in Sicht der Insel Tongatabu sein, es

war aber bei starkem Winde so dicke Luft, daß weder Land noch Brandung

zu sehen waren. Ein directer Curs mußte indeß in irgendeiner Richtung zur

Orientirung führen und wurde ein solcher daher so lange eingehalten, bis

vor uns und gleichzeitig auch zu beiden Seiten die hohe Brandung auf den

sehr ausgedehnten Riffen der Insel aus dem Dunst hervorbrach. Bald wurden

auch die kleinen, von der Hauptinsel weit abliegenden Inselchen, welche

das Fahrwasser markiren, ausgemacht und nun konnte der richtige Curs zum

Hafen gewählt werden. Wenige Stunden später, nachmittags 2½ Uhr, wurde vor

Nukualofa, der Hauptstadt des kleinen tonganischen Reiches, geankert. Den

Eindruck einer Tropenlandschaft machte das vor uns liegende Bild nicht.

Am Strande entlang stehen kleine Holzhäuser, wie man sie in Norwegen

findet, unter diesen ein größeres in Villenstil, die Wohnung des Königs.

Die Häuser sehen kahl aus, da jedes inmitten eines freien Platzes liegt

und Baum wie Strauch fehlen. Im Hintergrunde lugen zwischen Kokospalmen

einzelne Hütten der Eingeborenen hervor, dieselben können aber nicht als

Staffage zur Geltung kommen, weil der kalte Ausdruck der im Vordergrunde

liegenden weißen Holzhäuser alles beherrscht und der ganzen Gegend einen

frostigen Stempel aufdrückt. Es ist wol wahrscheinlich, daß bei anderer

Witterung die Physiognomie des Landes eine ganz andere wird, jetzt aber

bei dem stürmischen, dunstigen Wetter sieht die Hauptstadt Tongas kalt

aus, und man wähnt bei ihrem Anblick in einer der Polargrenze nahen Zone

zu sein.

Am 27., einem Sonntage, wo in diesen von der englischen Mission

beherrschten Gegenden alles ruht, wo die Eingeborenen nicht einmal für

ihre Mahlzeiten sorgen dürfen und das absolute Nichtsthun den höchsten

Grad der Frömmigkeit bedeutet, war in der Stadt nichts anzufangen. Es

wurde daher ein Ausflug zu Wagen in das Innere des Landes unternommen.

Vortreffliche Wege erleichtern das Fahren und die flinken Pferde mit

guten Wagen machen es zu einem großen Vergnügen; ein besonders großer

Baum ('Ficus indica' oder 'religiosa', von den Engländern auch 'Banyan'

genannt), war das Ziel. Unser Weg führte mehrere Stunden lang an

unbebautem, mit Gestrüpp bewachsenem Lande vorbei, wo es ebenso wenig zu

sehen gab wie in den einzelnen Dörfern, welche wir passirten; das einzige

Vergnügen war eben das Fahren selbst. Endlich, nach nahezu dreistündiger

Fahrt waren wir am Ziele angelangt, wo wir leider neben dem sehenswürdigen

Baume auch ein Dorf mit neugierigen, zudringlichen Eingeborenen fanden,

welche uns zwangen, unser wohlverdientes Frühstück, wollten wir es

unbelästigt genießen, noch im Schutze der Wagen zu lassen.

Der Baum ist weniger schön als merkwürdig. An einem tiefen, weit in das

Land vordringenden Meereseinschnitt steht dieser Koloß, dessen Stamm

eigentlich nur aus dünnen Stämmen, welche wol nur zahllose Luftwurzeln

sind, zusammengesetzt ist. Nach Abmessung mit Schritten hat er einen

Stammdurchmesser von 17 Schritten oder etwa 13 m und demnach einen Umfang

von nahezu 40 m. Die Höhe des Stammes schätzten wir auf etwa 10 m,

sie ist also geringer wie der Durchmesser. Die Aeste, welche sich in

der ungefähren Länge von 10 m nach oben und den Seiten abzweigen, sind

wieder nur Verlängerungen der dünnen Stämme oder Luftwurzeln, welche den

Hauptstamm bilden, und vermögen mit ihren dürftig gesäten kleinen Blättern

keinen Schatten zu geben, sodaß dieses riesige Gewächs in grauer Rinde

weniger einem lebenden Baume denn einer Baumruine gleicht. Merkwürdig sah

es aus, als einige Eingeborene in den Stamm eindrangen und dort wie Käfer

in den Spalten verschwanden. Nach kurzer Rast bestiegen wir wieder unsere

Wagen, um zunächst an einem schattigen, ruhigen Platze unser Frühstück

einzunehmen und dann zur Stadt zurückzukehren.

Am 28. October morgens machte ich dem alten Könige in seiner nach

europäischem Geschmack vornehm eingerichteten Villa meinen Besuch. Der

Großneffe des Königs und Sohn des Thronfolgers, Prinz Wellington Gu (spr.

Ngu), empfing uns an der Thüre und führte uns in den Empfangssaal, wo der

König, umgeben von seinem Neffen und Thronfolger, Prinz Davita Uga, und

einem Adjutanten, uns erwartete. König und Thronfolger trugen schwarze

Röcke mit eingewirkten goldenen Kronen auf dem Unterarm, Prinz Wellington

Gu war in schwarzer, mit Silber durchwirkter Uniform, der Adjutant trug

eine rothe, den englischen Linientruppen ähnliche Uniform, welche für die

aus ungefähr 250 Mann bestehende tonganische Armee eingeführt ist.

Der König nahm auf dem Thronsessel Platz. Diesem gegenüber standen

zwei gleiche, etwas kleinere mit der Königskrone geschmückte Sessel für

den Consul und mich; die Prinzen und der Adjutant setzten sich auf im

Kreis aufgestellte Polsterlehnstühle. Der König ist ein Greis von 72

Jahren, der seinen mächtigen Körper noch mit jugendlicher Frische trägt.

Seine Gesichtszüge sind die etwas veredelten der Eingeborenen und ohne

hervorragende Bedeutung. Sein Neffe, der Thronfolger, ein Mann von etwa 50

Jahren von großer und kräftiger Gestalt hat ein ausdrucksloses Gesicht,

in welchem ein Auge fehlt. Prinz Wellington Gu ist 24 Jahre alt, hat

schöne intelligente Gesichtszüge und den Körper eines Riesen. Dieser junge

Prinz, welcher ein durchaus ehrlicher und anständiger Charakter sein soll,

schon eine bessere Erziehung genossen hat und fließend englisch spricht,

ist vorzugsweise dem deutschen Wesen zugethan und daher in politischer

Beziehung die Hauptstütze des Königs, da dieser in dem Handels- und

Freundschaftsvertrage mit dem Deutschen Reiche die sicherste Gewähr für

den Fortbestand seines kleinen Reiches sieht.

Es fiel mir noch auf, daß dem König an seinen beiden kleinen Fingern

und dem Thronfolger an einem kleinen Finger zwei Gelenke fehlten, und

ich wurde dahin belehrt, daß diese Verstümmelung noch aus der Zeit des

Heidenthums stamme, wo es Sitte war, sich bei Todesfällen naher Verwandter

als Zeichen der Trauer einzelne Fingergelenke abzutrennen. Nach einigen

Begrüßungsworten von meiner Seite, welche Prinz Gu verdolmetschte, stand

der König mit seinem Gefolge auf, um durch Auflegen des Unterarms auf die

Stirn, was nach tonganischer Sitte das Zeichen der größten Ehrerbietung

ist, seinem Dank für die Liebe, welche der Deutsche Kaiser dem kleinen

tonganischen Reiche entgegentrage, den höchsten Ausdruck zu geben. Damit

war der förmliche Theil meines Besuches erledigt. Wir gingen nun nach dem

Eßsaal, um dort einige Erfrischungen einzunehmen und den Klängen unserer

Schiffskapelle, welche ich zur freudigen Ueberraschung der Anwesenden aus

dem Boot heraufholen ließ, zu lauschen.

Auf dem großen Hofe hatten sich inzwischen mehrere hundert Eingeborene

versammelt, welche auf der Erde sitzend dem Concert andächtig zuhörten;

auch die mit ihren Herren und Herrinnen mitgekommenen Hunde und

Schweine betrugen sich anständig. Nur ein Hund schien der Spaßmacher

der Gesellschaft zu sein und ein gewisses Vorrecht zu genießen. Er hatte

sich einer leeren Kokosnußschale bemächtigt und warf dieselbe, solange

die Musik spielte, mit der Schnauze in die Höhe, um sie geschickt wieder

aufzufangen und danach mit seinem Spiel von neuem zu beginnen; daß er

dabei zwischen den Eingeborenen und zuweilen auch über dieselben hinweg

sprang, um sein Spielzeug rechtzeitig zu fassen, wurde ihm von niemand

verargt, wenigstens wurde er nicht zur Ruhe verwiesen. Das Volk hatte

sich Sonntags- oder doch reingewaschene Kleider angezogen und den schön

gewachsenen Frauen standen die kurzen blusenartigen, nur bis zu den Hüften

reichenden, weit ausgeschnittenen weißen Hemdchen besonders gut, da die

wohlgeformten braunen Schultern und Büsten sich aus ihrem schneeigen

Rahmen so vortheilhaft wie nur möglich heraushoben. Sobald die Musik

einige Stücke gespielt hatte, empfahlen wir uns bei den tonganischen

Herrschaften und kehrten zum Schiffe zurück. Beim Verlassen des Hauses

fand ich noch Gelegenheit, der Königin die Hand zu drücken, denn als mir

auf dem Hausflur eine der dort auf dem Boden kauernden Frauen ihre Hand

entgegenstreckte, wurde mir bedeutet, daß diese sehr gut aussehende und

gut gekleidete ältere braune Dame die Frau des Königs sei.

Bei einem spätern Besuch Tongas hoffe ich bessern Einblick in das Leben

dieser Insulaner zu erhalten.

Am 29. October früh 8½ Uhr habe ich Nukualofa wieder verlassen.

Nach einer schnellen Reise langten wir am 31. October gegen 10 Uhr abends

vor Levuka an, mit der Absicht, während der Nacht unter kleinen Segeln

vor dem Hafen zu bleiben, da der Mond das Land so grell beleuchtete,

daß die Einfahrt nicht genügend zu erkennen war, denn der Mond ist

unter solchen Verhältnissen ein sehr unzuverlässiger und trügerischer

Freund und hat schon manchem Schiffe den Untergang gebracht. Als er

aber gegen 11 Uhr hinter der hohen Bergwand verschwunden war, traten

die Richtfeuer für die Hafeneinfahrt so scharf hervor, daß ich mich doch

noch zum Einlaufen entschloß, um am nächsten Tage bei frischen Kräften

zu sein. Die Segel wurden daher geborgen und die Maschine, welche vorher

schon Dampf gemacht hatte, in Gang gesetzt. Mit langsamer Fahrt ging

es vorwärts, und als wir so nahe an die Hafeneinfahrt gekommen waren,

daß man unsere Lichter von Land aus sehen mußte, ließ ich verschiedene

Fackelfeuer abbrennen, um einen Lootsen heranzusignalisiren, mußte aber

schließlich auf diese Hülfe verzichten, weil meine Signale unbeantwortet

blieben. So ließ ich nur noch, da der Hafen von Levuka von einem bis zur

Meeresoberfläche reichenden Korallenriff umgeben ist, auf welchem immer

eine starke Brandung steht, vom Vorschiff aus nach beiden Seiten hin

Fackelfeuer abbrennen, um keine Vorsicht außer Acht zu lassen und mit

Hülfe dieses grellen Lichtes zu versuchen, die Brandung zu beleuchten, in

der Hoffnung, dadurch das ruhige Wasser in der schmalen dunkeln Einfahrt

gut erkennen zu können. Dieses Hülfsmittel gab zwar ein schönes Bild,

erwies sich sonst aber als ganz unzureichend. Wie mit elektrischem Licht

übergossen tritt das hochgetakelte, aus seinem mächtigen Schlot dicke

Rauchwolken werfende Schiff in der Mitternachtsstunde aus dem Dunkel der

Nacht hervor und spendet so viel Licht, daß das Wasser vorn und zu beiden

Seiten gleichmäßig hell beleuchtet wird; aber keine Brandung ist zu sehen,

nur plötzlich hören wir zu beiden Seiten ihr grollendes Rauschen und

wenige Sekunden darauf liegt sie auch schon hinter uns. Nur einen kurzen

Blick werfen wir dahin, ein Commandoruf und die Fackelfeuer zischen ihr

Leben im Meere aus. Licht und Schiff sind verschwunden, stockfinstere

Nacht überall. Noch einige scharfe Wendungen um verschiedene plötzlich

vor uns auftauchende große Schiffe und der Anker fällt kurz nach 12 Uhr

in den Grund. Als liebliches Echo auf die deutschen Commandoworte flog

uns aus weiblichem Munde ein „Grüß Gott, ihr Brüder!“ entgegen, ein

Gruß, welcher, wie sich nachträglich herausstellte, von einem deutschen

Dienstmädchen kam, das nach Erfüllung ihres Contracts mit einem in

unserer Nähe liegenden deutschen Schiffe die Heimreise macht. Nachdem wir

geankert hatten, kam auch noch ein Boot der Hafenpolizei längsseit, um

nach dem Zweck unserer Fackelfeuer zu fragen. Von der erhaltenen Antwort

jedenfalls wenig befriedigt kehrte es zum Lande zurück, denn man sagte

uns nicht, daß wir an gefährlicher Stelle lägen. So blieb es dem wackern

Navigationsoffizier, welcher stets treue Wacht hält, vorbehalten, auch

diese Gefahr zu entdecken. Schon mit dem ersten Morgengrauen war er an

meinem Bett, um mir zu melden, daß dicht hinter dem Schiffe, nur wenige

Fuß unter Wasser ein Felsen sei, welcher dem Schiffe schaden müsse,

sobald dieses bei aufkommendem Winde nur die lose liegende Kette steif

durchhole. So mußten wir gleich am frühen Morgen wieder an die Arbeit

-- eine halbe Stunde später lag das Schiff an sicherm Ankerplatze. Wie

mir ein deutscher hier ansässiger Herr versicherte, ist dieser Felsen

auffälligerweise erst vor ganz kurzer Zeit entdeckt worden und daher noch

in keiner Karte verzeichnet. Großes Erstaunen erregt es übrigens hier am

Lande, daß wir mit einem so großen Schiffe während der Nacht ohne Lootsen

eingelaufen sein sollen, während doch die englischen Kriegsschiffe auch

am Tage stets einen solchen nehmen. Man sucht nach dem Lootsen, welcher

uns hereingebracht haben muß, kann ihn aber natürlich nicht finden.

Ueber Levuka läßt sich nicht viel sagen. Die kleine Stadt, welche am

Fuße der hohen malerischen Berge liegt, hat ein südeuropäisches Gepräge,

kleine in Gärten liegende Häuser mit großen Veranden, Restaurationen und

Läden. Von den Eingeborenen sieht man so gut wie gar nichts; Levuka ist

zur Zeit die Hauptstadt der Fidji-Inseln und ist daher vorzugsweise von

Europäern, in erster Reihe natürlich von den englischen Beamten mit ihren

Familien bewohnt. So ist es bei der bekannten über alles Lob erhabenen

Gastfreundschaft der Engländer im Auslande selbstverständlich, daß unsere

Offiziere gleich am ersten Tage so viele Einladungen erhalten haben, daß

sie denselben bei unserm kurzen Aufenthalt gar nicht nachkommen können.

Es ist ein eigenes Ding um eine neu gegründete englische Colonie. Der

neu ernannte Gouverneur begibt sich mit seiner Familie und seinem Stabe

an Ort und Stelle, hohe und niedere Beamte folgen bald, bringen aber

auch ihre Familien gleich mit. Bequeme und gesunde Häuser wachsen aus

der Erde, Gärten und Spielplätze umgeben die Wohnungen; Wagen, Pferde,

Boote und alles was sonst zur Zerstreuung dienen kann, ist in kürzester

Zeit beschafft und wir finden urplötzlich eine kleine englische Stadt,

wo jeder Bewohner an gleichgesinnten Menschen Stütze und Rückhalt findet,

sich sicher, behaglich und wie zu Hause fühlt. Ob wir auch einmal so etwas

werden schaffen können? Wie ich früher schon andeutete, dient ja meine

jetzige Reise dem Zweck, den dereinstigen deutschen Colonialerwerbungen

die Wege zu ebnen, denn die Zeit muß kommen, wo unser Vaterland nach

Colonien verlangt, und Colonien sind meines Erachtens nur von nachhaltigem

Werth, wenn sie in tropischem Klima liegen. Hier ist aber, abgesehen von

Afrika, nur noch in der Südsee etwas zu holen, wenngleich auch dies nur

mehr wenig ist. Allerdings sind mir insofern die Hände gebunden, als ich

keine darauf zielenden Aufträge habe und auch keine mehr erhalten kann;

nach dem, was ich in der letzten Zeit erfahren habe, thut aber die größte

Eile noth, wenn nicht alles für uns verloren sein soll. So muß ich auf

eigene Verantwortung hin handeln und zunächst wenigstens auf den noch

unabhängigen Inselgruppen Verträge zu schließen suchen, welche sie vor der

Annexion durch andere Nationen schützen. Damit übernimmt unsere Regierung

keinerlei Verpflichtungen, hat es aber doch vielleicht später in der Hand,

die deutsche Flagge auf diesen Inseln nachträglich aufzuhissen.

Ganz interessant ist hier in Levuka die im Stil der ortsüblichen Hütten

aus sechs bis sieben Häusern bestehende Wohnung des Gouverneurs mit all

ihren Kuriositäten aus der frühern Fidji-Zeit. Das Ganze bildet übrigens

nur ein Provisorium, da man noch nicht weiß, welcher der beste Platz für

den Sitz des Gouvernements ist und man bis dahin ein möglichst billiges

Wohngelaß für den Gouverneur schaffen wollte. Ich habe diesem Herrn

sogleich meinen Besuch gemacht, welchen er am Nachmittag erwiderte,

und war abends bei ihm zu Tisch. Er selbst ist nur für wenige Monate in

Stellvertretung des beurlaubten Gouverneurs hier und kommt aus Westindien,

um später auch wieder dahin zurückzukehren. Aber trotz der kurzen Zeit

seines hiesigen Aufenthalts und trotz der weiten Reise hat ihn als ganz

selbstverständlich seine Familie hierher begleitet.

Am 2. November nachmittags 2 Uhr verlassen wir Levuka wieder, um noch

einen kurzen Besuch auf Taviuni, einer andern der Fidji-Inseln, zu machen

und dort eine neu angelegte Kaffeeplantage zu besichtigen; dann nehmen

wir den Curs nach den Ellice-Inseln.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 29 / 56 段