Colonien fremde Kriegsschiffe auf das liebenswürdigste aufgenommen
werden und ihnen nicht nur von den Offiziercorps und geschlossenen
Gesellschaften, sondern auch von einzelnen amtlichen und Privatpersonen
der erste Besuch gemacht wird, um den Offizieren die Anbahnung eines
geselligen Verkehrs zu erleichtern, so erging es uns auch hier. Gleich in
den ersten Tagen waren wir in die Clubs und in viele Familien eingeführt,
und es durfte mich nicht überraschen, als der Consul mich auf den
Spielplatz der guten Gesellschaft führte, dort bereits unsere Offiziere im
Kreise junger Damen vorzufinden. Die Aufmerksamkeit der Behörden ging so
weit, daß jeder Offizier eine in zierlichem Lederumschlag mit Goldschnitt
befindliche Freikarte zu beliebiger Benutzung sämmtlicher Eisenbahnlinien
der Colonie für die Dauer unsers Aufenthalts erhielt.
Daß Australien die merkwürdigsten Vögel und solche von außerordentlich
schönem Gefieder, sowie eine auffallend große Zahl verschiedener Kakadu-
und Sitticharten hat, ist bekannt, aber überraschend wirkt es doch, wenn
man solche Thiere in großen Wagen zum Verkauf herumfahren sieht und sowol
die Farbenpracht der einen, wie die zarten, unscheinbaren und doch so
feinen Farben anderer und die merkwürdigste Farbenzusammenstellung in dem
Gefieder wieder anderer bewundern muß. Von allen Vögeln, welche ich hier
zu Gesicht bekam, interessirte mich am meisten der Jägerliest, hier wegen
seines, lautem Lachen täuschend ähnelnden Geschreis allgemein „'laughing
Jack'“ genannt, von welchen unser Consul einige gezähmte in seinem Garten
herumlaufen hat. Dieser Vogel, welcher in seinem unscheinbaren Gefieder
und sonstigem Aeußern einer Eule gleicht, bei näherer Betrachtung aber in
seinem Bau an den Eisvogel erinnert, etwa 40 cm hoch ist und einen Kopf
hat, welcher fast ein Drittel des ganzen Körpers einnimmt, kommt mir wie
ein vorsintflutliches Geschöpf vor.
Von allem Möglichen habe ich nun schon erzählt und noch nicht unserer
deutschen Landsleute gedacht, doch liegt dies daran, daß dieselben in
diesem Theil Australiens wenig zur Geltung kommen, weil sie mit ganz
verschwindenden Ausnahmen, welche in der englischen guten Gesellschaft
aufgehen, nur dem kleinern Kaufmanns- und dem Handwerkerstande angehören
und sich durch Heirathen mit den englischen Einwohnern schon stark
vermischt haben. Doch halten sie unter sich noch immer zusammen und nahmen
uns in der zuvorkommendsten Weise auf, stellten uns ihr Vereinslocal zur
Verfügung und gaben uns einen Ball, welchen wir mit einem Tanzfest auf
unserm Schiff erwiderten. In nähere gesellige Berührung bin ich mit nur
einigen wenigen gekommen.
Ich habe natürlich auch nicht versäumt, die 'Blue Mountains' zu besuchen,
wohin unser Consul mich zweimal führte. Das erste mal waren wir allein,
fuhren mit der Bahn bis Blackheath und gingen von dort aus zu einem
Felsenthal „'the Grose'“ und zu einem Wasserfall, „'Govett’s Leap'“
genannt; das zweite mal hatte der genannte Herr unsere dienstfreien
Offiziere nach dem jenseit der Blauen Berge gelegenen Städtchen
Bathurst eingeladen, um uns bei der Rückfahrt einen Ueberblick über
die Gebirgslandschaft zu verschaffen und uns auch Gelegenheit zu geben,
während der Fahrt das großartige Menschenwerk zu bewundern, durch welches
es erst möglich wurde, nicht nur mit der Bahn, sondern überhaupt diesen
Bergrücken zu überschreiten, welcher vorher sogar für einzelne Menschen
und Saumthiere unpassirbar war.
Bei der Station Blackheath fanden wir ein recht gutes Wirthshaus, ein
zwar einfaches aber innen gut ausgestattetes hölzernes Gebäude mit
guter Verpflegung. Von hier aus gelangten wir auf schmalen Pfaden durch
Gestrüpp und Steingeröll nach dem Grosethal und nach 'Govett’s Leap'. Das
Charakteristische dieser Thäler und Schluchten liegt in den mächtigen
Felswänden, welche, altem Gemäuer gleichend, senkrecht abfallen, sowie
in dem üppigen Pflanzenwuchs der feuchten Thalsohle, welche mit dichtem
Wald bestanden ist. 'Govett’s Leap' ist ein großer, von hohen Felswänden
umschlossener Kessel, in welchen sich von der einen Seite von einer 170 m
hohen Wand ein kleiner Wasserarm ergießt, der von oben als dünner Strahl
herunterfällt ohne das Gestein zu berühren.
Nach Bathurst fuhren wir des Abends, trafen dort nach vierstündiger Fahrt
nachts 11 Uhr ein und traten am nächsten Morgen die Rückfahrt an. Der
Rundblick, welchen man auf das Gebirge erhält, ist großartig; weithin
schweift das Auge über Berg und Thal und ist entzückt von dem weichen
blauen Farbenton, welcher auf der Landschaft liegt, doch die Natur tritt
zurück, sobald der Zug die Westseite der hohen Scheidewand erreicht, wo
er in Zickzacklinien heraufklettern muß, um den Gebirgskamm zu erreichen.
Diese Wand ist so steil und zerklüftet, daß die Ingenieure, welche mit der
Untersuchung des Terrains und mit den Vorarbeiten des Bahnbaues beauftragt
waren, sich an langen Seilen herunterlassen mußten, um die Punkte für den
Schienenweg bestimmen zu können. Man begreift kaum, wie es möglich ist,
daß ein Eisenbahnzug diese steile Wand überwinden kann, und staunt die
Bauten an, welche nöthig waren, um die Schluchten zu überbrücken, denn
drei Viadukte, jeder von 7-8 Bogen mit je 30 Fuß engl. Spannweite und
größter Pfeilerhöhe von 46 Fuß, und ein Tunnel von 70 m Länge nehmen einen
großen Theil des ganzen Schienenweges in Anspruch oder erscheinen dem Auge
doch so. Der eigentliche Bahnkörper ist natürlich nur eine schmale Straße
mit einfachem Gleise; für Kurven und Drehscheiben blieb kein Platz, und
so kam man auf den Gedanken der Zickzacklinie, wo die Lokomotive den Zug
auf der einen Strecke zieht und auf der andern schiebt. Für eine Höhe von
687 Fuß engl. waren allein 7,5 km Schienenweg erforderlich und je 1,5 km
erforderten einen Kostenaufwand von 4-500000 Mark, sodaß der von den
Engländern Zig-Zag genannte Theil allein über 2 Millionen Mark gekostet
hat.
Bei den vorgenannten Fahrten kamen wir auch durch Eukalypten-Waldungen
und durch weite, nur mit niedrigem Gestrüpp bedeckte Flächen, wie sie
Australien eigenthümlich sind, in den höhern Regionen auch durch solche,
wo nur Gräser die Erde bedecken. All dieses bietet wenig Anziehendes;
die Eukalypten mit ihren schmutzig-grauen Stämmen und ähnlich gefärbten
kleinen Blättern erinnerten mich an Olivenbäume, die kahlen farblosen
Wälder ohne Buschwerk zwischen den weit auseinander stehenden und nur
an ihrem Wipfel mit einer Laubkrone versehenen Stämmen an verstaubte,
halb verdorrte Waldgehege innerhalb großer Städte, wenn in heißem Sommer
lange Zeit kein Regen gefallen ist. Warum dieser Baum „'gum-tree'“, von
den Deutschen „Gummibaum“ (mit welchem er weder in Gestalt noch in seinen
Eigenschaften irgendeine Gemeinschaft hat) genannt wird, ist mir unklar
geblieben. Vielleicht daß die Eingeborenen ihn mit dem Laut „Göm“, aus
welchem die ersten Colonisten „'gum'“ machten, bezeichnet haben. Diese
farblose kalte Pflanzenwelt, das weiter oben in den Bergen vorherrschende
Knieholz und niedrige Gestrüpp, sowie die kleinen als Stationsgebäude
dienenden Blockhäuser ließen mich die Scenerie in den Blauen Bergen schon
auf einer Höhe von nur 500 m über dem Meere trotz der warmen Luft mit den
Gefilden unsers Riesengebirgskammes auf 1500 m Höhe vergleichen.
Ich glaube mit Sydney abschließen zu können, nachdem ich noch gesagt
habe, daß unser geselliger Verkehr hierselbst, dank der vollendeten
Gastfreundschaft unsers Consuls und der englischen Gesellschaft ein sehr
reger war und uns Genüsse der verschiedensten Art geboten wurden. Die
wöchentlichen Nachmittags-Gartenfeste beim Gouverneur verdienen in erster
Reihe genannt zu werden, weil man hier in dem schönen Park bei Musik
alles traf, was zur guten Gesellschaft gehört, und die zwanglose Form des
Verkehrs ein Magnet war, welchem niemand so leicht widerstehen konnte.
Neben dem bereits erwähnten Junggesellen-Ball fand noch ein von der Gattin
des Gouverneurs zu Wohlthätigkeitszwecken veranstalteter Costümball statt,
zu welchem die Theilnehmer nur in Kattunstoffen erscheinen durften;
Privatbälle, Mittags- und Abendgesellschaften schlossen die Kette der
Feste.
10.
Samoa.
II.
Angesichts Upolu, 7. October 1878.
Das schöne Upolu liegt nun auch wieder in unserm Gesichtskreis und zwar
als ein in Gewitterwolken eingehülltes und von den letzten Strahlen
der untergehenden Sonne beleuchtetes kleines Stück Bergland auf weitem
Meere. Windstille liegt über der träge auf- und niederwogenden See,
laue Tropenluft umfängt uns und Blitze zucken durch das auf dem Lande
lagernde schwarze Gewölk; der Tag schwindet schnell, die Nacht breitet
ihre Schatten aus, und kaum daß die Sonne zur Rüste gegangen ist,
flimmern und blinken auch schon die Sterne oben in der Höhe an dem
dunkeln, in unendliche Fernen reichenden Himmelsdom; in gleichmäßigem
Takt schlägt die Schraube durch das Wasser, treibt unser Schiff dicht
unter der Küste entlang dem Hafen zu und die Nähe des Landes zwingt
mich, die Nacht zum Tage zu machen. So finde ich in später Abendstunde
Muße zum Schreiben, welche ich benutzen will, da ja möglicherweise sich
uns morgen in Apia schon eine Postgelegenheit bieten kann. Schwer wird
es mir, in meiner Kajüte zu bleiben, da eine Nacht wie die heutige mich
mit unwiderstehlicher Gewalt auf das Deck zieht. Was es ist, kann ich
nicht sagen. Ob der von dem Lande ausströmende Duft und geheimnißvolle
Zauber; ob das bleierne Gewölk, welches die Insel so innig umfängt, daß
man glaubt, kein heimlicheres Plätzchen finden zu können; ob die tiefe
andachtsvolle Stille, welche nur durch ein leises Rauschen der Brandung
unter der Küste und das gleichmäßige Arbeiten der Maschine unterbrochen
wird; ob die weite Sternenwelt oder ob Alles zusammen? Ja, wer kann es
sagen und wer ist wol im Stande zu beschreiben, was die Seele des Menschen
in solcher Umgebung eigentlich durchzieht und bewegt?
Beim Durchblättern meines Tagebuches finde ich übrigens zu meiner
Befriedigung, daß mir infolge der Einförmigkeit unserer letzten Reise
kaum etwas niederzuschreiben bleibt. Das Einzige, was vielleicht von
allgemeinerm Interesse sein könnte, ist, daß wir die von dem französischen
Transportschiff „'La Rance'“ im Jahre 1873 entdeckten und nach ihm
benannten großen Korallenriffe, welche ein Feld von 10 Seemeilen
Durchmesser einnehmen sollen, ebenso wenig gefunden haben, wie das
englische Kriegsschiff „'Pearl'“ sie im vorigen Jahre finden konnte, und
daher nur anzunehmen ist, daß dieses Riff inzwischen wieder verschwunden
ist oder aber nie bestanden hat. Der Franzose will bei starkem Wind
plötzlich entfärbtes Wasser gesehen haben und hat dann ein Boot zu Wasser
gelassen, welches dort mit dem Loth als geringste Wassertiefe nur 6½ m
gefunden haben will, während der Ausguckposten des Schiffes vom Mast aus
nach der Brandung, welche er gesehen haben will, die ungefähre Ausdehnung
des Riffs festgestellt hat, wobei nur unerklärlich bleibt, weshalb zu
dieser wichtigen Messung und überhaupt zur Richtigstellung der ganzen
für die Schiffahrt so bedeutungsvollen Sachlage nicht der Commandant
selbst oder doch wenigstens ein Offizier in die Takelage gegangen ist.
Thatsache ist, daß wir unter den denkbar günstigsten Umständen den
Platz der fraglichen Bank unter Dampf angesteuert haben, bei klarem
sehr sichtigen Wetter, Windstille und hoher Dünung, sodaß wir, wenn in
einem Umkreis von 16 Seemeilen von unserm jeweiligen Standort während
der Zeit, wo wir suchten, Riffe gewesen wären, die Brandung auf ihnen
unter allen Umständen hätten sehen müssen und keine durch Wind erzeugten
Wellenbrecher uns hätten täuschen können. Außerdem hatten wir aber auch
eine durchaus zuverlässige Ortsbestimmung, fanden mit dem gewöhnlichen
großen Loth keinen Grund und zuverlässige Posten wie ein Offizier mit
Fernrohr konnten aus der Takelage keine Brandung entdecken. Nachdem wir
bis 5 Uhr nachmittags vergeblich gesucht hatten, kamen wir zu demselben
Schluß wie die englische Korvette „'Pearl'“, daß die Korallenbank nicht
oder aber nicht mehr existirt.
8. October 1878.
Als wir heute Morgen mit Tagesanbruch in Apia einliefen, erhielt ich von
dem Lootsen gleich die befriedigende Nachricht, daß die amerikanischen
Abenteurer bis auf einen, welcher noch immer versuche, die Geldansprüche
der frühern Landcompagnie geltend zu machen, die Samoa-Inseln für immer
verlassen hätten, daß ebenso das amerikanische Kriegsschiff schon lange
nach seiner Heimat zurückgekehrt sei und im Lande Ruhe herrsche. Dagegen
brachte er mir die traurige Kunde, daß der Halbweiße, welcher bei der
Beschlagnahme von Saluafata als unser Dolmetscher gewirkt hatte, durch die
Folgen jener Nacht richtig seinen Tod gefunden habe, denn er habe sich von
dem ausgestandenen Schreck nicht mehr erholen können und sei einige Wochen
darauf gestorben. Dasselbe bestätigte mir die Frau des armen Teufels,
welche ich heute Nachmittag auf ihren Wunsch hin besuchte und die mir ein
für mich bestimmtes kleines Vermächtniß des Todten einhändigte, welches in
einer alten werthvollen, aus der Familie seiner Mutter stammenden Matte,
einigen Stücken Tapa und andern Kleinigkeiten bestand.
Die hiesige politische Lage scheint zur Zeit für uns günstig zu sein.
Im Lande herrscht wirklich Ruhe, denn die Regierungsmitglieder haben
sich Ferien gegeben, um die heimatlichen Districte zu besuchen und
sich im Kreise ihrer Verwandten zu erholen. Nur drei Mitglieder sind
als Repräsentanten der Regierung hier zurückgeblieben und diese nahmen
aus unserer Ankunft Veranlassung, gleich heute Vormittag den Consul zu
bitten, mich von allen Gewaltmaßregeln abzuhalten, da sie zum Abschluß
eines Vertrages mit uns bereit seien und dies nur jetzt noch nicht zur
Ausführung bringen könnten, weil die Regierung nicht beisammen sei; sie
würden indeß gleich Schritte thun, um die Abwesenden zurückzurufen.
Ueber die Amerikaner hörte ich noch, daß der früher mehrgenannte
höhere Consulatsbeamte, welcher sich vor einiger Zeit von hier nach den
Fidji-Inseln begeben hat, die Zeit seines hiesigen Aufenthalts vornehmlich
dazu benutzt haben soll, die Samoaner immer wieder vor den Deutschen zu
warnen und ihnen zu empfehlen, mit diesen ja keinen Freundschafts- und
Handelsvertrag abzuschließen. Wenn ich nun an dieser Stelle auch noch
einmal auf die Angelegenheiten der amerikanischen Landcompagnie, welche
für uns keinerlei Interesse mehr haben, mit wenig Worten zurückkomme, so
geschieht dies nur, um die frühern Angaben zu vervollständigen.
Als die Samoaner sich beharrlich weigerten, die gemachten Geldansprüche
anzuerkennen, und daran festhielten, nur die für Mamea’s Reise gesammelten
1000 Dollars zu bezahlen, gab der amerikanische Commandant die Sache
wieder an den inzwischen eingetroffenen neuen amerikanischen Consul ab,
und damit wird die Sache wol im Sande verlaufen.
Daß wir nun während meines jetzigen Aufenthalts hierselbst schon zum
Abschluß des seit Jahren erstrebten Vertrages kommen werden, glaube
ich übrigens nicht, da eine dem Schiffe gestellte Aufgabe es nach
Neu-Britannien ruft, sofern die hiesigen politischen Verhältnisse eine
längere Abwesenheit gestatten sollten, und dies scheint mir der Fall
zu sein. Unser Aufenthalt wird daher, wenn nicht etwa Zwischenfälle
eintreten, nur von kurzer Dauer sein.
18. October 1878.
Natürlich ist der Vertrag bisjetzt noch nicht zu Stande gekommen und
wird es vorläufig auch noch nicht, da ich übermorgen die geplante
Reise antreten will. Wir haben aber gestern in einer Sitzung mit der
Samoa-Regierung wenigstens erreicht, daß dieselbe eine uns zusagende
Commission für die diesbezüglichen Verhandlungen ernannt und sich
schriftlich verpflichtet hat, am 1. Januar 1879, bis zu welchem Zeitpunkt
ich wieder hier zu sein hoffe, in dieselben einzutreten.
Apia bot mir dieses mal einen sehr viel behaglichern, wenn auch
weniger anregenden Aufenthalt als bei unserm ersten Besuch, weil
keinerlei Aufregung und Unruhe an mich herangetreten ist; zu den von
mir beabsichtigt gewesenen weiteren Ausflügen in die Umgebung, um das
Volksleben kennen zu lernen, bin ich aber doch nicht gekommen, weil ich
keine Begleiter fand und zur Zeit auch keinen Dolmetscher erhalten konnte,
ohne welchen ich nichts hätte anfangen können. So mußte ich mich mit dem
begnügen, was die Stadt selbst mir bot.
Dahin gehört zunächst der Fang eines wurmartigen Wasserthieres, welcher
den Charakter eines Volksfestes angenommen hat und zu welchem wir gerade
rechtzeitig hier eingetroffen waren, weil das Aufsteigen der merkwürdigen
Thierchen vom Meeresboden an die Oberfläche, welches jährlich nur zweimal
an zwei aufeinander folgenden Tagen und zwar in den Monaten October
und November am Tage nach Eintritt des dritten Mondviertels erfolgt, am
zweiten Tage nach unserer Ankunft seinen Anfang nahm. Der Samoaner nennt
diesen Wurm, dessen regelmäßig wiederkehrende Aufsteigezeit er der Natur
abgelauscht hat, „Palolo“. Merkwürdig muß ein Geschöpf wol genannt werden,
welches sich während eines ganzen Jahres auf oder in dem Meeresboden
aufhält und sich nur in zwei aufeinander folgenden Monaten an je einem
von dem Mond abhängigen Tage, da an dem zweiten nur Nachzügler kommen,
des Morgens kurz nach Sonnenaufgang für die Dauer einer Stunde an die
Wasseroberfläche wagt, um dann wieder für zehn Monate seine Schlupfwinkel
aufzusuchen, wenn es nicht etwa wie die Eintagsfliege abstirbt, nachdem
es einmal das Sonnenlicht geschaut hat.
Ich wollte es mir natürlich nicht entgehen lassen, an dem Fang
theilzunehmen und fuhr daher an dem betreffenden Tage schon vor
Sonnenaufgang mit meinem Boot durch das Dunkel der Nacht auf stiller
glatter Flut zu der Stelle, wo die Ankunft der seltenen Gäste erfolgen
sollte. Einige Eingeborene, deren Kanus in größerer Nähe aus der
Dunkelheit heraustraten, traf ich schon an, und singend kamen vom Lande
her neue Zuzügler. Die hohen schwarzen Berglehnen des noch von der Nacht
umfangenen Landes, der von dunkelm Gewölk umlagerte ferne Horizont und die
allmählich verblassenden Sterne umschließen in ihrer großartigen Ruhe ein
Stück Leben eigener Art, wo ein langes schmales, von grollender Brandung
überspültes Korallenriff die innere schwarze stille Flut mit den lachenden
und singenden Menschen von der rauschenden ernsten und erbarmungslosen
See scheidet, deren gierig leckende und in Hast sich überstürzenden
Wellen alles verschlingen möchten. Mancherlei Kurzweil wird hier innen
getrieben, da die Augen sich genügend an die Dunkelheit gewöhnt haben
und auch die kurze Dämmerung schon anbricht. Die verschiedensten für den
Fang bestimmten Gefäße werden gezeigt und bewundert, gelegentlich auch
dazu benutzt, um ein anderes Kanu mit einem kleinen Sturzbad zu bedenken.
Ununterbrochen fahren die leichten Fahrzeuge wie bei einem Corso hin
und her, um Bekannte zu begrüßen und Neuigkeiten auszutauschen, bis die
über den Horizont steigende Sonne an den Fang mahnt. Plötzlich sind die
Sterne verschwunden und es ist Tag; ein kleiner goldiger Bogen zeigt
sich über dem Horizont und gleich darauf beleuchtet auch schon der ganze
Sonnenball das urplötzlich veränderte Bild. Die Menschen sind still, die
Kanus haben sich gegenseitig Raum gegeben, und mit den Schöpfgefäßen in
der Hand lugen alle in die Tiefe. Hier und da ein Ruf, ein Schöpfen und
bald ist allgemeine Bewegung in sämmtlichen Fahrzeugen. Ringelnd wie
die Schlangen steigen aufrechtstehend die 15-20 cm langen, 30 mm dicken,
matt lila gefärbten Thierchen in großen Scharen aus der Tiefe auf, um an
der Wasseroberfläche gefangen zu werden und den Eingeborenen später als
seltenes und geschätztes Mahl zu dienen. Auch wir betheiligen uns an dem
Fang, jedoch nur um einige dieser Würmer in der Nähe genauer betrachten zu
können, wobei wir fanden, daß außerhalb des Wassers das mit rauher Haut
behaftete Thierchen gleich steif wird und beim Anfassen wie ein dünner
Glasstab in mehrere Stücke bricht.
Einen unserer gewohnten abendlichen Spaziergänge dehnten wir auf Vorschlag
meines damaligen Begleiters, eines deutschen Herrn, welcher etwas
samoanisch spricht, bis zu der Hütte der früher schon einmal genannten
Häuptlingstochter Toë, aus, um dieser Dame einen Abendbesuch zu machen.
Wir trafen erst gegen 9 Uhr dort ein und fanden die Vorhänge an dem großen
Hause zwar schon heruntergelassen, sahen aber doch Licht durchschimmern
und traten daher, nachdem wir einen der Vorhänge zur Seite geschoben
hatten, ein. Was wir hier sahen, ist für die Lebensart der Samoaner
so charakteristisch, daß ich aus diesem Grunde die kleine Episode hier
einfüge.
Der innere Raum, welcher nicht durch Vorhänge abgetheilt war, wurde durch
eine Petroleumlampe soweit matt erleuchtet, daß man ihn eben noch ganz
übersehen konnte. In der Mitte auf abgesondertem freierm Platz lag Toë
mit einigen Mädchen in tiefem Schlaf, und der ganze übrige Raum war mit
nebeneinander liegenden halbnackten schlafenden Gestalten so ausgefüllt,
daß es Mühe machte, bis zur Mitte vorzudringen ohne die Leute zu treten.
Interessant war mir, diese Schlafstätte näher zu betrachten, wie immer
in einer geraden Linie mehrere lange Kopfkissenhölzer nebeneinander
aufgestellt waren und in trauter Gemeinschaft ordentlich ausgerichtet
Männlein und Weiblein vielfach in bunter Reihe nebeneinander lagen. Bei
unserm Eintreten drehte wol die eine oder andere Gestalt den Kopf zu
uns hin, ohne indeß weitere Notiz von uns zu nehmen, und die von uns im
Schlaf gestörte Toë nahm uns, nachdem sie sich aufgesetzt und den Schlaf
aus den Augen gerieben hatte, freundlich auf, bot uns einige schnell
zurechtgedrehte samoanische Cigaretten an und erklärte dann ihr volles
Haus damit, daß ein Theil ihres Stammes, welcher keine eigene Hütte habe,
hier nächtige und der Rest durchreisende Gäste seien. Nachdem wir die
Cigaretten geraucht hatten, empfahlen wir uns wieder, ich ganz befriedigt
über den Einfall meines Begleiters, da ich dadurch zufällig einen Einblick
in samoanisches Leben thun konnte, den ich sonst wol nicht erhalten hätte.
* * * * *
Die ruhigen Tage der letzten Zeit waren ganz dazu angethan, meine Gedanken
wieder auf die Frage der Gründung deutscher Colonien zu lenken, welche
mich, seitdem ich hier in der Südsee bin, auf das lebhafteste beschäftigt.
Da ich nun glaube, soweit die eigentlichen Südsee-Inseln in Betracht
kommen, zu einem abschließenden Urtheil gekommen zu sein, so möge dasselbe
hier Aufnahme finden.