Das war eine lange Reise von Apia bis hierher. 25 Tage für nur 2400

Seemeilen macht im Durchschnitt nicht einmal eine deutsche Meile für

die Stunde, und an der Unbeständigkeit der Witterung konnten wir wol

merken, daß wir uns hier jetzt im südlichen Winter befinden. Seit der

Zeit, wo wir die Passatzone verlassen haben -- am 30. Juli -- haben

wir viel stürmisches Wetter angetroffen und ungünstigerweise immer nur

Weststürme, welche uns keinen Nutzen brachten. Manches Segel ist uns

bei den Böen weggeflogen, kleine Havarien in der Takelage fehlten auch

nicht, und am ärgerlichsten war dabei immer noch, daß das Wetter sich

diese schlechten Scherze vorzugsweise für die Nacht aufhob und so die

Wache an Deck fast stets volle Arbeit für die Nächte bekam. Als ein

großes Glück muß ich es indeß betrachten, daß wenigstens eine Bö, welche

vorgestern das Schiff überfiel, uns am Tage und zu einer Zeit traf, wo

wir gerade keine Segel führten, denn ich weiß nicht, in welchem Zustand

oder wo die „Ariadne“ sich sonst jetzt befände. Wir standen am Vormittag

des erwähnten Tages nur noch 200 Seemeilen von Sydney ab und der Wind

war so unbeständig, daß ich Dampf machen ließ, um aus dieser Gegend

herauszukommen, was uns allerdings nicht viel half, da schon im Laufe

des Nachmittags ein Weststurm einsetzte, welcher uns zwang, bis gestern

Mittag mit Sturmsegeln beizudrehen. Die Feuer unter den Kesseln waren also

angesteckt und es konnte sich nur noch um eine Viertelstunde handeln,

bis wir genügenden Dampfdruck hatten, um die Maschine in Gang setzen zu

können, als von Süden her eine weiße Wolke mit stärkerm Wind heraufzog,

welche zwar nicht besonders drohend aussah, mich aber doch veranlaßte,

schon vor ihrem Eintreffen die Segel festmachen zu lassen, weil diese

Arbeit während der Bö ja sehr viel schwerer sein mußte. Die Mannschaft war

an Deck gerufen, die Segel wurden gegeit, die Marsraaen liefen herunter,

die Matrosen enterten auf, die Segel verschwanden unter ihren Händen und

in dem Augenblicke, wo die Leute die Takelage wieder verließen, setzte

die Bö hell pfeifend von der Seite ein und gleich derart urplötzlich

mit ihrer ganzen Kraft, daß das Schiff, obgleich keine Segel standen,

mit einem Ruck 23° übergeneigt wurde und unter dem riesigen Winddruck so

liegen blieb, bis die Wolke über uns weggezogen war, was etwa eine Minute

währte. Da das Schiff zur Zeit ziemlich leicht war, weil Proviant, Kohlen

und Wasser nahezu aufgezehrt waren, so lag die Gefahr nahe, daß es bei

der Plötzlichkeit und Heftigkeit des ganzen Vorganges gekentert worden

wäre, wenn es sich noch unter Segel befunden hätte. Denn wenn die Mars-

und Untersegel nicht mehr rechtzeitig von ihren Fesseln hätten befreit

und wirkungslos gemacht werden können, so würden diese starken Segel und

die schwere Takelage bei dem verhältnißmäßig geringen Gegengewicht des

Schiffsrumpfes wahrscheinlich den ersten Anprall ausgehalten haben ohne

zu reißen und zu brechen und dann hätte die Korvette ein Ende gefunden,

wie es in dieser Gegend schon manchem Schiff bereitet worden ist. Bei Tage

schon wurde die Gefahr nicht in ihrer ganzen Größe vorher erkannt, aber es

lag doch die Möglichkeit vor, im letzten Augenblicke noch durch Loswerfen

aller Taue die Segel und einen Theil der Takelage preiszugeben und so

das Schiff zu retten, bei Nacht aber wäre dies wahrscheinlich nicht mehr

möglich gewesen, wenn die Wolke nicht etwa in der Dunkelheit sehr viel

drohender ausgesehen und so zu größern Vorsichtsmaßregeln Veranlassung

gegeben hätte.

Eines Tages begegneten wir einer Heerde kleiner Walfische, welche mit

hohen Bogensprüngen aus dem Wasser heraus auf uns zueilten, etwa eine

Stunde bei dem Schiff blieben, gleichen Curs mit ihm haltend, und dann

wieder im weiten Meere verschwanden. Als die plumpen Thiere sich scheinbar

so übermüthig in und über dem Wasser tummelten, kam mir der wunderliche

Gedanke, daß das von ihnen empfundene Wohlbehagen und Vergnügen sich

eigentlich auch in ihrem Gesichtsausdruck widerspiegeln müsse, und ich

nahm unwillkürlich das Fernrohr zur Hand, um mir die schwarzen Gesellen

genauer zu betrachten. Was ich an den Thieren aber fand, war nicht schön,

denn an mehrern entdeckte ich frische Wunden, Stellen, wo 20-30 cm große

Stücke Fleisch aus dem Körper herausgerissen waren und woraus ich glaube

folgern zu müssen, daß die Fische nicht nur zum Vergnügen aus dem Wasser

heraussprangen und an unser Schiff sich herandrängten, sondern dies

thaten, um großen Raubfischen zu entgehen, da die Wunden wol auf den Biß

eines Haifisches zurückgeführt werden mußten. Das Wasser war leider zur

Zeit so bewegt, daß man mit dem Auge nicht unter die Oberfläche dringen

konnte, denn sonst wäre es vielleicht möglich gewesen, den Räuber zu

entdecken.

Das Beste und Schönste der Reise hierher war die Einfahrt in den hiesigen

Hafen, wenngleich sich uns heute Vormittag, als wir bei schönem Wetter

Land ansteuerten, Australien nicht von der vortheilhaftesten Seite zeigte,

da die durch die 'Blue Mountains' gebildeten hohen Bergketten, deren

obere Spitzen bei klarem Wetter von See aus zu sehen sein müssen, sich

wie gewöhnlich in ihren bläulichen Dunst gehüllt hatten, daher für uns

unsichtbar blieben und das erste australische Land, welches in unsern

Gesichtskreis trat, die durchschnittlich nur 100 m hohe, kahle und öde

Küste bei Sydney war, auf deren Kamm sich Leuchtthürme, Signal- und

Flaggenmasten, sowie einige kleine Gebäude für die Küstenwache in klaren

Umrissen von dem bläulichen Dunstkleid der weiter im Lande liegenden

Berge abhoben. Mit unserm Vorschreiten entwickelt sich die Küste als eine

steile graue Wand, welche nach den Angaben der Karte so jäh abfällt, daß

an ihrem Fuß die Meerestiefe immer noch 14-20 m beträgt. Nördlich von

den Leuchtthürmen, da, wo der Bug unsers Schiffes hingerichtet ist, wird

ein Einschnitt, die 1800 m breite Einfahrt zum Port Jackson sichtbar, in

welcher jetzt auch das Hinterland kenntlich wird und immer deutlichere

Zeichnung annimmt. Wir dampfen in die Einfahrt, schlagen einen rechten

Winkel nach links, steuern zwischen schwimmenden Seezeichen hindurch

und an einem Feuerschiff vorbei über eine schmale Bank oder Barre von

nur 7 m Wassertiefe, drehen nach einigen Minuten wieder nach rechts, und

vor uns liegt eins der schönsten Hafenbilder einer geschäftigen großen

Handelsstadt.

Eine Wasserstraße, welche durch Verschiebung des Landes von unserm

Standpunkt aus allerdings nur auf eine Länge von drei Seemeilen zu sehen

ist, zieht sich in gerader Linie zwischen coulissenartig vorspringenden

Landzungen hin, welche beide Seiten der Wasserfläche einfassen und

deren mittlere freie Bahn in der äußern uns zunächst gelegenen Hälfte

auf 1800 m und später auf nur 600 m verringern. Hinter den Landzungen

zeigen sich aber zurücktretende Wasserbuchten von 600-2000 m Tiefe und

durchschnittlich 500 m Breite, welche zu unserer Linken von Häusern

und ganzen Stadttheilen, zu unserer Rechten von Villencolonien und

grünbelaubten Abhängen umschlossen werden. Hinter den Buchten links die

amphitheatralisch aufsteigende Stadt mit großen Steinbauten, breiten

Straßen und großen parkähnlichen freien Plätzen, rechts die bewaldeten

Höhen mit den vor ihnen liegenden und von großen Gärten umgebenen schönen

Wohnhäusern, Villen und Flaggenmasten. Links fast nur Menschenwerk, rechts

vorherrschend Naturgebilde. Die Wasserfläche ist belebt mit Ruder- und

Segelbooten, zu Anker liegenden und in Bewegung befindlichen großen Segel-

und Dampfschiffen, auf den hohen Ufern am Lande zeigen sich Erholung

suchende Menschen, welche das einlaufende fremde Kriegsschiff durch

Tücherschwenken begrüßen; mehrere kleine belaubte Inseln mit stattlichen

Gebäuden liegen inmitten der großen Straße; von der Stadt her dringen

lange nicht mehr gehörte Laute, wie sie die Vielgeschäftigkeit einer

großen, nach Gelderwerb strebenden Menschenmasse erzeugt, an unser Ohr:

Dampfpfeifen, Hämmern und Schlagen, und das Gesumme und Gewoge, welches

sich aus tausenderlei vielen kleinen Tönen zu einem unbestimmbaren

Geräusch zusammenfindet. Gelderwerb ist wol das Schlagwort, welches hier

alles beherrscht und sich auch dem einlaufenden fremden Schiff gleich

aufdrängt, denn als wir die Stadt noch nicht sehen konnten und ihr

mit 11 Knoten Geschwindigkeit entgegeneilten, warf sich ein zierliches

leichtes Boot, wie sie nur in Sydney gebaut werden, mit großem Geschick

an unsere Seite, hakte sich am Schiffe fest und ließ sich mitschleppen.

Ich glaubte zwar, daß das Boot bei unserer großen Fahrgeschwindigkeit

gleich unter Wasser schneiden würde, aber nichts von dem, der Junge,

welcher den Haken geworfen hatte, paßte auf die Leine auf, ein behäbiger

Herr saß am Steuer und nickte uns vertraulich seinen Gruß zu, war aber

kein Hafenbeamter oder Lootse, wie ich angenommen hatte, sondern ein

ehrsamer wasserkundiger Schlächtermeister, welcher, rechtzeitig von unserm

Einlaufen unterrichtet, dem Schiff gleich entgegengefahren war und durch

sein meisterhaftes Manövriren mit dem Boot zunächst erreichte, daß man

ihn überhaupt herankommen ließ, weil man ihn für etwas anderes hielt,

als er war, und er nachher dann als Erster das Schiff bestieg, um seine

Waare anzupreisen. In einer der kleinen Buchten, Farm-Cove, welche als

Liegeplatz für die Kriegsschiffe reservirt ist, ankerten wir zu Füßen des

zum Gouverneur-Palast gehörigen Parks, über dessen Baumwipfel das vornehme

Gebäude hinwegsieht und einen Rundblick über den ganzen Hafen hat.

Port Jackson könnte vielleicht der beste Handelshafen der Welt genannt

werden, wenn nicht der Hauptarm der Bucht, an welchem auch die Stadt

liegt, durch die vorher schon genannte Barre, welche Schiffen von über 7 m

Tiefgang das Einlaufen verwehrt, von dem Meere getrennt würde. Sonst hat

der Hafen überall genügende Wassertiefe für die größten Schiffe und, was

als geradezu unschätzbar angesehen werden muß, eine Uferlinie, welche in

Schlangenwindungen sich um die ganze Bucht hinziehend, eine fortlaufende

Kette der schon genannten kleinen Einbuchtungen mit großen Wassertiefen

darstellt.

So scheint es fast, als ob die Natur selbst diesen Hafen als großen

Handelsplatz geplant habe, da er in seiner Gestaltung als Muster für

moderne künstliche Hafenanlagen dienen könnte, denn der Theil des Landes,

welcher zur Zeit von der eigentlichen Stadt in Anspruch genommen wird,

hat durch diese natürlichen Seitenhäfen eine dreifach größere Uferstrecke

erhalten, als er haben würde, wenn das Ufer geradlinig verliefe, und

was dies bedeutet, zeigt die Zahlenangabe, daß die jetzige Stadt Sydney

infolge dieser Ufergestaltung allein an der Südseite der Bucht, wo die

Geschäftsstadt liegt, eine Uferlinie von zehn Seemeilen Ausdehnung hat,

während dieselbe sonst nur drei Seemeilen betragen würde. Aber nicht nur

für die bequeme Befrachtung der Schiffe mit ungefährlichen Frachtgütern

hat die Natur gesorgt, sondern sie hat auch noch die kleinen Inseln als

Pulver-, Petroleum- u. dgl. Niederlagen in den Hafen gebaut. Durch diese

natürlichen Vorzüge mußten auch die Verkehrsverhältnisse aus der innern

Stadt nach dem Hafen außerordentlich bequeme werden und man konnte bei

ihrer Anlage von einer ungebührlichen Ausdehnung in die Länge absehen. Ob

Sydney auch mit einem weniger vorzüglichen Hafen das geworden wäre, was

es jetzt schon ist, muß bezweifelt werden. Wahrhaft betäubend wirkt es,

wenn man hört, daß während die Stadt im Jahre 1840 24000 Einwohner hatte,

die Bevölkerung jetzt schon über 200000 Seelen beträgt und vorläufig noch

in demselben Verhältniß weiter wächst.

15. September 1878.

Unsere Zeit ist nun auch hier abgelaufen und morgen werden wir Sydney

wieder verlassen, um nach der uns gewordenen Erholung von neuem unsern

Dienstpflichten nachzugehen. Vier Wochen in solcher Stadt zu leben ist

genügende Zeit, um viel sehen und lernen zu können, aber nur, wenn man

frei über sich verfügen darf und es einem auch gestattet ist, ungekannt

die Eigenthümlichkeiten der Tag- und Nachtbilder zu studiren. Dieser

Vorzug wurde mir aber nicht zutheil, denn vom ersten Tage an mußte ich

mich zu der Gesellschaft des Gouverneurs, zu welcher auch unser Consul

gehört, rechnen und war dadurch gleich infolge der verschiedenartigsten

Einladungen derart gebannt, daß ich an interessante Entdeckungsfahrten in

das Volksleben nicht denken konnte, sondern mich in dieser Beziehung mit

dem begnügen mußte, was die jüngern Herren mir darüber erzählten.

Am Morgen nach meiner Ankunft, nachdem ich den Besuch unsers Consuls

empfangen hatte, machte ich mit diesem Herrn zusammen dem hier

residirenden Gouverneur von Neusüdwales meine Aufwartung, durfte mich

auch seinen Damen vorstellen und erhielt gleich zum Abend desselben

Tages eine Einladung zum Diner. Im Laufe des Nachmittags erwiderte der

militärische Adjutant des Gouverneurs in dessen Namen meinen Besuch und

übergab mir auch im Auftrage der liebenswürdigen Dame des Hauses einen

Schlüssel zu einem quer ab von unserm Ankerplatz liegenden Thor zu dem

Gouvernements-Park, damit ich bei meinen Besuchen im Government-House

stets auf dem kürzesten und zweifellos angenehmsten Wege dahin gelangen

könne. Der Gouverneur ist Civilbeamter und gehört zu der bevorzugten

Menschenklasse, aus welcher die englische Regierung die Personen für diese

wichtigen Posten auswählt, wenngleich die Herren, welche hierzu berufen

werden, oft ihre eigentliche Heimat nicht mehr wiedersehen, da sie das

höchste Amt eines Gouverneurs in der Regel in einer Colonie nur abgeben,

um es in einer andern wieder zu übernehmen. Der Gouverneur von Neusüdwales

hat einen fürstlichen Sitz, bezieht ein Jahresgehalt von 7000 Pfd. St. und

erfreut sich daneben noch mancherlei anderer diesen Aemtern zukommenden

Gerechtsame. So hat er das Recht der Wahl seines Adjutanten und Secretärs,

was für sein Familienleben zuweilen von großer Bedeutung ist, wie z. B. in

dem vorliegenden Falle der Gouverneur den Gatten seiner ältesten Tochter,

einen Armeeofficier, sich als Adjutanten hat commandiren lassen, sodaß die

Aeltern nun den Vorzug genießen, wenigstens diese Tochter nebst Gatten

und Kind stets mit unter ihrem Dache zu haben, da Adjutant und Secretär

ihrem Gouverneur von Platz zu Platz folgen und im Government-House

Dienstwohnung finden. Andererseits müssen die Aeltern allerdings auch oft

auf vielleicht Nimmerwiedersehen von ihren Kindern Abschied nehmen, denn

wenn der hiesige Gouverneur Australien verlassen sollte, dann muß er sich

wol für immer von seiner zweiten Tochter trennen, da diese während unsers

Aufenthalts hierselbst einen Herrn geheirathet hat, der als Besitzer

großer Viehstationen sich schwerlich wieder von Australien wird losreißen

können, denn je größer der Besitz ist, um so stärker ist ja der Besitzer

an die Scholle gefesselt. Ein mir als reich bezeichneter älterer Herr,

welchen ich kennen lernte, sprach sich sehr wehmüthig und entsagungsvoll

darüber aus, daß er nicht mehr nach Alt-England zurückkehren könne, und

als ich dies in Rücksicht auf seine gute finanzielle Lage nicht verstehen

wollte, gab er mir die Erklärung, daß er nie einen Käufer finden würde,

welcher im Stande sei, ihm einen nur einigermaßen annehmbaren Preis

für seine Liegenschaften zu zahlen, da große Kapitalisten als Käufer in

diese entfernten Colonien nie kämen, sondern nur Leute mit bescheidenern

Mitteln, welche erst erwerben wollen; und wer hier überhaupt verkaufe,

wolle auch den ganzen Kaufpreis ausgezahlt erhalten. Dies letztere wurde

mir erst in den jüngsten Tagen verständlich, als wieder einmal infolge der

im Innern anhaltenden Dürre so viel Vieh auf den hiesigen Markt getrieben

wurde, daß das Pfund Rind- und Hammelfleisch nur wenige Pfennige kostete.

Tritt ein solcher Fall ein, dann ist derjenige Besitzer, welcher nur eine

kleinere Anzahlung machen konnte, gewöhnlich wol bankrott und der frühere

Besitzer hat natürlich das Nachsehen, namentlich wenn er in England wohnt.

Abends beim Gouverneur traf ich eine ziemlich große Gesellschaft an, die

Damen in kostbaren Toiletten, zu welchen die drei Töchter des Hauses

reizend geschmackvollen und reichen Blumenschmuck angelegt hatten. Im

großen und ganzen läßt sich von den anwesenden Damen und Herren nur

sagen, daß mir die Familie des Gastgebers in diesen Gesellschaftsrahmen

nicht recht hineinzupassen schien. Zwischen Ministern, die aus der

Bevölkerung der Colonie gewählt sind, Besitzern großer Viehstationen,

Sportsmen und Kaufleuten, welche durch ihren Reichthum und wol auch ihre

politische Stellung eine Rolle spielen, erschienen mir der Gouverneur

und seine Familienmitglieder, bei welchen jede Bewegung und jedes

gesprochene Wort an die vornehme Herkunft und die hohe Stellung, welche

sie einnehmen, erinnerte, als ganz fremdartige Erscheinungen, welche wol

am richtigsten mit fürstlichen Personen zu vergleichen sind, denen von

einer mit republikanischen Gewohnheiten prahlenden Umgebung doch willig

die höhere gesellschaftliche Stellung eingeräumt wird. So war bei einem

Ball, welchen die Junggesellen der guten Gesellschaft den verheiratheten

Familien gaben und wozu wir auch Einladungen erhalten hatten, für den

Gouverneur und seine Familie eine Art Thron mit mehrern Stufen errichtet,

wohin nur diejenigen Personen Zutritt erhielten, welche dahin befohlen

wurden. Im Gegensatz hierzu steht wieder die schwierige Stellung, welche

der Gouverneur bei seinen Ministern und dem Parlament, wo es häufig

amerikanisch derb hergehen soll, findet; doch wird dem jetzigen Gouverneur

nachgerühmt, daß er in sehr sicherer und taktvoller Weise die Klippen

zu umschiffen weiß, mit welchen sein schwieriges Amt übersät ist, denn

die einzelnen australischen Colonien, welche bekanntlich voneinander

ganz unabhängig sind, sind dies praktisch auch von dem Mutterlande,

von welchem sie nur den von der Königin ernannten Gouverneur annehmen

müssen, und dadurch wol unwillkürlich zu dem Versuch gedrängt werden,

diesen unabhängigen Mann in ein Abhängigkeitsverhältniß zur Colonie zu

bringen. Diese hat auch ihre eigenen Miliztruppen und Befestigungsanlagen,

die englischen Kriegsschiffe sind hier ebenfalls nur Gäste, und das

von der Colonie von Neusüdwales dem jeweiligen Befehlshaber des in der

Südsee stationirten englischen Geschwaders und seiner Familie hier

in Sydney zu freier Benutzung überwiesene vollständig ausgestattete

große Wohnhaus ist ein freiwilliges Geschenk der Colonie an die Flotte

des Mutterlandes. Wie rücksichtslos in anderer Beziehung die Colonie

auf ihre Selbständigkeit pocht, dürfte daraus hervorgehen, daß es den

englischen Kriegsschiffen ebensowenig wie fremden Schiffen möglich ist,

ihre Deserteure wiederzuerhalten, da die Polizei jede Mitwirkung hierzu

ablehnt unter dem Vorwand, daß ihre Macht sich nur auf die innere Stadt

beschränke und die Häuser, wo die weggelaufenen Matrosen Unterschlupf

finden, in den Vorstädten liegen. So waren einem englischen Kanonenboot

mit einer Besatzung von 120 Mann, 85 Mann weggelaufen; der Commandant

des Schiffes und die Polizei wußten, wo die Leute frei umhergingen,

aber nicht einmal die Einwirkung des Gouverneurs konnte erreichen, dem

wehrlos gewordenen Schiffe seine Besatzung wieder zuzuführen. Böse Zungen

behaupten, daß die Colonie, welche für jeden arbeitskräftigen Einwanderer

eine Prämie von 45 Pfd. St. zahlt, hieraus ein Geldgeschäft macht, weil

sie für diese Einwanderer keine Prämie zu zahlen brauche. Die Hauptaufgabe

des Vertreters der heimischen Regierung wird hier vorzugsweise darin

bestehen, die Einflüsse unschädlich zu machen, welche die schon sichtlich

amerikanisch-republikanisch angehauchten Neigungen der Colonisten zu

stärken geeignet sind, um so den Zeitpunkt der doch über kurz oder lang

eintretenden Losreißung des großen australischen Staates von dem kleinen

Mutterlande möglichst lange hinauszuschieben.

Die Stadt genießt die Vorzüge ihrer Jugend: gerade, breite, systematisch

angelegte Straßen, große öffentliche Parks inmitten der Stadt und

zueinander passender Baustil der öffentlichen Gebäude, an denen Sydney

außerordentlich reich ist. Unter den öffentlichen Bauten führe ich an:

Das Government-House, das Parlament, der Gerichtshof, das Schatzamt,

die Münze, das Rathhaus, die Universität, 2 große Kathedralen, ein

großes Hospital, das Museum, die Volksbibliothek, die Börse, das Post-

und Telegraphenamt, die Ausstellungsgebäude, 13 Banken, 3 Theater und 6

größere Clubhäuser. Rechnet man dazu die vielen großartigen Verkaufsläden,

so begreift man, daß Sydney eine wirkliche Großstadt zu nennen ist. Von

den öffentlichen Parks sind in erster Reihe die Domäne und Hydepark zu

nennen, beide mit hohen Bäumen bestanden und von schattigen Fußwegen,

sowie breiten Fahr- und Reitwegen, durchschnitten. Eine wahre Perle ist

die Domäne, welche Farm-Cove umfassend und die beiden die Bucht bildenden

Landzungen in sich schließend eine Fläche von etwa 1400 m Länge und 700 m

Breite einnimmt. Innerhalb der Domäne liegen auf der einen Landzunge das

Government-House und der weitläufige, im großartigsten Stil angelegte

Botanische Garten; die andere Landzunge, an deren Fuß sich Seebäder

befinden, ist öffentlicher Park. Der Botanische Garten, für welchen

die Colonie eine besondere Zärtlichkeit zu besitzen scheint, enthält an

Bäumen, Sträuchern und Blumen wol so ziemlich alles, was man in der heißen

und gemäßigten Zone unserer Erde an bedeutendern Pflanzen finden kann.

Mich interessirten besonders die Nadelhölzer und hier wieder vorzugsweise

die durch ihre feinen Nadeln, schönen Formen und Farben berühmten Tannen

der kleinen Insel Norfolk. Natürlich hat Sydney auch seinen Rennplatz

und große 'Criquet-' und 'Lawn tennis-grounds'. Hier, wie an entfernter

liegenden Fischplätzen und auf dem Hafen kann man sich an der Lebendigkeit

der Bewohner sowie daran erfreuen, daß die Menschen, trotz ihres Hastens

nach Gelderwerb, die Freude an unschuldigen Vergnügungen und am Sport

nicht verloren haben; ja, ich möchte behaupten, daß ich bisjetzt noch

keinen Platz kennen gelernt habe, wo die Bevölkerung sich nach Schluß

der Geschäftsstunden so allgemein der körperlichen Erholung widmet.

Dampfer und Eisenbahn bringen die nach Abwechselung und Zerstreuung

lüsternen Städter nach beliebten Ausflugspunkten; mit erstern fahren

sie den Fluß hinauf oder über See, vermittelst der letztern kommen sie

in die Berge; Fuhrwerke aller Art, eigene und Miethswagen, eilen zu den

Spielplätzen, und Lustjachten wie kleinere Segel- und Ruderboote beleben

den Hafen. Namentlich an den Sonntagnachmittagen sind bei gutem Wetter

die sämmtlichen kleinen Segelboote in Bewegung nach der Hafenmündung

zu, und ich habe noch bei jeder solchen Gelegenheit eins oder zwei der

Boote kentern sehen, weil sich bei diesen Ausflügen stets Wettfahrten

entwickeln, da der Engländer davon nun einmal nicht lassen kann, und die

Leute, von denen viele nichts von dem Segeln verstehen, dann übermäßig

Segel führen. Ein weiteres Unglück, als daß die Gekenterten naß wurden,

passirte dabei indeß nicht. Der Sport spielt hier überhaupt in gewissen

Grenzen vielleicht noch eine größere Rolle als im Mutterlande, löst doch

ein Wettrennen das andere ab, und bereisen doch die Criquetspieler nicht

nur die australischen und neuseeländischen Städte, sondern sogar England,

um andere derartige Gesellschaften zum Preiskampf herauszufordern. Während

unsers hiesigen Aufenthalts wurden in Sydney zwei Rennen abgehalten

und von mehrern in andern Städten war noch die Rede. Der Gouverneur ist

selbst großer Sportliebhaber, hat acht Rennpferde im Stalle stehen und

fuhr als richtiger Sportsman zu einem Rennen, das in unmittelbarer Nähe

der Stadt abgehalten wurde, selbst 'four in hands' seine große 'Coach',

in welcher seine ganze Familie sowie die von ihm Geladenen, zu denen auch

ich gehörte, Platz fanden. Die Damen saßen in dem Wagen, wir Herren oben

auf dem Verdeck.

Das Klima, welches annähernd dem von Süditalien mit dem Vorzug eines

kühlern Winters entspricht, scheint dem menschlichen Organismus ebenso

zuträglich zu sein wie den Kindern der Pflanzenwelt, unter welchen auch

die Früchte eine hervorragende Rolle spielen, denn es sollen z. B. in den

Anpflanzungen bei Sydney und Paramatta mehr Orangenarten zu finden sein

als auf dem ganzen übrigen Erdball. Man hat durch Kreuzung und Veredelung

neue Arten und von bekannten Arten andere Größen gewonnen, und von den

letztern werden kleine, nur wallnußgroße Mandarinen wegen ihres feinen

Geschmacks und Saftreichthums besonders geschätzt.

Die wohlhabendern Klassen halten vielfach daran fest, außerhalb der

Stadt zu wohnen. Die meisten dieser Wohnungen findet man nach der

Seeseite zu und auf dem nördlichen Ufer des Hafens, wo schöne Häuser

in herrlichen Gärten liegen, doch fängt man seit der Fertigstellung

der Eisenbahn nach den 'Blue Mountains' auch an, sich dort an höher

gelegenen Punkten anzusiedeln. Die große Entfernung der Privatwohnungen

von den Geschäftsräumen und der Umstand, daß sich in einer aufstrebenden

Colonie in der bessern Gesellschaft immer eine unverhältnißmäßig große

Zahl unverheiratheter jüngerer Männer vorfinden, erklärt wol die vielen

Clubhäuser und deren starke Benutzung zur Frühstückszeit.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 27 / 56 段