Häuptlingsfamilie mit zu ernähren, doch liefert er nicht das dazu Nöthige
ab, sondern der Herr erwartet die vom Fischfang oder von der Fruchtlese
Heimkehrenden und sucht sich das für ihn Wünschenswerthe aus. Nur in dem
Falle, daß der Häuptling ein Gastmahl geben will, befiehlt er, was sein
Volk dazu herbeizuschaffen hat. Die Frauen des Hauses besorgen dann die
Ausschmückung desselben und holen aus dem Wald das dazu erforderliche Laub
und die Blumen.
Eine Folge der ausgedehnten Gastfreiheit ist, daß die Samoaner eigentlich
immer auf Reisen sind, oder aber diese Reiselust ist die Ursache der
Gastfreiheit, welche den Gastgebern übrigens nicht viel Mühe macht, da im
Wasser und im Walde genügende Nahrungsmittel vorhanden sind. Vielleicht
daß beides mit örtlichen Verhältnissen und der sonderbaren Thatsache
zusammenhängt, daß auf den Samoa-Inseln an den verschiedenen Küstenpunkten
die Reifezeit der Brotfrucht nicht zusammenfällt und die Eingeborenen,
welche den Genuß dieses schmackhaften Nahrungsmittels nicht entbehren
wollen, dadurch dazu gekommen sind, die Gastfreundschaft derjenigen ihrer
Bekannten in Anspruch zu nehmen, welche die reife Frucht bieten können.
Dann ziehen sie in ihren großen Reisebooten von Insel zu Insel, von Ort zu
Ort, die genossene Gastfreundschaft damit erwidernd, daß die Männer beim
Fischfang u. s. w. helfen und die Frauen unter fröhlichem Geplauder mit
fleißiger Hand behülflich sind, den Mattenreichthum ihrer Gastgeber zu
vergrößern. Es machte auf mich stets einen außerordentlich anheimelnden
Eindruck, wenn solch ein Boot von etwa 20 Männern gerudert an unserm
Schiff vorbeifuhr. Vorn im Bug sitzt mit untergeschlagenen Beinen ein
Mädchen und erleichtert den Ruderern ihre Arbeit durch weichen Gesang,
hinten auf dem mitgeführten Hausrath sitzt oder liegt bequem hingestreckt
die Häuptlingsfamilie, ein junger Häuptling führt das Steuer. Phantastisch
sehen oft die Männer aus, wenn sie große Stücke Tapa, die sie wol während
der Nacht als Decken benutzen und deren Hauptfarbe fast immer weiß ist,
turbanartig als unförmig großen Aufbau auf dem Kopfe tragen.
Die Dörfer oder Städte, wie man die Ansiedelungen nun nennen will,
liegen, da der Samoaner ohne die See nicht leben zu können scheint,
vorzugsweise an der Küste, die Häuser verstreut unter Kokospalmen und
zwar in solcher Entfernung von einander, daß kein Besitzer von seinem
Nachbar belästigt wird. Und die ganze Ansiedelung umfaßt entweder den
nie fehlenden Berathungs- bezw. Festplatz oder lehnt sich an denselben
an. Auf diesem Platz befinden sich stets das Haus des Häuptlings und das
„Fale-tele“ genannte Berathungshaus, in welchem auch Fremde und Gäste
empfangen werden. Die Honneurs macht hier gewöhnlich die älteste Tochter
des Häuptlings, welche aus diesem Grunde für seinen Hausstand eine so
nothwendige Persönlichkeit ist, daß, wenn der Hausherr überhaupt keine
erwachsene Tochter hat, er oft der Landessitte gemäß ein erwachsenes
Mädchen für immer oder auf Zeit als Tochter adoptiren wird.
Die Bauart der Häuser ist einfach und durchaus zweckmäßig. Ihre Grundform
ist oval mit einem größern Durchmesser von 12-14 m und einem kleinern
von 10 m, das Dach, dessen First 8-9 m über dem Erdboden liegt, ist
halbkugelförmig. Die Hauptbestandtheile des Baues sind das Dach, die
seitlichen Dachstützen und ein in der Mitte der Hütte befindliches
kräftiges Balkengerüst, welches die Mittelstütze für das schwere Dach
bildet und gleichzeitig als Aufbewahrungsort für den Hausrath von
Matten u. s. w. dient. Die seitlichen Dachstützen, welche ebenso wie das
Mittelgerüst aus Kokospalmenholz bestehen und etwa 3 m über den Erdboden
reichen, sind so eingegraben, daß die obern Enden etwas nach außen geneigt
sind, wodurch der Durchmesser des Daches größer wird als derjenige des
Fußbodens. Die seitliche Entfernung der Stützen untereinander beträgt
ungefähr 2 m, sodaß aus Laub gefertigte Vorhänge bequem zwischen je
zweien angebracht werden können und am Tage gegen Sonne und Wind, sowie
des Nachts überhaupt heruntergelassen werden. Auf den Seitenstützen ruht
eine horizontale Balkenlage aus dem biegsamen Holz des Brotfruchtbaums
und auf diese baut sich das gewölbte Dachgerippe aus demselben Holze auf.
Die Dachbedeckung besteht aus getrocknetem Laub und zwar vorzugsweise aus
Zuckerrohr-, daneben aber auch Palmenblättern. Die innere Bodenfläche der
Hütte wird schließlich mit einer etwa 1 m hohen Steinschicht ausgefüllt
und dadurch der Raum zwischen Dachrand und Fußboden auf 2 m verringert.
In dieser Steinschicht befinden sich dicht neben dem Mittelgerüst zwei
vertiefte Feuerstellen, welche am Tage als Kochherd und abends zur
Beleuchtung der Hütte, welche nur aus dem einen freien Raum besteht,
dienen. Wenn auch die Häuser stets dieselbe Form und meistentheils
die gleiche Größe haben, so sieht man vereinzelt doch auch schon etwas
europäisirte Häuptlingshäuser mit viereckigem Grundriß, festen Wänden,
abgeschlagenen kleinen Zimmern und harten hölzernen Bettstellen; eine
Verbesserung in Bezug auf die Wohnungsverhältnisse sind diese Häuser aber
ebensowenig, wie die langen Gewänder der Frauen es in Betreff der Kleidung
sind. Diese geschlossenen Häuser sind dumpf, weniger sauber und in der
Regel voll Ungeziefer, unter welchem die Wanzen nicht fehlen, sodaß die
Besitzer, welche glauben zu ihrem äußern Ansehen ein solch stattlicheres
Haus besitzen zu müssen, gewöhnlich den Aufenthalt in dem saubern und
luftigen Fale-tele vorziehen und ihr eigentliches Haus nur zur sichern
Aufbewahrung des mit der neuern Zeit sich mehrenden kleinen Besitzthums
benutzen.
An der innern Einrichtung der Hütten ist das Merkwürdigste eine durch den
ganzen Raum laufende etwa fußhohe Schicht kleiner runder glatter Steine,
welche nicht größer wie Hühnereier und nicht kleiner wie Taubeneier
und so beweglich sind, daß sie sich durch die vorstehenden Körperformen
des sich setzenden oder hinlegenden Menschen verdrängen lassen und so
bewerkstelligen, daß der Körper überall gleichmäßig unterstützt und
nirgends gedrückt wird. Auf diese Weise ist mit Hülfe einer ausgebreiteten
Matte, welche die directe Berührung mit den Steinen verhindert, ein
vorzügliches, verhältnißmäßig weiches, kühles und gesundes Lager
geschaffen, welches trotz des harten Materials unsern Polsterlagerstätten
kaum nachsteht, in diesem Klima demselben sogar vorzuziehen ist.
Der gewöhnliche Hausrath besteht nur aus Matten, welche auf dem Fußboden
über die Steine gebreitet werden, aus Tapa-Vorhängen, welche nachts
zum Schutz gegen die Mosquitos und zur Abtrennung der verschiedenen
Schlafstätten dienen, und den allerdings sehr harten Kopfkissen. Diese
nähern sich dem japanischen Modell und bestehen aus einem wagerecht
liegenden Stück Bambusrohr von 6-10 cm Dicke, das durch kleine Füße auf
eine Höhe von etwa 16 cm gebracht ist. Von diesen Kopfkissen gibt es
kurze einschläferige und bis zu 1½ m lange, welche für mehrere Personen
bestimmt sind. Kochgeschirr ist nur selten vorhanden und dann auch nur
solches europäischen Ursprungs, da die Samoaner die Speisen ebenso wie die
Tahitier zwischen erhitzten Steinen bereiten und die dazu erforderlichen
Gefäße in grünen Blättern bestehen.
Neben dem Haus beansprucht das Kanu fast gleiche Rechte als Wohnstätte
des Samoaners, da dieser während der Tagesstunden wol ebenso viel auf
dem Wasser wie auf dem Lande lebt. Daher mag es auch kommen, daß der
Bootsbau hier besonders ausgebildet ist und dieses Gewerk ebenso wie
das des Häuserbaues sich in den Händen von Häuptlingsfamilien befindet.
Die Samoaner haben drei Arten von Fahrzeugen, das große zu Kriegs- und
Reisezwecken dienende Boot ohne Ausleger und zweierlei Kanus, ein großes
etwa 10 m langes, welches vorzugsweise zum Fischfang auf offener See
benutzt wird, und das kleine in verschiedenen Größen auftretende, welches
nur der Küstenfahrt dient. Die Formen der großen wie kleinen Kanus sind
hier besonders gefällige, und die Arbeit ist sehr viel sauberer, als ich
sie bisher gesehen habe.
Einen besondern Reiz bot es mir, die Eingeborenen in ihren zierlichen
leichten Fahrzeugen zu beobachten, wenn sie in größerer Zahl um unser
Schiff versammelt den Zeitpunkt abwarteten, wo ihnen mit Eintritt der
Freizeit für die Mannschaft gestattet wurde, das Schiff zu betreten, um
dasselbe zu besichtigen, Früchte zum Kauf anzubieten oder nur zu ihrem
Zeitvertreib uns einen Besuch abzustatten. Einzelne Kanus tragen so viele
Menschen, als sie nur fassen können, andere sind nur mit einer oder, wie
es meistens der Fall ist, mit zwei Personen besetzt; ein allein ruderndes,
ernst dreinschauendes Mädchen, ein einzelner Mann mit Früchten oder
einem Korb abzuliefernder Wäsche, zwei junge singende Mädchen, oder gar
zwei sieben- bis achtjährige Kinder, gleichgültig welchen Geschlechts,
die kaum die Ruder zu heben vermögen -- alle sorglos und ohne Furcht vor
irgendeiner Gefahr, mit ihren Fahrzeugen auf der auf- und niederwogenden
Wasserfläche sich hebend und senkend. Da kommen zwei Kanus, deren Insassen
unaufmerksam waren, zu nahe aneinander, ein Ruck und der Ausleger des
einen löst sich von seinen Haltern, das Fahrzeug kentert, gleichzeitig
aber springen die beiden jungen Mädchen lachend ins Wasser. Ich will
helfen lassen, sehe aber, ehe unser Boot absetzen kann, daß unsere
Hülfe überflüssig ist und die erheiterte Umgebung auch nicht hilft.
Wassertretend verbinden die beiden kleinen Personen den Ausleger wieder
mit den Haltern, dann schwimmen sie auf die andere Seite, fassen das
mit Wasser gefüllte Kanu an der äußern Wand, ein durch Zuruf begleiteter
kräftiger Ruck nach der rechten Seite läßt ziemlich viel Wasser aus der
linken Spitze des Fahrzeuges herausstürzen, ein ebensolcher Ruck nach
links hat denselben Erfolg an der andern Spitze und das Kanu ist soweit
entleert, daß es wieder genügende Schwimmkraft hat, um eine Person zu
tragen, welche dann auch gleich mit gewandtem Schwung in demselben sitzt
und es mit den stets vorhandenen Kokosnußschalen ausschöpft, worauf das
andere Mädchen auch nachfolgt. Mit einigen Handgriffen ist das Wasser
aus Gesicht und Haar entfernt, dann ducken sie sich in den Raum, um
ihr Lava-lava abnehmen zu können und es auszuwinden, und erst nachdem
dies geschehen und sie wieder ordnungsmäßig bekleidet sind, drohen sie
dem Urheber des Misgeschicks mit den Händen und blitzenden lachenden
Augen. Als die Leute unser Interesse an dem ganzen Vorfall bemerkten,
hielt ein Samoaner sich für verpflichtet, uns noch ein ähnliches kleines
Schauspiel zu geben, rief ein Kanu mit zwei kleinen Kindern an und begann
gleichzeitig mit kräftigen Schlägen auf dasselbe zuzurudern. Die Kinder,
sichtlich gleich ganz bei der Sache, kniffen den Mund zusammen und legten
sich mit leuchtenden Augen auch ins Zeug, doch ihr Angreifer war schneller
und bald lagen auch sie im Wasser unter dem fröhlichen Gelächter der
Umgebung, welche Platz gemacht hatte. Hier aber half der Mann, indem er
ins Wasser sprang und sein Kanu so lange in Stich ließ, bis er das der
Kinder wieder zurechtgemacht hatte.
Von dem häuslichen Leben der Samoaner habe ich bisjetzt noch wenig kennen
gelernt, nur ist mir aufgefallen, daß man am Tage, mit Ausnahme der
Häuptlinge, selten in den Hütten Männer antrifft und nur Frauen findet,
welche mit Mattenflechten und Anfertigung des Tapastoffes beschäftigt
sind. Eigentliches Volksleben zeigt sich nur an Mondscheinabenden, wo
größere Gesellschaften im Freien zusammenkommen und sich durch Gesang und
Tanz ergötzen, bis Ermüdung sie in ihre Hütten treibt. Diese Vergnügungen
sind stets harmloser Natur, wie das ganze Leben und Treiben des Volks
es sein soll. Zank und Streit kommen nur selten vor und sind von mir
überhaupt nicht beobachtet worden. Thätlichkeiten sollen eigentlich nur
gelegentlich zwischen den sonst so sanften Frauen vorkommen, und zwar
wenn Eifersucht im Spiele ist. Unter dieser soll der eigentlich schuldige
Mann nie leiden, sondern er kann unbehelligt zusehen, wie die beiden um
ihn kämpfenden Frauenzimmer sich schlagen und puffen, muß es sich aber
gefallen lassen, daß die Besiegte sich später nicht mehr blicken läßt.
Gardinenpredigten gibt es also wol in Samoa nicht.
Ueberhaupt haben die Frauenzimmer und schon die ganz jungen Mädchen eine
seltene Selbständigkeit, welche nur dadurch möglich sein kann, daß die
strenge Sitte, welche dem ganzen Volk in Fleisch und Blut übergegangen
sein muß, das Weib stets und allerorten vor jeder Unbill schützt. So wird
es erklärlich, daß junge Mädchen allein weit über Land wandern, am Tage
nach ihrem Gutdünken gehen wohin sie wollen, und die schönen, nur mit
dem kleinen Lava-lava bekleideten Gestalten sich ohne Arg auf die fremden
Kriegsschiffe und unter das Schiffsvolk wagen, wo sie mit überraschendem
Takt jede Zudringlichkeit zurückzuweisen verstehen. Dieser Selbständigkeit
der jungen Mädchen im Verein mit den streng beobachteten guten Formen
wird es zuzuschreiben sein, daß in Samoa trotz der nach unsern Begriffen
immerhin freien Sitten eigentliche Sittenlosigkeit nicht vorkommt und die
weiche, anschmiegende Samoanerin nur wirklicher Liebe zugänglich ist,
in diesem Fall dann aber auch keine Schranke anerkennt. Allerdings ist
sie in der Regel doch berechnend genug, sich auch gesetzmäßig trauen zu
lassen; sei es auch nur für kurze Zeit, so ist doch der Anstand gewahrt.
Es kommen zwar auch genug Fälle vor, wo die Aeltern nach ihrem Gutdünken
ihre Töchter verheirathen, und wo die Häuptlinge über die Töchter ihrer
Unterthanen verfügen, doch ist dies dann ein Zwang, dem die Mädchen
folgen müssen, wenn sie sich auch nur widerwillig fügen. So besteht in
Samoa, wenigstens auf der Insel Savai’i, welche sich bisjetzt von fremdem
Wesen am reinsten erhalten hat, noch die alte Sitte, einem vornehmen
Fremden, wenn er bei einem Häuptling die Nacht zu Gast bleibt, eine
Gesellschafterin anzubieten, doch wird es gern gesehen, wenn er dieses
Anerbieten nicht annimmt; einen Makel erhält solch ein Mädchen dadurch
aber nicht, sondern es kehrt nach gehorsamer Duldung der über seine Person
getroffenen Verfügung in das Aelternhaus zurück.
Die ehelichen Verhältnisse sind ziemlich geordnete und die Regel ist, daß
die Ehe auf Lebenszeit geschlossen wird, obgleich ihre Wiederauflösung
den Samoanern sehr leicht gemacht ist. Hiervon machen aber eigentlich
nur die Häuptlinge öftern Gebrauch und wol auch nur in dem Falle, wenn
sie ein Mädchen von niederm Stande geheirathet haben und später eine
standesgemäßere Ehe eingehen wollen. Die Eheschließung selbst soll
zwar nach dem neuen Gesetz vor einem Regierungsbeamten gegen Erlegung
einer Taxe erfolgen, die Samoaner aber betrachten die Ehe nach ihrem
alten Brauch auch als rechtsgültig und halten nur darauf, daß bei der
Verheirathung ihrer Töchter mit Weißen jene Form beobachtet wird, wie denn
diese Civilehe wol auch nur durch die Europäer eingeführt worden ist, weil
es ihnen nicht gelingen wollte, hier, ebenso wie auf andern Südsee-Inseln,
intimere Beziehungen mit den Töchtern des Landes anzuknüpfen, und die
Samoaner bald erkannten, daß die nur nach samoanischem Brauch vollzogene
Trauung mit einem Weißen von den andern Europäern nicht als vollgültig
angesehen wurde. Die klugen Weißen wußten sich aber auch hier zu helfen
und sich das Recht, ihre Frauen und Kinder beim Verlassen der Inseln
zurückzulassen, dadurch zu sichern, daß sie gegen Erlegung der doppelten
Taxe die Einführung der Ehe auf bestimmte Zeit, z. B. auf zwei Jahre,
durchsetzten, welcher Unfug zur Zeit noch besteht. Daß die Mutter nachher
die Kinder behält und für ihren Unterhalt sorgt, betrachtet die Samoanerin
als so selbstverständlich, daß dies auch kein Hinderniß für diese Art der
Eheschließung abgab.
Nach dem neuen Gesetz ist, abweichend von dem Samoabrauch, dem Mann nur
eine Frau erlaubt, doch halten die Häuptlinge dasselbe für sich nicht
bindend, wenngleich sie sich in der Regel mit nur einer begnügen, von
welcher Regel allerdings, wenn ich recht unterrichtet bin, der jetzige
Standesbeamte von Upolu eine Ausnahme macht. Derselbe hat sich mehrere
Frauen angetraut, aber zur Erhaltung des häuslichen Friedens die Vorsicht
geübt, daß er sie an verschiedenen Orten wohnen läßt, wodurch er wiederum
den Vortheil hat, bei seinen Reisen überall eine eigene Häuslichkeit
vorzufinden.
Jungfräuliche Reinheit seitens der Braut ist für den Abschluß eines
Ehebündnisses keine Nothwendigkeit; daß aber der Samoaner auf diese
Tugend dennoch großen Werth legt, geht daraus hervor, daß der Beweis der
Reinheit bei einer jungfräulichen Braut, namentlich bei der Heirath eines
Häuptlings, früher stets öffentlich erbracht wurde, was jetzt nur noch im
engern Familienkreise, vereinzelt aber, wenn auch abweichend von dem alten
Brauch, heute noch öffentlich geschieht, denn ich habe in den Straßen von
Apia das Lava-lava einer jungfräulichen Braut am Morgen nach der Hochzeit
vor dem Hause als solch einen öffentlichen Beweis hängen sehen.
Daß die vorgeschilderten, verhältnißmäßig guten moralischen Zustände
dem Wirken der englischen Missionare zuzuschreiben sind, glaube ich
nicht, aber es darf wol als sicher anzunehmen sein, daß sich seit der
Ansiedelung der Missionare die sittlichen Zustände auf den Samoa-Inseln
nicht verschlechtert haben, mithin der neue Glaube auf die wohlgefügten
alten socialen Verhältnisse nicht zersetzend gewirkt hat. Die geistlichen
Herren, welche sich hier nicht in den Vordergrund drängen und keine
politische Rolle, wie z. B. auf den Gesellschafts-Inseln, spielen wollen,
scheinen mit weiser Mäßigung vorgegangen zu sein und dadurch, wenn
auch nur langsam, Aussicht auf dauernden Erfolg zu haben. Immerhin darf
nicht vergessen werden, daß die Missionare in Samoa durchaus geordnete
Verhältnisse vorfanden, welche ihnen einen schnellen Erfolg unmöglich
machten und sie andererseits davor bewahrten, den ihnen eigentlich
zufallenden Wirkungskreis zu überschreiten. Daß die sittlichen Zustände
sich auch in Apia trotz der vielen dort verkehrenden Europäer im Gegensatz
zu den Städten anderer polynesischen Inseln noch so gut erhalten haben,
wird vorzugsweise als ein Verdienst der in Apia tonangebenden deutschen
Häuser anzusehen sein, welche schon ihrer ganzen Stellung nach gezwungen
waren, die guten Formen hochzuhalten und dadurch maßgebend für das
Auftreten der übrigen Europäer wurden.
Zur Zeit nennen sich wol die meisten Samoaner Christen, wenn auch ihr
Glaube sich vorläufig noch auf die Sonntagsheiligung und die Beobachtung
einiger äußerer Gebräuche beschränken dürfte.
Der Besitz des Samoaners besteht vornehmlich nur in seinem Hause, dem
Kanu, der Feuerwaffe und in Land, welches immer der ganzen Familie
und nicht einzelnen Mitgliedern gehört. Hieraus sind früher bei den
Landverkäufen häufig Streitigkeiten entstanden, weil der kaufende
Europäer, mit diesen Verhältnissen unbekannt, den Kauf mit nur einem
Mitglied der Familie abschloß und diesem den Kaufpreis zahlte, worauf die
andern Theilhaber dann die Rechtsgültigkeit des Vertrags bestritten, doch
wird jetzt schon seit langer Zeit kein Landkauf mehr abgeschlossen, ohne
daß die Samoaner vollzählig den Kaufbrief unterschrieben haben. Neben
den vorstehend genannten Besitzthümern gibt es aber noch ein Werthobject,
welches nur einen idealen Werth hat und oft höher geschätzt wird wie all
die andern. Es ist die als Staatskleid benutzte Matte, welche aus einem
besonders feinem Geflecht bestehend und am Rande mit kleinen rothen Federn
verziert, ihren Werth durch ihr Alter und ihre frühern Besitzer erhält,
wodurch die wirklich alten und von berühmten Familien herstammenden in
gewissem Sinne die Ueberlieferinnen der alten samoanischen Geschichte
geworden sind, da diese überhaupt nur in mündlicher Ueberlieferung
besteht, weil die Kunst des Schreibens den Samoanern erst in allerneuester
Zeit bekannt geworden ist. Von diesen besonders werthvollen Matten,
deren Ursprung und Geschichte jeder Samoaner kennt, sind allerdings nur
wenige vorhanden, diese aber verehrt er wie Heiligthümer und es gibt für
ihn keinen größern Wunsch, als eine solche Matte besitzen zu können. Als
einstmals das Haus Godeffroy ein werthvolles Stück Land erwerben wollte
und der Besitzer auf kein Gebot einging, wurde ihm solch eine Matte auch
vorgelegt, von welcher er wie jeder Samoaner wußte, daß sie im Besitz des
Herrn Weber war. Sofort griff der Mann zu und war überrascht, außer der
Matte auch noch den ihm vorher angebotenen Kaufpreis zu erhalten, denn die
Matte allein erschien ihm als überreiche Bezahlung. Das Land wird übrigens
in nicht zu ferner Zeit zum größten Theil in den Händen der Weißen sein,
da der Samoaner, seinem polynesischen Charakterzug folgend, durchaus nicht
arbeiten will und sein Land für ihn daher werthlos ist, sofern es nicht
schon mit Kokosnuß- und Brotfruchtbäumen bestanden ist oder er es als
Bauplatz benutzen kann.
Neben dem Haus und dem Kanu bestehen die künstlichen Erzeugnisse der
Samoaner aus Kleidungsstücken der verschiedensten Art, aus Matten zum
Belegen der Fußböden, Tapavorhängen, Kawabowlen, Fischereigeräthen,
Fliegenwedel, Fächern, geschnitzten und mit allerlei Zierath versehenen
Holzkämmen, kleinen Körbchen und Taschen und schließlich aus alten
Holzwaffen, welche aber nur noch als Schaustücke Verwendung finden. Es
kommen auch noch einzelne Schmuckgegenstände vor, doch habe ich von diesen
noch nichts gesehen, kann also auch noch nicht darüber berichten.
Die Kleidungsstücke, welche immer als Lava-lava zu denken sind,
unterscheiden sich voneinander nur durch das zur Verwendung kommende
Material. Das tägliche Lava-lava, wenn es nicht aus europäischem Stoff
besteht, ist entweder aus Baststreifen bezw. langen Gräsern gefertigt,
oder es wird durch ein Stück Tapa gebildet. Als Staatskleider dienen die
bereits genannten feinen Matten, für welche die Blätter des Pandanusbaumes
das Material liefern, oder Gewebe aus blendend weißem Bast mit Zotteln
von 10-20 cm Länge, sodaß das ganze Stück bei oberflächlicher Betrachtung
häufig für ein Fell der Angoraziege gehalten wird. Dann kommt noch ein
ganz eigenartig gewebtes oder geflochtenes kleines Lava-lava aus demselben
weißen Bast vor, welches nur im Hause von der Braut an ihrem Hochzeitstage
getragen wird und das sie ihrem Manne am nächsten Morgen, indem sie
sich auf eine Knie niederläßt, mit den Worten: „Herr, hier hast du mein
Geschenk“, überreicht. Dieses Lava-lava hat somit wol eine ähnliche
Bedeutung wie bei uns Gürtel und Schleier der Braut es haben?
Die Matten für die Fußböden sind von ziemlich grobem Geflecht und von
verschiedener Größe.
Die Tapavorhänge unterscheiden sich von dem Lava-lava aus gleichem
Material nur durch die Größe und zuweilen auch durch die Malerei, da sie
mehr Farbe vertragen können, wie die für den Körper bestimmten Stoffe,
welche doch weicher und geschmeidiger bleiben müssen. Der Grundstoff
des Tapa ist die Zellenschicht, welche zwischen Rinde und Stamm des
Maulbeerbaumes liegt und durch Klopfen mit Holz oder Steinen zu einem
festen papierartigen Stoffe wird. Zunächst werden die Zellenschichten
je eines Baumes zu Streifen von etwa 20 cm Breite verarbeitet und die
Streifen später dann nach vorheriger Wiederanfeuchtung durch Klopfen
miteinander verbunden. Auf diese Weise kann jede gewünschte Form und Größe
hergestellt werden.
Die größern Kawabowlen, zu welchen die Fidji-Inseln das Holz liefern, weil
auf Samoa keine Bäume von hierzu genügendem Stammdurchmesser vorkommen,
sind aus diesem Grunde werthvolle Stücke, welche nur im Besitz der
Häuptlinge gefunden werden.