Der Schauplatz an Land war so, daß wir einen etwa 100 Schritt breiten und

200 Schritt tiefen Platz betreten und ganz durchmessen mußten, um bis zu

dem im Hintergrunde sich an den Wald anlehnenden Hause des Häuptlings zu

gelangen. Der Platz wird mit Ausnahme eines kleinen Stücks am Strande

von dichtem Wald und Busch umrahmt, durch welchen nur schmale Fußpfade

gehen. Hinter der Häuptlingswohnung im Walde öffnet sich eine enge

Schlucht, auf welche mehrere in das Innere führende Fußpfade münden. Auf

dem Platze selbst liegt in der Mitte noch ein der ältesten Tochter des

Häuptlings gehörendes Haus und an der einen Seite am Waldesrande befinden

sich zwei alte Häuptlingsgräber, denen die Samoaner eine große Verehrung

zollen und welcher Umstand den Consul bestimmt hatte, gerade Saluafata

als Beschlagsobject zu wählen. Landeten wir nun gleich mit einer größern

Truppe, so war anzunehmen, daß die Samoaner, in der Befürchtung eines

Angriffs von unserer Seite, aus ihrem Hinterhalte auf 50-100 Schritt

Entfernung mit ihren Schnellladern ein verheerendes Feuer auf uns

richteten, welches etwa die Hälfte unserer Leute hinraffen mußte, worauf

die Angreifer ohne einen Schuß zu erhalten, auf gedeckten Pfaden nach den

verschiedensten Richtungen in das Innere entfliehen konnten, ohne daß es

uns möglich gewesen wäre, ihnen zu folgen, weil wir nicht wissen konnten,

wohin uns zu wenden. Von unserer Seite den ersten Angriff zu machen, war

ausgeschlossen, da uns jede Veranlassung dazu vorläufig noch fehlte, im

übrigen wir ja auch kein Angriffsobject gefunden haben würden. So blieb

bei der Kürze der uns zur Verfügung stehenden Zeit nur der von uns gefaßte

Plan als einziger Ausweg möglich, indem wir hofften, daß die moralische

Wirkung unsers Auftretens uns den gewünschten Erfolg bringen würde. Wenn

wir uns auch mit Revolvern versahen, so setzten wir für den Fall eines

Angriffs unsere einzige Hoffnung doch nur auf die blanke Waffe, weshalb

der Consul meinen zweiten Säbel nahm. Denn wenn auf uns geschossen wurde,

konnte unsere Erwiderung der Schüsse in den dichten Wald hinein keinerlei

Erfolg haben, und wir nahmen uns für diesen Fall vor, wenn wir nicht

getroffen werden sollten, mit blankem Säbel unsern Angreifern in den Wald

entgegenzustürmen, darauf rechnend, daß die Eingeborenen dann vor uns

fliehen würden.

Nachdem ich für alle Fälle dem ersten Offizier des Schiffes Aufschluß über

die ganze Lage gegeben hatte, wurden gegen 8½ Uhr die Boote gerüstet. Der

Befehlshaber des Landungscorps hatte den Auftrag, 400 Schritt vom Lande

die Boote aufmarschiren zu lassen und nach den verabredeten Signalen zu

handeln. Kurz vor 9 Uhr lief mein Boot knirschend auf den Sand, und der

Consul und ich traten unsern ernsten Weg an. Den Dolmetscher, welchen

der Arzt für befähigt erklärt hatte uns für eine Stunde zu begleiten,

mußten wir in meiner Gig zurücklassen, da der Mann unser Vorhaben als

sichern Tod bezeichnete und nicht zum Mitgehen bewogen werden konnte.

Zwei Leute meiner Bootsbesatzung sollten, nachdem wir einen Vorsprung

gewonnen hatten, uns vorsichtig in Sicht- und Rufweite nachfolgen, um

einen etwaigen Ueberfall sofort an das Landungscorps melden zu können,

da ja auch nicht ausgeschlossen war, daß die Samoaner versuchen würden,

sich unserer Personen zu bemächtigen, um uns vorläufig als Geiseln zu

behalten. Wir durchschritten eine Palmenlichtung und fanden die dort

zerstreut liegenden Hütten, soweit wir sehen konnten, sämmtlich verlassen,

was kein gutes Zeichen war. Wir betraten den Platz und gingen, ohne eine

Menschenspur zu entdecken, die Hand an dem gelockerten Säbel, etwa zwei

Schritte voneinander entfernt, in ruhigem festen Schritt vor, jeden

Augenblick den ersten verhängnißvollen Schuß erwartend. Denn wenn nur

ein aufgeregter unbedachter Samoaner losdrückte, so war dies zweifellos

das Signal für eine mörderische Salve auf uns. Es war eine eigenthümlich

ernste Lage, welche den Mund verstummen machte und den Gedanken den

weitesten Spielraum ließ. Was wurde, wenn das tödliche Blei uns traf,

oder wir lebend überwältigt den unberechenbaren Mishandlungen einer

fanatisirten Menge preisgegeben waren?

Erst als wir die Hütte der Häuptlingstochter umgangen hatten, änderte sich

das Bild. Geputzte und mit Blumen geschmückte Menschen, Männer, Frauen und

Kinder kamen uns entgegen und geleiteten uns zu dem Hause des Häuptlings,

wo wir von sämmtlichen Häuptlingen des Bezirks, denen sich ihre Familien

theilweise angeschlossen hatten, empfangen wurden. Nachdem wir die uns

gereichte Kawa getrunken hatten, wurde der Dolmetscher herbeigerufen und

der Zweck unserer Anwesenheit kundgethan, worauf Sangapolutele, der erste

Häuptling und Besitzer von Saluafata, erklärte, der Gewalt weichen und

uns vertrauen zu wollen. Nachdem dann die Ehrenwache heransignalisirt war

und vor dem Hause Aufstellung genommen hatte, wurde die deutsche Flagge

mit den entsprechenden militärischen Ehrenbezeugungen aufgepflanzt,

von dem Consul die in samoanischer Sprache verfaßte, die Beschlagnahme

aussprechende Proclamation verlesen und Sangapolutele darauf eingehändigt;

die Flagge wurde wieder gesenkt, unsere Truppe marschirte mit klingendem

Spiel ab und wir verweilten noch einige Minuten, um die vorher fertig

gemachten Briefe, welche der Samoa-Regierung und den fremden Consuln

die erfolgte Beschlagnahme von Saluafata anzeigten, durch einen Boten

abzusenden. Während dieser Zeit erfuhren wir auch noch, daß wirklich

600 Samoaner um den Platz herum auf uns im Anschlag gelegen hatten,

aber zurückgezogen wurden, als wir nur allein den Platz betraten und das

Stoppen unserer Boote weiter außerhalb ihnen die Gewißheit gab, daß wir

keinen gewaltthätigen Angriff beabsichtigten. Wir kehrten zum Schiffe

zurück und waren schon um 10 Uhr wieder unter Dampf auf dem Wege nach

Falealili.

Gegen Abend langten wir dort an und der Lootse wurde an Stelle des

Dolmetschers, welcher wirklich ernstlich erkrankt war, an Land geschickt,

um die Häuptlinge des Platzes ebenso vorzubereiten, wie es in Saluafata

geschehen war. Er brachte am 17. morgens indeß die Nachricht, daß der Ort

von Menschen entblößt sei und die wenigen Zurückgebliebenen nicht wagten,

in Abwesenheit ihrer Häuptlinge mit uns zu verhandeln, daher vor unserer

Landung den Ort verlassen würden. Da es somit wahrscheinlich war, daß der

Act der Beschlagnahme in einer verlassenen Stadt erfolgen würde, so nahmen

wir einen Zimmermann mit, um die Proclamation in der Hütte des Häuptlings

annageln zu lassen. Um 7½ Uhr morgens landeten wir mit der Ehrenwache,

nachdem, um keine Vorsicht außer Acht zu lassen, die bewaffneten Boote

ebenso wie in Saluafata in einiger Entfernung vom Lande Aufstellung

genommen hatten; wir fanden aber, entgegen unserer Annahme, den Platz

nicht verlassen, sondern voller Menschen, welche sich zum Theil in der

uns vom Lootsen als solche bezeichneten Hütte des Häuptlings, zum größern

Theil in deren nächster Umgebung befanden. Beim Näherkommen erkannten

wir allerdings, daß wir nur geputzte Frauenzimmer vor uns hatten,

in deren Mitte sich ein eingeborener Missionslehrer befand, welchen

sie wol zur Wahrung des Anstandes bewogen hatten, an unserm Empfang

theilzunehmen. Die munter aussehende Schar benahm sich sehr artig und

schien sich der Würde, die Männer zu vertreten, wohlbewußt zu sein. Wir

mußten zunächst mit den im Hause befindlichen Häuptlingsdamen die Hände

schütteln, der Consul wechselte mit dem Lehrer einige Worte, und dann

erfolgte die Beschlagnahme, welche mit der Annagelung der Proclamation im

Häuptlingshause abschloß.

Die Damen verhielten sich still und zurückhaltend, bis unsere Wache bei

ihrem Abmarsch ungefähr die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, dann

ging ihnen jedoch ihr Temperament durch, die in dem Hause befindlichen

traten aus demselben heraus und liefen, von den andern gefolgt, unsern

Leuten nach, um sie bis zum Strande zu begleiten. Dort erfolgte sogar,

nachdem die Wache in ihren Booten abgesetzt hatte und das Boot für die

Musik herankam, schließlich unter großem Jubel und fröhlichem Gelächter

seitens der jungen Mädchen, ein regelrechter Angriff auf die Musiker. Denn

während diese, um ihr Schuhzeug nicht naß zu machen, auf andern Matrosen

reitend durch das seichte Wasser zum Boote getragen wurden, folgten ihnen

die Mädchen, von den ältern Frauen angespornt, in das Wasser nach, kniffen

die Reiter in die Beine, theilten zarte Schläge aus und schenkten den

Geschlagenen dann ihre Blumen. Doch damit nicht genug, versuchten sie

noch den Paukenschläger zu entführen und benutzten dazu den Moment, wo er,

nachdem er seine Pauke untergebracht hatte, mit dem Leib auf dem Bootsrand

liegend, versuchte, in dasselbe sich hineinzuarbeiten. Einige Mädchen

packten ihn an den Beinen, zogen ihn wieder aus dem Boot und hoben ihn auf

ihre Schultern, doch machte der Offizier des Bootes diesem liebenswürdigen

Unfug ein Ende, als sie versuchten, den Mann an Land zu tragen. So endete

die Wegnahme von Falealili als ein Festtag für seine Bewohnerinnen.

An Bord zurückgekehrt, ließ ich gleich Anker lichten, um unter Segel und

Dampf schleunigst nach Apia zurückzukehren und dort noch vor Dunkelwerden

einzutreffen, da ich doch nicht sicher war, ob die aufgeregten

Samoaner nicht etwa Feindseligkeiten gegen die Deutschen unternehmen

würden. Kurz vor Sonnenuntergang langten wir in Apia an und erfuhren

von dem uns entgegengekommenen Lootsen, daß in der Stadt zwar eine

hochgradige Aufregung herrsche, weil das Gerücht, wir hätten die beiden

beschlagnahmten Plätze dem Erdboden gleichgemacht, im Umlauf sei, unsere

Landsleute seien aber bisjetzt unbehelligt geblieben; dagegen habe die

amerikanische Corvette seeklar gemacht, um uns am nächsten Tage zu folgen.

Der Consul fuhr gleich an Land und ich folgte etwas später, um den Abend

in dem gastlichen deutschen Hause zu verbringen und mich über die Lage in

Apia zu unterrichten. Auf meinem Wege dorthin kam mir gerade der ganze

Zug der von Mulinu’u zurückkehrenden lärmenden und bunt herausgeputzten

Festtheilnehmer entgegen, sodaß ich mich zur Seite stellte, um die Leute

vorüber zu lassen, da ich mich nicht dem Menschenstrom entgegendrängen

wollte. Doch schon nach kurzer Zeit fielen mehrere Schüsse und eine Kugel

sauste dicht an meinem Kopfe vorbei. Nun mußte ich meinen Platz verlassen

und schaffte mir mit einigen kräftigen Stockschlägen auf die Köpfe der

Eingeborenen freie Bahn, sodaß mir Raum gemacht wurde und ich bis zum

Consulat gelangen konnte. Nicht lange darauf kam auch noch eine Botschaft

von meinem Schiffe, daß auf unsere Boote geschossen worden sei, und nun

schickte ich noch an demselben Abend eine Beschwerde an die Regierung

mit der gleichzeitigen Androhung, für jeden getödteten oder verwundeten

Deutschen zwei Samoaner aufhängen zu lassen. Aehnliche Ausschreitungen

kamen indeß nicht mehr vor. An diesem Abend erfuhren wir noch über die

politische Lage, daß bei den Festen, zu welchen ungefähr 3000 Theilnehmer

erschienen waren, der größte Theil der Bezirke Upolus vertreten war und

somit angenommen werden darf, daß diese Insel den Vertrag zwischen Samoa

und den Vereinigten Staaten anerkannt hat, während Savai’i ferngeblieben

ist und erklärt hat, den Vertrag nicht anerkennen zu wollen. Tutuila

dagegen war wieder durch einige Abgesandte vertreten, aber nur um

gegen die Ueberlassung des Hafens von Pago-Pago an eine fremde Macht zu

protestiren. Da die samoanischen Häfen Privateigenthum der betreffenden

Häuptlinge sind, so konnte seinerzeit Mamea nicht bevollmächtigt werden,

einen Hafen abzutreten, und hatte diese Vollmacht auch nicht erhalten.

Immerhin hat die jetzige samoanische Regierung den Vertrag mit der

Ueberweisung Pago-Pagos als Kohlenstation ratificirt.

Die Aufregung unter den Samoanern schwand am nächsten Tage, als unsere

getroffenen Maßnahmen der Wahrheit gemäß bekannt wurden; unter den

Amerikanern aber wuchs sie und führte zur vollständigen Veruneinigung

aller Betheiligten, welche nach wenigen Tagen zum größten Theil ebenso

schnell aus Apia verschwanden, wie sie meteorartig dahingekommen

waren. Zunächst versuchten die Amerikaner zu retten, was noch zu retten

war, wobei die wunderlichsten Sachen zu Tage kamen. Als sie alle ihre

Bemühungen, festen Fuß zu fassen, scheitern sahen, vereinigten sie sich

noch einmal zu einem großen Schlage, indem sie der Samoa-Regierung eine

Rechnung zur Begleichung vorlegten, welche die Höhe von 105800 Dollars

oder 423200 Mark erreichte.

Die kurze Geschichte dieser Rechnung ist, wie sie in Apia erzählt wird,

die folgende.

Die beiden zur frühern Landcompagnie gehörigen Amerikaner, welche

den samoanischen Abgesandten Mamea nach Amerika bringen wollten,

erklärten diesem gleich nach der Ankunft in San-Francisco, daß sie

ihn ohne Geldmittel in Stich lassen würden, wenn er nicht namens der

Samoa-Regierung Schatzbons im Betrage von 100000 Doll. ausschriebe

und ihnen aushändige, wogegen sie dann auf ihre Landansprüche in Samoa

verzichten würden. Mamea, welcher übrigens die Tragweite einer solchen

Maßregel gar nicht ermessen konnte, zumal ihm, wie jedem Samoaner, das

Verständniß dafür fehlte, was eine solche Summe überhaupt zu bedeuten

hat, fertigte die Schatzbons nach einigem Sträuben aus. Die Sache wurde

vorläufig geheim gehalten und erblickte das Tageslicht erst am 20. Juli,

nachdem durch die Feste in Mulinu’u der Vertrag mit den Vereinigten

Staaten öffentliche Anerkennung gefunden hatte; die Leute stellen jetzt

die Behauptung auf, daß Mamea zur Ausgabe der Schatzbons berechtigt

gewesen wäre, weil er vollgültige Vollmacht zur Abschließung des Vertrags

gehabt habe. Die Samoaner aber wollen diese Beweisführung nicht gelten

lassen und weigern sich zu zahlen. Ferner sollen die erwähnten beiden

Herren eine Rechnung von 4800 Doll. für den Unterhalt des Mamea während

seines sechsmonatlichen Aufenthalts in Amerika vorgelegt haben. Mamea sagt

aber, daß er schlecht verpflegt worden sei, nie baares Geld gesehen habe

und San-Francisco überhaupt nicht hätte verlassen können, wenn nicht der

von ihm angeworbene Bartlett ihn aus dem Gasthof ausgelöst hätte, worüber

dieser Herr eine Rechnung von 1000 Doll. vorgelegt haben soll, sodaß

hiernach die für Mamea’s Reise geforderten Gesammtausgaben 5800 Doll.

betragen würden. Die Samoaner, welche in dem Glauben leben durften, daß

die Entsendung Mamea’s ihnen überhaupt nichts kosten würde, verweigern

auch hier die Zahlung der ganzen Summe und wollen nur von ihnen in aller

Eile gesammelte 1000 Doll. geben.

Die Weigerung der armen Samoaner, welche überhaupt kein baares Geld in

größern Summen besitzen, soll nun veranlaßt haben, daß dem amerikanischen

Commandanten die Sache übergeben worden ist, welcher aber auch schwerlich

die Zahlung wird erzwingen können, wenn er wirklich diese etwas

zweifelhafte Angelegenheit sollte weiter verfolgen wollen. Und vor einer

Vergewaltigung, wie Tahiti sie seinerzeit durch die Franzosen erfahren

hat, sind die Samoaner ja gesichert, seitdem Saluafata und Falealili schon

in fremden Händen sind, sodaß sie unter Umständen für diesen Gewaltstreich

noch dankbar sein müßten, welche Auffassung sich in dem größten Theile

des Landes und bei der Minderheit der Regierungsgewalten übrigens auch

schon Bahn brechen soll. Um dem Wirrwarr die Krone aufzusetzen, soll nun

auch noch der mehrerwähnte Consulatsbeamte sich ebenfalls um die Stelle

eines ersten Ministers der Samoa-Regierung beworben und zu diesem Zwecke

einen vom 24. Mai datirten Empfehlungsbrief Steinberger’s vorgelegt haben.

Diesen Brief will einer der Herren von der Landcompagnie, welcher seine

Sache hier verloren gibt und mich um eine Passage nach den Fidji-Inseln

bat, gesehen haben. Die Folge davon ist, daß Bartlett nun sucht, mit uns

Fühlung zu bekommen, um mit deutscher Hülfe den ihm in Aussicht gestellten

Posten zu erlangen. Das kurze Ende der langen Geschichte ist, daß wir

meines Erachtens das Spiel gewonnen haben und ich, trotzdem die Samoaner

vorläufig noch abgelehnt haben, zur Wiedererlangung ihrer beiden Häfen

mit uns den Deutschland verbrieften Vertrag abzuschließen, glaube ruhig

die Reise nach Sydney wagen zu können, da der Consul allen Schwierigkeiten

allein gewachsen sein dürfte, solange die erfolgte Beschlagnahme der Häfen

zu Recht besteht und sofern sie von zuständiger Stelle gebilligt werden

sollte.

So habe ich heute Morgen Apia verlassen und vor Antritt der Reise auf

Wunsch des Consuls nur noch einen Abstecher nach der kleinen Insel Manono

gemacht, da noch immer keine Nachricht von der erfolgten Bestrafung der

Leute, welche mit dem französischen Priester den Angriff auf die deutsche

Plantage gemacht hatten, eingetroffen war und der Consul vermuthete, daß

die Regierung zu schwach sei, eine solche von der trotzigen Bevölkerung

von Manono zu erzwingen. Nachdem der Gouverneur der Insel, um den

angedrohten Maßregeln von unserer Seite zu entgehen, die Bestrafung

zugesagt und versprochen hatte, darüber dem Consul zu berichten, kehrte

dieser Herr in einem mitgenommenen offenen Boot nach Apia zurück, während

wir die weite See aufsuchten, deren Wesen uns nach der langen Hafenzeit

von fünf Wochen und der Ungewohntheit so langen Stillliegens beinahe fremd

geworden ist.

Die Samoaner sind ein schöner Menschenschlag, die Männer groß und

stattlich, die Frauen zierlich und fein gestaltet, von nur Mittelgröße.

Aber nicht nur der Unterschied in der Körpergröße der beiden Geschlechter,

welcher dem unserer kaukasischen Rasse entspricht, fällt auf, wenn

man von Tahiti und den Gesellschafts-Inseln kommt, sondern auch die

Aehnlichkeit der Charakterveranlagung mit unserer Rasse. Denn die Männer

besitzen im allgemeinen die Tugenden, welche wir als männliche bezeichnen,

und die Frauen sind, abweichend von ihren Schwestern auf den von mir

bisjetzt besuchten polynesischen Inseln, sanft, einschmeichelnd und

aufopferungsfähig, haben eine weiche Stimme und können in der Regel als

häuslich veranlagt gelten. Wie mir erzählt wurde und was ich selbst schon

erkannt zu haben glaube, halten die Samoaner auch streng auf Formen,

beobachten in ihrem Verkehr feine Sitte und Anstand, sind außerordentlich

gastfrei, reinlich an ihrem Körper wie in ihren Wohnungen und können in

gewissem Sinne als ein Culturvolk betrachtet werden. So soll auch ihre

Sprache der reinste und ausgebildetste der verschiedenen polynesischen

Dialekte sein, sodaß man die Samoaner als die Aristokratie Polynesiens

bezeichnet und aus den angeführten Gründen vielfach auch für das

Stammvolk der Polynesier hält. Diese höhere Stufe soll ihnen auch von den

Eingeborenen der Tonga- und Fidji-Inseln zuerkannt werden, gilt doch auch

den letztern die Redewendung „Sie ist so schön wie eine Frau von Manono“

als Bezeichnung der höchsten Vollendung des Weibes, und streben doch die

Häuptlingsfamilien beider Inselgruppen danach, für ihre Söhne Töchter aus

vornehmer samoanischer Familie als Gattinnen zu erhalten. Auch sollen die

jungen Männer Tongas es als höchstes zu erstrebendes Ziel betrachten, sich

auf samoanische Art tätowiren zu lassen und oft dazu für einige Zeit nach

den Samoa-Inseln übersiedeln, weil der König von Tonga auf seinen Inseln

das Tätowiren verboten hat.

Vor dem niedern Volk zeichnen sich äußerlich die männlichen Mitglieder der

Häuptlingsfamilien durch größere Gestalt aus und beide Geschlechter thun

dies durch bessere Körperhaltung, denn wenn auch der gewöhnliche Mann sich

im allgemeinen gut hält, so kann man dies doch nicht immer von den Frauen

sagen, während die Häuptlingsdamen stets eine tadellose Haltung zur Schau

tragen und einen auffallend stattlichen Gang haben. Schon nach wenigen

Tagen konnte ich an diesen Merkmalen ziemlich sicher die Mitglieder

der Häuptlingsfamilien erkennen. In die Augen fallend ist ferner, daß

die Samoaner noch ziemlich streng an ihrer alten Lebensweise und ganz

an ihrer alten Kleidung festhalten. Die einzige inzwischen eingeführte

Aenderung der letztern besteht darin, daß an Stelle des alten für das

Kleid verwendeten Stoffes europäische Baumwollgewebe getreten sind, doch

tragen die Häuptlinge der obersten Klasse, wenn sie sich in Apia zeigen,

auch neben dem nationalen Lava-lava noch ein weißes europäisches Hemd, und

die wenigen wirklich zum Christenthum übergetretenen Frauen befleißigen

sich, in der Stadt ein Stück Zeug, welches über den Kopf gestreift Brust

und Rücken bis zu den Hüften bedeckt, umzuhängen. Doch legen die Leute

diese ihnen immerhin fremden Kleidungsstücke ab, wenn sie bei festlichen

Gelegenheiten ihre alten Staatskleider anlegen. Lange Frauenkleider, wie

sie in Tahiti und auf den Gesellschafts-Inseln gebräuchlich sind, werden

hier nur von den an Weiße oder Halbweiße verheiratheten Samoanerinnen und

von den Dirnen, welche sich mit der Einwanderung der Europäer auch in

Apia eingefunden haben, getragen, doch kann dies nicht als Fortschritt

bezeichnet werden, da die Kleider meistentheils unsauber sind und die

Unsauberkeit der Kleidung sich auch auf das Haus und den Körper überträgt.

Diejenigen Eingeborenen, welche sich den Luxus eines Lava-lava aus

Baumwollstoff noch nicht gestatten können, tragen solche aus Tapa, dem

aus der Rinde des Maulbeerbaums hergestellten Stoff, oder begnügen sich

mit einem bis zu den Knien reichenden Grasschurz. Eine Eigenthümlichkeit,

welche mit der Kleidung in ursächlichem Zusammenhang zu stehen scheint,

ist die Sitte, den Körper nur soweit zu tätowiren, als er in der Regel

bekleidet getragen wird, nämlich von den Hüften bis etwas unter die Knie,

und ich bringe dies mit dem scharf ausgeprägten Schamgefühl der Samoaner

in Verbindung. Denn da bei den großen Festen die jungen Männer unbekleidet

erscheinen und nur eine kleine Blätterschürze von etwa 25 cm Durchmesser

haben, so wollen sie für diese Gelegenheiten die sonst bekleideten

Körperflächen doch wenigstens durch Malerei bedeckt haben. Hierfür scheint

auch der Umstand zu sprechen, daß nur die Männer regelrecht tätowirt sind

und die Frauen sich mit einem kleinen Muster in der Form einer Brosche

in der Kniekehle und einigen kleinen Sternen und dergleichen Zierstücken

an den Lenden, einem Namen auf dem Arm und blau eingeätzten Ringen auf

einzelnen Fingern begnügen.

Die Hautfarbe der Samoaner ist die der übrigen Polynesier, das Haar ist

schwarz, dick und starr. Zwar findet man häufig auch röthliches und sehr

oft gekräuseltes Haar, doch ist beides Kunst und eine Folge des beliebten

Kalkens desselben. Ob dies geschieht, um das Haar zu färben und zu

kräuseln, oder nur um es von Ungeziefer zu reinigen und die Veränderung

dann nur eine nothwendige Folge des Kalkens ist, oder ob es den dreifachen

Zweck bewirken soll, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls sehen die

braunen jungen Gesichter sehr putzig aus, wenn sie mit frisch gekalktem

weißen Haar erscheinen. Das Haar wird von beiden Geschlechtern in der

Regel ziemlich kurzgeschnitten getragen, doch sieht man auch längeres, und

vereinzelt bei den Frauen sogar lange schwarze Zöpfe. Als Schmuck lieben

beide Geschlechter große rothe Blumen im Haar oder mit dem Kelch nach vorn

gekehrt über den Ohren. Die Frauen haben vielfach auch Ketten von rothen

erbsenartigen Früchten um den Hals und an den Handgelenken, sowie auch aus

Blumen und Laub gewundene Kränze um Hals und Taille; auch kleine schmale

Ringe aus Schildkrot, welche oft mit kleinen Silberstückchen eingelegt

und mit eingeschnittenen Namen versehen sind, tragen sie an den Fingern

und benutzen dieselben zu gelegentlichen Geschenken, wenigstens habe ich

einige auf diese Weise erhalten.

Die Samoaner sind, wie ich schon angegeben habe, sehr reinlich und halten

auf gute Körperpflege, ob aus natürlichem Trieb oder ob dies nur eine

Folge ihrer Lebensweise ist, wird heutzutage schwer zu entscheiden sein.

Sie waschen und baden sich zwar nicht, entsprechend unserer Gewöhnung,

gleich frühmorgens, sondern erst etwas später und verbinden dies mit den

häuslichen Verrichtungen. So reiben sie sich, bevor sie ihre Hütte zur

Beschaffung des Lebensunterhaltes verlassen, den Oberkörper mit Kokosöl,

das häufig noch mit wohlriechendem Baumharz durchmengt ist, ein, und dann

gehen sie in das Wasser und auf die Korallenriffe auf den Fischfang, wobei

sie ihr Morgenbad nehmen. An diesem Fang betheiligen sich Männer, Frauen

und Kinder, da auch die letzteren vom zartesten Alter an wassergewohnt

sind, ja oft eher schwimmen als gehen können. Ich habe dies nicht glauben

wollen, bis ich mich einmal durch den Augenschein überzeugte, daß ein

am Strande niedergelegtes, vielleicht 1½ Jahre altes Kind, welches noch

nicht gehen konnte, auf Händen und Füßen in das Wasser kroch und sich

dort schwimmend ziemlich sicher bewegte. Die Sitte, den Oberkörper mit Oel

einzureiben, was oft je nach Bedarf täglich mehrere mal erfolgt, bezweckt

wol, die Haut gegen die Sonnenstrahlen widerstandsfähiger zu machen. Nach

dem Fischfang wird in den Wald oder nach den Anpflanzungen gegangen, um

Baum- und Erdfrüchte zu holen, und beides, wenn nöthig, am Nachmittag

oder Abend wiederholt. Bestimmte Mahlzeiten kennen auch die Samoaner, wie

alle diese Insulaner, nicht, sondern sie essen, wenn ihnen der Sinn danach

steht.

Das Land zerfällt in mehrere größere Districte; Upolu hat deren drei,

nämlich Atua, Tuamasaga und Aana, und innerhalb dieser Districte leben

die großen Häuptlinge mit ihrem Anhang in Dörfern in fast vollständiger

Unabhängigkeit von der Regierung, welche sie sich dadurch zu erhalten

wissen, daß diejenigen eines Districts gewöhnlich zusammenstehen.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 24 / 56 段