Leuten, welche am 27. Juni von dem Postdampfer gelandet wurden, gegründete
Landcompagnie gebildet, welche mit wenig Geld große Ländereien in der
Weise ankaufte, daß sie nur kleine Anzahlungen machte, für welche die
Verkäufer Interimsquittungen ausstellten, ihr Land aber bis zur Zahlung
des ganzen Kaufpreises behielten. Die Gesellschaft hatte sich aber
verrechnet, fallirte und die zwei Hauptunternehmer erboten sich später,
den Samoanern einen Freundschaftsvertrag mit den Vereinigten Staaten zu
erwirken, dessen Hauptzweck sein sollte, den Samoanern ihre Unabhängigkeit
zu sichern und sie in der Weise vor fremder Willkür zu schützen, daß
dauernd ein amerikanisches Kriegsschiff in Apia stationiren solle. Um
dies zu erreichen, sollte Amerika das Protectorat übernehmen. Ein solcher
Vertrag, bei dem von einer Gegenleistung seitens der Beschützten keine
Rede war, leuchtete den kindlichen Samoanern ein, und sie erwählten zu
ihrem Abgesandten den Schreiber Mamea, welcher sich bald darauf mit den
beiden Amerikanern, die auch alle seine Ausgaben bestreiten wollten,
auf den Weg nach San-Francisco machte. Sehr verdacht wurde es zwar der
Regierung, daß sie einen niedrig geborenen Mann zum Gesandten erwählt
hatte, doch begründete sie die Wahl mit der Thatsache, daß nur er genügend
mit der englischen Sprache vertraut sei, um ohne Dolmetscher durchkommen
zu können.
Am Tage nach der Ankunft der amerikanischen Corvette wußte ganz Apia,
daß Mamea zwar seine Aufgabe gelöst habe, aber keineswegs nach dem Sinne
seiner Auftraggeber, denn das, was diese gewünscht hatten, sollte in
dem Vertrage nicht enthalten sein, dafür aber sollten die Samoaner eine
Menge Verpflichtungen übernommen und auch ihren Hafen Pago-Pago an die
Vereinigten Staaten abgetreten haben, ohne als Gegenleistung irgendwelche
Rechte zu erhalten. Von allen Seiten stürmten nun Vorwürfe auf die
Regierung ein, welche sich zunächst dadurch deckte, daß sie versprach, den
Vertrag nicht ratificiren zu wollen, während von anderer Seite behauptet
wurde, daß der von Mamea namens der samoanischen Regierung abgeschlossene
Vertrag von der washingtoner Regierung bereits ratificirt sei und den
Samoanern daher keine andere Wahl bliebe, als ebenfalls zu ratificiren.
Inzwischen schien das sichere und selbstbewußte Auftreten aller Amerikaner
allerdings anzudeuten, daß sie die Samoa-Inseln bereits in ihrer Tasche
wähnten, und wir Deutsche wurden in den ersten Tagen von den Samoanern
kaum noch der Beachtung werth befunden.
Zum 2. Juli nachmittags hatten die Taimua und Faipule mir ihren
Gegenbesuch angesagt und ich hatte mich am Vormittag dieses Tages, nachdem
mir die Mittheilung geworden war, daß die Hütten auf dem bestrittenen
Stück Land (Klagepunkt 3) wieder bezogen worden seien, damit einverstanden
erklärt, daß diese Frage zu derselben Stunde, wo die Eingeborenen mich
besuchen würden, in der mir vorgeschlagenen Weise ihre Erledigung fände.
Die Samoaner kamen in den ihnen von mir zur Verfügung gestellten Booten
an Bord, ich bewirthete sie, und während wir bei einer Cigarre oben auf
Deck unter dem Sonnenzelt saßen, machte der Dolmetscher mich auf einen
großen Feuerschein am Lande, auf ein brennendes kleines Dorf aufmerksam.
Als meine Gäste dann unruhig wurden, ließ ich ihnen sagen, daß sie sich
nicht zu beunruhigen brauchten, weil das Feuer auf einer deutschen
Plantage sei und ich den Auftrag zu der Brandlegung gegeben habe, um
damit die mit den Häusern zusammenhängende Streitfrage auf die einfachste
Weise zu erledigen. Ich hatte meinen Zweck wol erreicht, denn die
Blicke der Eingeborenen, welche von mir zu der dicht neben uns liegenden
amerikanischen Corvette und von dieser wieder zu dem brennenden Dorfe
wanderten, schienen mir zu sagen, daß die Leute doch zu der Erkenntniß
gekommen seien, daß mit den Siamanis (Siamani, aus dem englischen
„'German'“ hervorgegangen, ist die samoanische Bezeichnung für Deutscher)
nicht zu spaßen sei. Daß das deutsche Haus den geschädigten Eingeborenen,
welche von ihrem Häuptling keine Entschädigung zu erwarten hatten, den
vollen Werth der niedergebrannten Hütten in Geld ersetzen würde, obgleich
es nicht dazu verpflichtet war, brauchten die Machthaber vorläufig noch
nicht zu wissen.
Dieser Gewaltmaßregel folgte gleich am Vormittag des 3. Juli die zweite,
indem ich der Taimua schrieb, daß ich, wenn die rückständigen 444 Mark
bis zum 5. Juli 10 Uhr vormittags nicht bezahlt seien, das Geld mit
Gewalt eintreiben würde. Aus bestimmten Gründen wählte ich nicht den
nächsten Tag, sondern ließ ihnen zwei Tage Bedenkzeit. Am 5. morgens
mit Tagesanbruch wurde ich geweckt und erhielt die Mittheilung, daß
auffallend viele bewaffnete Eingeborene, es müßten schon über 300 sein,
von ferner gelegenen Küstenpunkten kommend, das Schiff passirt hätten und
in Mulinu’u gelandet wären, mithin dort wol etwas im Werke sein müsse.
Im Schiff wußte nämlich niemand etwas davon, daß heute möglicherweise
eine ernste Entscheidung fallen sollte, nur waren am Tage vorher vom
Lande aus Gerüchte zu uns gedrungen, daß die amerikanische Corvette
sich verpflichtet habe, die Samoaner gegen etwaige Gewaltmaßregeln von
unserer Seite zu schützen, welchen Gerüchten ich indeß aus nahe liegenden
Gründen keine Bedeutung beimessen konnte, wenngleich ich auch diese
unwahrscheinliche Möglichkeit mit in meine Berechnung ziehen mußte. Da
ich den Samoanern bis 10 Uhr Frist gegeben hatte, konnte die Thatsache
der Zusammenziehung ihrer Streitkräfte an meinen Dispositionen übrigens
nichts ändern.
Der Verabredung gemäß kam der Consul kurz nach 10 Uhr an Bord und brachte
die Nachricht, daß das Geld bis zur gestellten Frist nicht gezahlt
worden sei und die Samoaner zum äußersten Widerstand entschlossen zu sein
schienen. Er betrachte die Lage als ernst, da die Samoaner eine uns an
Zahl weit überlegene Streitmacht zusammengezogen und eine ziemlich starke
Vertheidigungsstellung eingenommen hätten, auch mit guten Hinterladern
versehen seien. Zehn Minuten später waren unsere Boote bewaffnet und das
Schiff lag gefechtsklar, nach weitern zehn Minuten waren die Signale für
das etwa nothwendige Eingreifen unserer Schiffsartillerie verabredet
und kurz vor 11 Uhr wollte ich eben mit dem Consul, welcher sich
durchaus nicht zum Zurückbleiben bewegen ließ, sondern darauf bestand,
den Waffengang mitzumachen, mein Boot besteigen, um vorzugehen, als an
der andern Schiffsseite ein Kanu anlegte und ein in größter Aufregung
befindliches Regierungsmitglied an Bord kam, um uns anzuzeigen, daß eine
Deputation in dem deutschen Consulat auf uns warte, um den Restbetrag
der Schuld zu tilgen. Gleichzeitig bat der Mann uns inständigst, doch ja
von Gewalt abzusehen, da sie ja alles thun wollten, was wir wünschten,
und sie nur von den Amerikanern zum Widerstand gereizt worden wären,
weil diese ihnen Hülfe von der amerikanischen Corvette versprochen
hätten. Wir konnten mit diesem Abschlusse ja zufrieden sein und nur die
armen Samoaner bedauern, welche, den Vorspiegelungen einiger Abenteurer
Glauben schenkend, sich zwischen zwei Feuer begeben hatten. Vorläufig
noch in dem Wahne lebend, daß die kleinere amerikanische Corvette unserm
Schiff überlegen sei und der amerikanische Commandant uns bei nächster
Gelegenheit ohne weiteres aus dem Hafen weisen würde, womit dann die
Rückerstattung des den Deutschen früher verkauften Landes verknüpft
wäre, warfen diese großen Kinder sich den Amerikanern ganz in die Arme.
Bei dieser Gelegenheit wie für das Folgende betone ich übrigens, daß ich
die officiellen amerikanischen Persönlichkeiten von meiner Darstellung
ausgeschlossen sehen will, sofern ich sie nicht jedesmal ausdrücklich
nenne. Inwieweit und ob überhaupt die Haltung dieser Herren auf den ganzen
Verlauf der fernern Ereignisse von Einfluß gewesen ist, entzieht sich
der Besprechung durch mich; nur so viel kann ich sagen, daß sie nichts
gethan haben, um der durch ihre Landsleute hervorgerufenen und fortgesetzt
geschürten feindlichen Stimmung gegen Deutschland zu steuern, weshalb man
in Apia allgemein annahm, daß das amerikanische Kriegsschiff die Aufgabe
habe, von den Samoa-Inseln Besitz zu ergreifen. Wegen meiner amtlichen
Stellung enthalte ich mich daher mit Bezug auf die Amerikaner jeder
Ansichtsäußerung und gebe nur das, was man sich auf den Straßen erzählte.
Durch den friedlichen Abschluß dieser Angelegenheit und die
entgegenkommenden Versicherungen der Samoaner ließen wir uns
indeß nicht einschläfern, denn die uns am Abend vorher durch ein
Regierungsmitglied zugegangene Nachricht, daß die Taimua und Faipule
den amerikanisch-samoanischen Vertrag bereits am 3. Juli im geheimen
ratificirt habe, sagte uns, daß die Hauptarbeit für uns nun erst beginnen
würde. Daß der Vertrag überhaupt ratificirt werden würde, hatten wir
nie bezweifelt; daß dieser Act aber von der augenblicklichen Regierung
allein und nicht dem samoanischen Brauche gemäß unter Mitwirkung der
verschiedenen Landesbezirke ausgeführt worden war, mußte unsere Bedenken
erregen, weil bei den zerfahrenen politischen Verhältnissen auf den
Inseln innere Unruhen zu befürchten waren. Auch trat an den deutschen
Consul nunmehr die Nothwendigkeit heran, auf Grund einer in seinen Händen
befindlichen schriftlichen Verpflichtung der jetzigen Regierung vom
Jahre 1877, daß dem Deutschen Reiche stets dieselben Rechte zuzugestehen
seien, welche einer andern Macht etwa gewährt würden, für Deutschland
einen gleichen Vertrag zu fordern, wie er mit den Vereinigten Staaten
von Nordamerika abgeschlossen worden war. Diese Forderung konnte aber
nicht eher gestellt werden, bis die erfolgte Ratificirung auf legalem
Wege bekannt geworden war, und dies geschah erst am 8. Juli, worauf noch
an demselben Tage die entsprechende deutsche Forderung der samoanischen
Regierung zugestellt wurde. Mündliche Angaben einiger Regierungsmitglieder
besagten dann, daß der von unserm Consul geforderte Vertrag in den
nächsten Tagen abgeschlossen werden könne, die schriftliche Antwort
lautete aber nicht nur ausweichend, sondern auch noch herausfordernd,
indem die Samoaner die frühere Abmachung für nicht bindend erklärten und
die Meinung äußerten, daß sie allein zu bestimmen hätten, mit wem sie
Verträge abschließen wollten. Wer hinter dieser kühnen, den Samoanern gar
nicht ähnlichen Sprache steckte, war uns nicht zweifelhaft.
Die nächsten Tage brachten nun viel Verwirrung in Apia, viel Lug und
Trug, wobei sich nur eins klar herausstellte, daß die Taimua und Faipule
eine durchaus würdelose Gesellschaft waren, von deren Mitgliedern ein
Theil abends spät im deutschen Consulat vorsprach, Mittheilungen über
das Treiben der Amerikaner brachte, einer den andern verdächtigend und
alle versichernd, daß sie nur deutschen Einfluß auf den Samoa-Inseln
wünschten und von den Amerikanern bald wieder befreit zu werden hofften.
Die amerikanische Corvette wollte nach Ratificirung des Vertrages
gleich wieder nach San-Francisco zurückkehren, während von anderer Seite
behauptet wurde, daß das Schiff noch Monate lang hier bliebe, um erst nach
unserm Weggange seine eigentliche Aufgabe zu lösen; hatten die Amerikaner
wirklich besondere Absichten, dann waren sie jedenfalls unklug gewesen,
sich mit ihren abenteuernden Landsleuten so weit einzulassen, wie sie es
gethan haben, denn diese konnten nicht schweigen. Der General Bartlett
wurde von den Samoanern als erster Minister nicht anerkannt, schrieb
dies dem Einfluß seiner eigenen Landsleute zu und fing an, gegen diese
zu wühlen. Einer der von den Amerikanern angenommenen Dolmetscher stand
unter deutschem Einflusse und brachte uns die bedenklichsten Nachrichten.
Der amerikanische Consulatsbeamte, welcher dem bisherigen hiesigen
amerikanischen Consul seine Versetzung nach den Fidji-Inseln, anzutreten
nach Eintreffen seines Nachfolgers, mitgebracht hatte, trat als Herr
der Lage auf. Die Engländer fanden, da keins ihrer Schiffe anwesend war,
Anlehnung an uns. Und die Samoaner wußten weder ein noch aus, waren an
dem einen Tage unsere Feinde und suchten am nächsten unsere Freundschaft.
Endlich am 14. Juli fing die Lage an sich zu klären. Die Samoaner hatten
ihre Vorbereitungen beendet und für die Tage des 17., 18. und 19. Juli
ein großes Fest ausgeschrieben, an welchem die Abgesandten aller Bezirke
der Samoa-Inseln theilzunehmen hatten und welches den Amerikanern und
uns zu Ehren gegeben werden sollte. Doch war es außer Zweifel, daß das
Fest nur für die Amerikaner bestimmt war und bei dieser Gelegenheit die
feierliche Bekanntgabe des zwischen Samoa und Amerika abgeschlossenen
Vertrages erfolgen sollte; außerdem aber sollte, nach uns zugegangenen
und von uns für durchaus zuverlässig gehaltenen Nachrichten, den von den
Tänzen und der Aufregung der Festlichkeiten berauschten Samoanern von
ihrer Regierung der Vorschlag gemacht werden, sich unter den Schutz der
amerikanischen Regierung zu stellen, worauf die Taimua und Faipule dann
den amerikanischen Consulatsbeamten bitten sollten, von den Samoa-Inseln
namens seiner Regierung Besitz zu ergreifen. Gründete dieses Gerücht
sich wirklich auf Thatsachen und ließen die Samoaner sich im Rausche
zu dem geplanten Schritte verleiten, dann hing es nur von dem Gutdünken
des genannten Herrn ab, ob er den Staatsstreich wagen wolle oder nicht.
Jedenfalls lag in diesem Falle die Befürchtung nahe, daß die ganze
Regierungsgewalt unter äußerlicher samoanischer Hoheit in amerikanische
Hände übergehen und der deutsche Handel dann bald vernichtet sein
würde. Die Sandwich-Inseln geben ja ein ziemlich klares Bild von den
wahrscheinlichen Folgen einer eingeborenen Regierung unter amerikanischen
Ministern. Es war daher durch einen Gewaltstreich der angedeuteten Art
für die Deutschen so viel zu verlieren, daß wir möglichem Unheil vorbeugen
mußten.
Unter solchen Verhältnissen war eine Betheiligung an den Festen von
unserer Seite ausgeschlossen, und wir würden denselben auch in dem Falle,
daß unsere Forderungen erfüllt worden wären, fern geblieben sein, da wir
nach der Vorgeschichte dieser Veranstaltungen dabei nur eine zweifelhafte
Rolle hätten spielen können. Am 14. Juli traf auf dem deutschen Consulat
die förmliche Einladung der Samoa-Regierung zu den Festen für uns ein,
und damit war uns die Handhabe zur Erneuerung unserer Forderungen gegeben.
Unsere Antwort lautete, daß wir die Einladung nur dann annehmen könnten,
wenn dem Deutschen Reiche vorher ein Vertrag mit denselben Rechten, wie
sie der amerikanischen Regierung zuerkannt seien, zugesichert und bis zum
nächsten Vormittag der Zeitpunkt für die Vertragsverhandlungen genau und
schriftlich bezeichnet würde. Als nun im Laufe des Nachmittags des 14.
dem Consul das vorstehend erwähnte Gerücht über die von den Samoanern
beabsichtigte Abtretung der Samoa-Inseln an Amerika zuging, hielt dieser
Herr es für nothwendig, unsererseits sichernde und vorbeugende Maßregeln
zu ergreifen, und machte den kühnen Vorschlag, zwei samoanische Häfen mit
Beschlag zu belegen und als Faustpfand zu behalten, bis die Samoaner ihre
Verpflichtungen gegen Deutschland erfüllt hätten. Nach kurzer Bedenkzeit,
welche ich mir erbeten hatte, stimmte ich dem Vorschlage zu, weil ich
ihn für gut und wahrscheinlich ausführbar hielt, und in der erfolgten
Ausführung die deutschen Interessen vorläufig geborgen sah.
Am 15. Juli, mittags 12 Uhr, war von den Samoanern noch keine Antwort
eingetroffen; um 1 Uhr fing unser Schlot an zu rauchen; das Schiff wurde
seeklar gemacht; der Consul, sowie zwei Halbweiße, ein Dolmetscher und
ein Lootse für die als Faustpfand in Aussicht genommenen Häfen Saluafata
und Falealili, kamen an Bord, und um 3 Uhr dampften wir in See. Um 5
Uhr ankerten wir vor Saluafata in einem vorzüglichen, gegen alle Winde
geschützten Hafen; einige Eingeborene kamen noch an Bord, Früchte zum Kauf
anzubieten, und kurz vor Eintritt der Dunkelheit wurden unser Dolmetscher
und Lootse an Land geschickt, um den Häuptling auf das vorzubereiten, was
er am nächsten Morgen zu erwarten habe. Einerseits mußte, um nach unserer
Ansicht die Beschlagnahme rechtsverbindlich zu machen, der Besitzer des
Hafens bei dem Acte zugegen sein, oder aber den Platz, nachdem er vorher
von allem unterrichtet worden war, verlassen haben, andererseits war
die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, bewaffneten Widerstand zu finden,
sobald wir eine bewaffnete Truppe ohne vorherige Ankündigung landeten.
Der Dolmetscher hatte den Auftrag, dem Häuptling mitzutheilen, daß die
Samoa-Regierung sich neuerdings weigere, alte, den Deutschen früher
zugestandene Rechte anzuerkennen, und wir daher gezwungen seien, vorläufig
und so lange den Hafen von Saluafata für die deutsche Regierung in Besitz
zu nehmen, bis diese Rechte anerkannt seien. Ich hätte nicht die Absicht,
sonst irgendwelche Gewalt zu brauchen, und hoffe, daß sein Benehmen so
verständig sein würde, daß ich an meiner Absicht festhalten könne. Im
übrigen würde die Rückerstattung des Hafens seinerzeit sicher erfolgen
und irgendein Schaden könne daraus für ihn nicht erwachsen.
Bald nach dem Landen unserer Abgesandten wurde es in Saluafata lebendig
und sehr geräuschvoll, mehrere Trommeln wurden unermüdlich bis um 2 Uhr
nachts geschlagen und viel Geschrei drang bis zu uns herüber. Nach Ansicht
des Consuls bedeutete dies eine Alarmirung aller streitbaren Männer;
er vermuthete, daß eine große Zahl bewaffneter Eingeborener, welche
auf dem Wege nach Apia zur Theilnahme an den geplanten Festlichkeiten
seien, sich hier zusammengefunden und Nachtquartier genommen hätten. Um
gegen einen etwaigen Ueberfall gesichert zu sein, ließ ich das Schiff
in Vertheidigungszustand setzen, und die halbe Mannschaft war während
der Nacht stets gefechtsbereit auf Deck. Als es um 2 Uhr an Land ruhig
geworden war und sich dann bis 4 Uhr nichts Verdächtiges zeigte, legte
ich mich noch etwas hin, wurde aber schon um 6 Uhr wieder geweckt, da
unser Dolmetscher und der Lootse in einem Kanu von Land gekommen waren
und mich augenblicklich zu sprechen forderten. Ich ließ die Leute in die
Kajüte kommen und wir hörten -- der Consul hatte auch sein Bett verlassen
--, daß, wie letzterer richtig vermuthet hatte, an 1000 mit Hinterladern
bewaffnete Eingeborene in Saluafata anwesend und entschlossen seien, uns
nicht an Land zu lassen. Sie selbst wären während der Nacht in größter
Lebensgefahr gewesen, trotzdem ihre Mütter und Frauen Häuptlingstöchter
seien, und hätten noch vor Tagesanbruch das Land heimlich verlassen. Der
größte Theil der Eingeborenen hätte schon während der Nacht einen Angriff
auf das Schiff machen wollen, weil ihre Spione, die am Abend vorher als
Fruchtverkäufer an Bord gewesenen Leute, die Nachricht an Land gebracht
hätten, daß das Schiff keine Kanonen habe. Diese waren nämlich für die
Nacht mit ihren Bezügen zugedeckt gewesen und wurden deshalb von den
Eingeborenen nicht als solche erkannt. Nach langen Verhandlungen wäre
dieser Plan aber fallen gelassen worden, weil ein alter weiser Häuptling
den Ausspruch gethan habe, daß sie vollkommen recht hätten, wenn sie die
Wegnahme unsers Schiffes als eine Kleinigkeit betrachteten; er wisse aber
noch etwas Leichteres und schlüge vor, gleich damit vorzugehen, nämlich
den Hafen erst auszuschöpfen und das Schiff zu nehmen, wenn es auf dem
Trocknen läge. Nach diesem Vorschlage sei ernüchternde Ruhe eingetreten
und der Plan eines nächtlichen Angriffes aufgegeben worden.
Inzwischen hatte der Dolmetscher, welcher äußerlich ein bejammernswerthes
Bild abgab und sich kaum auf den Füßen halten konnte, erklärt, daß er
gleich zum Arzt müsse, weil der während der Nacht ausgestandene Schreck
ihn so krank gemacht habe, daß er sterben würde. Nachdem ich den Mann
dem Schiffsarzt überwiesen hatte, verhandelten wir mit dem Lootsen,
welcher seine Fassung einigermaßen bewahrt hatte, weiter und kamen zu
dem Schlusse, daß Saluafata möglicherweise nicht ohne Blutvergießen zu
nehmen sein würde. Besonders ernst stimmten uns der Zustand unserer beiden
Halbweißen und ihre Auffassung der Lage, denn da sie in samoanischen
Verhältnissen aufgewachsen und mit angesehenen Häuptlingsfamilien verwandt
waren, vermochten sie wohl zu beurtheilen, wie weit die Eingeborenen
gehen würden, andererseits waren gerade diese beiden Leute als muthige,
unerschrockene Männer bekannt und hatten diese Charaktereigenschaften
schon in verschiedenen Lagen bewiesen.
Da wir uns erst zu 9 Uhr vormittags bei dem Häuptling angesagt hatten,
blieben mir noch zwei Stunden Zeit zur Ueberlegung, wie die Landung
am besten auszuführen sei. Soviel ich auch hin und her dachte, alle
Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten erwog, ich kam immer wieder zu
dem Schlusse, daß es am besten sei, wenn der Consul und ich zunächst nur
allein das Land beträten und die zu dem feierlichen Acte der Beschlagnahme
erforderliche Truppe erst nachfolge, wenn unsere mündlichen Verhandlungen
mit dem Häuptling zum Abschluß gekommen seien. Wir durften nicht einmal
eine kleine Bedeckung mitnehmen, da diese die Samoaner zum Angriff
reizen konnte. Der Consul stimmte mir darin bei, daß, da wir den einmal
betretenen Weg einhalten müßten, ein ernstlicher Zusammenstoß auf diese
Weise am ehesten vermieden werden könne und unser eigenes Leben in diesem
Falle nicht mehr gefährdet sei, als wenn wir an der Spitze unsers ganzen
aus 120 Mann bestehenden Landungscorps das Land beträten, und erklärte
sich bereit, mit mir allein zu gehen. Im übrigen mußte die Beschlagnahme
ja noch heute ausgeführt werden, da der morgende Tag, an welchem in Apia
die Feste begannen, schon eine für uns ungünstige Entscheidung bringen
konnte. Es blieb mir also keine Zeit zur regelrechten Belagerung und
Säuberung des Platzes.