keine Samoanerin ohne Busentuch in das Haus läßt und dadurch die Herren
insofern schädigt, als die Verkäuferinnen von Fischen, Schalthieren,
wilden Tauben, Gemüsen und Früchten das Haus meiden und der sonst
vorzüglich besetzte Tisch an einer gewissen Einförmigkeit leidet. Immer
nur Rindfleisch, Schinken, Wurst und eingemachte europäische Gemüse.
Dagegen hat sie die liebenswürdige Eigenschaft, Spaß zu verstehen, und
ich entsinne mich mit Vergnügen einer Scene, wo ich ihre Kenntniß der
Sprachen der verschiedenen Insulaner anzweifelte. Ihr besonderer Liebling
ist ein alter humpelnder Kingsmill-Insulaner, welcher die Dienste eines
Gärtners versieht und mit dem sie sich in den halsbrecherischsten Zungen
verständigt, wo thatsächlich aber wol die Gesten das Verständigungsmittel
bilden. Ich hatte sie beobachtet, wie sie dem Manne Anweisung gab, die
Blumen zu begießen, und erklärte am nächsten Tage in einer übermüthigen
Laune, die Sprache des Mannes auch zu verstehen. Als sie dies bezweifelte,
rief ich den Mann bei seinem Namen, redete irgendein unsinniges
Kauderwelsch und machte dazu die nothwendigen Zeichen, worauf der Alte
lachend weghumpelte; als er aber richtig mit der Gießkanne wiederkam, zog
ich mich schleunigst zurück, um dem Zorn der alten Dame zu entgehen.
Die Tischgesellschaft des Hauses besteht aus 10-16 Personen, je nachdem
Herren von den Plantagen oder entferntern Stationen in der Stadt anwesend
sind oder nicht. Die Mahlzeiten werden stets gemeinsam eingenommen und
zwar das erste Frühstück um 8 Uhr, das zweite Frühstück um 12½ und die
Hauptmahlzeit abends 6 Uhr. Die Zeit von morgens 8½ bis abends 5½ Uhr
gehört, mit Ausschluß einer einstündigen Mittagspause, den Geschäften.
Abends nach der Hauptmahlzeit wird ein Spaziergang gemacht und der Rest
des Tages mit Rauchen und Plaudern bei einem Glase Bier verbracht.
Lesen ist nach Eintritt der Dunkelheit wegen der dann unaufhörlichen
Angriffe der Mosquitos ausgeschlossen, wenngleich die geschäftlichen
Angelegenheiten oft die Herren zwingen, auch abends noch einige Stunden
am Schreibtisch zuzubringen. An den Sonn- und Festtagen werden in der
Regel Ausflüge zu Pferde nach den Plantagen, oder Picknick-Partien nach
bekannten schönen Punkten unternommen.
* * * * *
Nach dieser Abschweifung will ich wieder zum 24. Juni zurückkehren. Herr
Weber schrieb zunächst an die Regierung, um derselben meinen Besuch für
den Nachmittag desselben Tages anzusagen, und orientirte mich dann noch
einmal über die hiesigen Verhältnisse und die vorliegenden Streitpunkte.
Ehe ich auf diese eingehe, muß ich aber dem genannten Herrn einige Worte
widmen, da sich die ganze Samoafrage, wie sie zur Zeit liegt, um diesen
thatkräftigen Mann gruppirt und dieser die Säule bildet, welche alles
überragend das ganze kleinliche Getriebe beherrscht.
Herr Weber kam im Jahre 1862, 18 Jahre alt, nach Samoa. Anderthalb Jahre
darauf, 1864, ging der damalige Leiter des Südseegeschäfts des Hauses
Godeffroy auf einer Reise nach den Tonga- und Fidji-Inseln, welche er in
einem kleinen Schooner unternahm, während eines Orkans mit dem Schiff zu
Grunde und Herr W. mußte zunächst als der Erste der Angestellten sowol
die Geschäftsleitung wie auch das Hamburgische Consulat übernehmen und
zeigte sich hierbei so befähigt, daß ihm das hamburger Haus nicht nur
die Oberleitung beließ, sondern er auch nach einem weitern Jahre von der
Freien Hansestadt Hamburg als ihr Consul bestallt wurde. Er wurde dann
1868 zum Consul des Norddeutschen Bundes und 1872 zu dem des Deutschen
Reiches für die Samoa- und Tonga-Inseln ernannt. Durch sein selbständiges
und geschicktes Auftreten bei den verschiedenen Conflicten zwischen
Samoanern und Europäern, welche fast stets durch die Eifersucht auf die
fortgesetzt steigende Bedeutung der deutschen Interessen hervorgerufen
worden waren, hatte er es bald dahin gebracht, daß ihm die führende
Rolle zufiel und in den meisten Fällen die Entscheidung seinen Absichten
entsprach. Zur Durchführung dieser Rolle kam es ihm sehr zu statten, daß
er die saure Arbeit nicht gescheut hatte, sich die Samoasprache soweit
anzueignen, daß er sie nicht nur sprach, sondern auch schrieb und dadurch
unabhängig von zweifelhaften Dolmetschern geworden war.
Als Herr W. nach Samoa kam, war das Südseegeschäft des Hauses G. erst im
Werden begriffen und beschränkte sich auf den Austausch von europäischen
Waaren gegen Landesproducte. Doch erkannte man bald, daß Plantagenbau
das zu erstrebende Ziel sein müsse, wozu indeß die Erwerbung von Land
erforderlich war. Herr W. begab sich kurz entschlossen an das Kaufgeschäft
und hatte dabei solchen Erfolg, daß das von ihm vertretene Handelshaus
heute im Besitz von etwa 120000 englischen Acker gleich 50000 Hectaren
Land ist, wovon inzwischen ungefähr 4000 Acker zu Plantagen umgewandelt
sind, welche letztere einen Werth von 1,800000 M. darstellen und im Jahre
1877 schon einen Ertrag von rund 300000 M. ergeben haben, welcher sich
auf das Doppelte steigern wird, wenn die jungen angepflanzten Kokospalmen
erst ertragfähig sind.
Es würde mich zu weit führen, wenn ich auseinandersetzen wollte, wie die
Thatkraft dieses Mannes es fertig gebracht hat, schließlich die Tonga-,
Ellice-, Kingsmill-Inseln und theilweise auch die Fidjigruppe, deren
Regierungscontract für Kopra das Haus hat, den deutschen Handelsinteressen
zu unterwerfen; erwähnt sei aber noch, daß Herr W. die Koprabereitung
in der Südsee eingeführt hat. Früher wurde das Kokosnußöl schon an Ort
und Stelle von den Eingeborenen auf rohe Weise gewonnen, wobei etwa die
Hälfte verloren ging. Dann wurde das schmutzige Oel in Fässern nach Europa
verschifft, wobei wieder viel durch Leckage verloren ging, und dort mußte
das Oel sofort umgefüllt und gereinigt werden. Diese außerordentlichen
Verluste drängten zu dem Versuch, den Kern der Nuß am Gewinnungsort gleich
zu trocknen und so nach Europa zu verschiffen. Der Versuch gelang, und
heute kennt man es bereits nicht mehr anders, ohne vielleicht zu wissen,
wem das Verdienst dafür zukommt. Die Gewinnung ist jetzt an Ort und
Stelle einfacher, dieselbe Nußzahl gibt in den sachgemäß hergerichteten
Oelpressen mehr wie den doppelten Ertrag an Oel und zwar reines Oel,
die Schiffe laden die Kerne ohne Umhüllung und sparen somit die Fässer,
die Rückstände der ausgepreßten Nuß geben ein in Europa theuerbezahltes
Viehfutter, die Production auf den Inseln ist durch die einfachere und
mit weniger Mühe verknüpfte Bereitungsart verfünffacht, und schließlich
kann das Haus in Europa, die Handelsconjuncturen benutzend, die ganze
Schiffsladung nach Belieben dirigiren, da die Kopra weder Verlusten noch
dem Verderben ausgesetzt ist, oder doch nur in verschwindendem Grade.
Die Regierung in Samoa wird zur Zeit aus zwei Körperschaften gebildet,
der Taimua, welche ungefähr dem Senat, und der Faipule, welche der
Bürgerschaft der Hansestädte entspricht. Sie ist seit 1874 am Ruder
und erwählte zu ihrem Berather unter dem Titel eines Ersten Ministers
den amerikanischen Oberst Steinberger, einen Mann, welcher vielfach ein
Abenteurer genannt worden ist und dem es unter dem Einflusse der damaligen
amerikanischen Regierung gelang, die Wahl auf sich zu lenken. Er wurde
von Fremden wie Eingeborenen in der Hoffnung, daß es ihm gelingen würde,
endlich einmal geordnete Zustände auf den Samoa-Inseln zu schaffen, gut
empfangen, verscherzte aber bald seine anfänglich günstige Stellung, da
er sich nicht nur als unfähig erwies, sondern durch seine Handlungen auch
noch den Verdacht erweckte, ein falsches Spiel zu treiben und alle übrigen
Interessen seinen eigenen unterzuordnen. Eine seiner ersten Handlungen
war, Malietoa den jüngern, einen wankelmüthigen, energielosen Mann, zum
König erwählen zu lassen, um dadurch den Einfluß der Taimua und Faipule
lahm zu legen und sich zum eigentlichen Herrn zu machen. Ungefähr zwei
Jahre lang ging die Sache noch gut, doch dann veranlaßten der englische
und amerikanische Consul, mit welchen Steinberger sich überworfen hatte,
im Verein mit dem König Malietoa, der sich die Anmaßungen dieses Mannes
auch nicht mehr gefallen lassen wollte, den Commandanten des englischen
Kriegsschiffs „Barracouta“, diesen gewaltsam zu entfernen. Dieser
Maßregel setzten die Eingeborenen zwar bewaffneten Widerstand entgegen,
erschossen dabei auch mehrere englische Matrosen, doch konnten sie
ihre Ausführung nicht verhindern. Das Vorgehen der beiden Consuln, bei
welchem der deutsche sich nicht betheiligte, wenngleich von deutscher
Seite die Entfernung Steinberger’s nicht bedauert werden konnte, ist
vielfach getadelt worden, weil man es auf persönliche Motive zurückführte.
Richtiger dürfte wol sein, daß beide Consuln eine Entwickelung wünschten,
welche ihren betreffenden Regierungen die Annectirung der Samoa-Inseln
ermöglichte oder doch denselben den maßgebenden Einfluß sicherte und beide
sich in Steinberger getäuscht sahen. Zur Zeit der gewaltsamen Entfernung
Steinberger’s war der deutsche Consul übrigens zufällig nicht in Apia
anwesend, sondern befand sich auf den Tonga-Inseln.
Die Entfernung Steinberger’s hatte insofern noch ein Nachspiel, als
nunmehr die Taimua und Faipule den König Malietoa absetzten, weil er die
Hand zur Beseitigung des von diesen Körperschaften erwählten Berathers
geboten hatte, und seit dieser Zeit herrscht auf den Samoa-Inseln in
gewissem Sinne wieder Anarchie, weil die verschiedenen Stämme ihre
betreffenden Königscandidaten zur Herrschaft bringen wollen und nur den
Kampf noch nicht wagen, weil kein Stamm zur Zeit sich zum Losschlagen
stark genug fühlt und die Taimua und Faipule als die vorläufig einzig
mögliche Regierungsform die Unterstützung der Consuln für sich haben.
Die deutschen Interessen beherrschen ganz Samoa, der Handel ist
ausschließlich in deutschen Händen und unsere Kriegsschiffe haben in
den letzten Jahren nicht nur wesentlich dazu beigetragen, den deutschen
Häusern den Besitzstand ihrer durch regelrechte Kaufbriefe erworbenen
großen Ländergebiete zu sichern, sondern auch die Samoaner zu belehren,
daß das Deutsche Reich auch über seinen Angehörigen in der Südsee wacht
und sie in ihren Rechten schützt. Trotzdem aber geben die Eingeborenen
gelegentlich doch immer wieder den Einflüsterungen einiger auf die stetig
wachsende Bedeutung der deutschen Interessen neidischer Rathgeber Gehör
und versuchen, sich an unsern Landsleuten zu reiben, bis das Eintreffen
eines deutschen Kriegsschiffes diesem Treiben wieder ein Ende macht. So
hatten sich denn auch jetzt in der Zeit, wo keins unserer Schiffe hier
gewesen war, einige Klagepunkte zusammengefunden, welche mir zu regeln
blieben, soweit es dem Consul nicht gelang, dies mit dem nunmehrigen
Rückhalt an unser Schiff allein zu thun.
Die für mich nur in Betracht kommenden Streitpunkte waren die drei
folgenden:
1. Die samoanische Regierung war noch immer im Rückstande mit der
vollständigen Begleichung einer alten Schuld, welche von dem letzten
Bürgerkriege her datirte und den Deutschen Ersatz für den ihnen durch
die Samoaner zugefügten Schaden geben sollte. Die Regierung hatte die
Berechtigung und die Höhe der gestellten Forderung anerkannt, hatte in
verschiedenen Theilzahlungen auch 2700 Mark abgetragen, den kleinen Rest
von 444 Mark wollte sie nun aber nicht mehr zahlen unter dem Vorwande,
daß sie kein Geld hätte.
2. Ein seit sechs Jahren in unbestrittenem deutschen Besitze befindliches
und an eine größere deutsche Pflanzung grenzendes Stück Land an der
Westspitze der Insel Upolu sollte neuerdings in Bearbeitung genommen
werden. Als die Arbeiten am 14. Juni begannen, kam ein französischer
Priester mit 50 bewaffneten Samoanern von der kleinen Insel Manono herüber
und suchte die Arbeiten mit Gewalt zu hindern, da er behauptete, durch
einen erst kürzlich abgeschlossenen Kauf der Besitzer des Landes geworden
zu sein, obgleich er wußte, daß das Land sich bereits lange in deutschem
Besitze befand. Um Blutvergießen zu vermeiden, hatten die Deutschen die
Arbeit zunächst eingestellt und die Regierung um Schutz ersucht.
3. Ein Häuptling hatte dem hamburger Hause Godeffroy vor acht Jahren
ein größeres Stück Land verkauft, auf welchem sich später auch einige
Eingeborene niederließen, denen vom Käufer das Verbleiben in ihren Hütten
und die Nutznießung der in der Nähe befindlichen Fruchtbäume bis zu dem
Zeitpunkte stillschweigend gestattet wurde, wo das deutsche Haus die
Bearbeitung des Landes in Angriff nehmen würde. Dieser Zeitpunkt war jetzt
gekommen, und nun behauptete der Verkäufer, daß das kleine Stück Land mit
der Niederlassung der Eingeborenen damals von dem Kauf ausgeschlossen
worden sei, obgleich der Kaufbrief das Kaufobject genau angibt und das
fragliche Stück Land innerhalb dieser Grenzen liegt.
Nachdem ich mich in allen drei Punkten von dem unzweifelhaften Rechte der
Deutschen überzeugt hatte, sagte ich meine Unterstützung zur Regelung zu
und ersuchte den Consul nur, zunächst noch einmal ohne meine Mitwirkung
eine Verständigung zu versuchen. Daß dieser Versuch nur theilweisen Erfolg
hatte, wird der weitere Verlauf meiner Darstellung ergeben.
Am Nachmittag machte ich den Regierungsmitgliedern meinen Besuch, wobei
der Consul mich begleitete und auch einen Dolmetscher mitnahm, weil
er den Grundsatz festhält, bei allen förmlichen und geschäftlichen
Angelegenheiten einen solchen mit heranzuziehen, da die Samoaner in
derartigen Angelegenheiten ein etwas weites Gewissen haben und dazu
neigen, die getroffenen Vereinbarungen abzuleugnen oder zu verdrehen. Die
Mitglieder der Taimua und Faipule waren in der Regierungshütte bereits
anwesend und in dem täglichen Anzug der Häuptlinge, d. h. sie hatten
ein weißes Hemd an und über dieses das Hüfttuch, hier Lava-lava genannt,
gebunden; in der Hand trugen sie das Abzeichen der Häuptlinge, einen aus
den Rindenfasern der Kokospalme gefertigten Fliegenwedel. Wir setzten
uns mit untergeschlagenen Beinen auf die ausgebreiteten Matten so hin,
daß unsere Rücken der offenen Seite der Hütte und unsere Gesichter der
Mitte derselben zugekehrt waren. Uns gegenüber nahm eine Gruppe Platz,
welche mich vorzugsweise interessirte, nämlich die Kawa-Bereiterinnen.
Es waren fünf junge nur mit dem Lava-lava bekleidete Leute, drei Mädchen
und zwei Männer, welche ein so fremdartiges Bild abgaben, daß ich ihnen
mehr Aufmerksamkeit zuwandte, wie den nichtssagenden Phrasen, die mit den
Machthabern ausgetauscht wurden.
In der Mitte zwischen den beiden Männern sitzen mit untergeschlagenen
Beinen die Mädchen, vor sich die aus einem einzigen Stück Holz
geschnittene Kawa-Bowle, eine mit vier kräftigen Füßen versehene runde
Schüssel von etwa 50 cm Durchmesser. Ehe die Männer Platz nehmen, reichen
sie noch den Mädchen in Kokosnußschalen frisches Wasser, mit welchem
diese sich, dabei ihre schönen weißen Zähne zeigend, den Mund ausspülen
und die Hände waschen. Dann schneiden die Männer mit einem Messer kleine
Stücke von einer weißlichen Wurzel ('Piper methysticum') ab, welche von
den bequem und etwas in sich gesunken dasitzenden Mädchen in den Mund
gesteckt und gekaut werden. Anfänglich ist die Arbeit des Kauens kaum zu
bemerken, die kleinen Stücke mehren sich aber und die Unterkiefer müssen
einen immer größern Bogen beschreiben, bis der Mund die Masse nicht mehr
bewältigen kann, die während des Kauens geschlossen gehaltenen Lippen sich
öffnen, ein breiiger Kloß von über Wallnußgröße in die untergehaltene
Hand und von dieser in die Schüssel fällt. Sobald eine genügende Zahl
solcher Klöße beisammen ist, waschen die Mädchen sich wieder Mund und
Hände, den Mund jedenfalls, um den beißend bittern Geschmack der Wurzel
einigermaßen zu beseitigen, und nun beginnt die in der Mitte Sitzende aus
dem Brei das Getränk zu bereiten. Nachdem einige Kokosnußschalen Wasser
dazugegossen, wird das Ganze mit den Händen solange durchgearbeitet, bis
eine vollkommene Vermischung erreicht ist und das Getränk eine hellgraue
Farbe angenommen hat. Dann wird ein Bündel zusammengereihter Baststreifen
zur Hand genommen und mit diesem, ähnlich wie mit einem Schwamm, die
Flüssigkeit in der Weise durchgeseiht, daß die Baststreifen an beiden
Enden gefaßt, vorsichtig durch dieselbe gezogen, dann zusammengelegt und
ausgerungen werden, und zwar dies letztere mit einer ganz eigenthümlich
unnachahmlichen Hand- und Armbewegung. Nach dem Ausringen wird das
Bastbündel mit einigen kräftigen Schlägen ausgeschüttelt, um die darin
zurückgebliebenen kleinen festen Bestandtheile zu beseitigen, und diese
Manipulation wird so oft wiederholt, bis sich keine Rückstände mehr
zeigen. Ist dies erreicht, dann ist der Trank, welcher in Samoa für die
größte Delicatesse gehalten wird, fertig.
Als der Consul den Samoanern andeutete, daß unsere Zeit abgelaufen
sei, wurde den Mädchen ein Zeichen gegeben, worauf die beiden seitlich
Sitzenden sich erhoben und der mittlern eine Kokosnußschale hinhielten, um
dieselbe füllen zu lassen. Dies wurde auch mit dem Bast bewerkstelligt,
indem er eingetaucht und mit einer schnellen Bewegung über die Schale
gehalten wurde, sodaß die Flüssigkeit in diese hineinlief. Die ersten
Schalen wurden den Gästen, dem Consul und mir, gebracht, dann erst kamen
die Samoaner an die Reihe, und ich mußte den Anstand bewundern, welcher
bei dieser Bewirthung beobachtet wurde. Die Mädchen kamen nicht direct
auf uns zu, sondern durchschritten den leeren Raum der Hütte, verließen
dieselbe neben dem letzten unsern Halbkreis bildenden Samoaner, gingen
hinter unsern Rücken herum und traten erst bei denjenigen, für welche der
Trunk bestimmt war, wieder in die Hütte, beugten vor diesen ein Knie,
reichten die Schale und traten dann zur Seite. Als dem Consul und mir
die Kawa gereicht wurde, sagte mir der Herr, daß ich nicht zu trinken
brauche, wenn ich nicht wolle, ich müsse nur die Schale in Empfang nehmen
und sie dann wieder zurückgeben. Als ich aber sah, wie er selbst, an den
Genuß schon gewöhnt, die Schale austrank und sie dann als Zeichen, daß
sie geleert sei, mit einem besondern Handgriff nach der Mitte der Hütte
zu von sich schleuderte, sodaß sie sich mit der Oeffnung nach oben wie
ein Kreisel drehte, nahm ich wenigstens einen herzhaften Schluck, ehe ich
die Schale der braunen Hebe wieder einhändigte. Da für alle Anwesenden
nur zwei Schalen in Gebrauch genommen wurden, so mußten sie immer wieder
gefüllt werden und wurden in dem Falle, wo sie nicht ausgetrunken waren,
nur nachgefüllt. Die Portionen wurden immer kleiner, da die Personenzahl
zu groß war, und für die letzten wurde der Bast schon ausgerungen, um
alles herauszupressen. Vor diesem Besuch war mir die Art der Kawabereitung
erklärt und die Nothwendigkeit des Trinkens auseinandergesetzt worden,
und ich schauderte bei dem Gedanken an diesen ungewohnten Genuß, doch
wurde es mir nachher ziemlich leicht, da das ganze Drum und Dran, die
würdevolle Haltung der Samoaner, das gedämpfte Sprechen, die graziösen
Bewegungen der zierlichen Hände und die prächtigen Zähne der jugendlich
frischen, anmuthigen und hübschen Mädchen, die Sauberkeit und Ordnung in
der Hütte, die beobachtete Etikette, einen so tiefen Eindruck auf mich
gemacht hatte, daß ich an die eigentliche Bereitung gar nicht mehr dachte,
als die hübsche, freundliche Spenderin mir mit ermunterndem, einladendem
Blick den Trank reichte, sondern mich nur durch den beißenden Geschmack
des Getränks abhalten ließ, die ganze Schale zu leeren.
Die nächsten Tage brachten viel Unruhe für den Consul und mich, die wir
für die deutschen Interessen verantwortlich waren, mancherlei Sorge und
sogar Aufregung, da auch noch ein amerikanisches Kriegsschiff anfing,
sich in unsere Angelegenheiten zu mischen, oder die Anwesenheit desselben
doch den auf amerikanischen Schutz rechnenden Samoanern Veranlassung
gab, uns Schwierigkeiten zu bereiten. Jedenfalls haben, zunächst absehend
von den officiellen Persönlichkeiten, die ortsanwesenden Amerikaner die
Samoaner zum Widerstand gegen uns aufgereizt, und diese waren zweifellos
der Ansicht, daß ihre Rathgeber nicht ohne Wissen und Zustimmung des
amerikanischen Consulatsbeamten und Schiffscommandanten handelten. So kam
es, daß nur der zweite Klagepunkt eine glatte Erledigung fand, indem der
Plantagenverwaltung der Befehl zuging, die Arbeiten auf dem bestrittenen
Stück Land wieder aufzunehmen, und der Regierung mitgetheilt wurde,
daß ein fernerer Angriff nicht geduldet werden würde. Der französische
Priester stellte sich danach zwar persönlich im Consulat ein, um einen
Vergleich zu versuchen, mußte aber abgewiesen werden, da er füglich vor
seinem thätlichen Angriffe eine Verständigung hätte versuchen müssen,
andererseits ja aber das durch die samoanische Regierung anerkannte
deutsche Recht klar zu Tage lag.
In dem Punkte 1, Zahlung der noch ausstehenden 444 Mark, war schließlich,
da die Samoaner ohne stichhaltige Gründe dieselbe verweigerten, von dem
Consul eine letzte Frist gestellt worden, welche auch nicht eingehalten
wurde, worauf die Sache in meine Hände überging. In dem Punkt 3 hatte die
samoanische Regierung am 26. Juni dem deutschen Hause das Eigenthumsrecht
an dem in Frage stehenden Stück Land erneut zuerkannt, bestritt dasselbe
jedoch wieder und forderte für diesen Fall den Rechtsspruch eines
amerikanischen Consulatsbeamten, welcher mit dem für die nächsten Tage
erwarteten amerikanischen Kriegsschiffe kommen sollte. Diese Zumuthung
wurde von uns selbstverständlich zurückgewiesen, worauf die Hütten am 1.
Juli zwar geräumt, am 2. aber wieder bezogen wurden.
Am 27. Juni hatte der zwischen San-Francisco und Australien laufende
Postdampfer außerhalb des Hafens von Apia und ohne zu ankern mehrere
Personen, Amerikaner, abgesetzt, welche aus früherer Zeit in Apia
wohlgekannt waren und deren plötzliches Erscheinen von deutscher Seite
mit berechtigtem Mistrauen und von einem großen Theil der Samoaner mit
Sorge betrachtet werden mußte. Es gab denn auch gleich Unruhe genug, da
bald die verschiedensten Gerüchte die Stadt durchschwirrten, welche alle
darin gipfelten, daß es nunmehr mit der deutschen Herrlichkeit auf den
Samoa-Inseln ein Ende habe, da in den nächsten Tagen ein amerikanisches
Kriegsschiff einen zwischen den Vereinigten Staaten von Nordamerika und
den Samoa-Inseln abgeschlossenen Vertrag brächte, nach welchem Amerika
das Protectorat über die Inseln übernehmen und die Eingeborenen dann all
das an die Deutschen verkaufte Land unentgeltlich wieder zurückerhalten
würden. Welchen Eindruck diese Gerüchte auf die in Rechtsfragen
kindlich denkenden Samoaner machten, sahen wir an dem Auftreten der
Regierungsmitglieder, welche sich plötzlich auf das hohe Roß setzten und
anfingen, eine gewisse Anmaßung zur Schau zu tragen.
Am 29. traf denn auch schon das amerikanische Kriegsschiff ein und
brachte neben einem höhern amerikanischen Consulatsbeamten noch einen
Samoaner, Namens Mamea, und einen frühern amerikanischen General mit
Namen Bartlett mit. Mamea war ein Abgesandter der samoanischen Regierung,
welcher den Auftrag gehabt hatte, mit der amerikanischen Regierung einen
Freundschaftsvertrag abzuschließen, und Bartlett war der von Mamea für
24000 Mark jährlichen Gehalt gewonnene neue Berather und erste Minister
der Samoa-Regierung. Die Personen, welche für die Zeit der nächsten drei
Wochen in Apia nahezu alles auf den Kopf stellen sollten, waren beisammen,
und der Tanz, welcher für die Deutschen den Abschluß eines Lustspiels
fand, konnte beginnen.
Ehe ich nun auf die Ereignisse selbst eingehe, muß ich dasjenige noch
anführen, was in Apia über die Vorgeschichte des amerikanisch-samoanischen
Vertrages erzählt wird. Ich sage „erzählt wird“, weil ich selbst ja keinen
Einblick in die wirklichen Verhältnisse erhalten konnte.