Zunächst wurde ich dahin belehrt, daß die Perlen sich nicht, wie ich

bisher annahm, in der Schale bilden, sondern in dem Thier selbst, und daß

sie als eine Krankheit desselben betrachtet werden müssen, denn Perlen

werden nur in verkümmerten Schalen gefunden und kommen in der eigentlichen

Südsee nur in Mangareva häufiger vor, während die Perlmuschel sonst

bei fast allen Inseln gefischt werden kann. Man folgert daraus, daß die

örtliche Beschaffenheit sowol für die Verkümmerung der Muschel, wie für

die Bildung der Perle maßgebend ist. Es werden zwar auch sogenannte Perlen

(namentlich sind dies besonders große etwas flache Stücke) in den Handel

gebracht, welche aus der Schale ausgelöst oder geschnitten sind und sich

dort als Auswüchse und Unebenheiten zeigen, diese sind aber werthlos.[A]

Die richtige Perle ist stets abgerundet und auf ihrer ganzen Fläche von

dem charakteristischen Schmelz überzogen; sie ist eine feste homogene

Masse ohne Hohlraum in ihrer Mitte, hat dort auch keinen fremden Körper

gelagert, wie man gewöhnlich annimmt, denn die Perle wird nicht, wie schon

angedeutet, dadurch gebildet, daß das Thier einen fremden Körper umspinnt.

Sie ist um so werthvoller, je größer ihr specifisches Gewicht und je

reiner ihr Wasser ist, das man richtiger mit scheinbarer Durchsichtigkeit

bezeichnen könnte. Eine wirklich werthvolle Perle, mag sie noch so klein

sein, muß ein so reines Wasser haben, daß man beim Beschauen derselben

in ihrer Mitte in weiter Ferne einen kaum festzuhaltenden Punkt zu sehen

wähnt, und eine linsengroße Perle von dieser Eigenschaft ist werthvoller,

als eine haselnußgroße, welche undurchsichtig scheint. Natürlich ist

die äußere Form auch mitbestimmend, ebenso wie die Zahl der in gleicher

Größe, Form und Farbe zusammengebrachten Perlen, denn zwei ganz gleiche

Perlen haben etwa den vierfachen Werth jeder einzelnen, und zwanzig

kosten vielleicht schon das Hundertfache jeder einzelnen, sodaß, wenn eine

Perle 5 Mark kostet, der Preis für zwei gleiche 20 Mark und für zwanzig

gleiche 500 Mark beträgt. Es wurden mir auch einige der von Mangareva

mitgekommenen Perlen zu dem hamburger Marktpreis, welcher etwa 100 % höher

wie der hier gezahlte ist, überlassen und ich gab für eine erbsengroße

nicht besonders vollkommene 3 Mark, hätte aber für funfzig gleiche, welche

ich gern gehabt hätte, etwa 500 Mark zahlen müssen, wenn sie dagewesen

wären. Für eine schön geformte graue Perle von reinem Wasser und etwa

1 cm Durchmesser mußte ich 240 Mark geben. Einzelne Prachtstücke, für

welche ich allerdings weder Verwendung noch den Kaufpreis gehabt hätte,

waren hier unverkäuflich, weil sie einen Liebhaberwerth haben, der hier

nicht bestimmt werden konnte und jedenfalls in die Tausende geht, da

für eine derselben schon der Taucher an 800 Mark erhalten hatte. Die

Perlenfischerei wird in Mangareva übrigens nicht als Geschäft betrieben,

sondern die Eingeborenen tauchen nach den Muscheln zur Gewinnung der

werthvollen Perlmutterschalen, und etwa gefundene Perlen bedeuten soviel

wie einen Lotteriegewinn. Sobald nun der Taucher mit der Muschel wieder

nach oben kommt, bricht er sie auf, reißt das Thier heraus und fühlt

sofort durch einen Druck auf die weiche Masse, ob ein fester Körper, eine

Perle, in ihr enthalten ist oder nicht.

[A] Ich habe im Jahre 1880 in der berliner

Fischerei-Ausstellung einen derartigen Schmuck gesehen, welcher

von Nichtkennern wegen der Größe und eigenthümlichen Form der

gefaßten sogenannten Perlen als besonders werthvoll angestaunt

wurde.

* * * * *

Ich lasse noch einige Bemerkungen über die socialen und religiösen

Verhältnisse der Gesellschafts-Inseln folgen, nicht, um ein System

abfällig zu beurtheilen, sondern um zu zeigen, wie leicht der Mensch

Irrungen unterworfen ist und wie die übereilte und mit ungenügenden

Mitteln ins Werk gesetzte Durchführung des besten Systems zu Schaden

führt.

Wie in Tahiti muß auch auf den Gesellschafts-Inseln jeder Eingeborene

das von ihm Erworbene mit seinen Verwandten theilen, wenn sie ihn darum

angehen. Der Häuptling erwirbt überhaupt nichts, sondern läßt sich von

seinen Unterthanen nur ernähren, auf welche Leistung sich die Lasten

dieser so ziemlich beschränken. Jeder dauernde Erwerb wird hierdurch

unmöglich gemacht, die eigene Arbeit wird zur Thorheit, und die Thätigkeit

der Missionare hat in dieser Richtung noch nicht nach unsern Begriffen

bessernd und veredelnd wirken können.

Auf Tahiti und Raiatea kann es als Regel gelten, daß die Männer trinken

und die Weiber Prostituirte sind, während auf Huheine und Bora-Bora

Nüchternheit und, wenigstens äußerlich, strenge Sitten herrschen. Tahiti

steht am längsten unter dem Einfluß der Missionare und seit Mitte der

vierziger Jahre nur unter dem der französischen Geistlichkeit; Raiatea

und Huheine werden noch von der englischen Mission behauptet, während

in Bora-Bora, wo ich die geordnetsten Verhältnisse, die besten Wege und

Wohnungen fand, bis vor kurzem ein deutscher protestantischer Missionar

wirkte und jetzt nur noch einheimische Missionslehrer thätig sind.

Alle Eingeborenen der Gesellschafts-Inseln sind getaufte Christen,

beobachten die vorgeschriebenen kirchlichen Gebräuche, wirkliche

Christen sind sie aber wol nicht und werden es nie werden, solange sie

nicht unter das Scepter einer europäischen Macht kommen, welche sich

der systematischen Erziehung dieser Menschen annimmt, und das wird nie

eintreten, weil einerseits keine Macht die Mittel wird aufwenden wollen,

welche zur Colonisirung dieser verstreut liegenden Inseln erforderlich

sein würden, andererseits die Eingeborenen nach ihrer ganzen Veranlagung

ausgestorben sein würden, ehe das Erziehungswerk vollendet wäre. Diese

Inseln sind so klein, daß eine einzelne nicht im Stande ist, die Kosten

eines europäischen Regierungsapparates mit Kirche und Schule zu tragen,

andererseits liegen sie räumlich so weit auseinander, daß sie nicht

zusammengefaßt werden können. Die ganzen Kosten müßte also das Mutterland

allein tragen, denn der Handel wirft zur Zeit nur dadurch großen Gewinn

ab, daß er keine Steuern und Zölle zu tragen hat; er müßte aber zu Grunde

gehen, wenn ihm nur ein nennenswerther Theil der Kosten auferlegt würde.

Die Eingeborenen sind eine so weiche und an unbedingte Freiheit gewöhnte

Rasse, daß sie sich vor den eindringenden Europäern zurückziehen und

allmählich hinsiechen würden. Der Zwang der Kleidung, welche sie, einmal

auf den Körper genommen, nicht mehr ablegen, entfremdet sie dem Wasser und

macht sie unreinlich; der Verlust ihrer Ländereien, welcher mit dem Einzug

der Europäer zweifellos verbunden ist, treibt sie dem Hungertod entgegen,

die Vorliebe für berauschende Getränke beschleunigt dann das Siechthum.

Der einzige Weg, diese Insulaner geordneten und einigermaßen gesitteten

Verhältnissen entgegenzuführen, würde sich daher mit den Interessen des

Handels decken und liegt in der Uebernahme der Schutzherrschaft seitens

einer europäischen Macht, welche den Eingeborenen ihre Gewohnheiten und

überkommene Regierungsform beläßt und diese letztere nur durch einen

Commissar in die richtigen Bahnen leiten läßt; in diesem Falle aber

werden die Eingeborenen wie bisher nur Christen der Form nach sein, da

die christliche Lehre nur in der Schule erworben werden kann und der

Polynesier sich ebenso wenig an diese gewöhnen wird, wie die Schwalbe an

den Käfig.

Die Missionare gewannen da, wo sie überhaupt festen Fuß fassen konnten,

bald die unumschränkte Gewalt über die Eingeborenen und erwiesen sich

später als die Gegner der eindringenden Kaufleute, ob aus Fürsorge für

die Eingeborenen oder aus andern Gründen mag dahingestellt bleiben.

Die Thätigkeit des Missionars nahm, sobald er erst auf der noch von

keinem andern Europäer bewohnten Insel heimisch geworden war, einen

eigenthümlichen Verlauf. Aus dem Lehrer wurde der Herr, welcher die

Regierung leitete und durch Auferlegung harter Geld- und Körperstrafen

für die kleinsten Vergehen gegen die kirchlichen Gebräuche bald die

Zügel allein in der Hand hatte. Die Schule wurde von den herangebildeten

einheimischen Missionslehrern übernommen und beschränkte sich auf

Lesen, etwas Schreiben und das Absingen geistlicher Lieder. Zu bekehren

war auf der Insel sehr bald nichts mehr und der Missionar übernahm

das Handelsmonopol, welches ihm genügende Mittel abwarf, um seine

heranwachsenden Kinder zur Erziehung nach Europa schicken zu können.

Als nun der Kaufmann kam und höhere Preise an die Eingeborenen zahlte,

begann auf Huheine und Raiatea ein stiller Kampf, welcher zunächst in

der Einführung von Zwangs-Lootsengebühren für die fremden Schiffe seinen

Ausdruck fand, dann folgte ein Gesetz über die Erlegung von weitern

Hafenabgaben, und hierauf ein solches, welches den Eingeborenen den

Verkauf von Land an Europäer verbietet. Diese Gesetze sind gewiß von Werth

für die Eingeborenen, aber von Nachtheil für den Kaufmann, welcher sie dem

Einfluß der Missionare zuschreibt, sich aber doch gegen das Landkaufverbot

dadurch einigermaßen zu schützen gewußt hat, daß er in neuerer Zeit, wo

die alte Macht der Missionare doch so ziemlich gebrochen ist, das für ihn

nothwendige Land auf 99 Jahre pachtet.

Man darf nun nicht vergessen, daß die oben geschilderten Zustände sich

nach meinen Gewährsleuten nur auf einige bestimmte Inseln beziehen,

daß ferner die Missionare auch nur Menschen sind, und sich die obere

Missionsbehörde bei der Auswahl der zu entsendenden Persönlichkeiten

täuschen kann, sowie daß das Inspectionsschiff der Mission die verstreut

und zum Theil Tausende von Seemeilen auseinanderliegenden Inseln

alljährlich vielleicht nur einmal besuchen kann und dann schwerlich einen

richtigen Einblick erhält, wenn der ansässige Missionar ihn nicht geben

will.

Im großen und ganzen bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß die

Mission hier nicht viel Gutes gestiftet hat und das Christenthum hier

weder aufrichtige Bekenner gefunden, noch veredelnd auf die Eingeborenen

gewirkt hat; im Gegentheil, ich möchte behaupten, daß die Leute jetzt

mit Bewußtsein mehr sündigen wie ehedem ohne Bewußtsein. Eine Erklärung

für diese Thatsache dürfte schwer zu finden sein, wenn sie nicht etwa

darin zu suchen ist, daß entweder die Polynesier in religiöser Beziehung

überhaupt nicht erziehungsfähig sind, oder aber daß ihre Lehrer der ihnen

gewordenen Machtfülle nicht gewachsen waren und vielleicht beides zusammen

dazu beigetragen hat, mehr zu schaden wie zu nützen.

* * * * *

Am 10. morgens verließen wir Raiatea wieder, setzten am 11. morgens an

der Einfahrt von Papeete, wohin uns ein Boot des Deutschen Consulats

entgegengekommen war, unsere Gäste wieder ab und setzten nach kurzem

Abschied unsern Curs westlich nach den Samoa-Inseln.

8.

Samoa.

I.

22. Juni 1878.

So sind wir auf mancherlei Umwegen nach siebenmonatlicher Reise endlich

an unserm eigentlichen Ziele, den Samoa-Inseln, angelangt. In etwa

zwei Stunden, gegen 4 Uhr nachmittags, werden wir in Apia, dem auf der

Insel Upolu gelegenen Haupthafen der Samoa-Gruppe, eintreffen. Wind und

Wetter waren uns von Tahiti bis hierher nicht günstig gewesen, häufige

Windstillen und ein zwei Tage anhaltender Weststurm haben unsere Reise

sehr verzögert. Schließlich nach langem Warten auf den Passat, welcher in

dieser Zone eigentlich die Verpflichtung hat zu wehen, mußte doch für den

größten Theil des Weges die Dampfkraft zu Hülfe genommen werden, und in

diesem Augenblick fahren wir mit Dampf und Segel in beschleunigter Gangart

an der Nordküste von Upolu entlang.

Die Insel ist schön, wie all diese herrlichen Naturgebilde; von einer

eingehendern Schilderung derselben will ich jedoch hier absehen, es mag

daher nur eine flüchtige Skizze des vor uns liegenden Bildes folgen.

An eine niedrige Landzunge schließen sich die, die Mitte der Insel

bildenden Berge an, welche eine Höhe bis zu 1000 m erreichen und derart

abweichend voneinander geformt sind, daß sie der Insel ein auffallend

zerrissenes Aussehen geben. Sie zeigen sich sowol in scharf geschnittenen

Pics wie auch in runden Rücken und sind an einer Stelle von einer so weit

herunterreichenden Kluft durchschnitten, daß man Upolu aus der Ferne für

zwei Inseln halten kann. Zunächst der Küste besteht das Land aus weiten

ebenen Flächen, und dieser Bodengestaltung verdankt die Insel ihren hohen

Werth für Plantagenbau. Die Küste läuft theils flach nach dem Meere aus,

theils springt sie in 50-100 m hohe Caps vor, zwischen welchen kleine

Häfen und Buchten liegen, in die sich Bergflüsse ergießen, von denen

derjenige bei Falifa sich als schöner Wasserfall in das Meer stürzt.

Das ganze Land ist dicht mit Bäumen und zwar an der Küste vorherrschend

mit Kokospalmen bestanden, zwischen und unter welchen in der Nähe des

Strandes Dorf an Dorf liegt, da die ganze Küste dieser dichtbevölkerten

Insel bewohnt ist, während auf einzelnen höher gelegenen Punkten sich

stattlichere Häuser, die Wohnungen von Europäern zeigen. Die der Südsee

eigenthümlichen Korallenriffe umgeben einen so großen Theil der Insel, daß

man innerhalb der erstern mit Booten und Kanus fast um die ganze Insel in

ruhigem und sicherm Wasser fahren kann.

22. Juni, abends 10 Uhr.

Nachdem wir mit Hülfe des Lootsen, eines hier ansässigen Amerikaners,

nachmittags 4 Uhr zu Anker gekommen waren und der Offizier, welcher das

Schiff beim Consulat anmelden sollte, die Nachricht gebracht hatte, daß

die deutschen Herren sämmtlich zu Pferde einen Ausflug gemacht hätten und

wol erst sehr spät zurückkehren würden, begab ich mich an Land, um mir

Stadt und Leute anzusehen, auch dem Sonnabend-Scheuerfest, welches die

durch das Ankermanöver verursachten Schäden wieder beseitigen sollte, aus

dem Wege zu gehen.

Die Stadt besteht, da der Berg Apia hier fast bis zum Strande herantritt,

nur aus einer sich rings um den Hafen hinziehenden Straße, in welcher

größere und kleinere, theilweise in Gärten liegende Häuser der Europäer

mit den Hütten der Eingeborenen abwechseln. Sie bietet nichts besonders

Sehenswerthes und befriedigte meine Neugierde um so weniger, als sie

neben ihrer wenig anziehenden äußern Erscheinung auch noch vollständig

ausgestorben zu sein schien.

Samoa schien mir überhaupt ein wunderliches Land zu sein. Die ganze Küste

ist mit menschlichen Wohnungen besiedelt und wir sahen beim Vorbeifahren

weder am Lande noch auf dem Wasser Menschen, noch bei den Wohnungen den

sonst nie fehlenden Rauch des häuslichen Herdes; das Consulat mit dem

ganzen Beamtenpersonal des großen Geschäftshauses macht am Wochenschluß

einen Ausflug aufs Land; in der Stadt scheint die ganze Bevölkerung am

hellen Tage zu schlafen. Was blieb mir anders übrig, als auf mein Schiff

wieder zurückzukehren, wo doch mehr Leben war!

Als ich später, 9 Uhr abends, mich eben an den Schreibtisch gesetzt hatte,

wird von unsern Posten ein Boot angerufen, welches doch noch die von

ihrer Partie zurückgekehrten deutschen Herren brachte. Der Consul, ein

Herr Weber, entschuldigte sich, daß er noch so spät komme, er hätte aber

heute am Sonntag -- „Was, Sonntag? Heute ist doch Sonnabend!“ unterbrach

ich seine Rede. „Nein, Sonntag“, war die Antwort, und die Erklärung

ergab, daß in Samoa, obgleich die Inseln noch auf Westlänge (169½° bis

173° W. nach Greenwich) liegen, doch die Kalenderrechnung von Australien

und Neu-Seeland angenommen worden ist, weil alle Beziehungen Samoas mit

der Außenwelt sich auf diese beiden großen englischen Colonien und die

zwischen diesen und Europa laufenden Dampferlinien stützen. Nun war mir

alles klar, der Ausflug der deutschen Herren und die Sonntagsheiligung

nach der von den englischen Missionaren gegebenen Vorschrift, nach welcher

am Sonntag nicht einmal gekocht werden darf, während wir uns zu gleicher

Zeit am Sonnabend abgequält haben, unser Schiff für den nächsten Tag recht

schön zu machen.

Herr Weber erzählte mir noch so viel über samoanische Verhältnisse und was

alles meiner warte, daß mir ganz wirr im Kopfe wurde und ich nur so viel

behalten habe, daß ich gleich am nächsten Tage mitten im Kampfgewühl mit

den aufsässigen Samoanern sein würde. Dann gingen wir noch für einige Zeit

zu den Offizieren und jetzt sitze ich am Schreibtisch und habe soeben in

das Befehlsbuch für morgen den wunderlichen Satz geschrieben: „Der heutige

Tag ist nicht als Sonntag den 23., sondern als Montag den 24. Juni zu

rechnen, doch wird der Dienst nach der Sonntagsroutine gehandhabt.“

So ist nun all die Zeit, welche wir von der Heimat an immer mit dem Laufe

der Sonne nach Westen hin segelnd und dampfend auf unserm langen Wege

hierher tagtäglich gewonnen haben, mit einem Schlage wie ein Hauch wieder

hin, indem ein ganzer Kalendertag aus dem noch vor uns liegenden Leben

hinweggewischt ist.

25. Juli 1878.

Heute Morgen haben wir Apia für einige Zeit wieder verlassen, um der

Besatzung des Schiffes nach einem nahezu achtmonatlichen Aufenthalt in den

Tropen in Sydney für wenige Wochen sowol die Wohlthat kräftigerer Luft,

wie auch die besserer Kost zutheil werden zu lassen. Die Samoa-Inseln

liegen schon in weiter Ferne hinter uns, das Schiff hat einen klaren

Seeweg vor sich, und so finde ich endlich Muße, die Begebenheiten der

letzten vier Wochen, welche für mich eine ununterbrochene Kette großer

Aufregungen waren, niederzuschreiben. Von Land und Leuten kann ich zwar

noch nicht viel erzählen, weil ich nur wenig davon gesehen habe, aber

desto mehr von Streit und Hader. Da ich indeß ja nach den Samoa-Inseln

zurückkehre, so werde ich dann während eines längern und hoffentlich

friedlichern Aufenthalts wol Gelegenheit finden, mich mit dem Leben und

Treiben dieses selbstbewußten Völkchens besser bekannt zu machen. Das

Wenige, was ich indeß gehört und gesehen habe, mag immerhin schon jetzt

hier Platz finden.

Zu der Samoa-Gruppe gehören die Inseln Manua, Tutuila, Upolu und Savai’i,

sowie noch eine Zahl kleinerer Inselchen, welche auf der Karte indeß nur

als Punkte verzeichnet werden können. Von den erstgenannten ist Manua die

östlichste und kleinste, Savai’i die westlichste, größte und höchste (bis

zu 1300 m hoch) dieser Inseln.

Nur Tutuila und Upolu haben Häfen und von diesen kommt für den

Handelsverkehr wieder nur Apia in Betracht.

Apia muß im Vergleich zu den Städten anderer unabhängiger Inseln ein

großer und bedeutender Platz genannt werden, ist Sitz der samoanischen

Regierung und Mittelpunkt des deutschen Handels für den westlichen Theil

der Südsee. Es erscheint auffällig, daß von den samoanischen Häfen gerade

Apia der Hauptplatz geworden ist, wenn man erwägt, daß der kleine Hafen

die anlaufenden Schiffe oft kaum alle aufnehmen kann und nur Schutz gegen

die gewöhnlich hier allerdings vorherrschenden südlichen Winde gewährt,

gegen alle nördlichen aber und namentlich gegen den alle 10-12 Jahre

einmal von Norden her über die Insel wegziehenden Orkan ganz offen ist,

sodaß die dann von dem Sturm unglücklicherweise im Hafen überraschten

Schiffe in der Regel verloren sind. Der vorzügliche Hafen von Pago-Pago

(sprich Pango-Pango) auf Tutuila bietet dagegen ganzen Flotten Raum und

vollständige Sicherheit gegen alle Winde. Und doch wird die Wahl von

Apia verständlich, wenn man berücksichtigt, daß Upolu die fruchtbarste

und bevölkertste der Samoa-Inseln ist, in der Mitte zwischen Tutuila und

Savai’i liegt, daß hier die einflußreichsten Stämme der Samoaner seßhaft

sind, daß Apia wiederum so ziemlich im Mittelpunkt von Upolu liegt und

der Hafen bisher immer noch als der beste dieser Insel galt, denn der sehr

viel bessere Hafen von Saluafata ist erst seit kürzerer Zeit als solcher

bekannt und zwar vorläufig auch nur Herrn Weber, seinen Kapitänen und

neuerdings auch uns.

Die Stadt Apia umschließt, wie schon gesagt, den ganzen Hafen. Von diesem

aus gesehen rechts, also an dem westlichen Ende, läuft das Land in eine

schmale, niedrige, mit Kokospalmen bestandene, Mulinu’u genannte Landzunge

aus, auf deren äußerster Spitze sich der Regierungssitz befindet, nämlich

einige Hütten und ein kleines Breterhaus, welches früher die Wohnung des

Ersten Ministers war, solange der amerikanische Colonel Steinberger,

welcher Apia vor etwa zwei Jahren wieder verlassen hat, dieses Amt

bekleidete. Jetzt dient das Haus dem derzeitigen amerikanischen Consul

gelegentlich zum vorübergehenden Aufenthalt, wenn dieser, wie es scheint

etwas wunderliche Herr sich das Ansehen geben will, die Samoaner gegen

Gewaltmaßregeln europäischer Kriegsschiffe zu beschützen. Er hißt dann

an dem bei dem Hause befindlichen Flaggenstock die amerikanische Flagge

und will die Samoaner glauben machen, daß keine Truppe und keine Kugel

den Weg zu einem Platz finden könne, in dessen Nähe seine Consulatsflagge

weht. Einige Tage nach unserer Ankunft hatte der Herr denn auch das Haus

wieder bezogen, ob mit einer bestimmten Absicht oder nur zufällig, kann

ich nicht wissen.

An den Regierungssitz schließt sich ein Dorf der Eingeborenen

an, dann folgt die großartige Anlage der Deutschen Handels- und

Plantagen-Gesellschaft (früher J. C. Godeffroy u. Sohn) mit ihrem

stattlichen Wohnhaus, den Lagerräumen, einer Baumwoll-Reinigungsmaschine,

Schiffs-Reparaturwerkstätte und großen freien Lagerplätzen. Das nächste

inmitten eines großen Gartens von der Straße etwas zurückliegende

Gebäude ist ein französisches Nonnenkloster, welches sich der

Erziehung samoanischer, halbweißer und weißer Mädchen widmet. Dann

kommt der eigentliche europäische Stadttheil, vielleicht richtiger das

Fremdenviertel genannt, mit einigen bessern Häusern, zwei fragwürdigen

Gasthäusern ('Hôtel International' und Gasthaus zur Stadt Hamburg),

einigen Matrosenkneipen, den wieder weiter von der Straße zurückliegenden,

aus rothen Backsteinen erbauten Häusern der französischen katholischen

Priester und einer hübschen kleinen, aus Stein erbauten katholischen

Kirche. Demnächst folgt wieder ein Eingeborenendorf, das nach der andern

Seite von einem in den Hafen mündenden ziemlich breiten Fluß begrenzt wird

und in welchem das Haus der englischen Mission sowie die einer häßlichen

Scheune ähnelnden evangelische Kirche liegen. Eine lange hölzerne Brücke

führt über den Fluß an der Anlage des zweiten hier etablirten großen

deutschen Hauses von Ruge u. Hedemann aus Hamburg vorbei, wieder zu

einigen von Fremden bewohnten Häusern und schließlich zu einem auf einer

flach auslaufenden Landspitze liegenden Eingeborenendorf, welches hier im

Osten die Stadt ebenso abschließt wie Mulinu’u im Westen.

Apia erhält hierdurch ein auffallend symmetrisches Ansehen. An die von der

Brandung überspülten Korallenriffe schließen sich an den beiden äußersten

Seiten die niedrigen Landspitzen mit den Dörfern der Eingeborenen an und

an diese, wie Wachtposten, die beiden hamburger Häuser mit der deutschen

Flagge, zwischen welchen am Fuße des hohen dicht bewaldeten Berges Apia

die Fremden wohnen.

Am nächsten Morgen nach unserer Ankunft machte ich unserm Consul meinen

Besuch und nahm die liebenswürdige Einladung dieses Herrn, vorläufig der

Gast des deutschen Hauses zu sein, an, um die drängenden Angelegenheiten

besser besprechen zu können, auch einmal wieder in größerer Gesellschaft

zu essen und gleichzeitig die Gelegenheit zu benutzen, meiner Kajüte den

ihr durchaus nothwendigen neuen Farbenanstrich geben zu lassen.

Da es wol von Interesse ist zu erfahren, wie unsere Landsleute als unsere

Antipoden hier draußen leben, will ich eine kurze Skizze davon geben.

Das stattliche, nur aus einem Parterregeschoß bestehende Wohnhaus

umschließt im Viereck einen ziemlich großen Blumenhof. Unter dem breiten

Dach läuft außen wie innen eine sehr geräumige Veranda rund um das Haus,

welche die Sonnenstrahlen von den Wohnräumen abhält und den Bewohnern

zu jeder Tageszeit gestattet, sich gegen Sonne und Regen geschützt zu

ergehen. Topfgewächse und Blumen zieren die innere Veranda, im Freien

wachsende große Oleander und andere Bäume beschatten die äußere. Bänke und

die verschiedensten Arten bequemer Stühle laden zum Sitzen ein, und es ist

ein wahrer Genuß, dort während der fast täglich über die Insel ziehenden

Regengüsse zu ruhen und die herrliche Natur, Land und Meer zu bewundern.

Die Hauptthür des Hauses liegt in der Mitte der vordern Front und

durchschneidet dieselbe ganz, sodaß man beim Betreten des Hauses auf den

schön gehaltenen Blumenhof sieht. Rechts liegen die Geschäftszimmer und

die Wohnung des Herrn Weber, des Leiters des Geschäftshauses; links ein

Empfangszimmer, ein großer Saal, zwei Fremdenzimmer und die Zimmer der

Dame des Hauses, einer ältern Witwe aus Hamburg, welche den Haushalt führt

und durch ihre Anwesenheit verfeinernd, bezw. erhaltend auf die Sitten

der jüngern Herren wirkt. Die Rückseite des Hauses wird von einem großen

Speisesaal eingenommen, von welchem man nach hinten ins Freie tritt und

zu dem abgesonderten Hause gelangt, in welchem die jüngern Herren, alle

Deutsche, wohnen.

Vor dem Hause liegt ein mäßig großer, gut gehaltener Garten, hinten und

zu beiden Seiten je ein großer freier Platz, wo die Pferde und Hühner

ihr Wesen treiben. An der einen Seite, abgesondert vom Wohnhause, liegt

auch die Küche, wo eine hamburger Köchin, eine hagere, ältliche Jungfrau,

das Scepter führt und mit aller Welt in Fehde liegt, nicht nur mit den

Menschen, sondern auch mit dem Gethier, da Pferde und Hühner gern in die

Küche kommen, um dort zu naschen, was sie aber nicht dulden will.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 21 / 56 段