tief einstampfend, rollend und ächzend. Ueber uns die schnell ziehenden
dickgeballten Wolken. Unwirsch mahlt die mit 2000 Pferdekräften arbeitende
Schraube im Wasser, weil das Schiff ihrem Druck nicht folgen will, und
hochauf spritzt der Gischt, wenn sich das Heck schüttelnd und in allen
Verbänden knarrend aus dem Wasser hebt und die Schraube theilweise frei
von diesem, in fast doppelten Umdrehungszahlen mit den obern Flügelspitzen
durch die Luft schlägt. Tief gräbt der Bug sich dann in die von vorn
andrängenden Wellen, sodaß die helle See über die Back bricht und die
von dem mächtigen Anprall in Wasserstaub aufgelösten Wogenkämme über das
ganze Schiff hinwegstürmen, welches in seinem Lauf plötzlich gehemmt, bis
in die obersten Mastspitzen erzittert. Hastend quillt als dicke Wolke der
schwarze Rauch aus dem großen Schlot und bildet nach hinten eine breite
dunkle Straße, über welcher oben am Hauptmast der lange weiße Wimpel in
schlangenähnlichen Windungen flattert. Der Rauch schwärzt alles, was er
erreichen kann, und der Seewasserstaub überzieht Schiff, Takelage und
Menschen mit glitzernden weißen Salzkristallen. Zur Linken von uns das von
der Brandung ganz in blendenden Schaum gehüllte Korallenriff mit seiner
Kette belaubter kleiner Inseln, deren Palmen sich widerwillig unter dem
Druck des starken Windes zur Seite neigen und dahinter -- hellgrünes
Wasser, welches, von dem Winde unberührt, wie ein Spiegel sich unter der
Sonne ausbreitet und an dessen anderm Ufer die Hauptinsel fern von dem
Toben des Sturmes und des Meeres in erhabener Ruhe emporragt, scheinbar
beschützt von dem gigantischen, die ganze Insel beherrschenden Felsblock.
An der Hafeneinfahrt trafen wir mit einem kleinen Schooner zusammen,
welcher, mit vollen Segeln vor dem Winde herlaufend, dem schützenden
Hafen mit fliegender Fahrt zueilte. Unser Schiff drehte und jagte auch,
nun ebenfalls vor dem Winde, mit 12 Seemeilen Geschwindigkeit in die
schmale Einfahrt. Was sich meinem Blick darbot, war zum Entsetzen. Unser
Lootse, ein durchaus verständiger Mann, hatte sich die zu erwartende
Situation vorher jedenfalls nicht klar gemacht, denn sonst hätte er mir
vom Einlaufen unter diesen Verhältnissen abrathen und jede Verantwortung
für das Wagniß ablehnen müssen. Jetzt war es zu spät, denn an Umdrehen
war wegen mangelnden Raumes nicht mehr zu denken, der Lootse war ebenso
versteinert wie ich es im ersten Augenblick war, aber zu langem Ueberlegen
blieb keine Zeit; wir mußten uns zu helfen suchen, so gut es ging.
Von dem Fahrwasser und den Riffen, welche sonst durch die auf ihnen
stehende Brandung oder durch die hellere Wasserfarbe zu erkennen sind, war
nichts zu sehen, der vor uns liegende Raum war ein Auf- und Niederwogen
wild kämpfender Wasserberge, welche nur aus weißem Gischt bestanden. Die
in die 900 m breite und drei Seemeilen lange Einfahrt hineindrängenden
hohen Wellen wurden von den seitlichen Riffen zurückgeworfen, prallten
gegen die nachstürmenden zurück und erzeugten einen Aufruhr im Wasser,
welcher jeder Beschreibung spottet. Es war ein Wallen, Tosen, Sieden und
Branden, daß man sein kaltes Blut verlieren konnte. Wir waren mitten in
der Brandung und niemand konnte wissen, ob nicht im nächsten Augenblick
ein markerschütternder Stoß uns sagen würde, daß das Schiff verloren
sei, und daß die durch den Anprall herniederbrechende schwere Takelage
den größten Theil der auf Deck befindlichen Personen erschlagen würde.
Nach Peilung des Kompasses zu steuern, war auch ausgeschlossen, weil das
Schiff in der tobenden See so jähe Bewegungen machte, daß die Kompaßrose
in ihrem Gehäuse wild hin- und herlief. So blieb keine andere Wahl, als
weiter zu laufen, nach dem Auge den wahrscheinlich richtigen Curs zu
halten und es der Vorsehung zu überlassen, ob wir glücklich durchkommen
oder das Schiff verlieren sollten. Das Ernsteste war der Entschluß, die
Maschine mit Volldampf weiter arbeiten zu lassen, da ein Stoppen derselben
die Fahrt nicht genügend verringern konnte, andererseits aber das Schiff
bei der größern Geschwindigkeit besser zu steuern war. Hier hieß es Zähne
zusammenbeißen, sich gut festhalten, um nicht über Bord geschleudert zu
werden, und -- Vorwärts!
Bäumend und sich wälzend, bis zu 30° nach jeder Seite schlingernd, vorn,
links und rechts Wasser schöpfend, schnitt das Schiff, nachdem alle
entbehrlichen Leute zur Sicherung gegen die etwa fallenden Masten unter
Deck geschickt worden waren, durch das brandende Meer neben dem kleinen
Schooner her, welcher unter seinen vollen Segeln mit uns die gleiche
Geschwindigkeit hielt und entweder hoch oben auf einem Wellenkamm thronend
über uns stand, oder im Wellenthal soweit verschwand, daß nur die obersten
Spitzen seiner 20 m hohen Masten für uns sichtbar waren. Nach Verlauf von
15 Minuten, welche mir eine Ewigkeit dünkten, liefen wir mit einem Bogen
hinter das Riff in ruhiges Wasser und in eine andere Welt. Das Schiff lag
plötzlich ruhig -- ich athmete tief auf, stoppte die Maschine und gab den
Befehl zum Ankern.
Gleich nach unserer Ankunft wurde, ebenso wie es in Huheine geschehen
war, an die Königin ein Brief mit der Anmeldung unsers Besuchs für den
nächsten Morgen geschickt. Die unserm Boten mitgegebene Antwort lautete,
daß wir willkommen seien, von Geschäften aber nicht gesprochen werden
dürfe, weil wegen vieler auf der Insel stattgefundener Todesfälle der
nächste Tag als allgemeiner Buß- und Bettag festgesetzt worden sei. Da
ich nun keinen ganzen Tag verlieren wollte, so übernahm es Frau G. noch
an diesem Abend den Räthen der sieben Jahre alten Königin über den Zweck
unsers Hierseins Aufschluß zu geben, damit etwaige Unklarheiten unter
der Hand beseitigt werden könnten. Wir fuhren daher an Land und die Dame
ging in das Königshaus, während Herr G. und ich einen kleinen Spaziergang
machten. Als wir von diesem zurückkehrten, kam Frau G. uns schon entgegen,
an der Hand die kleine Königin, welche uns in ergötzlicher Weise auf ihrer
Insel begrüßte und mir sagen ließ, daß ihre Räthe zu den Deutschen volles
Vertrauen hätten. Die kleine braune Herrscherin, ein hübsches freundliches
Kind, trug ein kurzes Kattunkleidchen, hatte hohe weiße Strümpfe an und
ging in ihren unförmlichen hohen Schnürstiefeln aus schwarzem Lackleder
wie auf Stelzen. Als ich auf ihre Frage, wie es mir auf der Insel gefiele,
antwortete, daß ich alles sehr schön fände, mein Diener aber klage, für
Geld und gute Worte keine Eier bekommen zu können, meinte sie, daß sie da
bald Abhülfe schaffen wolle. Sie lief nun so schnell als die unbequemen
Stiefel es erlaubten in ihr Haus zurück, kam bald mit einem Körbchen in
der Hand barfuß wieder herausgesprungen, ging in die zunächstgelegenen
Hütten, brachte mir dann das inzwischen mit Eiern gefüllte Körbchen und
sagte, als ich den Leuten das Geld für die Eier schicken wollte, stolz:
„Die Königin kauft von ihren Unterthanen nichts, sondern nimmt denselben
das für sie Nothwendige weg.“
Am nächsten Morgen war feierlicher Empfang. Bei unserm Landen fanden
wir so große Menschenmengen vor dem Königshause, daß wir wol die
Bevölkerung der ganzen Insel hier versammelt annehmen durften. Die für
mich bestimmten Geschenke waren auch schon zusammengetragen und lagen
geordnet vor dem Hause zu beiden Seiten der Verandatreppe, auf welcher
wir von einem braunen Herrn empfangen und in das Empfangszimmer geführt
wurden. Hier befand sich bereits die Königin im Kreise der den Staatsrath
bildenden Häuptlinge, von welchen einer, ihr Onkel, die Regentschaft
führt. Eingeborene Damen waren nicht anwesend. Die vor uns befindliche
Gesellschaft machte im Vergleich zu Huheine einen sehr civilisirten
Eindruck, denn die Herren waren sämmtlich in guten schwarzen Anzügen
und hatten Lackstiefel an den Füßen. Ueber dem zugeknöpften Frack trugen
sie eine rothseidene Schärpe um den Leib geschlungen und in der linken
Hand einen in Blech- bezw. Lederscheide steckenden Säbel oder Degen,
Waffen, welche ihrer alterthümlichen Form nach jedenfalls aus dem vorigen
Jahrhundert stammten und den verschiedensten Völkern angehört hatten. Daß
die Säbel in der Hand getragen wurden, mag seinen Grund darin haben, daß
die zum Anhängen nothwendigen Säbelkoppeln fehlen. Die Königin, welche ein
rothseidenes Kleidchen anhatte und deren Kopf mit einem aus künstlichen
Strohblumen gefertigten Diadem geschmückt war, kam uns entgegen, bot
uns die Hand und lud dann zum Sitzen ein. Das alles machte sie so nett
und natürlich, daß ich von der Fertigkeit dieser kleinen Person ganz
überrascht war. Frau G. setzte sich auf das vorhandene Sofa und nahm
die Königin von Bora-Bora auf ihren Schos, während wir Herren uns der im
Kreise aufgestellten Stühle bedienten.
Nachdem einige Höflichkeitsphrasen ausgetauscht waren, wobei Frau G. die
Dienste des fehlenden Dolmetschers versah, mußten wir auf die Veranda
treten und mit dem Volke Hände schütteln, was in der Weise geschah, daß
die Eingeborenen (Männer, Frauen und Kinder) truppweise und in guter
Ordnung mit gebeugtem Oberkörper auf die Veranda kamen, uns die Hand
gaben und dann ebenso wieder zurücktraten. Ein junger Mann fiel mir dabei
dadurch auf, daß er zu diesem Zweck dreimal die Veranda betrat; die den
Leuten gewordene Ehre muß also wol sehr groß gewesen sein. Auch dieses
Händeschütteln, welches ungefähr eine Stunde währte, nahm sein Ende; die
vielen, wieder für meine ganze Besatzung ausreichenden Geschenke, wurden
mir übergeben, und dann kehrten wir zum Schiffe zurück.
Am 6. Juni vormittags wurden die geschäftlichen Angelegenheiten erledigt,
deren Ergebniß darin bestand, daß die Machthaber von Bora-Bora den
deutschen Unterthanen jeden Schutz und volle Handelsfreiheit zusicherten
und ich dagegen anerkannte, daß die Deutschen sich den zur Zeit
bestehenden Landesgesetzen, von welchen ich vorher Einsicht genommen
hatte, unterzuordnen hätten.
Für den Nachmittag wurde auch hier die Bevölkerung auf die „Ariadne“
eingeladen und das Fest nahm denselben Verlauf wie in Huheine. Die
kleine Königin schwelgte namentlich in Wonne, nachdem sie sich auf meine
Aufforderung hin mit Genehmigung ihres Oheims ihrer Stiefel und Strümpfe
entledigt hatte, welche dieser Herr ihr in meiner Kajüte auszog.
Hier kann ich nicht umhin, der wunderbaren Thatsache zu gedenken, daß
dieses kleine Mädchen sich nur unter der Obhut von Männern befindet und
keine eigentliche weibliche Pflegerin hat, wenn sich in ihrem Hause
vielleicht auch einige Dienerinnen befinden mögen, und wie sich dem
Beobachter hier bei diesem Kinde, wenn es nicht schon bei dem Besuch
der andern Inseln geschehen sein sollte, der Gedanke aufdrängen muß,
daß diese Insulaner das Vorbild für ihre Staatsform bei den Ameisen und
Bienen gefunden haben. Daß sie die weibliche Erbfolge an der Krone für
die natürlichere und richtigere halten, ist ja allbekannt; ebenso sind es
die Gründe hierfür, nämlich, daß das Kind immer Blut von der Mutter haben
muß, der Gatte der Mutter dem Kinde aber sehr fern stehen kann, ja bei der
Ungebundenheit der herrschenden Sitten die Mutter vielleicht selbst nicht
einmal im Stande ist, den Vater zu bezeichnen. Weniger bekannt dürfte
es aber sein, eine wie hohe, fast göttliche Verehrung alle Polynesier
dem edlen Blut ihrer alten Häuptlingsfamilien zollen und wie sie trotz
aller Unterwürfigkeit unter jede Laune ihrer Machthaber ängstlich darüber
wachen, daß kein ihrer Ansicht nach unedles Blut zur Herrschaft über
sie gelangt, daß sie aber dem edlen Blut jede Ausschreitung und jedes
Laster verzeihen. Sieht man nun, wie diese kleine Königin in ihrem Hause
nur von Männern umgeben lebt, von diesen sonst nichts thuenden und von
dem Besitz des Volkes sich nährenden Häuptlingen oder Drohnen bedient,
gepflegt und mit ängstlicher Sorgfalt großgezogen wird, und sieht man
ferner, wie das Kind sich andererseits wieder in seinem kleinen Reich frei
und ungebunden bewegen kann, von jedermann als das schätzbarste Gut des
ganzen Staatswesens betrachtet und behandelt wird, und von jedem seiner
Unterthanen ohne Murren das erhält, was es für sich verlangt, dann kann
sich meines Erachtens bei dem Beobachter der obige Gedanke nur befestigen.
Um 4 Uhr nachmittags verließen die Eingeborenen das Schiff wieder, nachdem
die Häuptlinge auch hier mit Geschenken bedacht worden waren. Die kleine
Königin schenkte mir beim Abschied ihr Strohblumendiadem als Andenken.
Ein kleiner Zwischenfall hatte sich noch kurz vor Schluß des Festes
zugetragen, indem einer unserer Matrosen, welcher zu den an Land
Beurlaubten gehörte, von zwei eingeborenen Polizeidienern an Bord gebracht
und eines Vergehens gegen die Hafenordnung angeklagt wurde. Da der Mann,
ein als ordentlich bekannter Mensch, die Thatsache aber bestritt, auch
keine Zeugen herbeigebracht werden konnten, so mußte die Sache fallen
gelassen werden. Sie gab mir indeß Veranlassung, den etwas Englisch
sprechenden Häuptling, welcher die kurze Verhandlung in Abwesenheit eines
Dolmetschers geleitet hatte, zu meiner Belehrung zu fragen, ob diese
Polizeiverordnung wirklich streng durchgeführt würde, da man auf den
andern Inseln in diesem Punkte doch die weitgehendste Freiheit gestatte
und es mir so scheinen wolle, als ob man den Mann nur aufgegriffen hätte,
um uns zu zeigen, wie streng man bei ihnen auf gute Sitte hielte. Seine
Antwort war, daß das Gesetz nur Geltung für das niedere Schiffsvolk
habe und auch nur für solche, welche sich fangen ließen. Er mache sich
gar nichts aus dem Gesetz und lade mich in sein Haus ein, wenn ich aber
wirklich mit dem Schiff in einer Stunde schon fortgehen wolle, dann würde
er einer seiner Frauen den Auftrag geben, auf dem Schiff zu bleiben und
ich möchte sie dann später nur mit dem Boot, welches er mit einigen Leuten
auch bei mir zurücklassen wolle, von See aus wieder nach Hause schicken,
sie würden den Rückweg zur Insel schon finden. Er gab dann auf meine
Fragen noch zu, mehrere Frauen zu haben und Christ zu sein und setzte
hinzu, daß sie das Christenthum nur soweit angenommen hätten, wie es ihnen
gefiele. Nachdem ich sein Anerbieten trotz wiederholten Drängens abgelehnt
hatte, schenkte er mir als Ersatz, um mir doch eine Freude zu machen,
seine aus Strohblumen gefertigte Halskette.
Um 5 Uhr verließen wir Bora-Bora wieder, um während der Nacht nach Raiatea
zu segeln, wo wir denn auch am nächsten Vormittag im Hafen von Uturua
eintrafen.
Raiatea mit der Nachbarinsel Tahaa hat denselben landschaftlichen
Charakter wie Huheine und Bora-Bora -- der merkwürdige 800 m
hohe Felsblock inmitten fruchtbaren Landes, die Insel umgeben
von Korallenriffen und kleinen Inseln, hinter welchen gute Häfen
liegen. Die äußere, namentlich in dem Mittelkamm zu Tage tretende
Formenübereinstimmung in den vier Inseln, von welchen die beiden
äußersten 45 Seemeilen auseinander liegen, berührt ganz eigenartig, denn
sie entstammen zweifellos einem Guß und man fragt sich staunend, welch
ungeheuerer plötzlichen Katastrophe sie ihr Dasein verdanken mögen.
Gleich nachdem wir in nächster Nähe der deutschen Niederlassung, vor
welcher drei deutsche Handelsschiffe lagen, geankert hatten, kam ein
Boot mit Eingeborenen längsseit, und einer der Leute betrat mit einem
Damenstrohhut in der Hand das Schiff, nach Frau G. fragend. Sehr belustigt
waren wir zu hören, daß die Königin von Huheine ein Boot den weiten Weg
nach Raiatea geschickt hatte, um den früher erzählten Huttausch rückgängig
zu machen. Die braune Fürstin war wahrscheinlich der Ansicht, daß ihr
früherer Hut doch schöner und werthvoller sei, und so mußte ich die in
meinen Händen befindliche königliche Kopfbedeckung wieder herausgeben.
Frau G. war zwar entrüstet und wollte von diesem Handel nichts hören,
ich hatte aber Wichtigeres zu thun, als um den Besitz eines Strohhutes zu
streiten.
Ein Offizier des französischen Aviso, welchen wir hier endlich
antrafen, begrüßte das Schiff im Namen seines Commandanten, und dann
kam der Vorsteher der deutschen Niederlassung, um Beschwerde gegen die
Eingeborenen und indirect gegen das französische Kriegsschiff zu führen.
Der Einfachheit halber will ich den Herrn selbst sprechen lassen:
„Der französische Aviso erkundigte sich nach seiner am 1. Juni erfolgten
Ankunft gleich bei dem König, ob nicht Zwistigkeiten mit Ausländern
vorlägen, bei welchen er ihm seine Dienste leihen könne, und danach erst
kam er mit der Sache zum Vorschein, wegen welcher er hergekommen sein muß.
Denn ich weiß aus sicherer Quelle, daß er den Eingeborenen sagte, es würde
in den nächsten Tagen ein deutsches Kriegsschiff kommen, um ihnen ihre
Insel wegzunehmen und er sei zu ihrem Schutze hier. Dann gab er ihnen den
Rath, sobald die deutsche Flagge auf unserer Niederlassung gehißt würde,
gleich die Forderung an uns zu stellen, dieselbe wieder niederzuholen,
und die Forderung zu wiederholen, wenn ihr nicht nachgekommen würde,
und wenn auch dies fruchtlos bleiben sollte, den Flaggenmast mit Gewalt
niederzureißen. Er fügte noch hinzu, daß die Eingeborenen sich vor den
Deutschen nicht zu fürchten brauchten, denn nicht nur er würde sie gegen
deutsche Gewalt schützen, sondern auch die Engländer und Amerikaner würden
dies thun. Als nun die «Ariadne» in Sicht kam, hißten wir vor einer Stunde
zum ersten mal seit unserer Ansiedelung hierselbst unsere deutsche Flagge
(Handelsflagge), und richtig kamen einige Abgesandte vom König mit der
Forderung, dieselbe wieder niederzuholen, welchem Ansinnen ich indeß nicht
entsprach, mich aber erbot, ihnen die Axt zu verkaufen, mit welcher sie
etwa Gewalt an dem Mast gebrauchen wollten. Inzwischen war die «Ariadne»
näher gekommen, die Eingeborenen verglichen mit ängstlichen Blicken den
kleinen Franzosen mit Ihrem mächtigen Schiff, sahen auch keine Engländer
und Amerikaner, murmelten etwas von König Wilhelm und Bismarck und zogen
ziemlich still wieder ab, ohne bisjetzt ihre Forderung wiederholt zu
haben.“
Soweit der Berichterstatter.
Dem König (Raiatea hat ein männliches Oberhaupt) wurde, nachdem etwas
Ruhe eingetreten war, unser Besuch zum nächsten Vormittag angemeldet,
welcher zu 8 Uhr angenommen wurde. Unsere Bemühungen, einen Dolmetscher
zu erhalten, blieben erfolglos, da die beiden ortsanwesenden Engländer,
welche allein geeignet gewesen wären, unter nichtigen Vorwänden ablehnten;
so mußte denn Frau G. wieder als solcher eintreten. Den Nachmittag
verbrachten wir am Lande in dem geräumigen, luftigen deutschen Hause,
welches auf direct aus der See aufsteigenden niedrigen Felsen erbaut
ist. Unsere Musik spielte auf dem Hofe, wo außerhalb des Zaunes viele
Eingeborene zusammengeströmt waren, und wir saßen an einem schönen Platz
am Wasser und sahen zu, wie zu unsern Füßen einige eingeborene Diener des
Hauses für uns Hummern fingen und Austern von den Felsen abbrachen.
Unser Besuch beim König hatte ein wesentlich anderes Gepräge, als
wie seiner Zeit in Huheine und Bora-Bora. Nicht nur, daß wir im
Gegensatz zu den dortigen, auf schönen geebneten Plätzen liegenden,
wohnlichen und schmucken Königshäusern hier eine von Gestrüpp umgebene
schmutzige, baufällige Hütte ohne eigentliches Mobiliar fanden, daß
das zusammengeströmte Volk einen unsaubern Eindruck machte und sich
ebenso unbotmäßig wie dreist gegen seine Häuptlinge benahm, auch die
Verhandlungen, an welchen soviel Volk, als die Hütte fassen konnte,
theilnahm, hatten einen ziemlich stürmischen Verlauf und endeten mit der
Androhung von Gewaltmaßregeln von meiner Seite. Die Hauptsache blieb,
daß der Sprecher des Königs öffentlich zugeben mußte, daß sie an dieser
selben Stelle die früher angeführten Mittheilungen über unsere Absichten
und die damit zusammenhängenden Rathschläge erhalten hätten. Nachdem
den Leuten dann noch von mir die nothwendigen Folgen etwaiger thörichter
Gewaltstreiche von ihrer Seite auseinandergesetzt worden waren, ersuchte
der Sprecher den König, alles was wir gesagt, genau zu erwägen und zum
Besten seines Volkes nach unsern Rathschlägen zu handeln.
Aus Rücksicht für die deutschen Handelsinteressen mußte ich auch hier, so
sehr es mir widerstrebte, die Eingeborenen auf das Schiff einladen, und
ich bekam dabei einen ungefähren Begriff von dem tahitischen Volksleben,
da Tahiti und Raiatea sich hierin ziemlich gleich sein sollen, wenngleich
die Tahitier äußerlich einen sehr viel angenehmern Eindruck machen. Schon
gewarnt, unterließ ich jede Aufmunterung zu Tänzen, und als ein solcher
unter der Leitung eines eingeborenen Missionslehrers doch zu Stande kam,
sorgte ich für baldigen Abschluß, da das Gebotene sich so wüst gestaltete
und namentlich das Gebahren des Missionslehrers so ausartete, daß es
unmöglich auf dem Schiff geduldet werden konnte.
Als ein kleines Beispiel, wie weit die Sittenverderbniß hier geht, möge
das Folgende dienen. Als die beiden erwachsenen Töchter des Königs sich in
die untern Schiffsräume begaben, folgte ich, einige Schritte hinter ihnen
gehend, um sie vor etwaigen Zudringlichkeiten meiner Leute zu schützen.
Gleich darauf gesellte sich deren ältester Bruder, welcher etwas Englisch
spricht, zu mir, um mich vor seinen eigenen wüsten Schwestern zu warnen.
Als ich erwiderte, daß ich sie nur schützen wolle, meinte er, daß sie
dessen nicht bedürften, ich aber gut thäte, meine Leute vor ihnen zu
schützen.
Gern hätte ich Raiatea noch denselben Abend verlassen, doch bewog mich
das Pfingstfest, die beiden Feiertage noch zu Anker zu bleiben, um
meinen Leuten während derselben Ruhe zu gönnen, was schließlich auch mir
insofern zugute kam, als ich doch noch mancherlei mir Neues hörte und
sah. In diese Tage fiel auch die Ankunft eines mit Perlschalen beladenen
deutschen Schooners, welcher von den Mangareva- oder Gambier-Inseln kam
und auch eine kleine Schachtel mit Perlen mitbrachte, in welcher jede
Perle in einem kleinen Fach in Watte lag mit einem beigefügten Zettel des
für dieselbe gezahlten Preises. Bei dieser Gelegenheit konnte ich an der
Hand von Thatsachen sehen, welche Vortheile dem deutschen Hause aus der
Uebersiedelung nach Raiatea erwachsen, denn die aus 80 Tonnen Perlschalen
bestehende Ladung hätte in Tahiti neben den hohen Lootsengebühren und
Hafenabgaben einen Durchgangszoll von 2560 Mark tragen müssen, während
das Schiff hier nur eine geringe Hafenabgabe von im ganzen 25 Mark zu
entrichten hatte.
Sehr interessant war es mir, etwas über Perlen und die Perlenfischerei zu
hören.