Nach einem kurzen, die Lebensgeister auffrischenden Frühstück nahmen

wir Abschied von dem von den ersten Sonnenstrahlen beschienenen, ernst

dreinschauenden See Waihiria und seiner großartigen Umgebung und machten

uns gegen 7 Uhr auf den Rückweg, von dem ich nicht viel erzählen will. Die

ganze Gesellschaft hielt jetzt zusammen, auch die Gepäckträger blieben bei

uns. Der Stabsarzt stieg nicht mehr nach jedem Flußübergang von seinem

Pferde ab, sondern blieb bis zum Gasthaus gemächlich im Sattel sitzen.

Der Consul und ich zogen es vor, da unser Schuhzeug dies erlaubte, auf

unsern eigenen Füßen durch den Fluß zu gehen und bedienten uns nur an den

gefährlichern Stellen der Hand unserer Führer. Die kleine Frau, welche

wieder die Führung übernommen hatte, schien sich für verpflichtet zu

halten, die müden Europäer an den lichteren Stellen etwas aufzumuntern,

wenigstens sah sie sich dann immer nach uns um und nickte uns freundlich

zu. In verhältnißmäßig schnellem Schritt wurde der Weg zurückgelegt,

sodaß wir schon gegen 9½ Uhr in dem Gasthaus anlangten. Dort wuschen

wir uns, zogen frische Kleider an, frühstückten, nahmen Abschied von

den reichbeschenkten braven Tahitiern und fanden in den bequemen Wagen

unsere gute Laune wieder, welche an diesem Tage noch nicht zum Durchbruch

gekommen war. Der Rückweg wurde ebenso wie der Hinweg gemacht, und um 5

Uhr abends waren wir wieder auf unserm Schiff.

Um 7 Uhr fand ich mich im Hause unsers Consuls ein, wo bereits die junge

Königin von Tahiti, deren Bekanntschaft ich hier machen sollte, anwesend

war. Sonst war niemand geladen.

Die Königin, welcher nach Bestimmung der französischen Regierung das

Prädicat „Majestät“ zusteht, ist eine stattliche, imponirende Gestalt,

über 1,80 m groß und zählt zur Zeit 18 Lebensjahre. Sie wurde, noch nicht

15 Jahre alt, im Januar 1875 mit dem damaligen Erbprinzen, jetzigen König

von Tahiti, vermählt; doch dürfte diese Verbindung nur eine leere Form

geblieben sein, da der Gemahl, welcher ein wunderlicher Herr zu sein

scheint, sich gleich nach der Trauung auf eine seiner Besitzungen auf das

Land zurückgezogen haben soll, um dort in sehr zweifelhafter Gesellschaft

sein bisheriges Leben fortzusetzen. Er kommt nur zur Stadt, wenn er sich

aus Repräsentationsrücksichten mit der Königin zusammen zeigen muß. Die

letztere bewohnt daher, nur von ihrem weiblichen Hofstaat umgeben, das

Stadtpalais allein. Die Königin hat ihre Erziehung in Sydney genossen,

spricht englisch und französisch, ist ziemlich belesen, gewandt in der

Unterhaltung und scheint eine liebenswürdige Dame von heiterm Gemüth zu

sein.

Der Abend verlief sehr angenehm und fand uns alle in so behaglicher

Stimmung, daß ich auch einigen Stadtklatsch zu hören bekam und dabei

gleichzeitig erfuhr, wie die hiesigen Damen sich für die fehlende Zeitung

Ersatz zu schaffen wissen. Für diese tritt der mündliche Bericht ein,

und die Börse hierfür ist der allmorgendlich stattfindende Markt. Die

Damen schicken ihre eingeborenen Verwandtinnen oder Vertraute dorthin,

alle Begebenheiten von Bedeutung werden ausgetauscht und jede Familie

erfährt beim ersten Frühstück schon, was sich in der Stadt und auf dem

Lande in den letzten 24 Stunden zugetragen hat. Dies geht so weit, daß

mir aus dieser Quelle auch für mich wichtige politische Nachrichten

aus dem Hause des Gouverneurs zuflossen, welche von Einfluß auf meinen

Besuch der Gesellschafts-Inseln wurden. Der Markt soll aus diesem Grunde

das bewegteste Bild in Papeete bieten, und ich bedauerte es sehr, dies

nicht früher gewußt zu haben, weil ich zu einem derartigen Besuch keine

Gelegenheit mehr fand. Ich hatte es mir bei meinen frühern Reisen stets

zum Grundsatz gemacht, den Markt nie zu versäumen, weil man hier immer

Interessantes sieht, hier in Papeete hatte ich aber nichts erwartet.

Ehe wir uns trennten, sprach die Königin noch den Wunsch aus, unser

Schiff zu sehen, machte aber zur Bedingung, daß sie nur als Tante unserer

liebenswürdigen Wirthin empfangen würde, daß ferner der Besuch in die

Abendzeit fallen müsse und über denselben vorher nicht gesprochen werden

dürfe, weil der französische Gouverneur ihr sonst auf irgendeine Weise

die Ausführung dieses Wunsches unmöglich machen würde. Was der Gouverneur

nachher etwa zu sagen beliebte, sei ihr gleichgültig. Da unsere Abreise

für den 1. Juni morgens festgesetzt war, so blieb nur der nächste Abend

zur Verfügung, und ich versprach der Dame, sie 7 Uhr abends mit ihren

Verwandten vom Lande abzuholen.

Der heutige Tag, 31. Mai, gehört den Geschäften.

Wie ich schon angedeutet habe, beabsichtigt die 'Société commerciale de

l’Océanie' ihren Wohnsitz nach der unabhängigen Insel Raiatea zu verlegen,

sowol um den übermäßigen Steuern, Zöllen und Hafenabgaben in Papeete, wie

namentlich den unwürdigen Plackereien durch die französischen Machthaber

zu entgehen. Diese Absicht ist nicht nur den Franzosen, sondern auch

weitern Kreisen bekannt, da mir schon in Panama der Commandant eines

amerikanischen Kriegsschiffs erzählt hatte, daß die bisher auf Tahiti

ansässig gewesenen Deutschen wegen der seitens der Franzosen gegen die

dort lebenden Ausländer getroffenen Maßregeln ihren Wohnsitz nach den

unabhängigen Inseln der Gesellschafts-Gruppe verlegt hätten. Im übrigen

hat das deutsche Haus seine Absicht auch schon zum Theil ausgeführt,

die Waarenlager bereits nach Raiatea verlegt und hofft innerhalb einiger

Monate seine ganze Geschäftsthätigkeit dort concentriren zu können. Die

unter deutscher Flagge zwischen den Inseln fahrenden kleinern Schiffe

löschen und laden bereits auf Raiatea, ebenso laufen die zwischen Hamburg

und hier fahrenden großen Schiffe diesen Hafen und nicht mehr Papeete an.

Erwähnt sei hier noch, daß die Gesellschafts-Inseln, von welchen Raiatea,

Huheine und Bora-Bora (auch Bola-Bola genannt) die bedeutendsten sind

und gesonderte selbständige Staatswesen bilden, in unmittelbarer Nähe

von Tahiti, d. h. nur etwas über 100 Seemeilen davon entfernt, liegen

und die Franzosen früher versucht haben, auch diese in ihre Machtsphäre

einzuschließen. Als sie indeß durch Waffengewalt von Huheine vertrieben

wurden, legte sich England ins Mittel, und es kam dann zwischen England

und Frankreich ein Vertrag zu Stande, welcher den Gesellschafts-Inseln

ihre Unabhängigkeit garantirte.

Die Franzosen brachten nun jedenfalls die Anwesenheit der zufällig

hierhergekommenen „Ariadne“ mit den Maßnahmen des deutschen Hauses in

Zusammenhang und befürchteten zweifellos, daß Deutschland sich in ihrer

unmittelbaren Nähe festsetzen wolle, daß unser Schiff den Auftrag habe,

von den Gesellschafts-Inseln Besitz zu ergreifen. In Papeete konnte

man wenigstens aus jedem Munde hören, daß das deutsche Kriegsschiff zu

diesem Zwecke hierhergekommen sei. Der Gouverneur hielt sich nun wol für

verpflichtet, Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen, welche mich wieder zwangen,

gerade das zu thun, was den Franzosen unbequem war und woran ich vorher

gar nicht hatte denken können, weil ich nur das Streben hatte, möglichst

schnell nach Apia zu kommen und daher auch die Forderung der deutschen

Gesellschaft, zu ihrem Schutze die Gesellschafts-Inseln anzulaufen,

anfänglich abgeschlagen hatte. Als ich aber durch die Marktzeitung

erfuhr, daß das hier stationirende französische Kriegsschiff den Auftrag

erhalten habe, zwei Tage vor meiner bereits bekannten Abreise von Papeete

nach den Gesellschafts-Inseln zu gehen, um die Eingeborenen gegen die

Deutschen aufzuwiegeln und ihnen mitzutheilen, daß in den nächsten Tagen

ein deutsches Kriegsschiff kommen würde, um ihnen ihr Land wegzunehmen,

daß die Franzosen ihnen aber beistehen und im Verein mit England und

Nordamerika die Deutschen wieder vertreiben würden, wurde ich unschlüssig.

Nachdem nun das französische Kriegsschiff gestern wirklich Papeete

verlassen hat und heute von Huheine auch bereits durch ein besonders

abgeschicktes Segelschiff an das deutsche Haus die verbürgte Nachricht

gelangt ist, daß der Franzose dort war und die ganze Insel in Aufruhr sei,

um sich mit Waffengewalt unserm Eindringen zu widersetzen, blieb mir keine

Wahl. Ich mußte nun die Inseln anlaufen, sowol um die böswilligen Gerüchte

zu zerstreuen, wie auch um durch Machtentfaltung die herrschende Aufregung

zu bändigen und die heißblütigen Eingeborenen vor Gewaltthätigkeiten gegen

Deutsche zu bewahren.

Da ferner Herr und Frau G. sich bereit erklärt hatten, die auf acht

Tage veranschlagte Reise als meine Gäste auf der „Ariadne“ mitzumachen,

so konnte ich, da die genannte Dame mit den regierenden Familien nahe

verwandt ist und als tahitische Prinzessin mit dem Titel einer „Prinzessin

der Bienen“ unter den Eingeborenen der ganzen Gruppe ein hohes Ansehen

genießt, dieselbe auch im Stande war, die etwas zweifelhaften Dolmetscher

zu controliren, darauf rechnen, die gestellte Aufgabe in glatter Weise zu

lösen. Schließlich war es mir noch gelungen, den deutschen Capitän eines

kleinen in Papeete liegenden Schiffes, welcher schon seit vielen Jahren

zwischen diesen Inseln fährt, als Lootsen zu erhalten.

Während des Nachmittags wurde auf der „Ariadne“ für den Besuch der

Königin ein Zelt aufgeschlagen und dasselbe mit Flaggen, Laub, sowie allen

verfügbaren Lampen und Laternen decorirt. Nach dem Vorschiff zu blieb es

offen, um unserer Mannschaft auch Gelegenheit zu geben, die Königin von

Tahiti zu sehen.

Abends 7 Uhr, nach Eintritt vollkommener Dunkelheit, wurden die Königin,

Herr und Frau G. nebst deren Gepäck und Diener, da diese Herrschaften

wegen unsers frühen Aufbruchs am nächsten Tage schon diese Nacht an Bord

bleiben sollten, abgeholt. Auf dem Deck waren bequeme Sitzgelegenheiten

geschaffen und die Offiziere hatten, da ich mich um das Arrangement nicht

hatte bekümmern können, für die Bewirthung gesorgt. Die Königin trug die

wenig kleidsame tahitische Nationaltracht, ein langes, faltenreiches,

gürtelloses Gewand von schwerem schwarzen Atlas und einige Blumen im

Haar. Das Kleid wurde vorn durch eine reiche Brillantbrosche, welche ein

Hochzeitsgeschenk des damaligen Präsidenten der französischen Republik

sein soll, geschlossen. Als die Dame, uns alle überragend, in der Mitte

des bunten Zelts im vollen Lichtschein stehend, wohlgefällig Umschau

hielt, um das zu ihren Ehren getroffene Arrangement zu betrachten, war

sie in ihrer einfachen schwarzen schillernden Kleidung eine entschieden

hoheitsvolle Erscheinung.

Es wurden verschiedene Erfrischungen gereicht, die Musik spielte einige

Stücke und gegen 9 Uhr geleitete ich im Verein mit Herrn und Frau G.

die Königin wieder ans Land, wo sie von einigen Dienerinnen und Dienern

erwartet wurde. Herr und Frau G. machten es sich in meiner Kajüte bequem,

während ich ein anderweites Unterkommen für die Zeit gefunden hatte.

Am 1. Juni morgens mit Tagesanbruch verließ unser Schiff Papeete wieder

und zwar hoffentlich auf Nimmerwiedersehen, da das Anlaufen französischer

Häfen für ein deutsches Kriegsschiff sogar in der Südsee eine wenig

angenehme Sache ist.

7.

Die Gesellschafts-Inseln.

Unser Weg führte uns zunächst nach der Insel Morea, auch Eimeo genannt,

wo ich einen nur kurzen Aufenthalt von wenigen Stunden nehmen wollte, um

im Anschluß daran während der Nacht nach Huheine zu laufen.

Wegen der Erregung in den Gemüthern der Eingeborenen von Huheine hielt

ich es für zweckmäßig, nicht abends, sondern erst am nächsten Vormittag

bei guter Zeit dort einzutreffen, und so konnte ich den heutigen Tag gar

nicht besser zubringen, als unter Segel nach Morea zu laufen und es der

Gunst des Windes zu überlassen, wie lange unser Aufenthalt dort währen

solle. Unser Ziel war Taloo-Hafen, von den Franzosen jetzt Papetoaï

genannt, wo bei dem Dorfe Oponu die einzige auf dieser Insel befindliche

und Herrn G. gehörige Plantage liegt. Nebenbei wünschte der Herr auch

meiner Mannschaft einige Tausend Apfelsinen, welche dort gerade geerntet

waren und nach San-Francisco verschifft werden sollten, zu schenken, ein

Geschenk, welches ich gern annahm.

Um 9½ Uhr waren wir vor der Hafeneinfahrt angelangt und hatten von hier

aus einen außerordentlich schönen Blick auf die eigenartig gestaltete

Insel. Die beiden geradlinig und annähernd parallel nach dem Innern

laufenden, mäßig hohen Ufer fallen ziemlich steil nach dem Wasser ab,

sind dicht belaubt und wirken mit ihren tiefen Farbentönen, im Gegensatz

zu dem hellen Hintergrund, wie die Seitencoulissen auf der Bühne. Den

Hintergrund bildet eine im vollen Sonnenschein liegende, sanft ansteigende

und sich weit nach rückwärts erstreckende Ebene, welche durch eine

hellgrau schimmernde und heiß flimmernde, 900 m hohe, felsige Gebirgswand

von merkwürdig zerrissenen und gekünstelten Linien begrenzt wird. Am Fuße

dieser Wand liegt links das Dorf Opuno, in der Mitte vor seinem Anker ein

großes Segelschiff mit der deutschen Flagge an der Gaffel, und zur Rechten

sieht man die Plantage mit ihren Gebäuden.

Als wir unter Dampf in dieses Bühnenbild hineinfuhren, hatte ich die

Empfindung, als ob ich mich nach den Zuschauern unserer Gastvorstellung

umsehen müsse.

Kurz nach 10 Uhr vormittags kamen wir zu Anker und setzten 5 Uhr abends

unsere Reise weiter fort.

Morea gehört zu dem tahitischen Königreich und steht somit ebenfalls

unter französischem Protectorat, obgleich seitens der Franzosen zur

Zeit keinerlei Controle über die Insel ausgeübt wird, welche wegen ihres

vorherrschend steinigen Bodens wol auch nie besondere Bedeutung erlangen

wird. Sie liefert vorläufig nur Orangen und soll reich an verwilderten

Rindern und Ziegen sein, deren Jagd aber nicht als lohnend betrachtet

wird, weil die Thiere nur auf kaum gangbaren Pfaden zu erreichen sind und

ihnen nur mit der Kugel beizukommen ist. Daneben gilt es als unmöglich,

das erlegte Wild auf den Felsenpfaden bis zu den Wohnstätten der Menschen

zu schaffen, und es muß daher da liegen bleiben, wo es gefallen ist. Da

ferner die Rinder in der Regel auch selbst zum Angriff vorgehen sollen

und namentlich die heerdenlosen Stiere sehr gefürchtet werden, so kann

diese Jagd nur als ein Sport betrachtet werden, welchem in frühern Zeiten

wol englische Marineoffiziere gehuldigt haben sollen, zu welchem sich in

neuerer Zeit aber keine Jünger mehr gefunden haben.

Unser Aufenthalt am Lande beschränkte sich darauf, die Plantage zu

begehen, die Unmassen der ein großes Schiff füllenden Orangen anzustaunen,

im Schatten der Veranda des Wohnhauses zu ruhen und dabei das schöne

Landschaftsbild zu genießen.

Am 2. Juni morgens langten wir vor Huheine an, ankerten im Laufe des

Vormittags im Owharre-Hafen und zwar so dicht unter Land, daß das Schiff

außerdem auch noch mit Tauen an Bäumen festgebunden werden konnte. Der

Hafen ist zu eng, um großen Schiffen ein freies Schwingen um ihren Anker

zu gestatten, man muß sich daher auf die angegebene Weise helfen.

Auf dem zwischen dem Ufer des Hafens und dem Königshaus liegenden

großen freien Platz lagerten so große Menschenmassen, Männer, Frauen und

Kinder, daß die gesammte Bevölkerung der Insel hier zusammengeströmt zu

sein schien, wie es auch thatsächlich der Fall war. Ein von Frau G. an

die Königin geschriebener Brief, in welchem die Dame unsern Besuch zum

nächsten Vormittag anmeldete, wurde gleich an Land geschickt; die umgebend

erfolgende Antwort lautete, daß wir zu der von mir in Vorschlag gebrachten

Stunde, 9 Uhr vormittags, erwartet werden würden.

Da ich es nicht für angezeigt hielt, vor diesem Besuch schon eine

Verbindung mit dem Lande herzustellen, benutzte ich den heutigen

Nachmittag zu einer Bootsfahrt. Wir umsegelten innerhalb des Korallenriffs

einen großen Theil der Insel und bekamen landschaftlich viel Schönes zu

sehen. Die von uns befahrene Wasserfläche wird nach der See hin begrenzt

durch das Korallenriff, nach der andern Seite durch die Insel, welche

ähnlich wie Tahiti nur an der Küste einen mehr oder minder breiten Gürtel

fruchtbaren Landes hat und deren Kern als 700 m hoher nackter Fels in

diesem grünen Rahmen steht. Die Ansiedelungen der Eingeborenen, welche in

der Regel unter schattigen Bäumen am Fuße des Berges liegen und freien

Ausblick über das vor ihnen liegende bebaute Land und über das ruhige

Wasser innerhalb des Riffs hinweg auf die offene See und die Insel Raiatea

haben, machen einen außerordentlich behaglichen, friedlichen Eindruck,

welcher durch die Abwesenheit alles menschlichen Lebens, denn alle Hütten

sind zur Zeit verlassen, allerdings etwas abgeschwächt wird.

An einer besonders einladenden Stelle, wo an einer kleinen Einbuchtung

dicht am Strande, unter hohen schattigen Bäumen, ein besseres Haus mit

gepflegtem Garten stand, legten wir an einer kleinen Brücke an, um den

dort wohnenden und meinen Gästen näher bekannten Häuptling zu besuchen.

Doch auch dieses Haus war verlassen. Wir erfrischten uns an einigen

Apfelsinen und Bananen, setzten dann unsere Fahrt fort und dehnten

dieselbe bis zu einer bis unter den Meeresspiegel reichenden Einsenkung

aus, welche Huheine eigentlich zu zwei Inseln macht, obgleich die

auf diese Weise gebildete Wasserrinne nur sehr schmal ist und eine so

geringe Tiefe hat, daß sie nur bei Hochwasser befahren werden kann. Vor

Sonnenuntergang waren wir wieder an Bord und bereuten nicht, den schönen,

genußreichen und erfrischenden Ausflug gemacht zu haben.

Am Morgen des 3. Juni hatte ich der Königin durch unsere Musik ein

Ständchen bringen lassen, und um 9 Uhr vormittags fand in ihrem Hause

die verabredete Zusammenkunft statt. Unser Weg dahin führte uns durch das

ganze Volk von Huheine, welches hier versammelt uns mit theils drohenden,

theils besorgten Mienen musterte.

Bei der Königin befanden sich ihr ältester Sohn, dessen Frau und die

den Staatsrath bildenden vornehmsten Häuptlinge. Die Königin, eine

ältere Frau, trug ein Waschkleid nach tahitischem Schnitt und einen

breitberandeten italienischen Strohhut mit flatterndem grünseidenen Band;

ihre Schwiegertochter war ebenso gekleidet, doch ohne Hut; der Sohn und

Thronfolger sowie die Häuptlinge waren in Hosen und Hemden. Die Damen

hatten Schuhe an, die Herren waren barfuß.

Unser Empfang war ein sehr kühler, alle Gesichter drückten ernste

Sorge aus. Der von uns mitgebrachte Dolmetscher, Sohn eines englischen

Missionars, übersetzte meine Ansprache, in welcher ich sagte, daß ich

gekommen sei, um der Königin meinen Besuch zu machen, und daß das Schiff

die Aufgabe habe, die freundschaftlichen Beziehungen, welche zwischen den

Deutschen und der Regierung des Landes bisher bestanden hätten, nicht nur

fernerhin zu unterhalten, sondern auch noch fester zu knüpfen, aber auch

die Interessen der erstern wahrzunehmen, wenn dies nothwendig sein sollte.

Der Sprecher der Königin dankte darauf für den ihr gewordenen Besuch

und für die Vertrauen erweckenden Worte, betonte dann aber, daß das

Volk von Huheine voller Sorge sei, weil sie von Papeete die bestimmte

Nachricht erhalten hätten, daß wir diese Inselgruppe mit Gewalt zu nehmen

beabsichtigten. Meine Antwort konnte nur dahin lauten, daß Deutschland

vorab nicht an die Erwerbung von Colonien dächte, aber auch nicht wünschen

könne, die noch unabhängigen Inseln sich in Colonien anderer europäischer

Staaten umwandeln zu sehen, und daher nur als Beschützer solcher

Inselgruppen betrachtet werden könne, wie ihnen das Beispiel Tongas zeige,

mit welchem das Deutsche Reich einen Freundschaftsvertrag abgeschlossen

habe, wodurch das kleine Inselland vor fremder Willkür gesichert sei.

Solange daher die deutschen Unterthanen auf den unabhängigen Inseln unter

dem Schutz der Landesgesetze sicher leben und Handel treiben könnten,

müßten die deutschen Kriegsschiffe immer als die Freunde des Landes

angesehen werden, denn ihre Aufgabe sei nur, deutsches Leben und Eigenthum

zu schützen.

Nach diesen Worten und einigen ergänzenden freundlichen Bemerkungen der

Frau G. an die Königin änderte sich die Scene urplötzlich. Sichtliche

Freude strahlte auf allen Gesichtern und der Sprecher hielt eine freudig

bewegte Ansprache, worin er erklärte, daß nunmehr die Sorgen von ihnen

genommen seien, und wie groß diese gewesen wären, könnten wir daraus

ersehen, daß sie alle die drei letzten Nächte schlaflos zugebracht

hätten und das ganze Volk während dieser Zeit um seine Königin geschart

gewesen sei. Dann trat der Sprecher in die offene Thüre auf die Veranda

des Hauses und hielt eine längere Ansprache an das Volk, nach deren

Schluß die Leute wegeilten und bald darauf reich beladen mit Geschenken,

welche in Schweinen und Früchten bestanden, zurückkehrten und diese vor

mir niederlegten. Als die Geschenke in unsere Boote gebracht waren, um

meiner Mannschaft mit ihnen einen guten Tag zu machen, lud Frau G. in

meinem Namen die Königin mit ihrer Familie, die Häuptlinge und das ganze

Volk zum Nachmittag auf unser Schiff ein. Die Einladung wurde mit großer

Freude angenommen, und der Nachmittag gestaltete sich zu einem wahren

Volksfeste, da alles, was kommen konnte, auch zu uns kam, Jung und Alt,

Männer, Frauen und Kinder. Die Vornehmern wurden in meiner Kajüte mit

Schaumwein, Fruchtsäften, Kuchen und Marmeladen bewirthet, das Volk in

der Offiziermesse mit Punschbowle. Unsere Musik wechselte ab mit den

Gesängen und Tänzen der Eingeborenen, Freude und Lust beherrschten das

Fest und jede Furcht der Eingeborenen war verschwunden, als sie um 5 Uhr

sehr befriedigt das Schiff wieder verließen.

Die Königin, ihre Familienmitglieder und die Häuptlinge wurden von Herrn

und Frau G. noch mit Kleiderstoffen beschenkt, worauf die Königin in

ihrem Freudenrausch auch noch bat, mit Frau G. die Hüte austauschen zu

dürfen, wodurch ich in den Besitz des königlichen Hutes kam, da Frau G.

mir denselben als Andenken verehrte. Wie sich später zeigen wird, war mir

derselbe aber nicht lange beschieden. Bei den Gesängen der Eingeborenen

hatte ich gehofft, etwas Aehnliches zu hören wie am See Waihiria auf

Tahiti, aber ich täuschte mich, wenngleich der Gesang auch gut geschult

und melodiös war. Von dem Tanz läßt sich auch nicht viel sagen. Die

Darsteller waren Frauen, welche einzeln sich zeigten und ohne Grazie

jähe Bewegungen mit dem Mittelkörper machten. Ich vermuthe, daß diese

Schaustellungen einen etwas wüsten Charakter angenommen hätten, wenn nicht

die Königin, welche ein strenges Regiment führen soll, zugegen gewesen

wäre.

Am 4. Juni verließen wir mit Tagesanbruch Huheine wieder und gedachten

im Laufe des Vormittags in dem Hafen Otea-Vanua auf Bora-Bora ankern zu

können. Doch der Wind war wieder einmal anderer Ansicht wie wir, wehte

fest aus Südwest statt aus Südost, und entwickelte sich zu einem mäßigen

Sturm mit hohem Seegang. So kamen wir unter Dampf nur langsam vorwärts.

Schon vom Morgen an lag die nur noch 36 Seemeilen von uns entfernte Insel

Bora-Bora scheinbar nahe vor uns, ein 700 m hoher, dräuender, mächtiger

Felsblock auf sonst niedrigem, größtentheils üppig belaubten Unterlande,

und doch wurde es 3 Uhr nachmittags, ehe wir zum Hafeneingang, und 4 Uhr,

bis wir zu Anker kamen. Als wir endlich die Nordspitze der rundum von

einem Korallenriff umgebenen Insel, welches abweichend von der sonstigen

Regel ziemlich hoch über Wasser liegt und größtentheils mit Kokospalmen

bestanden ist, umschifft hatten und dicht an der Küste entlang südlich

nach dem Hafeneingang steuerten, bot sich dem Auge wieder ein wunderbares

Bild der merkwürdigsten Contraste.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 19 / 56 段