Flußübergang in stets wechselnden, immer schöneren Bildern zeigt, und
beschienen von der heißen Sonne, welche uns hier nicht lästig wird,
sondern durch unsere nassen Kleider hindurch höchst wohlthuend unsere
Körper wieder aufwärmt, werden wir durch das schöne Bergwasser getragen.
Die am Oberkörper nackten, braunen Eingeborenen gehen vorsichtig durch
das Wasser und wenden kein Auge von dem Flußbett, um die besten Steine
zum Auftreten zu benutzen, finden dabei aber doch Zeit miteinander zu
sprechen und zu lachen. Auf den braunen Gestalten hängen und hocken
die weiß gekleideten Europäer, welche theilweise die schöne Umgebung
betrachten, theilweise mit Vergnügen das unter ihnen eilig laufende
Wasser beobachten, das sich bald zwischen großen Steinen durchzwängt,
bald über andere hinwegschießt oder aber ruhig über ebeneres Steingeröll
fließt. Alle erfreuen sich daran, wie sicher unsere Träger mit ihrer
schweren Last in dem nur aus ganz unregelmäßig geschichteten, großen,
platten Steinen bestehenden Flußbett von Stein zu Stein vorschreiten.
Einzelne allerdings sehen zeitweise auch ängstlich in das Wasser, weil
sie an den schwierigeren Passagen erwarten, mitsammt ihrem Träger ein
unfreiwilliges Bad zu nehmen, und lassen geduldig die Neckereien ihrer
Kameraden über sich ergehen. Wol ist gelegentlich der eine oder andere
mit seinem Träger nahe am Fallen, aber nur dann, wenn er unbedacht seine
Arme um dessen Hals geschlungen hat und ihn dann halb erwürgt, anstatt
sich mit den Händen an den Schultern oder an der Stirn des Mannes zu
halten, doch wird das Unglück jedesmal noch rechtzeitig verhütet. Die
Träger benutzen ihren Stock nur an den Stromschnellen; wird das Wasser zu
tief, dann werfen sie uns wie einen Federball höher auf ihre Schultern
hinauf, um uns trocken zu erhalten. Selten setzen sie uns, obgleich
einige ganz gewichtige Herren unter uns sind, gleich am jenseitigen Ufer
ab, sondern bringen uns im Trabe die gewöhnlich steile Böschung hinauf,
allerdings nur ein kurzes Stück Weg, aber ein solches, welches wir auf
dem schlüpfrigen Boden in unsern Schuhen nur mit Hülfe eines Stockes
zurücklegen könnten. Ist der nächste Uebergang nur 10-20 Schritte von
unserm letzten Landeplatz entfernt, dann behalten sie uns gleich auf ihren
Rücken und nun entwickelt sich unter lautem Hallo ein Wettlaufen. Nicht
lange dauert es, so kommt allerdings die Nachricht, daß der Stabsarzt, ein
besonders großer und schwerer Herr, mit seinem Träger zusammengebrochen
sei, und er erhält nun das vorsorglicherweise mitgenommene Pferd. Er will
aber auch durchaus nichts vor uns voraus haben und benutzt das Thier nur
an den Flußübergängen, wodurch er schließlich durch das häufige Auf- und
Absteigen noch lahmer wurde als wir andern.
An einer geeigneten Stelle machen sich einige Eingeborene die Gelegenheit
zu Nutze und fangen mit kleinen Handnetzen in kurzer Zeit zwei große Körbe
voll der früher genannten vortrefflichen Süßwasser-Schrimse, wasserhelle,
fast durchsichtige Thiere, welche später gekocht uns noch gute Dienste
thaten.
Wir wurden immer steifer und stiller, sprangen bald schon nicht
mehr auf die Rücken unserer Träger, sondern krochen langsam auf die
niedergeduckten, gutmüthigen Leute hinauf, welche immer eifriger und
lustiger wurden. Als wir nach zwei Stunden Flußweg, im ganzen also nach
drei Stunden, endlich an einer steilen Wand ankamen, welche wir mit
eigenen Kräften zu erklettern hatten, waren wir ganz still, unsere Träger
dagegen außerordentlich laut und befriedigt.
Hier ist auf einer kleinen Anhöhe der Platz, wo diejenigen Besucher des
Sees in der Regel übernachten, welche die Partie zu Pferde machen und in
solchem Fall erst nachmittags von der Küste aufbrechen. Sie gehen dann am
nächsten Morgen mit dem ersten Tagesgrauen unter Zurücklassung der Pferde
zum See und reiten nachmittags wieder zurück.
Wir machen zunächst eine kurze Rast, um die etwas auseinander gekommene
Gesellschaft sich wieder sammeln zu lassen, betrachten noch einmal
die vor uns liegende etwa 200 m hohe Wand, welche in einem Winkel von
60-70° zur Ebene steht, mithin uns ziemlich senkrecht erscheint, reiben
mit den Händen unsere zerschlagenen steifen Beine und dann geht es
weiter, hinauf auf die Wand, nachdem ein Eingeborener angewiesen war,
mit dem Pferd hier unsere Rückkunft zu erwarten. Unser Weg ist in der
untern Hälfte das trockene Felsenbett eines Gebirgsbaches und in der
obern das eines Wasserfalles, welcher bei lang anhaltendem Regen hier
herniederstürzt. Diesem Umstand ist es wol auch zuzuschreiben, daß wir
überall ausgewaschene Stellen finden, wo wir festen Fuß fassen können,
und daß hier kein Steingeröll vorhanden ist, sondern die vorspringenden
Steine alle mit dem Felsenkern verwachsen sind und somit zuverlässige
Stütz- und Haltepunkte bieten. Die untere Hälfte können wir noch mit Hülfe
eines Stockes langsam ersteigen, stillen an den reifen Früchten eines auf
halber Höhe in einer seitlichen Einbuchtung stehenden großen Orangenbaumes
unsern Durst und dann müssen wir mit Händen und Füßen mühsam von Stein zu
Stein klettern.
Endlich nach dreiviertel Stunde sind die ersten von uns oben, wir
erblicken aber noch nicht den See, sondern finden zu unserer Enttäuschung
vor uns einen mit wilden Bananen dicht bestandenen kleinen Bergrücken.
Auch dieser wird erstiegen und wir finden einen ebensolchen zweiten,
auf dessen Höhe wir, als ob die Bananen gar kein Ende nehmen wollten,
noch einen dritten vor uns sehen. Doch hören wir hier wenigstens schon
die Antwort der bereits am See befindlichen Gepäckträger auf die Zurufe
unserer Führer. Endlich auf der Höhe des dritten Rückens treten wir aus
den nassen Bananen heraus und unter uns liegt der schöne, von hohen
stolzen Berggipfeln umgebene Alpensee. Noch hundert Schritte und wir
können uns in einer von den Gepäckträgern bereits errichteten Hütte auf
dem trockenen Grase ausstrecken, nachdem ich mir vorher aus meinem mit
heraufgenommenen kleinen Koffer trockene Wäsche und Kleider angezogen
hatte. Hier im Schatten ruht es sich gut nach einem mehr als vierstündigen
anstrengenden Wege, dessen größte Strapaze das Getragenwerden war, weil
man, ganz abgesehen von dem Auf- und Absteigen auch noch, um den Trägern
die Arme frei zu lassen, sich stets mit Schenkeldruck an ihre Rücken hatte
anklammern müssen. Die 10 m lange und 3 m tiefe Hütte ist aus Bambusstäben
aufgebaut und oben, zu beiden Seiten, sowie an der Rückwand gegen Regen
und Sonne mit Bananenblättern sicher eingedeckt, die ganze Langseite nach
dem See zu ist offen.
Wir befinden uns an der einen Schmalseite des 1000 m langen und 600 m
breiten Sees. Das klare hellgrüne Wasser ist spiegelglatt und wirft aus
seiner Tiefe das Spiegelbild der den See umgebenden Berge zurück. Diese
sind hoch und niedrig, die hohen kahl, die niedrigen grün bewachsen;
einer tritt als steiles Cap in den See vor, die andern liegen mehr oder
weniger weit zurück und die Ufer sind hier mit hohem Gras und dichtem Laub
bestanden. Ein Ausfluß des in der Mitte 30 m tiefen Sees, in welchen sich
viele Gebirgsbäche ergießen, ist nirgends zu sehen, doch soll ein solcher
und zwar ein unterirdischer nicht weit von unserm Lagerplatz vorhanden
sein, weil die in den See geworfenen Schwimmkörper dort sich alle sammeln
und in die Tiefe gezogen werden sollen, um von einem kräftigen Quell,
welcher an der Küste in der Nähe unsers Gasthauses aus einer Felswand
hervorsprudelt, wieder ausgestoßen zu werden, wie man an gezeichneten
Gegenständen sicher wahrgenommen hat. Es ist mir auch gesagt worden, wie
lange die Reise eines solchen Gegenstandes dauern soll, doch habe ich dies
leider wieder vergessen.
Als ich die Absicht aussprach, in einer Stunde den Rückweg antreten zu
wollen, um einer Einladung des Consuls und seiner Gattin zum nächsten
Abend in Papeete sicher entsprechen zu können, stieß ich auf entschiedenen
Widerspruch. Die anwesenden Herren, mit Ausnahme des Consuls und eines
jungen Offiziers, erklärten dies für ein Ding der Unmöglichkeit, weil
sie nicht im Stande seien, heute auch nur einen Schritt noch zu gehen.
Der eine Stunde später eintreffende Rest unserer Gesellschaft behauptete
natürlich erst recht, vollständig fertig und unfähig zu weiterm Marschiren
zu sein. Als der Consul dann auch noch zugab, daß wir wol rechtzeitig in
Papeete würden eintreffen können, wenn wir am nächsten Tage mit dem ersten
Morgengrauen aufbrächen, er auch versprach, für alle Fälle einen Boten mit
der Nachricht zur Stadt schicken zu wollen, daß wir uns vielleicht etwas
verspäten würden, fügte ich mich, um kein Spielverderber zu sein.
Nun blieb aber noch die große Frage, wie Proviant heraufbekommen? Nach
dem ursprünglichen Programm sollten wir um 5 Uhr abends wieder in dem
Gasthaus sein, um dort das für uns arrangirte tahitische Nationalmahl, auf
welches wir nunmehr verzichten mußten, einzunehmen; unsere mitgebrachten
Provisionen waren daher nur für ein zweites Frühstück berechnet,
welches nach den hinter uns liegenden Anstrengungen vielleicht nicht
einmal für diesen Zweck ganz genügte. Während der Verhandlungen war es
inzwischen auch schon 1 Uhr geworden und dunkel wurde es schon um 5½
Uhr; bei Dunkelheit war aber der Weg schlechterdings nicht zu machen.
Die abzusendenden Leute hätten daher in 4½ Stunden denjenigen Weg hin
und zurück machen müssen, zu welchem die schnellsten von uns auf dem
Hinweg allein 4 Stunden gebraucht hatten, und dies schien auch unter
Berücksichtigung des Umstandes, daß die Eingeborenen den directen
Weg im Flußbett wählen würden, unmöglich. Trotzdem wurde der Versuch
gemacht, nachdem die Tahitier es als wahrscheinlich erklärt hatten,
rechtzeitig wieder oben sein zu können. Es hatten sich schnell zehn
Leute zusammengefunden, welche frischen Muthes in fröhlicher Stimmung den
beschwerlichen Weg antraten, nachdem einem von ihnen die erforderlichen
Instructionen für den Gastwirth mitgetheilt worden waren, denn zum
Schreiben hatten wir nichts.
Unser Lagerplatz hatte inzwischen ein etwas buntes Ansehen erhalten.
Unsere Herren hatten bei ihrer Ankunft natürlich nichts Eiligeres zu thun,
als sich ihrer zusammengeschrumpften Stiefel und nassen Oberkleider zu
entledigen, und saßen nun, da sie keine Wäsche zum Wechseln mitgebracht
hatten, trübselig in der Sonne, um sich selbst und ihre um sie herum
liegenden Sachen trocknen zu lassen. Doch bald brachten die bei uns
zurückgebliebenen Eingeborenen wieder Leben in die Gesellschaft, indem
sie das ausgepackte Frühstück herantrugen, welches durch geröstete
Yam, Brotfrucht und die am Morgen im Fluß gefangenen Krebse, welche die
kleine Frau vortrefflich gekocht hatte, noch vervollständigt worden war.
Inzwischen waren die Nachzügler von uns auch aufgetrocknet, wir gruppirten
uns in der leichtesten Kleidung und barfüßig in der kühlen Hütte, Essen
und Getränke schmeckten vorzüglich, und so war es natürlich, daß die ganze
Gesellschaft sich sehr schnell wieder in der allerbesten Laune befand,
zumal sich bei dem Gepäck auch trockene Cigarren vorgefunden hatten.
Nach dem Essen wurde geruht, d. h. geschlafen, denn erst um 3 Uhr wurde
es in der Hütte wieder munter. Das erste allgemeine Bedürfniß war nun,
ein Bad in dem schönen See zu nehmen, der Consul dachte aber vorher noch
an das Praktische und veranlaßte einige Eingeborene auf den Fischfang zu
gehen, damit wir doch für den wahrscheinlichern Fall, daß die abgesandten
Leute nicht mehr denselben Abend zu uns zurückkehren würden, wenigstens
etwas zu essen hätten. Vier Eingeborene kamen mit den Angelhaken, um
sich ein Stück Fleisch als Köder zu holen, und ich war überrascht Haken
zu sehen, welche eine Eisenstärke von etwa 8 mm und eine Spannweite
von 5-6 cm hatten und von welchen die Eingeborenen behaupteten, daß sie
eigentlich noch zu schwach seien. Dann band jeder sich ein kleines Floß
aus Bambusstäben zusammen und kurze Zeit darauf sahen wir die Männer mit
diesen unter gegenseitigem jauchzenden Zuruf über den See schwimmen. Sie
mußten nach einer etwa 500 m von uns entfernt liegenden Stelle, wo ein
größerer Gebirgsbach in den See mündet, hin und nahmen trotz ihrer großen
Leistungsfähigkeit im Schwimmen die Flöße mit, weil das Wasser für die
Eingeborenen etwas zu kalt ist und dies zuweilen die Ursache sein soll,
daß ihnen während des Schwimmens die Glieder erstarren und dann das Floß
sie tragen muß. Es ist daher Regel, daß kein Eingeborener in diesem See
größere Strecken ohne Floß durchschwimmt.
Unser Bad war nicht so schön, wie wir es uns gedacht hatten, denn da das
Wasser am Ufer ziemlich seicht ist, so mußten wir in demselben erst eine
Strecke gehen, ehe wir genügende Tiefe zum Schwimmen fanden, und das
war kein Vergnügen. Sobald wir das feste Ufer verlassen hatten, sanken
wir bis zu den halben Knien in den weichen Schlamm ein und machten uns
dadurch auch noch das Wasser trübe. Hinein ging es wol noch, aber beim
Herauskommen sahen wir aus, als ob wir ein Schlammbad genommen hätten, und
es kostete uns viel Mühe, mit Gläsern und Flaschen so viel reines Wasser
herbeizuschaffen, um uns wieder rein waschen zu können. So kamen wir
nicht zu dem Genuß, welchen uns das Bad in dem frischkühlen Wasser sonst
bereitet hätte. Bei dieser Gelegenheit machten wir auch die Entdeckung,
daß die Innenseiten unserer Beine von dem scharfen Anklammern an die
Rücken unserer Träger braun und blau geworden waren, und hatten damit die
Erklärung gefunden für die Schmerzen, welche wir empfanden.
Um 5 Uhr kamen unsere Fischer zurück und brachten einen mächtigen Aal
mit. Zwei Angelhaken waren, wie die Leute es vorher befürchtet hatten,
von den Thieren abgebrochen worden. Das mitgebrachte Exemplar, von
schwärzlicher Farbe auf dem Rücken und weißlich-grüner auf dem Bauch,
mit zwei großen Ohren am Kopfe, war 1½ m lang und etwa 15 cm dick, hatte
mithin einen Umfang von über 40 cm. Da dieser Fang voraussichtlich das
Einzige blieb, aus welchem unsere Hauptmahlzeit hergestellt werden sollte,
so interessirten wir uns auch für dessen Zubereitung. Wenige Schritte
von unserer Hütte, auf dem Lagerplatz der Eingeborenen, brannte bereits
seit einiger Zeit ein großes Feuer, und beim Herantreten sahen wir in der
Glut einen kleinen Haufen größerer Steine, welche auf diese Weise erhitzt
wurden. Dann wurden die brennenden Holzscheite zur Seite geworfen, die
heißen Steine mit nassem frischen Laub vorsichtig gereinigt und hierauf
wieder so zusammengeschichtet, daß in der Mitte ein Loch blieb. In dieses
wurde der in Stücke geschnittene Aal, nachdem jedes Stück von vielleicht
½ kg Gewicht in den Theil eines Bananenblattes eingewickelt worden war,
hineingelegt und dann das Loch oben mit dem Rest der Steine zugedeckt.
Dies ist übrigens die Art, wie die Eingeborenen alles kochen. Für das
Garwerden beanspruchte die kleine Frau eine Stunde, und so zogen wir uns
mit knurrendem Magen wieder in unsere Hütte zurück, wenig erbaut von der
Aussicht, wegen Mangel an Licht schon um 6 Uhr ziemlich hungerig schlafen
gehen zu müssen, denn ein ausgeschickter Kundschafter war um 5½ Uhr mit
der Nachricht zurückgekommen, daß von den abgesandten Leuten noch nichts
zu sehen sei.
Die Sonne ging unter, der Mond stand weder am Himmel, noch war er zu
erwarten, die Schatten der Nacht legten sich über die Berge und auf
den See, dunkle Wolken umsponnen die Berggipfel und senkten sich, immer
dichter werdend, fast bis auf den See hinab. Kein Laut rings um uns herum
und kein anderes für das Auge wahrnehmbare Leben, als ein großes Feuer,
welches seine schwarzen Rauchwolken nach oben sandte und die in seiner
Nähe gelagerten Eingeborenen, wie einen kleinen Theil des Sees und unsere
nächste Umgebung geisterhaft beleuchtete. Es war 6 Uhr geworden, keine
Aussicht auf eine ausreichende Mahlzeit und auf die nothwendigen Decken,
deren wir dringend bedurften, um unsere nur sehr leicht bekleideten Körper
gegen die rauhe Nachtluft zu schützen. Die Eingeborenen machten sich
schon daran, unser frugales Mahl aus dem Ofen hervorzuholen, da klingt
ein heller Ruf an unser Ohr, welchen jene aus voller Kehle erwidern und
der von uns mit einem kräftigen Hurrah -- es mögen auch mehrere gewesen
sein -- beantwortet wird. Wie lebendig war auf einmal die versteinerte
Gesellschaft geworden und welcher Jubel brach erst aus, als eine
Viertelstunde später die braven Tahitier mit schweren Proviantkörben und
Weinkisten, mit Bettzeug und Windlichtern wohlbehalten bei uns anlangten.
Nicht einmal mein kleines Kopfkissen hatten sie vergessen, ohne welches
ich mit meinen verschiedenen Schädelbruchnarben wahrscheinlich eine
schlaflose Nacht verbracht hätte.
Es war dies eine erstaunliche Leistung von den Leuten, wenn man bedenkt,
daß sie denselben Weg, zu welchem wir 4-5 Stunden gebraucht hatten, in
ebenfalls 5 Stunden, und zwar schwer beladen hin und her zurückgelegt
hatten, und das, nachdem sie vorher schon den Weg, welcher uns vollständig
niederwarf, als Gepäck- oder unsere Träger mit uns gemacht und dazwischen
wol kaum eine Ruhepause gefunden hatten. Ich würde es für unmöglich
gehalten haben, wenn die zurückgekehrten Leute nicht sämmtlich als zu
unserer Partie gehörig recognoscirt worden wären.
Was nun folgte, war wahrhaft herzerquickend für uns. Erst wurden die
Windlichter in Ordnung gebracht und angesteckt und dann ging es ans
Auspacken: Schüsseln, Teller, Gläser, Messer und Gabeln, Servietten; ein
feister Hammelrücken, ein Roastbeef, gebratene Tauben und Hühner, Hummer,
gekochte Eier, Brot, gemahlener Kaffee, condensirte Milch und Früchte;
Sherry, Portwein, leichter Roth- und Moselwein, sowie einige Flaschen
Champagner, welche in dem auch mitgekommenen Eis gleich kalt gestellt
wurden.
Trotz unserer steifen Glieder halfen wir alle an der Herrichtung unserer
Tafel und begannen das Mahl mit dem Aal, dessen Stücke uns auf frischen
Bananenblättern gebracht wurden. Das Fleisch war außerordentlich
wohlschmeckend und zart, nur für unsere Gaumen etwas zu fett, sodaß wir in
Ansehung der Genüsse, welche uns noch bevorstanden, gern auf den größern
Theil zu Gunsten der Eingeborenen verzichteten.
Wie schon den ganzen Tag über unsere Stimmung auf- und abwogte zwischen
himmelhoch jauchzend und zum Tode betrübt, so waren wir jetzt wieder auf
dem Gipfelpunkt froher Stimmung angelangt. Gesättigt läßt es sich schon
des Nachts am See Waihiria aushalten, namentlich wenn die Reste unsers
Mahles ausreichen, auch noch den ganzen Troß zu sättigen und in frohe
Stimmung zu versetzen.
Wir liegen in und vor der Hütte behaglich ausgestreckt mit einer guten
Cigarre und einem Glas kalten Champagner, all die Fährlichkeiten des
verflossenen Tages erörternd und belachend. Die Eingeborenen sitzen um
ein großes Feuer und sind ebenfalls in bester Stimmung. Vor uns und um
uns ist alles in Nacht gehüllt und zwischen den auf den Bergen lagernden
Wolken steht ein Stück des wolkenlosen dunkeln Himmelsdomes mit seinen
flimmernden Sternen, deren Spiegelbilder aus dem vor uns liegenden
schwarzen See herausstrahlen und woran wir dessen Wasserfläche zu erkennen
vermögen. Der Consul verlangt von den Eingeborenen ein Lied, welches sie
anfänglich verweigern wollen, weil ihnen die nothwendigen Frauenstimmen
fehlten, doch lassen sie sich unter dem Hinweis, daß doch wenigstens eine
Frau unter ihnen sei, schließlich erweichen und in die Nacht erschallt ein
gewaltiger Gesang, ein geistliches Lied so weihe- und stimmungsvoll, ein
Gesang von so packender Wirkung in der eigenartigen Umgebung, wie ich noch
keinen gehört hatte. Es war ein wunderbares Orchester aus menschlichen
Stimmen, jede Stimme sang ihre eigenen Töne und alle vermischten sich zu
einem vollendeten Ganzen, welches ich nur mit dem Klang einer mächtigen
Orgel, deren sämmtliche Register geöffnet sind, vergleichen kann. Der
Gesang verhallt, und erst nach einer Weile finden wir uns zu rauschendem
Beifall zusammen. Ein zweites Lied wird verlangt und gewährt. Schon die
ersten Töne kommen uns so bekannt vor, und bald hat einer von uns die
richtigen Worte für den Refrain gefunden, in welchen wir alle jubelnd
einstimmen: „Vive la, vive la, vive la va! vive la, vive la, hopsasa!
vive la Compagneia!“ Die gehobene Stimmung war dahin, die Eingeborenen
stutzten einen Augenblick und unter allgemeinem Lachen wurde dann das Lied
in dem von uns angegebenen schnellern Tempo beendet. Der Consul fragte
danach ganz erstaunt, woher wir die tahitische Nationalhymne kennten.
Nun kam es heraus! Ein hoher Herr, welcher vor einigen Jahren hier war,
soll den Tahitiern dieses alte deutsche Studentenlied als Nationalhymne
geschenkt haben und die Eingeborenen haben sich dann einen passenden Text
zu der Composition gemacht. Wahr ist jedenfalls, daß dieses Lied auch
von den Franzosen als tahitische Nationalhymne anerkannt wird, denn wir
hörten es nachher allabendlich sowol in Papeete wie in Raiatea von einem
französischen Kriegsschiff als Zapfenstreich blasen und hatten unsere
Freude daran, daß die Franzosen ein so prächtiges deutsches Lied in so
hohen Ehren halten.
Doch die Woge unserer Stimmung senkte sich auch wieder. Gegessen hatten
wir, getrunken auch, auch geraucht und manches Lied gesungen, auch waren
wir müde, und da es 10 Uhr geworden war, so durften wir wol an unsere
Nachtruhe denken. Dieselbe zu finden war aber nicht so leicht. Zunächst
mußten unsere Kleidungsstücke in die Hütte geschafft werden, um sie gegen
den starken Nachtthau zu schützen; die Hütte war aber eben nur so groß,
daß wir dicht nebeneinander liegend, die Füße gegen die offene Seite
gekehrt, gerade Platz fanden. Außerdem war sie aber auch nur so hoch,
daß die oben aufgehängten längern Kleidungsstücke beinahe bis auf unsere
Gesichter herunterreichten. Nun ging es ans Aufhängen. Die Röcke wurden
als Kopfkissen zusammengerollt, die harten Stiefel, die Uhren, Strümpfe
und sonstigen Kleidungsstücke an- und aufgehängt. Ich zog mir vorsorglich
als Schutz gegen Mosquitostiche meine Segeltuchschuhe wieder an, und als
alles fertig war, krochen wir vorsichtig auf unser hartes Lager unter die
ausgebreiteten Decken und unter die hängende Garderobe, von welcher im
Laufe der Nacht noch manches Stück herunterfiel, das dann von einem zum
andern geworfen wurde, bis es in irgendeinem Winkel Ruhe fand. Zu beiden
Seiten unserer Hütte am Seeufer loderte je ein großes Feuer, um welche
die Eingeborenen sich gelagert hatten und die sie während der ganzen Nacht
unterhielten, um sich daran zu wärmen.
Flußübergänge und braune Eingeborene mit müden Europäern auf ihren Rücken;
lodernde Feuer und zerschlagene Glieder; von den Feuern beschienen
kriechen ungeheuerliche Aale aus dem schwarzen See und verschlingen
das für uns bereitete Mahl, während ihnen nachfolgende rothe Hummer und
Krebse sich am Strande ordnen und einen Reigen tanzen, vive la, vive la,
hopsasa; einer aus unserer Reihe dreht sich im Schlafe um und bringt alle
in Bewegung, sodaß mancher wähnt, den steilen Wasserfall hinuntergestoßen
zu werden; Mosquitostiche und herunterfallende Stiefel; festgehalten im
tiefen Schlamm; wunderbar großartige Nachtscenerie vor unsern Augen!
Was ist Wahrheit, was ist Traum? Alles vermischt sich, bis auch diese
Bilder schwinden und ein fester Schlaf uns bis zum ersten Tagesgrauen
umfangen hält.
Fröstelnd suchen wir unsere steifen Glieder zusammen und greifen nach
unserm Eigenthum. Doch das ist leichter gesagt wie gethan. Schon am Abend
wurden die Sachen wol größtentheils vertauscht und alles, was während
der Nacht heruntergefallen ist, muß aus den verschiedenen Winkeln oder
außerhalb zusammengesucht werden. Die Stiefel sind in einem Zustande,
daß sie kaum über gesunde Füße zu ziehen sind, sie aber über die von
Mosquitostichen verschwollenen Füße zu ziehen, muß nach den Gesichtern
der Aermsten fürchterlich sein. Unsere weißen Kleidungsstücke sind braun
vom Lehm, braun und grün vom Pflanzensaft, hier und da auch zerrissen.
Alle Sachen natürlich ohne Stärke und zerknittert. Wir sehen geradezu
fürchterlich aus, doch es hilft uns nichts, zurück müssen wir doch.