stets in gleicher Art um den Baumstamm gewundenes Band auf. Dies soll
bedeuten, daß der Baum von seinem Besitzer „Tabu“ erklärt worden ist.
„Tabu“ ist ein heidnisch religiöses Gesetz, welches merkwürdigerweise
über die ganze Südsee, über ein Gebiet von 6000 Seemeilen in der
geographischen Länge und 4000 Seemeilen in der geographischen Breite
gleichmäßig verbreitet ist und, was am auffälligsten erscheinen muß,
überall mit demselben Namen genannt wird, obgleich bei der jetzigen
Figuration des Landes eine Verbindung zwischen vielen der Inselgruppen nie
stattgefunden haben kann. Das Gesetz bedeutet, daß jeder Tabu erklärte
Gegenstand heilig und unantastbar geworden ist und jedermann, welcher
sich trotzdem an dem Gegenstand vergreift, dem Tode verfallen ist, ganz
gleich ob die Tabu-Erklärung von dem Häuptling, von dem ganzen Gemeinwesen
oder von einem einzelnen Individuum ausgegangen ist. Wenn auch dieses
Gesetz, welches auf den von europäischem Einfluß unberührten Inseln noch
in seiner ganzen Härte besteht, hier auf Tahiti und wol auch auf den
mit Europa oder europäischen Colonien in Verbindung stehenden Inseln
seine eigentliche Bedeutung verloren hat, so wird es von den inzwischen
zu Christen gewordenen Eingeborenen doch noch immer heilig gehalten und
dementsprechend geachtet, obgleich der Bruch des Gesetzes, z. B. hier auf
Tahiti, nicht mehr bestraft werden kann. So versieht ein Eingeborener,
welcher durch irgendwelche Umstände gezwungen wird, sein Besitzthum
zeitweise zu verlassen, dieses mit dem Tabu-Zeichen und er kann sicher
sein, bei seiner Rückkehr sein Eigenthum unversehrt wieder vorzufinden.
Auf unserm Wege kamen wir auch an mehrern großen, viereckigen, sturmfreien
Thürmen vorbei, welche die ersten Befestigungswerke der Franzosen gegen
die Eingeborenen gebildet haben. Denn nachdem die französischen Truppen
von Huheine durch die dortigen tapfern Eingeborenen vertrieben worden
waren und auch ein Aufstand hier auf Tahiti ihnen viel zu schaffen
gemacht hatte, hielten sie es für nothwendig, rund um die Insel diese
Wachthürme zu erbauen, welche wol genügenden Raum für je 20 Mann nebst
dem erforderlichen mehrwöchentlichen Proviant bieten.
Einen sehr netten Eindruck machten die Vanillepflanzungen. Die Vanille ist
ja, wie bekannt, ein zur Klasse der Orchideen gehöriges rankendes Gewächs,
gedeiht daher nur auf Bäumen und zwar nur auf solchen einiger bestimmter
Gattungen. Zu ihrer Cultur ist mithin in erster Reihe die Anpflanzung
geeigneter Bäume erforderlich, und so kommt es, daß man dann reizende
an der Straße gelegene Haine aus etwa 3 m hohen und 2 m von einander
entfernt stehenden Bäumchen findet, zwischen welchen die kostbaren
Ranken mit ihren Luftwurzeln sich von Stamm zu Stamm schlingen. Das Ganze
sieht so zierlich, sauber und duftig aus, daß man es für ein japanisches
Zwerggartenkunstwerk halten könnte.
Etwa auf dem halben Wege zwischen Papeete und unserer Endstation an
der Küste fanden wir in einer steil abfallenden nackten Felsenwand von
vielleicht 60 m Höhe eine ziemlich kreisrunde Höhle mit einer Wasserlache.
Da ihr Durchmesser höchstens 10 m beträgt, so würde ich sie ihrer
Unbedeutendheit wegen nicht erwähnen, wenn sie nicht durch ihren äußern
Anblick auffiele. An dem Fuße und in der Mitte der grauen, von der Sonne
hell beschienenen Felsenwand wölbt sich ein 10 m breites und 8 m hohes,
von der Natur regelmäßig geformtes rundbogiges Thor über dem glänzenden
regungslosen Wasserspiegel, welcher zu ein Drittel außerhalb der Höhle
liegend grell aus seiner dunkeln Umgebung hervorleuchtet und vorn zu
beiden Seiten von dichtem grünen Laub eingerahmt wird. Wol jeder, der Sinn
für Naturschönheit und Kunst hat, wird beim Vorbeigehen hier eine Rast
von einigen Minuten machen.
Gelegentlich erkundigte ich mich danach, mit welchem Ausdruck das Pferd,
welches erst seit 60-70 Jahren auf Tahiti bekannt ist, eigentlich benannt
wird, und erhielt als Antwort einen so unendlich langen Namen, daß ich
um nähere Uebersetzung bat. Es dürfte schwerlich jemand errathen, wie
die Eingeborenen sich in dieser Sache geholfen haben. Zunächst waren sie
rathlos, dann nahmen sie den größten bekannten Vierfüßler zum Vergleich
und nun hatten sie einen Namen und zwar: „das schnell über das Land
laufende Schwein“!
Gegen 2 Uhr nachmittags langten wir am Ziel des Tages an und fanden ein
bequem eingerichtetes, mit einer großen Veranda umgebenes englisches
Gasthaus, welches zwischen schattigen Bäumen liegend nach der einen
Seite einen freien Ausblick nach dem Meer und Klein-Tahiti bietet und
an der andern Seite sich an einen großen freien Platz anlehnt, hinter
welchem die Bergwände der Hauptinsel das Bild abschließen. Das Haus wird
vorzugsweise von Kranken als klimatischer Curort benutzt und wir fanden
zwei solcher Gäste vor, Herren, welche hier Linderung für ihre kranken
Lungen erhofften. Für uns war nicht mehr hinreichend Platz vorhanden
und wir mußten daher zu je zwei ein Zimmer theilen, fanden aber sonst
alle Bequemlichkeiten, und namentlich erhielt jeder ein großes, gutes
Bett für sich allein. Auf die Tafel hatte die Einschränkung indeß keine
Rückwirkung, denn wir fanden ein vorzügliches kaltes Frühstück vor, sowie
eine mustergültige, lautlose, aus sechs eingeborenen Frauen und Mädchen
bestehende Bedienung. Diese war allerdings von Papeete aus besonders für
uns hierher gekommen, weil der Wirth einerseits für gewöhnlich so großer
Bedienung nicht bedarf und er andererseits uns am zweiten Tage nach
unserer Rückkehr von dem See mit einem tahitischen Festmahl überraschen
wollte, zu welchem die Tahitierinnen durchaus nothwendig waren. Aus
der eigenthümlichen Stellung dieser Eingeborenen, welche den einen Tag
die Diener machen, den nächsten Tag als mit dem Gast gleichberechtigt
auftreten, bin ich nicht klug geworden. So war die schöne, vielleicht 30
Jahr alte Halbblut-Frau, welche vorzugsweise den Consul und mich bei Tisch
bediente, die Witwe eines wohlsituirt gewesenen Engländers und soll in
ganz guten Verhältnissen leben.
Außer diesen Dienerinnen sahen wir auch noch auffallend viele Weiber in
der nächsten Umgebung des Gasthauses und hörten zu unserer Ueberraschung,
daß diese fast sämmtlich nach Papeete gehörten und durch die Polizei mit
dem Bedeuten hierhergebracht worden seien, daß sie erst nach der Abreise
des deutschen Kriegsschiffes die Erlaubniß zur Rückkehr erhalten würden.
Dieses leichtlebige und leichtsinnige Volk war daher voll Jubel, als
wir ankamen; eine kleine Schadenfreude konnten wir allerdings auch nicht
unterdrücken. Die Bemühungen des eingeborenen Polizeidieners, welcher zur
Ueberwachung dieser lustigen Gesellschaft mitgeschickt war, seine Heerde
zusammen- und von der Annäherung an uns abzuhalten, blieben erfolglos, und
ich glaube, daß er von den ihm anvertrauten Vertreterinnen des schönen
Geschlechts, hier fernab von der Hauptstadt, höchst unangenehme Prügel
bekommen hätte, wenn er nicht klug und nachgiebig geworden wäre.
Nachdem wir den Reisestaub abgeschüttelt und uns an der reichen Tafel
erquickt hatten, was eigentlich nicht nöthig gewesen wäre, weil wir
auf dem ganzen Wege bis hierher ja kaum etwas anderes gethan hatten,
als uns zu erquicken, trennten wir uns, um erst abends 6 Uhr bei der
Hauptmahlzeit wieder zusammenzutreffen. Der Consul und ich gingen nach
einer Zuckerplantage, welche der genannte Herr hier besitzt und die er
bei dieser Gelegenheit auch besuchen wollte; wir begingen das Terrain und
besichtigten die Einrichtungen zur Gewinnung des Rohzuckers, welche mir
noch unbekannt waren. Von den andern Herren wollte keiner mit, dem jungen
Volk erschienen die fröhlichen, blumenbekränzten Töchter des Landes wol
anziehender, wenigstens vermuthe ich dies und verarge es ihnen auch nicht,
denn Zuckerplantagen sieht man auch anderswo.
Von der Plantage gingen wir zum Strande, wo ich noch ein Bad nehmen
wollte. Ein schönerer und einladenderer Badeplatz ist nicht leicht
zu finden, wenn man den Körper eben nur für kurze Zeit erfrischen
und im Anschluß daran einige Stunden in süßem Nichtsthun verbringen
will. Bis dicht an den schönen weißen Strand reicht der üppige Wald
von Fruchtbäumen, deren Zweige unter der Last der reifen Orangen und
Brotfrüchte zu brechen drohen, und tritt man aus dem Laubdach heraus,
dann liegt ein Bild von so großartiger Schönheit vor uns, daß unsere
Augen nicht wissen, wo sie sich hinwenden sollen. Dicht vor unsern Füßen
liegt die smaragd- und saphyrfarbene regungslose Flut, welche sich bis
zu dem dreiviertel Seemeilen von uns abliegenden Barriere-Korallenriff
erstreckt. Auf diesem Riff sieht man, wie einen Wall, die auf- und
abwogenden Schneeschaummassen der nicht besonders hohen Brandung und
hinter dieser das von dem frischen Passatwind aufgewühlte tiefblaue Meer
mit seinen Wogen und deren Schaumkämmen. Zu unserer Rechten und vor uns
liegen innerhalb des Riffs in dem klaren Wasserspiegel zwei kleine dicht
bewaldete Inseln, welche einen solchen Frieden ausathmen, daß man wähnt,
keinen schönern Wohnplatz finden zu können, und zu unserer Linken, in
einer Entfernung von 5 Seemeilen, steigt vor uns Taiarabu (Klein-Tahiti)
mit seinen steilen Felswänden bis zu einer Höhe von 1130 m aus dem
Meere empor. Die zu unserer Rechten schon ziemlich tief stehende Sonne
vergoldet das ganze Bild und beleuchtet es für uns um so wirkungsvoller,
als unser Standort und ein schmaler Streifen des davor liegenden Wassers
beschattet sind. Das leise Rauschen in den Baumwipfeln und das von dem
Riff herüberdröhnende Grollen der Brandung vervollständigen die Stimmung.
Still setzen wir uns zu Füßen eines großen Baumes auf den weißen Sand und
lange schauen wir in die Ferne, ohne zu wissen was uns am meisten fesselt,
und doch ist es das ewig ruhelose und doch sich immer gleichbleibende
Meer. Wie oft habe ich träumerisch und sehnsuchtsvoll dem Spiel dieser
gewaltigen, Segen und Verderben bringenden Wassermassen zugesehen, wie
bekannt scheint mir das Weben und Treiben dieser geheimnißvollen Kräfte,
wie viel Schöneres liegt zu meinen Füßen, zur Rechten und zur Linken, und
doch wie groß ist die magnetische Kraft der unergründlichen Flut, welche
wie die Nixe der Loreley nur für sich allein den Menschen fordert. Mein
Nachbar weckt mich aus meinem Sinnen und macht mich auf eine Stelle im
Wasser aufmerksam, wo ein leichtes Sprudeln, wie das einer kleinen Quelle,
und die von dem Sprudel auslaufenden, sich immer weiter dehnenden Ringe
zu sehen sind. Er sagt mir, daß dies eine der Tahiti eigenthümlichen
Süßwasserquellen im Meere ist, von welchen ich auch schon gelesen hatte
und die noch ziemlich weit von der Küste ab zu finden sein sollen. Die
Eingeborenen sollen sich an ihnen, wenn sie draußen beim Fischfang sind,
in der Weise den Durst stillen, daß sie schwimmend soweit tauchen, bis sie
die Stelle finden, wo das Quellwasser noch unvermischt mit dem Seewasser
ist. Da das süße Wasser sehr viel leichter wie das Meerwasser ist und
deshalb kräftig nach oben steigt, so muß an solcher Quelle allerdings in
relativ nicht zu großer Tiefe schon reines Süßwasser gefunden werden.
Probiren geht über Studiren, und wenn ich auch den Eingeborenen das
Taucherkunststück nicht nachmachen konnte, so konnte ich mich doch an
der Wasseroberfläche davon überzeugen, ob der Quell weniger Salzgehalt
wie das übrige Wasser habe. Bald war ich in der See und schwamm nach dem
nicht weit entfernten Sprudel, wo ich das Wasser wirklich nur brack fand.
Wieder am Lande bekam ich großes Verlangen nach der Milch einer frischen
Kokosnuß; aber wie eine solche von den hohen Bäumen herunterbekommen?
„Nichts leichter als das, da gerade ein Eingeborener dort des Weges
kommt“, sagte der Consul. Der Mann wurde angerufen und schnell hatte er
sich einen Riemen um seine Knöchel geschnallt, welcher einen Zwischenraum
von etwa 5 cm zwischen den Füßen ließ. Dann griff er mit den Händen um
den Stamm einer Palme, schnellte mit den Füßen soweit in die Höhe, daß
die Beine möglichst wagerecht standen und die Füße jetzt gegen den Stamm
gestemmt waren, wo durch das Gewicht des eigenen Körpers die Füße auf der
einen und die Hände auf der andern Seite des Stammes so fest an die rauhe
Rinde gepreßt wurden, daß der Körper nicht nach unten gleiten konnte.
Mit ununterbrochenen kleinen Sprüngen hatte der Mann den hohen Baum bald
erstiegen, löste den Riemen von seinen Füßen, warf einige Nüsse herunter
und ließ sich in ähnlicher Weise wieder hinuntergleiten, wie wir es thun.
Als die Essensstunde heranrückte, begaben wir uns wieder in das Gasthaus,
legten ein etwas förmlicheres Kleid an und fanden ein ganz vorzügliches
Mahl, welches durch die mitgebrachten eigenen Weine, unter denen sich auch
gute Marken deutschen Wachsthums befanden, noch wesentlich verbessert
wurde. Besondere Anerkennung muß ich den vortrefflichen hiesigen
Wasserthieren zollen, welche neben guten Austern und Fischen aus besonders
feinschmeckenden großen, scherenlosen Hummern und den früher schon
genannten Süßwasser-Schrimsen bestanden. Diese letztern hatten die Größe
von ausgesuchten Oderkrebsen, welche sie indeß an Feinheit des Geschmacks
nicht ganz erreichen, während die Hummern entschieden den europäischen
weit vorzuziehen sind. Die Hummern waren auf dem nächsten Korallenriff
gefangen, die Schrimse in dem Bergfluß, an dessen Ufer wir am nächsten
Morgen den Weg zum See zurücklegen sollten.
Während des Essens entstand noch eine kleine Aufregung dadurch, daß eine
der Dienerinnen in großer Erregung in das Zimmer trat und erzählte, daß
in dem wenige Minuten entfernten Dorfe zwei Eingeborene von Papeete mit
dem Auftrage angekommen seien, mich zu beobachten. Die Nachricht erstaunte
mich weiter nicht, da ich schon gehört hatte, daß jedem unserer Offiziere
an Land stets ein Aufpasser folge, weil die Franzosen in dem Wahne
befangen waren, daß das Schiff den Auftrag habe, von den nahegelegenen
unabhängigen Gesellschafts-Inseln Besitz zu ergreifen, und man wol
glaubte, daß auch Tahiti in den Bereich der deutschen Begehrlichkeit
gezogen würde. Immerhin schickte unser Wirth einen Vertrauten ab, welcher
bald die Richtigkeit der Nachricht bestätigte. Dies veranlaßte denn auch
den Consul und mich, die jüngern Herren unserer Gesellschaft, welche
gleich nach dem Essen aufbrachen, um einer Einladung der eingeborenen
Damen zu einem Abendfest in dem nahegelegenen Dorfe zu entsprechen, nicht
zu begleiten, obgleich wir ursprünglich die Absicht hatten, uns die Sache
für kurze Zeit anzusehen. Statt dessen begaben wir uns bald zur Ruhe.
Am nächsten Morgen um 6 Uhr wurden wir geweckt und waren um 7 Uhr zum
Abmarsch bereit. Als wir aus dem Hause auf den freien Platz traten,
fanden wir ein reges Treiben. An zwanzig Eingeborene waren zur Stelle,
theilweise schon beladen mit Kisten und Körben, welche unser zweites
Frühstück enthielten. Andere waren mit großen Schlagmessern und Aexten
versehen, um etwaige Hindernisse aus unserm Wege zu räumen, wieder andere
hatten nur Bergstöcke und kleines Fischgeräth in den Händen. Auch eine
kleine zierliche Frauensperson war in dem Gefolge, sowie ein Pferd, das
einzige, welches für uns hatte aufgetrieben werden können und mir zur
Verfügung gestellt wurde. Da ich vor den andern Herren von der Partie
indeß nichts voraus haben und nicht allein reiten wollte, so ging das
Pferd vorläufig unbenutzt mit, um, falls einen der Herren die Kräfte
verlassen sollten, für diesen zur Stelle zu sein. Ich mußte daher auch
mit einem der Eingeborenen vorlieb nehmen, welche uns als Reitthiere mit
dem Bemerken vorgeführt wurden, daß wir mehr wie achtzig mal den Fluß zu
durchschreiten hätten und die Eingeborenen uns hinübertragen sollten. Es
entwickelte sich nun eine harmlose nette Scene, denn die aufgeweckten,
selbstbewußten Tahitier wollten nicht nur gewählt sein, sondern wollten
auch selbst wählen und drängten sich zunächst alle an den Consul und
mich, vielleicht weniger, weil wir für die Hauptpersonen gehalten wurden,
als darum, weil wir die leichtesten waren. Immerhin stellte sich bald
heraus, daß diese kräftigen, zähen Natursöhne sich aus einer ziemlich
großen Gewichtsdifferenz nichts machten. Bald hatten Herr und Diener sich
zusammengefunden und nun zogen wir aus, jeder von uns von seinem braunen
Schatten begleitet. Die kleine junge Frau übernahm die Führung und schritt
mit einem Strohhut auf dem Kopf, mit einer kurzen Bluse und einem Hüfttuch
(Pareo) angethan, ihren langen Stock in der Hand, mit ihren bloßen Füßen
zierlich und schnell aus. Ihr folgten die Leute mit dem Proviant, dann
kamen die Wegebahner, dann wir mit unsern Schatten, und schließlich das
Pferd.
Der Weg führt die erste halbe Stunde auf einem schattigen Pfade durch eine
sanft ansteigende Ebene, dann nähern wir uns den schroffer aufsteigenden
Bergwänden, und nach einer weitern Viertelstunde treten wir in eine
großartige Felsenschlucht, welche das Bett für den reißenden Bergfluß
bildet. Zu beiden Seiten haben wir Felswände von über 100 m, wenn nicht
gar 200 m Höhe, welche uns in der schmalen nur 15-20 m breiten Schlucht
senkrecht aufsteigend erscheinen. Das Gestein ist aber trotzdem nicht
kahl, sondern aus allen großen und kleinen Felsspalten und Ritzen wachsen
Gräser, Sträucher und Bäume von oft beträchtlicher Größe, sodaß das
Laub stellenweise die Steinschlucht für das Auge in ein liebliches Thal
verwandelt. Der Fluß nimmt die ganze Thalsohle ein und es finden sich
immer nur auf einer Seite, je nach den Krümmungen des Thales und des
Wasserlaufes auf dem rechten oder linken Ufer, etwas erhöhte, schmale und
dicht mit wilden Bananen- und Bambussträuchern bestandene Böschungen,
auf welchen man gehen kann, wenn vorher ein schmaler Pfad durch das
wie Unkraut wuchernde Pflanzengewirre durchgeschlagen ist, was stets
vor dem Begehen geschehen muß, weil der See nur selten besucht wird und
sonst keine Veranlassung zum Beschreiten dieses Weges vorliegt, denn die
Eingeborenen benutzen, wenn sie einmal zum Fischen oder Einsammeln von
Früchten hierher wollen, das Flußbett als solchen. Im übrigen schäumt das
wilde, schön klare Wasser über Steinblöcke hinweg an den steil abfallenden
Felsen vorbei, wo jede Möglichkeit eines Weges ausgeschlossen ist. Und
kommt man an die ziemlich häufigen Stellen, wo die Felswände an beiden
Seiten den Fluß eindämmen, dann bleibt kein anderer Weg als das Flußbett
selbst.
Gleich beim Betreten der Schlucht schon bekommen wir einen Vorgeschmack,
was unserer wartet. Der in den letzten zwei Tagen nur für uns ausgehauene
Pfad ist so schmal, daß wir, einer hinter dem andern gehend, stets an
beiden Seiten das von dem Nachtthau triefende Laub, welches über unsern
Köpfen in der Regel auch noch zusammenschlägt, streifen und so nach
wenigen Minuten schon unsere nur aus dünner Leinwand bestehende Kleidung
von dem abtropfenden Wasser durchnäßt ist. Glücklicherweise habe ich
einen wasserdichten Panamahut auf, sodaß ich unter diesem wenigstens mein
Taschentuch und meine Cigarrentasche trocken erhalten kann. Der Boden ist
auch nicht besser und besteht aus ganz durchweichtem schweren gelben Lehm,
weshalb ich mich glücklich schätzen darf, Segeltuchschuhe an den Füßen zu
haben, welche ja in der Nässe nur wenig einlaufen und daher nicht drücken
können. Außer mir hat nur noch der Consul solche Schuhe, unsere Herren
wollen von diesem besten aller Fußbekleidungsmittel noch immer nichts
wissen, und wegen ihres Vorurtheils hatten sie auf dieser Partie wahre
Folterqualen auszustehen. Die von uns unabhängigen Eingeborenen, nämlich
die Träger unsers Frühstücks sowie das Frauenzimmer, wissen jedenfalls
auch die Beschwerlichkeit des Weges zu würdigen, denn sie machen gar nicht
erst den Versuch ihn zu benutzen, sondern gehen gleich in den Fluß, dessen
Wasser ihnen oft bis unter die Arme reicht und wo die kleine Frau sich
dann von ihrem langen Mann durchziehen lassen muß, wobei sie schwimmend
nachhilft. Trotz der stellenweise reißenden Strömung kommen sie unter
Zuhülfenahme ihrer Stöcke doch viel schneller vorwärts als wir, sodaß sie
bald unsern Augen entschwunden sind.
Wir treten in den Pfad ein und sind in dem dichten Laub von einem
Halbdunkel umgeben. Wir ziehen die Köpfe zwischen die Schultern, als uns
das kalte Wasser hinten in den Hals tröpfelt; stecken die Hände in die
Hosentaschen, um uns möglichst dünn zu machen und gleichzeitig unsere
dort untergebrachten Uhren trocken zu erhalten; die Cigarre ist schon nach
wenigen Minuten so naß, daß sie nicht mehr brennt; der Stabsarzt und ich
stöhnen darüber, daß unsere Kneifer immer blind werden, ich aber kann den
meinigen wenigstens an den lichten Stellen mit meinem aus dem Panamahut
hervorgeholten Taschentuch abtrocknen; vor uns hören wir die Messer-
und Axtschläge der Eingeborenen, welche den Weg noch freier zu machen
suchen, und unter uns geht es quatsch-quatsch, wenn wir mit unsern Füßen
in den nassen Lehm hineinstampfen, denn wir haben sehr bald erkannt, daß
es hier „Durch“ heißt und das Aussuchen trockener Stellen zwecklos ist.
Ein solches Bananenblatt macht sich sehr hübsch, wenn Paul seine Virginie
damit gegen die Sonne schützt; wenn die Blätter aber in solchen Massen
auftreten, wie hier, und dabei noch naß sind, dann werden sie höchst
unangenehm.
Bald treten wir wieder ins Freie und stehen vor einer steilen nackten
Felswand, um welche das Wasser herumgurgelt und die ein weiteres
Vordringen an dieser Seite unmöglich macht. Uns gegenüber liegt eine
grünbehangene hohe Wand, an deren Fuß das graziöse Laub der Bananen mit
seinen köstlichen sammetartigen Farbentönen und die duftigen Zweige der
Bambussträucher den in ihnen verborgenen beschwerlichen Weg, welcher
einen Theil unserer Vorhut schon wieder aufgenommen hat, wie wir an den
Schlägen hören, mildherzig bedecken. Der Rest der Vorhut durchkreuzt
eben den Fluß, von denen einzelne bis zu den Hüften im Wasser sind,
während andere zeitweise auf über Wasser liegenden Steinen stehen, um
gleich darauf wieder tieferes Wasser zu durchschreiten. Rechts und links
schöne landschaftliche Bilder und über uns die Sonne, welche warm in
diesen schönen Kessel hineinscheint. Unsere Träger ducken sich, um uns
auf ihre Rücken zu nehmen, doch wir rütteln sie wieder auf, und springen
leicht auf die Leute, denn wir fühlen uns noch außerordentlich frisch und
geschmeidig. So durchschreiten wir den Fluß und gleiten auf der andern
Seite wieder zur Erde, um uns bis zum nächsten Uebergang auf unsere
eigenen Füße zu verlassen.
Während der folgenden zwei Stunden hatten wir den Fluß auf diese Weise
sechsundachtzig mal zu durchschreiten, beziehungsweise so oft auf den
Eingeborenen reitend in den Fluß zu gehen, denn an den Stellen, wo der
Weg an beiden Ufern fehlt, mußten wir ja ein längeres oder kürzeres
Stück in dem Flußbett selbst zurücklegen, um dann vielleicht an derselben
Seite wieder zu landen. Auf dem Hinweg haben wir die einzelnen Uebergänge
allerdings nicht gezählt, aber auf dem Rückweg, nachdem wir die Strapazen
dieser eigenartigen Wanderung vorher gekostet hatten.
Zunächst war noch alles herrlich und die ganze Gesellschaft in der
ausgelassensten Stimmung, fehlte es uns doch an nichts, selbst nicht an
komischen kleinen Zwischenfällen.