Der Regierungssitz für die sämmtlichen vorgenannten Inseln, zu welchen

auch die Marquesas-Inseln gehören, liegt in Papeete auf Tahiti, und

diese Stadt muß somit als die Residenz angesehen werden. Ueber die

Zusammensetzung der Regierung gibt das „'Annuaire'“ auf den Seiten 55-106

Aufschluß und zeigt, welch starkes Beamtenthum für diese Inseln für

erforderlich gehalten wird. Allerdings kommen dieselben Namen häufig bei

den verschiedensten Dienstzweigen vor, weil jedem Beamten, wol um sein

Einkommen zu erhöhen, stets mehrere Aemter zugewiesen sind; ihre Zahl

bleibt aber trotzdem noch eine sehr große. Dieses zahlreiche Beamtenthum,

welches eine große Regierung mit allen Zweigen einer großen Staatsmaschine

bildet, leistet für Frankreich nichts Nutzbringendes, weil die aus dem

durchweg in fremden Händen befindlichen Handel gewonnenen Steuern keinen

Ueberschuß ergeben. Nach den Tabellen auf S. 110-115 des „'Annuaire'“

decken sich zwar Einnahmen und Ausgaben, doch wird der Ausgleich nur

dadurch erzielt, daß das Mutterland eine hohe Subvention zahlt. Dieselbe

besteht einestheils in baarem Gelde, anderntheils darin, daß die Colonie

weder die dort stationirten Schiffe noch das Militär bezahlt, denn

diese Ausgaben sind in den 'Dépenses' nicht zu finden. Trotzdem die

'Caisse agricole' nur solchen Pflanzern Vorschüsse leistet, welche sich

verpflichten, ihre Producte allein nach Frankreich zu exportiren, besteht

nach S. 130 die Ausfuhr dahin in nicht mehr als rund 247500 Frcs., während

nach S. 131 diejenige nach dem Auslande rund 2,366000 Frcs. beträgt.

Hierbei ist indeß in Betracht zu ziehen, daß die im Ganzen mit 2,600000

Frcs. angegebene Ausfuhr nicht allein von den Protectoratsinseln herrührt,

sondern in dieser Summe auch all diejenigen Producte mit enthalten sind,

welche von den umliegenden nichtfranzösischen Inseln in kleinen Fahrzeugen

nach Papeete kommen, um hier in große Schiffe übergeladen zu werden. Aus

den Tabellen S. 132 und 133 geht hervor, daß die von Frankreich kommenden,

bezw. dahingehenden Schiffe, eine so geringe Zahl aufweisen, daß diese

Schiffe für den allgemeinen Handel kaum in Betracht gezogen werden können.

Allerdings führen diese Tabellen eine große Zahl unter Protectoratsflagge

fahrender Schiffe auf, diese Zahl erleidet aber dadurch eine wesentliche

Herabminderung, daß die hier genannten kleinen Fahrzeuge mindestens

viermal im Jahre in Papeete ein- und auslaufen, diese Handelsflotille

in Wirklichkeit also nur aus vielleicht 20 Fahrzeugen besteht, und

diese gehören obenein fast ausschließlich deutschen, englischen und

amerikanischen Handelshäusern. Auch sind die in den Tabellen als nach

dem Auslande abgegangen verzeichneten französischen Handelsschiffe von

Deutschen und Engländern befrachtet worden, und die zwei nach Brest

abgegangenen Schiffe waren französische Marine-Transportschiffe, welche

leer von Neu-Caledonien kommend zu ermäßigten Preisen Fracht mitnahmen und

die ganze nach Frankreich mit 247500 Frcs. angegebene Ausfuhr besorgten,

damit doch wenigstens etwas nach dem Mutterlande exportirt wurde. Die

über Import und Export gegebenen Zahlen erfahren auch noch eine weitere

Richtigstellung durch eine auf S. 136 befindliche Tabelle. Aus dieser

scheint mir deutlich hervorzugehen, daß die Angaben dieses Buches darauf

berechnet sind, dem großen Publikum in Frankreich Sand in die Augen zu

streuen, denn die dort als wieder ausgeführt angegebenen Werthe sind

in den S. 132 und 133 aufgeführten Zahlen als wirklicher Import und

Export angegeben, während aller Wahrscheinlichkeit nach die Waaren das

durchpassirende Schiff nie verlassen oder doch das Land nicht betreten

haben. Dies dürfte z. B. aus der Bemerkung hervorgehen, daß Tahiti

Guano ein- und ausführt. Guano wird weder in Tahiti gewonnen noch dort

gebraucht, er kommt aber in englischen Schiffen von der unabhängigen Insel

Flint nach Papeete, weil diese Schiffe hier ihre Ladung vervollständigen.

Ueber die Höhe der Zölle geben die Seiten 115-120 weitern Aufschluß

und danach trägt das Ausland bei der außerordentlich hohen Taxe von 12

Proc. auf Factura einen Einfuhrzoll von ungefähr 300000 Frcs., während

Frankreich sich nur mit ungefähr 50000 Frcs. daran betheiligt (S. 132 und

133). Von den auf das Ausland entfallenden 300000 Frcs. hat die deutsche

'Société commerciale de l’Océanie' mindestens zwei Drittel zu tragen,

und hieraus ist ersichtlich, welchen Ausfall die Einnahmen der Franzosen

erleiden müssen, wenn die genannte Gesellschaft ihre Absicht, nach Raiatea

überzusiedeln, zur Ausführung bringt.

Der Gouverneur, welcher die Charge eines 'capitaine de frégate'

(Corvetten-Kapitän) bekleidet, ist nach seiner Ansicht jedenfalls ein

sehr bedeutender Mann, doch steht er trotzdem auf sehr schwachen Füßen,

weil der die maritimen Streitkräfte commandirende Admiral nach Belieben

mit ihm verfährt. So soll es wiederholt vorgekommen sein, daß der von

einer Reise zurückkehrende Admiral mit der Thätigkeit des Gouverneurs

unzufrieden war, ihn in Arrest schickte und ihm als äußeres Zeichen auch

noch einen Sicherheitsposten vor die Thüre stellen ließ. Dann setzte

er den Gouverneur ab, machte sich selbst dazu, hob nach Herzenslust

Gesetze auf und erließ neue, bis er der Sache überdrüssig wurde und nun

einen Offizier seines Geschwaders zum Gouverneur ernannte. Die heimische

Regierung beseitigte allerdings diesen neuen Gouverneur wieder, scheint

aber dem Admiral seine Einmischungsthätigkeit nicht untersagt zu haben,

weil dieser auch fürder in derselben Weise weiter wirkte.

Die Beamten benehmen sich wie übermüthige Sieger den Besiegten gegenüber,

sie treten als die unumschränkten Herren auf. Werden sie zuerst gegrüßt,

dann danken sie wol verbindlich und höflich, wissen sonst aber den Weg zu

ihrem Hut nicht zu finden, sondern lassen denjenigen ungekannt passiren,

mit welchem sie eine halbe Stunde vorher in freundschaftlichster Weise

verkehrt haben. Mir ist auch der Vorzug nicht zutheil geworden, von einem

jüngern französischen Offizier gegrüßt zu werden, und hierin machte selbst

der Adjutant des Gouverneurs, mit welchem ich vielfach dienstlich zu thun

hatte, keine Ausnahme. Nur die Unteroffiziere und Gemeinen grüßten mich

immer, ob ich in Uniform oder Civil war, und zwar stets in so militärisch

strammer Weise, daß es den hier lebenden Ausländern auffiel. Diese

behaupteten, nie gesehen zu haben, daß die französischen Offiziere von

ihren eigenen Untergebenen in ähnlich strammer Weise gegrüßt worden seien.

Wie das Gesetz hier gehandhabt wird, ist vielleicht am besten aus den

nachfolgenden Angaben zu ersehen.

1. Der Admiral befiehlt, daß die am Hafenquai vor den dortigen Häusern

stehenden schönen schattigen Bäume, welche Eigenthum der Hausbesitzer

sind, aus „Gesundheitsrücksichten“ weggeschlagen werden sollen, ohne

Entschädigung dafür zu gewähren. Die Eigenthümer remonstriren vergebens

dagegen und es wird vor dem mitten in der Flucht liegenden Hause der

deutschen 'Société commerciale', in welchem sich gleichzeitig das deutsche

Consulat befindet, der Anfang gemacht. Sobald die zu diesem Besitzthum

gehörigen Bäume gefällt sind, wird das Gesetz wieder aufgehoben und die

andern Bäume bleiben stehen. So hat das deutsche Haus seine schattigen

Bäume verloren, das Consulat aber unbeabsichtigt den Vorzug erhalten, daß

die deutsche Flagge als einzige von dem ganzen Hafen aus gesehen werden

kann.

2. Die 'Société commerciale' erhält eine große Quantität Dauerproviant,

welcher nach den andern Inseln verkauft werden soll. Sobald der Admiral

dies erfährt, erläßt er ein bezügliches Ausfuhrverbot wegen auf Tahiti

herrschender Hungersnoth. Das deutsche Haus verlangt darauf, daß der von

ihm eingeführte Proviant von der Regierung übernommen oder doch für die

Lagerung eine Entschädigung gezahlt werden soll. Die Regierung entnimmt

aber weder etwas von dem Proviant, noch zahlt sie eine Entschädigung,

sondern hebt nach zwei Monaten das Ausfuhrverbot einfach wieder auf.

Da zu jener Zeit keine andere Firma Dauerproviant auf Lager hatte und

auch keinerlei Anzeichen für eine Hungersnoth in den gesegneten Gefilden

Tahitis vorlagen, so kann dieser Act nur als eine Chikane gegen das

deutsche Haus angesehen werden.

3. Die Regierung requirirt den der englischen Firma Brander gehörigen

Schleppdampfer „Scotia“ zum Schleppen, ohne auch nur die Kohlen und

sonstigen Auslagen zu bezahlen.

4. Die Regierung requirirt die dem deutschen Hause gehörigen

Leichter-Prähme, ohne dafür Zahlung zu leisten. In einem Fall wurden

die Fahrzeuge stark beschädigt abgeliefert; ein Antrag auf Schadenersatz

oder Reparatur auf der Regierungswerft wurde zurückgewiesen und keinerlei

Ersatz geleistet. Diese Beispiele mögen genügen.

Ein Gesetz, welches wol nur Tahiti eigenthümlich ist, möchte ich hier

auch erwähnen, nämlich daß nach S. 120 des „'Annuaire'“ betrunkene

Frauenzimmer 5 Frs. Strafe zu zahlen oder im Unvermögensfalle die

Straßen zu kehren haben. Für das Kehren der Straßen werden ihnen dann

pro Tag 2 Frs. angerechnet, von welchen sie aber bei freier Beköstigung

noch 1 Fr. baar erhalten; es will mir fast so scheinen, daß man ihnen

absichtlich die Mittel gibt, sich wieder zu betrinken, um auf diese Weise

stets ein reichhaltiges Straßenkehrercorps zu haben, welcher Zweck denn

auch erreicht wird. Die Straßen werden allerdings wenig gekehrt, und der

Fiscus zahlt viel Geld dafür. Es machte mir stets neues großes Vergnügen,

jeden Morgen diese schön gewachsenen frischen, von einem eingeborenen

Polizisten geführten Straßenkehrerinnen ankommen zu sehen. Laut lachend

und singend zogen sie truppweise durch die Straßen, den Besen hinter sich

her schleppend und mit diesem und der fliegenden Schleppe ihrer langen

bunten Gewänder eine riesige Staubwolke aufwühlend, welche nur deshalb

nicht allgemein lästig wurde, weil die fröhlichen Urheberinnen alle paar

Schritte Bekannte trafen und dann natürlich ein Schwätzchen hielten, ehe

es weiter ging.

Ueber das Missionswesen, welches auch eine politische Rolle spielt,

glaube ich die folgenden Angaben machen zu können. Der französische

katholische Priester hat innerhalb der Protectoratsgrenzen den englischen

Missionar vertrieben, aber eben nur da, wo er die Hülfe seiner Regierung

hat, denn die unabhängigen benachbarten Inseln werden nach wie vor von

der englischen Mission behauptet. Eine Erklärung für diese auffallende

Thatsache wage ich nicht zu geben, doch drängen sich mir zwei Fragen auf,

welche ich, ohne sie zu beantworten, hier niederlegen will:

1. Haben die Franzosen die Uebereinkunft vom 9. Sept. 1842, Pos. 4 und 5,

nach welcher Gewissensfreiheit garantirt und den englischen Missionaren

all und jeder Schutz versprochen wird, gebrochen, oder haben die Engländer

Tahiti verlassen, weil mit dem Einzug der Europäer die Pfründe zu schlecht

wurde?

2. Fühlen die französischen Priester sich noch nicht stark genug, auf die

Nachbarinseln überzugehen, oder fehlen ihnen noch die passenden Leute

für schlechte Plätze, z. B. Deutsche? Die letztere Vermuthung scheint

mir am Platze zu sein, weil, wie ich bereits früher ausgeführt habe, die

französischen Priester nur auf den guten Plätzen zu finden sind und die

deutschen nur auf den schlechten. So suchten mich auch während meines

kurzen Aufenthalts in Morea die dort stationirten zwei Missionare (beide

Deutsche) am Lande auf, um über ihre Stellung zu klagen und vorsichtige

Andeutungen zu machen, ob ich ihnen nicht Schutz und Hülfe verschaffen

könne. Sie behaupteten, von den französischen Brüdern gehaßt und verfolgt

zu werden und schilderten ihre Stellung als eine nahezu unerträgliche. Ihr

verbittertes Aussehen und die harte Sprache, welche sie führten, bezeugten

die Richtigkeit ihrer Behauptungen. Ich konnte ihnen selbstverständlich

keinen andern Rath geben als den, sich von den Franzosen zu trennen.

Der Bischof von Tahiti kann in dieser Gegend als der erste französische

Handelsmann bezeichnet werden. Das Missionsschiff besorgt den Handel,

welcher hauptsächlich in Baumwolle, Perlschalen und Perlen besteht.

Namentlich der Perlenhandel ist vorzugsweise in den Händen der Priester.

Der König von Tahiti, welchem nach den Verträgen noch vielfache Rechte

zur Seite stehen sollen, hat in Wirklichkeit nichts mehr zu sagen. Er

folgte seiner Ende 1877 verstorbenen Mutter Pomare IV. als Pomare V.

in der Königswürde. Er ist vermählt mit Miß Marau Salmon, Tochter eines

verstorbenen Engländers und der mit diesem vermählt gewesenen Schwester

der verstorbenen Königin. Der König erhält von Frankreich eine jährliche

Apanage von 25000 Frs., wovon aber die sämmtlichen Verwandten seiner

Familie, von welcher die weiblichen den Hofstaat der Königin bilden,

mitleben. Die königliche Familie wird von den Franzosen einerseits

recht schlecht behandelt, andererseits aber doch mit großer Sorgfalt und

Eifersucht gehütet, weil der Einfluß derselben unter den Eingeborenen

immer noch ein sehr großer ist und ein Wort des Königs genügen würde,

das ganze Land zum Aufstand zu bringen. Und was das bedeutet, haben die

Franzosen in frühern Jahren zu ihrem Schaden genugsam erfahren. Namentlich

wird der Umgang der Königin mit den Deutschen sorgsam überwacht, weil

zwei ihrer Nichten, welche von den Eingeborenen als Prinzessinnen von

Geblüt verehrt werden, an deutsche Herren verheirathet sind. Welche

Schwierigkeiten mir gemacht worden sind, mit der königlichen Familie in

Verbindung zu treten, entzieht sich der Besprechung an diesem Platze.

Die Hauptstadt Papeete, welche auf dem flachen Lande der Gürtelebene

an dem nach ihr benannten Hafen liegt und sich im Rücken an die

hochaufstrebenden Berge anlehnt, hat den Charakter der Residenz eines

Naturvolkes vollständig verloren. Der Kokospalmenwald ist mit den in

ihm verstreut liegenden Hütten der Eingeborenen verschwunden und an

seine Stelle sind regelmäßige Straßen mit Häusern nach südamerikanischer

Bauart getreten. Die ganze Physiognomie der Stadt deutet an, daß sie

vornehmlich von Europäern und deren Bedienung bewohnt wird, wie dies auch

die officielle Bevölkerungsziffer angibt. Nach derselben befinden sich

unter den 3000 Einwohnern mehr als 1000 Europäer, und da von diesen ein

großer Theil chinesische Diener und Köche hat, so kann man annehmen, daß

kaum 1000 Eingeborene übrig bleiben.

Zunächst dem Hafen zieht sich an dessen Ufer ein breiter, theilweise

durch hohe Bäume beschatteter Quai hin, welcher, vom Wasser aus

gesehen, zur Linken durch die französische Kriegswerft, zur Rechten von

einer Strandbatterie begrenzt wird und weiterhin nach beiden Seiten

in die früher erwähnte Ringchaussee ausläuft. An dem Quai liegen die

Geschäftshäuser und einzelne stattliche Wohnhäuser, auf denen hier und

da die Flagge eines Consulats weht. Zwischen diesen Gebäuden liegen

auch, von hoher Mauer umgeben, die von den französischen Priestern und

Nonnen unterhaltenen Schulen, nebst den hierzu erforderlichen Wohnungen

und Wirthschaftsgebäuden. Ferner sieht man eine schöne kleine Kirche,

einige Regierungsgebäude und das von der französischen Regierung dem König

von Tahiti neuerbaute Palais, ein im Villenstil gehaltenes ansehnliches

Haus. Von dem Quai aus ziehen sich Querstraßen nach den mit ihm parallel

laufenden hinteren Straßen, von welchen aber nur die mit zwei Reihen

schöner alter Bäume bepflanzte erste Parallelstraße von gleicher Länge

der Quaistraße ist, während die andern mit ihrer Entfernung vom Wasser

zusammenschrumpfen und sich schließlich zwischen den verstreut liegenden

Hütten der Eingeborenen auflösen. Die Häuser, welche mit Ausnahme

der Regierungsgebäude alle aus Holz gebaut sind, werden auch mit der

Entfernung vom Wasser kleiner; die Regierungsgebäude sind Steinbauten. In

der ersten Parallelstraße schon liegt nur ein größeres Gebäude, und zwar

in einem schönen großen Garten das für hiesige Verhältnisse stattliche

Palais des Gouverneurs. Diesem gegenüber befindet sich ein öffentlicher

Platz, auf welchem abends die aus Eingeborenen zusammengesetzte

Musikkapelle spielt. Hier finden sich dann die vergnügungssüchtigen

Eingeborenen und namentlich die leichte Welt ein, auch sollen die

französischen Offiziere mit ihrem Gouverneur nie fehlen. Das Treiben

bei diesen Concerten soll derart sein, daß den europäischen Familien der

Besuch abgeschnitten ist. Diesem Umstande wird es auch zuzuschreiben sein,

daß diese Concerte für die Dauer unsers Aufenthalts von dem Gouverneur

untersagt worden waren, und die ansässigen Deutschen und Engländer

behaupteten, daß es entschieden schicklich gedacht gewesen sei, uns diesen

wenig erfreulichen Anblick zu ersparen. Aus eigener Beobachtung kann ich

also über das Straßenleben der Eingeborenen nichts berichten, zumal auch

sonst die Polizei die Straßen außerordentlich scharf überwachte und die

leichte Welt für die Dauer unsers Aufenthalts sogar aus der Stadt verbannt

und auf die umliegenden Dörfer gebracht hatte, wo sie durch mitgeschickte

eingeborene Polizeidiener im Zaume gehalten wurde. Was doch ein schlechtes

Gewissen für absonderliche Blüten zu treiben vermag!

Die besser situirten Europäer wohnen außerhalb der eigentlichen Stadt

in bequemen, luftigen, nur aus Parterreräumlichkeiten bestehenden

Landhäusern, die inmitten großer Gärten liegend wol als gesunde und

angenehme Wohnungen betrachtet werden dürfen. Dort findet man auch die

französischen Restaurants, welche auch hier, wie überall im Auslande,

sich durch gut gehaltene Gärten, vortreffliche Küche und Getränke,

aufmerksame Bedienung und mäßige Preise auszeichnen. Europäische Damen

von ganz reinem Blut trifft man hier eigentlich nur in den französischen

Beamten- und englischen Missionarfamilien, die andern, größtentheils

mütterlicher-, groß- oder urgroßmütterlicherseits von Tahitiern

herstammend, haben wenigstens ein klein wenig tahitisches Blut in ihren

Adern. Dieses tahitische Blut thut aber weder ihrer Schönheit, noch ihrer

Liebenswürdigkeit, noch ihrer theilweise vortrefflichen und vornehmlich

in England oder Australien genossenen Geistesbildung irgendwelchen

Abbruch, im Gegentheil. Ich hatte den Vorzug, zwei dieser Damen kennen zu

lernen, welche nicht nur durchaus feingebildete Weltdamen, sondern auch

in jeder Beziehung vortreffliche Hausfrauen sind, und schwerlich wird

jemand, da auch ihr Teint wol noch heller als der der Italienerinnen ist,

auf den Gedanken kommen, sie nicht als Europäerinnen der besten Kreise

anzusehen, wenn er nicht ihren Stammbaum kennen sollte. Es hatte für mich

einen eigenen Reiz, eine dieser an deutsche Herren verheiratheten Damen,

welche fließend tahitisch, englisch, französisch und spanisch spricht,

auch das reinste Deutsch sprechen zu hören und zu beobachten, wie ihre

Unterhaltung mit ihren kleinen Kindern sich in Ausdrücken bewegte, wie

sie nur die deutscheste Mutter in der zärtlichsten Stimmung zu finden

weiß. Und sollten Junggesellen diesen Zauber nicht verstehen, dann würden

sie sicher durch die feinen Umgangsformen der liebenswürdigen Wirthin

gewonnen werden, wenn ihnen der Vorzug zutheil würde, in ihr gastfreies

Haus Eingang zu finden.

Eingeborene sieht man in der Stadt, mit Ausnahme der stets heitern

herrlichen Mädchengestalten, welche mit duftenden Blumen bekränzt

durch die Straßen wandeln und dabei mit ihren fliegenden Gewändern den

Staub aufwirbeln, nur solche, welche träge in und vor den Häusern ihrer

reichen, an Europäer verheiratheten Verwandtinnen herumlungern. Diese

Belästigung geht soweit, daß die Hausfrau in der Regel einen ganzen Kreis

von Hofdamen zwischen 16 und 30 Jahren aus der Zahl ihrer weiblichen

Verwandten hat, welche oft dem Hausherrn das Leben recht sauer machen,

weil sie bei kleinen Differenzen stets auf der Seite der Hausfrau stehen,

unter Berücksichtigung ihres liebenswerthen Aeußern auch wol häufig genug

Veranlassung zu Eifersuchtsscenen geben. Aber auch sonst machen sie sich

unbequem, weil sie überall im Hause Zutritt haben. Denn wenn sie z. B. den

Hausherrn nicht zu Hause vermuthen, stürmen sie plötzlich in sein Zimmer,

während er beim Umkleiden ist; andererseits, wenn er beim Nachhausekommen

seine Frau aufsuchen will, wird er von einem halben Dutzend Mädchen wieder

zur Thür hinausspedirt, weil seine Anwesenheit gerade zur Zeit überflüssig

ist.

Ebenso wenig wie in der Stadt sieht man auch auf dem Hafen wirklich

einheimisches Leben; das bequemere europäische Boot hat hier das

zierliche Kanu fast ganz verdrängt. Die Männer, welche die Wäsche von

den Schiffen holen und diejenigen, welche Früchte zum Verkauf bringen,

sind meistentheils im Besitz irgendeines alten Bootes. Würde nicht ab

und zu ein Kanu zum Fischfang auf das Riff fahren, und sähe man nicht

zuweilen am Strande einige Mädchen ihre langen Gewänder abwerfen, um,

nur mit dem Pareo bekleidet, ein Bad zu nehmen, man käme hier in Papeete

nicht auf den Gedanken, auf einer polynesischen Insel zu sein. Im Hafen

Kriegs- und Kauffahrteischiffe, deren hin- und herfahrende Boote und nur

selten dazwischen ein Kanu; in der Stadt Beamte, Kaufleute, Soldaten und

Matrosen, und allerdings häufig genug lustige, lachende Mädchen, aber

keine eingeborenen Männer.

Ein flüchtiger Spaziergang durch die Stadt zeigte mir alles, was ich

hier überhaupt zu sehen bekam, und das war nicht viel. Um so dankbarer

muß ich es anerkennen, daß unser Consul, Mitdirector der 'Société

commerciale', mich mit den dienstfreien Offizieren zu einer Partie nach

dem Bergsee Waihiria einlud. An diesen Ausflug, zu welchem von Papeete

aus gewöhnlich mehrere Tage gerechnet werden, konnte ich bei unserm nur

kurzen Aufenthalte nicht denken, weil es mir unmöglich schien, denselben

ohne Schädigung anderer Interessen zur Ausführung zu bringen; der

liebenswürdige Herr hatte aber alles so vortrefflich arrangirt, daß wir

die Partie in anderthalb Tagen machen sollten, und dadurch wurde mir die

Zusage möglich.

Um von Papeete aus zu dem 500 m über dem Meere in den Bergen liegenden

See gelangen zu können, muß man zunächst auf der Ringstraße einen Weg

von 8 deutschen Meilen oder 60 km um die ganze Westküste der Insel

nach ihrer Südostseite bis zu dem Groß- und Klein-Tahiti verbindenden

Isthmus zurücklegen und dann von hier aus in dem Thal eines Bergflusses

den Aufstieg nehmen. Wir waren zusammen acht Personen und verließen

Papeete an einem schönen Morgen in zwei offenen, mit Sonnendächern

versehenen leichten Wagen; ein dritter mit Proviant, Wein und Eis war

schon voraufgegangen. Die flinken Pferde griffen gut aus, die Fahrt in

der großartigen Natur, bei dem prächtigen Wetter, war herrlich. Eine

vorzügliche, zu beiden Seiten mit Palmen und andern Bäumen besetzte

Straße; zur Linken die steilen, mächtigen, rothbraunen Bergmassen, welche

in der Regel nur in ihrem untern Theil mit Laub und Holz bestanden

sind, häufig aber von fruchtbaren, überaus üppigen, bis zu 700 m Höhe

ansteigenden Thälern, auf deren Sohlen Bergflüsse dem Meere zueilen,

durchschnitten werden; zur Rechten das weite Meer mit seinen eilig

hastenden Wogen, welches uns angenehme Kühlung brachte. Ueber einzelne

Flüsse -- wir haben im ganzen acht passirt -- führen Brücken, andere haben

dieselben bei Gelegenheit eines Wolkenbruchs zerstört und wir mußten hier

durch das Flußbett fahren. Der Weg führt an Landhäusern und Plantagen

vorbei, an Gärten und an Vanillepflanzungen, und alle anderthalb Stunden

fanden wir ein unter schattigen Bäumen gelegenes gutes Wirthshaus, wo wir

einen kleinen vorher für uns bereit gestellten Imbiß einnahmen und unsere

Glieder etwas streckten, bis die frischen Pferde, welche schon auf unsere

Ankunft warteten, eingespannt waren.

Daß es auf diesem langen Wege viel zu sehen gab, ist natürlich, doch

will ich von Naturschilderungen absehen und nur das anführen, was mich

besonders interessirt hat.

Zunächst erfuhr ich, als ich mein Befremden darüber aussprach, daß die

Kokospalmen nur am Strande und theilweise sogar in Sandboden zu finden

seien, daß dieser Baum nur in unmittelbarer Nähe der See Früchte trägt

und es noch nicht erwiesen sei, wo die Ertragfähigkeit größer ist, ob in

fettem Boden oder im Korallensand. Thatsache soll es sein, daß die Bäume

um so reicher Früchte tragen, je näher sie am Strande stehen, und zwar

ganz unabhängig von dem Boden, in welchem sie wachsen. Hieraus hat man,

da dicht am Strande gewöhnlich nur Korallensand gefunden wird, einerseits

gefolgert, daß dieser Boden der Kokospalme am zuträglichsten sei, während

andererseits behauptet wird, daß der größere Ertrag nur durch den größern

Salzgehalt der Luft, sowie den des Bodens dicht am Strande bedingt ist.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 16 / 56 段