befindliche Thier in Krystall zu schwimmen schien, und wäre das Schiff
nicht in Fahrt gewesen, dann hätte man dem Thier jede Bewegung absprechen
müssen. Der Körper war deutlich zu sehen, keine Flosse schien sich zu
bewegen, nur das bei scharfem Hinsehen erkennbare leichte Aufkräuseln des
Wassers an der über die Oberfläche hervorragenden Rückenflosse zeigte,
daß der Fisch in Bewegung war. Die Angel plumpste ins Wasser -- sie wird
absichtlich stets mit möglichst großem Geräusch geworfen -- und sofort
schwenkten die beiden Lootsen, denen der Hai gehorsam folgte, nach dem
Schiffe hin. Diese Lootsen sind kleine Fische, von denen stets zwei
den Hai begleiten, um, vor ihm schwimmend, ihn zur Beute zu führen, und
aus deren Vorhandensein man schließt, daß ihr Herr mit sehr schwachen
Gesichts- und Geruchsorganen ausgestattet ist. In geringer Entfernung von
dem Köder ließ das plötzlich entschiedene Vorgehen des Haies erkennen,
daß er nunmehr die Witterung hatte; die Lootsen nahmen jetzt ihren
Standort zu beiden Seiten ihres Herrn, welcher noch etwas vorschoß,
sich halb auf die Seite legte und dann mit seinem auf der Bauchseite
befindlichen und mit zwölf Reihen Zähnen bespickten mächtigen Rachen
zuschnappte. Gleichzeitig wurde so kräftig an der Angelleine gezogen,
daß der scharfe Haken tief in den Kiefer eindrang, und unser Opfer war
vorläufig an die Kette gelegt. Mächtige Schläge des Schwanzes wühlten das
Wasser auf und sagten den Lootsen, daß ihr Beschützer verloren war, denn
als das Thier mit dem Nachlassen der Leine wieder ruhig wurde, waren sie
verschwunden. Sobald die Ueberzeugung gewonnen war, daß die Angel gefaßt
hatte, wurde die Leine soweit nachgelassen, daß der Fisch wieder ohne
Schmerz schwimmen konnte, und nun folgte er geduldig dicht am Schiffe,
bis die Schlinge richtig placirt war. Dann wurde kräftig angezogen und
im nächsten Augenblick wand sich der Fisch -- zappeln kann man hier nicht
sagen -- mit dem Kopf nach unten hängend, in kräftigen Zuckungen über der
Schanzkleidung des Schiffes; noch einige Augenblicke und er lag, wüthend
um sich schlagend, auf dem Deck, wo jeder ängstlich dem Schwanze auswich,
während der Matador, ein mit einer Handspake bewaffneter Unteroffizier,
an seinem Kopfe zum Stoß bereit stehend auf den Augenblick wartete, wo
das Opfer nach Luft schnappen würde. Der Rachen öffnete sich, hinein fuhr
die Spake bis zum Magen und machte den Fisch steif. Nun war der Schwanz
unschädlich gemacht, die Matrosen sprangen zu und mit Hurrah ging es nach
dem Vorschiff, wo die Schlachtbank bereits bereitet war. Erst wurde der
Schwanz vom Körper getrennt, da zum Ablösen des Kopfes vorher die Spake
entfernt werden muß, das Thier aber ohne Kopf noch lange Zeit kräftige
Muskelzuckungen behält, mit welchen es schlimme Verletzungen schlagen
kann, wenn die Schwanzflosse noch am Körper ist. Dann wurde der Magen
untersucht, welcher nichts Auffälliges enthielt, und danach ging es an
die weitere Zerlegung, welcher ich aber nicht folgen, sondern nur kurz
anführen will, was aus den einzelnen Theilen wird. Die Schwanzflosse
wird an den äußersten Punkt des Bugspriets angenagelt, weil sie nach
einem Matrosenaberglauben an jener Stelle angebracht dem Schiffe Glück
bringt; die Schwanzstücke werden von der Mannschaft gekocht oder gebraten
gegessen; das Rückgrat und das Gebiß werden sorgsam gereinigt und als
Raritäten mit nach Hause gebracht.
Sobald der Hai auf dem Schiffe war, gingen die Leute, bis auf wenige,
welche den Fisch zerlegten, wieder an die Arbeit, doch die Stimmung,
welche vorher auf dem Schiffe gelegen, kehrte nicht wieder. Die Aufregung
der Jagd hatte alle unruhig gemacht und dies theilte sich dem ganzen
Schiffe mit. Diese Unruhe äußerte sich nicht in größerm Geräusch, denn
es war fast noch lautloser wie vorher, sondern zeigte sich in den Mienen
und Bewegungen der Leute. Die Arbeit wurde beendet, das beschmutzte Deck
mit Messern, Schrapern, Sand und Steinen wieder gereinigt, und erst dann
trat mit der Selbstreinigung der Mannschaft wieder die alte Stimmung ein.
Schon vor Beendigung der Arbeit ist das Verdeck für die große Waschung
vorbereitet worden. Das Tauwerk ist aufgehängt, etwa dreißig große,
mit süßem Wasser gefüllte Bütten stehen bereit, die Spritzenschläuche
sind an die Pumpen angeschraubt. Die Mannschaft strömt herbei und hat,
da wir auf dem Kriegsschiffe ja immer unter uns Männern sind, schnell
sich aller Kleider entledigt. Die Gelegenheit wird ausgiebig benutzt, da
ein solches Süßwasserbad nicht oft geboten wird; in kurzer Zeit ist die
ganze Mannschaft in Seifenschaum gehüllt. Dort steht ein Kranz Matrosen
in gebückter Stellung um ihre Bütte; die nächste Gruppe ist schon weiter
vorgeschritten, indem die Leute aufrecht stehen und einer dem andern
den Rücken abseift; weiterhin ragt aus der Mitte eines Kranzes über
die gebeugten Rücken die zusammengekauerte Gestalt eines Mannes hervor,
welcher in dem Waschfaß sitzt; daneben sitzen in einem größern Gefäß sogar
zwei sich gegenüber, welche sich gegenseitig abseifen, aber bald mitsammt
ihrer Wanne von den Kameraden umgeworfen werden, weil sie sich zu unnütz
machen. Kleine Scherze der verschiedensten Art beleben und erheitern das
Bild, die allgemeinste Lustigkeit bricht aber durch, sobald die Spritzen
zu spielen beginnen. Alles strömt herzu und ballt sich zu einem lebenden
Knäuel zusammen, auf welchen von erhöhtem Standpunkte aus die kräftigen
Wasserstrahlen fallen. Da wogen 200 kräftige, muskulöse Gestalten als
ein Bild der üppigsten Kraftfülle unter Lachen und Gejauchze hin und her,
sich gegenseitig verdrängend und verschiebend; in der Mitte die größere
Masse aufrecht stehend, und um diesen Kern herum ein Kranz theils auf
dem Gesicht, theils auf dem Rücken liegender Gestalten, welche das Bad
in dem langsam abfließenden Wasser dem kräftigen Strahl vorziehen. Die
Abendbrotzeit nahte, dem Baden mußte ein Ende gemacht werden, und eine
Stunde später saß die Mannschaft wieder auf dem Vordeck, um die Freizeit
nach dem Abendbrot zu genießen und, auf dem vom Monde hell beschienenen
Deck behaglich ausgestreckt, rauchend den Klängen der Musik zu lauschen,
welche mit ihren deutschen Weisen uns der Heimat näher rückte.
Das köstliche Wetter, der schöne Sonnenuntergang, bei welchem wir vor
drei Stunden für heute den letzten Blick auf das in weiter Ferne sich von
dem Himmel abhebende Inselland warfen, welches sein aus Wolken gewebtes
Tageskleid wieder abgelegt hatte, das magische Bild des von dem Monde
silbern überhauchten Schiffes, rufen in mir die märchenhaften Erinnerungen
wieder wach, welche mein Gemüth so mächtig bewegten, als ich vor 22 Jahren
als Knabe zum ersten mal Madeira in weiter Ferne sah und auf der längst
verschollenen „Amazone“ in einer ähnlichen Zaubernacht mit leichtem Winde
dieser schönsten aller Inseln entgegensegelte. Damals der vierzehnjährige
Knabe als preußischer Cadet auf seiner ersten Seereise, jetzt der Mann
als Commandant eines deutschen Schiffes vor einer ähnlichen Inselperle,
welche 15000 Seemeilen weiter von der Heimat entfernt ist. Was liegt nicht
alles in dieser verhältnißmäßig kurzen Spanne Zeit? Welche großartigen
politischen Umwälzungen haben sich nicht vollzogen, wie hat mein eigenes
Leben sich gestaltet? -- Es ist Zeit für mich, das Bett aufzusuchen,
weil ich um 3 Uhr morgens wieder auf dem Posten sein muß, da nach der
dem Schiffe gegebenen Segelführung dann das Land angesteuert wird, um bei
guter Zeit in Papeete eintreffen zu können.
6.
Tahiti.
Tahiti, 25. Mai.
Nach kurzer Ruhe wurde ich heute Nacht 1 Uhr wieder geweckt mit der
Meldung, daß das Leuchtfeuer von Tahiti in Sicht gekommen sei. Der Thurm
dieses Feuers ist auf derjenigen Landspitze erbaut, wo der berühmte
englische Seefahrer und Entdecker Cook im Jahre 1769 den Durchgang der
Venus beobachtet und danach diese Landspitze „Point Venus“ benannt hat.
Das Auftauchen eines Leuchtfeuers über den Horizont gibt die schnellste
und eine absolut sichere Ortsbestimmung für ein Schiff, spielt daher bei
der Navigirung eine große Rolle und erfordert stets die Anwesenheit des
Commandanten auf dem Deck, damit er sich persönlich von der Richtigkeit
aller Umstände überzeugen, den Ort des Schiffes in der Karte festlegen und
danach den neuen Curs bestimmen kann. Hier in diesem Theil der Südsee, wo
es mit Ausnahme dieses einen Punktes keine Leuchtthürme gibt, lernt man
so recht erkennen, welcher Unterschied zwischen der Seefahrt an den Küsten
civilisirter Staaten und den Küstenstrichen wilder Völkerschaften besteht.
Auf der See liegen vornehmlich alle Gefahren in der Nacht und im Nebel
verborgen, weil die meisten Collisionen, Strandungen, Kenterungen u. s. w.
dem Umstande zuzuschreiben sind, daß die Gefahr nicht früh genug erkannt,
daher nicht mehr vermieden werden konnte. Deswegen muß man sich bei Nacht
von solcher Küste, welche keine Leuchtfeuer zeigt, fernhalten; muß um
einsame Klippen, welche man bei Tage auf Steinwurfweite passiren könnte,
meilenweite Umwege machen. Ist die Küste aber mit Leuchtfeuern versehen,
trägt der einsame Fels einen Leuchtthurm oder ist auf der gefährlichen
Sandbank ein Leuchtschiff verankert, dann werden diese Punkte, welche
vordem der Schrecken der Seefahrer waren, auch bei Nacht aufgesucht,
werden zu sichern, gern gesehenen Führern, weil, wie ich nachher zeigen
will, das Feuer bei Nacht den Ort des Schiffes leichter bestimmen läßt,
als es bei Tage an dem Thurm, dem Träger des Feuers möglich ist.
Auf hoher See allerdings ist es auch den civilisirten Staaten versagt,
der Schiffahrt derartige Erleichterungen und Sicherheitsmaßregeln
zu schaffen. Da heißt es in seligem Gottvertrauen drauf los fahren;
trifft das Schiff bei hohem Seegang oder schneller Fahrt auf eine noch
unbekannte Klippe, auf das treibende Wrack eines verunglückten Schiffes,
oder wird es unvorbereitet von einer schweren Bö erfaßt, dann wird es in
den erstern Fällen in der Regel, in dem letztern Falle häufig mit Mann
und Maus verloren sein. Das sind eben die Chancen des Seelebens, welche
man mitnehmen muß, weil es unmöglich ist, während der Nacht still zu
liegen, denn sonst würde man mehr als die doppelte Zeit für die Reisen
gebrauchen, würde, ganz abgesehen von der verlorenen kostbaren Zeit, so
große Quantitäten an Proviant und Wasser mitnehmen müssen, daß die Schiffe
der Jetztzeit sie nicht zu fassen vermöchten.
Um die Ortsbestimmung durch ein Leuchtfeuer leichter verständlich zu
machen, muß ich auf die bekannte Thatsache zurückgreifen, daß infolge der
Kugelgestalt der Erde die Sehweite eines Gegenstandes von seiner Höhe über
dem Meeresniveau abhängt, und daß es bei zwei sich nähernden Gegenständen
einen Punkt gibt, wo sie sich in dem Horizont zuerst treffen und sich
gleichzeitig zu Gesicht bekommen. Daher werden die in der obenstehenden
Figur mit 'a' und 'b' bezeichneten Gegenstände in den gegenseitigen
Gesichtskreis kommen, wenn sie z. B. mit ihrer obersten Spitze die Linie
'A--B' berühren, und in diesem Falle wird der Treffpunkt in 'C' liegen.
Es ist hierbei natürlich gleichgültig, ob beide Gegenstände in Bewegung
sind oder nur einer, da, wenn 'a' einen bei 'x' errichteten Leuchtthurm
vorstellen soll, seine Sehweite bis 'C' reicht, seine oberste Spitze oder
sein Feuer also von dem Schiffe 'b' gesehen werden kann, sobald dieses
bei 'y' angekommen ist.
Zur Bestimmung der Sehweite eines Gegenstandes gibt es eine einfache
Formel, welche für die praktische Seefahrt ein hinreichend genaues
Resultat liefert. Es wird die in Fuß bekannte Höhe des Gegenstandes (diese
Formel ist nur anzuwenden, wenn die Höhe bekannt ist und dies ist bei
allen Leuchtfeuern natürlich der Fall) mit 4 multiplicirt, das Product
durch 3 dividirt und aus dem Quotienten die Quadratwurzel gezogen; das
Endresultat ergibt die Sehweite in Seemeilen. Beträgt also z. B. die Höhe
eines Leuchtfeuers über der Meeresoberfläche 108 Fuß, dann wird es von
einem im Wasserniveau befindlichen Beobachter auf Wurzel aus 4/3 x 108
also 12 Seemeilen gesehen werden; steht aber der Beobachter auf einem
Schiffe 19 Fuß über dem Meere, dann wird seine eigene Sehweite Wurzel aus
4/3 x 19 oder 5 Seemeilen betragen, er wird also in dem Moment, wo sein
Auge bei 'C' das über den Horizont hervorbrechende Licht sieht, 12 + 5
oder 17 Seemeilen von dem Standort des Leuchtthurmes entfernt sein. Peilt
der Beobachter nun gleichzeitig das Feuer mit dem Kompaß, d. h. stellt
er beim Insichtkommen die Himmelsrichtung, in welcher es zum Schiffe
steht, genau fest, dann ist er in der Lage, mit Hülfe eines Zirkels und
eines Lineals in wenig Augenblicken auf der Karte den Punkt zu bestimmen,
wo das Schiff sich befindet. Man sollte nun meinen, daß ein solches
Verfahren ebenso gut bei Tage möglich wäre, dies ist aber nicht der Fall.
Es kann als Regel angenommen werden, daß die Luft nie so klar ist, um das
Hervorbrechen der Spitze eines Thurmes über den Horizont genau feststellen
zu können, vielmehr wird ein im Lande stehender Thurm auch mit Hülfe eines
guten Fernrohres erst gesichtet werden, wenn er ganz oder doch zum größern
Theil über dem Horizont steht, während in einer mäßig klaren Nacht das
Feuer sich so scharf markirt, daß man es im Augenblick des Auftauchens
sogar durch ein Einziehen des Kopfes zwischen die Schultern wieder unter
den Horizont verschwinden lassen kann.
Nachdem der Stand des Schiffes bestimmt war, wurde beigedreht, d. h.
das Schiff mit kleinen Segeln so zum Winde gelegt, daß es sich nur
unbedeutend von seinem Platze fortbewegte, weil es wegen der nur noch
geringen Entfernung bis Papeete nutzlos war, vor Tagesanbruch den Curs
fortzusetzen. Ich konnte mir daher noch zwei Stunden Schlaf gönnen, stand
um 4 Uhr wieder auf der Commandobrücke und ließ nun dem Schiffe volle
Segel geben, um mit Tagesanbruch dicht unter der Küste zu sein.
Kurz nach 6 Uhr -- die Tropen kennen ja keine Dämmerung -- bricht
der volle Tag in seiner ganzen Glorie aus der Nacht hervor, die Sonne
steigt als rothglühender Ball aus den Fluten und wirft ihr noch mattes
tiefrosiges Licht auf das ziemlich plötzlich und schnell aus der
Dunkelheit hervortretende, hoch zum Himmel strebende Tahiti. Ein aus
dünnem Nebel gewobenes Nachtgewand umhüllt das Land und schmiegt sich
weich wie ein Schleier seinen Formen an, ist durchsichtig, wo es auf
den Bergrücken glatt aufliegt, verdichtet sich zu fester Hülle, wo in
den Thälern Falte auf Falte geschichtet liegt. Eigenthümlich! Das Land
scheint beim Erwachen des Tages sich zu beleben. Schlaftrunken und leblos
wird es in seinen höhern Regionen von den ersten Strahlen der für uns
noch unter dem Horizont stehenden Sonne getroffen, während das Unterland
noch in tiefem Schatten liegt. Schnell überläuft das Licht mit dem
Höhersteigen der Sonne das Land von dem obersten Berggipfel herunter bis
zum Strande; die Insel bewegt und reckt sich, ermannt sich und blickt
fest auf den Füßen stehend dem jungen Tage mit klarem Blick entgegen,
sobald die warmen Strahlen des mächtigen Tagesgestirns den untersten
Saum des Landes erreicht haben. Aus dem duftigen Nachtgewand, welches
unter den Sonnenstrahlen langsam verdunstet, tritt der schöne unverhüllte
Leib hervor, um sich im frischen Morgenthau zu baden, läßt sich von den
Licht- und Wärmestrahlen tosend umarmen, um von ihnen Nahrung für sein
animalisches und vegetabilisches Leben zu empfangen. Frei von jeder Hülle
steht das aus einem blau und weißen Rahmen heraustretende hohe Bergland
dicht vor uns in dem Meere. Die Brandung auf dem Korallenriff, welches
die Insel umrahmt, gleicht einem blendend weißen Schaumkranz, hinter
welchem bis zum Strande ein Gürtel spiegelglatten azurblauen Wassers
liegt. Am Lande steigen dünne Rauchsäulen auf, einzelne Kanus stoßen vom
Strande ab, um auf den Fischfang zu gehen, Vögel ziehen lautlos über die
Wasserfläche hin, und lautlos wie ein Riesenvogel segelt die „Ariadne“
mit aufgeblähten Segeln dicht an der Riffbrandung entlang. Der aus
blauem Krystall und Schneeschaum gewundene Gürtel, die duftigen Palmen
am Strande, das rothe, braune, graue und schwarze Gestein der felsigen
Bergrücken, die saftigen Thäler und die üppigen Wälder auf den fruchtbaren
Bergabhängen, die langen tiefen Schluchten und die mächtigen Bergkegel:
dies alles scharf heraustretend aus dem durchsichtig blauen Hintergrunde,
von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne erwärmt und durch die
erwachende Natur belebt, gibt ein wahrhaft ergreifendes Bild von der Größe
der Schöpfung. Unbewußt zieht tiefe Andacht in das Herz des Menschen ein,
seine Seele will sich von dieser Erde lösen und einen Flug beginnen, der
ihr versagt bleiben muß. Ein Blick nach der offenen See -- und die tiefe
Andacht, welche den Menschen erfaßt hatte und durch die mit ihr verbundene
Unachtsamkeit dem Schiffe unter Umständen hätte Gefahr bringen können,
ist dahin, der Mensch denkt nur wieder allein an seine Pflicht, läßt zwar
ab und zu noch mit Wohlgefallen seine Blicke über das köstliche Bild
schweifen, ist aber doch gegen nochmalige Verzauberung gefeit. Und was
brachte diesen plötzlichen Umschwung? Ein erbitterter Kampf um das Dasein
zwischen Fischen und Vögeln, ein Kampf, wie er sich dem aufmerksamen
Beobachter in dem Thierreich zu jeder Zeit und an jedem Ort bietet, wenn
auch nur selten in so häßlicher Form wie in diesem Falle. Ein lautes
Gekreisch und Geplätscher lenkt unsere Blicke nach der offenen See hin,
dort, nicht weit von uns, ist ein kleiner Fleck im Wasser im vollsten
Aufruhr. Armlange Fische springen scharenweise aus dem hochaufspritzenden
Wasser, um einem größern Raubfisch zeitweise zu entgehen, doch über ihnen,
dicht über dem Wasser, flattern Scharen von kleinen weißen krächzenden
Seevögeln, welche heißhungerig sich auf die aus dem Wasser springenden
Fische stürzen und diesen mit ihren kleinen scharfen Schnäbeln große
Stücke Fleisch aus dem lebenden Körper reißen. Vernichtung unter der
Wasseroberfläche, Verstümmelung über derselben: das ist das Los der so
oft als die glücklichsten Thiere gepriesenen Fische, welche erst dann
wieder Ruhe finden, wenn der Feind aus dem eigenen Geschlecht gesättigt
ist und ihnen gestattet, in tieferm Wasser Schutz gegen die unbarmherzigen
Bewohner der Lüfte zu suchen.
Inzwischen ist der Tag weiter vorgeschritten; die Sonne, welche hier in
sechs Stunden fast bis zum Zenith steigen muß, hat um 8 Uhr schon eine
solche Höhe erreicht, daß ihre Strahlen das Land zu versengen drohen
und es zwingen, wieder unter dem Wolkenkleid, welches am vorhergehenden
Abend nach Sonnenuntergang abgelegt wurde, Schutz zu suchen. Kleine
Wölkchen lehnen sich an die Bergspitzen an, verdichten sich und schwellen
an, umlagern dann die obern Bergkuppen und wachsen so lange, bis sie,
allmählich sich senkend, die ganze obere Hälfte der Insel mit einer
dichten Wolkenhaube bedecken, welche das nach Feuchtigkeit lechzende Land
in so ergiebiger Weise mit Wasser versieht, daß trotz des in jetziger
Jahreszeit seltenen Regens die Vegetation in köstlichster Frische
prangt und die in den Thalschluchten von den Höhen nach unten eilenden
Bergflüsse nie versiegen. Hier unten bei uns ist es aber heiß, sehr heiß;
der kühlende Landwind ist wieder abgestorben, die Seebrise noch nicht
erwacht. An Stelle der Segel ist vor kurzem die Schraube getreten, und in
einer halben Stunde, gegen 9 Uhr, werden wir in Papeete ankern, um das
Schiff schnell auszurüsten und in zwei bis drei Tagen dann nach unserm
eigentlichen Bestimmungsort weiterzugehen.
11. Juni.
Seit einigen Stunden befinden wir uns nun endlich auf dem Wege nach den
Samoa-Inseln.
Ehe ich die Ereignisse der letzten vierzehn Tage bespreche, will ich in
kurzen Umrissen ein Bild des Landes und der Bewohner von Tahiti geben,
zuvor aber einen kurzen Abriß der Entdeckungsgeschichte dieser Insel, wie
sie in den englischen Segelanweisungen von A. G. Findlay enthalten ist,
einfügen. Diese Entdeckungsgeschichte wird gleichzeitig auch zeigen, warum
so viele Inseln des Stillen Oceans so verschiedene Namen tragen und wie
schließlich doch die Bezeichnungen der Eingeborenen wieder in ihr Recht
treten.
Tahiti ist zweifellos zuerst von einem Spanier Pedro Fernandez de Quiros
am 10. Februar 1606 entdeckt und von ihm La Sagittaria genannt worden,
ohne daß in damaliger Zeit diese Entdeckung weiter verfolgt oder in
weitern Kreisen bekannt geworden wäre, denn Thatsache ist es, daß eine 160
Jahre später von dem König Georg III. von England zu Entdeckungen nach der
Südsee ausgeschickte Expedition von dem Vorhandensein dieser Insel nichts
wußte. So konnte Wallis, der Führer dieser Expedition, sich auch das
Verdienst zuschreiben, Tahiti am 19. Juni 1767 entdeckt zu haben und das
Recht in Anspruch nehmen, einem bis dahin unbekannten Lande einen Namen
zu geben. Er nannte es King George-Island und nahm es durch Aufhissen der
englischen Flagge für seinen König in Besitz. Doch die Eingeborenen holten
die Flagge bald wieder herunter und benutzten sie in spätern Jahren als
ein Zeichen ihrer eigenen Unabhängigkeit.
Noch ehe diese zweite Entdeckung bekannt wurde, erfuhr Tahiti im folgenden
Jahre am 2. April 1768 diese Ehre zum dritten mal und zwar durch den
rühmlich bekannten französischen Seefahrer de Bougainville in dem Schiffe
„Boudeuse“, welcher die Insel 'Nouvelle Cythère' benannte. Am 12. April
1769 langte Cook in Tahiti an, um von hier aus den Durchgang der Venus
durch die Sonne zu beobachten. Das Gelingen der Beobachtung am 3. Juni
desselben Jahres, die in derselben Zeit erfolgte Aufnahme des Landes und
der Häfen, welche bislang noch immer unübertroffen dasteht und die noch
jetzt maßgebende Karte lieferte, sowie die gleichzeitige Entdeckung der
nordwestlich gelegenen Gesellschafts-Inseln haben diese Reise zu einer
besonders werthvollen für die Wissenschaft gemacht. Cook war auch der
erste, welcher der Insel ihren einheimischen Namen wiedergab, nachdem
sie vorher drei Namen erhalten hatte, die heutzutage so gut wie vergessen
sind. In derselben Zeit fürchteten die Spanier, daß der englische Einfluß
in der Südsee zu sehr wachsen könne; der Vicekönig von Lima erhielt
daher den Befehl, von Tahiti Besitz ergreifen zu lassen, woraufhin eine
spanische Expedition unter Don Domingo Bonecheo entsandt wurde, welche am
10. November 1772 in Tahiti anlangte und es Amat oder Tagiti benannte.
Der Bericht Bonecheo’s nach seiner Rückkehr hatte zur Folge, daß er im
September 1774 wieder dahin geschickt wurde, um nunmehr von der Insel
Besitz zu ergreifen. Er durchforschte zunächst das Land, starb aber schon
am 26. Januar 1775, worauf die spanischen Schiffe unverrichteter Sache
nach Lima zurückkehrten. Im August 1777 besuchte Cook noch einmal Tahiti
als das letzte europäische Schiff für den Zeitraum von 11 Jahren.