Nuka-hiva lag bald hinter uns. Zu unserer Linken hoben sich, von der

Abendsonne goldig überhaucht, einige andere Inseln der Gruppe scharf

von dem blauen Himmelshintergrunde ab und tauchten allmählich unter den

Horizont. Die anbrechende Dämmerung verhüllte dieses langsam sich senkende

Bild. Jetzt ist der Tag ganz entschwunden, wir sind wieder allein und

eilen mit frischem Winde und vollen Segeln einem Theil unserer Erde zu,

welcher noch vor wenig Jahren von den Seeleuten allgemein gefürchtet

wurde, jetzt aber, infolge sorgsamer Vermessungen der letzten Jahre,

nicht mehr zu schrecken vermag. Es ist dies der Archipel der „Niedrigen

Inseln“, von den Eingeborenen sehr bezeichnend Paumotu oder „Inselgewölk“

genannt. Dieses Inselgewölk erstreckt sich in der Richtung von Südost

nach Nordwest von 22° bis zu 14° Südbreite, also über einen Flächenraum

von etwa 1500 Seemeilen, und zählt nahezu 100 Koralleninseln, die so

dicht zusammenliegen, daß die eine immer in Sicht der andern liegt.

Keine dieser Inseln erhebt sich mit ihrem festen Rücken mehr als 3 m

über den Wasserspiegel, die meisten überragen denselben nur mit einem

Theil ihrer Peripherie, während der andere Theil sich noch unter Wasser

befindet und für die Schiffahrt gefährliche Riffe bildet. Denn wenn

auch bei Tage und klarem Wetter die Brandung auf diesen Riffen weithin

sichtbar ist, so weit, daß für ein Schiff keine Gefahr entstehen kann,

so ist eine solche bei Nacht, wo das Auge den Dienst verweigert und

man auf das Gehör allein angewiesen ist, doch vorhanden, da das Ohr

ein sehr unvollkommener und namentlich ein trügerischer Führer ist. Die

Inseln dieses Archipels sind durchweg sogenannte Laguneninseln (von den

Engländern mit dem indischen Ausdruck „Atoll“ benannt), Steinringe, welche

einen See (Lagune) umschließen, der fast stets durch eine oder mehrere

Einfahrten von geringer Breite mit dem Meere in Verbindung steht. Die

Größe dieser Atolls ist nach der Karte sehr verschieden, ihr Durchmesser

schwankt zwischen 5 und 30 Seemeilen. Früher war man auch noch der

Ansicht, daß die verschiedenen Inseln unter sich durch unterseeische

Korallenriffe miteinander verbunden seien, weshalb die Schiffe es

vermieden, diese Gruppe zu durchschneiden, und in der Regel einen großen

Umweg wählten. Da indeß die neuesten Vermessungen ergeben haben, daß

derartige Verbindungsriffe nicht vorhanden sind, sondern zwischen diesen

Korallengebilden freies tiefes Wasser liegt, so kann die Passage durch

den Archipel als eine relativ sichere gelten. Die einzig zu beachtende

Vorsicht ist nur die, daß man den Curs zwischen solche Inseln legt,

welche an der Passage sich über das Wasser erheben, und daß man sorgsame

Rücksicht auf die hier herrschenden starken und unregelmäßigen Strömungen

nimmt.

Ueber die Entstehung der Koralleninseln schwanken die Ansichten noch

insofern, als die einen behaupten, daß die Korallenthierchen, welche nur

bis zu einer gewissen Wassertiefe bauen, ihre Bauten auf allmählich sich

senkendes Land errichten und sich so immer mit ihrem obern Kamm in dem

Wasserniveau halten, während andere dies verneinen und die Entstehung

dieser Inseln vulkanischen Erhebungen zuschreiben. Es ist wol zweifellos,

daß die erstere Ansicht da zutrifft, wo das Kalkgemäuer sich bis zu einer

Wassertiefe erstreckt, in welcher die Korallenthierchen nicht mehr zu

leben vermögen, während bei den bewohnten Koralleninseln nur die letztere

Auffassung zutreffen dürfte.

Ich will hier eine kurze Erklärung über die Entstehung dieses merkwürdigen

künstlichen Landes folgen lassen und zum bessern Verständniß die

nebenstehende Skizze beifügen. Vulkanische Erhebungen des Meeresbodens

bilden das Fundament. Vereinzelte Koralleninseln findet man sehr selten

und dann auch nur umgeben von ausgedehnten Korallenriffen; meistentheils

liegen sie gruppenweise zusammen, ebenso wie die in der Nähe liegenden

Gruppen hoher vulkanischer Inseln. Ja, sie geben in ihren Contouren und

ihrer äußern Erscheinung das Bild der Gipfel einer hohen Inselgruppe

wieder. Die Laguneninsel mit tiefem Wasser in dem Innensee zeigt uns

das Bild eines noch actionsfähigen Kraters; diejenige, deren Lagune nur

seichtes Wasser hat, sagt uns, daß der Krater verschüttet ist und in

demselben Schlamm und fließender Sand liegt, worauf die Korallen keinen

festen Fuß fassen können, wenn nicht etwa, wie in ausgebrannten Kratern,

auch hier Schwefeldämpfe die Korallenthierchen abhalten. Die vollen, in

der Mitte höher sich hebenden Koralleninseln lassen keinen Zweifel, daß

ihr Fundament ein fester Berggipfel ist. Wie schon angedeutet, vermögen

die Korallen nicht über eine bestimmte Wassertiefe hinabzugehen (ich

glaube, die äußerste Grenze ist 60 m von der Oberfläche entfernt). Sobald

die Thierchen mit ihrem kunstvollen Bauwerk die Wasseroberfläche erreicht

haben, sind sie an ihrem Ziele angelangt, sterben, da sie ohne Seewasser

nicht mehr leben können, auf dem Kamme ab, und nun ist es nur eine

Frage der Zeit und günstiger Umstände, daß das Riff sich zu einem Körper

bildet, welcher Pflanzen und Menschen zu leben gestattet. Korallenriffe,

welche auf fallendem Lande erbaut sind, könnten sich daher nur durch

Ablagerungen und Anschwemmungen unendlich vieler kleiner, fester Körper

aus dem Meere zu einer Insel entwickeln, und zu solch einer Entwickelung

würden Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende gehören. Daß aber eine solche

Entwickelung überhaupt nicht möglich ist, zeigen die vor hohen Inseln und

überhaupt festem Lande liegenden Korallenriffe, welche, wie im Rothen

Meere und Indischen Ocean, schon seit Jahrhunderten, um nicht zu sagen

Jahrtausenden, immer dieselbe Gestalt zeigen. Der in der Meeresoberfläche

liegende Rücken der Korallenbank wird ununterbrochen so stark von der

Brandung gepeitscht, daß nichts dort festen Fuß fassen kann, was nicht

direct aus den Korallen herauswächst und das wieder kann nicht an der

Luft leben. So können nur diejenigen Korallenriffe, welche durch Hebung

ihres Fundaments über das Meeresniveau gestiegen sind, nach erfolgter

Verwitterung des Korallengesteins oder nach erfolgter Anschwemmung in

verhältnißmäßig kurzer Zeit culturfähig werden, wenigstens culturfähig für

die Kokosnußpalme und eine Art Eisenholz, welche zu ihrem Gedeihen gerade

den Korallensand und keinen Humus verlangen. Ich muß übrigens an dieser

Stelle darauf verzichten, eine nähere Beschreibung dieser Inseln zu geben,

da die Verhältnisse mir nicht gestatten, auf dieser Tour eine derselben

anzulaufen; ich werde indeß im weitern Verlauf der Reise im westlichen

Theil der Südsee noch in vielfache Berührung mit ihresgleichen kommen,

dann also competenter zu solcher Aufgabe sein. Hier will ich nur noch

einmal auf die umstehende Skizze hinweisen, um durch dieselbe zu zeigen,

warum außerhalb der von den stets senkrecht bauenden Korallen errichteten

Inseln in der Regel tiefes Wasser ist.

24. Mai.

Gestern vormittags 11½ Uhr kamen einige der Koralleninseln in Sicht, d. h.

nur die auf ihnen wachsenden Kokospalmen, welche ihre Wurzeln scheinbar

in den Ocean geschlagen haben, da das niedrige Land erst sichtbar wird,

nachdem das Schiff sich der Insel einige Seemeilen mehr genähert hat.

Da ich bisher noch keine Koralleninseln gesehen hatte, so lief ich

dicht heran, um, an der niedrigen Küste entlang segelnd, einen Einblick

zu erhalten. Es macht einen eigenthümlichen Eindruck, diese schmalen

Landstreifen zu sehen, welche, dicht mit schattigen Bäumen bewachsen,

hier in dem unendlichen Weltmeere wie Oasen unter dem farbenprächtigen

Tropenhimmel liegen und, von der hier ewig heißen Sonne beschienen, von

einem merkwürdig sonntägig melancholischen Hauch umweht sind. Hier und da

sieht man zwischen den Bäumen einige Hütten hervorlugen, Menschen gewahrt

man aber nicht. Wozu sollten diese Leute auch in der heißen Mittagszeit

ihre Hütten verlassen? Was sie zum Leben gebrauchen, geben ihnen die

Kokosnüsse und die in den Morgenstunden unternommenen Fischzüge; andere

Nahrung kennen sie nicht, sogar das Wasser fehlt ihnen. Kokosnußkerne

und Fische bilden die Speise, Kokosnußmilch das Getränk. Das Leben auf

diesen Inseln würde daher unmöglich sein, wenn die Kokosnußpalme nicht

ununterbrochen, unabhängig von der Jahreszeit, stets Blüten und Früchte

jeden Alters, von der ersten Anlage bis zur vollkommenen Reife, trüge.

Arbeit bringt den Leuten keinen Nutzen, ihr ganzer Lebenszweck besteht

daher in Essen, Trinken, Schlafen und in der Sorge für ihre Fortpflanzung.

Da die hohen Bäume einen Blick auf die andere Seite des schmalen

Landstreifens von dem Deck aus nicht zulassen und nur ab und zu dem

Auge erlauben, für Momente die schöne, hellgrüne Farbe des Inselsees

zu erhaschen, so stieg ich mit einigen Offizieren, denen sich sogar der

Schiffsarzt anschloß, in die Takelage, um von diesem erhöhten Standpunkte

aus einen freien Ueberblick zu erhalten. Jetzt liegt die ganze Insel

vor uns -- zu unsern Füßen der schmale, mit saftigem Laub bedeckte

Landstreifen, an den sich in der Ferne die noch im Wasserspiegel liegenden

Riffe anschließen, welche sich wol nie zu fruchtbarem Boden entwickeln

können, da die jahraus jahrein von derselben Richtung auflaufenden Wogen

das Riff mit einer so gewaltigen Brandung überspülen, daß die kleinen

Keimchen, welche sonst unter Umständen eine so starke Brustwehr zu bilden

vermögen, hier doch keinen festen Fuß fassen können. Merkwürdigerweise

müssen hier in der Südsee die von dem Passat aufgewühlten Wellen in

Bezug auf Höhe und Kraft vor einem Nebenbuhler zurücktreten, welcher

in einer Entfernung von etwa 2000 Seemeilen von den in den südlichen

Breiten herrschenden schweren Südweststürmen erzeugt ist und in Form einer

gewaltigen Dünung seinen Weg bis zu unserm augenblicklichen Standpunkt zu

finden weiß.

Die Insel würde ein lohnendes, aber sehr schwieriges Thema für einen

geschickten Maler abgeben; schwierig, weil nur die vollendetste Kunst

die großen Contraste, welche sich hier dem Auge bieten, im Bilde wird

wiedergeben können. Die tiefblaue Meeresflut, welche hier in Lee der

Insel von der vorher genannten Südwestdünung nicht beunruhigt wird,

ist nur leicht bewegt von dem kühlenden Passat, dessen kosendes Spiel

die Wasserfläche mit unzähligen Schaumköpfen bedeckt. Sanfte niedrige

Brandung bespült weich diesen blendend weißen Streifen Landes, auf dem

die Kokospalmen mit ihren schlanken, graugrünen Stämmen gen Himmel streben

und ihre duftigen saftig-grünen Laubkronen in dem frischen Winde spielen

lassen. Niedriges Buschwerk und Gräser bedecken den Rücken des Landes

und überziehen den grellen Korallensand mit einer dem Auge wohlthuenden

Farbe. Auf der andern Seite des Landes liegt die smaragdfarbene Lagune,

welche regungslos, von dem Winde unberührt, der Sonne wie ein riesiger

Edelstein entgegenstrahlt, während dieses erhabene Gestirn glänzend in

dem durchsichtigen Aether steht und seine warmen Strahlen auf dieses in

stillem Frieden daliegende Stück Erde hinabsendet. Doch welche Veränderung

sieht das Auge, sobald es weiter schweift! Zur Linken und Rechten verläuft

das Land in Riffe, über welche die schweren Südwestwogen brüllend

hinwegbrechen und ihren Gischt bis zu 15 m Höhe hinaufschleudern. Der

ganze See ist in der Ferne von einer dichten Dunstmasse umrahmt, denn

jenseit der Lagune sieht man nur noch den Wasserstaub der sich brechenden

Wogen, da die Brandung selbst schon weit unter dem Horizonte liegt.

Dieser Dunstkreis gibt dem Himmel an jener Seite eine graue Färbung und

ein stürmisches Aussehen; man glaubt dort an einem rauhen Herbsttage die

entfesselten Elemente kämpfen zu sehen, während hier das Schiff im schönen

Hochsommer sanft die Wogen des majestätischen Weltmeers durchschneidet.

Im Laufe des gestrigen Nachmittags wurden noch einige dieser Inseln

passirt, welche indeß ein trauriges Bild wüster Zerstörung zeigten. Vor

einigen Monaten hat ein schwerer Orkan seinen Vernichtungsweg über einen

Theil dieser Inselgruppe genommen, dort, wo er einkehrte, fast alle Bäume

entwurzelt und die Menschen in die salzige Flut geschleudert, wo Hunderte

ihren Tod fanden. Nur wenige, welche sich an Baumstämme angeklammert

hatten, wurden gerettet.

Während der letzten Nacht befand sich das Schiff inmitten dieses

Inselgewölks, wurde mit großer Sorgfalt in freiem Wasser gehalten,

passirte heute Morgen die letzten Inseln und hat nun, den Curs nach dem

schönen Tahiti gerichtet, diese doch immerhin unbehagliche Gegend hinter

sich.

Der heutige Tag sollte uns nach Papeete, der Hauptstadt von Tahiti,

bringen. So durfte es wenigstens angenommen werden, wenn die

Meeresströmungen das Schiff seit gestern Mittag nicht zu sehr aufgehalten

hatten. Die Insel ist so hoch (etwa 2240 m), daß die höchste Spitze bei

klarem Wetter auf 90 Seemeilen Entfernung sichtbar ist; es wurde daher

schon mit dem anbrechenden Tage nach dem ersehnten Lande ausgesehen, um

seine schwachen Umrisse möglichst früh zu erspähen. Die höher steigende

Sonne schichtete aber dort, wo die schöne Insel liegen mußte, Wolken

auf, gab dem Lande das feuchte Tagesgewand, welches dem Erdreich Segen,

dem Seefahrer aber so bittere Enttäuschung bringt. Wenn nun auch wenig

Hoffnung war, das Land vorläufig zu sichten, so ging es hier doch wieder

wie immer. Die Ferngläser wichen nicht von jener Wolkenbank, jeder wollte

Tahiti zuerst sehen, wollte seinem erfahrenen Auge den Triumph gönnen,

in dem Wolkenschleier einige schwache Contouren zu entdecken, welche

zweifellos dem Lande gehörten und nicht die Ränder einer Wolke bildeten.

Es mag auffällig erscheinen, daß ältere Leute sich so abquälen und ihre

Augen so unnütz anstrengen, da sie doch den Stand des Schiffes genau

kennen und wissen, was jenes Gewölk in sich birgt. Wer aber weiß, wie

oft das geübteste Auge durch Wolkenbildungen, die fernem Lande täuschend

ähneln, angeführt wird, der wird auch den Reiz verstehen, welcher in

solcher Augenübung liegt. Stunden vergingen, und erst 11½ Uhr vormittags

brach hoch über dem Horizont aus dem Gewölk der höchste Pic von Tahiti

hervor. Noch war die Möglichkeit, den Hafen vor Einbruch der Nacht zu

erreichen, vorhanden; das eine Stunde später festgelegte Mittagsbesteck

ergab aber noch eine Entfernung von 70 Seemeilen, ein Stück Weges,

das unter den obwaltenden Verhältnissen in sechs Stunden nicht mehr

zurückgelegt werden konnte.

Der Tag war herrlich und so recht geeignet, das Schiff nach der langen

Seereise von Panama aus, vor Ankunft in dem fremden Hafen wieder in einen

Zustand der Ordnung und Reinlichkeit zu bringen, wie man im Auslande die

deutschen Kriegsschiffe zu sehen gewohnt ist. Während in dem gewöhnlichen

Alltagsdienst auf See nur die Wache, also die Hälfte der Mannschaft, zum

Dienst herangezogen wird, müssen heute alle Mann heran, da nur auf diese

Weise die umfangreiche Arbeit bewältigt werden kann. Denn es gilt, die

ganze Außenseite des großen Schiffes bis zum Wasserspiegel und die ganze

Takelage bis zum Blitzableiter zu waschen, zu säubern und mit frischer

Farbe zu versehen. Diese Theile des Schiffes lassen sich auf hoher See

nicht so parademäßig halten, wie sie im Hafen sein müssen. Die Wellen,

welche die Außenseite des Schiffsrumpfes fortgesetzt bespülen, lösen die

Farbe mit der Zeit ab; ihr Wasser überzieht die Schiffswände, ihr Gischt

die untern Theile der Takelage mit einer festen Salzkruste; der aus

dem Schornstein entströmende Rauch schwärzt Masten, Segel und Tauwerk;

es würde daher ein vergebliches Beginnen sein, die vorgenannten Theile

des Schiffes auf hoher See in der gewünschten Sauberkeit erhalten zu

wollen. Den Wellen läßt sich ebenso wenig gebieten Ruhe zu halten, wie

der Windstille, ihre Ruhe aufzugeben; die Wellen treiben unaufhörlich

ihr Versalzungswerk, die Stille verlangt den Dampf, wenn, wie es bei

uns der Fall war, das Schiff beschleunigte Segelordre hat. Könnte aber

auch zeitweise mit Sicherheit auf ruhiges Wasser und auf leichten Wind

gerechnet werden, so würde doch zur Reinigung das Wasser fehlen, auf dem

endlosen Meere -- das Wasser. Soll die neue Farbe auf den Schiffswänden

haften, soll das Tauwerk geschmeidig bleiben, dann darf zu dem Waschen nur

süßes Wasser verwendet werden, ein Artikel, welcher in dem heißen Klima

den durstigen Menschen wegen ungenügenden Vorraths nur so knapp zugewendet

werden darf, daß an eine Vergeudung in der vorher angedeuteten Weise auf

hoher See nicht gedacht werden kann. Erst in nächster Nähe des Hafens,

und auch nur vor einem solchen Hafen, wo mit Sicherheit gutes Trinkwasser

erwartet werden kann, darf die Verschleuderung dieser meistentheils so

gering geachteten und doch so edeln Flüssigkeit erlaubt werden.

Die Befehle waren ertheilt, und die Mannschaft eilte, sich für den halben

Festtag zweckmäßig zu kleiden. Eine solche Generalreinigung ist für

den Matrosen gewissermaßen ein Fest, denn es gehört zu seinen liebsten

Beschäftigungen, bei gutem Wetter mit dem Farbenquast hantieren zu können;

auch ist ihm bei solcher Arbeit eine leise Unterhaltung mit seinem Nachbar

erlaubt, was den Reiz noch erhöht. In kurzer Zeit ist die Toilette, welche

aus dem schlechtesten Zeuge und umgekrempelter, mit dem Futter nach außen

gekehrter Mütze besteht, beendet, das Deck füllt sich wieder mit Menschen,

welche Stellagen für die äußern Schiffswände und Fahrstühle für die Masten

herrichten, Eimer, Schwämme und die zum Malen erforderlichen Requisiten

herbeischaffen. Der Erste Offizier, erfreut, endlich sein Schiff wieder

durchweg schmuck machen zu können, ist überall, wird gewissermaßen zur

selben Zeit aller Orten, hinten und vorn, oben und unten, außenbords

und in der Takelage gesehen. Die Takelage belebt sich mit Menschen; vom

obersten Flaggenknopf bis zum Fuß des Mastes, auf den Raaen, überall ist

reges Treiben. Die Stellagen werden an der Schiffsseite herabgelassen,

so weit, daß die auf ihnen sitzenden Leute mit ihren Füßen eben frei

von der Wasseroberfläche bleiben; die zu diesem Dienst beorderten Leute

schlingen jeder sich ein Sicherheitstau um den Leib, welches, obgleich

oben am Schiff befestigt, doch außerdem noch in der Hand eines als

Wächter postirten Matrosen ruht. Die Vorbereitungen sind, da jedermann

seinen Dienst genau kennt, in wenigen Minuten beendet, und spätestens

eine halbe Stunde nach dem ersten Befehl ist die Arbeit in vollem Gange.

Schwanengleich gleitet das Schiff bei dem leichten Winde unter vollen

Raasegeln durch das nur wenig bewegte Wasser; von dem Vorschiff dringt

das leise Rauschen des von dem Schiffsbug aufgewühlten Wassers eintönig

und doch so melodisch nach hinten; leises Summen durchweht die Takelage,

scheinbar aus der Tiefe des Meeres kommend klingt das Gemurmel der

außerhalb beschäftigten Leute auf das Schiff herauf. Eine auffallende

Ruhe ist über das Schiff gebreitet, und doch ist das ganze Schiffsvolk in

emsiger Thätigkeit. Die Matrosen hängen in der Takelage wie Bienen, die

eine blühende Linde umschwärmen; die Schanzkleidung ist rundherum garnirt

mit den Wächtern der Sicherheitstaue, welche, träumerisch in die Ferne

schauend, nur ab und zu einen Blick auf ihre Schützlinge werfen.

So steuert das Schiff, ein Bild innern Friedens, dem jetzt schon deutlich

sichtbaren Lande zu. Da plötzlich ertönt hinten von der Außenseite des

Schiffes her der Ruf: „Hai achterraus!“ Das Schiff ist sofort ein anderes.

Das Commando des wachthabenden Offiziers: „Alle Mann innenbords!“ gibt

dem Ersten Offizier einen Stich ins Herz, da er nun keine besonderen

Vorbereitungen für den Empfang der mit schwarzer Farbe beschmierten

Malkünstler treffen kann. Anstatt auf sorgsam ausgebreitete Matten zu

treten, springen diese Leute mit ihren bemalten Füßen auf das schneeweiße

Deck, um dasselbe fast ebenso schwarz wie die Schiffswand zu machen; es

gilt ja aber nicht blos, den eben empfangenen Befehl zu befolgen, sondern

auch theilzunehmen an dem Haifischfang. Der Ruf: „Hai achterraus!“ ist für

alle zur Zeit nicht beschäftigten Leute eine unausgesprochene Erlaubniß

für die Theilnahme an dem Fang, da 20-30 Mann zu einem glatten Aufziehen

des Fisches gehören und die andern zusehen dürfen. Es kann wol als Regel

gelten, daß jedes Schiff versucht, jeden in die Nähe kommenden Hai zu

fangen, da kaum ein anderes Thier so aufrichtig gehaßt wird, wie dieser

Fisch von dem Seemanne; deswegen springen auch immer einige Leute gleich

zu, um die erforderlichen Vorbereitungen zu treffen. Im Umsehen sind der

Haken und ein 1 kg schweres Stück Speck zur Stelle, die Taue für den

Haken und für die Schlinge, welche dem Hai, sobald er angebissen hat,

übergeworfen wird, bereit. Ich will hier einfügen, daß jeder Hai, welcher

sich bei mäßigem Winde einem unter Segel befindlichen Schiffe nähert, in

der Regel seinem sichern Verderben entgegengeht, wenn der Fang richtig

geleitet wird. Diese Wasserhyäne ist so gefräßig, daß sie stets auf den

zugeworfenen Köder beißt. Auch wenn sie schon ein- oder zweimal von der

Angel losgekommen ist, beißt sie mit zerrissenen Kiefern zum dritten mal

an, wenn noch ein ganzer Angelhaken für den dritten Wurf vorhanden ist.

Das Thier ist so stark, daß es fast immer, wenn es nur an der Angel aus

dem Wasser gezogen wird, mit seinen heftigen Schlägen den stärksten Haken

oder dessen Kette bricht; ein sicherer Fang wird daher nur gewährleistet,

wenn man eine Tauschlinge an dem Angeltau herabgleiten läßt, die Schlinge

dann über den an kurzer Leine gehaltenen Fisch bis zur Schwanzflosse

streift und den Fisch nun mit dem Schwanz zu oberst aufhißt, um ihn

schließlich an Kopf und Schwanz gefesselt auf das Schiff zu holen. So

konnten wir also auch darauf rechnen, das signalisirte Raubthier bald

auf dem Schiffe zu haben. Doch stellte sich inzwischen heraus, daß heute

die Hauptsache fehlte, nämlich der Haken. Vor kurzem waren bei ähnlicher

Gelegenheit die beiden Haihaken des Schiffes unbrauchbar geworden; wir

fürchteten daher schon, unserm Feinde die Freiheit lassen zu müssen,

als der Erste Offizier lächelnd das Deck verließ, um kurze Zeit darauf

wieder mit einem in seinem Privatbesitz befindlichen wahren Prachthaken zu

erscheinen. Während nun die Angel zurechtgemacht wurde, folgte der Fisch

uns in einer Entfernung von dreißig Schritten mit bewunderungswürdiger

Gleichgültigkeit.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 13 / 56 段