Da es noch mehr zu sehen gibt, fordere ich sie nun auf, mir in die

Achterkajüte zu folgen; sie rangiren sich wieder eine hinter die andere

und betreten, auf den Zehenspitzen gehend, diesen Raum. Doch kaum haben

sie einen Blick um sich geworfen, so fahren sie auseinander wie eine

Heerde aufgescheuchter Schwaben. Eine steht vor dem Bild meiner Frau,

eine andere vor der „Büßenden Magdalena“, die andere vor den früher schon

genannten Mädchenbildern, doch ohne Ruhe, weil keine sich schlüssig machen

kann, welches Bild eigentlich das schönste ist. So fahren sie fortwährend

herum, vertauschen ihre Plätze und vollführen dabei einen Heidenlärm. Sie

müssen sich sehr viel zu erzählen haben, weil sie mit ernsten Gesichtern

laut und in sichtlicher Erregung sprechen. Platzen wir dann einmal mit

einem tüchtigen Lachen dazwischen, dann sehen sie uns einen Augenblick

vorwurfsvoll fragend an, lachen auch einmal auf, setzen dann aber gleich

wieder ihr Gespräch mit ernsten Gesichtern fort. Um sie noch verwirrter

zu machen, lasse ich meine Spieluhr spielen; das geht ihnen aber doch

über den Spaß, wie der hübsche Kasten anfängt zu singen, und noch größer

wird ihr Staunen, als sie das Werk so selbstthätig arbeiten sehen. Ich

lasse sie dann auf meinem Schreibtisch und in dessen Schublade etwas

herumkramen, wo die verschiedensten Sachen ihre Aufmerksamkeit fesseln

und ihre aufgeregten Nerven doch etwas beruhigen: Uhren, Ringe, Messer,

Schere, Tintenfaß, Cigarrentaschen, silberne Becher, loses Geld und was

sonst noch für den ersten Griff bereit liegt. Hierbei bezeichneten sie

alle goldenen und silbernen Gegenstände mit dem Ausdruck „'money'“.

Diese Ablenkung hatte die beabsichtigte Wirkung, daß die Ruhe wieder

über sie kam und daß die Richtung ihrer Augen zeigte, was für sie das

schönste war, nämlich die beiden Mädchen, welche es am Tage vorher auch

den Männern angethan hatten. Ihre Frage, ob diese Bilder meine beiden

Töchter vorstellen, welche sie auf dem Schreibtisch als vier und sechs

Jahre alte Kinder gesehen haben, bejahe ich belustigt. Die zum Essen

angebotenen Rosinen finden keinen Anklang, dagegen scheinen die Mandeln

ihnen außerordentlich gut zu schmecken, wenigstens schmatzen sie beim

Essen wie eine Heerde kleiner Schweinchen, auch nimmt die eine sich mit

meiner Erlaubniß einige mit, um sie an Land zu pflanzen.

Wenige Tage vor meiner Ankunft in Omoa hatte ich mich, um neben den ältern

Reiseberichten auch ein wissenschaftlich begründetes Urtheil zu hören,

durch Waitz’ „Anthropologie“ belehren lassen. Da steht geschrieben,

daß diese Naturvölker die von den Kaukasiern als ideal anerkannten

Körperformen und Hautfarben den ihrigen nachstellen und namentlich die

weiße Haut für krankhaft halten. Ich bin jetzt gar nicht geneigt, dies

zu glauben. Die bildlich dargestellten beiden Mädchengestalten gefielen

besser als die Statuetten, weil ihnen ein außerordentlich zarter Teint

gegeben ist; an den Statuetten wurden die classischen Formen bewundert.

Bei den Männern zeigte kein Blick, keine Bewegung das Auftauchen von

Begierden, sie waren eben nur von der Schönheit hingerissen und müssen

dieselben Empfindungen gehabt haben, welche uns beim Anblick der

classischen Gebilde des Alterthums beherrschen. Ich halte mich daher

zu dem Schluß berechtigt, daß die Reisenden sich bisher nicht die Mühe

gegeben haben, diese Eingeborenen eingehend zu studiren, oder sie hatten

die zu diesem Studium erforderlichen Hülfsmittel nicht an der Hand.

Wir verlassen meine Kajüte wieder, weil inzwischen zwei Bootsladungen

mit Frauen und Mädchen angekommen sind, welche nach Versicherung der

Dolmetscher uns auch einen Tanz vorführen werden. Die neuangekommenen

Vertreterinnen des schönen Geschlechts, 14 an der Zahl, stehen scheu in

einer Ecke der Messe, sich wie eine Heerde Schafe ineinander verkriechend,

während die Offiziere im Verein mit den mitgekommenen Männern sie

umgeben und ihnen gut zureden. Der Versuch, diese leicht bekleideten

Nymphen in dem Raum zu vertheilen und bunte Reihe herzustellen, misglückt

aber, trotzdem sie sehen, daß die vier vorher genannten Damen sich ganz

frei unter uns bewegen. Es scheint, daß eine gewisse Zeit dazu gehört,

die erste Scheu zu überwinden. Wird eine an der Hand aus dem Knäuel

herausgeführt, so kommt sie ängstlich und zagend mit, schießt aber

sofort wieder in den Knäuel hinein, sobald ihre Hand losgelassen wird.

Es bleibt daher nichts anderes übrig als sie zusammen zu lassen, und nun

gelingt es auch, sie wenigstens zum Sitzen zu bewegen. Ein Theil setzt

sich auf die gepolsterte Bank, ein anderer Theil auf Stühle, die meisten

ziehen den Fußboden vor, und nun beginnt ein ohrenzerreißendes Concert.

Wol infolge des seit zehn Monaten ununterbrochen währenden Regens und

der damit verbundenen rauhen Witterung haben die Leute fast alle den

Schnupfen, und da sie Taschentücher nicht kennen, helfen sie sich damit,

daß sie den Schleim mit großem Getöse einziehen und ihn dann ausspucken.

Bisher hatten sie sich noch beherrscht; jetzt aber behaglich gruppirt,

glaubten sie, sich diese Erleichterung auch gönnen zu dürfen, nachdem

ihnen einige Spucknäpfe, deren Nothwendigkeit bei dem vorhergegangenen

Besuch von den Offizieren schon erkannt worden war, hingeschoben worden

sind. Spucknäpfe sind allerdings nur zwei in der Messe vorhanden, und

ich wollte schon bitten, noch einige herbeibringen zu lassen, als die

sich entwickelnde Scene mich davon abhält. Mit großer Sorgfalt werden

diese beiden Näpfe zur gefälligen Benutzung von Hand zu Hand gereicht

und so gewissenhaft benutzt, daß weitere Zufuhr überflüssig erscheint.

Nachdem so für den nothwendigsten Comfort Sorge getragen ist, wird an die

Bewirthung gegangen, welche in Liqueur, Kakes und Cigarren besteht. Dies

hebt bald die Stimmung, die Scheu schwindet mehr und mehr, eine allgemeine

Unterhaltung bricht sich Bahn und bald fühlen sich unsere Gäste sichtlich

wohl. Jetzt kann auch die Aufforderung zum Tanzen erlassen werden, doch

finden wir noch keine Gegenliebe. Alle Aufforderungen der Dolmetscher

scheitern an einem starren Eigensinn, und dieselben wiederholen uns

immer wieder, daß die Nymphen sich zu sehr schämen. Da endlich schreiten

mit Energie die drei Schwestern der Häuptlingsfrau ein, die Tänzerinnen

stellen sich in einen Kreis, uns ihren sehr knapp in das Umschlagetuch

eingehüllten Rücken zuwendend. Na -- nun endlich geht es los. Ja, Prosit!

-- Die Mädchen sind hier gerade so wie bei uns, in richtigem Alter eine

richtige Gänseheerde. Anstatt zu tanzen, stecken sie die Köpfe zusammen

und kichern, schmiegen sich aneinander an und laufen wieder auseinander,

wie dies bei uns Mädchen im reifern Backfischalter thun, wenn sie nicht

recht wissen, wie sie sich benehmen sollen. Der einzige Unterschied

liegt nur darin, daß man in solchem Falle bei uns bei dem dabei stets

stattfindenden Bücken des Körpers faltenreiche, wogende Roben sieht,

während man hier bei jedem Bücken mit Entsetzen das Unglaubliche sich

zu vollziehen wähnt, daß der keineswegs zähe aber überstraff gespannte

Stoff platzen wird. Ich sehe mich besorgt nach irgendetwas um, womit man

den etwaigen Schaden schnell repariren könnte, das Unglaubliche passirt

aber nicht, der Stoff hält die Anstrengung aus. Dieses kindische Benehmen

wiederholt sich mehrere male, endlich reißt allen Zuschauern die Geduld,

eine der drei Schwestern geht als Vortänzerin mit in den Kreis, wir alle

klatschen mit den Händen und endlich -- erst zag, dann aber energisch

kommt der Tanz zu seiner Vollendung.

Unter dem Händeklatschen der Zuschauer setzt sich der Kreis in Bewegung,

und die Tänzerinnen beginnen einen grabesstimmenähnlichen Gesang mit

folgenden Worten:

'Wat taë de hi a oë

Tutu a u

A ne nikke-he nikke-he hé

A nu rukke-hu rukke-hu hú.'

Der Tanz selbst liegt nur in den Hüftgelenken. Oberkörper und Beine

bleiben in Ruhe, während der Mittelkörper Bewegungen macht, welche

an den spanischen Tanz Habanero, wie er von dem niedern Volke getanzt

wird, erinnern und bei uns kurzweg unanständig genannt werden würden.

Um den Kreis der Tänzerinnen herum tanzt ganz niedrig auf dem Boden

mit weit ausgespreizten Beinen der Sandwich-Insulaner, macht mit seinem

Mittelkörper die wunderlichsten Verrenkungen und mit seinen Armen und

Händen verständliche Gesten, Bewegungen, welche alle in dasselbe Gebiet

fallen, wie diejenigen der Weiber.

Da ich gelesen hatte, daß die Frauen bei diesen Tänzen gewöhnlich das

bischen Kleidung, was sie haben, auch noch abwerfen sollen, und die

Marquesaner sowieso wegen ihrer Sittenlosigkeit berüchtigt sind, auch

der Pater in Hanavava mir gegenüber das erstere behauptet hatte, was er

übrigens nicht aus eigener Anschauung, sondern nur von Hörensagen wissen

konnte, so fragte ich den Dolmetscher, ob dies auch noch kommen würde, um

die Sache vorher zum Abschluß bringen zu können. Die Antwort, welche ich

bekam, war recht beschämend für die Europäer überhaupt und namentlich für

diejenigen, welche den schlechten Ruf dieses Völkchens begründet haben und

zwar zweifellos auf die oberflächlichsten Beobachtungen oder zweifelhafte

Berichte hin. Ich will den englisch redenden Marquesaner selbst sprechen

lassen:

„Bei uns an Land wird stets die Sitte gewahrt, und die Frauen sind auch

bei den Tänzen stets theilweise bekleidet; nur im directen Verkehr

zwischen Mann und Frau schämt sich die letztere nicht und ist es

dabei gleichgültig, ob der Mann ihr Gatte oder ein Fremder ist. Es ist

allerdings richtig, daß Frauen von uns auf den Walfischfängern nackt

getanzt haben und es vielleicht auch wieder thun, aber nie, solange noch

ein Mann des Dorfes auf dem Schiffe war oder dort sein wird, weil sie

sich viel zu sehr schämen. Auch thun sie es dann nur, weil sie von den

weißen Männern dazu gezwungen werden und glauben, daß das bei diesen Sitte

('fashion') ist.“

Als ich von dem Tanz genug gesehen hatte, was sehr bald der Fall

war, ging ich wieder nach oben, um mir das dort herrschende Leben

und Treiben zwischen den eingeborenen Männern und Jungen einerseits

und unsern Matrosen andererseits anzusehen. Die Insulaner sind in

dem Schiffe schon vollständig zu Hause und bewegen sich so frei, als

ob sie an Bord gehörten, mit vielen ist auch schon eine äußerliche

Veränderung vorgegangen, da sie die erhandelten oder geschenkt erhaltenen

Kleidungsstücke gleich angezogen haben.

Es ist ein buntbewegtes interessantes Bild, was von meinem Standpunkte

auf der Commandobrücke aus da vor mir sich entfaltet. Zu meinen Füßen

liegt das blinkend weiße Deck mit seinen blanken Kanonen und all den

schön geputzten, in der Sonne glitzernden Messing- und Eisentheilen. Auf

dem Deck, wo an 400 Menschen sich bewegen, ist ein Leben wie auf einem

Jahrmarkt: Matrosen, halb angezogene und nackte bunt bemalte Eingeborene,

diese theilweise mit Früchten und andern Handelsartikeln beladen, schieben

sich hin und her, dazwischen treiben die nackten gelben Jungen ihr Spiel;

die ganze Reling ist mit Menschen beider Hemisphären besetzt, welche

theils dem Treiben zusehend dort sitzen, theils unter Lachen versuchen,

sich miteinander zu verständigen. Die Takelage des leicht hin- und

herwiegenden Schiffes beschreibt regelmäßige Bogen auf dem feenhaften

Hintergrunde, und das Wasser ist durch die vielen fortwährend in Bewegung

befindlichen Kanus belebt. -- Stundenlang hätte ich dort stehen können,

um diesem interessanten, wechselvollen und harmlosen Leben und Treiben

zuzuschauen.

Unter den sich umhertreibenden Jungen fiel mir ein besonders hübscher,

etwa 12 Jahre alter Bengel auf; ich rief ihn heran, um ihm in der

Kajüte etwas Naschwerk zu geben. Freimüthig, ohne Zaudern folgt er

meinem Wink; das Innere der Vorkajüte fesselt ihn aber mehr als die

Mandeln es thun. Als er sich genügend umgesehen hat, bittet er um die

Erlaubniß, auch die Achterkajüte betreten zu dürfen, was ich ihm erlaube.

Da er nicht wiederkommt und es hinten mäuschenstill ist, muß ich doch

nachsehen, was er dort eigentlich thut; ich trete in die Thüre und

finde nun die Bescherung. Da steht, zwei Schritte von mir entfernt, der

halbwüchsige Junge mir gegenüber vor den hier schon so oft genannten

beiden Mädchenbildern, mit offenem Munde, stieren Blickes. Er hört

mich nicht und sieht mich nicht, trotzdem seine Blicke mehreremal über

mich hinweggleiten, wenn er mit jähen Bewegungen seinen Kopf nach der

Seite wirft, um etwa noch schönere Bilder zu entdecken, was aber nicht

zuzutreffen scheint, da seine Augen stets schnell wieder nach den erstern

Bildern zurückkehren. Nach einiger Zeit trete ich an ihn heran, fasse

ihn leicht am Ohrläppchen, und nun kommt er erst wieder zur Besinnung.

Er scheint aus einem tiefen Traum zu erwachen, sieht noch einmal nach

den Bildern hin und läßt sich, verschämt lächelnd, am Ohr hinausführen.

So hatte ich, im Gegensatz zu Waitz, in der Zeit von 24 Stunden alte und

junge Männer, ältere und jüngere Frauen und ein Kind in meiner Kajüte,

welche als das Schönste alles Sehenswerthen die zarte Hautfarbe der

Kaukasierin betrachteten.

Es war inzwischen 5 Uhr nachmittags geworden, die Zeit, welche für das

Wegschicken der Insulaner festgesetzt worden war, weil ich am nächsten

Morgen mit Tagesanbruch weiter gehen wollte und das Schiff am Abend vorher

seeklar gemacht werden sollte. Vor meiner Kajüte sitzt der weibliche

Theil unsers Besuchs auf Deck, bereit in die Boote geschickt zu werden,

jedenfalls verwundert darüber, daß sie in ihrem Leben zum erstenmal ein

Schiff ohne weitere Abenteuer verlassen werden. Ich begleite sie noch zum

Fallreep, um der Häuptlingsfrau und den Dolmetschern Adieu zu sagen, und

finde bei meiner Rückkehr den Raum des schönen weißen Decks vor meiner

Kajüte, wo die Frauen gesessen hatten, ganz schwarz aussehend; bei meinem

Näherkommen fliegen Tausende von Fliegen auf und das Deck ist wieder weiß

wie vorher. Eine höchst merkwürdige Erscheinung, da diese Leute keine

andere Körperausdünstung haben als wir. Hätten Neger dagesessen, dann wäre

mir die Sache erklärlich gewesen, so aber fehlt mir jede Erklärung dafür.

Da mein Interesse für das ganze Treiben um uns herum, sowie für das

schöne Landschaftsbild mich noch einmal auf die Commandobrücke trieb,

wurde ich noch Zeuge einer höchst putzigen Scene, nämlich wie die Jungen

landen, wenn sie nicht bei dem Aufschleppen der Kanus helfen müssen,

und diesmal wurden sie größtentheils mit unsern Booten, welche nach dem

früher genannten Stein fuhren, an Land befördert. Sobald die Boote in

die Nähe des Landes kamen, ging es hops aus den Booten heraus; all die

Knirpse, an die 50 Kinder zwischen 4 und 12 Jahren, sprangen in das

Wasser und schwammen, unbekümmert um die Brandung und ohne Rücksicht

auf den bevorzugten Stein zu nehmen, nach den ihnen zunächst gelegenen

Steinen und schwammen so lange vor denselben, bis eine Welle hoch

auflief. Dann tauchten sie schnell unter, um aus dem überbrechenden

Wellenkamm herauszukommen, und als das Wasser ablief, lagen die kleinen

gelben Gestalten wie die Frösche, mit allen Vieren sich anklammernd,

auf den Steinen, sprangen dann schnell auf, schüttelten das Wasser ab

und waren mit einigen leichten Sprüngen aus dem Wasser. -- Es ist doch

beneidenswerth, solche Körpergewandtheit und auch den zu solchen Späßen

wol erforderlichen Muth zu besitzen.

Ehe ich das liebliche Thal Omoa verlasse, will ich noch einige, den

vorstehenden Bericht ergänzende Bemerkungen beifügen.

Wie ich schon angeführt habe, ist Arbeit eigentlich nicht bekannt und

erstreckt sich nur auf das fürs Leben durchaus Nothwendigste. Dieses

beschränkt sich auf den Hüttenbau, die Herstellung des Baumrindenstoffs,

den Fischfang nebst dem Bau der dazu erforderlichen Kanus, auf das

Abpflücken der reifen Früchte und auf das Kochen, schließlich auch noch

auf das Tätowiren, wenn man dies eine Arbeit nennen will.

Bestimmte Mahlzeiten haben diese Menschen nicht, sie essen vielmehr sobald

der Sinn ihnen danach steht.

Jedes Stück Land, jeder Fruchtbaum hat seinen Besitzer, und dieser Besitz

vererbt sich von dem Vater auf die Söhne, beziehentlich die von ihm als

solche anerkannten Kinder. Diebstahl soll nach übereinstimmender Aussage

des Missionars und unserer Dolmetscher nur äußerst selten vorkommen, weil

Stehlen als ein schweres Verbrechen betrachtet wird. Mit Bezug hierauf

hatten wir auch Gelegenheit, ein gleiches eigenes Urtheil zu gewinnen,

denn trotz der vielen Eingeborenen, welche bei uns an Bord gewesen waren,

ist nichts abhanden gekommen, wie die ganze Mannschaft auf Befragen

versichert hat; sogar all die Kleinigkeiten, welche den Weibern für

ihren Tanz geschenkt worden waren, fanden sich nach ihrem Abgange auf dem

Schiffe wieder vor.

Während unsers Aufenthalts ist, wie ich dies auch schon angedeutet habe,

kein Fall von Trunkenheit bei den Eingeborenen beobachtet worden, und

ich führe dies nur noch einmal an, um daran anknüpfend zu erwähnen, daß

die Trinkgelage zuweilen mit der Ermordung eines Mannes enden sollen. Da

diese Fälle aber stets dieselbe Entwickelung und denselben Verlauf haben

sollen, so bin ich der Ansicht, daß das Trinkgelage in solchem Falle

nur Mittel zum Zweck und eine Art Vehmgericht ist, daß die Ermordung

zu einer Zeit erfolgt, wo die Leute noch nüchtern sind, und zwar mit

der bestimmten Absicht, das Gemeinwesen auf einfachste Art von einer

allgemein misliebigen Persönlichkeit zu befreien. Die Sache fängt stets

damit an, daß während des Gelages zwei Männer in Streit kommen, dann aber

sofort die ganze Gesellschaft ohne jedes Besinnen für den einen Streiter

Partei nimmt, über den andern herfällt und ihn mit Messern und Aexten

zerfleischt. Ein derartige Lynchjustiz muß ein abgekartetes Spiel sein,

weil Trunkene sich wol in eine Schlägerei mischen, sich aber nicht sofort

gegen eine Person vereinen können.

Bei dem Kapitel „Sittenlosigkeit“ oder „Freiheit der Sitten“ bleibt

noch festzustellen, welches eigentlich die richtigste Bezeichnung ist.

Der obenerwähnte kleine Pfiffige (ich muß schon bei dieser Bezeichnung

bleiben) erzählte mir, daß er sich keine Frau nähme, weil er ja doch

immer eine auf Zeit haben könne, wenn er Lust dazu habe, und das käme ihm

billiger wie fortgesetzt eine Frau mit deren Kindern zu unterhalten. Dafür

wird er allerdings in seinem Alter keine Söhne zu seiner Unterstützung

haben, wenn es ihm nicht gelingen sollte, vorher ein größeres Besitzthum

zu erwerben und dann darauf lüsterne junge Männer zu adoptiren. Dieser

Zustand ist ja nach unsern Begriffen entschieden unmoralisch, demnach

eine Sittenlosigkeit. Dieselbe wird aber dadurch sehr gemildert, daß die

Kinder nicht darunter leiden, sondern in jedem Manne einen Vater, in jedem

Jüngling einen sie schützenden Bruder finden. Was ist Liebe der Aeltern zu

ihren Kindern? fragt man sich unwillkürlich, wenn man diese paradiesischen

Zustände sieht. Die Kinder finden hier entschieden ebenso viel Liebe wie

bei uns, obgleich oft nicht einmal die Mütter deren Vater zu bezeichnen

wissen. Hier wird die Kinderliebe also nicht durch die Stimme der Natur

bedingt, sondern einfach durch Gewöhnung.

Das aber, was sonst in den Reiseberichten als Sittenlosigkeit hingestellt

wird, kann ich nicht als solche bezeichnen. Der Satz ist wol nicht

anzugreifen, daß bei uncivilisirten Menschen, welche so abgeschieden von

aller Welt und sich selbst überlassen leben, wie die Marquesaner, die

Sittenlosigkeit und die davon gar nicht zu trennende Schamlosigkeit immer

mehr um sich greifen müssen, wenn sie überhaupt einmal bestanden haben.

Da die Leute nun aber nach dem früher Gesagten nur im Verkehr mit solchen

Weißen, welche sie zur Abwerfung jedes Schamgefühls zwingen, sich nach

unsern Begriffen sittenlos zeigen, bei ihrer Rückkehr an Land aber sofort

wieder relativ strenge Sitten beobachten, so kann ich dem harten Urtheil,

welches über diese Leute gefällt worden ist, nicht beipflichten, sondern

kann nur das Bestehen einer großen Freiheit der Sitten anerkennen. Man

wird nach all dem Gesagten sogar zu der Vermuthung verleitet, daß jene

Berichterstatter womöglich mit dazu beigetragen haben, den schlechten Ruf

der Marquesaner mit zu begründen. Nach langer Seereise kamen sie zu diesen

Menschen, welche ihnen nach landesüblicher Sitte ihre hübschen Weiber

anboten. Nahmen sie das Anerbieten an, dann suchten die Weiber natürlich

sich so angenehm wie möglich zu machen und glaubten das Beste zu thun,

wenn sie das von den rüden Gesellen der Walfischfänger (denn diese waren

vor allen andern hier) Erlernte von sich gaben, weil die weißen Männer des

einen Schiffes doch denselben Geschmack haben mußten, wie diejenigen des

andern. Ihrem Gefühl nach lag den Weibern aber nach meiner Ueberzeugung

ein solches Benehmen unendlich fern, weil ich sonst doch irgendeinen

Anhalt dafür hätte finden müssen, und daß ich fleißig gesucht habe, dürfte

aus der ganzen Darstellung hervorgehen. Und so komme ich zu dem Schluß,

daß die Missionen auf den andern Inseln sich glücklich schätzen müssen,

wenn sie dort je so moralische Zustände erreichen, wie sie auf dieser

Insel zur Zeit herrschen, wo bisher kein Missionar sich auf die Dauer

halten konnte, und daß europäische und amerikanische Hafenstädte froh

sein dürften, wenn ihr niederes Volk so anständig wäre, wie diese Leute

es sind.

Nebenbei sei bemerkt, daß Eifersucht hier eine unbekannte Leidenschaft

ist. Doch auch ein echt paradiesischer Zustand.

* * * * *

Am 16. Mai morgens verließ ich Omoa wieder und langte nach einer

schönen Fahrt an den schönen Inseln dieser Gruppe vorbei gestern Mittag

in Port Anna-Maria auf Nuka-hiva, der nördlichst gelegenen Insel der

Marquesas-Gruppe, an. Ich machte dem Gouverneur meinen Besuch, einen

Spaziergang durch den Ort, trotz des anhaltend strömenden Regens, fand

aber nichts Besonderes, weil dieser Platz wegen der hier lebenden Europäer

seinen ursprünglichen Charakter schon verloren hat. Heute Nachmittag,

nach Einnahme von frischem Fleisch für die Mannschaft, geht es weiter nach

Tahiti.

5.

Von den Marquesas-Inseln nach Tahiti.

18. Mai 1878.

Heute Nachmittag haben wir Port Anna-Maria wieder verlassen und damit

von den Marquesas-Inseln Abschied genommen. Der Regen hatte für heute

seine Herrschaft verloren und war von der Sonne und einem lachenden Abend

verdrängt worden, wodurch es uns, dicht unter der Südküste von Nuka-hiva

entlang segelnd, vergönnt wurde, das schöne Bild zu genießen, an welchem

wir langsam vorüberzogen. Auf einzelnen Spitzen der Berge und in einigen

Thälern lagerten zwar noch bleifarbene, dicht geballte Wolken, sie konnten

dem Lande aber nicht mehr ihre Regenphysiognomie aufdrücken, sondern

ließen die von hellem Sonnenschein überhauchten, mit üppigster Vegetation

bedeckten Bergrücken und Thalgelände nur in um so prächtigern Farben

erscheinen. Das vor uns liegende Panorama war schön und von demjenigen

Zauber umgeben, welcher auf allen Inseln vulkanischen Ursprungs ruht. Es

würde mich zu weit führen, wollte ich hier eine nähere Beschreibung des

Landes geben, doch glaube ich trotzdem eines schönen Punktes besonders

erwähnen zu müssen.

Von dem Ausgang des Hafens von Port Anna-Maria nach Westen segelnd,

befanden wir uns bald vor dem kleinen, von hohen steilen Bergen

und Felsmassen eingeschlossen in einem Gebirgskessel liegenden Port

Tschitschakoff. Vor der schmalen Einfahrt stehend, übersieht man den

ganzen wildromantischen, malerischen Hafen, dessen Hintergrund durch seine

düstere Großartigkeit jeden Beobachter unwillkürlich fesseln muß. Hier

inmitten des üppigsten Tropenbildes liegt, rechts und links eingerahmt

von der ganzen Fülle tropischer Vegetation, ein Stück Magelhaens-Straße

der südlichsten Breite. In grünem Rahmen steigt eine von dem Regen schwarz

gefärbte, wild zerklüftete Felsenwand fast senkrecht bis zu einer Höhe von

700 m empor, ein ebenbürtiges Bett für den prächtigen Wasserfall, welcher

über den obersten Felsenkamm hinwegschäumt. Dort oben, in schwindelnder

Höhe, steigt die 7 m breite, mächtige Wassermasse mit berauschender

Gewalt über den scharfen Gebirgskamm hinweg, ohne daß man von unserm

doch immerhin weit abliegenden Standpunkte die höher liegenden Berge, von

welchen das Wasser kommen muß, sehen kann. Senkrecht stürzt die wilde Flut

in einen düstern, im Verhältniß zu seiner Höhe engen Felsenschlund hinab,

welcher unten durch Verschiebung des Gesteins für das Auge geschlossen

wird, während er sich von der halben Höhe ab nach oben hin callakelchartig

öffnet. Die in eiliger Hast sich überstürzenden gelben, schmutzigen

Wassermassen verlieren bald ihr festes Gefüge, ein gelblicher Staubregen

von großer Dichtigkeit, dessen auf- und abwogende Dunstmassen mit ihrem

Spiel das Auge fesseln, füllen den ganzen tiefen Schlund aus und müssen

einem untenstehenden Beschauer ein noch großartigeres Schauspiel gewähren.

Leider konnte ich Port Tschitschakoff nicht anlaufen und daher diese

Naturschönheit, welche erst in größerer Nähe zur vollen Entfaltung kommen

kann, nicht eingehender besichtigen.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 12 / 56 段