vorher nicht noch eine Frau haben wolle? Als ich darauf die Gegenfrage
stelle, ob dies denn angängig sei, sagte er, ich solle mir nur eine
aussuchen, denn mit Ausnahme der Häuptlingsfrau ständen alle Frauen und
Mädchen des Dorfes zu meiner Verfügung. Um den Mann nicht zu verletzen und
die Sache doch kurz abzubrechen, gab ich ihm zur Antwort, daß es dafür
heute schon zu spät sei, weil ich auf das Schiff zurück müsse. „Gut“,
sagte mein Freund, „ich werde dann zu morgen die Schönsten aussuchen.“
Diese kurze Unterhaltung brachte mich auf den Gedanken, mit den uns
begleitenden Männern einige Frauen mit an Bord zu nehmen, damit sie sich
das Schiff ansehen und etwas Musik hören könnten. Kaum ausgesprochen --
und mein Führer ist schon auf dem Wege, die Einladung weiter zu befördern.
Wir gingen weiter nach dem Boot, wo ich den eben wieder eintreffenden
Eingeborenen frage, wie es denn mit den Frauen sei, da ich noch keine
auf dem Wege sähe. Er sagt nun kleinlaut, daß sie nicht kommen wollten,
da sie sich nicht auf ein so großes Schiff trauten. Als ich eine nähere
Erklärung dieser mir unverständlichen Rede forderte, erzählte er, daß vor
mehrern Jahren einmal alle Frauen auf einem französischen Kriegsschiff
gewesen und dort so mishandelt worden seien, daß sie auf kein Kriegsschiff
mehr gingen. Da es heute zu spät geworden war, in der Sache noch etwas
zu thun, wiederholte ich meine Einladung für morgen mit dem Bemerken, daß
alle Eingeborenen, Männer, Frauen, wie Kinder meine Gäste seien, und diese
Einladung wurde mit Freuden angenommen.
Die Einschiffung in das Boot ging ohne weitere Beschwerden vor sich, weil
es leichter war, von dem Stein in das tiefer liegende Boot zu springen,
doch galt es auch hier gut aufzupassen und den Sprung dicht vor dem Moment
zu machen, wo das von einer Welle gehobene Boot einen Augenblick ruhte.
Gegen 6 Uhr abends waren wir wieder an Bord.
Den nächsten Vormittag benutzte ich dazu, in meiner Gig nach einer andern
kleinen Bai, welche drei Seemeilen von uns entfernt lag, zu fahren, um
mir den dortigen Ankerplatz anzusehen und das Dorf, in welchem sich seit
kurzem ein deutscher Missionar angesiedelt haben soll, zu besuchen. Bei
schönem Wetter erreichen wir bald diese Bai, Hanavava- oder Vierges-Bai
genannt. Den Hintergrund derselben bildet ein schönes zerklüftetes Thal,
welches, von hohen Bergwänden eingeschlossen, in üppigster Vegetation
prangt; wunderlich geformte alleinstehende steile Felsen wachsen scheinbar
aus dem dichten Laubdach heraus. Nach der See zu öffnet sich das Thal;
schöner Sandstrand, welcher bequemes Landen erlaubt, verbindet Land
und See; an den Strand schließen sich schroffe Felsmassen an, welche
halbkreisförmig nach der See auslaufen und so nahe aneinander rücken, daß
sie hier gewissermaßen ein Felsenthor für den von ihnen eingeschlossenen
kleinen Hafen bilden. Das Auge ist entzückt von dem vor ihm liegenden
Bilde, findet an Land gekommen aber nichts mehr. Die schönen Bilder,
welche durch Berg, Thal und Laub, durch Fels und Meer gebildet werden,
entschwinden; ein undurchdringliches grünes Laubdach verwehrt dem Auge
jede Fernsicht und zwingt es, zwischen den Hütten der Eingeborenen zu
bleiben, welche, ebenso wie ihre Bewohner, im Vergleich zu Omoa einen
recht reducirten Eindruck machen; Hütten und Menschen können sich mit
denen von Omoa nicht messen. Traurige Fußsteige, welche jetzt, bei dem
herrschenden Regen, kaum zu benutzen sind, stellen die Verbindung in dem
untern Theil des Dorfes her; weiter hinauf in das schöne Thal, auf die
einladenden Berge ist wahrscheinlich gar nicht zu kommen.
In Hanavava angekommen begrüßte uns -- ein Offizier hatte mich begleitet
-- der Missionar in französischer Sprache, welchen Gruß ich ebenso
erwiderte, weil ich nicht an das Deutschthum dieses Mannes glaubte.
Als mein Kamerad aber den Gruß deutsch erwiderte, war das Erstaunen
des Missionars groß; mein Erstaunen aber noch größer darüber, daß der
deutsche Priester, welcher schon sechs Jahre in überseeischen Ländern
gelebt hat, die deutsche Flagge noch nicht kannte. Der Pater war ein
geborener Westphale, etwa 30 Jahre alt und der einzige Weiße auf der
ganzen Insel. Der Einladung, in sein Haus einzutreten, leisten wir
Folge, finden dort ein übermäßig bescheidenes Wohngelaß, in welchem
geniale Junggesellenunordnung herrscht. Nur ein Stuhl ist vorhanden,
die Schubladen des Tisches beherbergen in trauter Gemeinschaft die
verschiedenartigsten Dinge; die wenigen Bücher scheinen hier noch nicht
benutzt worden zu sein, einzelne Koffer stehen noch unausgepackt mitten
in der Stube. Man sieht an allem, daß der Mann nicht weiß, was er soll
und was er will; er ist in eine fremde Welt versetzt, in welcher er nicht
zurechtkommt, wahrscheinlich nicht einmal etwas Ordentliches zu essen
findet, weil er selbst nicht kochen kann und die Eingeborenen sich von
ihm fernhalten. Da er nach dem Inhalt seiner Schubladen nur von Hartbrot
zu leben scheint, sein Taback auch verdorben aussieht, so bieten wir ihm
das als Theil unsers Frühstücks mitgebrachte frisch gebackene Brot, einige
Cigarren und etwas Taback an, damit er doch einmal eine, wenn auch sehr
bescheidene Abwechselung habe. Dieses in entsprechender Form gemachte
Anerbieten wird auch in freimüthiger, verständiger Weise aufgefaßt und
angenommen und durch frische Kokosmilch erwidert.
Der Pater gehört, soweit wir haben herausbekommen können, zu der
französischen katholischen Missionsgesellschaft, welche ihren Hauptsitz
in Papeete auf Tahiti hat. Die französischen Geistlichen bleiben, wie
ich namentlich von anderer Seite gehört und auch selbst beobachtet
habe, in Papeete und Port Anna-Maria in bequemen Wohnungen und durchaus
civilisirten Verhältnissen, während die ziemlich zahlreich vorhandenen
und noch immer nicht klug gewordenen Deutschen auf die verlorenen Posten
geschickt werden. Der Pater in Papeete ist der vornehme feine Mann in
eleganter Kleidung, der Pater hier ein Tagelöhner im Arbeitskittel.
Märtyrerthum ist hier nicht mehr zu holen; kein Eingeborener krümmt
irgendeinem weißen Manne mehr ein Haar; aber schlechte Nahrung, weil
die Patres von ihren in Papeete im Wohlleben schwelgenden Amtsbrüdern
vollständig vergessen werden, schlechte Betten, Mangel einer jeden
Geselligkeit und das niederdrückende Gefühl, nichts leisten zu können,
sondern eine Null im Weltall zu sein, sind im Ueberfluß vorhanden. Denn
ebenso wie die französischen Geistlichen auf Tahiti und Nuka-hiva nichts
thun, dafür aber gut leben, thun die deutschen auf den andern Inseln auch
nichts, weil die Eingeborenen sich dem Einfluß der Missionare durchaus
entziehen, leben aber recht schlecht. Früher war auf dieser Insel ein
englischer Missionar, welcher, da er keinen Einfluß auf die Eingeborenen
ausüben konnte, seine Missionsarbeit aufgab und sich mit Erfolg auf die
Cultur der Baumwolle legte, bis er auch dessen überdrüssig wurde. Er
verkaufte sein Besitzthum an die französische Missionsgesellschaft und
fuhr nach Hause; jetzt seit sechs Monaten sitzt unser Westphale hier,
versucht Unterricht zu geben und sammelt für die Herren in Papeete
die Baumwolle ein, weil er keine Eingeborenen dazu bekommen kann. Mit
den Erwachsenen hat er allen Verkehr aufgegeben, weil mit diesen doch
nichts mehr anzufangen ist, und bei den Kindern, mit welchen er sich
noch beschäftigt, hat er auch wenig Hoffnung, weil die Eingeborenen
den Nutzen von Lesen und Schreiben durchaus nicht einsehen wollen, im
übrigen sich jedem Zwang bis zum äußersten entgegenbäumen. Der Pater will
eine Abtheilung Soldaten haben, um gewissermaßen mit dem französischen
Bajonette zu taufen, anders sieht er keinen Erfolg. Solch ein Missionar
sieht in der Phantasie in Europa ganz anders aus, als hier an Ort und
Stelle in der Wirklichkeit. Alle die überspannten, dem Menschenwohl
gewidmeten Ideen, welche den Mann in die Fremde getrieben haben,
gehen sehr schnell verloren; er findet das alltägliche Leben in der
trübsten Gestalt, ohne helfen zu können, und hat dafür einen dankbaren
Wirkungskreis aufgegeben. Er sieht, daß sein Wort, seine Begeisterung
an der Indolenz dieser Leute wirkungslos abprallen, findet nirgends
Befriedigung, wird mismuthig und geht geistiger Umnachtung entgegen,
wenn er nicht Lust an der Landwirthschaft findet. Nur einmal noch kommt
er wieder zum Aufleben, wenn es ihm gelingt, sich hier loszureißen und
nach Hause zurückzukehren. Dort wird er dann als ein Märtyrer betrachtet,
welcher die größten Gefahren überstanden hat, und wenn der ehrliche Mann
die Verblendeten aufzuklären sucht, wird ihm dies als Bescheidenheit
ausgelegt und ihm nicht geglaubt.
Als wir in das Haus des Missionars eintreten, folgen uns, wie das ja auch
nicht anders sein kann, so viele Eingeborene -- aber wieder nur Männer und
Jungen -- wie nur überhaupt in den Flur des kleinen Hauses hineingehen,
ohne indeß das Zimmer, in welchem wir sitzen, zu betreten. Im Laufe
der Unterhaltung lenkt der Pater unsere Aufmerksamkeit nach der Thür
des Zimmers, in welcher ein alter Herr in europäischer Kleidung steht,
den der Pater uns als den Häuptling des Ortes vorstellt und welchem wir
die Hand schütteln. Er ist jedenfalls erst so spät gekommen, weil seine
Toilette ihn so lange in Anspruch genommen hat, dafür ist dieselbe aber
auch so wohl gelungen, daß ich sie näher zeichnen muß. Wo aber anfangen,
beim Hut oder bei den bloßen Füßen? Ich werde den Hut wählen. Unter einem
alten und altmodischen, anscheinend öfters eingetriebenen schwarzen
Cylinderhut steckt ein altes, runzeliges, von einem kurzgeschnittenen
weißen Bart eingerahmtes Gesicht voll blauer Malerei. An den Kopf schließt
sich ein fest zugeknöpfter, langer, blauer Marine-Offiziersrock an,
welcher jedenfalls direct auf die bloße Haut übergezogen ist, weil bei
dem Vorhandensein eines Hemdes der Schluß nicht so hermetisch zu sein
brauchte. Der Rock ist alt, sehr alt, vielleicht so alt wie sein jetziger
Besitzer, obgleich dieser ihn noch nicht sehr lange hat. Als besondere
Zierde hat dieses Galakleidungsstück vier Reihen Knöpfe erhalten,
zwei Reihen Civilknöpfe und zwei Reihen englische Marineknöpfe, alle
vier Reihen sind indeß stark gelichtet, kaum die Hälfte der Knöpfe ist
noch vorhanden, man sieht aber wenigstens noch wo die fehlenden einst
gesessen haben. Aus den Rockärmeln sehen zwei große Hände hervor, welche
in gewirkten weißbaumwollenen Handschuhen stecken; die Handschuhe sind
nicht sehr rein, vielleicht aus Furcht, daß ein zu häufiges Waschen ihnen
schaden würde. Unter dem Rock kommen die in schmutzigen weißen Hosen
steckenden Beine hervor, die Füße sind bloß. So steht der Gebieter über
dieses schöne Thal in der Thür vor uns, den Hut auf dem Kopf, die Hände
in fortwährender Bewegung, weil er nicht weiß, wo er mit ihnen bleiben
soll, und mit einem Gesichtsausdruck, welcher nichts anderes bedeuten kann
als den Zuruf an uns: „Seht hier einen, welcher euch stolzen Europäern
ebenbürtig ist, welcher weiß, was sich schickt, und zeigen kann, was
er besitzt!“ Der arme Mann, welcher nackt in seinem bemalten Körper
jedenfalls ein ehrwürdiger Greis ist, gibt so das Bild eines europäischen
Bettlers, eine Jammergestalt; doch er ist glücklich, er wähnt sich
würdevoll und uns gleichstehend, weil nach seiner Ansicht wol auch die
Kleider oder überhaupt Kleider die Leute machen. Der Pater erzählt uns,
daß dieser Häuptling auch der Oberpriester des Thales und somit sein
größter Widersacher sei, daß er aber im allgemeinen gut mit ihm stehe.
Die für den Besuch dieses Thales bemessene Frist ging ihrem Ende entgegen;
es wurde daher Zeit aufzubrechen, wenn wir noch etwas sehen wollten. Die
Wege sind zwar schlecht, weil der schon monatelang währende Regen den
fetten Lehmboden in einen wahren Schlammpfuhl umgewandelt hat, allein
dies kann uns doch nicht abhalten. Als wir aus dem Hause treten, finden
wir den ganzen Weg mit Menschengruppen besetzt, welche uns sehen wollen
und uns dadurch die beste Gelegenheit geben, sie zu sehen. Wir finden
hier ziemlich denselben Menschenschlag wie in Omoa, nur sind die Leute
weniger schön. Unser Weg hält sich anfangs unter dicht belaubten Bäumen,
meist Brotfruchtbäumen; bald wird es lichter und wir kommen an eine
etwas verwilderte, mit Unkraut durchsetzte Baumwollpflanzung, welche der
Missionsgesellschaft gehört. Es fehlen aber die Arbeitskräfte, weil der
Eingeborene nicht arbeitet und sich nur gegen Zahlung von Kleidungsstücken
zuweilen bewegen läßt, die reife Baumwolle zu pflücken.
Die ganze Landschaft um uns herum prangt im saftigsten Grün, über
uns wölbt sich das tiefblaue Himmelszelt, da es ausnahmsweise nicht
regnet. Von jedem Blatt, jedem Halm strahlen die Regentropfen wie die
schönsten Diamanten, auf den duftigen hellgelben großen Blüten mit
dunkelm rothbraunen tiefen Kelch der in voller Blüte stehenden Baumwolle
wiegen sich in graziösen lautlosen Schwingungen schöne dunkelgefärbte
Schmetterlinge. Die feierliche Ruhe, der stille Friede, welche auf diesem
anziehenden Bilde ruhen, stimmen zur Andacht. Wir bleiben unwillkürlich
stehen, um mit den Augen, mit allen Sinnen das ganze Bild in seiner
großartigen Schönheit zu erfassen. Hohe, wunderlich geformte und selten
schöne Felsen umgeben uns; sie erheben sich von der Thalsohle wie
künstliche Bauwerke, weil sie mit den das Thal begrenzenden Bergwänden
nicht zusammenhängen und ihre Oberfläche auch auffallend von derjenigen
der andern Berge abweicht. Denn während diese dicht bewachsen sind, zeigen
jene malerische Figuren in allen Nüancen der dem Auge so wohlthuenden
grünen Farbe und in so reichen und verschiedenartigen Mustern, daß
man Gebilde von Künstlerhand vor sich zu sehen wähnt. Zwischen diesen
herrlichen Naturwerken hindurch verfolgt das Auge den Lauf des fruchtbaren
Thales, wie es zwischen hohen Bergen eingeengt sich allmählich zur Höhe
hinaufzieht, um urplötzlich und doch wieder unmerklich in einer steilen
Bergwand sein Ende zu finden. Das Auge kehrt zurück. Dort liegen unter
hohen Bäumen, theilweise in dichtem Laub versteckt die Hütten, dazwischen
heben sich von dem weichen grünen Hintergrund effektvoll die regungslosen
Gruppen der Eingeborenen ab, die Frauen größtentheils in grellbunten
Gewändern auf der Erde hockend, die nackten bunten Körper der Männer
leicht und in gefälliger Stellung an Baumstämme gelehnt. Dazwischendurch
sieht man an einzelnen Stellen auch den Strand mit den auf ihm stehenden
Kanus hindurchschimmern und dahinter das in ewiger Bewegung befindliche
Meer, auf dessen Wellen man auch meine Gig sich wiegen sieht. Die
Bewegungen dieses Bootes sind aber so sanft, die Musik der bis hierher
vernehmbaren rauschenden Brandung ist so weich und stimmungsvoll, daß
dieses sichtbare und hörbare Leben keine Dissonanzen in die Naturandacht,
in dieses Bild paradiesischen Friedens zu bringen vermag. Die köstliche
Ruhe, welche auf dieser wahrhaft schönen und seltenen Scenerie liegt,
der herrliche Blumen- und Blütenduft, das Rauschen der sanft auflaufenden
Brandung, die Gruppen der trägen Menschen, welche leblos erscheinen, das
Fehlen aller Vogelstimmen und überhaupt aller Laute, welche die Sinne
beschäftigen können, geben zusammen ein Ganzes, welches einen von einer
langen Reise und dazu noch von einem geräuschvollen Kriegsschiff kommenden
Seemann vollständig gefangen nehmen muß. Doch für diesen gibt es nirgends
ein Bleiben, und so müssen auch wir heute nach kurzer Rast wieder weiter.
Schade nur, daß ich nicht die Kraft besitze, dieses herrliche ergreifende
Bild auf der geduldigen Leinwand in wahrheitsgetreuer Wiedergabe mit nach
Europa zu bringen, wo es gewiß allgemeines Aufsehen erregen würde.
Wir gehen weiter nach dem heidnischen Opfer- und Tempelplatz, wo vor
sechs Jahren der letzte Mensch geopfert, gebraten und verzehrt wurde, und
wo der Häuptlingpriester noch jetzt zeitweise seinen harmlos gewordenen
Hokuspokus treibt. Der Platz ist viereckig und von einer niedrigen
Steinmauer umgeben, der Fußboden ist ebenso wie in den Hütten mit
großen Steinen belegt. Zwei große Bäume, von denen einer an dem einen
Ende, der andere am andern Ende innerhalb des Platzes steht, beschatten
diesen vollkommen, und in der Mitte zwischen ihnen sind die Steine zu
einer Feuerstelle hoch aufgeschichtet. Ein ausgehöhltes Stück Baumstamm,
welches nach Angabe des Paters die Festtrommel ist, liegt an der Erde. Die
Benutzung dieses Platzes bei der Vornahme von Menschenopfern geschah in
der Weise, daß die Männer sich um den einen Baum gruppirten und das Opfer
an dem andern Baum aufgehängt wurde. Im weitern Verlauf wurden dann von
dem Opfer einzelne Stücke abgeschnitten, in dem in der Mitte befindlichen
Feuer gebraten, gegessen und dies so lange fortgesetzt, bis das Opfer in
dem Magen der Menge lag. Die Weiber durften den Opferplatz nicht betreten,
es war ihnen aber erlaubt, außerhalb der Mauer stehend zuzusehen, wohin
ihnen auch einige Stücke des heidnischen Mahles gereicht wurden.
Wir besehen uns noch die ganz in der Nähe liegende Hütte des Häuptlings,
welche genau den andern gleicht und als einziges Ausstattungsstück die
große Alarmmuschel des Häuptlings in sich birgt. Durch ein in die Spitze
eingebohrtes Loch wird es möglich, einen hellen durchdringenden Ton auf
der Muschel zu erzeugen.
Wir hatten nun alles gesehen und kehrten zu meinem Boot zurück. Auf dem
Wege wurde mir von einer alten Frau noch ein altes, auf ein Stück Knochen
geschnitztes Idol zum Kauf angeboten. Gegen Mittag sind wir wieder an
Bord und finden auf dem Schiffe bereits reges Leben. Wie es scheint, ist
die ganze männliche Bevölkerung von Omoa zum Theil auf dem Schiff, zum
Theil in den vielen Kanus neben demselben. Das ganze Schiff ist von Kanus
umschwärmt, deren Insassen lachen und schwatzen und durch geschickte
Wendungen den spaßhaft gemeinten Angriffen anderer Kanus ausweichen; alles
ist in fortwährender, freudetrunkener Bewegung. Auf dem Deck des Schiffes,
in der Takelage, in den untern Räumen sieht man eingeborene bunte Männer
und Jungen, welche eine Verständigung mit unsern Leuten versuchen; viele
haben Früchte, Hühner, Eier und Muscheln, für welche sie alte Kleider
einzuhandeln suchen. Während ich auf der Commandobrücke stehe, um mir von
erhöhtem Standpunkt aus dieses buntbewegte Treiben anzusehen, klettert
dicht bei mir an der Schiffswand ein älterer Mann herauf, klammert sich an
der Takelage an, nickt mir einen freundlichen Gruß zu und nimmt dann zwei
ihm aus seinem Kanu gereichte kleine Beutel in Empfang, welche er, mich
lachend ansehend, zärtlich streichelt und dann im Schiffe verschwindet.
Wie ich nachher hörte, hatte der Mann in diesen Beuteln 100 Dollars, für
welche er sich auf dem Schiff alte Kleidungsstücke kaufen wollte. All
die andern Sachen, welche die Leute mitgebracht hatten, wurden auch nicht
gegen Geld verkauft, sondern gegen alte Kleider ausgehandelt. So kam es,
daß am Abend, als die Leute wieder an Land geschickt wurden, Omoa eine
ganz andere Physiognomie erhielt, weil kaum noch ein ganz nackter Mann
zu sehen war, denn wenn auch nur wenige einen vollständigen Anzug erlangt
hatten, so hatte doch jeder irgendein Stück, wodurch die Gesellschaft noch
bunter wurde, als sie vorher gewesen war. Bei meiner Rückkehr zum Schiff
waren auch schon einige Damen an Bord und zwar in der Offiziermesse, wo
sie unter männlicher Begleitung mit den Herren frühstückten; es waren die
Häuptlingsfrau mit ihren drei Schwestern. Ich erfrischte mich zunächst
auch mit Speise und Trank und forderte dann die Herren auf, mit den vier
Frauen so lange in meine Kajüte zu kommen, bis ihre Messe für das uns
zugesagte Tanzfest hergerichtet sei.
Die vier Insulanerinnen in meiner Kajüte zu sehen, war wirklich ein
seltenes Vergnügen. Ehe sie überhaupt eintreten, stellen sie sich
hintereinander in einer Reihe auf, eine hält sich am Kleid der andern
fest, in den Gesichtern liegt theils Entsetzen über das was jetzt nun wol
kommen wird, theils Neugierde. Im Gänsemarsch treten sie ein, um sich
in der Kajüte selbst auch in derselben Ordnung zu bewegen. Die Sonne
scheint hell durch die Fenster und beleuchtet grell die bunten Farben
des Teppichs, des rothen Plüschsophas und der rothen Fenstervorhänge. Von
dieser Pracht geblendet, bleiben unsere Freundinnen zunächst stehen, um
in den wiederholten Ruf: „'A--i! A--i!'“ auszubrechen. Die vorher etwa
dagewesene Angst ist verschwunden, die Sinne concentriren sich in den
Augen, um mit diesen alles zu erfassen, und es ist doch so viel zu sehen.
Der Teppich, das Sopha, der schwere blankpolirte Tisch, die vielen Stühle,
die goldglänzende große Hängelampe, die kleinen polirten Eckspinde, die
vielen Bilder. Plötzlich stößt die eine ein mehrmals schnell wiederholtes
„'Ai!'“ aus, reißt die andern an den Kleidern herum, daß sie ordentlich
herumwirbeln, und alle vier stehen vor den Statuetten, die Hände hinter
den Ohren, Mund und Augen weit aufgerissen. Ich weiß nicht, ob dieses
Erstaunen den Bildwerken oder ihren eigenen dummen Gesichtern gilt,
welche sie in dem hinter den Puppen hängenden Spiegel sehen, doch ein
Blick überzeugt mich, daß ihre Augen auf die Puppen gerichtet sind. Wir
sind für die vier Frauen nicht mehr vorhanden, denn bald ist alle Scheu
geschwunden und sie fangen an sich zu unterhalten, als ob sie allein
bei sich zu Hause wären. Die eine ruft die andern, hält den Rücken ihrer
rechten Hand unter ihre Nase und zeigt mit dem ausgestreckten Zeigefinger
und verschmitztem Blick auf die Figuren. Eine andere zeigt auf die aus dem
Spiegel zurückgeworfene Rückseite der Venus und kann nicht widerstehen,
die Puppe an der Originalseite zart zu streicheln; dann kommt sie aber
plötzlich zur Erkenntniß, wo sie eigentlich ist, denn sie zieht entsetzt
ihre Hand zurück, steckt sie schnell in den Mund und sieht mich mit einem
wahrhaft rührenden, halb entsetzten halb bittenden Blick an, was ich zu
dieser Kühnheit wol sagen werde. Als ich ihr dann lachend zunicke, sind
alle wie von einem Alp befreit und beginnen nun sämmtlich zu streicheln,
dabei fortwährend schwadronirend und kichernd; nur eine bleibt ernst,
sie steht mit geneigtem Kopf vor der Ariadne und streichelt mit ganz
besonderer Andacht deren Büste, auch die andern streicheln nicht die
Masse, aus der die Puppen gebildet sind, sondern suchen sich ihre Stellen
aus.