Als ich fertig war, rüttelte ich meine Gäste auf, gab dem Häuptling das

ihm zugedachte Hemd, welches er kurzer Hand über sein anderes zog, und nun

ging es in mein Boot, nachdem die Eingeborenen jede Vergütung für die dem

Schiffe geleisteten Lootsendienste entschieden abgelehnt hatten. Einige

Offiziere schlossen sich dem Landgange noch an und wir mußten eilen, wenn

wir noch etwas am Lande sehen wollten, weil der Weg zum Dorfe weit war und

bei Dunkelheit unpassirbar sein soll, wir aber jedenfalls vor Abend wieder

auf dem Schiff sein mußten, wollten wir nicht mit einem sehr unbequemen

Nachtlager vorlieb nehmen. Das Landen mit schweren Schiffsbooten ist hier

stets sehr beschwerlich, weil man nur an einer Klippe landen kann und

hier die See immer hoch geht. Die leichten Kanus laufen einfach auf den

beim Dorfe liegenden Sandstrand, lassen sich von den hoch auflaufenden

Wellen wie eine Blase auf den Sand werfen und werden dann schnell ganz

aufs Trockene gezogen; die Leute sind dabei aber auch gewöhnlich ganz

im Wasser, weil die Brandung so stark ist, daß das Fahrzeug, ehe es

das Land erreicht, durch den Gischt der Brandung hindurch muß. Mit den

Schiffsbooten kann man eine solche Landung nicht wagen und für diese liegt

die Landungsstelle weitab vom Dorfe an den Felsen, wo an der am weitest

vorspringenden Stelle ein platter Stein aus dem Wasser hervorragt. Die See

bricht merkwürdigerweise nur sehr selten über diesen Stein weg, sondern

zertheilt sich vor demselben und läuft an beiden Seiten vorbei. Diese

Eigenthümlichkeit gestattet den Booten so dicht heranzugehen, daß man

vom Boot aus auf den Stein springen kann, doch ist auch hierbei Vorsicht

nöthig, weil das Auf- und Niederwogen des Wassers immerhin so stark ist,

daß das Boot, wenn es durch eine ungeschickte Bewegung an den Felsen

geworfen wird, auch an ihm zerschellt. Ohne die Hülfe der Eingeborenen

hätten wir an diesem Tage, weil der Seegang infolge des starken Windes

der letzten Tage sehr hoch war, überhaupt nicht landen und auch kaum

den Weg nach dem Dorfe machen können, denn wahrscheinlich wären wir sehr

bald durch die Brandung von den Felsen heruntergerissen worden. Die Leute

waren wirklich rührend sorgsam mit uns und führten und leiteten uns, wie

die Mutter ihr Kind, wobei man es ihren Gesichtern ordentlich ansah, wie

besorgt sie waren, daß wir nicht zu Schaden kämen.

An der Landungsstelle angekommen, sahen wir wol, daß mit einem geschickten

Sprung ans Land zu kommen ist, wir fanden aber auch, daß ein Fehlsprung

sicher ins Wasser führt und daß man bei dem Sprung auf den glatten Stein

auch nicht das Gleichgewicht verlieren darf, denn sonst schlägt man auf

die scharfen Felsen und kann sicherlich auf eine erhebliche Verwundung

rechnen. Unsere Freunde wissen das auch zu beurtheilen, denn als ich von

dem bei solchen Gelegenheiten etwas zweifelhaften Vorrecht des Aeltesten,

als erster den Vortritt zu nehmen, Gebrauch machen will, werde ich

festgehalten und neben mir springt der Sandwich-Insulaner zwar nicht auf

den Stein, aber mit seinem einzigen Anzug auf dem Körper in das Wasser und

schwimmt wassertretend wie ein Frosch vor dem Felsen. Ich verstand nicht,

was der Mann beabsichtigte, der Stein hat vollkommen senkrechte glatte

Wände und das Niveau des Wassers liegt etwa 1½ m unter der Plattform des

Steins, sodaß ein Erreichen des Steins vom Wasser aus unmöglich erscheint.

Der Mann kennt die Situation aber besser. Nach kurzer Frist steigt das

Wasser plötzlich 2-3 m, flutet über den Stein weg, fließt ab und unser

Insulaner steht auf dem Stein, um uns nunmehr die Hand zu reichen. Nach

und nach, je nachdem das Auflaufen der Wellen das Boot zum Abrudern zwingt

oder ihm gestattet nahe heranzukommen, werden alle Personen glücklich

gelandet und wir betreten einen Weg, wie man ihn nicht oft in seinem

Leben geht. Da die Bergwände zu steil sind, um auf ihnen ohne gebahnten

Pfad gehen zu können, die Eingeborenen in einem solchen Weg aber keinen

Nutzen sehen, weil die vorhandenen ihnen genügen, so war für uns auch nur

der eine Weg am Strande entlang über die Klippen vorhanden. Das Stück,

welches wir auf diese Weise zurückzulegen hatten, betrug etwa 40 Minuten,

weit genug, um ohne Zaudern loszumarschiren, wenn wir vor Eintritt der

Dunkelheit zurück sein wollten.

Ein solcher Klippenweg hat die Eigenthümlichkeit, daß man nicht eben

weggehen kann, sondern unausgesetzt die Richtung ändern muß. Einmal muß

man sich nach links wenden, dann nach rechts, wie die vorspringenden

Steinspitzen gerade am bequemsten liegen, oft muß man mehrere Fuß tief

hinunterspringen und dabei gut darauf achten, den richtigen Stein zu

treffen, dann muß man das wieder mühsam hinaufklettern, was man vorher

hinuntergesprungen ist. Hat man nun hierbei nur auf den Weg zu achten,

dann geht es noch, hier heißt es aber noch unausgesetzt die Brandung

im Auge zu behalten. Dieses Zusammentreffen der ruhelos auflaufenden

Brandung mit einem an sich schon beschwerlichen Wege macht diesen geradezu

gefahrvoll, und hier erwiesen sich die Eingeborenen in so sorgsamer Weise

nützlich. An diesen Weg gewohnt und mit ihren nackten Füßen sehr viel

sicherer auf den Beinen, sind sie mehr befähigt, auf Weg und Brandung

zugleich zu achten, und verstehen auch zu beurtheilen, wie weit das Wasser

jedesmal steigt. So lassen sie uns zeitweise plötzlich halten, und dicht

vor uns werden höher liegende Felsen als diejenigen, auf welchen wir

stehen, von der hellen klaren See überspült; dann wieder lassen sie uns

auf einen andern Stein springen oder gar in eine Vertiefung, und um uns

herum steht alles in voller Brandung, während wir trocken bleiben, müssen

dann aber schnell auf einen der eben erst bespülten Steine flüchten, weil

das abfließende Wasser nun unsern letzten Zufluchtsort ausfüllt. So kommen

wir endlich zu dem Dorfe, zwar ohne von dem Seewasser durchnäßt zu sein,

trocken sind wir aber nicht, denn die Anstrengung des Weges hat allen

Schweiß aus unserm Körper herausgepreßt, den er überhaupt abgeben konnte.

Trotz des einsetzenden starken Regens benutzen wir unsere Regenschirme

nicht, weil wir ja doch schon durch und durch naß sind. Das Anerbieten

unserer Führer, uns durch einen ein Fuß tiefen Fluß zu tragen, lehnen wir

auch ab, weil es für unsere brennenden Füße eine Wohlthat ist, dieselben

in dem kühlern Wasser zu erfrischen. Von dem Dorf und seinen Bewohnern

sehen wir zunächst nichts, weil ein wüthend brennender Durst erst nach

irgendwelchem Getränk verlangt.

Der Häuptling führt uns zunächst in seine Wohnung, wo seine Frau uns

empfängt. Um uns herum kribbelt und krabbelt es, mit der Gesellschaft

in Ordnung kommen können wir aber erst, nachdem wir mit großer Gier

die Milch einiger frischer Kokosnüsse getrunken haben. Endlich sind

wir wieder Menschen und können nun Umschau halten. Wir sind in einem

Holzhäuschen, welches aus einem Flur mit zwei daranstoßenden Zimmern

besteht; die drei obersten von uns sitzen auf Stühlen, ein Holztisch ist

vorhanden, an der Wand hängt ein Crucifix. Auf unsere Verwunderung über

dieses behagliche Häuschen wird uns die Antwort, daß es das Haus des

frühern Missionars ist und nach dessen Abgang mit sämmtlichem Inventar

in den Besitz des Häuptlings übergegangen ist. Der Häuptling sitzt, nur

mit Hosen bekleidet, auf einer Kiste, die beiden Hemden hat er also

inzwischen schon ausgezogen; sein Oberkörper ist nur wenig tätowirt.

Des Häuptlings Frau sitzt neben mir; sie ist von mittlerer Statur, hat

eine schmale gebogene Nase, brennende Augen, bis zur Schulter reichendes

schlichtes Haar und eine hellbraune Hautfarbe; ihr angenehmes und hübsches

Gesicht hat einen schmerzlichen Zug. Ihre Kleidung besteht aus einem

langen, bis zu den Knöcheln reichenden und mit Aermeln versehenen rothen

Gewand, unter welchem sie noch ein gelbes, hemdartiges Kleidungsstück

und darunter den Maro hat, welchen die Frauen ebenso wie die Männer,

Mädchen und Kinder tragen. Ihre Beine und Arme sind tätowirt; Arm und

Schulter zeigt sie uns auf Verlangen und würde uns wol auch ihr Bein

gezeigt haben, wenn wir danach verlangt hätten. Als Begrüßung reicht

sie uns die Hand, nickt graziös mit dem Kopf und verzieht das Gesicht

zu einem angenehmen Lächeln; die ganze Begrüßung ist nach europäischem

Geschmack so vornehm und fein, daß manche europäische Dame sich ein

Beispiel daran nehmen könnte. Ich biete meiner freundlichen Nachbarin

meinen ganzen Cigarrenvorrath an, welches Geschenk sie aber erst nach

erfolgter Aufforderung ihres Mannes annimmt; sie zündet sich eine an

und vertheilt die übrigen an die Anwesenden, welche nur aus Männern und

Jungen bestehen, aber was für Männer und Jungen! Ein Maler würde in dieser

Modellsammlung schwelgen. Die Erwachsenen sind durchweg kräftige, aber

elegante schlanke Gestalten von über Mittelgröße, alle Glieder schön

und ebenmäßig; die Gesichtszüge sind wegen der Tätowirung schwer zu

erkennen, doch sieht man so viel, daß dieselben im Durchschnitt hübsch

sind und Intelligenz verrathen, jedenfalls in der letztern Beziehung hoch

über dem Ausdruck der Gesichter unserer niedern Volksklassen stehen,

obgleich die Leute keine Schulzeit durchgemacht haben. Die Tätowirung

des Körpers ist so stilvoll durchgeführt, daß man, wie früher schon

erwähnt, die mangelnde Kleidung nicht vermißt; die Leute sind entschieden,

so wie sie sind, anständig angezogen. Die Männer tragen auch noch

Schmuck, entgegengesetzt unserer Sitte, während die Frauen sich hier

nur mit Blumen zieren. Der Schmuck besteht aus Halsketten von bunten

geschliffenen Glasperlen, nachgeahmten Korallen, auch zusammengereihten

bunten Früchten, aus goldenen Ringen und Ohrringen, Blumen im Haar und in

den an 1 cm großen Löchern der Ohrläppchen; als besonderer Schmuck wird

auch noch ein Schlüssel angesehen, der um den Hals gehängt wird. Einige

tragen Matrosenmesser; Waffen sind sonst nicht zu sehen, weil sie, wie

schon erwähnt, einheimische Waffen nicht mehr besitzen. Die anwesenden

Jungen im Alter von 6-14 Jahren sind wahre Prachtbengel, nur mit dem Maro

bekleidet, daher ziemlich nackt, weil sie noch nicht tätowirt sind. Sie

sind von heller braun-gelber Hautfarbe und haben offene, freundliche und

hübsche Gesichter, in welchen sich schon ein gewisses Selbstbewußtsein

ausspricht, denn sie dürfen mit den Männern zusammen sein, zu denen sie

gehören und mit welchen sie schon alles theilen. Man sieht es diesen

Jungen an, daß sie gut behandelt werden; unsere Dolmetscher bestätigen

auch, daß die hiesigen Eingeborenen viel auf Kinder halten und sie gern

haben. Ich stelle sie auf die Probe und frage, ob ich nicht einen Jungen

kaufen oder eintauschen könne, erhalte aber nur eine freundliche, jedoch

ganz bestimmte Abweisung. Da sich unter den Knaben auch einer mit hellerer

Hautfarbe und blondem Haar befindet, welcher nach Angabe des Dolmetschers

einen Weißen zum Vater hat, so frage ich, ob ich denn nicht diesen

Bastard einhandeln könne. Die Antwort war, daß schon der Kapitän eines

Walfischfängers sich alle erdenkliche Mühe gegeben habe, dieses Kind zu

erhalten, der Adoptivvater (augenblicklicher Mann der Mutter) wolle es

aber nicht hergeben und halte mehr von ihm wie von seinen eigenen Kindern.

Im allgemeinen fällt mir der nette, liebenswürdige Verkehr unter diesen

Eingeborenen auf. Man sieht nur freundliche Gesichter; eine freundlich

gestellte Bitte von einem Erwachsenen an einen andern, von einem

Erwachsenen an einen Jungen, oder umgekehrt, wird sofort ohne Zaudern

mit freundlichem Gesicht gewährt. So stehen und hocken die Männer und die

Jungen an den Wänden, verhalten sich anständig und im ganzen ruhig, weil

wir ja ihr Interesse vornehmlich erwecken.

Während wir hier im Hause des Häuptlings sitzen, werden Geschenke für mich

herbeigebracht. Der Häuptling und der Tonganer schenken mir jeder einen

Strauch Bananen; von dem kleinen Pfiffigen erhalte ich zwei Hühner, fünf

Eier und einige Apfelsinen. Auf meine Frage, welches Gegengeschenk ich zu

geben habe, wird mir die Antwort, daß sie kein solches erwarten; wolle ich

ihnen aber etwas schenken, dann würde alles, was ich nicht mehr gebrauchen

könne, dankbar angenommen. Ich schenkte später den Leuten ein Messer, eine

Flasche Rum, einen Sack Hartbrot, Cigarren, Streichhölzer und noch einige

Kleinigkeiten.

In dem Hause war es mittlerweile unerträglich warm geworden, und da wir

auch noch etwas sehen wollen, entschließen wir uns zum Aufbruch und werden

nun, infolge des anhaltenden Regens, vorläufig in ein anderes Haus, eine

unverfälschte ortsübliche Hütte geführt, wo wir auch Damengesellschaft

finden. Die Hütten sind alle gleich, und so genügt es eine zu beschreiben.

Auf eingegrabenen Pfählen ruht ein Dach, dessen Sparren aus Bambusstäben

bestehen und dessen Decke durch eine aus Palmblättern geflochtene Matte

gebildet wird, welche ziemlich regendicht ist und 5-6 Jahre vorhalten

soll. Mit ebensolchen Matten sind die Längswände der Hütte geschlossen,

die Schmalseiten sind offen. Die Hütte ist ungefähr 10 m lang, 3 m

breit und in der Mittellinie 4 m hoch. Der Fußboden der Hütte liegt

etwas mehr als 1 m über dem ihn umgebenden Erdboden und wird in der

Weise hergestellt, daß der innerhalb der Pfähle liegende Raum bis zu der

genannten Höhe mit großen glatten Steinen ausgefüllt wird, sodaß das etwa

durch das Dach sickernde Wasser zwischen den Steinen ablaufen kann; auch

wird das Ungeziefer, wie Ameisen u. s. w., wol die glatten Steine meiden.

In solcher Hütte sitzt man luftig, kann aber die andachtvolle Ruhe und die

herrliche Scenerie nicht genießen, denn der Schöpfer hat dafür gesorgt,

daß diese Menschen, welche sonst in paradiesischer Trägheit ihr Leben

verbringen, auch Bewegung finden. Denn wie bei uns die Thiere im Walde und

auf der Weide durch allerlei Geschmeiß zu fortwährender Bewegung getrieben

werden, so peinigen hier ungezählte Massen von Fliegen die Menschen. Sie

sind eine wahre Landplage, und alles Fächeln unserer braunen Freunde hält

sie von ihren eigensinnig wiederholten Angriffen nicht ab. So begrüßen

wir es als eine wahrhafte Erlösung, als es endlich aufhört zu regnen.

Das Anerbieten des Tonganers, mich auf die nächste Höhe zu führen, um von

dort aus einen Ueberblick über das ganze landschaftliche Bild zu erhalten,

mußte ich der vorgerückten Zeit wegen ablehnen und wir gehen statt dessen

an den Strand zu den dort liegenden Hütten und der dort in größerer

Zahl versammelten Damenwelt. Wir werden überall freundlich empfangen,

die Verständigung erfolgt durch Zeichen und Lachen, und die so geführte

Unterhaltung hält sich in den Grenzen feinen Anstandes; die berichtete

Schamlosigkeit und Gemeinheit können wir hier nicht entdecken.

Der Anzug der Frauen besteht theilweise, und wol nur bei den

Wohlhabenderen, aus dem bei der Häuptlingsfrau schon beschriebenen

langen Hemde, in der Regel aber nur aus einem Stück Zeug aus Baumwolle

oder selbstfabricirtem Stoff, welcher aus der Rinde des Maulbeerbaumes

gefertigt wird. Der Anzug wird mit diesem in der Weise hergestellt, daß

das Zeug unter den Armen um den Leib geschlungen wird und dann bis zur

Erde reicht, beim Sitzen aber bis zu den Hüften heruntergleitet.

Ich unterscheide unter den hier versammelten Frauen vier verschiedene

Typen, welche wahrscheinlich durch wiederholte Kreuzung entstanden sind.

Die große Mehrzahl hat stark krauses schwarzes Haar, welches bis zur

Schulter reicht und nach allen Seiten ungefähr 15 cm weit absteht, große

schwarze brennende Augen, breite aber wohlgeformte Nase, großen Mund und

hellbraune Hautfarbe. Eine zweite Klasse hat dasselbe Haar, jedoch mit

röthlichen Strähnen durchzogen, kleinere Augen und Nase und ist kleiner

an Körper. Die dritte Klasse hat schlichtes schwarzes Haar, welches

auch nur bis zur Schulter reicht und wol der Mode halber abgeschnitten

ist, eine schmale schöne Nase, stimmt jedoch sonst mit der ersten Klasse

überein. Die vierte Klasse hat nur einige wenige Vertreterinnen; sie haben

schlichtes schwarzes Haar, große schwarze sinnende Augen, feine leicht

gebogene Nase, kleinen Mund und eine ganz hellgelbe Hautfarbe. Bis auf

die zweite Klasse sind alle über Mittelgröße, einige sind sehr groß. Die

Körperformen sind bei allen ebenmäßig und schön; alle sind gut gewachsen

und haben volles üppiges Fleisch. Die der Insel ursprünglich angehörige

Rasse glaube ich in der ersten Klasse zu finden, wogegen die vierte

Klasse, welche man für Südeuropäer halten kann, wahrscheinlich viel weißes

Blut hat. Ehe ich zu beweisen suche, weshalb man bei den Männern nicht

so scharf ausgeprägte Typen unterscheiden kann, muß ich noch einer Frau

der vierten Klasse Erwähnung thun. Auf dem hochgelegenen Fußboden eines

Hauses saß halb mit dem rechten Bein, das linke auf dem Erdboden, an dem

äußern Rand eine lichte Gestalt in unnachahmlicher Grazie, den rechten

gekrümmten Arm gegen einen Pfahl lehnend, den schön tätowirten linken Arm

mit der Hand im Schoß, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Der obere Theil

ihres Gewandes ruhte auf den Hüften. Sie war eine vollendete Schönheit

und sollte, soweit die Eingeborenen rechnen können, 35 Jahre alt sein. Ich

konnte dem von ihr ausgehenden Zauber nicht widerstehen und trat mit dem

Dolmetscher näher heran, zumal ich auch nicht glauben konnte, daß dieses

zarte feine Gesicht und der jugendlich üppige Körper in diesem Klima

schon 35 Sommer gesehen haben sollen. Trotz ihrer freundlichen Begrüßung

lag im Auge der Frau so viel Abweisendes, als ob sie sagen wollte: „Rühre

mich ja nicht an!“ Ich ließ ihr durch den Dolmetscher sagen, daß ich mir

gern ihren tätowirten Arm ansehen möchte, worauf sie mir mit zufriedener

Miene ihre kleine, schön geformte Hand reichte, damit ich mir das Muster,

welches ich weiter unten beschreiben werde, genau ansehen konnte.

Daß man in dem Aussehen der Männer so wenig Verschiedenheit findet, liegt

wol hauptsächlich in der Tätowirung. Die früher genannten vier Insulaner

in europäischer Kleidung, welche sämmtlich nicht im Gesicht tätowirt sind,

haben dagegen ganz verschiedene Gesichtszüge, doch gehören nur zwei von

ihnen dieser Insel an, und von diesen ist der Häuptling groß mit breiter

gebogener Nase, der Pfiffige klein mit langer schmaler Nase. Dies beweist

aber auch noch nichts, weil auf den Südsee-Inseln die Häuptlinge immer

größer an Gestalt sind und andere Gesichtszüge haben, als ob sie einer

andern Rasse angehörten. Als besonders auffällig erschien mir bei unserm

kurzen Besuch, daß sowol die nackten tätowirten Männer als auch die Jungen

unter sich alle gleich aussehen. Die Männer haben durchgehends krauses

schwarzes Haar, dunkle Augen, theilweise gebogene, theilweise breite

Nasen, und man muß sehr genau hinsehen, um aus diesen bunten Gesichtern

überhaupt bestimmte Formen herausfinden zu können. Die Jungen haben

schlichtes kurzes Haar, große Augen, großen Mund und ebenfalls theilweise

gebogene, theilweise breite Nasen.

Noch einmal auf die Frauen zurückkommend muß ich erwähnen, daß sie das

Haar in der Mitte gescheitelt tragen und anscheinend in guter Pflege

halten, denn bei ihnen waren ebenso wenig wie bei den Männern Spuren

von Ungeziefer zu entdecken. Die Frauen tätowiren sich in die Lippen

senkrechte blaue Striche ein, welche so unmotivirt sind und mit keinerlei

Gesichtszügen in Verbindung stehen, daß sie das Gesicht entschieden

verunstalten. Während die frühern Reisebeschreibungen sagen, daß die

Frauen nur auf den Lippen tätowirt sind, haben wir diese Sitte bei ihnen

auch auf andere Körpertheile ausgedehnt gefunden. Wie ich schon erzählt

habe, hat die Frau des Häuptlings Arme und Beine tätowirt, wir finden

dasselbe hier am Strande noch bei mehrern andern Frauen. Die Tätowirung

des Armes reicht in der Regel von den Mittelgelenken der Finger bis zu

dem halben Unterarm, besteht aus sich kreuzenden feinen Linien, welche

ziemlich dicht zusammenliegen, auf dem Rücken der Hand und vor dem

Abschluß am Arm aber ein offenes spitzenähnliches breites Band bilden,

sodaß es aussieht, als ob die betreffende Person fein gewirkte lange

Filethandschuhe anhabe; bei der Häuptlingsfrau geht das Muster bis zur

Schulter. Die Tätowirung des Beines erstreckt sich von den Zehen über den

Fuß und das ganze Bein bis zu den Hüftgelenken, bei einzelnen jedoch nur

bis etwas über das Knie, und hier konnte man wähnen, feine Filetstrümpfe

nach französischem Modell vor sich zu haben. Als wir den Wunsch äußern,

ein solches Bein zu sehen, zaudert das betreffende Mädchen erst, schlägt

aber nach Aufforderung der umstehenden Männer sichtlich verschämt das Tuch

so weit zurück, daß man das Bein sehen kann. Es hat schöne Formen, reiche

und schöne Muster, die Haut ist zart und weich.

Das Tätowiren der Männer nimmt viele Jahre in Anspruch, denn es

beginnt mit dem 14. Lebensjahr und wird so ziemlich bis zum Lebensende

fortgesetzt. Eine solche Procedur auf einmal ohne Unterbrechung ausgeführt

würde vielleicht ebenso den Tod nach sich ziehen, als wenn ein Mensch

bis zu zwei Drittel seiner Hautfläche verbrüht wird. Die ersten Linien

werden im Gesicht, an Händen und Füßen angelegt, und die Arbeit, welche

nach meiner Schätzung mehr als 30 Jahre in Anspruch nimmt, wird mit dem

vorschreitenden Alter weiter durchgeführt; wenigstens habe ich nur einen

Mann gesehen, welcher in dieser Beziehung als fertig angenommen werden

konnte, und dieser war etwa 50 Jahre alt.

Bei den Mädchen ist es wegen der geringern in Betracht kommenden

Hautfläche angängig, die ganze Procedur auf einmal auszuführen und diese

soll auch nach dem 14. Lebensjahr bei Gelegenheit von Festen in einem Act

ausgeführt werden. Ob es für die Mädchen wirklich ein Fest? Ich habe es

in meinen jungen Jahren auch gekostet, wie das Tätowiren thut, und kann

nur sagen, daß ein ganz kleines Stück schon schmerzhaft genug ist.

Die Füße und Hände der Frauen sind klein und gut geformt. Die Ohrläppchen

haben sehr große Löcher, dieselben sind aber nicht für Ohrringe bestimmt,

sondern nehmen Blumen und kleine Sträuße auf. Das Gebiß ist, soweit ich

sehen konnte, durchweg gesund, schneeweiß und wird sauber gehalten.

Mit zwei oder drei Ausnahmen habe ich keine kleinen Mädchen gesehen.

Meine Frage, ob sie die Mädchen als überflüssig gleich nach der Geburt

erwürgten, wurde mit Entrüstung verneint und behauptet, daß diese alle

weiter oben in dem sich durch das ganze Thal erstreckenden Dorf seien, wo

noch 400 Menschen wohnten. Leider konnte ich mich nicht lange genug auf

dieser Insel aufhalten, um noch Zeit für einen Ausflug nach dem obern Dorf

zu finden.

Allmählich wird es Zeit, an den Rückweg zu denken, und ich schaue mich

nach meinen Sachen um, an die ich gar nicht mehr gedacht hatte. Zu meiner

Ueberraschung sehe ich einen ganzen Trupp Männer und Jungen, welche

mir dieselben nachtragen. Einer hat meinen Rock, welchen ich der Hitze

wegen ausgezogen hatte, ein anderer meinen Schirm, wieder einer meine

Bananen u. s. f. Wir nahmen nun Abschied von den Damen, ich ziehe meinen

Rock an und entdecke zu meiner Verwunderung, daß kein Stück der in den

Taschen vertheilten Kleinigkeiten fehlt, nicht einmal die Schachtel mit

Zündhölzern, welche in der jetzigen Regenzeit fast der begehrteste Artikel

ist. Die andern Sachen lasse ich den Trägern noch und wir begeben uns nun,

nachdem wir der großen Branntweinflasche noch einen Besuch abgestattet

hatten, zurück auf den bedenklichen Klippenweg, wo es uns diesmal nicht so

gut gehen sollte wie auf dem Herweg, denn als ich an einer Stelle, welche

mir durchaus sicher erschien, einen Augenblick stehen blieb, um mit dem

mir nachfolgenden Offizier einige Worte zu wechseln, hörten wir beide den

Warnungsruf unsers Führers zu spät, standen plötzlich bis unter die Arme

im Wasser und lagen dann zwischen den Klippen; dasselbe passirte auch dem

größten Theil der Offiziere, weil alle auf dem Rückweg zu unaufmerksam

waren. Glücklicherweise nahm indeß keiner größern Schaden; einige Risse

in den Hosen und in der Haut waren das ganze Opfer.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 10 / 56 段