3. Der übermäßige Genuß von Branntwein. Der Trunk scheint hier allerdings

das alles beherrschende Laster zu sein, welchem vorzugsweise die rasche

Abnahme der Bevölkerung zugeschrieben werden muß, wenn eine Abnahme

wirklich stattfindet; letzteres kann noch angezweifelt werden, da der

deutsche Missionar, dessen Angaben ich vollen Glauben schenke, vor sechs

Monaten auf Fatu-hiva über 700 Seelen gezählt hat, während der englische

Commodore Powell im Jahre 1867 nur 500 als die Einwohnerzahl dieser

Insel angibt. Aber wirklich angenommen, daß die stets sich wiederholenden

Klagen über das Aussterben dieser Eingeborenen begründet sind, so liegt

die Ursache hier nicht in den directen Folgen der Trunksucht, sondern

der Trunk tödtet meiner Ansicht nach nur auf indirectem Wege. Vor allen

Dingen muß hervorgehoben werden, daß die Leute auf diesen Inseln, wo

keine Europäer leben, sich ihren Rausch nicht in europäischem oder

amerikanischem Schnaps, von welchem in Port Anna-Maria die ganze Flasche

nur 10 Pfennig kostet, antrinken, sondern in einem selbstbereiteten

berauschenden Getränk, welches aus gegorener Kokosmilch gewonnen wird

und wegen fehlender Beimischungen der Gesundheit sehr viel weniger

schädlich ist, als die billigen, von den klugen Weißen zusammengebrauten

Höllentropfen es sind. Erwägt man, daß die Männer sich allabendlich

gemeinsam bis zur vollsten Besinnungslosigkeit betrinken, so müßte man

nach unsern Erfahrungen über Säufer jedenfalls annehmen, daß die große

Mehrzahl der Männer die äußern Merkmale des Säufers tragen müßte, daß sie

nicht nur des Abends sondern auch am Tage trinken würden, und schließlich,

daß jede Nachkommenschaft ausgeschlossen wäre. Von alledem ist hier

aber nichts zu merken. Die äußerlichen Merkmale des Säufers habe ich

bei keinem entdecken können, wenngleich mein Gewährsmann, der englisch

sprechende Eingeborene, mir sagte, daß er arbeite und dies nur könne,

weil er sich nicht betrinke, obgleich er auch ganz gern trinke, aber

stets Maß halte, während die andern so viel tränken, daß sie am andern

Tage nicht arbeiten könnten. Ferner trinken die Leute nur des Abends und

bleiben am Tage der Flasche fern, können aber auch am Abend enthaltsam

sein, wie sie es während unsers Aufenthalts in Omoa durchgeführt haben,

und zwar aus einem gewissen Schamgefühl vor uns, wie zwei zu verschiedenen

Zeiten befragte Eingeborene übereinstimmend versicherten. Sei es nun,

daß wirklich Scham sie vom Trinken abgehalten, oder daß die Ankunft des

Schiffes die Geister so angeregt hatte, daß sie auf das gewohnte Gelage

verzichteten, Thatsache bleibt es, daß das Trinken noch nicht die Form

des gewohnheitsmäßigen Betrinkens angenommen hat. Ich glaube überhaupt

nicht, daß die Leute trinken um zu trinken, sondern nur um den langen

Abend zu verkürzen und einen Schlaftrunk zu nehmen -- sie trinken aus

Langeweile. Man muß bedenken, daß hier tagaus tagein die Nacht um 6 Uhr

abends und der Tag erst 6 Uhr morgens beginnt, also Tag für Tag 12 Stunden

Nacht. Da nun Arbeit unbekannt ist und die Leute den ganzen Tag träge im

Nichtsthun hinbringen, so fehlt ihnen am Abend die körperliche Abspannung,

um 12 Stunden schlafen zu können. Da ferner die Eingeborenen jedes Thales

auf sich angewiesen sind, Schiffe hier nicht anlaufen, Kindererziehung

überflüssig ist, keine Person etwas thun kann, was nicht jeder sieht,

so fehlt aller Unterhaltungsstoff, nicht einmal klatschen können sie.

Schließlich fehlt ihnen auch noch der Taback, um die Zeit mit Rauchen zu

vertreiben, und so bleibt diesen bedauernswerthen Menschen, solange die

französische Regierung nicht für Handel und Wandel sorgt, weiter nichts

übrig als das Trinken. Daß der Abendtrunk nur als Schlafmittel gebraucht

wird, kann vielleicht auch daraus gefolgert werden, daß das Getränk nahezu

geschmacklos ist, also auch der Kitzel der Geschmacksnerven nicht in

Rechnung zu ziehen ist.

Das Getränk wird gleich für das ganze Gemeinwesen bereitet und in einem

großen Bambusrohr aufbewahrt, welches am Strande liegt und jedermann

zugänglich ist. Das Herausziehen eines Stöpsels genügt, um sich die neben

der großen Flasche liegende Kokosnußschale füllen zu können. Abends nach

Sonnenuntergang versammeln die Männer sich um ein Feuer, und auch die

Frauen kommen, um ihnen für einige Zeit Gesellschaft zu leisten; die

Männer trinken solange bis sie liegen bleiben, während die Frauen Maß

halten und sich nach einiger Zeit zurückziehen, um die Nacht in ihren

Hütten zu verbringen. Hierbei wird nun meines Erachtens der Keim zu vielen

unheilbaren Krankheiten gelegt. Das Klima, welches in der trockenen

Jahreszeit ja so heiß ist, daß man froh sein muß, wenn man möglichst

leicht bekleidet herumlaufen kann, ist in der Regenzeit frisch und während

der Nacht viel zu rauh, um unbekleidet schlafen zu können. Die Leute

müssen bei dem Mangel an Kleidung und dem Fehlen aller schützenden Hüllen,

wie Decken oder Matten, daher des Nachts schon in ihren Hütten unter der

Kälte leiden, und müssen geradezu frieren, wenn der Rausch sie verhindert,

das wenigstens etwas schützende Dach aufzusuchen, und sie statt dessen

unter freiem Himmel liegen bleiben, wo ihre nackten Körper nicht nur dem

kalten Regen, sondern auch der rauhen Nachtluft voll ausgesetzt sind.

So wird der innere Organismus dieser Menschen nicht direct durch den

Trunk zerstört, sondern dadurch, daß durch häufige Erkältungen und danach

durch mangelnde Pflege lebensgefährliche Krankheiten und in erster Reihe

viele Fälle von Lungenschwindsucht entstehen. Zu unserer Zeit war die

ganze Bevölkerung erkältet, Weiber und Kinder hatten den Schnupfen, die

Männer husteten stark, und der Schiffsarzt will aus dem von allen Seiten

ertönenden Husten vornehmlich Schwindsuchtshusten herausgehört haben. Nach

allen Berichten soll Lungenschwindsucht hier auch sehr verbreitet sein.

Alte Männer habe ich in den beiden von mir besuchten Thälern auf Fatu-hiva

nur drei gesehen, alte Frauen mehrere; ich glaube daher, daß die Weiber,

welche mehr bekleidet sind und sich nachts in ihren Hütten aufhalten, den

schädlichen Witterungseinflüssen weniger unterworfen sind und aus diesem

Grunde ein höheres Alter erreichen. So wird aller Voraussicht nach dieser

in sich abgeschlossene Menschenstamm in nicht zu langer Zeit infolge

der Erblichkeit der Lungenschwindsucht ausgestorben sein. Wie sehr diese

Menschen zeitweise unter der rauhen Witterung leiden, dürfte auch daraus

hervorgehen, daß diese Leute, welchen die größte Gleichgültigkeit gegen

das Tragen von Kleidern nacherzählt wird, während unserer Anwesenheit

nur danach trachteten, alte Kleider zu erwerben. Für Geld war nichts,

für alte Kleider alles zu haben. Ein nackter Eingeborener kam mit seinem

ganzen, aus nahezu 100 Dollars bestehenden Vermögen an Bord, um dafür alte

Kleider zu erwerben, und daß er gleich eine so große Summe mitbrachte,

zeigt jedenfalls, welch geringen Werth er auf das Geld und welch hohen

er auf Kleidungsstücke legte. So könnte eine wohlwollende Regierung oder

Missionsgesellschaft gewiß leicht die Sitte der Bekleidung einführen, wenn

zur richtigen Zeit eine verhältnißmäßig unbedeutende Summe gespendet und

versucht würde, die Eingeborenen zunächst zur Arbeit zu erziehen, anstatt

sie mit Lesen und Schreiben zu belästigen, was sie nicht gebrauchen, und

ihnen christliche Lehren zu predigen, welche sie noch nicht verstehen.

Da aber voraussichtlich aus dieser Insel Fatu-hiva, von welcher ich

hauptsächlich spreche, nie ein Gewinn zu ziehen sein wird, läßt man die

Eingeborenen verkommen, anstatt ihnen aus christlicher Liebe zu helfen. --

Ich will nun zu meinen eigenen Erlebnissen übergehen, bei deren Erzählung

noch mancherlei zu Tage treten wird, was das Vorstehende ergänzt.

Nach ziemlich vierwöchentlicher Fahrt waren wir am 13. Mai abends der

südlichsten der Marquesas-Inseln so nahe gekommen, daß es nöthig wurde,

während der Nacht mit kleinen Segeln zu laufen, um das Land nicht vor

Tagesanbruch zu erreichen. Vorsicht war um so mehr geboten, als es

stürmisch war, die See hoch ging und der Mond durch dickes Gewölk verdeckt

wurde. Mit Tagesanbruch am 14. wurden die Segel wieder gesetzt, und gegen

8 Uhr vormittags traten aus dickem Regengewölk die Umrisse der Insel

hervor. Unsere Position war genau richtig, was bei einer Reise von 3000

Seemeilen, ohne Land gesehen zu haben, immer etwas zweifelhaft ist, weil

die Chronometer doch auch zuweilen ihre Mucken haben und man so ziemlich

auf diese allein angewiesen ist, wenn es sich um die Richtigkeit der Länge

handelt. Wir waren zunächst an der Wetterseite der Insel, welche mit ihren

1200 m hohen Bergwänden die von dem Passatwind angetriebenen Wolkenmassen

auffängt und hierdurch an dieser Seite fast bis zum Wasserspiegel in

dichtes Gewölk eingehüllt ist, eine Erscheinung, welche sich bei allen in

der Passatregion liegenden hohen Inseln während der Regenzeit wiederholt.

Mit dem Näherkommen wird der Wolkenschleier allerdings durchsichtiger,

doch nicht genügend, um eine Totalansicht der Insel erhalten zu können.

Immerhin löst sich wenigstens die Südspitze der Insel aus dem Gewölk

heraus und bietet uns einen schönen Blick. Wie die Ansicht der Südspitze

von Fatu-hiva mit dem Thal Omoa zeigt, erhebt sich hier der Mittelkamm der

Insel nahezu senkrecht aus dem Wasser, steigt in seltsam gezackter Linie

beinahe 700 m hoch und zieht sich, allmählich bis zu einer Höhe von 1200 m

anwachsend, durch die ganze Insel hindurch. Es ist ein außerordentlich

fesselndes Bild.

Aus den schönen blauen Fluten, welche in hohen Wogen mit mächtigen weißen

Schaumköpfen gegen das Land heranrollen, erhebt sich in majestätischer

Ruhe diese wunderlich geformte Klippenwand. An ihrem Fuße bricht sich

die Kraft der Wogen, welche zu weißem dampfenden Gischt gepeitscht an

diesem ehernen Wunderwerk hinauflecken und brodelnd und schäumend den Fuß

zu unterwühlen suchen. Unten ewige Unruhe, fortwährendes Anstürmen der

Meeresgewalten, oben feierliche Ruhe. Hier steht diese Felsenwand, wie

sie schon seit Jahrtausenden dagestanden hat, überall, wo überhaupt nur

etwas wachsen kann, mit grünem Gras und Moos bewachsen, und nur dort kahl

und finster, wo von den vorspringenden Steinrücken der jahraus jahrein

wehende Passatwind jedes Stückchen Erde, jedes Samenkorn wegfegt und

sie in die geschützteren Schluchten schleudert, wo die Erdkrumen Ruhe,

die Samenkörner Gedeihen finden. So kommt es, daß die Steinpfeiler sich

besonders scharf aus dem Landschaftsbilde herausheben, weil ihre Rücken

schwarz sind, die umliegenden Wände aber ein grünes Kleid haben. Oben

auf den einzelnen Zacken der Felsenwand stehen Sträucher, auf dem Kamm

einige Kokospalmen, welche sich scharf von dem blauen Himmelshintergrunde

abheben und ihre großen Blätter in dem frischen Winde spielen lassen.

Dieses an saftigen frischen Farben, sowie an schönen und kühnen Linien

so reiche Bild wird noch anziehender durch den Contrast, welchen es mit

seiner nächsten Umgebung zeigt. Denn während dieses Stück Land von der

Sonne hell beschienen wird, der blaue Himmel sich über ihm wölbt, wird

das dicht daneben liegende Land von Regenwolken vollkommen eingehüllt und

der ganze Horizont ist mit festen Wolkenmassen, welche an verschiedenen

Stellen wolkenbruchartige Regengüsse entsenden, umlagert.

Der Passat weht frisch, unser Schiff hat schnellen Lauf, das Land rückt

rasch näher, es ist nicht mehr weit bis zu der Cap Venus genannten

Südspitze der Insel, und der Ankerplatz liegt gleich auf der andern Seite

des Caps, unsern Augen fast bis zu dem Augenblick des Ankerns verborgen.

Von Menschen ist vorläufig noch nichts zu sehen, weil dieselben die

Wetterseite der Inseln nicht bewohnen und Cap Venus die ganze Südseite

von Fatu-hiva nach der Seite, von welcher wir kommen, abschließt, sonst

auch kein Weg und Steg um dieses Cap herumführt, weil die Natur hier

die Anlage eines Weges verbietet. Den Bewohnern bleibt daher auch die

Ankunft eines von Osten kommenden Schiffes bis zum letzten Augenblick

verborgen. Ich hätte dem Schiff vorher so viel Fahrt geben können, um

von dem Cap an ohne Segel bis auf den Ankerplatz zu schießen; die Karten

sind aber noch nicht ganz zuverlässig, auch ist es nicht gerathen, ohne

Lootsen einen ganz fremden Platz anzulaufen, ohne ihn zuerst aus gewisser

Entfernung zu besichtigen und sich zu orientiren. So ging ich nicht dicht

unter das Land, sondern blieb weiter ab und versuchte mit kleinen Segeln

den noch auf tiefem Wasser liegenden Ankerplatz zu erreichen. Ich lief

damit Gefahr, nicht sofort zu Anker zu kommen, da man an der Leeseite

solch hoher Inseln gewöhnlich unstete Winde trifft, doch blieb mir

mit Rücksicht auf die Sicherheit des Schiffes keine Wahl. Das Cap wird

umschifft, ein köstliches Thal öffnet sich vor unsern Blicken, dessen

genauere Besichtigung mir aber noch nicht erlaubt ist, weil die Führung

des Schiffes mich ganz in Anspruch nimmt. Langsam geht es dem Ankerplatz

zu, die Segel sind schon weggenommen, da stößt der Wind von vorn und

drängt uns wieder hinaus. Es ist gerade 12 Uhr mittags und keine Aussicht

bleibt, unter Segel allein den Ankerplatz vor dem Abend zu erreichen.

Ich lasse daher in einem Kessel Dampf machen, das Schiff wird unter den

wieder gesetzten kleinen Segeln beigedreht und die Mannschaft zum Essen

geschickt. Nun wird mir Gelegenheit, das Thal Omoa oder Bon Repos-Bai,

wie die Franzosen es nennen, mit Muße zu betrachten.

Die das Cap Venus bildende Klippe fällt an dieser Seite ebenso steil

ab wie an der andern, zeigt auch dieselben Umrisse, zieht sich aber

halbkreisförmig zurück und bildet einen Kessel, welcher durch malerisch

gruppirte Höhenzüge, schöne Thäler und überreiche Vegetation ausgefüllt,

ein Bild abgibt, welches jeden packen muß. Besonders malerisch treten auf

einem Höhenzuge einige Felsnadeln hervor, welche in ihrer Form so sehr den

Pappeln ähneln, daß man sie für riesige Bäume dieser Art halten könnte,

zumal das auf ihnen wachsende Gras und Moos ihnen auch das grüne Kleid

gibt. Unten im Thal öffnet sich der Strand, einige Hütten leuchten aus dem

überreichen Pflanzenwerk hervor, mit dem Fernrohr sind auch Eingeborene

am Strande zu erkennen, sie können indeß das vor uns liegende Bild nicht

beleben, weil unsere Entfernung von ihnen zu groß ist.

Während wir angesichts des Ankerplatzes liegen und darauf warten müssen,

daß die Maschine Dampf bekommt, stößt ein Kanu vom Lande ab und kommt

auf uns zu. In demselben befinden sich sechs Personen, welche alle

hintereinander sitzen, weil das Fahrzeug so schmal ist, daß in der

Breite nur ein Mensch Platz findet. Das Fahrzeug nähert sich schnell, die

muskulösen Ruderer geben ihm durch das Arbeiten mit den kurzen Rudern,

welche mit beiden Händen gefaßt senkrecht in das Wasser eingetaucht und

dicht an dem Bootskörper entlang durch das Wasser gezogen werden, eine

große Geschwindigkeit. Wie ein Seevogel schießt das zierliche elegante

Fahrzeug über die hohen Wellen hinweg. Die vordere Hälfte liegt in der

Luft, wenn es oben über den Wellenkamm klettert, kippt dann nach vorn

herunter, und bergab schießt das gebrechliche Ding, um für kurze Zeit im

Wellenthal zu verschwinden. Die Ruderer bücken sich mit kurzer schneller

Bewegung weit nach vorn, die Ruder senken sich ins Wasser, die Männer

heben sich wieder und das von den Rudern nach hinten geworfene Wasser

spritzt hoch auf; der Vordertheil des Fahrzeugs ist in Wasserstaub

eingehüllt, wenn er aus der Luft in das Wasser zurückfällt, sonst sieht

man an dem Bug nur eine leicht gekräuselte, nach hinten verlaufende Linie,

an welcher der Kenner sieht, daß das Fahrzeug sich außerordentlich schnell

durch das Wasser bewegt und wol eine Geschwindigkeit von 1½ deutschen

Meilen und mehr in der Stunde hat. Die in demselben befindlichen Personen

sind anscheinend vier Europäer und zwei Eingeborene, denn vier sind

bekleidet und zwei sind nackt.

Mit den Europäern hatte ich mich indeß getäuscht. Das Kanu kommt längsseit

und wir sehen schon an den Gesichtszügen, daß alle Insassen Polynesier

sind. Ein Mann steigt als erster aus und kommt an Bord, eine große

kräftige Gestalt in dunkeln Hosen, darüber flatternd ein reines, mit

braunen Blumen besprenkeltes weißes Hemd, ein schwarzer Filzhut auf dem

Kopf und unten barfüßig. Er hat angenehme Gesichtszüge, sein Nasenschnitt

erinnert an denjenigen der nordamerikanischen Indianer, sein langes Haar

ist sehr voll und leicht gekräuselt, das Gesicht bartlos, die Hautfarbe

braungelb und ziemlich hell, und vor allem ist der Mann sauber. Ein

zweiter folgt, ist ähnlich gekleidet, hat kürzeres Kopfhaar, etwas Bart,

einen schwermüthigen Zug im Gesicht, gebogene schmale Nase, spricht

englisch und gibt sich als geborener Tonganer zu erkennen, welcher längere

Zeit in San-Francisco gewesen ist und die deutsche Flagge kennt. Diesem

haben wir wol den freundlichen Empfang zu verdanken, welcher uns später

wurde. Er stellt den zuerst aufs Schiff Gekommenen als den Häuptling

von Omoa vor. Der dritte ist ein kleiner, pfiffig aussehender Geselle,

welcher sein Hemd schon in die Hosen eingesteckt trägt. Er ist Kajütsjunge

auf einem amerikanischen Walfischfänger gewesen und spricht ebenfalls

englisch. Der vierte, etwas reducirt in seiner Kleidung, schon älter an

Jahren, mit intelligentem Gesicht, ist ein Sandwich-Insulaner und spricht

auch englisch. Der fünfte und sechste sind prächtige nackte Kerle, nur mit

dem Maro bekleidet, einem Kleidungsstück, welches auch von den japanischen

Kulis getragen wird. Ein als Gürtel zusammengedrehtes Stück Zeug ist um

die Hüften geschlungen und dient zur Befestigung eines zweiten Zeugstücks,

das vom Nabel ausgehend, zwischen den Beinen durchgenommen und hinten an

dem Gürtel wieder befestigt wird. Bei diesen Leuten, welche die richtigen

Repräsentanten des hiesigen Menschenschlags sind und zwei ausgesucht

schöne Exemplare zu sein scheinen, muß ich etwas länger verweilen.

Die Haare sind seitlich gescheitelt und werden, mit Ausnahme zweier Zöpfe,

welche von den Ohren aus herabhängen, lang und weit abstehend getragen.

Der ganze Körper ist tätowirt und theilweise mit wirklich künstlerischen

Mustern versehen, welche dem Menschen ein ganz eigenartiges Aussehen

geben. Namentlich tritt dies grell bei dem Gesicht hervor, weil die

Malerei hier ganz unsymmetrisch angeordnet ist. Scheinbar zwischen den

Haaren herauskommend, bedeckt ein blaues Dreieck die eine Seite der

Stirn; unter diesem Dreieck läuft ein blaues Band horizontal über die

Augen, welches oberhalb der Augenbrauen beginnt und sich bis zum halben

Nasenrücken erstreckt. Innerhalb dieses Bandes ist mit Ausnahme der

gelblich-weißen Hornhaut des Auges kein heller Fleck zu finden, weil

sogar die Augenlider mit großer Sorgfalt ganz blau gebeizt sind. Daß

die aus solch blauer Umgebung keck und frisch hervorleuchtenden großen

schwarzen Augensterne beim ersten Anschauen einen wilden Ausdruck zu

haben scheinen, liegt auf der Hand; das erste Befremden schwindet aber,

sobald man sich erst gewissermaßen eine geistige Brille aufgesetzt hat,

um die eigentlichen Augen herauszufinden, und hat man sie gefunden,

dann lacht einem ein gutmüthiger Schalk entgegen. Etwas oberhalb der

Nasenspitze beginnt ein zweites Band, welches bis unter die Unterlippe

reicht. Dieses ist jedoch nicht ganz blau, sondern hat willkürlich offen

gelassene helle Flecken, welche kleinere Muster in sich tragen, wie denn

auch das in der Mitte des Gesichts quer über die Nase laufende helle Band

mit kleinen Mustern verschiedener Art ohne bestimmte Ordnung ausgefüllt

ist. Die Malerei des Gesichts erhält ihren Abschluß am Kinn durch ein

dem Stirndreieck diametral gegenüberliegendes kleines Dreieck. Es liegt

auf der Hand, daß ein solches Gesicht, welches durch seine natürliche

hellbraune Farbe, durch frisch-rothe Lippen und schöne weiße Zähne noch

bunter wird, das äußerste Befremden erregt, zumal wenn der Eigenthümer

einer solch bunten Musterkarte dieselbe noch zum Lachen verzieht und seine

Augen fröhlich hin- und herlaufen läßt. Das Auge des Beschauers findet

in solchem Gesicht nirgends Ruhe, alles ist darin unregelmäßig und daher

sowol scheinbar, wie auch in Wirklichkeit in fortwährender Bewegung.

Während in einem natürlich gefärbten Gesicht Muskelbewegungen schon

stärker sein müssen, um einen andern Ausdruck hervorbringen zu können,

genügt hier die geringste Bewegung, um die Malerei zu verändern und das

Gesicht zu einem andern werden zu lassen. Ueber die Tätowirung des übrigen

Körpers ist nur zu sagen, daß sie mit großer Sorgfalt durchgeführt ist

und manch schönes Muster enthält. Besonders bevorzugt sind dabei Arme und

Hände, Unterschenkel und Füße; auf den Armen findet man in der Regel auch

noch den eigenen Namen, sowie solche naher Freunde.

Das Kanu, in welchem die Leute gekommen sind, ist ein außerordentlich

zierliches, leichtes Fahrzeug. Es ist aus zwei Stämmen des

Brotfruchtbaumes zusammengesetzt; der eine Stamm gibt den Boden, der

andere auseinandergeschnitten die Seitenwände. Da dieses lange, schmale

und flache Fahrzeug nun aber gar keine Stabilität hat und daher auf

See stets umschlagen würde, so haben diese Naturvölker sich eine sehr

sinnreiche Sicherung angebracht. Auf ein Viertel der Länge von vorn und

ein Viertel von hinten ist je ein leichter Baumstamm quer über dem Boot

befestigt, welcher an der einen Seite etwa 1 m über das Boot hinausreicht,

an der andern mit der Seitenwand des Fahrzeuges abschneidet. An den Enden

der über das Boot hinausreichenden Arme sind (meistens senkrecht) nach

unten Stäbe befestigt, welche ebenso lang wie das Boot hoch sind und an

ihren untern Enden einen mit dem Boot nahezu parallel laufenden, nach

vorn etwas divergirenden Balken von ungefähr zwei Drittel der Bootslänge

tragen. Die Schwimmkraft dieses Balkens ist so groß, daß das Boot nach der

Seite, welche den Schwimmer trägt, nicht umschlagen kann, andererseits

ist das Gewicht des Schwimmers ausreichend, um das Umschlagen desselben

nach der andern Seite zu verhindern, solange es nicht gar zu ungeschickt

behandelt wird und die Befestigung des Hebelbalkens hält. Die Arbeit

an dem Kanu ist roh, alle die schönen Zierathen, welche man häufig auf

Bildern findet, fehlen hier, die Formen des 10 m langen und 1 m breiten

Fahrzeuges sind aber sehr gefällig und das ganze Kanu sieht aus einiger

Entfernung zierlich und elegant aus.

Nachdem wir uns gegenseitig begrüßt hatten, gingen die Eingeborenen

zunächst durch das ganze Schiff, um sich dasselbe anzusehen, und bekamen

dann, als sie auf das Deck zurückgekehrt waren, etwas zu essen. Eine

große Schüssel voll Bohnen wurde auf eine auf dem Deck ausgebreitete

Presenning gesetzt, Corned-beef und Brot dazu gethan, die Insulaner

herbeigeholt und jedem von ihnen ein Löffel in die Hand gegeben, nachdem

vorher einige Aufpasser bestellt waren, welche diese als diebisch

bezeichneten Menschen stets unter Aufsicht halten sollten. Hätte ich

bei dieser Gelegenheit schon, wie wenige Stunden später, gewußt, welch

großen Werth die Leute auf äußere Formen legen, ich hätte ihnen zu dem

Zweck einen abgeschlossenen Raum angewiesen, so aber stand ich noch unter

dem Eindrucke der Reiseberichte und glaubte, diese Leute dementsprechend

behandeln zu müssen. Sie gruppirten sich hockend um die Schüssel, ließen

dem Häuptling ziemlich viel Platz, indem die andern dicht zusammenrückten,

und schienen sich an dem Gericht recht zu erlaben. Ohne Gier, mit Würde

und Anstand aßen sie die für zehn Mann berechnete Portion ziemlich schnell

auf, ließen aber doch von jeder Speise etwas zurück, legten dann die

Löffel, welche sie mit Geschick gebraucht hatten, ordentlich zusammen und

verließen den Speiseplatz. Die vier bekleideten Honoratioren kamen auf die

Commandobrücke, um sich zu bedanken; die beiden andern kletterten wieder

in ihr Kanu.

Gegen 1½ Uhr hatte die Maschine Dampf, die Segel wurden festgemacht, und

unter Annahme der Lootsendienste, welche die Eingeborenen anboten, ging

es nach dem Ankerplatz, wo wir gegen 2 Uhr ankerten. Ich entschloß mich,

sogleich an Land zu gehen, um den Ort zu besichtigen und namentlich zu

versuchen, für meine Mannschaften einigen frischen Proviant zu erhalten.

Vorher wollte ich dem Häuptling noch eine Freude machen und rief ihn in

die Kajüte, um ihm ein wollenes Hemd zu schenken. Die drei andern kamen

natürlich mit und ich mußte nun, ehe ich mein Geschenk los werden konnte,

Zeuge einer sehr komischen und doch zu ernstem Nachdenken anregenden Scene

sein.

In der Vorkajüte stehen an einer Wand auf Sockeln drei Statuetten

nebeneinander, in der Mitte die Ariadne von Dannecker, in ein Drittel

Lebensgröße, rechts die Venus Kallipygos, links die Mediceische Venus,

beide in ein Viertel Lebensgröße. Die Blicke der Insulaner schweifen an

den Wänden entlang, über die dort hängenden Bilder hinweg und bleiben

dann beim Umwenden plötzlich an diesen Statuetten hängen. Mit offenem

Mund und weit geöffneten Augen stehen die Leute stumm da, sehen mich

einen Augenblick an, richten aber ihre Blicke wieder schnell auf die

Bildwerke und stoßen, mit halberstickter Stimme nach Athem ringend, nur

den Staunensruf „'Ai! A-i!'“ aus. Die einzige Frage, welche sie noch zu

stellen wagen, ist die, ob das Thier, auf welchem die Ariadne sitzt,

wirklich ein Bär sei. Von den Männern wilder oder halbcivilisirter

Völkerschaften darf man ja nie äußere Zeichen des Staunens erwarten,

weil es bei ihnen zum guten Ton gehört, gegen Fremdes Gleichgültigkeit

zu heucheln; die Sinne dieser Männer mußten daher sehr gefesselt sein,

wenn sie sich soweit vergaßen, wie sie es gethan haben. Ich war nun aber

nicht sicher, ob das Erstaunen nur der künstlerischen Arbeit oder den

schönen classischen Formen galt, wollte jedoch Gewißheit haben. Ich rufe

die Leute daher in mein Arbeitszimmer, wo zwei colorirte Bilder hängen,

welche zwei duftige leichtbekleidete Mädchengestalten mit bunten Bändern

im Haar darstellen. Auf den Zehenspitzen folgen sie mir, das ganze Gesicht

nur Staunen und Verwunderung. Ich fordere sie auf sich umzudrehen, und in

stiller Andacht bleiben sie vor diesen zarten Mädchenblumen stehen, welche

durch weiter nichts als durch ihre feinen Farben zur Geltung kommen. Kein

Auge wenden sie von den Bildern, als ob sie dieselben sich für immer

einprägen wollten, und ich muß sie schließlich hinausdrängen. Nur mit

Widerstreben folgen sie, und ihre etwas verdüsterten Mienen hellen sich

erst wieder auf, als sie in der Vorkajüte die Puppen wiederfinden und

ich sie auffordere, dort solange Platz zu nehmen, bis ich meinen Anzug

für den Landgang in Ordnung gebracht habe. Ich unterließ aber nicht, die

Thüre zwischen uns offen zu halten, um diese angeblich diebischen Menschen

beobachten zu können, obgleich die offenen, ehrlichen Gesichter eigentlich

jeden Verdacht beseitigen müssen. Die Statuetten haben es den Naturkindern

aber so sehr angethan, daß sie heute keine Zeit zum Stehlen finden,

wenn sie auch sonst Neigung dazu verspüren sollten -- nur diese ziehen

magnetisch ihren Blick an, alles andere ist für sie nicht vorhanden.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 9 / 56 段