Auf Nuka-hiva wird, um die Kosten der Verwaltung zu verringern, eine

Kopfsteuer erhoben, von welcher die andern Inseln befreit sind, weil

auf ihnen keine Autorität besteht, welche sie erheben könnte. Diese

Kopfsteuer ist außerordentlich hoch und beträgt für jeden Mann 20 Frs. und

für jeden Hund, obgleich derselbe seinem Herrn keinerlei Nutzen bringt,

sondern nur aus alter Gewohnheit als Hausgefährte gehalten wird, 10 Frs.

Ganz abgesehen davon, daß diese letztere Steuer die Eingeborenen sehr

verbittert, werden sie aber dauernd noch durch die Art der Eintreibung

der Steuer gereizt, durch welche der Gewinn der Steuer fast zu einem

Nichts wird. Da der Eingeborene in der Regel kein Geld besitzt, muß er

die Steuer abarbeiten, und wir sehen so die alten Frondienste hier wieder

aufleben. Die Eingeborenen werden zum Straßen- und Brückenbau beordert

und wird ihnen das Tagewerk zu 2 Frs. angerechnet; arbeiten müssen sie

dann solange bis der Betrag ihrer Steuer und auch der ihres Hundes gedeckt

ist. Die Arbeit wird von dem vorhergenannten Bombardier geleitet, welcher,

wol infolge seines Unvermögens, die Arbeit richtig zu beurtheilen,

keinerlei Autorität über die Eingeborenen zu haben scheint, und so kommt

es, daß wenig gearbeitet und viel geschwatzt wird. Ich habe längere

Zeit dem Wiederaufbau einer sehr nothwendigen, durch den starken Regen

weggeschwemmten Brücke, bei welchem 10 Mann beschäftigt waren, zugesehen

und konnte keinen Fortschritt der Arbeit wahrnehmen. Die Leute saßen

zusammen, rauchten und unterhielten sich, während der Bombardier (ein

Elsässer) mit uns eine deutsche Unterhaltung anfing. Ab und zu gingen 2

oder 3 Mann nach einem Stein, welchen bequem ein Mann hätte tragen können,

und legten ihn behutsam mit viel Zeitaufwand in den Bergbach, anstatt ihn

an seine Stelle zu werfen, und nahmen dann ihren alten Platz wieder ein.

Ich bin der Ueberzeugung, daß dies auf 20 Frs. zu veranschlagende Tagewerk

von einem fleißigen Arbeiter in einem halben Tage geschafft worden wäre.

Tahu-ata ist, wie schon erwähnt, seit vielen Jahren von den Franzosen

wieder aufgegeben worden; von den Befestigungen und Blockhäusern konnte

ich beim Passiren nichts mehr entdecken. Die Bauwerke sollen von den

Eingeborenen längst abgetragen und das Material von ihnen zum Bau ihrer

Hütten verwendet worden sein.

Das Besitzrecht auf diese, wie auf die andern thatsächlich unabhängigen

Inseln wird dadurch aufrecht erhalten, daß alljährlich einmal ein

französisches Kriegsschiff die verschiedenen Ankerplätze für ein bis

zwei Tage anläuft. Eine Verbindung mit den Eingeborenen scheint aber

auch dann nicht stattzufinden, wenigstens gehen in Fatu-hiva, nach

Aussage der Eingeborenen, die französischen Offiziere und Mannschaften

weder an Land, noch kommen die Eingeborenen auf das Schiff. Ein englisch

sprechender Eingeborener in Omoa gab mir als Grund die Unmöglichkeit einer

Verständigung an, weil auf den französischen Schiffen niemand englisch und

von den Eingeborenen keiner französisch verstände; die Ursache liegt aber

tiefer, da die französischen Seeoffiziere größtentheils so viel englisch

verstehen, um sich verständlich machen zu können. Der Grund liegt einfach

in dem ausgeprägten Haß, welchen die Insulaner gegen die Franzosen hegen

und welchem sie auf den andern Inseln auch ungescheut Ausdruck geben.

Der Sohn der sogenannten Königin von Nuka-hiva, ein Mann von etwa 25

Jahren, welcher in Paris erzogen worden ist, sprach sich einigen unserer

Offiziere gegenüber dahin aus, daß sie das französische Joch sofort

abwerfen würden, sobald sie auswärtiger Hülfe gewiß seien. Auch bestätigte

ein dort lebender Däne, welcher wol nationaler Ueberlieferung gemäß

mit französischem Wesen sympathisiren muß, das Vorhandensein einer sehr

feindlichen Stimmung gegen die Franzosen; des abfälligen Urtheils eines

Engländers will ich hierbei gar nicht Erwähnung thun.

Die Bodengestaltung der Inseln ist eine ganz merkwürdige und bei allen

eine auffallend übereinstimmende. Die Marquesas-Inseln erheben sich nicht,

wie dies in der Regel bei derartigen Inseln der Fall ist, kegelförmig aus

dem Meere, sondern auf einer länglichen, nach den Enden spitz zulaufenden

Basis steigt ziemlich genau in der Mittellinie ein Gebirgsrücken von 1000

bis 1250 m Höhe mit scharf gezacktem steilen Kamm an, welcher die Insel

ihrer ganzen Länge nach in zwei voneinander vollkommen abgeschiedene

Hälften theilt, da ein Uebersteigen dieses an seinen Endpunkten fast

senkrecht nach dem Meere abfallenden Bergrückens unmöglich scheint

und wol auch unmöglich ist. Nimmt man an, daß der Fuß des eigentlichen

Bergrückens da beginnt, wo zwischen den nachher genannten Rippen, welche

sich rechtwinkelig an den die Insel durchschneidenden Bergrücken anlehnen,

das ebene Gebiet der kleinen Thäler aufhört, dann erhält man für diese

obere Felsenwand eine Basis, welche an den schmäleren Stellen der Insel

etwa gleich der Höhe ist, an den äußersten Enden die Höhe des Bergrückens

lange nicht erreicht. Dies gibt der Insel das äußere Ansehen eines

langgestreckten Keils, der für das Auge so scharf erscheint, daß man ihn

unwillkürlich mit einer auf dem Rücken liegenden Messerklinge vergleicht,

zumal der obere Kamm eine so geringe Dicke zu haben scheint, daß man nicht

versteht, wie dieses Gestein Jahrtausenden trotzen konnte. Man hat das

Gefühl, als ob ein Geschoß diese Felsenwand durchschlagen müßte, und wird

in dieser Anschauung dadurch noch bestärkt, daß an verschiedenen Punkten

nahe dem Gipfel sich dem Auge in der Felsenwand Durchbrüche oder Löcher

bieten, an welchen man keine für das Auge meßbare Dicke des Gesteins

feststellen kann. Selbst die Natur scheint sich dessen bewußt gewesen zu

sein, wie künstlich das von ihr hier aufgeführte Bauwerk ist, denn sie

hat den Mittelrücken mit rippenähnlichen Strebepfeilern versehen, wie der

Baumeister große Steinwände abstrebt. Diese Seitenrippen lehnen sich an

den schmalen Enden der Insel unter sehr steilem Winkel an das Hauptgebirge

an und reichen hier, wo der Mittelkamm eine geringere Höhe hat, bis zu

dessen Gipfel hinan. Im allgemeinen indeß zweigen sie sich von der halben

Höhe aus ab und laufen dann unter einem Winkel von etwa 45° nach dem

Meere zu aus, wo sie kleine Buchten mit fruchtbaren Thälern bilden, wenn

sie sich, allmählich abfallend, in das Wasser senken, aber sich in steile

Klippen umwandeln, wenn sie plötzlich, wie absichtlich jäh unterbrochen,

eine senkrecht nach dem Wasser abfallende Wand als Abschluß erhalten.

In diesem letztern Falle hat man dann das äußere Bild der Giebelwände

einer Reihe dicht nebeneinander gestellter Schuppen, da die Oberfläche

der Rippen fast überall wellenartig gebildet ist, und die einzelnen

Wellen fast gleiche Form und Höhe mit spitzem Winkel sowol am Kamme wie

im Thale zeigen. Dieser Wechsel gibt der Landschaft großen Reiz, welcher

noch dadurch erhöht wird, daß aus den Einschnitten der oft hoch über der

Meeresfläche liegenden Giebel häufig sich kleine Bäche oder Wasserfälle

ergießen und ihr Wasser direct in das Meer hinabstürzen lassen, ohne die

senkrechten Felswände zu berühren.

Das Bild, welches sich dem Beschauer an der Leeseite der Inseln als Ganzes

bietet, ist etwa das folgende.

An eine mächtige Felsenwand, welche in der Höhe nur mit Gräsern und

kleinen Sträuchern bewachsen ist, zwischen denen hier und da eine

vereinzelte Kokospalme, von welcher man nicht weiß wie sie dorthin kommt,

sich erhebt, lehnen sich Bergabhänge, welche auf ihrem Rücken in der

Regel keinerlei Cultur zeigen, daher auch wol nicht culturfähig sind,

wahrscheinlich aus Mangel an Erde und Wasser, sowie wegen Ueberfluß an

Sonne. Die zwischen den Abhängen liegenden Thäler, welche selten eine

große Tiefe haben, zeigten zu unserer Zeit eine Ueppigkeit der Vegetation,

wie sie nicht reicher gedacht werden kann. Die Thäler waren mit solchen

Laubmassen angefüllt, daß man hätte wähnen können, die hohen Bergwände

seien eines reichen Laubschmucks entkleidet worden und das ganze abrasirte

Laub habe sich in dicken Wolken in den Thälern abgelagert. Auch am Lande

konnte dieser Eindruck keine wesentliche Aenderung erfahren, weil der

aus Brotfruchtbäumen, Kokospalmen, Orangen- und andern Fruchtbäumen

verschiedener Art gebildete Wald ein so dichtes Laubdach hatte, daß

die Sonnenstrahlen nur sehr vereinzelt Durchgang fanden. Immer wird

hier die Vegetation jedoch nicht in so überreicher Fülle prangen --

glücklicherweise, darf man sagen, denn die letzten zehn Monate waren eine

ununterbrochene scharfe Regenzeit, welche das Laub zu seltener Kraft

und Schönheit getrieben, die Früchte aber vom Reifen abgehalten hatte.

So haben wir, die wir zur richtigen Reifezeit hier waren, nur halbreife

Früchte erhalten können. In der Regel sollen die Marquesas-Inseln

vorzugsweise an Dürre, welche oft einen an Hungersnoth grenzenden Zustand

erzeugt, leiden, doch sollen geregelte Jahreszeiten überhaupt selten sein.

Entweder herrschen unaufhörliche schwere Niederschläge, oder das Wasser

fehlt ganz.

Ich kehre zu meinem Bilde zurück. Von den höhern Regionen des

Mittelgebirges stürzen Wasserfälle in die Thäler hinab, welche während der

wolkenbruchartigen Regengüsse oft von großer Schönheit sind, ihre Kraft

und ihr ganzes Ansehen aber sofort verlieren, sobald der Regen aufgehört

hat. An der Südküste von Nuka-hiva, welche ich in ihrer ganzen Länge

passirte, habe ich mit Ausnahme des einen besonders großen Wasserfalls

keinen der von Krusenstern enthusiastisch geschilderten Wasserfälle

entdecken können, obgleich wir in der stärksten Regenzeit dort waren.

Die schmalen Enden der Inseln werden durch steilabfallende Felswände

gebildet und man sieht hier häufig schroffe, dunkelgefärbte Steingebilde,

welche, von dem Hauptlande abgelöst, der Landschaft an diesen Stellen ein

wildzerrissenes Ansehen geben, während die Inseln im allgemeinen und für

die Hauptmasse des Landes diese Bezeichnung nicht verdienen.

Ueber die Ertragfähigkeit des Landes glaube ich mich erschöpfend dahin

aussprechen zu können, daß das Land wol im Stande wäre, viele Kokosnüsse

zu liefern, weil der Baum insofern sehr genügsam ist, als er eigentlich

nur Seeluft beansprucht. Je näher am Strande, desto besser für ihn; ob

er dort fetten Boden oder magern Sand findet, ist ihm gleichgültig;

ja es wird sogar behauptet, daß der unvermischte Korallensand ihm am

zuträglichsten sei. Die Eingeborenen arbeiten aber nicht und so bleibt

diese Ertragsquelle unausgenutzt. Baumwolle wird auch in guter Qualität

gewonnen, es ist aber mit Ausnahme von Dominica und in beschränkterm

Maße auch Nuka-hiva nicht genügend Land verfügbar, um nutzbringende

Baumwollpflanzungen anlegen zu können, weil das vorhandene Land ganz für

die den Lebensunterhalt der Eingeborenen bildenden Früchte in Anspruch

genommen wird.

Handel wird zur Zeit eigentlich nicht getrieben, weil man die jährlich

nur aus einigen kleinen Schoonerladungen bestehenden Producte wol nicht

als solchen rechnen kann.

Die Bevölkerung der Marquesas-Inseln zeigt keinen einheitlichen Typus,

man findet vielmehr auf jeder Insel, ja sogar in jedem Thal einen andern

Menschenschlag, und wenn der Unterschied zuweilen auch nur gering ist,

so ist er immerhin doch in die Augen fallend. Ich selbst kann allerdings

nur von den Eingeborenen von Nuka-hiva und Fatu-hiva sprechen, doch wurde

mir berichtet, daß die Eingeborenen von Dominica einer ganz andern Rasse

angehören. Auf Fatu-hiva habe ich die beiden Hauptthäler besucht, auf

Nuka-hiva nur oberflächlich die Bewohner von Port Anna-Maria gesehen,

wie denn ja meine Beobachtungen überhaupt nur ganz oberflächliche sind

und keinen Anspruch auf wissenschaftlichen Werth erheben können. Wäre

die Annahme richtig, daß die Inseln der Südsee, wie von verschiedenen

Seiten behauptet wird, Ueberreste eines versunkenen Continents und die

Bevölkerungen der verschiedenen Inseln die Nachkommen derjenigen sind,

welche sich bei der Katastrophe auf die Berggipfel gerettet haben, dann

könnte man behaupten, daß in altersgrauer Zeit ein fremder Volksstamm

einen Einfall in das jetzige Gebiet der Marquesas-Inseln gemacht habe, von

der Katastrophe überrascht worden sei und sich mit den Einheimischen auf

die Berge rettete, um sich später mit ihnen in die übriggebliebenen Inseln

zu theilen. Andernfalls bleibt nur die Annahme übrig, daß die Ursache

der Verschiedenheiten in vielfachen Kreuzungen mit hierher verschlagenen

Bewohnern anderer Inseln, sowie mit den früher hier verkehrenden

Walfischfängern liegt, weil Frauen wie Mädchen dieser Inseln dem Fremden

als ein Gebot der Gastfreundschaft zur Verfügung gestellt werden.

Was das Aeußere betrifft, so haben mir die Bewohner von Omoa am besten

gefallen; ich bemerkte unter diesen einige wirklich schöne Menschen, doch

fand ich im Widerspruch mit den frühern Berichten die Männer schöner wie

die Frauen. Unter ihnen waren viele wirklich auffallend hübsche Gestalten

mit schön geformten und muskelkräftigen Gliedern. Die Gesichter zeigten

auch schöne Züge, und so wild und verwegen diese Leute infolge ihrer

reichen Tätowirung auch aussahen, so entdeckte man doch, wenn man sie

schärfer betrachtete, die gutmüthigsten Züge. Auf die Tätowirung wird

hier außerordentlich viel Werth gelegt, und ich muß gestehen, daß diese

fast ganz nackten Menschen durch ihre eingeäzte reiche Malerei eigentlich

anständig angezogen sind. Ich hatte das Gefühl, daß diese Leute in ihrer

Nationaltracht sich in jeder europäischen Stadt auf der Straße zeigen

könnten, ohne daß der Mangel an Kleidung auffallen würde; jedenfalls

verhüllt diese musterreiche Malerei mehr, wie ein einfarbiges Tricot dies

zu thun vermag. Ich kann nicht leugnen, daß diese tätowirten Menschen

einen tiefen Eindruck auf mich gemacht haben und ich es bedauern würde,

wenn diese Sitte abkäme; ich kann daher auch nicht verstehen, wie der

Commodore Powell diese Leute als durch Tätowirung entstellt bezeichnen

kann, doch dies ist Geschmackssache. Ich kann mir wol denken, daß man

mit diesen bunten, wild aussehenden Gesichtern unsere Kinder schrecken

kann, scheußlich sehen die Köpfe deshalb aber noch nicht aus. Daß die

hier lebenden Europäer gegen das Tätowiren eifern, hat den einfachen

praktischen Grund, daß mit dem Aufhören dieser Sitte die Sitte des

Kleidertragens einzieht und die Kleider nur von den Weißen bezogen

werden können. Die englischen Missionare und die Kaufleute ziehen hier

an demselben Strang, denn beide leben vom Handel. Der Eingeborene hat

keine Verwendung für Geld; Taback und gleichartige Genußmittel schaffen

zu wenig, Eisenwaaren haben einen zu langen Bestand, Branntwein geht

gegen die eigenen Interessen, weil man den Eingeborenen arbeiten sehen

will, um die Früchte seines Fleißes einzuheimsen. Da sind nun Kleider das

beste Tauschobjekt. Für wenig Geld erhält man von Europa ein großes Stück

leichten Stoffes, und ist die Sitte der Bekleidung allgemein eingeführt,

dann bringt diese durch die Masse den Gewinn, weil Männer, Frauen und

Kinder dieser bald sehr strengen Sitte gleichmäßig unterworfen sind.

Soll ein Handelsartikel gefunden werden, welcher den Europäern Gewinn

bringt und die Eingeborenen gleichzeitig zur Arbeit erzieht, dann ist der

eingeschlagene Weg wol richtig; aber eine religiöse Nothwendigkeit zum

Kleidertragen liegt für diese Menschen nicht vor, weil das Schamgefühl in

so hohem Grade ausgebildet ist, daß es uns Europäern geradezu lächerlich

vorkommt. Denn es werden z. B. zwei gleichalterige Männer, wenn sie auch

ganz allein unter sich sind, nie beim Baden sich ganz entkleiden, wie es

bei uns doch sehr häufig vorkommt. Ich beobachtete einmal in Omoa zwei

Männer, welche in ihrem Kanu vom Fischfang kamen und in ziemlich großer

Entfernung von dem Dorfe, wo ich mich befand, mit der Brandung auf den

Strand liefen, um das leichte Fahrzeug nach dem ersten Auflaufen auf den

Strand schnell vor der Rückkehr der Brandung ganz aufs Trockene zu ziehen.

Da die Brandung fortwährend über das Kanu und dessen Insassen hinwegbrach,

so hatten die beiden Männer sich ihrer dürftigen Kleidungsstücke auch noch

entledigt und dieselben um den Kopf gewunden. Der hinten im Boot sitzende

Mann hatte sich aber einen Lappen vorgebunden und der vorn Sitzende

kehrte dem andern während der ganzen Landung stets den Rücken zu, sofern

er nicht anderweit gedeckt war, bis sie ihre Kleidung wieder angelegt

hatten. Wenn somit aus moralischen Gründen die Sitte des Kleidertragens

nicht erforderlich ist, so würde es doch ein gutes Werk sein, wenn man die

Eingeborenen hierfür gewinnen könnte, weil meiner Ansicht nach der Mangel

an Kleidung die Hauptursache des Aussterbens dieses Menschenstammes ist.

Ich will dies zu beweisen versuchen.

Es wird behauptet, daß an der rapiden Abnahme der Bevölkerung der

Marquesas-Inseln die folgenden Ursachen Schuld tragen:

1. Die Sitte der Vielmännerei bei den Frauen. Dieselbe ist nicht in der

Weise vorhanden, wie nach Berichten angenommen werden muß. Die Leute

leben vielmehr in unserer Ehe ähnlichen Verhältnissen, d. h. ein Mann

und eine Frau leben in der Regel zusammen und sorgen für ihre oder für

fremde Kinder. Die Ehe wird indeß nicht auf Lebenszeit geschlossen,

sondern kann jederzeit dadurch gelöst werden, daß entweder der Mann

seine Frau wegschickt oder die Frau ihren Mann verläßt. Beide Theile

sind in dieser Beziehung frei und ganz gleichberechtigt. Die Frau

kann sich weder der Ausweisung widersetzen, noch kann der Mann seine

weggegangene Frau zurückfordern oder mit Gewalt zurückholen. Eheliche

Treue ist keine Tugend, weil das Verhältniß jederzeit gelöst werden

kann, wenn der eine Theil dies wünscht. Die Kinder scheinen, sobald

sie ein gewisses Alter erreicht haben, Gemeingut zu sein, jedenfalls

werden sie von jedermann gut behandelt und beschützt. Die Leute eines

Dorfes oder Thales bilden somit gewissermaßen eine große Familie, in

welcher die einzelnen Glieder gewohnheitsmäßig paarweise zusammenleben,

solange Neigung sie zusammenhält. Vielmännerei kommt zwar insofern vor,

als die nicht verheiratheten Männer zeitweise mit der Frau eines Andern

und zwar mit dessen Einwilligung für eine bestimmt verabredete Zeit

zusammenleben, aber nur dann, wenn keine Mädchen vorhanden sind, welche

mit diesen Junggesellen die Probe machen, wie es im Ehestande hergeht. Ob

diese Freiheit der Sitten nun wirklich von nachtheiligem Einfluß auf das

Wachsthum der Bevölkerung ist, wird schwer zu entscheiden sein, da die

Zahl der prächtig aussehenden Kinder zur Zeit eine recht große ist. Muß

der nachtheilige Einfluß aber nach unumstößlichem Naturgesetz vorliegen,

dann wird eben von der bestehenden Freiheit sehr wenig Gebrauch gemacht,

und ich glaube das letztere. Es ist allerdings eine Thatsache, daß die

Männer ihre Frauen auf die früher hier häufiger zu Anker kommenden

Walfischfänger geschickt und sie zwei bis drei Tage auf dem Schiff

belassen haben, weil sie dann manches Werthvolle für die Gemeinde mit ans

Land gebracht haben, die Schiffe kamen aber doch immerhin so selten und

sind so schwach bemannt, daß dieser Einfluß kein einschneidender gewesen

sein kann.

2. Die fast ununterbrochenen Kriege zwischen den benachbarten Thälern.

Wie mir ein deutscher katholischer Missionar und ein englisch sprechender

Eingeborener übereinstimmend versicherten, kommen diese sogenannten

Kriege, wenn auch nicht häufig, zwar immer noch vor, verlaufen aber

stets unblutig. Die ursprünglichen Waffen existiren gar nicht mehr und

es werden nur noch Feuerwaffen gebraucht, zu denen aber entweder die

Munition fehlt, oder die Waffen sind in so verkommenem Zustande, daß sie

kaum noch gebrauchsfähig sind. Die Kriege entstehen gewöhnlich durch

Landstreitigkeiten und werden in der Weise durch Verrath entschieden,

daß die eine Partei die andere überrascht und Sieger wird, mithin die

Bedingungen stellen kann, welche die unterliegende Partei annehmen

muß. Diese Kriege können daher unmöglich die Ursache der allmählichen

Entvölkerung sein.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 8 / 56 段