Beim Vorbeilaufen an jenen Inseln glaubte ich den Mond vor mir zu

haben; ich denke mir seine Oberfläche so und vermuthe, daß vor vielen

Jahrtausenden die Erdoberfläche das Aussehen der jetzigen Galapagos

hatte. Die Inseln bestehen eigentlich nur aus Vulkanen, welche sich bis

zu 1430 m über das Meer erheben. Die Wände dieser Riesen bestehen wieder

aus lauter kleinen Vulkanen. Von der Ferne gesehen hält man das Land für

mit Lehmhütten übersäet; in der Nähe findet man, daß diese Hütten kleine

Krater sind, welche in ihrem braunen Kleid auf Lavageröll stehen. Man

kann sich in eine weit ausgedehnte Ziegelei oder Räucheranstalt versetzt

wähnen, da diese Krater durchschnittlich nicht größer wie ordentliche

Back- oder Räucheröfen sind. Ich habe an einer Strecke von ½ deutschen

Meilen auf dem Kamme eines ganz niedrigen Höhenzugs über 40 solcher

Kraterchen gezählt. In der Außenwand eines großen Kraters, welcher den

vorgenannten Höhenzug abschließt, sahen wir eine andere Art Krater, vier

dicht nebeneinander liegende runde Löcher von 5-7 m Durchmesser, welche

wieder selbständige Krater sind, wie die von ihnen auslaufenden Lavaströme

deutlich zeigen.

Ich will versuchen, das vor uns vorüberziehende merkwürdige Bild etwas

näher zu schildern.

Aus dem tiefblauen, von Delphinen (wir prosaischen Seeleute nennen

diese Fische nur Tümmler oder Schweinsfische) reich bevölkerten Meere

erheben sich in sanften Linien aufsteigend große Ländermassen, deren

1430 m hohe Gipfel sich in den Wolken verlieren. Nichts läßt zunächst

den vulkanischen Ursprung erkennen; erst in größerer Nähe fängt das Land

an sich zu zergliedern, um bald dem menschlichen Auge zu offenbaren,

mit welcher Kraft das allgewaltige innerirdische Feuer hier gewirkt hat.

Die sanften Linien verschwinden, man sieht nur noch eine wildzerklüftete

nackte Erdrinde, welche in den höhern Regionen allerdings größtentheils

einen grünen Ueberzug von Gras, niedrigem Gestrüpp und Cacteen hat. Hohe

Berge wechseln mit niedrigen Hügeln ab, die Wände der hohen Berge tragen

ebenso wie die der kleinern Hügel wieder ganz kleine Berge, welche genau

dieselben Formen haben wie diejenigen, auf welchen sie scheinbar erwachsen

sind. Von dem größten Naturgebilde bis zu dem kleinsten, alles zeigt

dieselbe Form, denselben Ursprung. Der brodelnde Feuerherd, welcher die

Erdrinde hier in fast senkrechten Wänden bis zu 1430 m hohen Bergen über

das Meer erhob, entsendete gleichzeitig unzählige schwächere Strahlen,

welche wiederum die Bergriesen durchbrachen, um kleine niedrige Krater zu

bilden, die ihren scharf geränderten Kamm mit ebenso viel Zierlichkeit

tragen, wie ihre colossalen Genossen mit Majestät. Eine Abwechselung in

diesen Gebilden tritt nur dadurch ein, daß der eine Theil unergründliche

Oeffnungen zeigt, während der andere seine ehemaligen Feuerschlünde

bereits mit Lava ausgefüllt hat und dem Auge an Stelle des unheimlichen

Schlundes den Anblick einer grünbematteten Grube bietet. Nur einige wenige

der Hauptkrater sollen noch thätig sein; die Krater, welche wir sehen,

sind bereits mehr oder weniger zerstört. Die Kämme sind im Zerfallen

begriffen, viele der kleinen Krater sind nur noch schwer zu erkennen,

mit der Zeit werden diese ganz verschwinden und ihr verwittertes Gestein

wird zu fruchtbarem Land geworden sein. Es ist interessant zu sehen,

wie die Lavaströme sich von den Krateröffnungen aus ihren Weg gebahnt

haben. An den grünen Bergwänden sieht man oben an ihrem Kamm feine

braunrothe Striche, welche, sich nach unten immer mehr verbreiternd und

noch deutliche Flußlinien zeigend, schließlich als mächtige Ströme in

das Meer fließen. Der ganze Strand besteht nur aus Lavamassen, und alle

Thäler sind damit angefüllt. Das Land macht den Eindruck, als ob auf

einem enormen Lavahaufen große Gebirge aufgebaut seien. Trotz des großen

Gegensatzes der Farben weiß ich für die vor mir liegende Landschaft

kein passenderes Bild zu finden, als ein in tiefem Schnee liegendes

Gebirgsland. Der Schnee wird hier durch die abgelagerte Lava vertreten,

die Gletscher durch die Lavaströme, die nackten schwarzen Felswände

durch die grünbewachsenen Berge. Wie sich aus einem großen Schneefeld die

nackten Gebirge erheben, deren Wände nur in ihren Gruben ewigen Schnee

beherbergen, wie aus den tiefen Schluchten Gletscher zu Thal fließen,

aus deren Strombett Steinoasen sich erheben, so erheben sich hier auf

dunkelm Steingeröll grüne Bergmassen mit Lavagruben und dunkeln Kratern,

mit mächtigen Lavaströmen, aus denen hier und da freundliche grüne Flecken

hervorleuchten. Im Laufe der Jahrhunderte werden all die scharfen Kämme

vor der Einwirkung von Wind und Wetter verschwinden, um das Land zu einem

sanftwelligen Gebirgs- und Hügelland zu machen, der Fels wird verwittern,

der Mensch wird urbares Land finden und kann dann hier Hütten bauen.

8. Mai 1878.

Seit dem Passiren der Galapagos haben wir 1855 Seemeilen zurückgelegt,

1130 liegen bis zu den Marquesas noch vor uns. Der steife Passat bläst mit

vollen Backen in unsere Segel und zwar häufig so stark, daß die leichteren

Segel geborgen und die Marssegel gereeft werden müssen, obgleich ich kein

Freund vom Reefen bin, denn wer segeln will, muß Segel führen, sagt ein

alter weiser Seemannsspruch. Die schweren Böen bringen in der Regel auch

Regen mit, etwas ganz Ueberflüssiges auf dem Meere, wenn man den Regen

nicht gerade nach langem Dampfen zum Abwaschen der Takelage gebraucht.

Dazu pfeift der Wind immer aus derselben Richtung in das Schiff; eine

nicht zu umgehende Naturnothwendigkeit, wenn man eine Strecke von 2000

Seemeilen mit geradem Curs im Passat zurückzulegen hat. Die See geht

hoch, thut uns aber nicht viel, weil Wind wie Wellen fast quer von der

Seite kommen, mithin die Wellen uns in unserm Lauf nicht aufhalten und

der Wind das Schiff gegen schweres Rollen stützt. Unaufhaltsam geht es

vorwärts. Leicht sich hin- und herwälzend, zertheilt das brave Schiff

mit seinem scharfen Bug das Wasser, steigt vorn höher aus seinem Bette

heraus und senkt sich dann wieder so tief ein, daß man hinten von der

Commandobrücke aus sieht, wie der breite Schaumgürtel des Bugwassers weit

nach vorn und zur Seite geworfen wird. Das Schiff wird in seiner ganzen

Masse von den es unterlaufenden mächtigen Wellen auf ihren breiten Rücken

gehoben, indem es beim ersten Anprall 5-6° mehr nach Lee übergedrückt

wird als die Segel dies schon thun, und neigt sich ein klein wenig nach

der Luvseite, wenn es wieder in das Wellenthal hinabgleitet. Der vom

Schiffsbug aufgewühlte Meeresschaum treibt als breites Band von Schaum-

und Wasserblasen wie geschlagener Rahm auf der weder durch Farben noch

Beschreibung wiederzugebenden Meeresflut unaufhörlich an dem Schiffe

vorbei; sein Spiel hat den Seemann auf seinen vielen und langen Seefahrten

schon hunderte mal entzückt und will ihn doch jedes neue mal glauben

machen, ihm etwas noch nie Gesehenes zu bieten. Das Wasser rauscht,

das Tauwerk singt, die Spieren ächzen, die Decksbalken knarren. Posten

stehen an den Haupttauen der Segel bereit, um jedem unerwarteten Zufall

begegnen zu können. Der Wachoffizier hält sorgsame Wacht auf Wind, Wetter

und Schiff, faßt den ganzen Horizont und das ganze Schiff ins Auge, ist

ständig auf der Brücke, geht aber auch zuweilen nach dem Vorschiff, um

zu sehen, ob bei dem starken Segeldruck, unter welchem das Schiff liegt,

dort auch noch alles in Ordnung ist. Der erste Offizier ist, wie immer,

überall. Einzelne Abtheilungen der Wachmannschaft haben Dienstinstruction

und stehen unter der Luvreling; andere bessern unter der Leitung des

Bootsmanns kleine Schäden an der Takelage aus; die Zimmerleute repariren

eine kürzlich gebrochene Raa, die Segelmacher schadhaft gewordene und

ausgewechselte Segel; aus der Maschine klingt Eisen- und Metallarbeit

nach oben. Unteroffiziere revidiren vor dem Schluß der Wache die ganze

Takelage, um etwaige kleine Schäden an dieser wie an den Segeln gleich

zur Anzeige zu bringen. In der Vorbramsaling, 40 m über dem Wasser, sitzt

auf schmalem Stück Holz, angeklammert an ein Tau, der Ausguckposten, um

nach Brandung und Felsen auszusehen, weil dieses spärlich befahrene Meer

noch sehr wenig erforscht ist und man überall eine Gefahr finden kann,

welche, wenn zu spät entdeckt, uns allen sichern Tod bringen muß. Aber

auch der Commandant, welcher nach der Ansicht so vieler Leute nichts zu

thun hat, steht auf der Commandobrücke und thut -- nichts. Er sieht nur

ins Wasser, nach den Wolken, ins Schiff, nach der Takelage. Seine ganze

Beschäftigung ist ja nur die Verantwortung für Schiff und Mannschaft, und

diese Verantwortung verläßt ihn keine Secunde. Er muß jedem einzelnen

Mann im Schiff, vom ältesten Offizier bis zum letzten Matrosen von der

Frucht seiner größern Erfahrung zu kosten geben, muß fortwährend belehrend

eingreifen und zeigen, daß von den vielen hundert Tauen dies oder jenes

nicht straff genug gespannt ist und dadurch Gefahr entstehen kann; daß die

Segel nicht mehr richtig stehen, die Zurrung eines schweren Gegenstandes

sich zu lockern beginnt u. s. w. Er beobachtet wie die Leute am Ruder

steuern; wie die andern instruirt werden und wie sie antworten; wie die

Leute in der Takelage sich bewegen und ob sie dabei den Vorschriften

entsprechen, denn jeder Fehltritt dieses leichtsinnigen, übermüthigen

Matrosenvolks kann ein Menschenleben kosten und der Commandant hat in

seiner langen Dienstzeit schon viele mit zerschmetterten Gliedern auf dem

Deck liegen und im Wasser mit dem Tod ringen, aber nur wenige von ihnen

retten sehen, und jeder durch Leichtsinn oder Unachtsamkeit Verlorene

fordert sein Leben von seinem Commandanten zurück. Er beobachtet den

Posten in der Vorbramsaling, denn wenn das Schiff unten einen Bogen von

nur 10-15° hin- und herschlingert, beschreibt der Mann oben einen sehr

großen Bogen, und das in sehr kurzer Zeit, was selbst manch alter Seebär

nicht vertragen kann. Er sieht neugierig mit dem Fernrohr -- denn er kann

auch neugierig sein -- nach dem Horizont vor dem Schiff und überzeugt sich

doch nur davon, daß ein blendender Schein auf dem Wasser keine Brandung,

sondern nur ein Sonnenreflex ist. Er beobachtet wie der Wachoffizier

seine Befehle gibt, denn dieser ist erst ein Anfänger und weiß noch

nicht, daß ein wesentlicher Unterschied zwischen Befehlen und Befehlen,

wie zwischen Gehorchen und Gehorchen ist, er meint Befehl sei Befehl

und damit basta. Der Commandant kann ihn mit Worten nicht überzeugen, da

muß die Probe gemacht werden. Es wird ein Manöver ausgeführt, dasselbe

mit wirkungsloser Stimme commandirt, und darauf noch einmal mit einem

Ausdruck, welcher zeigt, daß der Befehlende den Befehl am liebsten

selbst ausführen möchte. In dem ersten Falle kommen die Leute nur langsam

vorwärts, in dem zweiten sind sie wie elektrisirt und fliegen. Mancher

versteht auch das nicht und ist dann eben nicht im Stande zu begreifen,

wie der Offizier sich nur nach der Art seines Auftretens den Grad seines

Erfolgs sichert. -- Eine Bö ist im Anzuge, der Wachoffizier will Segel

bergen; der Commandant hat ein erfahreneres Auge; er sieht, daß das

Schiff sie vertragen kann und verweigert seine Zustimmung zum Segelbergen.

Die Bö setzt ein, das Schiff legt sich ächzend auf die Seite, schüttelt

sich, bäumt sich auf, hält durch und die Bö ist abgewettert. Der nächste

Wachoffizier will das nachmachen, obgleich er weiß, daß er nach den

Bestimmungen den durch Leichtsinn oder Unachtsamkeit verursachten Schaden

bezahlen muß, aber sein Commandant liebt das Segelbergen nicht und freut

sich, wenn die Offiziere Selbstvertrauen zeigen. Er hat sich in der Bö

verrechnet, der Commandant hört in seiner Kajüte, daß die Bramstängen

knacken, springt schnell auf die Commandobrücke und sieht sein Schiff

oben rasirt, Bramstängen mit den Bram- und Oberbram-Raaen und -Segeln

baumeln an dem Tauwerk vor den Marssegeln herunter. Der Wachoffizier

sieht seinen Commandanten entsetzt an und dieser sagt lächelnd: „Das habe

ich nicht gut gemacht, ich hätte Ihnen doch sagen sollen, die Bramsegel

zu bergen; ich habe nämlich hinter Ihnen gestanden. Es ist mein Fehler,

und dem ist in dem Verlustprotokoll Ausdruck zu geben, damit ich für den

Schaden aufkommen kann.“ Der Wachoffizier versteht nicht recht, muß seinem

Commandanten aber doch Glauben schenken. -- So hat der Commandant eines

Kriegsschiffes keine ruhige Minute; das Gefühl der Verantwortlichkeit

beherrscht jeden deutschen Offizier ununterbrochen bei Tag und bei Nacht,

und der Commandant eines Kriegsschiffes hat eine gar große Verantwortung

zu tragen.

Die Nacht bricht schon um 6 Uhr abends an, der Ausguck oben im Mast kann

von dort aus nichts mehr sehen, dafür treten zwei Mann auf die Back des

Schiffes und zwei in die Fallreeps, werden aber, wenn sie auch zu Vieren

sind, von ihrem Standpunkt aus keine Brandung so rechtzeitig sehen, daß

das in schneller Fahrt befindliche Schiff ihr noch ausweichen kann, wenn

sie recht im Curse des Schiffes liegt und von einem größern Korallenriff

herrührt. Am Tage würde sich bei einem etwaigen Verlust des Schiffes durch

irgendwelche Ursache ein Theil der Mannschaft zunächst vielleicht in den

Booten retten können, um nachher zu verhungern und zu verdursten, denn auf

vorbeipassirende Schiffe ist hier nicht zu rechnen und die Entfernung vom

nächsten Lande ist zu groß, um dasselbe vor dem eintretenden Hungertod

erreichen zu können. Bei Nacht aber ist die Sache für alle schnell zu

Ende: beim nächsten Morgengrauen bedeckt die See mitleidig alles, was sie

verschlungen hat. Der Commandant sieht noch einmal die Karte an, ob nicht

irgendeine auf seiner Curslinie eingezeichnete Tiefenangabe andeutet, daß

schon einmal ein Schiff denselben Weg genommen hat. Nichts -- eine weiße

Fläche und weiter nichts in der Karte. Er bleibt auf der Commandobrücke,

anscheinend um die Abendkühle zu genießen, so glauben wenigstens alle,

denn niemand, der nicht diesen Posten schon bekleidet hat, kann sich in

seine Lage hineindenken; er bleibt aber, um im Falle der Gefahr, auf seine

Geistesgegenwart bauend, sogleich den richtigen Entschluß zu fassen. Er

ist voll Sorgen und um ihn herum alles voll Jubel. Die Musik spielt, die

Mannschaft singt und lacht in den Pausen und treibt ihre Späße; aus der

Offiziermesse klingt Gläserklang und frohes Lachen herauf, und nur der

Commandant ist allein, allein mit seinen Gedanken und Sorgen. Sein Diener

ruft ihn zum Abendbrot; dasselbe ist in wenig Minuten eingenommen und der

einsame Mann steht wieder auf der Brücke, die freie Wache geht zur Koje,

in der Offiziermesse wird es still, und man hört nur noch das Rauschen des

Wassers, das Singen der Takelage, das Aechzen der Spieren, das Knarren der

Decksbalken und jede halbe Stunde den geisterhaften Ruf der vier Posten,

daß sie wach und wachsam sind. Nach 11 Uhr geht der Commandant zu Bett,

weil er doch nicht wochenlang Nacht für Nacht aufbleiben kann und der

Tag doch auch so vielerlei Pflichten verlangt, doch läßt er sich um 12

und um 4 Uhr von dem abgelösten Wachoffizier Meldung über Wind und Wetter

machen, wird auch geweckt, wenn der Wind stärker wird oder sich ändert,

um wegen der Segelführung oder Cursänderung Bestimmung zu treffen. Weiß

er aber einen Offizier auf Wache, auf dessen Geistesgegenwart er nicht

fest zu bauen vermag, dann bleibt er auch einmal die ganze Nacht auf, um

Berichte oder Briefe zu schreiben, oder wegen erheuchelter Schlaflosigkeit

dem Offizier Gesellschaft zu leisten.

4.

Die Marquesas-Inseln.

18. Mai 1887.

Die Marquesas-Inseln liegen hinter uns und haben uns neben viel Schönem

und Interessantem in der Hauptsache doch das gebracht, was wir erwartet

hatten, nämlich -- Enttäuschung. Die mit so großer Ueberschwänglichkeit

geschriebenen Reiseberichte lassen von vornherein einige Uebertreibungen

vermuthen; hier ist aber zu viel erdichtet, und man kann nicht anders

annehmen, als daß die Reisenden infolge der fast übermenschlichen

Entbehrungen, welche zu ihrer Zeit mit diesen langen Reisen in kleinen,

übermäßig stark bemannten Segelschiffen verknüpft waren, beim Landen an

diesen Inseln vollständig geblendet waren. Namentlich gilt dies für die

Beurtheilung des weiblichen Geschlechts, denn man muß selbst monatelang

von dem schönen Geschlecht abgesperrt gewesen sein, um zu verstehen, daß

fast jeder Seemann nach jeder langen Seetour zunächst in jeder Schürze

einen Engel sieht. Meines Erachtens hatten die Reisenden aber trotzdem

keine Veranlassung mit so grellen Farben zu malen, weil das, was hier

gefunden wird, immerhin interessant genug ist, um auch ohne Schönfärberei

zu fesseln.

Ich wollte ursprünglich nur den Haupthafen Port Anna-Maria auf Nuka-hiva

besuchen, änderte aber meine Disposition, als ich aus den Segelanweisungen

ersah, daß die Franzosen, denen die Marquesas-Inseln nominell gehören,

praktisch alle Controle über die Einwohner der Marquesas-Inseln aufgegeben

haben und nur noch die Insel Nuka-hiva besetzt halten sollen. Da ferner

die Berichte besagen, daß die Einwohner der Marquesas-Inseln am zähesten

an ihren alten Gebräuchen festhalten, daß dieselben noch ziemlich auf

demselben Standpunkte stehen wie vor hundert Jahren, und alle Missionare

ihr Bekehrungswerk aufgeben mußten, entschloß ich mich, da es mir nur

darauf ankam, zur Auffrischung unsers Speisezettels Früchte, Eier und

Hühner einzunehmen, nach Omoa auf Fatu-hiva, der südöstlichsten Insel,

zu gehen, um dort einen Einblick in die als so interessant geschilderten

Verhältnisse zu erhalten und dann nur in Port Anna-Maria dem dortigen

Gouverneur meinen Besuch zu machen, um seinen Machtbereich nicht besucht

zu haben, ohne der Höflichkeit zu genügen. Erst hatte ich daran gedacht,

auch die mittlere Insel Tahu-ata oder Santa-Cristina anzulaufen, weil

sie früher von den Franzosen für der Befestigung werth gehalten worden

war, gab diese Absicht aber auf, weil der Besuch doch zu viel Zeit

gekostet hätte; ebenso verzichtete ich auf Dominica, weil dort nach den

Segelanweisungen nichts zu holen ist, wogegen ich in Nuka-hiva allerdings

erfuhr, daß die einzige größere Plantage in der ganzen Gruppe gerade auf

dieser Insel liegt und -- merkwürdig genug -- in deutschen Händen ist.

In Bezug auf die politischen Verhältnisse ist zu bemerken, daß, wie

schon gesagt, die Marquesas-Gruppe nominell französische Colonie ist,

doch bekümmern sich die Franzosen mit Ausnahme von Nuka-hiva und ganz

neuerdings auch Dominica aber so gut wie gar nicht um Land und Leute.

Die Hoheitsrechte erwarb Frankreich im Jahre 1842 durch Ablösung, indem

es Besitz von den Inseln nahm und dem ersten Häuptling von Nuka-hiva und

dessen Erben eine monatliche Leibrente von 50 Frs. aussetzte, womit indeß

ein Besitzrecht auf die andern Inseln nicht erworben werden konnte, weil

nicht nur die einzelnen Inseln, sondern auch die verschiedenen Stämme auf

jeder Insel ganz unabhängig voneinander sind. So kam es denn wol auch,

daß die Franzosen überhaupt nicht versuchten, auf den verschiedenen Inseln

festen Fuß zu fassen, sondern sich damit begnügten, nur auf Nuka-hiva eine

Art von Regierung zu errichten und sich auf Tahu-ata zu befestigen, weil

sie fürchten mußten, von dort ebenso vertrieben zu werden, wie sie von

Huheine (eine der Gesellschafts-Inseln) durch die Eingeborenen vertrieben

worden sind. An die andern Inseln haben sie sich wol zunächst überhaupt

nicht herangewagt, denn wenn Dominica z. B. die bei weitem wichtigste und

größte ist, so ist sie aber auch die am stärksten bevölkerte und zwar mit

einem schwer regierbaren Menschenschlag.

Warum Frankreich diese Colonie überhaupt erworben hat, ist mir

unverständlich geblieben. Wie aus der noch folgenden Beschreibung

des Landes ersichtlich werden dürfte, war auf die Gewinnung von

Landesproducten nicht zu rechnen, auch konnte bei der schwachen und

namentlich armen Bevölkerung hier kein Absatzgebiet für französische

Waaren vermuthet werden; somit bleibt der militärisch-politische

Gesichtspunkt übrig. Die Inselgruppe ist aber geographisch so ungünstig

gelegen, daß sie auch für militärische Operationen nie eine Basis abgeben

kann, weil von hier bis zu dem nächsten Lande Distanzen zu durchlaufen

sind, welche alle Dispositionen über den Haufen werfen müssen. Auch können

die Inseln zu derartigen Zwecken schon deshalb keine Verwendung finden,

weil für eine größere Zahl von Schiffen die Häfen fehlen; aber wären

auch Häfen für große Flotten vorhanden, so bliebe immer noch die Frage

zu beantworten, was die Flotten hier sollen, da in diesem unermeßlichen

Wasserbecken, dessen Mittelpunkt die Marquesas-Inseln bilden, alle

Angriffsobjecte fehlen. Die Inseln sind wegen ihrer abgeschiedenen Lage

allerdings gut für Kaperschiffe gelegen, doch gibt es wiederum hier nichts

zu kapern, weil dieses Meer so gut wie gar nicht befahren wird. Es bleibt

daher für die Erwerbung dieser Colonie nur die Wahrscheinlichkeit übrig,

daß es in jener Zeit für die großen Seemächte zum guten Ton gehörte,

möglichst viele Colonien zu besitzen.

Die Marquesas-Inseln haben den Franzosen denn auch keinerlei Nutzen

gebracht. Schiffahrt existirt hier nicht, weil die französischen Gesetze

die Walfischfänger, welche nur allein und allerdings häufig hier anliefen,

vertrieben haben. Diese Schiffe wurden mit so hohen Lootsengebühren

belegt, daß sie das Anlaufen dieser Häfen aufgeben mußten. Dieses Ziel

lag wol in der Absicht der Colonialregierung, denn es wurden französische

Walfischfänger subventionirt, der Fang wurde auch mit schönen und

guten Schiffen begonnen, bald aber wieder aufgegeben, wol weil dieser

Erwerbszweig dem französischen Naturell nicht zusagt. Es gibt jetzt keine

französischen Walfischfänger mehr, und diejenigen anderer Nationalität,

welche wenigstens etwas Handel und Wandel brachten, sind verscheucht.

Der einzige Schiffsverkehr wird zur Zeit durch den monatlich einmal hier

anlaufenden Postschooner (Segelschiff), welcher zwischen San-Francisco und

Tahiti fährt, hergestellt. Derselbe wird von Frankreich subventionirt und

läuft die Marquesas nur auf dem Wege von Amerika nach Tahiti an; Briefe

nach Europa müssen daher den großen Umweg über Tahiti machen und bleiben

außerdem noch 14 Tage dort liegen, bis der Schooner wieder befrachtet ist.

Die großen Geldzuschüsse, welche Frankreich an diese Colonie gezahlt haben

soll, sind vermuthlich die Ursache einer später erfolgten Einschränkung

gewesen. Die Regierung in Nuka-hiva wurde soweit vereinfacht, daß als

Gouverneur nur ein 'lieutenant de vaisseau' übrigblieb. Die Befestigungen

auf Tahu-ata wurden verlassen und die Truppen zurückgezogen. Das

Personal, welches jetzt übrig ist, wohnt auf Nuka-hiva und besteht aus

dem genannten Gouverneur, einem untergeordneten Verwaltungsbeamten, einem

frühern Bombardier als Wegebaumeister, einem gleichzeitig Lootsendienste

versehenden Hafenmeister und vier Gensdarmen, welche zur Zeit auf Dominica

sind, um die mit Chinesen bearbeitete deutsche Plantage zu beschützen,

wie sie sagen. Da sie sich aber früher auf diese Insel nicht wagten,

so glaube ich nicht an die gute Absicht, sondern eher daran, daß die

Deutschen beaufsichtigt werden sollen, oder daß man ihnen eine hohe Steuer

auferlegen und, durch den breiten deutschen Rücken gedeckt, auf der Insel

sich überhaupt festsetzen will.

Der Gouverneur der Marquesas-Inseln steht unter dem Gouverneur von Tahiti,

einem Stabsoffizier der französischen Marine, obgleich hier und dort

ganz verschiedene Rechtszustände bestehen. Tahiti mit der Paumotu-Gruppe

steht unter französischem Protectorat, während, wie erwähnt, die

Marquesas-Inseln französische Colonie sind.

Der Unterschied besteht darin, daß der Gouverneur von Tahiti absoluter

Herrscher ist, Gesetze nach augenblicklicher Laune erläßt und aufhebt,

sofern nicht der etwa gerade anwesende Admiral des Südsee-Geschwaders ihm

ins Handwerk pfuscht, während in der Colonie französisches Gesetz waltet.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 7 / 56 段